Schade, daß ich nichts auf der Welt lasse als die Erinnerung an mich

Cato Bontjes van Beek, geboren am 14.11.1920 in Bremen, hingerichtet am 5.8.1943 in Berlin-Plötzensee.

 Screenshot rbb

Cato wächst in Fischerhude auf, ein auch heute noch außergewöhnliches Dorf zwischen Bremen und Hamburg.

Catos Großvater, der Maler Heinrich Breling, ist einer der ersten Künstler, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts dort niederlassen und den Ort nachhaltig prägen. In den 1920er Jahren wird Fischerhude zum Anziehungspunkt für Maler und Bildhauer, Intellektuelle und Literaten. Heinrich Breling gibt sein künstlerisches Talent an seine sechs Töchter weiter, von denen vier künstlerische Berufe ergreifen.

So auch seine jüngste Tochter: Olga Bontjes van Beek, geborene Breling, Isadora-Duncan-Schülerin und eine im In- und Ausland gefeierte Ausdruckstänzerin, später arbeitet sie vor allem als Malerin. Jan Bontjes van Beek ist zunächst ihr Bühnenpartner, später ein für Generationen von Töpfern stilprägender Keramiker. Die beiden haben 3 Kinder, Cato, Mietje und Tim.

Sie leben weit entfernt vom Goldene-Zwanziger-Berlin den Aufbruch und freien Geist dieser Zeit und entsprechen dem später auch in Fischerhude propagierten NS-Familienideal der linientreuen Eltern mit klaren Rollenverteilungen und zu Pflicht und Gehorsam erzogenen Kindern nicht. Im elterlichen Haus gehen ständig Gäste ein und aus, einer von ihnen ist der 15jährige Helmut Schmidt, der sich später erinnert:

Olga Bontjes hat ihre Kinder inmitten eines totalitären Systems zur Toleranz erzogen in der Überzeugung, dass Freiheit unmittelbar sei und für alle gelte.

(der alte Helmut Schmidt mochte sich nicht unbedingt an seine Kinderfreundschaft zu der um 2 Jahre jüngeren Cato erinnern und auch nicht immer daran, warum er den Kontakt zu ihr abbrach: ihm erschien eine Freundschaft zu ihr als zu gefährlich, dazu später mehr)

Cato wird als furchtloses, wildes, kluges und sehr lustiges Kind beschrieben.

Als sie 11 ist, zieht sie zu Tante Nelly und Onkel Jan Greeve nach Amsterdam, lernt mühelos Niederländisch und geht dort für 2 Jahre zur Schule. Als sie nach Fischerhude zurückkommt, sind die Nazis an der Macht, mit Aufmärschen und Fackelzügen, Fahnen und Uniformen, Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädchen, auch in Fischerhude. Aber das beeindruckt im Haus Bontjes van Beek nicht, Cato, Mietje und Tim lachen aus vollem Hals, wenn ihre Mutter den Reichpropagandaminister Goebbels parodiert oder Adolf Hitler imitiert. An den Samstagvormittagen erhalten die drei Kinder, während die Hitlerjugend ihre Versammlungen abhielt, Extra-Unterricht in der Schule, insgesamt fünf Kinder des Ortes erhalten diesen Sonderunterricht. Der Lehrer ist zwar kein strammer Nazi, aber er hat doch Bedenken und versucht, seinen Schülern klar zu machen, dass man nicht ewig gegen den Strom schwimmen könne. Cato ist überzeugt:

Aber wir können es

1933 lassen sich die Eltern scheiden. Jan Bontjes van Beek heiratet die Architektin Rahel Weisbach und baut die erfolgreiche Berliner Werkstatt auf. Olga bleibt im Familienhaus in der Bredenau in Fischerhude und widmet sich der Malerei. Die Trennung muß sehr zivilisiert verlaufen sein, sie bleiben in intensivem Kontakt und tauschen sich über die Kinder aus, die damit zwei Elternhäuser haben.

1937 geht Cato als Au-Pair für 7 Monate nach England, zur Familie Beesley nach Winchcombe, den Kontakt hatte Catos Tante Amelie Breling geknüpft. Sie lernt ebenso mühelos Englisch wie zuvor Niederländisch und wird in der Familie freundlich auf- und überall hin mitgenommen.

Ich weiß nicht, was das ist, aber wo ich hingehe, muß ich die Leute zum Lachen zwingen. Sogar hier in England ist es so.

Sie erhält Fahrunterricht, verliebt sich in den um 5 Jahre älteren John Hall und darf das erste Mal in einem offenen Doppeldecker mitfliegen.

Zum erstenmal im Leben in der Luft – Junge, Junge, das war schön!

Im Herbst 1937 siedelt sie nach Berlin über und wohnt bei ihrer Tante Jossie (geborene Breling), Komponistin und Hans Schultze-Ritter, Lehrer an der Hochschule für Musik in Charlottenburg: man sollte sich nach dem Wunsch von Catos Mutter um ihre Ausbildung kümmern. Cato schwankt zwischen Fliegerin, Schauspielerin, Keramikerin und Globetrotterin, doch soll zunächst eine solide kaufmännische Ausbildung machen und dann sehe man weiter. Sie schließt sich der NS-Frauensegelgruppe Berlin an und erhält vom Nationalsozialistischen Fliegercorps ein Flugbuch – daß es sich um eine NS-Organisation handelte, nimmt Cato in Kauf: Sie will fliegen! An ihre Schwester Mietje schreibt sie:

Ich werde ja doch immer meine eigenen Wege gehen. Da kann mir ja doch keiner was wollen. Wenn ich nun Fliegerin werden will, so werde ich es auch. Wenn ich doch lieber Schiethustapeziererin werden will, so werde ich es auch.

Eine weitere Ausbildung im Bremer Ingenieurbüro Heyse & Eschenburg ist ebenso Mittel zum Zweck – eine vernünftige Grundlage, um später in der Werkstatt ihres Vaters zu lernen und zu arbeiten. Denn inzwischen steht ihr Berufswunsch fest: Kunstkeramikerin.

Ein Jahr nach der Trennung von John Hall und England besucht er sie in Fischerhude. We are engaged – Wir sind verlobt, erklären Cato und John. Der Krieg wird sie kurze Zeit später trennen.

Cato schreibt am 24. Oktober 1939 an ihre Tante Louise Modersohn-Breling:

1933 wusste man, daß ein neuer Krieg kommen würde. Er ist nun da. Wie lange er dauern wird, weiß niemand. Alle guten Kräfte und Instinkte werden wieder verlorengehen. Alle bösen Kräfte und Instinkte werden wieder aufkommen.

Es ist nicht nur der Krieg auf den Schlachtfeldern, der Cato erschüttert, es ist auch der Krieg der Nazis gegen alle, die sie in ihrer „Volksgemeinschaft“ nicht dulden. Sie ist Zeugin, als die Gestapo eine jüdische Familie abführt, die im gleichen Haus wie ihr Vater Jan lebt. Zum ersten Mal wird Cato mit ihrer eigenen Ohnmacht konfrontiert und fordert Taten anstelle von Worten:

Ihr redet nur – und keiner tut etwas dagegen!

Anfang 1940 leben Cato und Mietje bei ihrem Vater und seiner zweiten Frau Rahel, sie verstehen sich gut. Mietje besucht eine Schule für Graphik und Buchdruck, Cato arbeitet bei ihrem Vater in der Werkstatt. Im April 1940 muß Cato zum Reichsarbeitsdienst in das Lager Blaustein nach Ostpreußen, wegen einer Entzündung am Bein kehrt sie bereits im September nach Berlin zurück. Cato und Mietje bemerken, daß französische Kriegsgefangene regelmäßig mit der Berliner S-Bahn transportiert werden und versuchen, sich nützlich zu machen: sie helfen, Botschaften auszutauschen und bringen Zigaretten, Seife, Streichhölzer oder Nähgarn mit. Mietje schreibt später darüber:

Beim Aussteigen konnte man es immer einrichten, sich unbeobachtet unter die Gefangenen zu mischen. Dies musste stets sehr schnell geschehen und dauerte nur ein paar Sekunden. Der Zug hielt an, man ließ einige Leute aussteigen, wartete kurz und sprang aus dem Abteil auf den Bahnsteig, wo die Gefangenen bereits vorüberzogen. Mit gespielter Eile drängelte man sich durch einen Trupp, übergab einen Zettel oder nahm blitzschnell einen Brief entgegen und hastete dem Ausgang zu.

In Berlin pflegt Cato alte Freundschaften aus Fischerhude weiter und schließt viele neue, sie trifft den Lyriker Heinz Strelow, im Herbst 1941 lernt sie durch ihren Vater Libertas Schulze-Boysen kennen, die Cato in den Freundeskreis um ihren Mann einführt: Harro Schulze-Boysen, Jurist und Offizier im Luftfahrtministerium und Arvid Harnack, Ökonom und Oberregierungsrat, bilden das Zentrum einer Widerstandsgruppe, die später vom NS-Regime zur „Roten Kapelle“ gezählt wird.

In dieser Zeit trifft Cato auch Helmut Schmidt noch einmal wieder, er sagt später in einem Gespräch mit Dominique Bontjes van Beek:

Einmal lud sie mich zu einer großen Fete in eine Alt-Berliner Wohnung am Kaiserdamm ein. Es waren wohl an die 40 Leute da, und es wurde ungeheuer abfällig, sogar hasserfüllt über die Nazis geredet. Dabei kannte mich da außer Cato keiner – ich hätte doch auch ein Agent der Gestapo sein können!

Cato, von Libertas zur Mitarbeit aufgefordert, entwirft zusammen mit Harro Schulze-Boysen, John Rittmeister und Heinz Strelow im Januar 1941 das sechsseitige Flugblatt „Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk“. Sie widerlegen darin die „Endsieg“-Propaganda und rufen zu passivem und aktivem Widerstand auf. Hunderte dieser Schriften werden per Post verschickt, eine davon fällt der Gestapo in die Hände.

Aber auch noch im Frühling 1942 ahnt sie die drohende Gefahr nicht. Cato ist frisch und glücklich in Heinz Strelow verliebt. Cato und er verlassen die Gruppe, weil ihnen der zunehmend aggressive Führungsstil von Schulze-Boysen mißfällt und sie deren Aktivitäten für zu waghalsig halten. Niemand weiß, daß die Gestapo längst jeden im auch rein privaten Umfeld von Arvid und Mildred Harnack und dem Ehepaar Schulze-Boysen im Visier hat. In der Urteilsbegründung wird später stehen, daß die gemeinsame Wohnung von Cato und Strelow konspirativen Zwecken gedient habe, sie sollen dort mit anderen Mitgliedern der „Roten Kapelle“ Aktionen besprochen haben.

Die Schauspielerin Marta Husemann meinte rückblickend über Libertas: „Ein Mensch, den man niemals in die illegale Arbeit hätte einweihen dürfen. Keine bewusste Verräterin. Aber durch ihre maßlose Eitelkeit leicht zum Sprechen zu bringen.“ Und der damals ebenfalls inhaftierte Schriftsteller Günther Weisenborn erzählte später davon, dass Libertas anfangs darüber lachen konnte, „dass sich die Zellen des Hauptquartiers der Geheimpolizei in den Gebäuden der ehemaligen Kunstschule befanden, deren Direktor ihr Vater gewesen war“.

Im Sommer 1942 wandert Cato drei Wochen im Böhmer- und im Bayrischen Wald. Meist ist sie alleine unterwegs, ihrer Mutter schreibt sie, daß sie endlich wieder Gras und Erde riecht: „ich sehne mich nach einer ruhigen Zeit“.

Im August 1942 entschlüsselt die Dechiffrierabteilung des Oberkommandos des Heeres eine ein Jahr alte Nachricht aus Moskau an den Agenten „Kent“ in Brüssel. Sie enthält die Adressen von Adam Kuckhoff und Harro Schulze-Boysen. Die Ermittlungen beginnen. Die Gestapo verhaftet von Ende August bis Mitte Oktober 1942 weit über 120 Beteiligte und Unbeteiligte und informiert die NS-Führung laufend über die „Rote Kapelle“, ein Fahndungsname von Abwehr und Gestapo. Sie ordnet die Berliner Widerstandskreise wider besseres Wissen und zur eigenen Reputation dem sowjetischen Spionagenetz in Westeuropa zu, obwohl außer dem einmaligen Besuch von „Kent“ in Berlin keine Kontakte dorthin bestanden haben. Bis März 1943 werden mehr als 90 Menschen angeklagt, 50 von ihnen zum Tode verurteilt, darunter 20 Frauen.

Um acht Uhr am Morgen des 20 September 1942 klingelt die Gestapo an der Haustür von Jan Bontjes van Beek am Kaiserdamm 22. Cato und ihr Vater werden verhaftet und getrennt abgeführt, zeitgleich werden fast alle aus dem Kreis um Schulze-Boysen und Harnack verhaftet. Cato sitzt im Polizeigefängnis am Alexanderplatz in Untersuchungshaft, jeder dort mag sie, auch die Aufseher. Laut sagt sie die 16 Gedichte auf, die sie auswendig kann, sie pfeift und singt und macht Gymnastik, niemand hindert sie daran.

Ihr Vater wird nach drei Monaten entlassen, Schwester Mietje wurde nicht festgenommen. Cato wird in das Frauengefängnis in der Barnimstraße verlegt und die Familie versucht nun, Cato aus der Haft heraus zu bekommen. Niemand, auch Cato nicht, rechnet zu Anfang mit mehr als ein paar Jahren Zuchthaus. Olga Bontjes van Beek ist oft in Berlin, sie will Cato so nahe wie möglich sein. Sooft es ihr erlaubt wird, besucht sie ihre Tochter und bringt ihr frische Wäsche und Lebensmittel.

Im Dezember 1942 wird der Prozess gegen das Ehepaar Schulze-Boysen, das Ehepaar Harnack, gegen Hans Coppi und sieben andere geführt. Der Chefankläger ist einer der furchtbarsten Juristen des 3. Reichs, der Obergerichtsrat Manfred Roeder. Hitler bestätigt seine zehn Todesurteile und verfügt die sofortige Vollstreckung, für vier Angeklagte den Tod durch den Strang und die Neuverhandlung der Zuchthausstrafen gegen Mildred Harnack und Erika von Brockdorff.

Ab 15. Januar 1943 verhandelt das Reichskriegsgericht über neun weitere Angeklagte, unter ihnen Heinz Strelow und Cato Bontjes van Beek. In den Verhandlungen, deren Urteile längst feststehen, läßt sich Roeder ausführlich über die unmoralische und dekadente Lebensweise von Cato und Heinz aus, der noch in Hamburg verheiratet ist. Am 18. Januar werden schließlich sieben der Angeklagten zum Tode verurteilt, Cato wegen „Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrats und zur Feindbegünstigung“.

Sie schreibt über Verhandlung und Urteil:

Von der Liebe zu den Menschen habe ich in meinem Schlußwort gesprochen. Es war mir ja auch nie zuvor so klar, wie sehr ich Deutschland liebe. Ich bin ja keine Kommunistin. … als ich wusste, jetzt kannst du noch etwas sagen, um dein Leben zu retten, da gab es keine Politik mehr für mich, sondern einzig und allein stand vor mir das Bild, daß es nur eines gibt, und das ist die Liebe der Menschen untereinander. Ich bin kein politischer Mensch, ich will nur eines sein, und das ist: ein Mensch. Nennt man dies nun: dem Tod ins Auge sehen. Es verpflichtet zu so vielem. Ich habe nicht um mein Leben gebettelt … da hat der Mensch gezeigt, was er ist – nicht bei der Beweisaufnahme, sondern bei seinem Schlusswort. Ich werde das nie vergessen – sollte ich leben bleiben, jedes andere Urteil ist mir egal. Nur leben will ich, leben, leben!

Cato erwartet eine schnelle Vollstreckung, wie sie ja auch nach dem ersten Prozess der Fall war, sie ist völlig ruhig. An ihre Mutter schreibt sie:

In mir ist eine Liebe zu Euch und zu allen übrigen Menschen. Ich bin völlig frei von Groll oder gar Hass.

Catos Familie, Verwandte, Freunde, auch der Fischerhuder Pfarrer schreiben Gnadengesuch um Gnadengesuch und versuchen mit allen Mitteln, die Vollstreckung des Urteils zu verzögern. Cato aber schreibt ein Gnadengesuch für Heinz Strelow:

Ein Mensch, der solche Gedichte schreibt, kann niemals den Materialismus bejahen und darum auch kein Kommunist sein.

Sie schreibt im gleichen Brief, daß sie selbst keine Gnade erwarte, wenn nicht auch Heinz Strelow verschont würde. Umsonst, am 13. Mai 1943 wird Heinz Strelow hingerichtet.

Tim Bontjes van Beek ist währenddessen an der Ostfront stationiert. Auch er schreibt ein Gnadengesuch direkt an die Kanzlei Hitlers. Er bekommt überraschend Heimaturlaub, Cato erfährt das erst kurz vor ihrem Wiedersehen.

Sie weinte bitterlich, als sie mich sah. Und ich konnte sie kaum erkennen, weil sie so aufgedunsen war durch die Wassersuppen. Ich kämpfte mit den Tränen und konnte kaum sprechen.

Die Geschwister sehen sich am 18. Juli 1943 zum letzten Mal.

Reichsmarschall Hermann Göring verwendet sich als vorletzte Instanz für Gnadengesuche persönlich bei Adolf Hitler, im Fall Cato Bontjes van Beek die Todesstrafe in eine „angemessene Freiheitsstrafe“ umzuwandeln. Hitler folgte Görings Empfehlung nicht, er lehnt am 21. Juli 1943 insgesamt siebzehn Gnadengesuche ab.

Am 24. Juli können Olga und Mietje Cato noch einmal besuchen. Mietje beschreibt den Besuch später so (aus Cato Bontjes van Beek: Ein Porträt, Hermann Vinke, S. 163):

Ich bin mit Mama zum Gefängnis in der Barnimstraße gegangen. Da war so ein großer, schrecklicher Raum, kalt und dunkel. Und wir warteten. Und dann wurde Cato hereingeführt, in Pantinen, Socken und einem grauen Kittel … Zwischen uns war eine Art Tresen. Cato stand da, und wir standen ihr gegenüber, und die Wärter waren dabei. Und sie hat gefragt: ‚Wie geht es dir?’ Und ob meine Krankheit vorbei sei; ich müsse mich schonen usw. Sie interessierte sich vor allem für meine Krankheit. Ich konnte immer noch nicht richtig Luft bekommen wegen dieser furchtbaren Rippenfellentzündung. … Und Mama hat auch irgend etwas gesagt. Und dann war die Viertelstunde mit einemmal vorbei. Die Wärterin hat sie weggeführt. Sie war verschwunden. Und plötzlich kam Cato zurück und winkte uns noch einmal zu mit einem Blick, den ich nicht vergessen kann. Ich hatte sie vorher noch gefragt: ‚Wie lange wirst du das hier noch schaffen?’ Und da sagte sie: ‚Bis dahin …!’ Und zeigte auf die braune Binde an ihrem Arm, auf der die Buchstaben ‚TK‘ standen – ‚Todeskandidat‘.

Am 5. August 1943 sterben – ab 19 Uhr im Dreiminutentakt – durch das Fallbeil: Stanislaus Wesolek, Emil Hübner, Adam Kuckhoff, Frida Wesolek, Ursula Goetze, Maria Terwiel, Oda Schottmüller, Rose Schlösinger, Hilde Coppi, Klara Schabbel, Else Imme, Eva-Maria Buch, Anni Krauss, Ingeborg Kummerow, Cato Bontjes van Beek und Liane Berkowitz. Hilde Coppis im Gefängnis entbundener Sohn Hans ist acht Monate alt, Liane Berkowitz hat wenige Tage vor ihrer Hinrichtung ein Mädchen geboren.


 

Die Familie bittet erfolglos um die Herausgabe von Catos Leichnam, der geht an Prof. Dr. Hermann Stieve. Zwischen 1939 und 1945 erhält Stieve 269 Körper toter Frauen aus den Haftanstalten und Lagern Ravensbrück und Plötzensee. Aus einer Gesprächsnotiz des Generalstaatsanwalts:

Als Ergebnis der Besprechung trage ich hiermit folgendes vor: Erwünscht ist (wegen der Bombardierungen) die Vollstreckung von Todesurteilen in Plötzensee auf den Abend zu verlegen und zwar auf 20 Uhr. Professor Stieve war hiermit einverstanden und erklärte, dass die Leichen dann noch am selben Abend zur Anatomie abgeholt werden könnten. Ein späterer Zeitpunkt sei für das Anatomische Institut aber nicht tragbar, weil sonst die Bearbeitung der Leichen zu Forschungszwecken sich zu spät in die Nacht hinein ausdehnen würde, so dass die beteiligten Ärzte nicht mehr mit den Verkehrsmitteln nach Hause kommen könnten.

Auch sollen junge Frauen durch die jeweiligen Gefängnisärzte angehalten worden sein, einen Monatskalender zu führen. Es soll ihnen dann entsprechende Tage vor ihrem Eisprung der Hinrichtungstermin mitgeteilt worden sein, um so verwertbare Forschungsergebnisse zu erhalten. Stieve versucht auf diese Weise seine These zu belegen, daß Schockerlebnisse binnen weniger Stunden einen vom Zyklus abweichenden Eisprung auslösen können.

Er schildert in der Zeitschrift „Das deutsche Gesundheitswesen“ am 15. September 1946 den Fall einer 22-jährigen Frau – Cato Bontjes van Beek – deren Monatsblutung „infolge starker nervöser Erregung“ elf Monate lang ausgeblieben war. Aber plötzlich trat, „im Anschluss an eine Nachricht, die die Frau sehr stark erregt hatte (Todesurteil), eine Schreckblutung ein. Am folgenden Tag starb die Frau plötzlich durch äußere Gewalteinwirkung…“ Stieve wiederum stirbt 1952 hochgeehrt und überraschend an einem Schlaganfall, er erhielt zuvor den Nationalpreis der DDR und wird posthum zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe ernannt.


 

Manfred Roeder – der das Todesurteil gegen Cato verhängt hat (und etwa 45 weitere Todesurteile gegen den Kreis um Schulze-Boysen und Harnack, nach eigener Aussage hat Roeder „dem Führer etwa 90 Köpfe zur Verfügung gestellt“ und Hitler von „unangebrachter Milde gegenüber Frauen“ abgebracht) und die „Rote Kapelle“ auch nach Ende des 3. Reichs beim amerikanischen CIC und beim westdeutschen Verfassungsschutz als ungebrochen aktives, sowjetisch gesteuertes und gegen die USA gerichtetes Netzwerk denunziert – wird nie zur Verantwortung gezogen.


 

Olga Bontjes van Beek prozessiert 12 Jahre lang, bis Cato 1999 endlich rehabiliert wird. Sie selbst stirbt vorher, am 12.2.1995.


 

Das NS-Märchen vom hochgefährlichen KGB-Spionagenetzwerk „Rote Kapelle“ wird in der Bundesrepublik noch für mehr als 60 Jahre gepflegt. Erst 2009 werden alle damals Verurteilten und Ermordeten rehabilitiert. Noch Ende der 1980er Jahre stritt man in Westdeutschland darüber, ob die „Rote Kapelle“ in die Ausstellung der staatlichen Gedenkstätte Deutscher Widerstand aufgenommen werden könne.

In der DDR wurden alle der „Roten Kapelle“ Zugeordneten zu antifaschistischen Helden und linientreuen Kommunisten ernannt, der angebliche Kontakt zum sowjetischen Geheimdienst wurde zum Gründungsmythos des DDR-Geheimdienst umgelogen.


 

Was hatten sie getan?

Cato Bontjes van Beek hat an besagtem Flugblatt mitgearbeitet und es verteilt. Die Aktionen zusammen mit Mietje auf den S-Bahnhöfen für die französischen Kriegsgefangenen wurden der Gestapo nie bekannt.

Der Kreis um Harnack und Schulze-Boysen hat Plakate an Hauswände geklebt, anläßlich der Propaganda-Ausstellung „Das Sowjetparadies“: „Das Nazi-Paradies. Krieg-Hunger-Lüge-Gestapo – Wie lange noch?“. Sie haben Flugblätter geschrieben und per Post verschickt, Angehörige über den Verbleib ihrer kriegsgefangenen Söhne und Männer informiert, Juden geholfen, NS-Verbrechen dokumentiert, »Feindsender« gehört. Die Widerstandsgruppe hatte Kontakt zu einem Agenten der sowjetischen Botschaft in Berlin und warnte vor dem Angriff auf die Sowjetunion. 1941 erhielten sie ein Funkgerät, um Informationen über den Kriegsverlauf nach Moskau zu funken.

Einen einzigen Testspruch konnten sie absetzen: „Tausend Grüße allen Freunden!“


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15 Gedanken zu „Schade, daß ich nichts auf der Welt lasse als die Erinnerung an mich

  1. Immer diese ellenlagen Texte. Und das online!

    Nein, vielen Dank, das ist ein sehr schöner Blog. Mit am meisten berührt mich Nachgeborenen im ersten Moment wohl die Naivität angesichts des Hitlerregimes: Ende der 1930er aus England wieder nach Deutschland gehen; Mitglied in einer NS-Vereinigung werden und meinen, man könne das eigene Leben von der Politik abkoppeln; im Schlusswort einer solchen Gerichtsverhandlung zu denken, man könne mit den richtigen Worten das eigene Leben retten usw. Richtig tragisch ist das.

    Gruß, d.

    • Mit am meisten berührt mich Nachgeborenen im ersten Moment wohl die Naivität angesichts des Hitlerregimes: Ende der 1930er aus England wieder nach Deutschland gehen; Mitglied in einer NS-Vereinigung werden und meinen, man könne das eigene Leben von der Politik abkoppeln; im Schlusswort einer solchen Gerichtsverhandlung zu denken, man könne mit den richtigen Worten das eigene Leben retten usw.

      Cato war gerade mal 17, als sie aus England wiederkam!
      Ich glaube, daß sich jeder immer alles nur aus der eigenen Normalität heraus vorstellen kann und ihre war eine gleichzeitig sehr freiheitliche und beschützte Normalität. Außerdem eine aufm Dorf in einer Familie und in einem Umfeld, in dem sie geliebt wurde. Cato muß ein ziemlich erfolgreiches Kind gewesen sein, ich glaube, daß in ihrer Vorstellung einfach nicht vorkam, daß ihr jemand etwas Böses will oder auch nur, daß sie jemanden nicht zum Lachen bringen kann oder man sie nicht mag. Daß sie zum Fliegen in eine NS-Organisation eingetreten ist, war wegen des Fliegens – es war die einzige Möglichkeit, an ein Flugzeug zu kommen und das wollte sie un.be.dingt.

      Ihr Schlußwort in der Verhandlung habe ich völlig anders verstanden als Sie. Ich glaube, daß sie mit sich im Reinen war, im Gerichtssaal nicht um ihr Leben gebettelt zu haben. Der Kernsatz ist m.M.n.: „ich will nur eines sein, und das ist: ein Mensch.

      Dafür spricht auch, daß sie sich später in ihrem Gnadengesuch (als Reaktion auf mindestens 5 Gnadengesuche um ihr Leben von ihrer Familie, ihrem Lehrer und dem Fischerhuder Pfarrer) für Heinz Strelow stark macht und jede Gnade ihr gegenüber von Gnade an Strelow abhängig macht.
      Von ihr sind Briefe überliefert (ab Seite 19), vielleicht wird ihre Haltung daran klarer.

      • Ich glaube, daß sich jeder immer alles nur aus der eigenen Normalität heraus vorstellen kann…

        Ja, ich hatte auch ganz bewusst von mir als Nachgeborenem gesprochen. Ist auch nicht wertend gemeint, wenn ich Naivität sage – mit meinem Blick von heute ist es eben das, was mir als erstes in den Sinn kommt. Ein Menschenleben weiter und man wird viele unserer Worte und Handlungen für grundnaiv halten.

        Ich glaube, daß sie mit sich im Reinen war, im Gerichtssaal nicht um ihr Leben gebettelt zu haben. Der Kernsatz ist m.M.n.: “ich will nur eines sein, und das ist: ein Mensch.”

        Auch hier kein Einspruch. Das hatte ich schon auch mitgedacht, man kann ja auch mit sich im Reinen sein und dennoch falsche Hoffnungen in die akute Macht eines Schlussworts in einem Schauprozess setzen. Dasselbe gilt für die Gnadengesuche. Es nimmt dies alles nichts weg von ihrer Größe angesichts des Todes.

        Gruß, d.

        • Ich glaube nicht, daß sie sich von ihrem Schlußwort im Prozess irgendeine Macht zur Rettung ihres Lebens versprochen hat. Ihr Lebenswille und ihre Hoffnungen spielten sich vermutlich auf einer völlig anderen Ebene ab – fast jeder Mensch will leben und hofft entgegen aller Wahrscheinlichkeit. Ich glaube, daß den meisten Menschen dieser unbedingte Lebenswille erst bewußt wird, wenn sie mit dem Tod konfrontiert sind, auch z.B. bei schweren Krankheiten.

          Ich sollte vielleicht ein bißchen zu Hintergrund und Entstehung des Blogs schreiben: mit Fischerhude und den Künstlerfamilien bin ich alles andere als objektiv, ich kenne den Ort und einige Nachfahren, alle sehr außergewöhnliche Menschen, von großer Heiterkeit, Gastfreundschaft, Weltläufigkeit und Heimatliebe (der untümelnden Sorte). Fast alle haben einen Sack voll Kinder und es ist nicht schwer, sich in die damalige Zeit zurück zu versetzen. Anders als Worpswede ist Fischerhude ein Dorf, in dem die Normalität von Kuhstall und Mistwagen stattfindet, auch wenn jede Krümmung der Wümme und jedes Entenhaus Fantastilliarden Mal gezeichnet, gemalt, fotografiert wurde.

          Den Cato-Blog hatte ich (als einen der ersten hier im Blog) vor 10 Monaten begonnen und ihn x Mal bis auf Bild und Titel wieder gelöscht. Daß er mir jetzt aus der Tastatur ging, war aus Zorn und Ekel, als ich am Sonntag auf den Helden der Gynäkologie und Geburtshilfe Prof. Stieve stieß. Mir wurde dadurch auch noch einmal bewußt, wie sehr die NS-Zeit in die Gegenwart ragt – während die nächste rechte Revolution immer mehr an Fahrt aufnimmt und dem viel zu wenig entgegen gesetzt wird.

          Als „grundnaiv“ wird (als nur 1 Beispiel) heute zunehmend das modernste und revolutionärste Recht überhaupt betrachtet, entstanden aus dem Erschrecken vor den menschlichen Möglichkeiten im 3. Reich: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

          Ich bin 1963 geboren und im Bewußtsein erzogen, daß die NS-Zeit abgeschlossen und Geschichte ist. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, daß ich nur einen kleinen Wimpernschlag nach der Befreiung vom Hitler-Faschismus geboren bin und daß beinahe nichts aufgearbeitet wurde und wird. Die menschlichen Möglichkeiten sind immer und zuerst meine eigenen menschlichen Möglichkeiten und die von Cato hätte ich wirklich gern.

          Ich hätte sie auch so gern kennengelernt, sie ist mir ganz unabhängig von ihrer Größe vor Gericht und angesichts der Hinrichtung extrem sympathisch. Ich bin so neugierig, wie ihr Leben verlaufen, wohin überall sie gereist wäre, wen sie geheiratet, welche Kinder sie geboren, wo sie gelebt, was für Keramik sie gemacht hätte, wäre sie nicht im Alter von nicht mal 23 Jahren ermordet worden.

          Wenn sie schon „nichts auf der Welt lassen“ konnte, dann ist wenigstens die Erinnerung an sie nicht „grundnaiv„, sondern mir ist sie wichtig, allein schon für die Prüfung meiner Haltung.

          Soll kein Einspruch sein, Grüße!

          • Nun, dann danke ich noch einmal für den ausholenden Schlenker. Die Sache mit den Blogs, die einen langen Anlauf benötigen, kenne ich ganz gut und schätze es wirklich wert.

            Gruß, d.

    • Edit: ‚ptx ruft moskau‘ ist eine 10-teilige Reihe über die „Rote Kapelle“, die 1968 im Spiegel erschien. Der von Marian Schraube erwähnte Artikel (danke dafür!) ist der 8. Teil davon, das ganze hat Buch-Umfang (ich habe nur ein bißchen reingelesen).
      Gilles Perrault: Die Geschichte des sowjetischen Spionageringes „Rote Kapelle“
      Gilles Perrault: Das Agenten-Netz in Belgien
      Gilles Perrault: Das Agenten-Netz in Frankreich
      Heinz Höhne: Gegenschlag der deutschen Abwehr
      Heinz Höhne: Die Gruppe Schulze-Boysen/Harnack
      Heinz Höhne: Zwischen Widerstand und Landesverrat
      Heinz Höhne: Die Verhaftungsaktion der Gestapo
      Heinz Höhne: Das Ende der Gruppe Schulze-Boysen/Harnack
      Gilles Perrault: Die Jagd auf den Grand Chef
      Gilles Perrault: Das deutsche Funkspiel mit Moskau

      Über Heinz Höhne steht bei Wikipedia:

      Wie Der Spiegel in seinem Artikel „Gekaufte Geschichte“ unter Berufung auf den Historiker Winfried Meyer enthüllte, bediente sich auch Heinz Höhne des Informationsangebots der „Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Abwehr-Angehöriger“ (AGEA) und wurde von dort „systematisch mit tendenziösen Auskünften und Erinnerungen“ versorgt. So gelang es der AGEA, neben anderen Historikern, auch auf die Arbeit Heinz Höhnes Einfluss zu nehmen, was Winfried Meyer anhand Höhnes Canaris-Biographie mit dem Titel Canaris. Patriot im Zwielicht eindrucksvoll belegt.

      Womöglich trifft etwas ähnliches auch auf u.a. seine Darlegung vom Umfang und Inhalt der Funksprüche der „Roten Kapelle“ im verlinkten Artikel zu.
      Ich mag mich irren, aber mir erscheint auch die Reihe im Spiegel (der Stern brachte schon 1951 eine Serie »Rote Agenten unter uns. Ein Bericht über das sowjetische Spionagenetz von der ­Roten Kapelle bis zur Agentenschule Potsdam.«) vom Wunsch getragen, die „Rote Kapelle“ zu einem landesverräterischen Spionagenetzwerk hochzujazzen, das sie so nie gewesen ist. Das passt zu den Bemühungen von Manfred Roeder, die „Rote Kapelle“ auch nach dem Ende des 3. Reichs als von der Sowjetunion gesteuert, als weiterhin aktiv, staatsfeindlich und hochgefährlich darzustellen. Roeder kommt mir beim Spiegel entschieden zu gut weg. Man braucht jedenfalls eine Menge Salz bei der Lektüre.

      Lesenswert (keineswegs nur zu Heinz Höhne) fand ich: Ankläger von Widerstandskämpfern und Apologet des NS-Regimes nach 1945 – Kriegsgerichtsrat Manfred Roeder (von Heinrich Grosse), daraus:

      Roeders Aussagen in seinen Verhören vor deutschen und amerikanischen Stellen nach 1945, vor allem im Lüneburger Ermittlungsverfahren, sowie seine öffentlichen Äußerungen in Vorträgen und Zeitungsartikeln und in der Schrift »Rote Kapelle. Europäische Spionage« hatten eine bemerkenswerte Wirkungsgeschichte im Deutschland der Nachkriegszeit. Seine Aussagen und diffamierenden Urteile über die Männer und Frauen der Widerstandsgruppe um Hans von Dohnanyi und der »Roten Kapelle« wurden nicht nur von Journalisten, sondern auch von Historikern unkritisch übernommen. So stützte sich der bekannte Historiker Gerhard Ritter in seinem Werk »Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung« auf Roeders Schrift »Die Rote Kapelle« und machte sich dessen These vom Landesverrat zu eigen.

      Der »Spiegel«-Reporter Heinz Höhne wiederholte in seiner Biographie über den Abwehrchef Canaris die Vorwürfe, die Roeder in seinen Verhören gegen Dohnanyi erhoben hatte.

      • Ihren Eindruck kann ich natürlich nicht widerlegen. Aber mir scheint bei aller ohnehin gebotenen Vorsicht in der Rezeption eines 50 Jahre alten Textes dreierlei bemerkenswert:

        Dass sehr genau zwischen Volksgerichtshof und anderen Teilen der Gerichtsbarkeit unterschieden wird, die aber, obwohl nicht dezidiert nationalsozialistisch geprägt und besetzt, zu genauso vom Ergebnis gewollten Unrechts- weil Willkürurteilen gelangten. Dieser Aspekt der Aufarbeitung wird in voller Tiefe erst ab 1987 geleistet werden, als Ingo Müller „Furchtbare Juristen“ veröffentlichte.

        Dass zweitens Heinz Höhne geradezu prophetisch schreibt: „Manfred Roeder konnte mit seiner düsteren Arbeit beginnen. Von nun an war die Geschichte der Berliner Roten Kapelle weitgehend seine Geschichte, die Chronik ihres Untergangs seine Chronik.“ Denn tatsächlich, wer hat die Geschichte der Hingerichteten noch gegenwärtig oder hat sie je gehabt, zumal nicht der Résistance an sich (wie in Frankreich und Italien) gedacht wird, sondern in klarer Reihenfolge a) derer um Stauffenberg b) der weißen Rose.

        Drittens die völlige Hilflosigkeit, die sich in dem kleinen Satz Catos ausdrückt (und von Höhne hervorgehoben wird): „Traurig ist es nur, daß ich gar nicht weiß, wofür ich sterben soll.“

        Ob Höhne als Historiker in Bezug auf die Rote Kapelle versagt oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen, dazu fehlt mir jede Sachkenntnis. Andererseits ist der Fundus, den Spiegel mit seinem Archiv und Projekt Gutenberg mit gemeinfreien Schriften, ziemlich einmalig, weil ebenso umfänglich wie unentgeltlich. Sich dem zu nähern, noch mehr, sich dessen zu bedienen appelliert an die eigene Verantwortung im Umgang.

        Nochmals Danke für den wirklich lesenswerten Blog.

  2. Ein weiteres Mosaiksteinchen: http://www.taz.de/Ausstellung-ueber-ein-Verfahren-das-Rechtsgeschichte-schrieb/!5085366/

    „Eine Anerkennung des linken Widerstands gegen das NS-Regime bedeutete das Urteil keineswegs: Bauer selbst hatte im Vorfeld des Prozesses Anna von Harnack überzeugt, ihre Klage gegen Remer zurückzuziehen – weil er „das Widerstandsrecht der Roten Kapelle nicht zum Gegenstand des Verfahrens machen“ wollte, vermutet Claudia Fröhlich in einem ihrer Aufsätze zum Thema.

    Die „Rote Kapelle“, ein von der Gestapo geprägter Begriff zur Diffamierung des Widerstands, galt auch nach dem Krieg im Westen als sowjetisch gesteuerter Spionagering. Bauer hatte wahrscheinlich Angst, dass eine Diskussion über ihre Rolle sein Ziel gefährden könnte, den konservativ geprägten Widerstand der Hitler-Attentäter zu legitimieren. Mit dem Urteil im Remer-Prozess wurde die Heroisierung des Widerstandes vom 20. Juli 1944 eingeleitet aber zugleich in Westdeutschland die Verteufelung des linken Widerstands der Gruppe um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen auf Jahrzehnte festgeschrieben.“

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