31.026

31.000 Foto: Manfred Werner/Tsui, beschnitten

Wer hätte gedacht, daß ein rechtsradikales Wahlergebnis von 49,7% tatsächlich mal gefeiert werden muß?

Alexander van der Bellen hat mit einem hauchdünnen Vorsprung von 31.026 Stimmen gewonnen. Alter Ösi, war das knapp!

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12 Gedanken zu „31.026

  1. Aktuell von einem Wochenendtrip in Österreich zurück, ist das Fazit Erleichterung, ja, aber noch keine Zeit für Entspannung. Erschreckend, wie flächendeckend und intensiv die FPÖ-Büldle landauf-landab gepflastert sind, wohingegen AvdB lediglich in Innsbruck präsent schien. Süß war ein Fahrrad dort, mit Spankorb auf dem Gepäckträger und daran getackert ein Zettelchen mit „Ich wähle AvdB“, während überall Hofer auf riesigen Plakatwänden einem ins Gesicht starrt. Das Thema ist noch nicht gegessen.
    Grüßle, Diander

    • Von ‚gegessen‘ kann keine Rede sein, nicht mal ’noch nicht’…
      Ich fand Österreich schon vor Jahren erschreckend, im letzten Wahlkampf, in dem Haider (selig) antrat, sah ich im schönen Gmunden am Traunsee mehrfach alte Weiblein vor Haider-Plakaten knicksen und sich bekreuzigen. Weswegen mich die Haider-Reliquienschau und Wallfahrtsstätte in Klagenfurt auch kaum noch überrascht hat.
      Gegen solche Gläubigkeit machste nix – dagegen können Fakten oder Logik nichts ausrichten und das ist genau der Punkt, wegen dem auch unsere *gida und AfD-Gläubigen nicht mehr erreichbar sind für politische Diskurse: die denken nicht, sondern sie glauben und sie missionieren.
      Ziemlich befremdlich fand ich auch meine Freunde in Österreich: die taten damals alle so, als sei Haider ganz unwichtig oder gar nicht real, ich hab’s damals zu ihren Gunsten als Überlebenstaktik gedeutet.

  2. Ich wäre mal schön vorsichtig, GRÜN hier als DIE Alternative hochzujazzen. Die Grünen sind in Deutschland nachgewiesenrmaßen schließlich auch Bellizisten, Faschistenfreunde und Harzt-4-Geburtshelfer. Das kann demnächst genau so gut nach hinten losgehen.

    • Sie finden: „Ich wäre mal schön vorsichtig, GRÜN hier als DIE Alternative hochzujazzen.

      Hm, da wäre ich auch mal schön vorsichtig, besonders angesichts der vielen Alternativen in Österreich^^
      Wird Ihnen entgangen sein: von der Bellens Parteimitgliedschaft ruht, für mindestens 6 Jahre.

    • Ich glaube nicht, dass man mit Etikettierungen weiter kommt. Die Geschichte der unterschiedlichen Koalitionen in Österreich (siehe z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Bundeskanzler_der_Republik_%C3%96sterreich ) zeigt ziemlich deutlich, dass man dort weit weniger, ich nenne sie einmal: Berührungsängste hat als anderswo. Es reicht dann auch nicht festzustellen, dass es dabei um schlichten Machterhalt ginge, sondern welches die jeweiligen Bedingungen waren, die etwa 1983 zu einer Koalition SPÖ-FPÖ führten. Und welche es sind, die heute der neuen Mitte, personifiziert in dem urbanen, weltoffenen, sehr praktischen Akademiker Van der Bellen erlaubt hat, eine unglaubliche Aufholjagd zu starten.

      Rein empirisch, das zeigt die Schautafel oben, ginge es um Unterschiede zwischen Stadt und Land. Einige Kommentatoren in Österreich haben das aus Warte der FPÖ charakterisiert als „Kampf gegen die da oben“, gegen „die Eliten“. Mit ist das ehrlich gesagt zu dünn, weil es weiter das Bild von den „einfachen“ Personen hier, in „ihrer Kultiviertheit Irrenden“ dort befördert. Es sollte vielmehr auch darauf geschaut werden, dass in Ballungszentren etwaige Konflikte und Probleme wesentlich schneller, weil schon räumlich enger beisammen entstehen und aufgrund ihrer destruktiven Potentialität nachhaltiger angegangen werden. Dazu hat sich nicht nur aus historischer Erfahrung ein Dialogstil statt einem der Exklusion entwickelt. Daran dürfte m.E. nicht geringen Anteil die spezifische Form der Sozialpartnerschaft haben, die den Interessensausgleich per Dialog seit 2 Generationen institutionalisiert hat. Sie findet hauptsächlich in den Städten als Industrieansiedlungen statt. Diese Tradition haben weite Teile der SPÖ vergessen oder verdrängt, jedenfalls nicht an auch neue Berufsbilder („das Präkariat“) angepasst. Für die FPÖ hat sich diese besondere Ausprägung kultureller Tradition erst gar nicht gestellt.

      Unter diesem Blickwinkel hatte Faymann keine Chance mehr, nicht so sehr, weil er abgewirtschaftet hätte, sondern weil in seiner Regierung kein Dialog mehr erkennbar war: Der Kanzler als oberster Moderator der Exekutive hat versagt. Mit Christian Kern kommt dagegen jemand, der nicht nur ein öffentliches Unternehmen (ÖBB) äußerst erfolgreich gemacht hat, sondern gerade deswegen sich als offenkundig dialogfähig erwiesen hat. Bei der Auswahl zwischen den beiden Stilen, die sich in konkrete Politik umsetzt, war bei der geradezu manichäisch zugespitzten, stellvertretend politischen Präsidentschaftswahl, obwohl auch in Ö der BPräsident kaum exekutive, erst recht keine legislativen Befugnisse hat, die Alternative schwarz oder weiß.

      Das Amt wird für Van der Bellen besonders schwer werden, weil ihm alleine nun aufgebürdet wird, „Gräben zuzuschütten“ oder „für alle Österreicher“ da zu sein, obwohl gerade von ihm nicht das Prinzip der Exklusion propagiert wurde, sondern von Wahlverlierer Hofer. Aber es ist andererseits eine Notwendigkeit, denn die FPÖ-Agenda ist nicht beseitigt, sondern im Gegenteil mit „50%“ erst recht in Fahrt gekommen. Der einzige Lichtblick: Strache, dieser bis ins Haargel natürliche Nachfolger von einem Stadler und Haider, hat nun einen Konkurrenten in der eigenen Partei, der während seines gesamten politischen Werdegangs wesentlich moderater aufgetreten ist.

      Bestimmend wären nun die nächsten 24 Monate bis zum nächsten regulären Wahltermin des Nationalrats (Parlament) 2018. Hier ist aber nicht zu verachten, dass bei der Suche nach Wahlterminen im www das Stichwort sofort auf die Seiten nationalratswahl.at und wahltermin.at verweist. Beides sind Domains der „Wien-konkret Medien GmbH“, vertreten von Robert Marschall, einem dezidierten EU- und Gegner aller Ausländer, gleich welcher Provenienz. Ein Porträt des Mannes findet sich u.a. bei http://mokant.at/1409-wien-konkret-marschall-taeuschung/ . Nicht verwunderlich also ist, dass vorgezogenen Neuwahlen das Wort geredet wird, obwohl sich die Bundesregierung gerade neu aufgestellt hat.

  3. Die Austriaken sind grad noch mal davon gekommen. Hätt der Hofer gewonnen, wäre in zwei Jahren Braunau/Inn die Hauptstadt der Ostmark geworden und nicht mehr das rot-grün versiffte Wien.

    Ciao
    Wolfram

  4. Mely Kiyak, ZON: Extrem sachlich

    Fesch und höflich, so präsentieren sich Norbert Hofer und andere Rechtspopulisten. Sie haben erkannt: Das Bürgertum möchte seinen Rassismus hübsch verpackt kultivieren. …

    Was machen Front National, AfD, FPÖ und Co eigentlich richtig gut? Und das ist nun der Zeitpunkt, da man, nachdem man viel über politische Inhalte sprach, auch über den Duktus des Rechtsextremen sprechen muss. Armin Thurnher, Gründer und Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter erfand vor eineinhalb Jahrzehnten den Begriff Feschismus für Jörg Haider. Das Wort setzt sich zusammen aus fesch und Faschismus. Seitdem bestätigt sich diese Beobachtung. Eine Österreicherin sagte vor einigen Tagen in den ZDF-Nachrichten über Norbert Hofer ungefähr so: “ .. und überhaupt. Gut sieht er aus. Wer so ausschaut, kann nichts Schlechtes wollen.“ Damit hat sie beschrieben, was alle modernen rechten Demagogen der Neuzeit anstreben. Anti-Establishment sein und dabei super established aussehen.

    Das Bild des rechtsextremen Agitatorentums besteht für viele Menschen aus schreienden Rednern, Poltertum, Stiefelaufmarsch. Die NPD ist dafür das beste Beispiel. Sie waren viel zu unfein gekleidet, um vom sogenannten Bürgertum ins Herz geschlossen zu werden. Auch die Skinheads haben der rechten Sache mit ihrem Look keinen Gefallen getan. Das Bürgertum möchte seine Ressentiments, Vorurteile und Verachtung für und auf alles Mögliche in edlem Tuch und Manschettenknöpfen vorgetragen sehen. Man möchte unsolidarisch sein dürfen und seine Stimme jenen geben, die es verstehen, das Braune mit Parfüm und Pastell zu umhüllen.

    Auch das Benehmen muss „was hermachen“. Diese Attitüde wird von Hofer und seinen Kollegen präzise inszeniert. So stellte Hofer bei dem Fernsehduell mit Van der Bellen gleich zu Anfang klar, dass er den Zuschauern verspreche, sich gut zu benehmen. Das ist ja überhaupt das Wichtigste. Die Kornblumenbrosche, die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft, das Deutschnationale hinter dem Österreichgetue, das ist dann eben so. Na und? Und so fallen in den Parfümwolken die Hemmungen und ein Paar sagt im Fernsehen, dass es mal wieder Zeit für „einen kleinen Hitler“ sei. Und ein anderer sagt stolz, dass er Adolf heiße und grinst. Und wieder ein anderer zeigt den Hitlergruß.

    Es ist, als hätten alle Rechtsextremen in Europa das gleiche Coaching-Seminar absolviert. Ruhig bleiben. Möglichst wenig zu Wort melden. Aber wenn, dann einen knallen lassen. Und warten, bis irgendeiner austickt. Irgendwer tickt immer aus. Alexander Van der Bellen verlor im unmoderierten Rededuell nach kürzester Zeit die Nerven. Fassungslos sah man zu wie ein 72-jähriger Wirtschaftsprofessor die Worte seines fast halb so alten Gesprächspartners in Wähwähwäh-Manier nachäffte, weil er gegen die Contenance seines Gegenübers nicht ankam.

    Auch Björn Höcke, Beatrix von Storch, Frauke Petry oder Alexander Gauland beherrschen diese Methode perfekt. Ihr Lieblingssatz ist die „Versachlichung der Debatte“. So mahnen sie ständig: Sie können nicht sachlich bleiben! Bleiben Sie doch mal sachlich! Geht es jetzt bitte wieder sachlich? Dabei bleiben ja alle sachlich. Bloß werden die sachlichen Argumente ungezügelt bis explodierend vorgetragen. Die Rechtsextremen indes machen es genau andersherum. Sie tragen ihre ungezügelten und explosiven Ansichten sachlich vor. Fesch und frechheitlich.

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