Im Paradies gibt es keine Tüten

Veilchen-Foto: Rolf Engstrand (beschnitten) Wikimedia Commons

Berlin-Neukölln wird von daran Interessierten gern als Synonym für gescheiterte Integration verwendet und als Paradebeispiel der Unmöglichkeit von Multikulturalität mißbraucht. Dabei könnte nichts unsinniger sein. Man muß nur wollen. Und tun.

Johannes Böhme, Süddeutsche: Garten der Harten:

Angefangen hat alles mit Veilchen und einem tschechischen Revolutionär. Die Veilchen wurden ausgerissen, der Revolutionär ausgepfiffen, und Henning Vierck, der die Veilchen gekauft und den Revolutionär eingeladen hatte, dachte sich: Ich kann einpacken. Das wird nie etwas. Aus einer 350 Jahre alten Metapher einen Garten machen, mitten in Neukölln, mit Entwurzelten aus jedem Konflikt der Erde, mit Kurden, Türken, Libanesen, Libyern, Roma, Serben, Kosovaren, Ukrainern und Syrern – was für eine Schnapsidee.

Vierck sitzt unter einem zwanzig Jahre alten Pflaumenbaum. Die Sonne scheint ihm ins faltendurchzogene Gesicht, und er lacht, als er das erzählt.

Als Vierck anfing, vor mehr als zwanzig Jahren, war der Garten nur eine Idee. Vor ihm lagen 7000 Quadratmeter Schutthalde, die von den Anwohnern als Parkplatz genutzt wurden. Die ersten Pflanzen, die er bestellte, waren Veilchen. Er kaufte 4000 Stück. Am Anfang des Gartens sollte ein riesiges Veilchenbeet die Besucher anlocken. Die Blumen wurden am Abend geliefert, es wurde dunkel, Vierck ließ die Blumen in ihren Töpfen und ging nach Hause. Am nächsten Morgen wachten die Bewohner des Neuköllner Richardplatzes, eines großen Ovals aus Jugendstilgebäuden, mit dem Geruch von mehreren tausend Veilchen auf, die überall verstreut lagen. Ein paar Kinder aus der Nachbarschaft waren in der Nacht über den Holzzaun gestiegen, hatten die Blumen gesehen und sich daran gemacht, möglichst viele auf einer möglichst großen Fläche zu verteilen.

Als Vierck die Verwüstung sah, war er am Boden zerstört. Er wollte am liebsten zurück zu seinen Büchern, seinem Job an der Uni. Schließlich fing er an, die Veilchen einzusammeln, jedes einzeln mit der bloßen Hand. Die Kinder guckten ihm zu. Er sagte ihnen: „Ja, es macht bestimmt Spaß, die auszureißen und rumzuwerfen. Aber es macht auch Spaß, sie wieder einzusammeln.“ Und nach einer Weile begannen dieselben Kinder, die das Chaos angerichtet hatten, ihm zu helfen. Ein fast biblisches Bild: Mehr als dreißig arabische, türkische und kurdische Kinder rennen einem großen Mann mit Methusalembart hinterher, jedes mit Armen voller duftender Veilchen. „Die Kinder haben sich den Garten auf sehr brutale und wunderschöne Art angeeignet“, sagt Vierck. Seither steht das Veilchenbeet am Anfang des Gartens.

Henning Vierck ist zwei Meter lang. Er hat Hände, die größer sind als die Köpfe der meisten Kinder, die herkommen. Sein Kopf ist groß wie ein Amboss und hat die gleiche Form. Er geht gebückt, was er auf die Last seiner Verantwortung zurückführt und sein Orthopäde wahrscheinlich mit jahrelanger schwerer Gartenarbeit erklären würde. Seine Augen sind klein und neugierig. Seine Wutanfälle sind berüchtigt. Seine Warmherzigkeit auch. Seine Stimme ist voll und weich, wenn er will, dass sie voll und weich ist. Er brüllt in druckreifen Sätzen.

Viercks Regeln sind: kein Alkohol, keine Drogen, keine laute Musik. Die Wiese mit den seltenen Gräsern darf nicht betreten werden. Früchte dürfen nur gemeinsam abends gepflückt werden. Der Garten ist nachts geschlossen, er ist kein Park. Kinder dürfen nachts über den Zaun klettern. Erwachsene handeln sich, wenn sie es machen, eine Anzeige ein. Man darf nur so viele Früchte mitnehmen, wie man mit den Händen tragen kann. Gewalt gegen Pflanzen – Äste abbrechen, die Wiese aus brusthohem Wildgras betreten, Knospen abreißen – ist verboten. Gewalt gegen andere Menschen ist ein Skandal. Aber vor allem glaubt Vierck nicht an starre Regeln. Er ist bereit, jede Regel auszusetzen, wenn er meint, dass es menschlicher ist, sie auszusetzen. Jede Regel, bis auf die mit der Gewalt. Die hat er sogar in einen Stein meißeln lassen: „Alles fließe von selbst, Gewalt sei ferne den Dingen“, steht auf einem Stein gegenüber der Gartenpforte. Es ist ein Zitat von Comenius.

Die Regeln im Garten sind immer auch ein bisschen Poesie, wenn sie aus Viercks Mund stammen: „Manchmal kommen Kinder mit Tüten in den Garten, um Früchte zu pflücken und sie mit nach Hause zu nehmen. Dann bleibt mir nichts anderes übrig als zu sagen, dass es im Paradies keine Tüten gibt. Da lebt man von der Hand in den Mund.“

Waltraud Schwab, taz: Das Paradies als Garten neu erschaffen

Begehren ist in dieser kommunalen Oase die Grundlage der Pädagogik. Wie kommt man an die Kirschen, die mitten in den Blumen stehen, die für andere wertvoll sind? Wie erobert man sich die Sitzbank, die von Brennnesseln umgeben ist? Wie findet man, wovon andere schwärmen? Wie schmeckt, was man nicht kennt?
Pfirsiche, Haselnüsse, Äpfel, Birnen, sämtliche Beerenfrüchte Mitteleuropas wachsen hier. Vierck dokumentiert den Vandalismus aus den ersten Jahren, als an den noch jungen Bäumen die Zerstörung geprobt wurde. Abgebrochene Äste, geschälte Stämme, getötete Molche im knietiefen Teich, der hier das „Weltenmeer“ ist. Er bestätigt jedoch beharrlich, dass längst nicht mehr so viel kaputtgemacht werde. „Die Kinder beginnen, den Garten als etwas Dauerhaftes zu begreifen, einen Ort, wo sie sein können, nicht sein müssen.“

Lernen beginne mit der Verführung zum Lernen. So will es Comenius, der für alle eine sechsklassige Grundschule forderte, in der zuerst das Sehen und dann das Verstehen des Gesehenen gelernt wird. Das Veilchenbeet, das derzeit im Garten aufgeht, markiert den Eintritt in diese Phase. Veilchen riechen nicht da, wo sie blühen, sondern in kleiner Entfernung dazu. Die Verlockung reicht bis jenseits des Zauns. Jemand muss dem Kind demnach das Tor zum Verstehen öffnen.

 

Claudia Keller, evangelisch.de: Harte Jungs und der Comenius-Garten

Zwischen dem Garten und dem Rest der Welt verläuft ein Zaun. Er ist 1,40 Meter hoch und aus robustem Holz. Tagsüber öffnet sich eine Tür, wenn man auf den Summer drückt. Nachts kann man drüberklettern. Das ist erlaubt, wenn man sich an die Vereinbarung hält

„Herr Vierck, kannst du uns den Ball aufpumpen?“, fragt ein Junge. Er ist sechs Jahre alt, hat schwarze Haare und steckt in kurzer Hose und T-Shirt. Der Junge kommt vom Fußballplatz ­nebenan gelaufen und ist verschwitzt. Es ist ein heißer Sommernachmittag. Vierck kennt den Kleinen gut und auch seine Familie. Sein älterer Bruder wurde in den Libanon abgeschoben, ein anderer sitzt im Gefängnis. Vierck steht vom Schreibtisch im kleinen Gartenhaus auf und sucht im Schuppen nach einer Pumpe. Als der Ball wieder drall ist, fragt der Junge, ob er Wasser trinken kann. Vierck schließt den Schuppen noch mal auf, der Junge hält die Hände unter den Wasserhahn. Vierck lässt ihn alleine.

Während er Wasser schlürft, streift der Sechsjährige mit einem Auge über Kisten, die im Halbdunkel des Schuppens lagern. Auch ganz besondere Sachen liegen da, Lupen zum Beispiel und ein Haifischgebiss. Schätze, die Vierck für seine „Werkstatt des Wissens“ braucht, für seine Forschungen, die er zusammen mit den Kindern betreibt. – Nach ein paar Sekunden nimmt der Junge seinen Ball, ruft „Fertig!“ in Viercks Büro und rennt wieder los. Vielleicht hat er das Gebiss und die Lupen beim nächsten Tritt gegen den Fußball schon vergessen, vielleicht setzen sich die Schätze auch in seinem Kopf fest und damit die Frage: Wie komme ich da ran, wo es doch der Schuppen vom Herrn Vierck ist? In so mancher Familie derer, die bei Herrn Vierck Wasser trinken, nimmt man sich einfach, was man will, auch wenn es einem nicht gehört. Anfangs bleibt Vierck neben den Kindern stehen, wenn sie trinken. Irgendwann lässt er sie alleine. Ich lasse euch trinken. Ihr klaut nicht die Lupen. Es ist eine große Leistung, wenn die Kinder der Versuchung widerstehen.

Neulich fehlte etwas. Vierck fragte in der Schule, in der Moschee, bei den Eltern. Dann stand ein Junge vor ihm und holte etwas aus der Hosentasche. Die Lupe. Er habe sie vor dem Schuppen gefunden, sagte er. Vierck akzeptierte die Erklärung. Der Junge hatte zumindest ein bisschen Schuldbewusstsein gezeigt, mehr wollte Vierck erst mal nicht. Ein anderes Mal, ein anderer Diebstahl. Vierck kam in eine Wohnung, der Vater bat um Verzeihung und gab das Diebesgut zurück. Der Sohn heulte und entschuldigte sich. Er habe ihn verprügelt, brüstete sich der Vater. Seitdem kündigt Vierck seine Besuche nicht mehr an. Dass ein Kind seinetwegen geschlagen wird, macht alles kaputt.

Noch mal die Süddeutsche:

Mit den Obstbäumen im Garten wuchsen auch die Jungs von der R44 auf. Die R44 war bis vor einigen Jahren eine der härtesten türkischen Neuköllner Jugendgangs. R44 stand für Richardstraße und 44 für den alten Postcode von Neukölln. Bei Prügeleien mit anderen Gangs wurde mit Holzlatten aufeinander eingedroschen und mit Messern aufeinander eingestochen.

Vierck redet immer wieder über die R44 und besonders über einen Jungen, den auffälligsten, unruhigsten, vorlautesten: Ali Kaya war nicht groß gewachsen, aber kräftig gebaut, mit stechenden Augen – ein Anführer. Er war Gangchef und die selbst ernannte „Stimme von Neukölln“.

Vierck kennt ihn, seit er klein war. Als Kaya das erste Mal im Garten war, stieg er auf einen Baum und brach einen Ast ab. Vierck hat ihn an den Schultern gepackt, geschüttelt und angeschrien: „Nie wieder machst du das! Hörst du!“ Das nächste Mal bekam er von Vierck einen Apfel und Wasser. Vierck schoss den türkischen Jungs den Fußball zurück, wenn der über den Zaun geflogen war. Und er half ihnen mit den Hausaufgaben, wenn sie gefragt haben. Später in der Pubertät kam Ali Kaya in den Garten, wenn sein Vater ihn nachts nicht mehr ins Haus ließ. Sein Vater ist der Imam der Moschee nebenan. Ein strenger Mann, der nicht wollte, dass sein Sohn sich zu lange draußen herumtreibt, und der die Tür abschloss, wenn Ali bis Mitternacht nicht zurück war. Im Sommer nahm Ali sich dann eine Decke und übernachtete im Comenius-Garten, unter freiem Himmel, über ihm die Äste der Birn- und Apfelbäume. „Herr Vier-Eck“ – alle Kinder hier rufen ihn so, wie das geometrische Muster – „Herr Vier-Eck“, sagt Kaya, „war für mich wie ein Vater. Er hat uns aufgenommen, selbst als alle anderen mit uns nichts zu tun haben wollten.“

Die Schlägereien fingen meistens mit langen Blicken an. Wenn zu lange geguckt wurde, ging das große Hauen und Stechen los. Und wenn sie sich nicht schlugen, dann randalierten sie in U-Bahnhöfen, sie haben MP3-Player „abgezogen“ und die Arrestzelle der Neuköllner Polizei mit Graffiti zugesprüht. Sie hatten Schlagringe dabei, Teleskopstöcke, Schreckschusspistolen, Klappmesser und manchmal Macheten, „Die Macheten sollten nur Angst machen. Die haben wir nie eingesetzt“, sagt Kaya heute. Das ist ihm dann doch wichtig, dass sie so verroht nicht waren. Sie waren dabei Jäger und Gejagte. Das Spiel mit der Gefahr wäre auch für sie immer wieder beinahe schiefgegangen. Einmal zogen Mitglieder eines arabischen Clans mit Schusswaffen durch Neukölln und suchten Kaya. „Wegen eines Missverständnisses“, wie er sagt. Ein anderes Mal rannten er und ein paar Freunde auf der Flucht vor der Polizei in einen U-Bahnschacht. Nach drei, vier Minuten hörten sie die Bahn auf sich zufahren. Sie pressten sich an den Rand des Tunnels. Die Polizei nahm sie dann trotzdem fest, als sie am anderen Ende wieder rauskamen.

Im Comenius-Garten aber waren sie anders. Vierck sagt, es sei ein Ort der Selbstbestimmung für die Jugendlichen. Sie müssten sich hier nicht so sehr beweisen. Sie könnten auch mal Schwäche zeigen.

Einmal, als Kaya mit Freunden im Pavillon zusammensaß, kamen zehn jüngere türkische Jungs vorbei. Er kannte sie. Es waren jüngere Geschwister seiner Freunde. Sie sagten Ali Kaya, dass sie sich mit einer arabischen Gang verabredet hätten – um zu kämpfen. Mit dabei hatten sie Schlagstöcke, Totschläger, Messer. Und jetzt wollten sie damit direkt vor der Statue von Comenius Blut fließen lassen. „Denen zeigen wir’s“, haben sie gesagt. Ali Kaya fuhr sie an: „Was macht ihr hier? Seid ihr verrückt geworden?!“ Er erinnerte sie daran, dass er ihre Eltern kennt und ihre Brüder. Er erklärte ihnen, dass der Garten dafür nicht der Ort ist. Und dann nahm er, der Ältere, den Jüngeren ihre Waffen ab und schickte sie weg.

Saskia Schabon, neukoellner.net: Hidden Place

Haben Sie denn das Gefühl, dass das Verhältnis der Kinder zu Natur bzw. Garten unterschiedlich geprägt ist, je nach kulturellem Hintergrund?

Ja, natürlich. Obwohl die Gartenkultur eine Kultur ist, die die meisten Menschen miteinander verbindet. Ein leider unschönes Beispiel: Wir haben hier einige Quitten im Garten und in den letzten Jahren haben wir da immer so gut sieben Kisten ernten können, aber in diesem Jahr waren es nur eineinhalb. Die Neuhinzuziehenden klauen. In der migrantischen Kultur hingegen, hier vorwiegend der muslimischen, ist es ‚haram’, also verboten, ohne Erlaubnis Früchte vom Baum zu pflücken.

Und noch einmal die Süddeutsche:

Neukölln hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Erst kamen die Studenten mit ihren Bars. Dann die Familien, mit teuren Kinderwagen, Fahrradanhängern und Holzspielzeug. Sie alle lieben den Comenius-Garten. „Für die, die herziehen, ist das ein Park“, sagt Vierck. „Die kommen mit Decken an und wollen sich in die Gräser legen. Und bringen gleich noch eine Flasche Rotwein mit.“ Also muss er jeden Tag jemandem das Alkoholverbot erklären oder die Empfindlichkeit der Gräser. Das nervt ihn. Mit der Großmäuligkeit der Jugendlichen kann er umgehen. Aber an der Selbstverständlichkeit, mit der die Neuen sich breitmachen, verzweifelt er. …

„Ich bereue es. Ich bereue es jetzt und ich bereue es morgen. Ich versuche händeringend, hier rauszukommen. Es ist anstrengend. Es geht an die physischen Grenzen. Man muss lächeln, man muss pflücken, man muss Lösungen finden. Jede Verletzung braucht eine Intervention, jeden Tag gibt es Verletzungen.“

Zehn Minuten später behauptet er dann wieder: „Der Garten hat mich gerettet.“


 

Comenius-Garten

Wunderforschung

Johann Amos Comenius (1592-1670)

Die Tugend wird durch Taten, nicht durch Reden gepflegt.

Es genügt nicht, etwas sicher zu können, man muß Leichtigkeit erstreben.

Ich danke meinem Gott, daß er mich mein ganzes Leben hindurch einen Mann der Sehnsucht hat sein lassen.


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3 Gedanken zu „Im Paradies gibt es keine Tüten

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