Heimat

Mit 15 wurde ich entgültig aus der Heimat meiner Kindheit vertrieben. Ich wurde gegen meinen Willen, gegen jede Vernunft aus einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen in eine Kleinstadt im ländlichen Oberbayern verschleppt. Mein Vater hatte sich – ohne Rücksprache mit der Familie zu halten – aus der Großstadt nach München versetzen lassen. Die Münchner Mieten waren auch damals schon abstrus hoch, weswegen am Rande der Kleinstadt ein Eigenheim in einer Neubausiedlung bezogen wurde, hübsch gelegen zwischen Bahndamm und Klärwerk. Eigentlich landete ich in einem Dorf, das aber als Kreisstadt fungiert, wo der Bahnhof stolze zwei Gleise hat, wo es Schulen und eine Mehrzweckhalle gibt. Von Stadtluft macht frei keine Spur, es ist dort bis heute nicht einmal bairisch-pittoresk. Stattdessen gibt es soziale Kontrolle, Ausgrenzung alles und jedes Fremden, mia san mia und des hamma scho immer so gmacht.

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NomNom: Kaninchen

 

Wahrscheinlich wird mich das jetzt ein paar Leser kosten: beim Anblick kleiner Tieren neige ich weniger dazu, sie überaus niedlich zu finden, sondern zu schätzen, wie viele Leute ich mit ihnen satt bekäme. Mit diesem Blick betrachte ich Hühner (2-3 Leute), Enten (3-4), Milchlämmer und -ziegen (6-12) und eben auch Kaninchen (in der Entenkategorie). Dazu kommt erschwerend, daß ich liebend gern gut zubereitete Tierteile in die Hand nehme und abknabbere und daß ich jedes Essen Spitze finde, das sich fast von selber kocht – nachdem ich eine Flasche Rot-/Weißwein oder trockenen Sherry darüber gegossen habe.

Erfreulicherweise werden Kaninchen in Deutschland nackig verkauft, denn es gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, sie zu häuten. Das ist diffizil und erstaunlich anstrengend und ich schlachte und rupfe lieber 3 Hühner als 1 Kanickel abzuziehen. Der Grund übrigens, warum Kaninchen oft mit Kopf verkauft werden, ist ein in unseren privilegierten Breiten fast schon historischer, denn in Hunger- und Mangelzeiten wurden Katzen (Dachhasen) als Kaninchen ausgegeben. Wenn Pfoten und Kopf abgetrennt sind, kann man sie kaum voneinander unterscheiden. Nein, Katzen esse ich nicht. Aber zu Hund wurde ich mal in Nordvietnam eingeladen. Es wäre extrem unhöflich gewesen, diese Einladung auszuschlagen oder im Essen herumzustochern und es war: köstlich. Dafür wird übrigens keiner Witwe ihr Schoßhund entrissen, sondern das sind eigens dafür gezüchtete Speisehunde, teurer als Rindfleisch.

Sind Nahrungstabus nicht eigentlich extrem interessant? Menschen, für die Hund ein teures und seltenes Luxus-Winteressen ist, wird speiübel schon beim Gedanken an faule Milch also known as Käse. Mir wurde übel beim Anblick daumenlanger fetter Larven von ichweißnichtwas, frisch aus dem Reisfeld in den Reisbauern-Mund gesteckt. Ich liebe Gambas in jeder Variante, die sich von den Larven hauptsächlich durch die Farbe unterscheiden, rohe Austern (4 reichen), Sushi, Sashimi und Matjes. Passionierte Schinkenesser können mühelos verdrängen, daß sie mit den Schinkenlieferanten eine mehr als 90-prozentige genetische Übereinstimmung haben und daß Schweine sehr intelligente und empfindsame Tiere sind. Die wiederum von den Angehörigen zweier Weltreligionen als absolutes Nahrungstabu – unrein – betrachtet werden.

Aber auch der Verzicht auf tierisches Eiweiß allein rettet die Welt nicht. Wer das für sich in Anspruch nehmen möchte, beschäftige sich gelegentlich mit z.B. dem Plastikmeer in der Halbwüste zu Almeria und in so mancher Gegend im südlichen Italien. Wo nicht nur ökologische Katastrophen ihren Lauf nehmen, weil durch die Tiefbrunnen der Grundwasserspiegel ins Bodenlose sinkt und wegen der bewässerungsbedingten Versalzung der Böden außerhalb der Gewächshäuser kein Baum, kein Strauch mehr wächst. Sondern wo auch „Illegale“ aus z.B. Ghana unsere Tomaten pflücken, weil der Export von Tomatenmark aus der EU (inzwischen auch aus China) den ghanaischen Tomatenanbau unrentabel und sie arbeitslos machte.

Der Weg zu weniger Malträtierung von Mitgeschöpfen und Umwelt liegt nach meiner Meinung nicht in moralinsauren Zeigefingern, sondern in bewußtem Genuß. Fleisch ist für mich immer ein Festessen, das ich Gästen und mir vielleicht ein oder zwei Mal im Monat auftische. Die übrige Zeit esse ich (von Schinken abgesehen) vegetarisch, oft vegan und kaufe möglichst lokal/saisonal/bio. Hier geht es um ein solches Festessen, man nehme also:

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Das Lager als fremder Planet

UNHCR und World Food Program haben die Essensrationen für rund 490.000 Flüchtlinge in kenianischen Lagern um ein Drittel gekürzt. Nicht, weil die Flüchtlinge wegen übermäßiger Leibesfülle Diät halten müßten, sondern weil die für den Betrieb der Lager in den nächsten 6 Monaten nötigen 24 Millionen Euro nicht bezahlt wurden.

Erneute Unterfinanzierung, obwohl die Vereinten Nationen schon vor 6 Monaten warnten, der Welt stehe die größte humanitäre Katastrophe seit dem 2. Weltkrieg bevor, wegen der Gefahr von Hungersnöten in Sudan, Somalia, Nigeria und Yemen. 20 Millionen Menschen sind wegen menschengemachtem Hunger und ausgebliebenem Regen in Lebensgefahr.

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Peace and Harmony according to Aung San Suu Kyi

Aung San Suu Kyi hat heute eine Rede gehalten, in die die meisten deutschsprachigen Medien (Zeit Online, Tagesspiegel, Welt, FAZ) hineinlesen, sie habe erstmals die Gewalt gegen die Rohingya verurteilt oder gar Partei für sie ergriffen.

Das ist vor allem eins: falsch. Sie hat die Rohingya nicht mal erwähnt, geschweige denn, die ethnischen Säuberungen des Militärs und nationalfaschistischer Buddhisten verurteilt.

“We condemn all human rights violations and unlawful violence” … “We feel deeply for the suffering of all the people caught up in the conflict.”

Ein Äquivalent zu Trumps ‚on many sides‘, das dem schon gewohnten Narrativ der Regierung entspricht, die seit Wochen behauptet, Rohingya würden ihre Dörfer selbst niederbrennen, nichtmuslimische Bürger in Rakhine bedrohen und töten und sie seien sowieso illegale Einwanderer aus Bangladesh.

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Innerer Vorbeimarsch (klein)

Der obige Artikel erschien am 30.6.17 in der Print-FAZ (online am 29.6.) – punktgenau zum Tag der Abstimmung über die ‚Ehe für alle‘. Mutmaßlich gehören die „Fremden Federn“ David Berger, Betreiber der Muslim-Hasser-Plattform ‚Philosophia Perennis‘, wo er in fast wortgleicher Form am gleichen Tag veröffentlicht wurde.

Gestern tagte endlich der Presserat, es wurde eine öffentliche Rüge an die FAZ ausgesprochen:

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Genozid =/= „Kämpfe eskalieren“

Neue Zürcher Zeitung: Die Kämpfe zwischen der Minderheit der Rohingya und der burmesischen Armee eskalieren

Frankfurter Rundschau: Militante Rohingya lösen schwere Kämpfe aus

Das folgende hinkt – wie jeder Vergleich mehr oder minder hinkt – aber wie empfänden Sie eine solche Schlagzeile: „Aufstand im Warschauer Ghetto löst Vernichtung von Juden aus?“

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„Illegale Migration“

Süddeutsche:

Beim Migrationsgipfel in Paris haben sich die Teilnehmer darauf geeinigt, Flüchtlinge mit Aussicht auf Asyl künftig schon in Afrika zu „identifizieren“.

Außerdem sprachen sie sich dafür aus, „die Umsiedlung von besonders gefährdeten Menschen zu organisieren, die Schutz brauchen“.

Vorbedingung für die legale Migration aus Afrika sei aber, dass die illegale Migration beendet wird, sagte Merkel.

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Wahlkampf mit Innenministermitteln

Keine Ahnung, wie Sie das halten. Wenn ich nach detaillierter Information zu Naziaufmärschen und zu Polizeigewalt bei Demonstrationen und Räumungen suche, stelle ich ein bißchen Salz bereit und konsultiere linksunten.indymedia. Bei mancher Wortwahl dreht es mir zwar die Augen himmelwärts, mitunter denke ich mir Auch Du, Genosse, könntest mal Deinen Testosteron-Überschuß in den Griff bekommen, in aller Regel werde ich aber gut bedient mit besagter Detail-Information, meist mit ergänzenden links zu Videos, Social Media, Zeitungsartikel. Höchstwahrscheinlich bin ich kriminell.

Thomas de Maizière hat linksunten.indymedia heute morgen verboten, die Pressekonferenz aus dem Bundesinnenministerium zum Nachhören (los geht’s bei ungefähr Minute 12:50).

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