Werbung. Für Schwangerschaftsabbruch

Um mit zwei absichtvollen Fehlschlüssen aufzuräumen:

  • Niemand ist für Schwangerschaftsabbruch. Eine Abtreibung ist aber manchmal die weniger schlechte von zwei schlechten Optionen. Die Abwägung und Entscheidung kann letztendlich nur die ungewollt schwangere Frau treffen.
  • Die Bereitstellung von Information hinter dem Wort Schwangerschaftsabbruch auf der Website einer Ärztin ist keine Werbung, sondern zeugt von ärztlicher Fürsorge und Kompetenz.

Das Amtsgericht Gießen hat heute die Ärztin Kristina Hänel zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt, nachdem sie zum wiederholten Mal von einem evangelikalen „Lebensschützer“ angezeigt worden war. Der „Gehsteigberatungen“ vor Arztpraxen organisiert und durchführt. Der einen Ärzte-Pranger auf seiner Website unterhält. Der Abtreibungen für Mord hält und mit dem Holocaust vergleicht.
Zitat von seiner Website (nicht verlinkt, Seite heißt Babycaust, ihr Betreiber Klaus Günter Annen)

Der Holocaust der Nazis ist der Inbegriff des Grauens im Dritten Reich
Gibt es eine Steigerungsform der grausamen Verbrechen?
Ja, es gibt sie!
Abtreibung ist MORD, es gibt dafür kein anderes Wort!

 


 

Es ist ein einziges Wort, das Kristina Hänel in diese … Lage gebracht hat: „Schwangerschaftsabbruch“. Dieses Wort steht auf der Webseite der Ärztin, neben Begriffen wie „Familienplanung“ und „Lungenfunktionsuntersuchung“.

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Rascheln im Blätterwald

Es kommt sehr selten vor, daß Frau Klöckner von der CDU irgendetwas von sich gibt, bei dem ich nicht schreiend den Raum verlassen möchte. Aber zur Beendigung der Sondierungsgespräche (aka Gespräche vor Koalitionsverhandlungen) durch die FDP traf sie den Punkt: Gut vorbereitete Spontanität.

Selbst das FDP-Social-Media-Pic lag längst parat:

„Den Geist des Sondierungspapiers können wir nicht verantworten. Wir wären gezwungen, unsere Grundsätze aufzugeben und alles das, wofür wir Jahre gearbeitet haben. Wir werden unsere Wähler nicht im Stich lassen, indem wir eine Politik mittragen, von der wir nicht überzeugt sind. Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.“

Zur Erfassung besagter „Grundsätze“ rate ich zur Lektüre der Geschichte der FDP von Udo Leuschner. Aus der geht u.a. hervor, daß die FDP zu keiner Zeit eine Abgrenzung zum Bräunlich-Übelriechenden für nötig gehalten hat und in Zeiten der FDP-Wähler-Abwanderung zur Lucke-AfD und einiger Rückwanderung von der Gauland-AfD garantiert nicht damit anfangen wird.

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NomNom: Elisen

Pfeffer- und Honigkuchen, Gingerbread aller Herren Länder, Pain d’Espices und ganz besonders die mir widerlichen, zwischen den Zähnen knirschenden Aachener Printen: geht nach Hause! Alles nur müder Abklatsch der einzig wahren Lebkuchen: Elisen. Die kommen ohne Mehl aus und zwar schon lange, bevor irgendwer °Gluten° auch nur aussprechen konnte, geschweige denn, allergisch dagegen war.

Die Legende berichtet, daß Elisabeth, die einzige Tochter eines verwitweten Nürnberger Lebkuchenbäckers, sehr schwer erkrankt war und keine Arznei und kein Arzt ihr zu helfen vermochte. Also ging der Lebkuchenbäcker in seiner Angst und Not in seine Lebkuchenbackstube und backte für seine Tochter den besten, köstlichsten und wertvollsten Lebkuchen der Welt. Der Wert von Zimt, Vanille, Nelken, Kardamom, Koriander, Piment, Pfeffer und Ingwer entsprach ihrem Gewicht in Silber, denn nichts war ihm für seine Elisabeth zu teuer. Nur feine Gewürze, nur kandierte Orangen, nur Nüsse und Mandeln, nur Zucker und Eier nahm er, das Mehl ließ er weg. Der Lebkuchen kam weich und lieblich duftend aus dem Ofen und er verzierte ihn liebevoll, damit sich seine Tochter schon am Anblick erfreue. Sie probierte vorsichtig ein Eckchen und dann noch ein Stückchen und noch ein Stück, sie lächelte selig, aß ihn ganz auf und wurde auf wunderbare Weise gesund. Der Lebkuchenbäcker und seine Tochter lebten lange glücklich und zufrieden und der weltbeste Lebkuchen hatte einen Namen: Elisenlebkuchen.

Entgegen südwestdeutscher Meinung kann der auch außerhalb von Nürnberg gebacken werden und das ist gar nicht schwierig, bloß ein bißchen klebrig.

Man nehme also:

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Zimt und Erinnerung

 

Hat der Leser etwas von gleichlaufenden und zweigleisigen Zeitsträngen gehört? Ja, es gibt Nebengleise der Zeit, ein wenig illegal und problematisch, doch wenn man solche Konterbande mit sich führt wie wir, ein überzähliges Ereignis, das nicht einzureihen ist, darf man nicht wählerisch sein.

 


 

Ich bin heute morgen mit einem Melodiefragment im Kopf aufgewacht, das ich nicht zuordnen konnte und das mich schier verrückt machte. Bis mir ein in jeder Hinsicht phantastischer Abend im Theater am Ufer vor einem Vierteljahrhundert wieder einfiel: Die Zimtläden, Teatr Kreatur.

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Unverwundbar

Etwa 790.000 Menschen weltweit töten sich jedes Jahr selbst. Mehr als 500.000 davon sind Männer. Suizid ist die 17.-häufigste Todesursache weltweit, für die 15 bis 29-jährigen die 2.-häufigste (nach Unfällen). In Deutschland bringen sich jeden Tag 3 Jugendliche um und 10 versuchen es. Bei uns nimmt sich alle 52 Minuten ein Mensch das Leben, alle 5 Minuten findet ein Suizidversuch statt, alle 9 Minuten verliert jemand einen ihm lieben Menschen durch Selbsttötung.

73% aller Suizide in Deutschland werden von Männern verübt. Während die Suizidrate generell rückläufig ist (außer bei Kindern und Jugendlichen), steigt die Zahl ungeklärter Todesfälle. Es ist davon auszugehen, daß z.B. eine ganze Menge Verkehrsunfälle eigentlich Suizide sind.

Kaum jemand tötet sich out of the blue. Fast jedem Suizid und jedem Versuch dazu gehen Hinweise und Warnzeichen voran. Sehr viele Suizidale wollen nicht ihrem Leben ein Ende setzen, sondern ihren Problemen.

 


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In a nutshell

 

Die Zeichnung bringt es auf den Punkt – egal, ob und wie sich Betroffene äußern oder ob sie schweigen: es wird garantiert gegen sie verwendet. Ich tu’s trotzdem von Zeit zu Zeit.

So gut wie alle Frauen und Männer kennen Sexismus aus eigener Erfahrung und weit mehr, als Sie wahrscheinlich glauben, sind von sexualisierter Gewalt betroffen. Eigentlich sind wir die Mehrheit. Trotzdem glaubt fast jede/r, mit der Beschämung und dem Leid alleine zu sein, denn Scham und Schande sexualisierter Grenzüberschreitungen klebt nicht an den Grenzüberschreitern, sondern zuverlässig an denen, auf die übergegriffen wurde. Um wenigstens das zu ändern, gibt es von Zeit zu Zeit Social-Media-Phänomene wie #Aufschrei oder aktuell #MeToo. Es scheint vielen gut zu tun, sich nicht mehr ganz so allein zu fühlen.

Nicht so gut tut, wenn rschlchr solche hashtags zum Anlaß nehmen, ihren inneren Schweinehund ausgiebig Gassi führen. Nicht so gut tut auch, daß sich am Elefanten im Gesellschaftszimmer seit Jahrzehnten wenig ändert, auch nicht seit den letzten Skandalen in Kirche, Internaten, bei den Grünen, nicht nach #Aufschrei, nicht nach #ausnahmslos. Der allgegenwärtige Sexismus und dessen Extrem-Form, die sexualisierte Gewalt, wird lieber an „Nafris“ o.ä. ausgelagert, der Muslim ist schuld und unser Unglück.

Oder, auch schön: die Betroffenen sind selber schuld. Weil: sie haben unzweideutige Grenzziehung versäumt, tragen die Bluse nicht geschlossen genug, haben den Armlängen-Rat nicht beherzigt, den Fluchtweg nicht geklärt, sind nicht selbstbewußt genug, haben ein „Opfer-Abo“. Woher sollten rschlchr auch wissen, wo sie aufhören und wo andere Menschen anfangen?

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Heimat

Mit 15 wurde ich entgültig aus der Heimat meiner Kindheit vertrieben. Ich wurde gegen meinen Willen, gegen jede Vernunft aus einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen in eine Kleinstadt im ländlichen Oberbayern verschleppt. Mein Vater hatte sich – ohne Rücksprache mit der Familie zu halten – aus der Großstadt nach München versetzen lassen. Die Münchner Mieten waren auch damals schon abstrus hoch, weswegen am Rande der Kleinstadt ein Eigenheim in einer Neubausiedlung bezogen wurde, hübsch gelegen zwischen Bahndamm und Klärwerk. Eigentlich landete ich in einem Dorf, das aber als Kreisstadt fungiert, wo der Bahnhof stolze zwei Gleise hat, wo es Schulen und eine Mehrzweckhalle gibt. Von Stadtluft macht frei keine Spur, es ist dort bis heute nicht einmal bairisch-pittoresk. Stattdessen gibt es soziale Kontrolle, Ausgrenzung alles und jedes Fremden, mia san mia und des hamma scho immer so gmacht.

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NomNom: Kaninchen

 

Wahrscheinlich wird mich das jetzt ein paar Leser kosten: beim Anblick kleiner Tieren neige ich weniger dazu, sie überaus niedlich zu finden, sondern zu schätzen, wie viele Leute ich mit ihnen satt bekäme. Mit diesem Blick betrachte ich Hühner (2-3 Leute), Enten (3-4), Milchlämmer und -ziegen (6-12) und eben auch Kaninchen (in der Entenkategorie). Dazu kommt erschwerend, daß ich liebend gern gut zubereitete Tierteile in die Hand nehme und abknabbere und daß ich jedes Essen Spitze finde, das sich fast von selber kocht – nachdem ich eine Flasche Rot-/Weißwein oder trockenen Sherry darüber gegossen habe.

Erfreulicherweise werden Kaninchen in Deutschland nackig verkauft, denn es gehört nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, sie zu häuten. Das ist diffizil und erstaunlich anstrengend und ich schlachte und rupfe lieber 3 Hühner als 1 Kanickel abzuziehen. Der Grund übrigens, warum Kaninchen oft mit Kopf verkauft werden, ist ein in unseren privilegierten Breiten fast schon historischer, denn in Hunger- und Mangelzeiten wurden Katzen (Dachhasen) als Kaninchen ausgegeben. Wenn Pfoten und Kopf abgetrennt sind, kann man sie kaum voneinander unterscheiden. Nein, Katzen esse ich nicht. Aber zu Hund wurde ich mal in Nordvietnam eingeladen. Es wäre extrem unhöflich gewesen, diese Einladung auszuschlagen oder im Essen herumzustochern und es war: köstlich. Dafür wird übrigens keiner Witwe ihr Schoßhund entrissen, sondern das sind eigens dafür gezüchtete Speisehunde, teurer als Rindfleisch.

Sind Nahrungstabus nicht eigentlich extrem interessant? Menschen, für die Hund ein teures und seltenes Luxus-Winteressen ist, wird speiübel schon beim Gedanken an faule Milch also known as Käse. Mir wurde übel beim Anblick daumenlanger fetter Larven von ichweißnichtwas, frisch aus dem Reisfeld in den Reisbauern-Mund gesteckt. Ich liebe Gambas in jeder Variante, die sich von den Larven hauptsächlich durch die Farbe unterscheiden, rohe Austern (4 reichen), Sushi, Sashimi und Matjes. Passionierte Schinkenesser können mühelos verdrängen, daß sie mit den Schinkenlieferanten eine mehr als 90-prozentige genetische Übereinstimmung haben und daß Schweine sehr intelligente und empfindsame Tiere sind. Die wiederum von den Angehörigen zweier Weltreligionen als absolutes Nahrungstabu – unrein – betrachtet werden.

Aber auch der Verzicht auf tierisches Eiweiß allein rettet die Welt nicht. Wer das für sich in Anspruch nehmen möchte, beschäftige sich gelegentlich mit z.B. dem Plastikmeer in der Halbwüste zu Almeria und in so mancher Gegend im südlichen Italien. Wo nicht nur ökologische Katastrophen ihren Lauf nehmen, weil durch die Tiefbrunnen der Grundwasserspiegel ins Bodenlose sinkt und wegen der bewässerungsbedingten Versalzung der Böden außerhalb der Gewächshäuser kein Baum, kein Strauch mehr wächst. Sondern wo auch „Illegale“ aus z.B. Ghana unsere Tomaten pflücken, weil der Export von Tomatenmark aus der EU (inzwischen auch aus China) den ghanaischen Tomatenanbau unrentabel und sie arbeitslos machte.

Der Weg zu weniger Malträtierung von Mitgeschöpfen und Umwelt liegt nach meiner Meinung nicht in moralinsauren Zeigefingern, sondern in bewußtem Genuß. Fleisch ist für mich immer ein Festessen, das ich Gästen und mir vielleicht ein oder zwei Mal im Monat auftische. Die übrige Zeit esse ich (von Schinken abgesehen) vegetarisch, oft vegan und kaufe möglichst lokal/saisonal/bio. Hier geht es um ein solches Festessen, man nehme also:

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Das Lager als fremder Planet

UNHCR und World Food Program haben die Essensrationen für rund 490.000 Flüchtlinge in kenianischen Lagern um ein Drittel gekürzt. Nicht, weil die Flüchtlinge wegen übermäßiger Leibesfülle Diät halten müßten, sondern weil die für den Betrieb der Lager in den nächsten 6 Monaten nötigen 24 Millionen Euro nicht bezahlt wurden.

Erneute Unterfinanzierung, obwohl die Vereinten Nationen schon vor 6 Monaten warnten, der Welt stehe die größte humanitäre Katastrophe seit dem 2. Weltkrieg bevor, wegen der Gefahr von Hungersnöten in Sudan, Somalia, Nigeria und Yemen. 20 Millionen Menschen sind wegen menschengemachtem Hunger und ausgebliebenem Regen in Lebensgefahr.

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