„unterkomplexe Straflust“

Ein Artikel (Muri Darida, Zeit Online), der den üblichen Umgang unserer Gesellschaft mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder – Ruf nach Verschärfung des Strafrechts – vom Kopf auf die Füße stellt.

Als könnte das Strafrecht allzu viel bewirken gegen einen gesamtgesellschaftlichen Mißstand! Eher das Gegenteil ist der Fall. Den allermeisten Betroffenen nützt es wenig bis gar nichts, denn es kommt für sie immer zu spät, nach der Tat. Modernes Strafrecht soll die Gesellschaft vor künftigen Verbrechen schützen. Es ist nicht dazu gedacht, den zu Opfern Gemachten Genugtuung oder Schadenersatz oder einen Therapieplatz zu verschaffen.

Die gesellschaftliche Vorstellung darüber, was Betroffene wünschen und brauchen, ist näher an Auge für Auge, Zahn für Zahn. Der vermeintlich moderne Ersatz für Schwanz ab! oder Todesstrafe für Kinderschänder! ist lebenslang wegsperren!

Für Betroffene bedeutet das, daß die Gewalt gerichtsfest bewiesen werden muß, andernfalls haben sie besser den Mund zu halten und nicht weiter den Betrieb zu stören. Denn es gilt die Unschuldsvermutung. Für Täter m/w. Für Betroffene gilt die ja irgendwie weniger, ihnen wird nicht unbedingt geglaubt. Zusätzlich dürfen sie sich über Etiketten wie zerstörte Seele freuen.

Das größte Problem sind nicht zu niedrige Strafen, sondern das niedrige Entdeckungsrisiko, vor allem dann, wenn eben keine Bilder die Taten beweisen können. Legt man die Dunkelziffer und die Zahl der Schuldsprüche übereinander, wird klar: Bestraft werden schätzungsweise nicht mehr als ein Prozent aller mutmaßlichen Taten. Für die anderen 99 Prozent aller Fälle richten härtere Strafen also rein gar nichts aus. 


Es ist davon auszugehen, dass die meisten Menschen Täter*innen persönlich kennen, sie vielleicht lieben, von ihnen abhängen – oder welche sind. …

Um einen Umgang mit sexualisierter Gewalt an Kindern zu finden, der auch die Überlebenden der anderen 99 Prozent der Gewalt mitdenkt, ist es sogar kontraproduktiv, sich immer weiter auf verurteilte und verurteilbare Täter*innen zu konzentrieren und für auf diese vergleichsweise winzige Anzahl immer härtere Strafen zu fordern.

Denn die vielen Fälle im Dunkelfeld werden dabei ignoriert. Dafür gibt es Gründe: das enorme gesellschaftliche Stigma. Und die Vorstellung, dass „normale“ Menschen so etwas nicht tun. Dabei ist sexualisierte Gewalt an Kindern ein Massenphänomen …

Solange das Massenphänomen aber für eine monströse Ausnahme von der Normalität gehalten und die übergroße Mehrheit der Betroffenen ignoriert wird, bleibt uns das Thema auch weiterhin erhalten. Soviel ist sicher.

Nachtrag: Orr. Kaum ist der Blog fertig, ist der Artikel nur noch für Abonnenten verfügbar.

Screenshots Klick Klick Klick Klick Klick Klick Klick und der Schluß als Zitat:

Sexualisierte Gewalt ist kein primär juristisches, sondern ein soziales Problem. Die Auslagerung der Konsequenzen auf ein individualisiertes Justiz- oder auch Psychiatriesystem schützt lediglich den kollektiven Status quo und somit die Täter*innen.

8 Kommentare zu „„unterkomplexe Straflust“

  1. Dem stimme ich unbedingt zu. Wenn eine Sexualstraftat bekannt wird, geht immer ein Aufschrei durch die Medien; Schrecklich schrecklich… und die Strafen sind viel zu niedrig. Ein Aufschrei, der so tut, als wisse man nichts von den tagtäglichen sexuellen Übergriffen in den Familien.
    In meiner Beratungspraxis habe ich mit vielen Ratsuchenden zu tun, in der Kindheit durch Mitglieder der eigenen Familie oder nahe Freunde missbraucht wurden, wobei auch das zwischenmenschliche Vertrauen zerstört wurde, zumal auch Mütter durch Wegsehen und Verleugnen mitschuldig wurden. Die Ratsuchenden erwähnen solche Übergriffe anfangs meist nicht, denn sie müssen erst mühsam ein Vertrauen zum Therapeuten aufbauen, um sich überhaupt dazu äußern zu können. Als Kind hätten sie nie die Kraft gehabt, zB gegen den Bruder, den Vater, den Freund der Mutter auszusagen, da sie ja weiterhin in der Familie leben mussten. Die Alternative, das Heim, wäre noch grausamer gewesen. .

    1. Man will von der Alltäglichtkeit sexualisierter Gewalt gegen Kinder nichts wissen. Man könnte, aber man will nicht. Das ist die Schattenseite von Tabus. Ein Tabu ist ursprünglich ein heiliger Ort, der so verboten ist, daß man ihn nicht sehen, nicht betreten und nicht einmal denken kann. Das Tabu sexualisierter Gewalt gegen Kinder läßt zwar die Mehrheit der Kinder unvergewaltigt, schützt aber gleichzeitig die Täter und wirft die Opfer im hohen Bogen unter den Bus.

      Sexualisierte Gewalt in der Familie ist fast immer zusätzlich kompliziert, weil so ambivalent für die Betroffenen. Denn der Bezug zum Täter m/w ist gleichzeitig auch der zu einem geliebten oder mindestens gebrauchten Verwandten. Mütter, die wegsehen und verleugnen, haben oft eigene Mißbrauchserfahrungen als Kind. Der blinde Fleck bei Gewalt gegen die eigenen Kinder durch z.B. den Partner ist ein weiblicher Klassiker nicht aufgearbeiteter eigener Geschichte, ebenso wie toxische Partnerwahl. Was den unterlassenen Schutz der Schutzbefohlenen nicht besser macht.

    1. Willkommen N.Aunyn!
      Danke für die Ergänzung – aus meiner Sicht ist die gesellschaftliche Vorstellung vom Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder näher am besagten Vorurteil als am Talionsprinzip, das ja eine Form des Täter-Opfer-Ausgleichs anstrebt. Besagte gesellschaftliche Vorstellung fällt damit nicht nur hinter modernes Strafrecht, sondern auch hinter die vielgeschmähte Scharia zurück. Und das ist nicht nur anti-judaistisch, sondern auch anti-muslimisch.

  2. Ich freue mich Sie mal wieder zu lesen und dass Sie doch mal wieder schreiben. Ich glaube mittlerweile finde ich Sie wohl seit einer Dekade schon klug und einige Ihrer Texte, wie beispielsweise der über den Freund oder über Cato oder der von vorletztem Pfingsten haben mich nicht mehr richtig los gelassen. Vielleicht schreiben Sie ja jetzt wieder öfter? Ich jedenfalls würde mich freuen.

    1. „Ich freue mich Sie mal wieder zu lesen und dass Sie doch mal wieder schreiben.“
      Dem schließe ich mich an.

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