Innerer Vorbeimarsch (klein)

Der obige Artikel erschien am 30.6.17 in der Print-FAZ (online am 29.6.) – punktgenau zum Tag der Abstimmung über die ‚Ehe für alle‘. Mutmaßlich gehören die „Fremden Federn“ David Berger, Betreiber der Muslim-Hasser-Plattform ‚Philosophia Perennis‘, wo er in fast wortgleicher Form am gleichen Tag veröffentlicht wurde.

Gestern tagte endlich der Presserat, es wurde eine öffentliche Rüge an die FAZ ausgesprochen:

Kommentar diskriminiert Homosexuelle
Eine Rüge wegen diskriminierender Berichterstattung erhielt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. Die Zeitung hatte sowohl in der Print- als auch in der Online-Ausgabe einen Kommentar unter der Überschrift „Wir verraten alles, was wir sind“ über die Ehe für alle und damit verbundene Änderungen im Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Partnerschaften veröffentlicht. In dem Kommentar wurden in Form einer rhetorischen Frage aus Sicht des Presserats die Behauptungen aufgestellt, dass adoptierte Kinder aufgrund einer wegfallenden „Inzest-Hemmung“ ungleich stärker der Gefahr eines sexuellen Missbrauchs ausgesetzt seien und dass diese Gefahr bei homosexuellen Eltern aufgrund ihrer Homosexualität besonders hoch sei. Diese Behauptungen, für die es nach Auffassung des Presserats keinen wissenschaftlichen Beleg gibt, entfalten eine diskriminierende Wirkung gegenüber Homosexuellen und stellen einen schweren Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot nach Ziffer 12 des Pressekodex dar. Über den Kommentar hatten sich 31 Leser beim Presserat beschwert.


 

Aus meiner Sicht verstößt die FAZ-Niedertracht auch gegen Ziffer 1, 2, 9 und 10 des Pressekodex. Aber man muß wahrscheinlich schon fast beinahe dankbar sein, daß sich der Presserat überhaupt zu einer öffentlichen Rüge wegen des schweren Verstoßes gegen Ziffer 12 durchringen konnte.

Im Abschnitt „Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, dass adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr sexuellen Missbrauchs ausgeliefert sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?“ sehe ich einen Verstoß gegen den Pressekodex Ziffer 1, 2, 10 und 12.

Die in Frageform formulierte Unterstellung, homosexuelle Eltern verhielten sich auffällig viel häufiger pädokriminell als heterosexuelle Eltern, entspricht dem ältesten und miesesten Ressentiment gegen Homosexuelle überhaupt. Es gibt keine einzige seriöse Studie zu sexualisierter Gewalt gegen Kinder und zur Situation von Kindern in Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern, die das stützt. Die Unterstellung ist mittelbar auch ein Tritt ins Gesicht derjenigen, die sexualisierte Gewalt als Kinder durch Vater und/oder Mutter in Familien mit gegengeschlechtlichen Eltern erlebt haben – wo also die „Inzest-Hemmung“ keine Wirkung zeigte. Die Unterstellung, Homosexuelle mit und ohne Kinderwunsch hätten keine „sexual-ethischen Normen„, seien qua Rolle „sexuelle Outsider“ und pflegten eine „habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse“ ist in dieser Pauschalität unzutreffend und schürt Haß und Vorurteile gegen eine Minderheit.

Im Abschnitt „Was ist das überhaupt für ein „Kinderwunsch“? Wird euch das Kind nicht zur Ware narzisstischer Selbstbefriedigung? Oder eine soziale Verkleidung, hinter der wir uns nun wieder verstecken sollen? – Kinder kriegen – wie denn? Mit der Post aus der Gebär- und Besamungsmaschine?“ werden nicht nur Homosexuelle mit Kinderwunsch herabgewürdigt, sondern auch alle heterosexuellen Paare, die eine Form der künstlichen Befruchtung in Anspruch nehmen müssen. Die Inanspruchnahme moderner Medizin wegen eines auf natürlichem Weg unerfüllt gebliebenen Kinderwunsches entspricht – unabhängig von der sexuellen Identität – nicht notwendigerweise „narzisstischer Selbstbefriedigung„. Ungewollt kinderlos gebliebene Paare leiden oft sehr darunter – ich halte es für in hohem Maß geschmacklos, ihnen zu unterstellen, sie würden ein Kind „zur Ware“ machen, indem sie Reproduktionsmedizin in Anspruch nehmen. Nach meiner Meinung ist das ein Verstoß gegen Ziffer 1, 2, 10.

Für zweifelhaft halte ich, daß der FAZ-Artikel in ähnlicher Form etwa zeitgleich im extrem islamfeindlichen Blog von David Berger erschien (aus hygienischen Gründen hier nicht verlinkt). David Berger ließ überdies bei Twitter durchblicken, daß er hinter dem Pseudonym ‚Johannes Gabriel‘ stecken könnte. Reinhard Müller, der verantwortliche Redakteur der FAZ, räumte inzwischen ein, daß es sich bei ‚Johannes Gabriel‘ um ein Pseudonym handelt, eine Information, die im Text der FAZ fehlt. Nachzulesen ist das in zwei Artikeln bei meedia: Umstrittener Text zur Ehe für alle. Gastautor Johannes Gabriel ist ein Pseudonym und Schlimme Hetze oder Meinungsfreiheit? FAZ provoziert mit Gastbeitrag zur Ehe für alle einen veritablen Shitstorm.

Johannes Gabriel ist außerdem der bürgerliche Name mehrerer Personen, u.a. eines Schauspielers und eines Wissenschaftlers. FAZ, Reinhard Müller als verantwortlicher Redakteur, David Berger (oder wer auch immer der Autor dieser Infamie gewesen ist) nehmen billigend in Kauf, deren Reputation zu beschädigen, aus meiner Sicht ein Verstoß gegen Ziffer 2 und 9 des Pressekodex.


 

Aber nachdem sich die FAZ zunehmend als inoffizielles Parteiorgan der AfD profiliert, die Selbstverpflichtung zum Pressekodex (nicht nur bei der FAZ) zu einem nice-to-have degradiert wurde und die 10-wöchige Reaktionszeit des Presserates dem Holzmedien-Zeitalter angehört, fällt mein innerer Vorbeimarsch über die öffentliche Rüge der FAZ wegen ihres schweren Verstoßes gegen das Diskriminierungsverbot nach Ziffer 12 des Pressekodex übersichtlich aus.


 

Liebe Homosexuelle, es tut mir so leid, daß sich nur 31 Leser zu einer Beschwerde herbei ließen, ich dachte wirklich, es seien Hunderte beim Presserat eingegangen. Ich finde es erbärmlich, daß es möglich ist, eine solche Infamie in einem Leitmedium zu veröffentlichen – ohne tatsächlich schmerzhafte Sanktionen, z.B. durch Ex-Abonnenten und -Anzeigenkunden, die die Schürerei von Ressentiments gegen Minderheiten bei der FAZ nicht länger mittragen. Für das politische und mediale Kalkül, auf Ihrem Rücken politische Agenden auszutragen, auf diese Weise Auflage/Klickzahl zu mehren und Ressentiments salonfähig und wählbar zu machen, kann ich nicht um Entschuldigung bitten, denn das halte ich für unverzeihlich.

Ich schäme mich dafür in Grund und Boden. Weil: es ist vornehme Aufgabe der heterosexuellen weißen Mehrheitsbevölkerung, der ich angehöre, für die Menschenwürde und die gleichnamigen Rechte aller Minderheiten einzutreten.

Sie tut es nicht, kaum, viel zu wenig.


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13 Gedanken zu „Innerer Vorbeimarsch (klein)

  1. Liebe Dame von Welt,
    ich selbst gehöre zu den wenigen, die sich beim Presserat beschwert haben. Ich vermute, dass es unabhängig davon, wie mensch liebt, zu wenigen Menschen bekannt ist, das sich jede Privatperson beim Presserat beschweren kann.

    • … dass es … zu wenigen Menschen bekannt ist, das sich jede Privatperson beim Presserat beschweren kann.

      Das glaube ich auch. Außerdem, daß zu wenige wissen, daß die Online-Beschwerde keine 10 Minuten in Anspruch nimmt (oder wenn das Onlineformular wie bei mir versagt, vielleicht eine halbe Stunde und eine Email).

  2. Empörend war ja nicht nur der Inhalt des Artikels, sondern der Umstand, dass ein nicht als solches kenntlich gemachtes Pseudonym eingesetzt war. Ist das eigentlich ein Präzedenzfall in der Presse, oder kommt das häufiger vor? (Und danke für den Hinweis zur Online-Beschwerde!)

    • Ist das eigentlich ein Präzedenzfall in der Presse, oder kommt das häufiger vor?

      Ehrlich gesagt: ich weiß es nicht genau. Ich hielt die Kenntlichmachung von unter Pseudonym geschriebenen Texten bis neulich für Medien-Standard, z.B. wenn jemand durch Nennung des bürgerlichen Namens gefährdet würde.

      Das ist noch ein Punkt, der mich auf die Palme bringt und den David Berger bis zum get-no strapaziert: daß Kritik an homosexuellem Verhalten nicht geäußert werden dürfe, die Diskussion darüber verboten sei und daß er als Tabubrecher gefährdet sei. Auch für Berger gilt, daß er zwar jedes Recht auf die Äußerung seiner Meinung hat, nicht aber ein Recht auf Gehör und Diskussion oder ein Recht darauf, noch für voll genommen zu werden.

  3. Mageres Medieninteresse an der FAZ-Rüge:
    taz – Homophober Text war homophob
    SPON – Rügen für „Bild“ und „Frankfurter Allgemeine“
    Horizont – Presserat missbilligt G20-Verbrecherjagd der Bild / FAZ wegen Diskriminierung gerügt
    DWDL – Diskriminierung von Homosexuellen: Presserat rügt FAZ
    Grüne Fraktion Hessen – FAZ-Gastbeitrag: Rüge für diskriminierenden Beitrag zeigt funktionierende Selbstregulierung der Medien
    queer – Presserat rügt homophoben FAZ-Artikel

    Der FAZ-Beitrag hatte nach seiner Veröffentlichung hohe Wellen geschlagen und Spekulationen über den Autor ausgelöst. Der zuständige FAZ-Redakteur bestätigte damals gegenüber „Meedia“, dass es sich bei dem angegebenen Autorennamen um ein Pseudonym handelte. Der Grund: Der Autor verweise im Text darauf, „wie schwierig das sachliche Argumentieren dieser Angelegenheit in der Gay-Community ist – wer etwas anderes meint, wird gleich als ‚Verräter‘ gebrandmarkt“.

    In sozialen Netzwerken und in anderen Medien wurde spekuliert, dass es sich bei dem Autoren um den ehemaligen „Männer“-Chefredakteur David Berger handelt, der von „Spiegel Online“-Kolumnist Jakob Augstein in diesem Zusammenhang als „schwules Maschinengewehr Gottes“ bezeichnet wurde. Der Text war auch in einem Blog Bergers unter dem gleichen Pseudonym erschienen. Gegenüber der „Zeit“ bestritt Berger allerdings, der Autor zu sein.

  4. Liebe Dame von Welt, für Scham besteht überhaupt kein Anlass. Selbstverständlich sind sogenannte Minderheitenrechte immer auch Bürgerrechte und somit Menschenrechte, die alle etwas angehen. Sich stellvertretend für die Ignoranz oder Passivität anderer zu schämen, ist aber unnötig. Ich finde es gut, dass Sie sich verantwortlich fühlen und sich engagieren, aber hören Sie auf, sich zu schämen – das könnte nämlich schnell ein Fulltime Job werden … ;-) Ich bin selbst homosexuell, habe aber auch nicht daran gedacht, mich beim Presserat oder sonst einer offiziellen Stelle über den FAZ-Artikel zu beschweren. Sicher ist ein Denkzettel für die FAZ in dieser Hinsicht ganz lehrreich, aber er bestätigt am Ende ja auch nur die Paranoia des Autors vor Zensur und „Meinungsterror“. Es ist inzwischen wohl ziemlich sicher, dass David Berger, dieser fanatisierte Theologe, hinter dem berüchtigten FAZ-Kommentar steckt. Zumindest steht er zu 100 Prozent hinter dessen Aussage.

    Viel wichtiger als Beschwerden oder juristische Schritte finde ich die öffentlichen Entgegnungen, Diskussionen oder einfach Beiträge wie von Ihnen hier, für die ich mich an dieser Stelle auch mal bedanken möchte.

    • Herzlich willkommen, ob!
      Mit der Scham ist es so wie mit den meisten anderen Gefühlen: der Vernunft entzogen und nur bedingt steuerbar.
      Umgekehrt besteht überhaupt kein Anlaß, sich für den Blog zu bedanken.
      Mich freut’s, wenn er gelesen (und kommentiert) wird.

      Ich sollte vielleicht mal erwähnen, daß ich alles mit dem rechten Mittelfinger tippe und daß meistens Zorn (oder Entsetzen) der Anlaß für einen Blog ist. Die Gefahr der Fulltime-Scham ist also nicht allzu groß, ich mache mir eigentlich eher Gedanken um meinen früher strikten, inzwischen bröckelnden Gewaltverzicht.

  5. In der Ausgabe vom vergangenen Samstag nahm die FAZ endlich zur Rüge wegen des schweren Verstoßes gegen Ziffer 12 des Pressekodex Stellung, „ganz unten auf Seite sechs in der Rubrik „Wichtiges in Kürze“, neben Todesanzeigen„.
    Man möchte sich auch in Zukunft das Recht vorbehalten, gegen Homosexuelle zu hetzen.
    Das, nachdem sich der Geschäftsführer und der Justitiar der FAZ schon in der Beschwerde-internen Stellungnahme (die ich als Beschwerdeführer vertraulich zu behandeln habe) auf den Standpunkt gestellt hatten, Homosexuelle seien „keine soziale Gruppe„, weswegen das in Ziffer 12 festgeschriebene Diskriminierungsverbot gar nicht greife. What the fucking fuck?

    Via queer.de also die FAZ-Stellungnahme:

    Rüge des Presserats

    In der Ausgabe vom 30. Juni 2017 haben wir auf Seite 10 in der Rubrik „Fremde Federn“ einen Gastkommentar mit der Überschrift „Wir verraten alles, was wir sind“ veröffentlicht. Darin wird unter anderem folgende Frage gestellt: „Und ist es wirklich so abwegig, was manche Gegner der Homo-Ehe behaupten, dass adoptierte Kinder ungleich stärker der Gefahr sexuellen Missbrauchs ausgeliefert sind, weil die Inzest-Hemmung wegfällt und diese Gefahr bei homosexuellen Paaren besonders hoch sei, weil die sexuelle Outsider-Rolle eine habituelle Freizügigkeit erotischer Binnenverhältnisse ohne alle sexual-ethischen Normen ausgebildet habe?“

    Wegen dieses Beitrags hat der Beschwerdeausschuss 1 des Deutschen Presserats in seiner Sitzung am 14. September eine Rüge ausgesprochen. Der Beschwerdeausschuss sah die obige Frage als eine in Frageform gegossene Sachaussage an, für die es keinen wissenschaftlichen Beleg gebe. Diese enthalte eine diskriminierende Wirkung gegenüber Homosexuellen. Der Presserat bejahte insofern einen Verstoß gegen Ziffer 12 des Pressekodex.

    Sowohl in rechtlicher als auch in presseethischer Hinsicht bewerten wir den Fall anders als der Beschwerdeausschuss. Unserer Auffassung nach handelt es sich bei der beanstandeten Passage nicht um eine Tatsachenbehauptung, sondern um eine Frage, die als Meinungsäußerung einzustufen ist. Soweit sich Leser durch diesen Diskussionsbeitrag angegriffen oder herabgewürdigt fühlen, bedauern wir dies. Von der Freiheit, auch kontroversen Meinungen in unserer Zeitung Raum zu geben, werden wir jedoch weiterhin Gebrauch machen.

    Am Arsch die Räuber.
    Ich hoffe inständig, daß die FAZ Konsequenzen ihrer sowohl in rechtlicher als auch in presseethischer Hinsicht exotischen Minderheitenmeinung in Form finanzieller Einbußen zu spüren bekommt. Ihre Reputation als Leitmedium hat sie mit ihrer Entwicklung zum Hausblatt des pseudointellektuellen Wutbürgers ohnehin verspielt.

    Nicht nur, weil mir die späte, verschämt-unverschämte FAZ-Stellungnahme andernfalls entgangen wäre, möchte ich Ihnen an dieser Stelle den Blog von der Zaunfink wärmstens empfehlen: Ehe für alle – Wasserstandsmeldungen

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