Uwe Tellkamp in der Schöngeisterbahn

Wissen Sie, warum ich es u.a. so unerträglich finde, „Opfer“ genannt zu werden?

Weil ein Opferstatus jede Aggression, jede noch so maßlose Forderung und jede demokratie- und menschenfeindliche Haltung zur Notwehr adelt. Der Weg vom Opfer zum Täter kann sehr kurz sein.

 


 

Gestern fand – im Rahmen der Bewerbung Dresdens als europäische Kulturhauptstadt 2025 – eine Diskussion zwischen Durs Grünbein und Uwe Tellkamp im Dresdner Kulturpalast statt – Titel: Streitbar! Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?

Die Veranstaltung war so gut besucht, daß sie vom Foyer in den Konzertsaal verlegt werden mußte und sie war ein Spiegel der gesellschaftlichen Diskussion in a nutshell.

Dresden 2025 hat via Facebook gestreamt, ungefähr bei Minute 10 geht’s los (beim mdr gibt es einen Audiofile). Hören und sehen Sie sich das an, das ist spannend! Bei YouTube gibt es einen 20minütigen Auszug mit Tellkamps Thesen (featuring Götz Kubitschek) vom Recherchekollektiv Dresden – den ich unzureichend finde, denn Durs Grünbein argumentiert, wenn er mal zu Wort kommt, souverän und bildschön.

Nachtrag 14.3. Inzwischen gibt es auch ein vom Veranstalter autorisiertes Video der gesamten Diskussion. Die anderen Videolinks habe ich deswegen gelöscht.

Der gestrigen Diskussion vorangegangen waren Auseinandersetzungen auf der letzten Frankfurter Buchmesse, bei denen Stände rechtsradikaler Verlage (und das Gesicht des vor einigen Tagen verstorbenen Trikont-Gründers Achim Bergmann) Schaden nahmen. Eine Dresdner Buchhändlerin lancierte daraufhin die Charta 2017 und die dazugehörige Petition, (mit (Stand 9.3. 13h) 7.365 Unterstützern) – Uwe Tellkamp gehört neben u.a. Matthias Matussek, Vera Lengsfeld, Michael Klonovsky zu den Erstunterzeichnern – beantwortet von einem Aufruf von Dresdner Autoren.

Doreen Reinhard, Zeit Online:

Tellkamp blieb bis auf ein paar gelegentliche lokale Einwürfe auffallend still, jahrelang. Bis er nach der Frankfurter Buchmesse plötzlich seinen Namen hergab. Auf der Messe war es zu Turbulenzen zwischen den Veranstaltern, Besuchern und rechtsnationalen Verlagen gekommen. Kurz gefasst: Man bekam sich gegenseitig nicht in den Griff. Das Ganze wuchs sich zu einer diskursiven Großunwetterlage aus. In Dresden wurde wenig später gegen das Verhalten der Buchmessen-Organisatoren protestiert, mit einer sogenannten Charta 2017, in der einige Worte herausstachen: Man warnte vor einer „Gesinnungsdiktatur“. Initiiert wurde die Aktion von einer Dresdner Buchhändlerin, Tellkamp gehört zu den Erstunterzeichnern. Das kam einem Outing gleich, zumindest waren allerhand Menschen über seine Verortung in der Nähe solchen Vokabulars überrascht. Waren das nur ein paar Worte oder war da noch mehr?

 


 

Die Leipziger Buchmesse öffnet in wenigen Tagen. Rechtsradikale Verlage fühlen sich schon im Vorfeld unfair behandelt, weil sie räumlich eng zusammen gefasst wurden, die „Junge Freiheit“ sagte ihre Teilnahme bereits ab, u.a. weil sie ihren zu erwartenden wirtschaftlichen Erfolg für übersichtlich hält.

Was ist jetzt eigentlich eine Messe? Genau: eine Verkaufsveranstaltung, das gilt auch für Buchmessen. Es gibt kein Verlags- oder Autoren-Grundrecht auf Extra-Werbung und erfolgreichen Verkauf. Extra-Werbung haben besagte rechtsradikale Verlage und Autoren ohnehin im Übermaß, denn: es gibt keine schlechte Werbung.

 


 

Zu Meinungsfreiheit gehört Respekt. Ich darf meine Meinung sagen, aber bekomme Ohrfeigen dafür. Ich möchte Meinung äußern, ohne Furcht zu haben.

Uwe Tellkamp hat einen grundlegenden Punkt nicht verstanden: das Grundrecht auf Meinungsfreiheit beinhaltet mitnichten und -neffen ein verbrieftes Recht auf Respekt vor seiner Meinung. Er kann nicht erwarten, für seine Positionen liebgehabt zu werden und sie in allen Medien zustimmend bespiegelt zu sehen. Er kann, soll und muß wie jede/r andere auch seine Meinung frei äußern können, das muß toleriert aka geduldet werden. Alles darüberhinaus ist nicht Pflicht, sondern Kür. Er kann nicht erwarten, daß ihm zugestimmt wird. Auch nicht, daß seine Meinungen und seine eigenwilligen Wahrnehmungen unwidersprochen bleiben. Er kann nicht herbeiklagen, daß ihm zugehört und daß jede Diskussion jedes Mal aufs Neue ab Adam und Eva geführt wird. Und ganz sicher kann er nicht erwarten, daß ihm seine Ängste genommen werden.

Beispielhaft zu drei seiner Äußerungen:

Es ist blühender Unsinn, daß es Nazis gibt, weil Rechtsterroristen (und Protagonisten in ihrem Echoraum AfD und *gidas) „Nazis“ und „Pack“ genannt werden. Jede/r entscheidet als mündige/r Bürger*in höchstselbst über die eigene Denke, über Äußerungen und Handlungen.

Von einer schon bedenklichen Realitätsferne zeugt Tellkamps Verlautbarung, es seien ja nie Autos von Linken, die abgefackelt würden – ich rate (Beispiel) zu einem Blick nach Neukölln-Süd, (der im Tagesspiegel verschämt Sebastian T. genannte ist seit mehr als 10 Jahren einschlägig aktenkundig und ungebrochen aktiv).

Der laut Tellkamp beispiellose Umgang mit Sarrazin beförderte unseren Deutschlandabschaffer in zahllose Talkshows, verhalf ihm zu einer zusätzlich vergoldeten Pension, machte ihn zum Buchmillionär und zum vielbespiegelten Märtyrer der Meinungsfreiheit. Noch einmal: Meinungsfreiheit ungleich Deutungshoheit.

Ich kann dieses rechte Opfergeheule kaum noch ertragen, es ist so erbärmlich und so furchtbar dumm.

 


 

Am Rande: Moderation heißt nicht weitgehend stummes Herumsitzen, sondern aktive Strukturierung einer Diskussion. Eine gelungene Moderation zeichnet sich durch große Fachkenntnis, durch Neutralität und Durchsetzung halbwegs paritätischer Diskussionsbeteiligung aus. Von einer guten Moderation werden Fake-News korrigiert und die Diskussionsteilnehmer zum Austausch eng am Thema angehalten.

 


Anderswo:

Suhrkamp macht sich (Twitter) Tellkamps Meinung nicht zu eigen:

Aus gegebenem Anlass: Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln. #Tellkamp

Doreen Reichard, Zeit Online: Weltbürger trifft Sorgenbürger

Wer markiert zuerst seine Position? Die Entscheidung fällt per Münzwurf. Durs Grünbein startet mit seinem Plädoyer für die Meinungsfreiheit, „einem der höchsten Güter in einer vitalen Demokratie“. Von ihm kommt ein entschiedenes Nein zu „Angstpropaganda“ und „Weltuntergangsdemagogie“.

Tellkamp wiederum eröffnet mit einer Flut von Schnipseln. Berichte, Talkshows, Vorfälle, die er akribisch zusammengesammelt hat und im Stakkato vorträgt: „Ein Vortrag an der Frankfurter Universität des Polizeigewerkschaftlers Rainer Wendt wird abgesagt. Der Vorwurf: Rassismus und Racial Profiling. An einer Berliner Hochschule wird ein Gedicht von Eugen Gomringer von der Fassade entfernt … Die Universität Greifswald will den Namen Ernst Moritz Arndt ablegen …“ Hinter all dem, glaubt Tellkamp, stecke „Gesinnung“, ein „System“, angeführt von einer Regierung, die „die Kontrolle verloren hat“ und „Journalisten, die im Vorhinein auf Regierungslinie sind“.

Solche Sätze sind in Dresden nicht neu, nur hört man sie sonst im Pegida-Umfeld. Man kann das, was Tellkamp da unternimmt, als Experiment begreifen, und vielleicht ist es auch so gemeint. So könnte man hoffen, falls man zu seinen Gunsten denkt. Denn er selbst macht nichts anderes als das, was er den kritisierten „Eliten“ und Medien vorwirft. Er sucht sich Bruchstücke der Realität heraus, die Teile der Informationsflut, die seiner „Wahrheit“ entsprechen. Andere Bestandteile des Gesamtbilds unterschlägt er.

Im Dialog zwischen Grünbein und Tellkamp, das wird schnell klar, bricht sich dieselbe Konfrontation, die es zigfach in diesem Land gibt. Es treffen sich grundverschiedene Haltungen, die Welt wahrzunehmen, zu sortieren, eine Haltung einzunehmen. Grünbein, der Weltbürger, trifft auf Tellkamp, den Sorgenbürger. Der eine hortet Fußnoten von empfundenem Unrecht und besteht auf Satisfaktion. „Die Hamburger Morgenpost hat Dresden als braunen Schandfleck bezeichnet. So geht das in einem fort“, sagt Tellkamp. „Alles prasselt auf Dresden hernieder. Das hat doch eine Wirkung auf die Menschen. Da braucht man sich über die Reaktionen nicht zu wundern.“ Grünbein sucht die Ebene darüber. „Macht doch Dresden nicht zu einer Provinz, wo man darüber redet, wer wen zuerst beleidigt hat.“

Deutschlandfunk, Fazit, Alexandra Gerlach im Gespräch mit Vladimir Balzer: „Ein guter Streit, der da geführt wurde“

Marcus Thielking, Sächsische Zeitung – Harfe und Kontrabass

Das Thema des Abends – der Zustand der Meinungsfreiheit – geriet für eine ganze Weile in den Hintergrund, als sich die beiden Schriftsteller einen langen Schlagabtausch über Sinn und Unsinn der Flüchtlingspolitik lieferten. Moderatorin Karin Großmann, Chefreporterin der Sächsischen Zeitung, fragte schließlich noch einmal nach, wie die beiden Dichter die Rolle der Sprache und der Wortwahl in dieser Debatte bewerten. Grünbein betonte, wie wenig er mit Begriffen wie „Gesinnungsdiktatur“ anfangen könne.

Dirk Pilz, Berliner Zeitung: Rechtspopulistische Thesen

Es ging dann auch der Verleger und Propagandist der Neuen Rechten, Götz Kubitschek, ans Saalmikrofon, um Tellkamp beizupflichten, indem er behauptete, Meinungsfreiheit werde immer an den Rändern verteidigt, nicht in der Mitte der Gesellschaft, und „den Staat“ dabei aufforderte, das Recht auf Äußerungsfreiheit gerade an den Rändern durchzusetzen. Auch das ist ein typisches Muster der Neuen Rechten: von einer Demokratie einzufordern, dass sie demokratiefeindliche Meinungen zu schützen habe.

Entsprechend hat Kubitschek Tellkamp gefragt, ob nicht der Riss, der durch die Gesellschaft gehe, „unbedingt“ sein müsse, weil „alles auf den Tisch“ gehöre: „Ich bin strikt dafür, dass der Riss noch tiefer wird, dass die Sprache noch deutlicher wird“. Offenbar ist es genau das, was Tellkamp will – und er will damit, was die neofaschistischen Kräfte im Land wollen, nämlich den Riss und die Ressentiments zu vertiefen, um genau diese politisch zu instrumentalisieren.

Uwe Tellkamp hat also beinahe den gesamten Besteckkasten der neurechten Ideologie benutzt, hat Verschwörungstheorien zur staatlichen Unterstützung Linksextremer verbreitet, den rechten Opfermythos bedient und der AfD beigepflichtet, die mit Blick auf die Flüchtlinge von einem „Großexperiment im Land“ spricht. …

Durs Grünbein hat übrigens durchaus widersprochen, aber das verpuffte weitgehend. … Tellkamps Äußerungen lassen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Er hat sich hier nicht nur als Verbitterter geoutet, der sich jeder kritischen Selbstreflexion verweigert, sondern als Wasserträger all jener, die politisch auf Risse, Hass und Ressentiment setzen.

Dresdner Neueste Nachrichten: Tellkamp vertritt Pegida-Positionen

… gegen Ende des Abends wunderte man sich als Zuhörer, dass in diesen zwei Stunden so gut wie überhaupt nicht über die spezifischen Möglichkeiten der Literatur im Meinungsstreit gesprochen worden war. Trotz ganz großer Bühne, mit der die Organisatoren Kulturhauptstadt-Format beweisen wollten, ein Rest Unzufriedenheit bleibt: Aus der Tatsache, dass auf dem Podium nicht nur zwei politisch urteilende Bürger saßen, sondern Schriftsteller, wäre mehr herauszuholen gewesen.

Na das hat jetzt aber gedauert! Tilman Krause meint in der Welt, Suhrkamp sei mit der Abgrenzung von Tellkamps Haltung ins Lager der Gesinnungsprüfer gewechselt.

Wenn das so weitergeht, ist es mit der Meinungsfreiheit bald vorbei. … Spätestens seit die alte Tante und Gralshüterin einer spät- und postmarxistischen „Suhrkampkultur“ ihre Autorin Sibylle Lewitscharoff maßregelte … sie bringen in ihrer ordnungshüterhaften Spießigkeit den Verlag um den letzten Kredit eines irgendwie aufmüpfig gearteten Unternehmens, den er bei gewissen Altlinken noch gehabt haben mag.

Dirk Pilz kommentiert in der Frankfurter Rundschau: Uwe Tellkamp entgleist nach rechts

Zu den gern wiederholten Behauptungen von Rechtspopulisten gehört die, man dürfe in diesem Land nicht seine Meinung sagen. Das hat auch der Schriftsteller Uwe Tellkamp am Donnerstag bei einer Diskussion in Dresden gesagt – und dabei sehr lang seine Meinung gesagt.

Gerritt Bartels, Tagesspiegel: Dulden, klagen, wünschen

Am kommenden Mittwoch erst wird die Leipziger Buchmesse eröffnet, doch schon jetzt hat sie ihren Aufreger, der sie wohl bis zum Sonntag begleiten wird: die rechten Verlage, vier, fünf an der Zahl, die in den Messehallen ausstellen dürfen. Was von Messedirektor Oliver Zille damit begründet wurde, dass die Buchmesse ein „öffentlicher Raum“ sei und sie „qua ihres eigenen Statutes für die Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit“ eintrete.

Jens Bisky kommentiert in der Süddeutschen: So dämonisiert man selbst Gartenzwerge

Deutlich wurde an diesem Dresdner Abend, dass es um unvereinbare Interpretationen der Wirklichkeit geht. … Wer sich öffentlich äußert, muss damit rechnen, dass ihm widersprochen wird. Das öffentliche Gespräch gleicht weder einem Seminar noch Salongeplauder. Es lebt nicht allein von Fakten und Argumenten, sondern auch von repräsentativen Auftritten. Positionen werden markiert, Gegner attackiert, verspottet, kritisiert. Wer das abschaffen will, schafft die öffentliche Debatte ab – und erzeugt Stickluft oder Belanglosigkeit. Tellkamp verlangte Respekt, aber Wertung, Spott, Widerspruch, Angriff, Prüfung der Fakten sind die Formen, in denen öffentlich Respekt erwiesen wird.

Dirk Knipphals, taz:

Auch ich war gleich sehr empört über die Äußerungen, die der Schriftsteller Uwe Tellkamp auf einer Podiumsdiskussion am Donnerstag in Dresden machte.

Tellkamps Roman „Der Turm“ wurde im Unterschied zum früheren „Eisvogel“ hin und her gewälzt – Kunstwille versus Milieuschilderung – und teilweise gegen seinen Autor in Schutz genommen. Diskurstaktiken in der Demokratie wurden diskutiert; so können nicht nur die Inhalte, sondern kann auch die kategorische Etikettierung Leute dazu bringen, sich den Rechten zuzuordnen. Bei solchen teilweise selbstreflexiven Überlegungen kamen dann die Rechten nicht mehr mit.

Vielleicht sollte man sich, bei aller Empörung, auch an solche Differenzierungen halten. Am Schluss werden die klüger Argumentierenden gewinnen. Ich hoffe, ich habe recht damit.

(wird u.U. weiter ergänzt, die Agenturmeldung hat es bereits in Schweizer Medien geschafft) der Blog hat jetzt schon reichliche Überlänge, ich hänge weitere Medienberichte lieber unten in den Kommentaren an (<-Nachtrag 10.3. 13h)

 


Bild: Wikimedia Commons, gemeinfrei. Nachtrag 14.3.: „Schöngeisterbahn“ ist von Magdas Wortschöpfung (bei WordPress Madge1946), ihr herrliches Wort ging sofort in meinen Sprachschatz ein.


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73 Gedanken zu „Uwe Tellkamp in der Schöngeisterbahn

  1. Hoi, das ist ja spannend. Ich habs erstmal überflogen. Aber, danke für den interessanten Hinweis. Nebenher ist schon bei Tellkrampfs (kein Schreibfehler) merkwürdigem Buch „Der Eisvogel.“ zu sehen, wohin bei dem geistig die Reise geht. Danke. Ich melde mich nochmal, wenn ich da genauer geguckt habe.

    • O hallo Magda, ich bitte sehr darum, daß Sie sich nochmal melden, denn Sie haben bestimmt alles von Tellkamp gelesen (und ich nicht mal den Turm geschafft). Ich finde die Diskussion zwischen Grünbein und ihm extrem spannend und wundere mich einmal mehr über die Unterschiede in der menschlichen Wahrnehmung. Bis bald!

      • Alles schon ein bisschen her und damals ging es eher um den DDR-Hintergrund. Damals habe ich das beim Freitags-Blog mal glossiert. https://www.freitag.de/autoren/magda/uwe-tellkamp-der-turm-eine-verschworungstheorie

        Aber, das ist ja jetzt nicht das Thema. Nur – die Art, wie damals z. B. die Welt in Form von Tilman Krause, der jetzt auch wieder eine Lanze für Tellkamp bricht – das Werk belobigte, hat mich glatt empört. Es war mal wieder so eine Kampagne.
        Jetzt ist in Sachsen nicht nur der Uwe Tellkamp deutlich geworden- aber ich denke schon seit einiger Zeit. Auch der Uwe Steimle – wenn der Dir noch was sagt – https://eulemagazin.de/friedensdekade-trennt-sich-von-steimle/
        Der ist ebenfalls durch reichlich skurrile Statements aufgefallen. Was da los ist – höchst beunruhigend.

        Die Gesellschaft driftet fürchterlich auseinander.

        • Bevor ich mich in Ihre links vertiefe, noch ein Fundstück aus der FAZ, Gerd Roellecke:

          Warum ich Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ nicht sofort nach Erscheinen gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Jetzt hat mir ein literarisch gebildeter Freund die Lektüre dringend angeraten und mir gleich sein eigenes Taschenbuch-Exemplar in die Hand gedrückt. Also musste ich die nahezu tausend Seiten lesen. Aber nach einigen Seiten des Einlesens habe ich den Roman verschlungen.

          Das Erstaunliche ist aber: Die „Türmer“ haben sich zufrieden gegeben. Das ist kein Zufall und kein Versehen des Autors. Im ganzen Buch findet man nichts, das die Vermutung stützen könnte, seine Helden der Kultur hätten je über politische Alternativen nachgedacht. Wegen der Rechtfertigung des Sozialismus begnügen sie sich mit Parolen für die Armen im Geiste: Alle gleich reich! Gerechte Welt!

          Dass sich beide Sätze widersprechen, fällt ihnen nicht auf. Sie nehmen sie so geduldig hin wie Stromausfälle oder Wasserhähne, die tröpfeln, wenn man sie öffnet. Nichts, aber auch gar nichts regt sie an, über eine Änderung der Politik zu sprechen. Aber was heißt hier sprechen? Denken muss es heißen. Der Autor sieht in die Köpfe seiner Helden. Auf Gemeinwohlfragen verschwenden die Dresdener „Türmer“ keinen einzigen Gedanken.

          Man erfährt eine Menge über den sowjetischen Panzer T55, aber nichts über Politik. Was politische Veränderungen angeht, waren die Dresdner „Türmer“ von einer besorgniserregenden Geistesarmut. Ist das die Wahrheit über die DDR? Intellektuelle, die die bürgerliche Bildung vergötzen und die Möglichkeiten bürgerlicher Politik nicht einmal mehr denken können?

          • Danke!
            Leute, lest Georg Seeßlen! Klüger wird’s hier nicht!

            Nur mal ein kurzes Zitat daraus:

            Den Übertritt von der Linken zur Rechten (einmal durch die Mitte und einmal gleich im Übersprung) ist nahezu immer mit einer Geste der Selbst-Viktimisierung verbunden. Der Ex-Linke betritt die rechte Bühne bereits mit der Mine des Verfolgten, des Gekränkten, des Opfers „weltweiter Kampagnen“, Opfer der politisch Korrekten, der Queeren und – der Frauen. Unter anderem darf so die Selbstüberschätzung ex negativo fortgesetzt werden. Die aggressive Selbst-Viktimisierung, eine Spezialität der mehr oder weniger Neuen Rechten, erlaubt es überdies, nun seinerseits die Schranken der gepflegten und „fairen“ Auseinandersetzung zu überspringen. Man könnte argwöhnen: Die Wanderung von links nach rechts geschehe auch aus dem Impuls heraus, den eigenen Opferstatus zu erhalten, den man als Linker nicht mehr wirklich performen kann. Und nach rechts zu wandern mag in dem einen oder anderen die Illusion aufrecht erhalten, man könne „wild und gefährlich“ bleiben. Jedenfalls darf man wieder sprechen in der Sprache von Hass und Verachtung, was offensichtlich einige Menschen als „Befreiung“ empfinden.

            Diese Verbindung zur heroischen Pose, die nur durch den Wechsel nach rechts erhalten werden kann, lässt sich auch auf den Diskurs übertragen. All jene (meist älteren) Männer, denen man in letzter Zeit einen Weg nach rechts unterstellen konnte, von Sloterdijk über Walser bis zu Botho Strauss, retteten in gewisser Weise ihren heroischen Opfer-Status. Mit der Ermattung der Linken aber auch mit der neoliberalen Abwertung der Kultur fiel der begehrte Status der linken Avantgarde weg und konnte nur als rechte kulturelle Elite erneuert werden.

            Eine Männerphantasie, womöglich.

          • Georg Seeßlen, Der Freitag über „Das Fremde“, Integration, Heimat, Solidarität und den ganzen großen Rest: Wachstum schmerzt

            Eine humanistische, demokratische Linke, die den Kosmopolitismus aufgibt, hat (sich) schon verloren.

            So haben nicht die Flüchtlinge die Entsolidarisierung bewirkt, sondern umgekehrt, ihr Treffen auf eine entsolidarisierte Gesellschaft prägt ihre Entwicklung. Die Menschen, die sich „um sie kümmern“, die „auf sie zugehen“, die ihnen „offen begegnen“ und so weiter sind, das lässt sich nur schwer verleugnen, bereits in der eigenen Gesellschaft marginalisiert. Menschen, die Flüchtlingen helfen sind Loser, die nicht kapiert haben, worauf es ankommt, sie sind Teil einer untergehenden und selbst schon bis an den Rand der Existenz ausgebeuteten und verachteten Kultur der Mitmenschlichkeit. Natürlich leiden die freiwilligen Helfer in den Tafeln am Verhalten einiger ihrer Adressaten; doch worunter sie in Wahrheit noch mehr leiden, ist die Gleichgültigkeit und Verachtung der Mainstream-„Leitkultur“. Doch nicht in ihre Kultur der Solidarität und der Toleranz müssen die Migranten sich mehrheitlich integrieren, sondern in die Kultur des rücksichtslosen Gewinnens und der militanten Apartheid.

            Die Wiedergewinnung des Kosmopolitismus kann nur durch eine gemeinsame Arbeit an einer kommenden Gesellschaft erfolgen. Denn die Hartnäckigkeit, mit der an „alten“ Werten und Traditionen festgehalten wird, selbst oder gerade wenn sie in der neuen Heimat „fremd“ sind, hat auch mit dem Mangel an etwas Neuem zu tun. Die ewige Gegenwart des Turbo-Kapitalismus bietet keine Heimat.

            Für die Praxis der Solidarisierung gibt es Hindernisse wahrlich genug. Einige davon liegen sogar im Erbe der Aufklärung selber, so etwa die Bindung der rechtlichen Solidarität – im Gegensatz zur christlichen Caritas – an das Wissen vom anderen, bzw. an das Wissen vom Menschen an sich. So kann man nur mit Menschen solidarisch sein, die man versteht, und von denen man annehmen kann, dass auch sie einen weitgehend verstehen. Das Fremde als Rest spaltet sich ins Exotisch-Folkloristische (mit dem auch der Fremde gefälligst kultiviert und ironisch umgehen soll, etwa indem er oder sie die „alten Traditionen“ in Form von Vereinen, Musik und Theatralischem Revivre aufhebt), und in das, was es immer noch zu überwinden gilt. (Als gälte es, das Fremde zu therapieren.)

            Daher ist es notwendig, dass auch die Konzepte der Solidarisierungen, der Kreolisierung und des Kosmopolismus nicht zu Ideologie, Dogma und Kategorie werden: Es handelt sich um ein nicht abgeschlossenes, ja um ein nie abschließbares work in progress, zu dem Zweifel, Kritik und Retardierung gehören wie Schmerzen zum Wachstum. Aber nur dieses Wachsen des Menschen bedeutet auch Zukunft haben.

        • Die Gesellschaft driftet fürchterlich auseinander.

          Was mich seit Sarrazin umtreibt – ich glaube immer mehr, daß die bürgerliche Mitte gar nicht auseinander driftet, sondern in Ost und West immer schon so gespalten war, jede auf ihre Weise. Der Unterschied zu noch vor ein paar Jahren besteht in der Erlaubnis zur Fressefreiheit und Sarrazin war son Erlaubniserteiler.

          Beunruhigend finde ich Götz Kubitschek, der den Riß in der Gesellschaft noch viel mehr vertiefen will, seinen Faschismus zur nicht länger zu rechtfertigenden Normalität erklärt und das auch seiner sich mehrenden Gefolgschaft nahelegt.

          Ich sehne mich fast beinahe nach den besoffenen Stiefelnazis der 80/90er.

          Ost- und Westrom wird nicht nur im Musennest Dresden zelebriert, sondern auch im Ex-DDR-BRD-Verhältnis. Die West-Arroganz gegenüber den „Brüdern und Schwestern“ in den NeBuLä war und ist Klassismus, nicht nur westliche Kommunistenfresserei. Die Abscheu davor scheint mir heute im Osten fast verbreiteter, mit allen schrägen Der-Feind-meines-Feindes-ist-mein-Freund-Ausprägungen.

          West-Arroganz und -Klassismus tritt heute auch darin zutage, das Nazi-Problem und die nach rechtsaußen driftende Gesellschaft im Osten zu verorten. Kubitschek ist geradezu ein Klassiker an Westimport.

          • Ich lese btw. im Moment ‚In Zeiten des abnehmenden Lichts‘ von Eugen Ruge, dem von Iris Raddisch ebenfalls die „große DDR-Buddenbrook-Roman-Medaille umgehängt wurde.

            Sie schreibt:

            Uwe Tellkamp überraschte vor allem westdeutsche Leser mit der Entdeckung, dass es in der DDR ein bürgerliches Milieu gegeben hat, das die Ideale der deutschen Klassik nahezu unberührt von den historischen Umbrüchen zu konservieren verstand. Sein Roman war nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil er oberhalb des realen Geschichtsverlaufs einen freien Luftraum eröffnete, in dem geistige Kontinuität und familiäre Tradition gültig blieben, während sie am Boden der deutschen Wirklichkeit zerschellten. Eugen Ruge hat es ungleich schwerer. Er schildert das Leben einer überzeugten (dennoch Goethe lesenden) Kommunistenfamilie, deren Nachfolge niemand mehr antreten wird. Im Zentrum stehen der Vater und der Stiefvater, beide prominente Angehörige der deutsch-demokratischen Nomenklatura, am Rande agieren die Großmütter und die russische Mutter Alexanders. Die Szene, in der diese Familie zum letzten Mal im Ornat ihres Siegeswillens zusammenfindet und die immer wieder aus anderer Figurenperspektive erzählt wird, ist der 90. Geburtstag des hochdekorierten Stiefgroßvaters, der mit der Ausreise des Enkels aus der DDR im Jahr 1988 zusammenfällt. Alles Weitere ist Nachspiel …

            Soviel zu Dr. Fäustchen.

  2. Die offenen Briefe fliegen in Dresden dicht und tief – Barbara Lässig, Ex-Linke, Ex-Stadträtin, für die FDP Mitglied im Jugendhilfeausschuss der Stadt Dresden und begeistert von der Anti-Antifa (jedenfalls laut Twitter) an den Oberbürgermeister.

  3. Nicht mehr viele neue Artikel – Alexander Wallasch, Tichys Einblick (kein link), skandalisierte gestern die Abgrenzung des Suhrkamp Verlages von Tellkamps Äußerungen (glaubt man den Boykott-Ankündigungen bei Twitter, muß Suhrkamp spätestens Montagmittag Insolvenz anmelden):

    Wer den Unterschied zwischen Schäbigkeit und Gesinnungsschäbigkeit noch nicht kannte, darf sich freuen: Suhrkamp hat gerade exzellent vorgeführt, wie es geht, als der Verlag seinen Bestsellerautor und Buchpreisträger Uwe Tellkamp aus den Niederungen eines Twitter-Accounts heraus, quasi im Vorbeigehen, vorübergehend zu einer Persona non grata erklärte. Verdächtig, die Sache Pegidas und der AfD zu vertreten. Ein Warnschuss, ein Disziplinierungsversuch wie ein Widergänger light aus dem DDR-Kulturministerium oder schlimmer: der Reichskulturkammer.

    Besonders abstoßend an diesem Vorgang bei Suhrkamp: Er passierte ungefragt, unverlangt, eigeninitiativ. Und mit nur einem klaren Ziel, eine Debatte anzustoßen mit dem Ergebnis, einen Top-Autoren des Hauses zu disziplinieren, der dem Verlag mit seinem Bestseller „Der Turm“ einst hunderttausende Euro eingespielt hatte.

    Sein Kommentar enthält aber auch eine bißchen interessante Spekulation:

    Aber was den Verlag in seinem Innersten getroffen haben mag und hin zu einer Gesinnungsschäbigkeit sondergleichen veranlasste, kam vielleicht sogar von außen, hatte überhaupt nichts mit den Diskutanten auf der Bühne zu tun. Wurde ausgelöst, brachte das Fass bei Suhrkamp zum Überlaufen, als sich ein für diese Debatte wichtiger Protagonist als Zuschauer in der Aussprache zu Wort meldete. Die Rede ist von Götz Kubitschek. Der forderte dazu auf, den Riss in der Gesellschaft noch zu vertiefen. Der Riss müsse noch konkreter sein, damit alles auf den Tisch kommt. Durs Grünbein nutzt die Gelegenheit und macht aus dem Fragenden einen Antwortenden, als er mit Kubitschek in den Kurzdialog tratt.

    So weit so gut. So interessant, so selten und wichtig, was Grünbein und Tellkamp da anboten. Aber dass es nun ausgerechnet Kubitschek sein musste, der offensichtlich diese Diskussion für den Verlag so unerträglich machen sollte, ist nur ein weiterer Erfolg für den Vordenker einer Neuen Rechten aus Schnellroda in der Nähe von Leipzig. Dort, wo dessen Antaios Verlag zu Hause ist. Und selbstverständlich musste Kubitschek hier anwesend sein, immerhin lieferte der Auftritt seines Verlages auf der Frankfurter Buchmesse überhaupt erst den Anlass für diese Diskussion im Kulturpalast.

    Dazu passt dann auch, dass sich im selben Atemzug die Junge Freiheit gerade von der Leipziger Buchmesse verabschiedet hatte, weil man sich von den Messemachern mit Verlagen wie dem von Kubitschek in eine Ecke gestellt sah. Und zwar nicht zuerst ideologisch, sondern zunächst räumlich. Für Herausgeber Dieter Stein wohl eine Unerträglichkeit, dabei haben es Weggefährten wie Kubitschek letztlich der jahrzehntelangen Vorarbeit eines Dieter Steins zu verdanken, dass sie heute medial so viel Aufmerksamkeit bekommen. Stein hat den Boden bereitet. Beide haben lange zusammengearbeitet, die Massenzuwanderung ab Ende 2015 tat dann ihr übriges, die Haltung Kubitscheks massenkompatibel zu machen. Die Zeit titelte nach einem Besuch in Schnellroda launig: „Alles wie im Wendtland.“

    Ich denke über paritätisch verteilte Kleinstspenden nach, um solche und ähnliche Hackereien am bräunlich-übelriechenden Rand zu fördern^^

    Sächsische Zeitung (und andere) heute:

    Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat sich vor den Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp gestellt, der nach an Pegida erinnernden Äußerungen in die Kritik geraten ist. „Ärgerlich ist die schon wieder beginnende Stigmatisierung“, sagte der CDU-Politiker am Freitag. Tellkamp („Der Turm“) sei ihm als kritische Stimme willkommen. „Ich wünsche mir, dass wir in der Sache diskutieren. Wenn ein Streitgespräch zur Verurteilung einer Person führt, darf man sich nicht wundern, wenn keine offene Debatte mehr geführt wird“, warnte Kretschmer.

    Das lasse ich mal so stehen.

    • Ulf Poschardt versucht sich in der Welt als Glossenschreiber: Der Fall Uwe Tellkamp. Genau diese Intoleranz macht die Rechte erst groß

      Tellkamp ließ wohl auch Sympathien für die AfD und die neue Rechte erkennen, und das reichte in dieser Woche für einen handfesten Skandal, an dessen Ende schnell die erwartbaren Diskursbademeister Planschverbot für Tellkamp im Suhrkamp-Pool erwirken wollten. Warum? Weil er rechts war, und das auch schon zur Frankfurter Buchmesse 2017, wo dem vollkommen überschätzten Theorie-Ramschladen der Rechten, dem sogenannten Antalya-Verlag von Ruth Kubitschek (oder so), ein einzigartiger Triumph vergönnt war: weil es die Linke nicht ertragen konnte, dass auch Rechte Bücher verlegen, und ein AfD-Hetzer wie Björn Höcke an deren Stand vorbeischaute.

      Am Ende standen euphorische Rechtsradikale und Identitäre, die nicht glauben konnten, wie leicht es ihnen die durchschaubare Intoleranz und das Antifa-Theater machten, als Helden dazustehen. Und als Triumphanten der Aufmerksamkeitsökonomie.

      Die Rechte hat wenige Denker von Rang. Dennoch pilgert das linksliberale Feuilleton immer wieder andächtig und irre „unvoreingenommen“ zu Kubitscheks Rittergut des rechten Widerstands, um im Ton erregten Schauers von ihrer Begegnung mit – krass! – rechten (!!!) Intellektuellen (!!!) zu berichten. In manchen Texten war das Leuchten der AutorInnen förmlich zu spüren.

      Genau jene Intoleranz, im Gewand des Ethnologen die exotische Rechte zu bestaunen und ein wenig zu verachten, macht die Rechte groß. Natürlich können Schriftsteller rechts sein. Benn, Hamsun, Céline, Botho Strauß, Mosebach, wo ist das Problem? Auch Morissey darf rechts sein, und Oskar Roehler auch.

      Aber während der Intellektuelle nach 1945 entnazifiziert werden musste, wird nun breit nazifiziert: Christian Kracht wurde zum Halbnazi erklärt, gerade jüngst sollte es hellbraun schimmern bei Simon Strauß. Immer stecken dahinter die kleinen Diskursopportunisten, passiv aggressiv, gedanklich rigide, uninspiriert, aber auf dem moralischen Hochsitz fixiert, und richten, weil es zu mehr nicht reicht.

      Er hat gar erstaunliche Einsichten über die Mitte – melancholisch, unerschütterlicher Leuchturm, Hort der Liberalität:

      Die unzähligen ermüdenden Schilderungen aus der melancholischen Mittelschicht sind durch solche Debatten geerdet. Tellkamp spricht vom Leuchtturm des unerschütterlichen Dresdner Bildungsgroßbürgertums aus.

      Deswegen ist die Mitte wichtig. In der haben sich Intellektuelle nie wohlgefühlt. Das war und ist ein unaufregender Ort, vermeintlicherweise. Der Liberalismus kommt mit Fragen und misstraut Antworten, er setzt frei und lässt Menschen so sein, wie sie sind. Auch wenn er es nicht mag. Der Liberalismus der Mitte ist eine Gelassenheitsmeditation. Er ist nie indifferent, sondern tolerant und in Debatten klar positioniert.

      Und ihm fehlt „eine Arbeiterliteratur, die erzählt, was Menschen überall in Deutschland weg von Linkspartei und SPD in die Arme der AfD treibt“ – ist das jetzt melancholische Mittelschicht oder „wohl auch“ Realitätsferne?

      • Poschardt ist verkannt; man sollte endlich einsehen, dass er einfach der größte Freiheitskämpfer Deutschlands ist und unermüdlich für jede nur erdenkliche Freiheit eintritt: Freiheit für Gedichte auf Hauswänden, freie Fahrt für freie Petrolheads, freie Marktwirtschaft, Freiheit vom linken Meinungsterror, Freiheit vom Geschlechterzwang für Relativpronomen („Wie viele Verlage war Suhrkamp in den Sechzigerjahren eine hochenergetische Kochplatte, auf dem die gesellschaftlichen Erhitzungen zum Sieden gebracht wurden.“), usw. usf.

        • Und erst seine bildmächtige Sprache! Der Mann hat doch bestimmt einen Roman in der Schublade, von mindestens Buddenbrock-Kaliber (der große BRD-Wenderoman).

          Eigentlich war das Thema UP schon vor Jahren von Rattelschneck abschließend behandelt:

          Guten Tag, ich heiße Ulf Poschardt und bin neokonservativ. Mein Problem: Die Leute lachen über mich.
          Meister: Du musst dafür sorgen, dass die richtigen Leute über dich lachen.
          UP: Soll ich mich Posch Ulfardt nennen?
          Meister: HAHAHA

  4. Ein schön zusammengestellter Pressespiegel. Hinterlässt mich etwas skeptisch. Ich las ZEIT-Artikel gestern, deshalb interessiere ich mich ein wenig für das Thema. Was aber bringt das Ausleuchten aller Nuancen? Ist es ein häufiges Kneten, das den Teig geschmeidiger und tatsächlich besser macht? Oder doch das lustlose Wiederkäuen eines zähen, minderwertigen Fleischstückes? Vor allem: Was bringt uns das köcheln von Debatten angesichts der scheinbar vielen, die die vielen Worte leid sind? Und angesichts derer, die noch nie den vielen Worten zugehört haben?

    • Was aber bringt das Ausleuchten aller Nuancen?

      Im besten Fall: Nachdenklich- und Streitbarkeit. Kneten kann jede/r immer nur am eigenen Kopf. Wer die vielen Worte leid ist, liest nicht und denkt mutmaßlich auch nicht allzu viel nach.

          • Bescheidenheit. Und die Einsicht, dass Klugheit, Bildung und die Lust zu denken drei völlig verschiedene Paar Schuhe sind, die getrennt vorkommen können und viel seltener zusammenpassen, als wir das gerne hätten. Da sehe ich das Problem mit dem Dogma von der Bildung, dem Bewusstsein und dem gesellschaftlichen Sein: Das Herz kann unterkühlen auf dem Weg und ein von Anfang an kaltes wird nicht erwärmt. Das übersehen wir, die vor Begeisterung glühen, leicht.

            • Wer glüht denn hier (oder anderswo) vor Begeisterung?
              Also ich kämpfe eigentlich eher mit mittelgradiger Depression und meine Schullaufbahn endete mit der 9. Klasse.
              Bescheidenheit halte ich für eine schöne Tugend zur Regulierung der eigenen Ansprüche und Konsumwünsche und in persönlichen Beziehungen und würde auf Dankbarkeit erweitern wollen.

              Bescheidenheit auf der politischen Bühne halte ich für, ichsachma schwierig. Mir fehlt weit eher die Unbescheidenheit, demokratische Visionen und Ideale zu vertreten. Zum Beispiel die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die – obwohl sie in diesem Jahr 70 wird – taufrisch und brennend aktuell ist.

              • Ich vermute große Leidenschaft und Begeisterung bei Ihnen. Und mit Bescheidenheit meine ich ja Grade das Eingeständnis, dass so manche hehren Ansprüche der Zivilisation noch nicht zur Hälfte erfüllt sind. Und die öffentliche Einsicht, dass manches keine lösbaren Probleme, sondern unentrinnbare Dilemmata sind. Wie Aktuell die Ängste mancher Zeitgenossen: Ängste sind unlogische Wahngebilde, denen ein Vernünftiger keine Beachtung schenken darf. Und Ängste sind fruchtbarer Nährboden für alle die ihnen Beachtung schenken: Wir kümmern uns nicht um allgemeine Rechte, wir sorgen uns allein um deine besorgte Seele!

                • Kein Dilemma, sondern der Mangel an Emotion in der Politik von Demokraten und Linken. Dazu noch ein Artikel bei Peira, von Uffa Jensen – Zornpolitik: Wie Emotionen unsere Gegenwart bestimmen

                  Welches Maß an Emotionalität ist einer gesellschaftlichen Ordnung, einem politischen System zuträglich? Viele Politiker reagieren auf die Emotionen, die sie aus der Bevölkerung heraus bedrängen, mit dem Ruf nach mehr Vernunft und einem rationalen Verständnis von Politik. Abgesehen von der wissenschaftlichen Einsicht, dass Rationalität und Emotionalität keinen Gegensatz bilden, sondern auch Emotionen ihre rationale Logik besitzen, liegt hier auch ein Missverständnis über die Rolle von Emotionen in der Politik vor. Jedes demokratische System basiert auf einer gefühlten Ordnung, ohne die es zu erodieren droht. Es ist durchaus plausibel, dass die gegenwärtige gesellschaftliche Erregung durch den Mangel an politischen Emotionen verursacht wird. In der gegenwärtigen Politik herrscht ein rationaler Pragmatismus vor, sodass die Bürger und Bürgerinnen den Eindruck gewinnen, dass sie nur zwischen verschiedenen Scheinoptionen des gleichen technokratischen Politikverständnisses wählen können. Dagegen bietet sich eine Verweigerungshaltung an, wie sie sich in den Gefühlen der Angst und des Zorns manifestiert. Auf diese Problemlage mit politischen Emotionen, mit einer emotionaleren Politik zu antworten, bleibt eine Aufgabe der Zukunft.

                • Ich glaube, wir meinen ähnliches. Die emotionale Formulierung behagt mir nicht so ganz. Warum? Weil sie, sicher müssen wir das gute hoffen, Einbindung und letztlich Missionierung impliziert. Mit Dilemma und nicht-lösbarem Widerspruch der Demokratie meine ich aber die nicht-unwesentliche Minderheit der Demokratiegegner, Demokratieverweigerer und Gleichgültige Mittelschicht, der es egal ist, ob dem funktionierenden Nachtwächterstaat nun ein gewälter Präsident oder goldbehangener Generalissimus vorsitzt. Also; Wir haben eine relevante Anzahl von Menschen, deren Denken, Fühlen, oder Nicht-Denken unser System vergiften, eventuell auch vernichten kann. Die Alternativen lauten: Verschweigen – Akzeptieren – Umerziehen. Mein Unbehagen an der Schriftstellerdebatte: Sie ist ein akzeptierendes Verschweigen bzw totreden, welche sich selbst belügt, in dem sie sich einbildet, teil eines missionierenden Umerziehungsprozesses zu sein. Der Weltoffene, kluge sagt: Ich beweise Dir, dass Du ein bornierter, angstzerfressender Idiot bist! Der argwöhnische, verängstigte antwortet nur: Ich weiß das und bin stolz darauf! (Sein Graecum hat er gemacht, und weiß sogar, dass der Idiotos einer ist, der sich mit Verstand und Klugheit nur um die eigenen Belange kümmert und die Polis Polis sein lässt.)

                • Zur Cannabis-Thematik: Vielen Dank dafür, sehr guter Artikel. Ich Antworte mit Daumenpeilung, die Bundesrepublik hinkt der amerikanischen Entwicklung, zum Guten oder zum Schlechten, stets 15 bis 20 Jahre hinterher. Die ersten Staaten, die kürzlich legalisiert haben, begannen gegen Ende 1990er mit der Zulassung als Medikament. Rechnung stimmt, reden wir also ca 2035 weiter.

  5. Mein Unbehagen an der Schriftstellerdebatte: Sie ist ein akzeptierendes Verschweigen bzw totreden, welche sich selbst belügt, in dem sie sich einbildet, teil eines missionierenden Umerziehungsprozesses zu sein.

    Was und wen genau meinen Sie mit „missionierendem Umerziehungsprozess“, lieber Alice Wunder?

    Irgendwie habe ich das Gefühl, Sie haben eine andere Diskussion verfolgt als ich. Weder höre ich Dursbein als arroganten Missionar noch Tellkamp als stolz. Tellkamp will nach meinem Eindruck für seine Äußerungen liebgehabt werden (was ich eher als Gegensatz zu Stolz sehe) und empfindet Widerspruch gegen seine angemaßten Deutungshoheiten als einschränkenden „Gesinnungskorridor“. Während ich Dursbein als tatsächlich liberal, als an Meinungsfreiheit und -austausch und an Lösungen (z.B. zu Asylbewerbern vs Einwanderern) interessiert empfinde.

  6. So ist es.

    Tellkamp war doch schon vor Jahren im Gerede, oder? Ich erinnere mich an eine ähnliche Diskussion.

    Tellkamp will geliebt werden und empfindet Kritik an seiner Position als Ausgrenzung. Das ist typisch rechts, Pegida ist genauso drauf. Er darf sagen, was er will und beschwert sich darüber, dass man nicht sagen dürfe, was man wolle. Diese Rechten sind eine Crux. Und wer als Möchtegern-Intellektueller mit der 95-Prozent-These kommt, darf sich nicht wundern, dass er angegangen wird.

    Was ich auch noch nie kapiert habe: Dass einem die Flüchtlinge „Angst“ machen, wie Tellkamp sagt. Er sollte sich vielleicht einer therapeutischen Behandlung unterziehen, wie die meisten Deutschen vermutlich. Man kann Angst vor einem Herzinfarkt haben oder vor dem Verlust von Menschen oderoderoder, aber doch nicht generell vor „Flüchtlingen“. Was für ein Schmarrn. Dass selbst so ein Schriftsteller nicht in der Lage ist, seine eigenen Neurosen persönlich zu verarbeiten und stattdessen das Fremde dafür verantwortlich macht.

    Ich habe den Turm übrigens seit vielen Jahren ungelesen im Bücherschrank. Ich werde ihn nun lesen. Das nennt man gelungene Aufmerksamkeitsökonomie.

    Den einzig ernstnzunehmenden Konservativen, den ich kenne, war Wolf Jobst Siedler. Gott möge ihn behüten.

    • Siedler fiel (ebenso wie Joachim Fest) mit Karacho auf Albert Speers Weiße-Westen-Autobiografie rein.

      Der einzige mir erinnerliche Rezensent, der Tellkamps Turm mit Karacho verrissen hat, war Dennis Scheck.

      Ein ambitionierter Tausendseiterwälzer, dessen Handlung sich in Asterix-Manier auf wenige Zeilen zusammenfassen lässt:

      Wir befinden uns im Jahre 1982 n. Chr. Die ganze DDR ist von den Kommunisten besetzt … Die ganze DDR? Nein! Ein von unbeugsamen Bildungsbürgern bevölkerter Dresdner Stadtteil hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten … .“

      Das Amt für deutsche Vergangenheitsbewältigung alias die Jury des Deutschen Buchpreises hat diesen Roman ausgezeichnet. „Der Turm“ will ganz ungemein deutsch, ganz ungemein bürgerlich und ganz ungemein Kunst sein.
      Bei all dem deutschen bürgerlichen Kunstwollen entsteht ein Geruch nach Schweiß wie in der Umkleidekabine eines Fußballoberligisten nach der Halbzeitpause.

      Alle anderen kriegten sich vor lauter Buddenbrock-Vergleichen und DER-Wenderoman-Lobhudeleien gar nicht wieder ein (ich bin kläglich auf Seite ungefähr 70 verhungert) Ich wüßte nicht, daß Tellkamp schon vor Jahren im Gerede war, erst als Unterzeichner der „Charta 2017“ fiel er (ein bißchen) auf.

  7. Ich meine, dass beim Turm schon der mögliche Konservativismus diskutiert wurde. Seien Sie bitte nicht so streng mit Herrn Siedler. Ich empfehle den Film zu seinem Buch „Die gemordete Stadt“. Was dort an Zitaten zu Stadt und Hygiene und Dreck geboten wird, klingt heute wie linksradikale Zivilisationskritik. Man könnte an Siedler gut festmachen, was die Linke falschmacht.

  8. Schöne Glosse (keine Ahnung, von wem) im Kopfbahnhof der Schöngeisterbahn sozusagen, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (Print):

    Suada

    hier, ich wollte nur sagen, mein Memoir ist jetzt fertig. Darf ich es vorlesen?“ „Nein!“, riefen wir laut im Chor, denn wir hatten jetzt wirklich keine Geduld mehr, das Weltbeben war da, nur das Weltneudenken hatten wir ja immer noch nicht!!! Was für ein Clusterfuck!!! „Vielleicht“, schrie Julian, „müssen wir damit aufhören, zu versuchen neue Wörter zusammenzubauen, und erst einmal alle Wörter in die kleinstmöglichen Einheiten zerlegen“, und zupfte dabei an Bannons Augenbrauen. Andere begannen, die Buchstaben aus den „NZZ“-„Denkstücken“ zu pflücken und darauf herumzukauen, sie waren behaglich zäh und süß wie altes Lakritz, und die Wölfe heulten triumphal. Da bumberte es plötzlich an der Tür, und darin stand unser Nachbar Bushido mit verschränkten Armen und anziehend empfindsamem Opferblick. „Was ist denn das hier für ein Lärm?“, brüllte er. „Gleich rufe ich die Leitmedien!“, und schon erschien hinter ihm sein Aufpasser Lasse Weißbrot, im Arm die gefürchtete, alle Lügen plattpressende Lügenpresse. „Jetzt schlagen wir hier erst mal alles kurz und klein“, sagte Weißbrot, „und dann machen wir uns darauf einen Reim. So geht Feuilleton heute! Alle raus! Räumt die Museen und Archive leer! Wir möchten es sauber, ruhig und friedlich haben! Los, alle raus!“ Draußen saß Uwe Tellkamp, Verfasser des Megaromans „Das Tal“, neben einer Büropalme und knabberte an seinen sogenannten Nägeln. In einiger Distanz stand die mächtige Suhrkamp-Co-Chefin Tanja Postposchil. Verlegen Sie denn den AfD-nahen Schriftsteller weiterhin, Frau Postposchil? „Sicher. Aber mit Distanz.“ Da ist es, das neue Denken, dachten wir aufgeregt mit Distanz und einigten uns auf folgende Sentenz: Voll dabei sein. Aber mit Distanz. F.A.S.

    Aus der FAZ vom 9.3. ein Kommentar von Stefan Locke (Paywall) – Was tut man uns an?

    Er wisse nicht, was mit „Gesinnungsdiktatur“ heute gemeint sein soll, sagte Grünbein am Donnerstag gelassen. Natürlich gebe es auch in freien Gesellschaften Täuschung und Meinungsmanipulation. Aber so zu tun, als wäre die publizistische Landschaft der Bundesrepublik schon fast wie die in der DDR, wie er es immer wieder bei Pegida oder der AfD höre, sei absurd und bilde „in bedenklicher Weise ein Gefühl von Unmündigkeit ab“. Tellkamp ging sofort zum Angriff über: Deutschland habe ein Problem mit dem Islam, mehr als 95 Prozent der Flüchtlinge würden gar nicht verfolgt, sondern wollten nur in Deutschlands Sozialsystem einwandern, und wer das, wie viele in Ostdeutschland, sage, der werde diffamiert, herablassend behandelt und in die rechte Ecke gestellt. „Gucken Sie sich Sarrazin an, was dem Mann angetan wurde!“, rief Tellkamp. Man könnte jetzt einwenden, dass Sarrazin in „Bild“ und „Spiegel“ vorabgedruckt wurde, dass er Millionen Bücher verkauft und vor vollen Sälen gelesen hat und bis heute ein freier Mann ist. Aber darum ging es Tellkamp offenbar nicht. Für ihn schien es geradezu absurd, dass jemandem wie Sarrazin, der doch das Richtige sage, überhaupt widersprochen wurde.

    Dann knöpfte sich Tellkamp die Moderatorin vor, eine honorige Redakteurin der „Sächsischen Zeitung“: In der Flüchtlingskrise sei tendenziös berichtet worden. Damit hat er, zumindest was die Anfänge betrifft, durchaus recht, aber das reichte ihm nicht. Bis heute, so deklamierte er, seien „viele unserer Journalisten von vornherein auf Regierungslinie“. Er sehe „in der Mainstreampresse nur Jubelorgien“ über die Regierung, während Kritiker diffamiert und mit zweierlei Maß gemessen würden. Auf die Entgegnung der Moderatorin, dass es in Deutschland eine große Vielfalt an Zeitungen und obendrein unzählige Publikationen gebe, die Merkel heftig kritisieren, reagierte Tellkamp patzig und verstieg sich zu der Behauptung, dass einem heute gar nichts anderes übrigbleibe, als AfD zu wählen, wenn man regierungskritisch sei.

    In dem Moment platzte Grünbein doch noch der Kragen. Dass die AfD die einzige Opposition in diesem Land sein solle, sei absurd: „Wenn alle so unzufrieden sind mit der Regierung, dann wird sie abgewählt, so einfach ist das!“ Stattdessen werde hier so getan, als wären die Leute eingeschüchtert und müssten reden wie Merkel. „Was ist denn das für ein Scheiß?“, fragte Grünbein. „Sind die denn alle programmiert, oder was?“ Dafür gab es – wie auch für Tellkamp – Beifall von den mehr als eintausend Zuhörern, unter die sich auch der neurechte Verleger Götz Kubitschek gemischt hatte, der mit der Einladung von Björn Höcke ein Auslöser der Tumulte auf der Frankfurter Buchmesse war. Kubitschek sprang Tellkamp bei und warb für mehr Spaltung in der Gesellschaft, weil nur so das gesamte Meinungsspektrum ans Tageslicht komme. Tellkamp aber wird selbst die Berichterstattung über diesen Abend als Bestätigung seiner Thesen lesen.

    FAZ zum dritten, von heute, Simon Strauss – Ist die Mauer wieder da?

    Nein, das eigentlich Verwunderliche ist etwas anderes: Es besteht in der mentalitätsgeschichtlich einschneidenden Tatsache, dass knapp dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer die patriotische Rede eines konservativen Autors damit auskommt, von Deutschland zu reden, ohne sich positiv auf das ganze Land und die geglückte Wiedervereinigung zu beziehen. Dass er im Gegenteil sogar einen gewissen Stolz aus der Segregation, dem Verachtet-Sein zieht, sein Patriotismus sich ganz selbstverständlich rein regional und nicht national versteht. Das Ostdeutsche bekommt hier einen für jüngere Generationen fremdländisch klingenden Namen, es wird wieder zur entscheidenden Identitätskategorie. Das Ost-Gefühl erhebt dabei implizit den Anspruch, das eigentlich Deutsche zu sein. Während im Westen nur das Neue siegt, wird im Osten das Alte verteidigt. Tellkamp, der als einzige Parteien des Protests die Linke und die AfD gelten lässt, zieht mit seinen Äußerungen wieder eine innerdeutsche Gemütsgrenze hoch und wird im Publikumsgespräch darin von Götz Kubitschek – einem durch westdeutsche „Mainstreammedien“ bekanntgewordenen rechten Verleger – unterstützt, der sogar fordert, den „Riss“ noch größer zu machen.

    War nicht eben noch gerade der positive Bezug auf das wiedervereinigte Deutschland der Ausweis eines geistigen deutschen Konservativismus? Galt nicht als rechts, wer die Einheit der Nation gegen Skeptiker wie Oskar Lafontaine verteidigte? Ist das der Patriotismus von heute: von „Rissen“ zu schwärmen und sich über die Meinungsherrschaft in westdeutschen Medien zu beschweren?

    Der politische Trend geht im Moment überall zum Überschaubaren, Abgeschotteten, Kleinen. Aber kleiner als im Maßstab der Nation sollte man zumindest als konservativer Deutscher doch nicht mehr denken.

    War die Mauer je weg? Und was bitte soll mir der letzte Satz sagen?

  9. Ja, das meinte ich wohl, danke. Ich sah den Film vor Jahren einmal in einer städtebaulichen Ausstellung in der Berlinischen Galerie. Dvw, nehmen sie mir bitte nicht den einzigen konservativen Respektsträger, den ich kenne.

    • Und Julius Posener? Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie den nicht kennen, sollte er Ihnen nicht konservativ genug sein?
      Die Speer-Unterstützerei nehme ich Siedler und Fest wirklich übel.

      • Ich habe den Posener bislang nicht als konservativ eingestuft. Seine Vorlesungen zur Geschichte der Architektur (via archplus) sind ganz hervorragend, die kann man auch mehrfach lesen, aber konservativ? Vielleicht in der Tat im Sinne des Bewahrenden, er war ja lange ein alter Mann, der zurückblicken konnte. Für mich war er immer ein genauer Hingucker, ein guter Beobachter, auch seine eigene Rolle, seine großbürgerliche Herkunft thematisierend.

        Speer-Unterstützerei, das mag alles sein und ich kann Siedler nicht ingesamt verteidigen. Aber der Film ist toll, es war mir vor ein paar Jahren ein Aha-Erlebnis. Seine Kritik war: Moderne keimfreie Architektur, alles geplant, kein Zufall, keine Lücken, keine Leerstellen, kein Platz für Spontanes. Siedler redete in dem Film wie ein undogmatischer Linker, in dem der herkömmliche Linke den Fortschritt in neuen Baumaterialien und dem Abriss ganzer Altstädte sah. Ich hatte damals den Eindruck, dass man solche Konservativen, solche Bewahrer dessen, was zu bewahren gilt, notwendig sind. Aber ich habe bislang nicht mal sein Buch gelesen.

        Habe ich den Wieland in Grund und Boden gestampft? Ich fand ihn interessant, aber dann doch konserativ in dem Sinn, dass er das Neue generell ablehnt. Im Dorf darf es nur Bauernhäuser geben, auch wenn es keine Bauern mehr gibt. Ein neues Haus mit großen Fenstern ist schlecht, weil es das früher nicht gab. Wieland öffnet Augen, nervt aber auf Dauer.

        Falls das noch jemanden interessiert:

        https://exportabel.wordpress.com/2017/05/19/hergerichet-abgerichtet-hingerichtet-unser-dorf-soll-haesslich-werden/

  10. Korbinian Frenzel, Deutschlandfunk Kultur und Caroline Fetscher streiten über Tellkamp und Meinungsfreiheit, es lohnt, sich die knapp 10 Minuten ganz anzuhören.

    „Er spricht von 95 Prozent, die in Sozialsysteme einwandern. Er hat überhaupt keinen Beleg dafür. (…) Er spricht im Prinzip der Bundesregierung und Angela Merkel die Legitimität ab. Er behauptet, dass an der Demokratie, an den Gesetzen vorbei regiert wird“, so Fetscher über Tellkamp. „Er sagt auch, dass 30 Milliarden ausgegeben werden für die Flüchtlinge, die den deutschen Rentnern fehlen. Das ist einfach falsch.“

    Zugleich beschwere sich Tellkamp, seine Meinung nicht äußern zu dürfen, das sei „grotesk“, so Fetscher: „Er sitzt da mit dem Mikrofon in der Hand und sagt, er darf nicht sprechen. (…) Die dürfen alle drucken, reden, sagen, bloggen, schreiben, alles mögliche machen, diskutieren, öffentlich auftreten und erzählen alle, sie seien in einem Gesinnungskorridor, so hat Herr Tellkamp das immer wieder genannt. Es ist einfach kontrafaktisch, was der Mann redet. Es stimmt schlicht nicht.“

    Tellkamp bediene das Milieu des rechten Verlegers Götz Kubitschek, der bei der Veranstaltung auch im Publikum war, das sei „tragisch“ und „auch wirklich bedauerlich für jemand, der so intelligent und begabt ist wie Herr Tellkamp“, meinte Fetscher. Sie könne Aussagen nicht ernst nehmen, die „komplett auf irrationalem Boden“ gewachsen seien.

    • Dass Leute wie Tellkamp behaupten, sie dürften ihre Meinung nicht sagen, ist absurd. Tellkamp und seine Kameraden haben lediglich das Problem, dass sie keinen Widerspruch dulden. Zuerst sind diese Leute Waschlappen und irgendwann später vermutlich Machthaber.

  11. Tellkamp (Die Zeit 2012) über das Typische des Ostens:

    Diese Kleinkariertheit, dieses Kleinbürgertum – der Kleingarten mit der Tischdecke! Mit Eierschecke, Wunschbriefkasten und Oberhofer Bauernmarkt. Das ist doch, was die Menschen an gedanklicher Freiheit gehindert hat. Diese niedrige Gesinnung eines Kleinbürgerstaats. Die DDR war ein Kleinbürgerparadies! Der ewige Kleinbürger, der erst die Nazis wählt und der sich dann auch im nächsten Staat einrichtet. Mit portablem Fernseher, mit ’nem Bier, mit Würstchen und Grilletta.

  12. Susanne Dagen, Buchhändlerin aus Dresden-Loschwitz, die die Charta 2017 intiierte, ist angekommen. Bei einprozent, das Video kann sich bei Bedarf jede/r selbst suchen, der Begleittext:

    Nach den Ereignissen in Frankfurt haben verschiedene Kulturschaffende reagiert. Das Auftreten und die Zusammenarbeit von Verantwortlichen beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels und linksextremen Kreisen schaden dem Kulturstandort Deutschland, sind ein geduldeter Angriff auf die Meinungsfreiheit und einer Demokratie unwürdig. Aus diesen Gründen wurde die Charta 2017 ins Leben gerufen und fand schnell prominente Unterstützer. In unserem Video erläutert die Initiatorin, die Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen, ihre Beweggründe und ihr langjähriges Schaffen in der sächsischen Landeshauptstadt. Ihr Appell ist ein Plädoyer für die Freiheit.

    Susanne Dagen ist auch Teil des Podiums einer Veranstaltung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (dem sie linke Stimmungsmache vorwirft) auf der Leipziger Buchmesse: „Wie politisch ist der Buchhandel?“ am 15.3. um 10h30, Forum Sachbuch, Halle 5, Stand C200.

    Der Buchhandel ist ein Seismograph für gesellschaftliche Stimmungen.
    Politische Debatten werden auch in Buchhandlungen geführt. Händlerinnen und Händler beziehen Stellung zu bestimmten kontroversen Titeln und positionieren sich zur politischen Entwicklung in unserem Land. Welche Themen sind ihnen wichtig und in welchem Verhältnis stehen politische Positionierung und Geschäft?

    Gäste bei ihr in Dresden sind am 23.3. Philosoph und Cicero-Autor Alexander Grau und am 2.5. Ex-Chef der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und AfD-Stichwortgeber Frank Richter.

    Bildung nützt offensichtlich nicht zwingend gegen die Glaubensinhalte von Pegida, AfD und Co. Sondern sekundiert sie, bereitwillig. Keine sozial abgehängte Wutbürgerei, sondern wohlhabende bürgerliche Mitte.

  13. Mit meinen Lobeshymnen auf Durs Grünbein rudere ich einzwei Meter zurück: Grünbein kritisiert Suhrkamp als „linksliberalen Spießerverein“

    Grünbein sprach auch über Thilo Sarrazin und dessen Streitschrift Deutschland schafft sich ab. Der Streit über den Publizisten im Jahr 2010 sei eine „Ursünde“ medialer Hysterisierung gewesen. „Statt sich mit dem Buch, in dem es viel Diskriminierendes gab, auseinanderzusetzen, wurde der Autor dämonisiert“, sagte er. Das habe ihn „fassungslos gemacht“. Er wünsche sich „dringend eine Rehabilitierung von Sarrazin als Mensch“.

    Unter welchem Stein hat Grünbein bloß gesessen, daß ihm die inhaltlichen Auseinandersetzungen mit Sarrazins Rassismus und Klassismus komplett entgangen sind? Seit wann bitte ist einer so ausgegrenzt, daß er „als Mensch rehabilitiert“ werden müßte, dem geschätzte 20% der Bevölkerung zustimmen, der das meistgekaufte Sachbuch seit ‚Mein Kampf‘ verfasst und Bühne ohne Ende hat und der durch seine Ressentiments reich wurde?
    Ich glaube, es hackt!

    Zeit Online versteckt das komplette Interview hinter der Paywall, was ich für noch verfehlter halte als die Paywall sowieso.

    • Mladen Gladić, Der Freitag: Heulen und Stechen

      Die wenigsten haben sich aber angesichts der Dresdner Veranstaltung vom letzten Donnerstag gefragt, warum kaum einer über den Schriftsteller spricht, der im gut besuchten Kulturpalast der Stadt das Podium mit Tellkamp teilte. Dabei hat Durs Grünbein an diesem Abend doch die bessere, klügere, sympathischere Figur abgegeben.

      Dass der Büchner-Preisträger und seine Redebeiträge in der öffentlichen Diskussion jetzt fast völlig abwesend sind, liegt daran, dass es seit einiger Zeit zwei dominante Sprechweisen gibt, die in der medialen Öffentlichkeit fast alle Aufmerksamkeit erfahren. Die erste ist diejenige, für die der Autor des Turms jetzt auch kritisiert wird. Man kann sie „Selbst-Viktimisierung“ nennen, das Einnehmen einer nur behaupteten Opferrolle: Da sagt jemand öffentlich, dass man das, was er sagt, öffentlich gar nicht (mehr) sagen kann. Der performative Widerspruch ist offensichtlich: Die Aussage straft sich selbst Lügen, denn dass man sie treffen kann, beweist, dass sie nicht stimmt.

      Die zweite Sprechweise, die jetzt enorme Aufmerksamkeit erfährt, ist die agonale des Zweikampfes: Ein Beispiel dafür ist Marietta Slomka, die Alexander Dobrindt mit seiner Idee einer neuen konservativen Revolution im heute-journal dermaßen in die Ecke drängte, dass der Minister einem fast leidtat. Intellektuell viel weniger beeindruckend war Cem Özdemirs Zornrede gegen die AfD im Bundestag. Die öffentliche Reaktion auf solches Runtermachen des politischen Gegners ist aber immer ähnlich: Befriedigung. Dem oder denen wurde es endlich einmal so richtig „gegeben“. Und man kann dann auch gleich auf den fahrenden Zug aufspringen, etwa sagen, dass zum Beispiel ein Schriftsteller ja eh nicht so gut sei wie immer gesagt. Erneute Befriedigung: „Der ist ja sowieso überschätzt.“

      Durs Grünbein hat da nicht mitgespielt und kommt deshalb in der öffentlichen Debatte kaum vor. Dabei hätten gerade seine pointierten, überlegten Diskussionsbeiträge die größte Aufmerksamkeit verdient.

      und: Was Durs Grünbein sagte

  14. Durs Grünbein in der Süddeutschen (Paywall): Die süße Krankheit Dresden

    Von Anfang an, so mein Eindruck, wurde diese Begegnung zweier Dresdner Schriftsteller am vergangenen Donnerstag als Duell inszeniert, als medienwirksamer Schaukampf. Dagegen ist nichts zu sagen: Wir leben nun einmal in einer Medienarena. Ich als Liebhaber der römisch-amerikanischen Show-Kultur weiß, worum es geht – und fühle mich als Dichter und Gladiator in meinem Element. Ich werde mich also niemals beklagen, wie ein solcher Kampf ausgeht, ich kenne seine Bedingungen, vor allem kenne ich die Lüste des Publikums, das seit zweitausend Jahren Abendland immer dasselbe will: Unterhaltung, Blutvergießen, Geschrei.

    Susanne Dagen spielt bei dieser Inszenierung eine sehr viel größere Rolle als ich anfänglich dachte. Sie schrieb Grünbein mit der Bitte um Unterzeichnung der Charta 2017 an und stach den Inhalt dieser Privatkorrespondenz zu Uwe Tellkamp durch. Wie seit gestern bekannt, ist ihr inzwischen auch einprozent als Bühne recht.

    Meinungsfreiheit war also das Thema. Darum zu kämpfen, kann man mich jederzeit aus dem Schlaf wecken. Sie ist und bleibt, neben der Freiheit überhaupt, das höchste Gut, um das zu streiten sich lohnt. Sie ist, für eine selbstkritische Demokratie, die Grundbedingung. Durch Meinungsfreiheit wird der politische Diskurs garantiert, der eine Demokratie erst ermöglicht. So weit, so gut.

    Bis sie (Susanne Dagen, dvw) mir eines Tages schrieb: „Heute wende ich mich mit einem Anliegen an Dich, was ich gern im Sinne der unbedingt erhaltenswerten Meinungsfreiheit, der Rede- und Demonstrationsfreiheit verstanden haben möchte. Ich sehe diese demokratischen Grundrechte nicht erst seit den kürzlichen Begebenheiten auf der Frankfurter Buchmesse in Gefahr …“ Die Frankfurter Buchmesse 2017 und das, was damals geschah: „Zerstörung und Raub der Bestände von den Verlagen Antaios, Manuscriptum/Tumult und dem nur als zündelnden Aufruf zu bezeichnenden Newsletter des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels…“ Etwas Furchtbares, an die Bücherverbrennungen des Dritten Reiches Gemahnendes war offenbar vorgefallen. Ungute Druckwerke unterdrückt, und das in einer freien Gesellschaft, das konnte nicht sein. An dieser Stelle der Geschichte rastete meine gute Bekannte, mit der ich so viele schöne Leseabende erlebt hatte, als Grassroot-Demokratin endgültig aus. „Es wäre schön, Dich dabei zu wissen.“

    Aber ich konnte nicht, sorry. Ich schrieb ihr: „Du kennst mich. Diese dummen Rempeleien von links und rechts mache ich nicht mit. (…) Wer jetzt von Meinungsfreiheit redet, sollte sich zunächst von der sehr realen Gewalt in der rechten Szene distanzieren.“ Und setzte hinzu: „Wenn ich aber wählen muss, kommt mir Gewalt gegen Dinge weniger schlimm vor als Gewalt gegen Menschen.“

    Und dies war der Auslöser für alles. Meine maliziöse Unterscheidung zwischen einer Gewalt, die sich gegen Dinge richtet, oder einer, die Menschen vernichtet, wurde mir am Abend von meinem Suhrkamp-Sparringspartner prompt vorgehalten. Wobei er sie nur aus dem privaten Briefwechsel kennen konnte, seltsam. Aber es bleibt dabei. Das Morden, die rohe Gewalt, die Brandstiftereien und Sprengstoffanschläge kommen, seitdem die RAF in der Versenkung verschwunden ist, wieder verstärkt von rechts. Fremdenhass, Antisemitismus, Islamophobie oder Kulturkampf gegen links sind ihr Antrieb. Es sind die Rechten, die unter Ausländern Terror verbreiten, die Rechten, die einen „Systemwechsel“ herbeibomben wollen. Jüngstes Beispiel: der Prozess gegen die Freitaler Gruppe der Bombenleger. Ganz offen wird in gewissen Kreisen der Alternativdeutschen bereits von „artfremden“ Völkern und „erbbiologisch Minderwertigen“ schwadroniert. Das Hetz-Vokabular kommt eindeutig von rechts. Da ist von „degenerierten Abfallmenschen“ die Rede, von „Volksverrätern“, „Systemlingen“. Auf welcher Seite wird ein Vernünftigdenkender sich wohl im Stillen wiederfinden? „Außerdem glaube ich, dass diejenigen, denen es im Augenblick um Meinungsfreiheit für ihre regressiven Ideologien geht, sie abschaffen werden, sobald sie über genügend Macht verfügen. Wie das geht, kann man in Ungarn, Polen, Russland (und der Türkei) studieren.“ Das war die Ausgangslage, als ich die Einladung annahm.

    Er schreibt noch eine Menge über besondere Empfindlichkeiten im Osten, wo mit der wenig freundlichen Übernahme durch den Westen alles aufgegeben wurde und welche verletzende Wirkung das Etikett „Dunkeldeutschland“ ausübt, über die Liebe zu Dresden, die ihn und Tellkamp verbindet, das Verhältnis von Ost und West, Sinnlosigkeit von Lagerdenke, Notwendigkeit von dialektischem Denken und Diskurs und über Wirtschaftsflüchtlinge:

    Und was ist von Tellkamps Trumpfkarte, mehr als 95 Prozent der Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten seien nur Einwanderer in unsere Sozialsysteme, zu halten? Dass es ein Privileg ist, Deutscher zu sein? Dieselben Leute, die in die Sozialsysteme des Westens eingewandert sind, beklagen sich heute über den Zuzug aus anderen Erdteilen. Dabei müssten sie den Drang, die eigenen Lebenschancen zu verbessern, doch aus eigener Erfahrung kennen. Was haben wir Demonstranten der ersten Stunde damals in der „Wendezeit“ nicht geätzt über die Mitläufer bei den anschwellenden Montagsdemos, die plötzlich die schwarz-rot-goldenen Fahnen schwenkten, die für Helmut Kohl das Signal waren: Die Massen der DDR-Bevölkerung wollen die Wiedervereinigung. Als es kein Risiko mehr war, auf die Straße zu gehen, waren sie plötzlich alle dabei – und marschierten dem Begrüßungsgeld entgegen.

    Und was heißt überhaupt „unser System“, wenn das System doch als solches mittlerweile rundum abgelehnt wird? Paradoxien, wohin man sieht. Den schwersten Stand hat das dialektische Denken – vom Humor ganz zu schweigen. Es ist einfach unredlich, heute zu jammern. Die Larmoyanz vieler Ostdeutscher mag ihre Gründe in den Entwicklungen nach der „Wende“ haben, den Westdeutschen wird sie immer ein Rätsel bleiben. Ursache für die heutige Frustration sind persönliche und finanzielle Krisen, das Gefühl, rechtlos zu sein, permanent überstimmt zu werden in diesem Staat – aber das betrifft nunmehr alle Deutschen. Wer fragt die Hartz-IV-Empfängerin aus Duisburg, wie es ihr im neuen Gesamtdeutschland geht?

    Ja, wir sind alle unter die neoliberalen Räuber gefallen. Daß sich mit der Wende nicht nur der Osten, sondern auch der Westen grundlegend verändert hat, wurde im Westen erst mit 25 Jahren Zeitverzögerung bewußt. Im Westen neigt man auch sehr dazu, die eigenen Fehler und Mißstände im Osten zu verorten und das ist: unfair und sehr dumm.

    • Auch Thomas Assheuer, Die Zeit nimmt Tellkamps Eisvogel noch einmal ins Visier:

      Die Rezensenten haben den Eisvogel seinerzeit mehrheitlich gelobt, und in der Tat: Die Figurenrede ist als wortmächtiger Fiebertraum arrangiert, als Wutauswurf einer an den Zeitläuften irre gewordenen Seele. Kein Fiebertraum allerdings ist eine zentrale Passage, in der Tellkamp eine Argumentationsfigur aufgreift, die dem ultrarechten Ekelarsenal entnommen ist. Denn woher rührt Wiggos Welthass? Er rührt von seinem jüdischen Professor, einem linksdrehenden Widerling, der seinen hochbegabten Assistenten Wiggo wegen rechtsabweichender Gedanken („Sie sind ein Romantiker!“) in die Wüste geschickt hat. Tellkamps jüdischer Professor duldet keine anderen Götter neben sich, er lässt den deutschen Schüler nicht deutsch denken und deutsch fühlen. „Er ließ mich nicht leben. Er. Er.“

      Doch dann der Schock. Als Wiggo auf Rache sinnt, erkennt er, dass der verhasste Professor ein Auschwitz-Überlebender ist, der heimlich Heidegger liest und sich sogar eine Weile der Widerstandsgruppe angeschlossen hatte. Was für eine Assimilationsfantasie: der Jude mit der „Vogelkopffrisur“ als unerlöster linker Eisvogel, als verzauberter Deutschdenker, der freiwillig-unfreiwillig die deutsche Romantik verraten hat. Wie kommt Tellkamp darauf? Wen hat er gelesen, um so etwas zu schreiben?

      Dass Wiggo aus Angst und einem fanatischen Verlangen nach Sicherheit und Ordnung zum Rechtsradikalen wird – dies ist das Schonendste, was man über ihn sagen kann. Der Spiegel zitiert Tellkamp mit der Bemerkung (14/2005), diese Figur sei ihm beim Schreiben oft sehr nahe gekommen und er habe sich von Wiggo innerlich distanzieren müssen. Das ist ein rühmenswert ehrlicher Satz, denn er beichtet die Angst des Autors vor seiner eigenen Verführbarkeit.

      Inzwischen scheint Tellkamp von der Angst zur Wut gewechselt zu sein. Angst und Wut sind Emotionen, die sehr eng beeinanderliegen. Er selbst dürfte sich mit der Wut besser fühlen als mit der Angst. Angst ist mit ihrer Richtung nach innen die sozial verträglichere Emotion, während sich Wut in ihrer Adressierung an andere Menschen nach außen richtet und nach Re-Aktion verlangt. Wut bedient Narzissmus. Womöglich rührt aus den (ihrer Meinung nach inadäquaten) gesellschaftlichen Reaktionen auf rechte Wutbürger deren beständiges Beleidigtsein und die Selbstviktimisierung.

      Ich kann mir das allmählich nur noch küchenpsychologisch erklären. Inhaltlich handelt es sich bei der Wutbürgerei vielfach um Glaubensinhalte, daran machste einfach nix und da schwindet auch meine Bereitschaft zum Diskurs. Wer vom Wissen zum Glauben konvertiert ist, ist mit Argumenten kaum noch erreichbar. Vielleicht eher durch paradoxe Intervention? In diese Richtung strebt Leo Fischer in der ‚Wahrheit‘, taz: Ende der Schonfrist

      Stets blieb der Verlag seinem Motto treu, Autoren zu verlegen, keine Bücher. So hielt er jahrzehntelang den Nichtsnutz Wolfgang Koeppen über Wasser, ließ sich von Thomas Bernhard das Geld aus den mageren Rippen leiern und versorgte Unseld-Witwen sonder Zahl. Allen war klar: Den Autoren wird der Rücken freigehalten – und wenn Max Frisch im Suff versehentlich wieder ein Schulkind überfahren hatte, wurde kommentarlos Schweigegeld gezahlt. Es war eben alles ein bisschen menschlicher als in anderen Häusern.

      Doch nun der Fall Tellkamp. Jahrzehntelang durfte der stets leicht vom Rotwein gebläht wirkende Ossi namens Uwe (vgl. Böhnhardt, Mundlos) seine unlesbaren Romanungetüme ins Suhrkamp-Programm wuchten, bis zum Rand gefüllt mit konservativem Seich. Bisher nahm niemand im Verlag daran Anstoß. Jetzt, da Tellkamp in der Radeberger-Oper zu Dresden verkündete, 95 Prozent der Flüchtlinge könnten seinetwegen summarisch hingerichtet werden, distanziert sich Suhrkamp plötzlich.

      Ein Unikum in der Geschichte des Hauses? Irrtum! Ein Blick in die erst 2010 veröffentlichte Chronik des Verlags zeigt, dass die Zusammenarbeit mit den Autoren nicht immer so bruchlos verlief, wie das nach außen hin gern dargestellt wurde. Als der späte Horkheimer ankündigte, seine letzten Jahre als Motivationstrainer auf Ibiza arbeiten zu wollen, intervenierte Siegfried Unseld noch persönlich – und überredete den Direktor der Frankfurter Schule, das Ganze als „Seminar zu Hegels Rechtsphilosophie (mit DJ Horki und Gratisshots für die Medls, lovesmiley)“ zu deklarieren.

      Als Martin Walser pünktlich am 20. 4. rotzbesoffen und mit durchgeladener Schrotflinte in der Lektorenkonferenz erklärte, die Schonfrist für Juden sei jetzt aber ein für allemal vorbei, konnten die Mitarbeiter seinen Hass immer noch rechtzeitig in ein neues Buch umlenken.

      usw.usw.

  15. Dirk Pilz in der nachtkritik (ganz lesen, Super-Kommentar):

    Wer derlei Dinge verbreitet, kann nicht anders als Lügner bezeichnet werden, es sei denn, man verabschiedet jeden Wahrheitsanspruch und damit jeden Anspruch an ein aufschließendes, erkenntnisförderndes, vertrauensstiftendes Gespräch. Wer solche Lügen wie Tellkamp überdies als politische Meinung ausgibt, ist Populist, und weil es Aussagen sind, die im politischen Spektrum auf der rechtspopulistischen Seite vertreten werden, ist es Rechtspopulismus. Um das festzustellen, muss man kein Linker sein.

    Aber was geschieht jetzt in dieser Debatte um Tellkamp? Das Lügen wird in alle Richtungen entschuldigt und relativiert. Es wird über den „Maßstab der Nation“, das ostdeutsche Befinden oder Moral gesprochen. Man müsse auch über Grünbein reden!, ruft es hier, und über die Moderatorin!, dort. Ohnehin müsse man alles richtig einordnen (hat Tellkamp damals im „Eisvogel“ nicht schon komische Sachen geschrieben? Und spielt nicht komischerweise im „Turm“ die Politik kaum eine Rolle?). Und es gibt, wie immer, natürlich auch jene vorgeblich politisch Abgebrühten, die sich ohnehin nicht die Finger schmutzig machen mögen und sich aus der Debatte raushalten zu meinen können, weil diese Debatte, klar doch, sowieso ganz falsch und niveaulos und erbärmlich und hysterisch ist.

    Das sind nicht nur Positionen einer bequemen Überheblichkeit, sie wirken, als ginge es ihnen vor allem darum, ja nicht zu genau und zu lang bei dem entscheidenden Punkt zu bleiben: eben bei dem Versuch, das Lügen als Meinen auszugeben.

    Es sind eben nicht bloße Rempeleien, die da in Dresden stattgefunden haben, wie Durs Grünbein jetzt sagt. Die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus, dem Neofaschismus, dem Rassismus ist kein Wettstreit in der Habermas’schen Arena des Argumentenaustauschs. Es geht um Politik, knallharte, rücksichtslose, kalte Politik.

    Das sollten auch all jene bedenken, die naiverweise hoffen, man könne diese politischen Absichten irgendwie aussitzen. Jene, die glauben, man müsse den Rechten auch im Parlament eine Chance geben, sie seien schließlich demokratisch gewählt, als belebe der Einzug dieser Rechten in die Parlamente den politischen Diskurs, wie es der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf glaubt. Jene, die immerfort fürchten, die Rechten würden durch Kritik dämonisiert und stark gemacht. Sie sind so stark, weil ihnen nicht entschieden zuwider gesprochen und gearbeitet wurde. Sie sind so stark, weil ihre Absichten fortwährend entschuldigt oder verharmlost werden.

    Deshalb: Wer so wie Tellkamp spricht, macht sich mitschuldig an einer Politik der Spaltung. Nein, das ist keine Stigmatisierung, wie es jetzt reflexhaft allerorten heißt, vom sächsischen Ministerpräsidenten bis zum Kommentar im Deutschlandfunk. Tellkamp wird nicht in die AfD-Ecke gestellt, er hat sich selbst dort platziert. Er wusste, was er sagt, und er wusste auch, von wem er dafür Beifall bekommt.

    Bezeichnend ist aber, dass in diesem Zusammenhang von einer Ecke gesprochen wird, denn das menschenverachtende, rassistische, herabsetzende Denken sitzt in keiner Ecke, sondern in der Mitte, unter den feinen Leuten, den Gebildeten und Kulturliebenden, die sich für unbescholten und unbeteiligt halten. Auch das offenbart diese Debatte einmal mehr. Und das ist es, worüber zu reden ist: Der Schoß ist sehr fruchtbar wieder, aus dem all das kriecht.

    • Von Monika Maron erwarte ich lange schon nichts anderes, derzeit sendet sie allerdings auf allen Kanälen, allein heute auch noch in der FAZ und der Welt. Mutmaßlich nicht zuletzt, weil sie so en passant ihr neues Buch bewerben kann, mit dem sie Houllebecqs ‚Unterwerfung‘ nachzueifern scheint.

      Rechte haben immer nur Dystopien im Angebot, bei Monika Maron ist es hauptsächlich DerMuslimistunserUnglück, nebst Gegifte gegen Linke und Grüne. Für mich ebenso wie bei Vera Lengsfeld (noch eine ach-gut-Autorin): weg mit Schaden! Damit halte ich mich nicht mehr auf.

    • So schreitet sie fort, die Meinungsdiktatur^^

      Nach der Debatte über Uwe Tellkamps Auftritt im Dresdner Kulturpalast hat der Schriftsteller mehrere Lesungen in Norddeutschland abgesagt. Für nächste Woche geplante Auftritte in Schleswig, Kiel, Lübeck und Hamburg finden nicht statt. Das teilt der Verlag Edition Eichthal mit, in dem Tellkamps jüngstes Buch „Die Carus-Sachen“ erschienen ist. Er fühle sich „nach den Vorkommnissen bei der Diskussion in Dresden momentan nicht in der Lage, Lesungen vor Publikum durchzuführen“, teilte der Verleger der Edition Eichthal, Jens-Uwe Jess, am Donnerstag mit.

      (Sächsische Zeitung)
      Immerhin konnte bewiesen werden, daß Suhrkamp doch nicht der allereinzigste Verlag in ganz Deutschland ist.

  16. Sebastian Leber, Tagesspiegel über die Leipziger Buchmesse, Susanne Dagen, Götz Kubitschek, rechte Verlage:

    Antaios hat diverse Werke von Aktivisten der rechtsextremen, vom Verfassungsschutz beobachteten „Identitären Bewegung“ herausgebracht. Einer der Vorzeigeautoren heißt Martin Lichtmesz. Der schreibt von der „Umvolkung Europas“ durch „Afrikanisierung“ und „Aufschwärzung“ der Bevölkerung, was „Genozid“ an den Europäern sei. Er schreibt von „Vergewaltigungsepidemien“ durch Flüchtlinge und sagt, Bindemittel einer Gesellschaft sollten nicht Ideen und Überzeugungen sein, eher Herkunft und Hautfarbe.

    Antaios hat etliche Extremisten in seinem Verlagsprogramm. Thor von Waldstein etwa, der mal im Bundesvorstand der NPD war und den Holocaust als „US-amerikanisches Kulturprodukt“ bezeichnete. Den norwegischen Islamhasser Peder Are Nøstvold Jensen, Vorbild für den Rechtsterroristen Anders Breivik. Den Historiker Stefan Scheil, der den deutschen Überfall auf die Sowjetunion „Präventivkrieg“ nennt und Winston Churchill einen Rassisten, der massenhaft Deutsche töten wollte.

    Zu Kubitscheks Autoren gehört auch Akif Pirincci, der Muslimen eine „krankhafte Beschäftigung mit allem, was nach Ficken und Gewalt riecht“ unterstellte und Flüchtlinge als „Moslem-Müllhalde“ beschimpfte. Er ist wegen Volksverhetzung verurteilt worden.

    Der Stand der NPD dagegen ist immer noch leer, die Mitarbeiter sehen frustriert aus. Umso mehr Leute drängeln sich ein paar Meter weiter bei „Compact“, dem Magazin des Rechtspopulisten Jürgen Elsässer. Es liegen Aufkleber aus, auf denen „Fremd im eigenen Land“ steht oder die Angela Merkel mit Kopftuch zeigen. Ein Mann gratuliert Elsässer zu dessen kürzlich in „Compact“ niedergeschriebener Forderung „Freiheit für Beate Zschäpe!“ und fragt, ob er hier ein Schild mit der Aufschrift „Lügenpresse“ kaufen könne. Leider nein. Ein anderer will wissen, was für „Compact“ denn die große Lösung, das ganz große Ziel sei.

    Na, erstmal alle Grenzen dichtmachen und totale Kooperation mit Russland, antwortet ein Standmitarbeiter. Danach endlich „die volle Souveränität Deutschlands“.

    Dann erklärt Dagen, in ihrem Laden biete sie selbstverständlich „keine rechtsextreme Literatur“ an. Und erwähnt später beiläufig, dass sie die Werke von Antaios sehr wohl auslege; erst vorige Woche hatte sie eine Veranstaltung mit einer Antaios-Autorin bei sich im Laden.

    Ob sie die Schriften der Autoren gelesen hat? Ob sie die Stelle kennt, wo Johannes Poensgen von „Vergewaltigungsorgien von Orientalen und Afrikanern“ schreibt? Oder jene, an der sich Martin Lichtmesz über die Terroranschläge vom 11. September freute, weil es damit den USA endlich „heimgezahlt“ worden sei? Oder die, an der Till-Lucas Wessels einen Kino-Blockbuster mit dunkelhäutigen Schauspielern als „filmgewordenes Schokoladenfondue“ verhöhnte?

    Auf dem Podium hakt niemand nach, auch der Moderator nicht. Später wird er sich darüber freuen, dass die Diskussion so „zivilisiert“ verlaufen sei.

    Viele Antaios-Autoren streben nach einer „konservativen Revolution“. Aber welches „konservativ“ meinen sie? Sind es wirklich die Werte der Bundesrepublik, die da bewahrt werden sollen? Zu den großen Vorbildern der Strömung gehört der neurechte Vordenker Armin Mohler, der in einem seiner Werke die Massenvergasung von Juden in Auschwitz anzweifelte und noch 1995 auf die Frage, ob er Hitler bewundere, antwortete: „Er hat immerhin eine richtige Führung geschaffen. Die Kader, die er heranzog, hatten Stil.“ Es sind aber auch Schwergewichte wie Carl Schmitt, der vom „großartigen Kampf des Gauleiters Julius Streicher“ schwärmte, und Edgar Julius Jung, der die „Tatsache wertvoller und minderwertiger Rassen“ predigte. Der Antaios-Verlag hat von beiden Autoren Bücher neu aufgelegt.

    Gegen Mittag gesellt sich Susanne Dagen, die pegidanahe Buchhändlerin, an den Antaois-Stand. Es gibt Kekse. Kubitschek gratuliert ihr zum „super Auftritt“, Kubitscheks Frau nennt Dagen eine „Powerfrau“. Susanne Dagen klagt erneut darüber, dass man sie ständig in die rechte Ecke stelle.

    Wenn man Götz Kubitschek an seinem Stand stehen und um sich schauen sieht, ahnt man, dass dies für ihn hier viel mehr sein muss als eine Messe. Mehr eine Raumnahme. Im Internet hat er betont, dass sein Stand gewachsen sei. Vergangenen Oktober in Frankfurt sei der zwölf Quadratmeter groß gewesen, diesmal sind es 14. Er erwähnt das wie ein Indiz dafür, dass seine Bewegung nicht mehr aufzuhalten ist.

  17. Vergnüglich zu lesen – Per Leo, Der Freitag widmet sich der Frage, wie man rechte Provokationen auf der Buchmesse ins Leere laufen lassen könnte: Cool down

    Wie damit umgehen? Vier Ansätze sind denkbar. Man kann, erstens, das Dilemma leugnen und sich zu nützlichen Idioten der Rechten machen. Wie auf der Herbstmesse, wo linke Aktivisten – quasi auf Bestellung – genau die Tumulte lieferten, die Kubitschek und seine Freunde zur Beglaubigung ihres Bürgerkriegsphantasmas brauchen. Als wäre all das nicht passiert, kündigt nun das Netzwerk Nationalismus ist keine Alternative für Leipzig erneut kostenlose Statistendienste an: »Wir verhindern rechte Kundgebungen, Demos und Stände […]. Im besten Fall machen Antifaschist_innen den Rechten praktisch klar, dass sie in Zukunft besser auf ihre Meinungsäußerungen verzichten.« Natürlich, und wenn das geklappt hat, macht ihr dann der Deutschen Bank klar, dass sie in Zukunft besser auf ihre Gewerbefreiheit verzichtet. Hallo! Ist euch klar, dass sie in Schnellroda mit ihren Kürassiersäbeln ganze Batterien von Aldi-Champagner geköpft haben, als euer Appell erschien? Jetzt wissen sie nämlich, dass ihr aus Frankfurt nichts gelernt habt. Ist euch klar, dass es für Antaios und die Identitären eine Riesengaudi wäre, euren erwarteten Auftritt mit einer Überraschung zu quittieren? Stellt euch nur mal kurz vor, sie würden einen auf gewaltlosen Widerstand machen. Ihr stört mit eurem Gebrüll ihre Veranstaltung, aber statt wie beim letzten Mal zurückzubrüllen streifen sie sich weiße Kurtis über, gehen auf die Knie, verkleben ihre Münder, während auf dem Podium ein Banner entrollt wird: Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du – Mahatma Gandhi. Reicht eure Phantasie aus, um zu ahnen, dass das auch Leute amüsieren würde, die sonst nichts mit den Rechten verbindet?

    Zweitens kann man es mit der Initiative #verlagegegenrechts halten und Aussteller wie Antaios irgendwie akzeptieren, aber irgendwie auch nicht. Stilistisch führt diese Haltung zu den bekannten Exzessen einer Betroffenheitsprosa, die das Übel in der Welt zwar nicht begreifen, aber auch um keinen Preis unkommentiert lassen will. … Insgesamt 13 Veranstaltungen sind geplant, auf denen die »demokratische« Gesinnung viel Messeraum und Messezeit zur Selbstdarstellung einnehmen wird, was heißt, andauernd und immer wieder all das zu verneinen, was von »rechts« bejaht wird. Dass das Verneinte in der Negation anwesend ist, könnte man seit Hegel wissen. Kubitschek jedenfalls weiß es, darum darf mit seiner Anwesenheit im Publikum gerechnet werden. Er wird entspannt zuhören, ein Hörnchen Met schlürfen und sich denken: Bei Thor, Landnahmen waren auch schon mal komplizierter.

    Lässt sich der zweite Ansatz auf die Maxime »am besten gar nicht ignorieren« bringen, so bestünde der dritte darin, die Rechten tatsächlich nicht zu beachten. Leider wäre ein kollektives Beschweigen nur in Diktaturen organisierbar. Trotzdem sollte man sich diese Möglichkeit wenigstens hypothetisch vor Augen halten. Würden all jene, die jetzt wort- und gestenreich die »Gefahr von rechts« beschwören, einfach gar nichts tun, wäre in bester taoistischer Manier alles getan. Ohne ihre Feinde wären die Rechten schließlich auf sich selbst zurückgeworfen. Wie das aussähe, ließ sich in den ruhigeren Momenten der Frankfurter Buchmesse erahnen. An ihrem Stand mussten die Antaios-Mitarbeiter quasi im Minutentakt maschinengetippte Manuskripte zurückweisen, die ihnen deutsche Greise zur Veröffentlichung anboten.

    Schließlich und viertens könnten alle, die sich dem »Kampf gegen rechts« verschrieben haben, die Rechten ja ausnahmsweise mal als Gegner ernst nehmen. Buchmessen sind nicht der Ort, um sie im Kampf zu stellen. Aber wo sonst ließen sie sich so ungehindert studieren? Schließlich lässt sich ein Gegner, den man verstanden hat, viel besser bekämpfen als einer, den man nur verachtet. Man könnte zum Beispiel bei Antaios vorbeischauen, um mal mit Kubitschek zu reden. Dabei würde man merken, dass er viel weniger souverän wirkt, wenn er auf Höflichkeit und Ironie reagieren muss, als wenn andere auf seine Anstößigkeit hin ausrasten. Viele nicht zu Ende gedachter Gedanken würde man bemerken, viele nur mühsam kontrollierte Affekte, aber auch einen überraschenden Schuss schwäbelnden Humors.

    Man könnte es auf der Buchmesse allerdings auch zum Äußersten kommen lassen und in ein paar der ausgestellten Bücher reinschauen.

    … dass Kubitschek zwar kein großer Denker ist, aber durchaus ein flotter Schreiber, dessen – worauf in einer Vorbemerkung hingewiesen wird – einflussreichster Text wie heißt? Genau: Provokation. Wer provoziert, hat verstanden, durch welche Gesten er den anderen zu unbedachten Taten reizen kann. Im Kampf ist die Provokation eine Taktik der Anpassung an einen überlegenen Gegner. Der Schwächere nimmt sich die Freiheit, den Stärkeren zum Sklaven seiner Instinkte zu machen. Hätte man das verstanden, könnte man zum Schluss Martin Lichtmesz’ und Caroline Sommerfelds Mit Linken leben zur Hand nehmen, einen Bestseller, auf den Kubitschek und Kositza erklärtermaßen stolz sind.

    Dabei ist kein kluges Buch herausgekommen, aber ein geradezu schmerzhaft waches. Ganze Kapitel widmen die Autoren der Frage, durch welche Gesten und Sätze sich »linke« Empörung triggern lässt. Sie beschreiben ausführlich, in welchen Nischen man im »juste milieu« der Gerechten und Selbstgerechten gefahrlos überwintern kann. Und sie zeigen ein idiosynkratisches Gespür für die Widersprüchlichkeit einer Toleranz, die im Namen der Vielfalt Konformität erwartet. Angesichts solcher Umweltsensibilität muss man sich fragen, ob es nicht Zeit für eine ökologische Theorie der Rechten wäre. Sie könnte vielleicht erklären, dank welcher Metamorphosen und Anpassungsprozesse eine Bewegung, die durch den Nationalsozialismus rettungslos diskreditiert schien, heute so verstörend lebendig wirkt. Carl Schmitt und Ernst Jünger hat die Bundesrepublik längst kanonisiert. Was dagegen weiterhin zu denken gibt, ist die ewige Verlockung zur Regression. Du verspürst einen Reiz? Gib ihm nach! Man kritisiert Dich? Das zeigt, dass du Recht hast! Denn right is right, and left is wrong. Komm, wir backen Plätzchen! Und dann kochen wir uns ein Volk.

  18. Maren Lehmann, FAZ zitiert aus dem Wortwechsel zwischen Grünbein und Kubitschek (der im Video nur teilweise hörbar ist):

    Götz Kubitschek: „Sind Sie nicht der Meinung, dass der Riss, der durch die Gesellschaft geht, unbedingt sein muss? (…) Was ist Meinungsfreiheit für Sie, was muss man wirklich ertragen? (…) Also ich bin strikt dafür, dass der Riss noch tiefer wird, dass die Sprache noch deutlicher, noch konkreter wird. Und das ist meine Frage an Sie, ob Sie das nicht am Ende für viel spannender und interessanter halten als die ewig gleiche Käseglocke über diesem Land.“

    Grünbein: „Herr Kubitschek, darf ich Sie was fragen? Das wollte ich Sie eigentlich immer schon fragen: Halten Sie sich als Verleger für einen Anarchen? Ist es das, was Sie wollen? (…) Ist es vielleicht sogar eine klammheimliche Lust, an diesem Riss zu arbeiten? Ist das quasi das politische Programm, das Sie verfolgen?“ Kubitschek, impulsiv, ohne Mikro, verbal schon an Grünbeins Gurgel: „Ich war Offizier und war auch im Einsatz in Bosnien (…). Das, wo ich heute stehe, meine Position als Verleger (…): dass es natürlich ganz klar Rechtsintellektuelle geben, dass es konservative Intellektuelle, dass es Nationalkonservatismus geben muss in diesem Land. Dass Normalität hergestellt wird, das ist der einzige Grund, warum ich nicht mehr Offizier bin. Lust an der Anarchie habe ich keine. Ich weiß, dass Anarchie die Katastrophe für ein Volk ist.“

  19. Endlich wird das verknüpft!
    Lesen Sie den ganzen Artikel von Christian Baron im nd – Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen

    Deutschland, polterte Tellkamp weiter, habe ein Problem mit dem Islam. Seine Äußerung zu Flüchtlingen wurde besonders oft zitiert: »Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent.« Parallel geriet der mittlerweile als Bundesgesundheitsminister vereidigte Jens Spahn (CDU) in die Schlagzeilen. Der »WAZ« sagte er: »Niemand müsste in Deutschland hungern, wenn es die Tafeln nicht gäbe.« Und: »Hartz IV bedeutet nicht Armut, sondern ist aktive Armutsbekämpfung.«

    Die Diskussionen um Tellkamp und Spahn verlaufen unabhängig voneinander, so als hätten die beiden Standpunkte nichts miteinander zu tun. Dabei eint sie die Lust am Treten nach unten, das unter Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Kultur zum guten Ton gehört.

    Es folgen diverse Beispiele klassistisch-rassistischer Ressentiments.

    Der Islam wurde zum Feindbild, der Mensch blieb ein Kostenfaktor. Entstanden ist ein soziales Klima, in dem die AfD aufsteigen durfte und sich nun mit den meisten anderen Parteien darin überbieten kann, Erwerbstätige gegen Erwerbslose, »Deutsche« gegen »Ausländer«, Alte gegen Junge und Männer gegen Frauen auszuspielen.

    Erst die Entwicklung der Diskussion um »Unterschicht« und »Integration« seit 2005 erklärt, warum sich Jens Spahn mit kaum mehr als sarkastischen Kommentaren konfrontiert sah und weshalb es bereits vor einem Jahr keine Konsequenzen nach sich zog, als Peter Tauber (CDU) einem Internetnutzer mitteilte: »Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, brauchen Sie keine drei Minijobs.«

    Wie tief die Nützlichkeitsideologie selbst in den Köpfen wohlmeinender Weltbürger verankert ist, das zeigt der Fall Tellkamp. Es wurde viel Aufwand betrieben, um die Aussage zu widerlegen, 95 Prozent der Geflüchteten wanderten in die Sozialsysteme ein. Warum bestand kaum jemand darauf, dass es ein legitimes Begehren ist, der Armut zu entfliehen aus einem Land, für dessen desolate Lage Deutschland mitverantwortlich ist?

  20. Die offenen Briefe fliegen weiterhin tief, die aktuelle Version nennt sich ‚Erklärung 2018‘, weil: erklärt ihre Solidarität mit *gidas und anderen fremdenfeindlichen Demonstrationen, hält die Grenzöffnung 2015 für illegal, glaubt an Beschädigung des Landes durch „illegale Massenmigration“ und fordert Wiederherstellung der rechtsstaatlichen Ordnung. Zur Unterzeichnung gesucht wird ausdrücklich nach „Autoren, Publizisten, Künstlern, Wissenschaftlern und andere Akademikern„. Initiatorin ist Vera-wir-haben-mehr-zu-bieten-Lengsfeld, Unterzeichner die erwartbar Üblichen – Uwe Tellkamp, Karlheinz Weißmann, Dieter Stein, Frank Böckelmann, Andreas Lombard, Eva Herman, Martin Lichtmesz, Matthias Mattussek, Henryk M. Broder, Egon Flaig, Thilo Sarrazin, Uwe Steimle, David Berger, Andreas Popp, Wolf Jobst Siedler jr. usw.usf.
    Erstunterzeichnerin Ellen Kositza wurde wieder von der Liste gelöscht – bestimmt lag das am fehlenden Dokortitel^^

  21. Henrik Merker (ohne Bezahlung/Rechtschutz/Kollegensolidarität) für den Zeit-Online-Störungsmelder: Rechte Raumnahme auf der Leipziger Buchmesse

    Auf der Leipziger Buchmesse stand die Frage „Mit Rechten reden?“ wieder im Fokus. Soll man Rechtsaußen-Verlage dulden? Ja, entschied die Leipziger Buchmesse am vergangenen Wochenende. Daraufhin übernahmen Rechtsextreme die Kontrolle über einen Teil der Messe. Ein Bericht aus Halle 3, rechts hinten.

    Die zentrale Strategie der „Neuen Rechten“ heißt „Diskursverschiebung“. Was die rechten Verlage darunter verstehen, zeigt eine Veranstaltung des Compact-Magazins: Stolz verkündet Chefredakteur Jürgen Elsässer, man habe den Wehrmacht-General Erwin Rommel ins neue Heft des rechts-außen Verlages aufgenommen.

    Ihr Ziel sprechen die Rechten offen aus: Elsässer fordert, „oppositionelle Medien“ sollten zum „Sturz des Regimes“ beitragen. Die Rechtsaußen-Zeitschrift „Sezession“ solle für inhaltliche Tiefe sorgen, das Compact-Magazin die breite Masse erreichen. Geht es nach Elsässer, sollen Schüler und Studenten sein neues Geschichts-Heft lesen.

    Damit niemand stört, schirmen Sicherheitsleute die Veranstaltungen der extrem rechten Verlage hermetisch ab. Die Rechten haben eine Kompanie eigener Sicherheitsmänner mitgebracht. Auf Nachfrage teilt die Messeleitung mit, dass für den Schutz der Buchmesse ein Sicherheitsunternehmen beauftragt wurde. Private Wachen hätten nur im Auftrag dieses Unternehmens arbeiten dürfen – und nur als „Standwachen“. Ein Video zeigt, wie die in Zivil gekleideten „Standwachen“ von Mitarbeitern des Unternehmens eingewiesen werden – zum Schluss droht einer der Mitarbeiter dem Filmer und greift nach dessen Presseausweis.

    Nach dem Protest linker Gruppen unterhalten sich die „Identitären“ vor der abgeriegelten Leseinsel. Einer sagt, er habe sich vorher was eingeworfen. „Und dann hast du nichts gemerkt, Alter“, ruft er begeistert. „Von letztes Jahr diese Aktion am Justizministerium ist ja jetzt auch schon über’n dreiviertel Jahr her, da kam bisher auch nichts, ne“, sagt einer. Ein anderer meint, die Gerichte seien wohl überfordert. Anschließend loben sie sich gegenseitig dafür, wie sie Journalisten angingen.

    Neben politischen Gegnern stehen Journalisten im Fokus der Rechten. Sie werden gezielt angepöbelt, bedroht und eingeschüchtert. Ein Reporter vom Neuen Deutschland berichtet, wie er „Identitäre“ filmte, als diese auf Gegendemonstranten einschlugen. Plötzlich schlägt jemand auf seine Kamera und reißt diese fast vom Stativ. Der Schläger ist einer der privaten Sicherheitsmitarbeiter, ausweisen wolle er sich nicht. Der Journalist bricht darauf seine Berichterstattung ab. Vor der „Leseinsel“ belauscht einer das Gespräch von Journalisten. Er gibt sich als offizieller Sicherheitsmann der Messe aus. Seinen Ausweis? Habe er draußen, könne er dort zeigen. Warum er den nicht wie vorgeschrieben bei sich trägt? „Wir können das gern draußen klären!“, droht der Sicherheitsbedienstete, wird aggressiv. Ein leitender Polizeibeamte sagt später im Gespräch, der Pöbler sei einer der privaten Sicherheitsleute gewesen.

    Nach den Ausschreitungen auf der Frankfurter Buchmesse wollte man den Rechten in Leipzig die Diskussionen nicht überlassen. Das Bündnis „Verlage gegen Rechts“ organisiert deshalb die inhaltliche Auseinandersetzung mit den „Neuen Rechten“. Deren Strategien sollen analysiert, ein angemessener Umgang damit gefunden werden. … Götz Kubitschek, Sven Liebich und der Antisemit Nikolai Nerling stören täglich die Veranstaltungen von „Verlage gegen Rechts“ und den Messebetreibern – sie filmen sich dabei, stellen ihre Videos ins Netz.

    Sieben rechte Verlage wollten ursprünglich kommen, neben den großen Ständen von „Compact“ und „Antaios“ bekam nur die NPD etwas Aufmerksamkeit. Deren Parteizeitung „Deutsche Stimme“ teilte sich eine Parzelle mit der NPD-nahen Stiftung „Terra-Nostra“. Europaabgeordneter Udo Voigt, NPD-Vorsitzender Frank Franz und weitere Führungskräfte lockten kaum Messebesucher an. Dagegen dominierte das Who-is-Who der „Neuen Rechten“, begleitet von klassischen Neonazis und Verschwörungstheoretikern. Und die nutzen jede Bühne, die sie bekommen. Pappschilder, ein paar Kameras und rechtsextreme Parolen – eine Inszenierung mit einfachsten Mitteln.

  22. Die Dresdner Echokammer Susanne Dagen-Uwe Tellkamp, die öffentliche Diskussion und die Meinungsfreiheit sind Thema bei Bert Rebhandl, Der Standard – Die „böse“ Meinung mit den Anführungszeichen

    Schützenswert sind für Susanne Dagen manchmal auch Anführungszeichen. In einem Zitat, das ihr zur Freigabe vorgelegt wurde, kommt das Wort Schutzsuchende vor. Da ist es ihr ausdrücklich wichtig, dass das als „Systembegriff“ deutlich gemacht wird. Dass sie damit das polemische Tellkamp-Zitat noch einmal auf subtile Weise bekräftigt, ist sicher Absicht, und vermutlich freut sie sich heimlich darüber, dass ihr das gelingt, indem sie politisch korrekte Bemühungen um eine angemessene Sprache unter den Vorbehalt von Häkchen setzt.

    In seiner Art sehr lesenswert ist auch Susanne Dagens schwerer Leidensweg – mdr (Johanna Kelch, Gunther Neumann, erschienen vor 5 Monaten) Chronik einer Denunziation

  23. Was mir schon länger durch den Kopf geht; wie lange trägt sich so der Titel „Bürgerrechtler in der DDR“ bis mensch diese Lorbeeren verbrannt hat?
    Die ist jetzt seit mehr als einer Generation Geschichte, wirkt natürlich noch fort z.B. als Zombie-Staat bei Statistiken.
    Tellkamp bezeichnet sich selber wohl nicht so, der wird auch dieses Jahr erst 50, aber so ein bißchen (viel) spielt der ja auch damit und hat mit seinem Opus Magnum über die 80er wohl seinen gutgepolsterten Ruhestand gesichert.
    Figuren wie Lengsfeld und Maron und bestimmt noch einige mehr, die mir grade nicht einfallen, geben sich ja alle Mühe, bei ihren damaligen (damit nicht so hausieren gehenden) Mitstreitern mehr als nur ein Augenverdrehen hervorzurufen, so die von mir respektierten denn nicht schon verstorben sind.
    Andere, die Tellkamp in seinem Quatsch unterstützen und sich selber als Opfer des Jetzt sehen wie dieser komische Steimle vom mdr (falls der da (berechtigt) nicht endlich doch rausgeflogen ist bzw. ganz weit oben auf der Abschußliste steht) der die Ostalgieschiene zu seinem Beruf gemacht hat, geben sich auch alle Mühe, es sich bei den „Ossis“, die über die „besorgten Bürger“ sehr besorgt sind, auch zu verscheißen.

    Ist das irgendwie cool, rechts das neue links als Rebellion, hab ich da irgendeinen Schuß nicht gehört?!? *schulterzuck*

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