Heimat (ja, schon wieder)

Deutschlandfunk Kultur, Ulrike Timm im Gespräch mit Gianni Jovanovic – „Ich fühlte mich komplett fremdbestimmt“ (heißer Dank an den kleinen König, der mir den link geschickt hat)

 

Rebecca Erken, Zeit Online – „Roma und schwul, geht das überhaupt?“

Seine Geschichte sei nicht generalisierbar, sagt Jovanovic. Die Roma, von denen Schätzungen zufolge rund 120.000 in Deutschland leben, seien keine homogene Masse. Man könne sie genauso wenig über einen Kamm scheren wie Bayern oder Rheinländer. Es gebe mehr als 60 unterschiedliche Dialekte der Romanes-Sprache und viele unterschiedliche Religionszugehörigkeiten innerhalb der Roma.

 

Den Mann gibt es auch als Roman: Katja Behrens, Nachts, wenn Schatten aus dunklen Ecken kommen, erschienen bei Edition Faust.

 


 

Nur sehr wenige Sinti und Roma wurden nach dem Porajmos entschädigt, kaum ein NS-Täter wurde verurteilt. Im Gegenteil – unter Verwendung der im 3. Reich erstellten Akten führten viele Täter die staatliche Verfolgung der Sinti und Roma fort. Nachzulesen z.B. in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte (1997, ab Seite 757), Gilad Margalit – Die deutsche Zigeunerpolitik nach 1945

Vorbild Bayern:

„Die Zigeunerpolizeistelle“ des bayrischen Landeskriminalamtes, die bis 1938 unter derselben Bezeichnung firmiert hatte, wurde in „Landfahrerzentrale“ umbenannt, und diese erhielt am 22.12.1953 mit der „Landfahrerordnung“ wieder eine Grundlage für ihre rassistische Sondererfassung. In wesentlichen Punkten gleicht diese „Landfahrerordnung“ dem Gesetz von 1926. Auf dieser Grundlage genoss die bayrische Landfahrerzentrale seit 1953 de facto Bundeszuständigkeit. Alle Bundesländer übermittelten ihre Daten über kontrollierte Sinti und Roma fortan nach München. Der Leiter der „Landfahrerzentrale“, Josef Eichberger, war im Reichssicherheitshauptamt der hauptverantwortlicher Organisator von „Zigeuner“-Deportationen gewesen.

Durch den Erlass der „Bayrischen Landfahrerordnung“ wurden die Sinti gezwungen, ein Landfahrerbuch zu führen, in dem unter anderem die Fingerabdrücke aller Familienmitglieder eingetragen waren. Sie wurden fotographiert und Details ihres Privatlebens wurde protokolliert. Erst 1970 wurde diese diskriminierende Verordnung aufgehoben.

 


 

Sein Ziel sei mehr Sicherheit, sein Vorbild sei Bayern, sagte Seehofer. „Bay­ern ge­hört zu den si­chers­ten Re­gio­nen in Eu­ro­pa. Das muss auch für ganz Deutsch­land mög­lich sein“.

Er plane „null To­le­ranz ge­gen­über Straf­tä­tern“, sagte Seehofer der Zeitung. Deutschland dürfe „keine rechtsfreien Räume mehr dulden“. Konkret forderte er Videoüberwachung an Orten mit erhöhter Kriminalität. „Bil­der aus Über­wa­chungs­ka­me­ras haben schon viele Strafta­ten auf­ge­klärt.“ Für die geplanten Maßnahmen wolle er alle Bundesländer einbeziehen.

Außerdem soll häufiger und schneller abgeschoben werden, sagte Seehofer der Zeitung. Vor allem gegen straffällig gewordene Asylbewerber und sogenannte Gefährder müsse härter durchgegriffen werden. Dafür plane er einen „Mas­ter­plan für schnel­le­re Asylverfah­ren und kon­se­quen­te­re Ab­schie­bun­gen“. Die Grenzkontrollen an deutschen Grenzen sollen verlängert werden. „Erst wenn die EU-Au­ßen­gren­zen wirk­sam ge­schützt sind, kön­nen die Kon­trol­len an un­se­ren Gren­zen weg­fal­len.“ sagte Seehofer. „Wir wol­len ein welt­of­fe­nes und li­be­ra­les Land blei­ben. Aber wenn es um den Schutz der Bür­ger geht, brau­chen wir einen star­ken Staat.“

Seehofer kommentierte auch die Debatte um die neue Zuständigkeit des Innenministeriums für das Ressort Heimat. Es ginge dabei nicht „um Dirndl oder Le­der­ho­se“, sondern um ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt.

 


 

In Seehofers Vorbild Bayern wird wahrscheinlich in Kürze ein Polizeiaufgabengesetz in Kraft treten, das die Polizei zu einer gigantischen Überwachungsbehörde aufrüsten und ihr mehr Macht als je zuvor seit 1945 einräumen, das staatliche Schnüffelei bis in die privateste Privatheit erlauben und eine vorbeugende Unendlichkeitshaft einführen wird.

Heribert Prantl im Juli 2017:

Das alles ist eigentlich unvorstellbar; bei diesem Gesetz „zur Überwachung gefährlicher Personen“ denkt man an Guantanamo, Erdogan oder die Entrechtsstaatlichung in Polen. Die Haft ad infinitum wurde aber im Münchner Landtag beschlossen. Die CSU sollte sich schämen; die Opposition, deren Aufstand nicht einmal ein Sturm im Wasserglas war, auch. Dieses Gesetz ist eine Schande für einen Rechtsstaat.

Es führt im Übrigen auch die Fußfessel für Personen ein, von denen eine Gefahr ausgeht. Man sollte die Fessel, am besten auch für die Hände, den Abgeordneten anlegen, die für so ein Gesetz stimmen.

Handfesseln bitte gern auch für die SPD, die die GroKo ermöglicht und für alle, die Horst Seehofer nur für ein kurioses bayerisches Unikum halten. Gesellschaftlicher Zusammenhalt zum Erhalt der eigenen Idee von Heimat, Zuhause, ist mir völlig egal, wie Sie Ihren Lebensraum und Ihre Werte nennen, ist bitter nötig!

Falls Sie zufällig kein Roma, kein Asylbewerber, kein Einwanderer, kein „Gefährder“, nicht homosexuell, nicht links, nicht antifaschistisch sein sollten – für den HeimatHorst geht z.B. auch die Vergewaltigung in der Ehe in Ordnung.

 


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10 Gedanken zu „Heimat (ja, schon wieder)

  1. Am bayerischen Wesen soll jetzt wohl die Nation genesen. Es sieht aus, als ob sie diesmal eine besonders dicke Scheibe von der Salami namens Freiheitlichkeit absäbeln wollen. Nach den beharrlich über viele Jahre geleisteten Vorarbeiten seiner Amtsvorgänger kann #HeimatHorst jetzt richtig hinlangen.

    Eine (unke ich mal) künftige AfD-Regierung würde dann dem Beispiel Polens und Ungarns nacheifern in Sachen Pressefreiheit, Unabhängigkeit der Justiz, Gewaltenteilung usw. Aber wer beschützt uns dann vor dem gängelungswütigen Nulltoleranzstaat? Auch als „zufällig kein Roma, kein Asylbewerber, kein Einwanderer, kein „Gefährder“, nicht homosexuell“ und zumindest nicht optisch als irgendwie links oder antifaschistisch erkennbarer Normalbürger wird mir mulmig.

    P.S.: für den HeimatHorst geht z.B. auch die Vergewaltigung in der Ehe in Ordnung

    Was soll daran auch falsch sein, haben wir schon immer so gemacht, ist also praktisch Leitkultur. Prost!

  2. Pingback: Aufgelesen und kommentiert 2018-03-11 – "Aufgelesen und kommentiert"

  3. Aus der heutigen Süddeutschen, Wolfgang Görl – So half die Münchner Polizei bei der Ermordung von Sinti und Roma

    Nur in wenigen Fällen wurden die Täter nach dem Ende der NS-Herrschaft bestraft. Stattdessen setzte sich die Diskriminierung der Sinti und Roma auch in der Bundesrepublik fort. In Sachen Entschädigung argumentierten Behörden und Gerichte in den Fünfzigerjahren, die Sinti und Roma seien bis 1943 nicht aus „rassistischen Gründen“ verfolgt worden, sondern weil sie asozial oder kriminell waren.

    Noch 1956 formulierte der Bundesgerichtshof in einer Urteilsbegründung: „Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremden Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb zu eigen ist.“ Zu dieser Art von Rechtsprechung sagte 2016 Andreas Mosbacher, Richter am Bundesgerichtshof: „Die Entscheidungen des BGH erfordern ( … ), dass man sich bei den Betroffenen – jedenfalls symbolisch – entschuldigt. Dies sei hiermit, viel zu spät, getan.“

    Wann kam eigentlich die Bitte um Entschuldigung (zugunsten ihrer Erklärung) aus der Mode und wem nützen Entschuldigungen gleich nochmal? Genau: wer Schuld auf sich geladen hat, darf um Ent-Schuldigung bitten, der Geschädigte allein entscheidet, ob er sie gewähren kann oder nicht.

    Anderer SZ-Artikel, Jakob Wetzel – Gedächtnislücken – gleiches Thema:

    „Man hat bestimmte Opfer anfangs bewusst ausgeklammert“, sagt Albert Knoll, Archivar der KZ-Gedenkstätte Dachau. An jüdische oder auch politische Opfer wurde bald erinnert. Sinti und Roma dagegen, die als „asozial“ galten, hatten es schwer, ebenso Homosexuelle. „Die Ressentiments waren nach 1945 genau so da wie vorher“, sagt Knoll. Die Entscheider waren oft dieselben Personen: In der jungen Bundesrepublik besetzten viele frühere Nazis weiterhin führende Posten. Und nicht nur bei ihnen saßen die Vorbehalte tief. „Asozialen“ und „Berufsverbrechern“ sei doch Recht geschehen, hieß es. Laut Knoll legten auch die US-Besatzer bei der Umerziehung der Deutschen zu Demokraten keinen gesteigerten Wert auf ein Gedenken an Sinti und Roma oder an Homosexuelle.

    Wie weit die Ressentiments reichten, zeigen Gerichtsurteile. So erhielten Sinti und Roma anders als andere Opfer für einen großen Teil des Leids, das ihnen zugefügt worden war, zunächst keine Entschädigung. Richter urteilten, sie seien nicht aus rassistischen Gründen verfolgt worden, sondern weil sie eben asozial seien. Die Nazis hätten die Kriminalität eindämmen wollen, die Verfolgten seien selber schuld. Diese Sicht untermauerte 1956 gar der Bundesgerichtshof: Er schrieb, Sinti und Roma neigten, „wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb zu eigen ist“. Erst in den Sechzigerjahren rückte der BGH davon ab. Eine Entschuldigung folgte erst 2016.

    Auch bei den anderen einst Verfolgten fanden die Sinti und Roma anfangs keine Unterstützung. Im Internationalen Häftlingskomitee des früheren KZ Dachau etwa gaben politisch Verfolgte den Ton an. Sie verwehrten ein Gedenken auf Augenhöhe mit dem Argument, ein solches müsse man sich durch aktiven Widerstand gegen die Nazis verdient haben. Freilich: Gegen das Gedenken an die ermordeten Juden brachten sie das nicht vor.

    Apropos „ein solches müsse man sich durch aktiven Widerstand gegen die Nazis verdient haben„: jede/r weiß wenigstens ein bißchen über den Aufstand im Warschauer Ghetto. Aber und unter anderen über den Aufstand der Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau am 16. Mai 1944?

    Der Standard, Ethel Brooks, Patricia Pientka – Unerzählte Geschichten

    Am Abend des 15. auf den 16. Mai 1944 umzingelten mit Maschinengewehren bewaffnete SS-Soldaten das Lager für Sinti- und Roma-Gefangene, das sogenannte „Zigeunerlager“ des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, mit der Absicht, die nahezu 6.000 Häftlinge zu töten. Doch als die SS-Soldaten das Lager umstellten, um mit dem Abtransport der Inhaftierten zu den Gaskammern zu beginnen, stießen sie auf bewaffneten Widerstand vonseiten der Männer, Frauen und Kinder im Lager. Die Gefangenen hatten von der geplanten „Liquidierung“ gehört und hatten sich Waffen aus Blech und Holz, Rohren, Steinblöcken und anderem Schrottmaterial, was immer sie finden konnten, gemacht. Nach den Erinnerungen von Überlebenden und Zeugen des Widerstands gaben die SS-Truppen ihren Plan, als sie mit den bewaffneten Häftlingen konfrontiert waren, schnell auf. Durch ihre improvisierten Waffen und koordinierten Anstrengungen schafften die Gefangenen es, die SS-Truppen abzuwehren und den Abtransport zu den Gaskammern zu verhindern. Zwar wurden einige Gefangene dennoch in jener Nacht erschossen, doch durch ihren organisierten Widerstand konnten die Sinti- und Roma-Gefangenen ihre Hinrichtung in den Gaskammern noch um einige Monate verzögern.

    Es gibt zwar geschichtliche Dokumentationen über den Aufstand der Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau und belegte Zeugenaussagen, die in Archiven verfügbar sind, doch bis zum heutigen Tag gibt es keine Monographie oder ausführliche Studie über die Ereignisse vom 16. Mai. Die derzeit verfügbaren Kenntnisse zu diesem und weiteren zentralen Ereignissen sind das Ergebnis mühsamer Recherche und Arbeit, um sicherzustellen, dass die Geschichten der Roma erhalten bleiben und entsprechend gewürdigt werden. Über siebzig Jahre nach der Schließung des Lagers für die Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau und dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist nach wie vor umfangreiche Arbeit zu leisten, um die Geschichten der Sinti und Roma während des Holocausts – vom Widerstand und von den Qualen bis hin zum täglichen Leben und den Beziehungen mit den Nachbarn, zu anderen Sinti und Roma und Menschen aus anderen Gemeinschaften – zu recherchieren, zu dokumentieren und ihrer zu gedenken.

    Um die Kulturen der Roma und Sinti zu zeigen und um endlich selbst Akteur der Geschichtsschreibung zu werden, wurde letztes Jahr in Berlin das (von deutschen Medien über Agenturmeldungen hinaus wenig beachtete) European Roma Institute for Arts and Culture gegründet. Am Beispiel eines Artikels im Tagesspiegel läßt sich das Fortschreiben antiziganistischer Ressentiments bestens sehen:

    Der weiße Raum mitten im Berliner Lobbyistenviertel gleicht einer Galerie und soll Ankunftsort sein für 12 Millionen Roma aus ganz Europa. Hier, im Europäische Roma Institut für Kunst und Kultur, soll ihre Kultur sichtbar gemacht werden, gefördert vom Europarat und der Open Society Foundation.

    Doch diese eine Kultur gibt es nicht: Die Geschichten der Roma reichen so weit auseinander wie die Grenzen des Kontinents. Gemeinsam sind ihnen aber Jahrhunderte der Ausgrenzung an die Stadtränder und Wagenplätze europäischer Städte und der Wunsch, endlich selber über ihre Geschichte zu bestimmen.

    Hier sollen sie endlich einen eigenen Ort haben, „mit Fenstern und Türen“, wie Junghaus freudig anmerkt. Einen gemeinsamen Raum für die verschiedenen Gruppen, die selten nach Sesshaftigkeit oder einem eigenen Heimatstaat strebten, mit der Hoffnung, dass sie hier zusammenfinden.

    Da isser wieder, der selten nach Sesshaftigkeit strebende, der „wandernde Zigeuner“. Ein realitätsfernes Ressentiment, das in seiner exkludierenden Bösartigkeit dem vom ewig wandernden Juden in nichts nachsteht.
    Holt die Wäsche rein.

  4. Pingback: Wenn sich über ein Wochenende… – Fädenrisse

  5. Moin

    Sieht so aus, als ob der Bücherstapel gerade wieder um eines höher wird.

    Die vorurteilsbehafteten Ansichten gegenüber diesen Menschen wurden auch schon in Grete Weisskopfs Ede und Unku thematisiert. Davon gibt es inzwischen ganz aktuell ein neues Buch von Janko Lauenberger. Dieser ist ein Nachfahre der Titelheldin Unku und auch das Buch steht bereits auf der Wunschliste.

    Solche Figuren wie Seehofer beschränken sich nicht auf Bayern. Ein Strobl in Ba-Wü, ein Henkel ehemals in Berlin oder ein Scholz in Hamburg sind ebenfalls heisse Kandidaten, aber längst nicht alle.

    Mal sehen, wieviel der bayerischen „Erfolge“ der jüngeren Zeit Seehofer auf Bundesebene vesucht einzubringen.

    Dabei war ich der irrigen Annahme, dass ein TdM als Innenminister nicht mehr zu toppen ist…

    • Womit mein Bücherstapel um zwei höher geworden ist, danke!
      Ich bin beeindruckt, was in der DDR Schulpflichtlektüre war. Wäre im Westen zumindest in meiner Schulzeit nicht denkbar gewesen, in den 70ern bewegte man sich fröhlich zwischen Romantisierung und Diskriminierung der Sinti und Roma hin und her und der Nazifaschismus galt als besiegt und abgehakt. Bilder von leicht bekleideten „Zigeuner“-Mädchen hingen in zahllosen Schlafzimmern, Dunja Rajter und Alexandra trällerten von der Romantik eines nichtsesshaften Lebens, das gleichnamige Schnitzel war so exotisch wie beliebt und Sinti und Roma mit Müll und Kriminalität gleichgesetzt. Je älter ich werde, desto bewußter wird mir, daß ich – Jahrgang 63 – gerade mal einen Wimpernschlag nach dem 3. Reich geboren wurde und wie weit das Ausloten der menschlichen Möglichkeiten der Nazis in die Jetztzeit ragt.

      Über das Buch von Janko Lauenberger und Juliane von Wedemeyer gibt’s einen aktuellen Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung, die Autoren stellen es am 18.3. (13 Uhr, Forum Sachbuch) auf der Leipziger Buchmesse vor.

      Ich dachte mir schon beim Innenfriedrich, daß da nix mehr getoppt werden kann, falscher Fehler. Wir müssen uns alle warm anziehen und es ist Aufgabe der noch-nicht-Diskriminierten, sich für die Rechte von Diskriminierten einzusetzen. So viel ich an Angela Merkels Politik auszusetzen habe, aber nach ihr wird es garantiert noch viel übler. Es ist gar kein gutes Zeichen, daß sie mit gerade mal 9 Stimmen Mehrheit wiedergewählt wurde und ich wäre auch nicht überrascht, wenn sie noch vor Ablauf ihrer Amtszeit hinwirft.

  6. Leo Fischer, nd – Bayern

    Derweil zimmert der amüsante Hinterwäldler Seehofer, dem man einfach nichts übelnehmen kann, an einer Allianz rechtskonservativer Regierungen und umschmeichelt Europas Erdogan, Viktor Orbán. Der lustige Trachtenjockel mit dem Herzen aus Gold arbeitet an einem »Masterplan für Abschiebung« und einer Art Superpolizei mit nahezu unbeschränkten Bespitzelungsrechten. Das klingt lachhaft, nicht durchsetzbar, wie billiges Zuckerwerk für die AfD-Sympathisanten. Doch hat es seine CSU in Bayern geschafft, eines der krassesten Polizeigesetze der Geschichte zu verabschieden; unter anderem kann die Münchner Polizei bei »Gefahr im Verzug« Menschen nahezu unbeschränkt in Vorbeugehaft nehmen. Wenn es darum geht, die Vorstellungen der Großkonzerne für den Arbeits- und Bildungssektor umzusetzen, vermag die täppische Provinzpartei plötzlich höchst effizient zu sein. Auch für die sexuelle Selbstbestimmung und das Abtreibungsrecht von Frauen ist die CSU mit ihren weitläufigen Kirchenkontakten eine gern unterschätzte Bedrohung.

    Gerade Linke machen sich keine Vorstellung davon, was ihre exotistische Verharmlosung Bayerns in diesem Landstrich anrichtet. Es gibt Zusammenhänge dort, die nicht weit entfernt sind von Scharia und Islamismus. Wer sich davon überzeugen möchte, soll den Bericht über den Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen nachlesen, der so nur in Bayern stattfinden konnte, in Verhältnissen, in denen Politik, Religion und sozialer Sadismus aufs engste verquickt sind. Es gibt noch immer Lebensverhältnisse in Bayern, in denen es für einen schwulen Teenager einfacher ist, in den Freitod zu gehen, statt sich zu outen.

  7. Verena Bogner, Vice über Antiziganismus in Österreich (halte ich für nahtlos auf Deutschland übertragbar), über SS-Runen, brennende Zelte und „Zigeuner“-Beschimpfungen

    Antiziganismus ist kein Phänomen des rechten Randes, sondern eines der Mehrheitsgesellschaft.

    Vieles vom damals gängigen „Zigeuner“-Klischee sitzt auch heute noch in unseren Köpfen: Die Vorstellung vom fahrenden Volk, von bildungsunwilligen, autonomen Personengruppen, heißblütig und leidenschaftlich, die gerne stehlen und betteln, kein Privateigentum kennen und sich allen Regeln unserer zivilisierten Gesellschaft entziehen.

    Diese Stereotype kommen nicht von ungefähr, wie Ferdinand Koller vom Verein Romano Centro im Gespräch mit VICE erklärt: „Dinge, die man vermeintlich über Roma weiß – dass sie beispielsweise das fahrende Volk sind und in Wohnwägen leben – sind bei vielen Menschen als Wissen gespeichert. Es ist vielen nicht klar, dass das ein rassistisches Vorurteil ist, das mit der Realität sehr wenig zu tun hat. Die europäischen Gesellschaften haben in der Abgrenzung zu anderen, zu Fremden, ihr Selbstverständnis entwickelt. Diese Abgrenzung hat man gebraucht, um sich seiner selbst zu vergewissern.

    Blättert man durch den aktuellen Bericht von Romano Centro, versteht man, was Ferdinand Koller meint, wenn er sagt, die Gesellschaft würde es nicht als ihre Aufgabe begreifen, Antiziganismus zu bekämpfen. Von Kinofilmen, die Stereotype reproduzieren, Aufklebern mit der Aufschrift „Zigeuner bringen Kriminalität und Krankheiten nach Österreich“, über ein Schuhgeschäft in Dornbirn, in dem Roma nicht bedient wurden, bis hin zu Zugführern, die einen Fahrgast als „Scheiß Trottel-Zigeuner“ beschimpfen – Antiziganismus zeigt sich im Zugang mit Gütern und Dienstleistungen, in der Popkultur, in unserem Alltag und auch in wichtigen Bereichen der gesellschaftlichen Teilhabe wie dem Arbeitsmarkt.

    Auch gewalttätige Übergriffe kommen immer wieder vor – wenn auch vergleichsweise selten und dann nicht unbedingt im medialen Scheinwerferlicht. Im Februar 2016 ereignete sich zum Beispiel eine Serie von Brandanschlägen in Linz, bei denen innerhalb von zwei Wochen drei Mal Zelte von Roma-Familien angezündet wurden.

    Für Ferdinand Koller sind solche Übergriffe das eine, die öffentlichen Reaktionen darauf aber eine andere Sache: „Ich finde es bedenklich, dass man diesen Personen nie ein sicheres Quartier angeboten hat. Es war von Anfang an klar, dass es Brandstiftung war. Und auch, nachdem man denen zum zweiten Mal alles angezündet hat, war immer noch niemand Offizielles da, der gesagt hätte: ‚Geht jetzt bitte in dieses Haus, bevor etwas passiert.‘ Auch erschreckend war die Reaktion des Linzer Bürgermeisters, der zwar die Gewalt verurteilt hat, aber zum Ausgleich auch betonte, dass das organisierte Banden sind, die ein menschenverachtendes Geschäftsmodell betreiben. Da wurde gleich mitkommuniziert: ‚Wir wollen die hier nicht haben, die sind eh Gesindel‘.“

    Immer die Worte ‚Roma Rauss‘ mit zwei S. Am Anfang hab ich gedacht: ‚Rassisten können nicht schreiben, wie funny.‘ Bis ich realisiert habe, dass der Schriftzug auf die SS-Runen anspielen soll.“

    Fariafariaho.

  8. Heute ist Welt-Roma-Tag.

    Andrea Grunau, Deutsche Welle: Sinti und Roma in Auschwitz: „Das willst du gar nicht wissen“

    Die Großeltern von Bobby Guttenberger überlebten den lange verdrängten NS-Völkermord an den Sinti und Roma. 75 Jahre nach ihrer Deportation folgte er bei einer Gedenkreise ihrem Weg nach Auschwitz-Birkenau.

    Als die Ravensburger abgeholt wurden, sang eine alte Frau: „Nun ade, du mein lieb‘ Heimatland“. Eine Heimat, die verstieß und tötete: Sinti und Roma leben seit 600 Jahren in Europa. Die deutschen Sinti kämpften im Ersten Weltkrieg für das Kaiserreich, später in der Wehrmacht, bis sie im Nationalsozialismus aus „rassenpolitischen Gründen“ entlassen wurden.

    Ein Freund von Bobby Guttenberger aus Ravensburg hat ein Denkmal für die Gedenkstätte Buchenwald angefertigt: eine Edelstahlplatte, die Tag und Nacht, Sommer und Winter auf 37 Grad erwärmt wird. Das spreche für sich, sagt Bobby Guttenberger, „dass jeder Mensch die gleiche Temperatur hat, ob er schwarz, gelb, blau oder grün aussieht, ob er zu einer Minderheit gehört oder nicht – dass jeder Mensch gleich viel wert ist.“

    In Berlin findet im Gorki-Theater vom 7.-10 April die erste Roma-Biennale statt, Hannah El-Hitami, taz: Nicht die Carmen am Lagerfeuer

    Von Coming-out spricht man meist dann, wenn homosexuelle Menschen ihrer Familie oder Freunden die verborgene Wahrheit über ihre sexuelle Orientierung mitteilen. Coming-out bedeutet also, etwas zu erzählen, was man bislang verheimlicht hat. Unter dem Titel „COME OUT NOW!“ startet am Samstag, dem 7. April, Berlins erste Roma Biennale – und laut Veranstalter*innen die erste weltweit.

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