„Opfer“

Das Muster des geschändeten, ehrlosen, unreinen Opfers stammt aus den noch gar nicht lange zurückliegenden Zeiten, als Frauen der Besitz von Männern waren und ihr Wert knapp über dem des lieben Vieh rangierte. Diesen Zeiten entstammt auch der Mythos, Männer hätten den stärkeren Sexualtrieb, den Frauen (notfalls mit dem Gedanken an England) passiv und ohne/mit wenig eigener Lust zu befriedigen hätten. Wenn Frauen Lust empfinden, sie äußern, suchen, wollen und sich verschaffen, sind sie auch heute ruckzuck Ehrlose, Unreine, Matratze, Honigfalle, Schlampe. In diesem magischen Denken sind Frauen selbst an Vergewaltigung schuld und dazu müssen nicht erst konservative muslimische Familien ins Visier genommen werden.

Vergewaltigte Männer kommen in diesem Mythos gar nicht vor, denn nicht selbst zu ficken, sondern gefickt zu werden, zur Frau gemacht zu werden, ist maximal ehrverletzendes Tabu für viele heterosexuelle Männer (zu dem mein Freund J. stets die Empfehlung bereit hält, sie sollten das mal ausprobieren, es entspanne ungemein, fördere die Lebenslust und steigere das Denkvermögen).

Ein weiteres Tabu ist sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Ein Tabu ist ursprünglich ein heiliger Ort, dessen Betreten so verboten ist, daß er von der Landkarte gelöscht ist und nicht einmal gedacht werden kann.

Das Tabu der Vergewaltigung ist ein zweischneidiges Schwert: es läßt die Mehrheit unvergewaltigt, im Falle der vergewaltigten Minderheit aber schützt es die Täter, weil Betroffenen nicht geglaubt und/oder sie für geschändet, ehrlos, unrein, unmännlich gehalten werden. Mit diesem Ausblick auf ihre künftige Behandlung werden Vergewaltigte mundtot gemacht – weswegen Vergewaltigungen weitgehend straffrei in einem riesigen nicht-angezeigten Dunkelfeld stattfinden und Scham und Schande am Opfer, nicht am Täter kleben.


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Über Gewalt

übergewalt

Zwei lange Texte, ein Artikel von Marion Detjen und ein Interview mit Jan Philipp Reemtsma, die ich einzeln und auch im Kontext extrem lesenswert fand:

Marion Detjen: Der Geschmack des Verbrechens

An der Stelle, wo ich, das Kind, damals in der Morgendämmerung vor dem Mann gekniet und dann die weißliche Flüssigkeit ausgespuckt hatte, blühte nun ein kleiner Strauch. Purpurne Blüten, im Februar, an genau dieser Stelle und nur dort. Die faserigen Zweige ließen sich nicht brechen, ich musste die Zähne zu Hilfe nehmen. Wieder im Auto, brannten mir Mund und Kehle. Der Seidelbast, in den ich gebissen hatte, auch Brennwurz genannt, ist giftig, und die Blüten, die ich zur Erinnerung nach Hause tragen wollte, welkten sofort.

Der Geschmack des Verbrechens. Dass aus dem ausgespieenen Ejakulat eine seltene Giftpflanze gewachsen war und mir den Geschmack des Verbrechens zurückbrachte, hat mir Macht über meine Geschichte verliehen.

Es liegt an uns, damit aufzuhören, das Verbrechen zu privatisieren. Das Verbrechen ist keine Angelegenheit, die wir allein mit dem Täter, mit Gott oder mit der Natur auszumachen hätten, sondern es verbindet sich mit der ganzen Gesellschaft.


 

Jan Philipp Reemtsma: „Ich bin sehr für Rache, sie darf nur nicht sein

Reemtsma: Die Vorstellung vom Ich kann nicht stabil bleiben, wenn die Wirklichkeit anzeigt, dass es darauf gar nicht ankommt.

ZEIT Wissen: Kann man Menschen vermitteln, was Gewalt bedeutet, wenn sie Gewalt in dem Maße nicht selbst erlebt haben?

Reemtsma: Es gibt Übergänge. Die Schriftstellerin Ruth Klüger schreibt in einem ihrer Bücher, wie sie im vollen Fahrstuhl fährt und sagt: Ach, das erinnert mich an meine Zeit im Viehwaggon. Und die Mitfahrenden flippen aus. Das wollten die nicht hören. Mir ist mal so etwas Ähnliches passiert. Ich war mit Mitarbeitern unterwegs zum Flughafen, und es kam die Frage auf, ob ein Taxi für uns alle reiche. Jemand sagte, ach, zur Not fährt jemand im Kofferraum mit. Da sagte ich, hmm, Kofferraum ist scheiße, das habe ich ausprobiert. So etwas passiert. Ruth Klüger sagt, jeder hat erlebt, was er erlebt hat.