Verschlimmbessern

 

Können Sie eine Trennschärfe zwischen „bloßer Neugier“ und „begründetem“ bzw. „gerechtfertigtem öffentlichem Interesse“ ausmachen? In der selbstverschuldeten Medienkrise, in der (z.B. zum gestrigen Attentat in London) auch eigentlich seriöse Medien im Stundentakt neue Online-Artikelchen raushauen, um die Klickzahlen zu erhöhen und die Werbeeinnahmen zu mehren?

Seit gestern gilt eine Neufassung des Pressekodex:

Neue Richtlinie 12.1 – Berichterstattung über Straftaten (Gültig ab 22.03.2017)

In der Berichterstattung über Straftaten ist darauf zu achten, dass die Erwähnung der Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt. Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Bisherige Richtlinie 12.1 – Berichterstattung über Straftaten
In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Man ist also tatsächlich der Meinung, mit der neuen Richtlinie den Diskriminierungsschutz zu „präzisieren“ und die „eigenständige Verantwortung der Medien zu bekräftigen“. Der Presserat verlagert damit die Verantwortung für Leser-Ressentiments an Journalisten und in Redaktionen, nimmt ihnen aber gleichzeitig die bündig formulierte Richtlinie „begründbarer Sachbezug“.

Und das ist noch längst nicht alles.

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„Dummheit und Journalismus“

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Prolog:

Planet Interview hatte im November ’16 ein Interview mit Nikolaus Blome geführt, der einen großen Teil seiner Äußerungen im Nachhinein nicht mehr autorisisieren wollte. Die dazugehörigen Fragen wurden veröffentlicht und sprechen für sich, nicht für Blome. Darauf bezog sich Augstein mit obigem Tweet und wurde ebenfalls zum Interview gebeten, bei Planet Interview erschienen am 17.2.17:

Viele Zeitungen vertreten nicht das Interesse ihrer Leser

Aus der Mitte des Interviews:

Jakob Buhre: Gibt es eine Blattlinie beim „Freitag“?

Jakob Augstein: Es gibt keine Blattlinien. Aber es gibt den Charakter und die Identität einer Zeitung. Wir sind eine linke Zeitung. Wir würden nie einen Artikel drucken –  jedenfalls nicht, wenn ich es vorher weiß – der auf dem Rücken von Schwächeren, von sozial ausgegrenzten Menschen oder von Migranten Stimmung machen will.

Da mußte ich das erste Mal auflachen.

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Reblog: Deutschlands Totalitäre träumen von der „Psychiatrie“

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Reblog mit freundlicher Erlaubnis von ed2murrow, zuerst veröffentlicht bei Die Ausrufer.


 

Der braune Sumpf in der 4. Reihe hat sehr konkrete Vorstellungen, wie mit politischen Gegnern umzugehen ist (*)

Nach den Anschlägen in Paris vom 13.11.2015 hat die Tageszeitung Le Monde die Toten portraitiert und ihnen online ein Denkmal errichtet: „Weil wir uns geweigert haben, sie auf eine Zahl, 130, oder einen Zustand, dem der „Opfer“ zu reduzieren, haben wir ihnen ein Gesicht geben, ihre Geschichte erzählen wollen aus der Sicht derer, die sie kannten und liebten.“ Die beiden Autorinnen Aline Leclerc und Sylvie Kauffmann schreiben dazu, das Ziel der Terroristen seien Orte gewesen, „wo sich Juden, Christen oder Muslime, Männer oder Frauen mischten. Orte wo man zusammen zu leben wusste“.

Zahlen, Verdinglichung und das Zusammenleben unmöglich machen: Wenn ich Terrorismus an diesen Vorgaben messe, werde ich schnell bei ganz anderen Leuten fündig. Bei Jürgen Fritz etwa. Oder bei David Berger. Der freie Autor Fritz ist Verfasser des Artikels „Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten“, der am 6.1. als Gastbeitrag im Webzine Tichys Einblick veröffentlicht wurde. Verantwortet wird es von Roland Tichy, dessen Karrierehöhepunkt war, von 2007 bis 2014 Chefredakteur der Wirtschaftswoche gewesen zu sein.

Der Rest ist bereits Geschichte: Am 7.1. großes Raunen in der Öffentlichkeit wegen der Veröffentlichung, am 8.1. Rücknahme des Artikels („Wir bedauern und bitten um Entschuldigung“), dann immer noch großes Raunen Richtung Tichy („Das hat aber nicht zur Ruhe geführt. Stattdessen erhielt ich Morddrohungen.“), am 9.1. dessen Rücktritt als Verantwortlicher von XING Klartext („das neue Format für Debatten über Wirtschaft, Beruf und Karriere“). XING ist dem eigenen Verständnis zufolge eine „Online-Plattform für das Social-Networking neuer und bestehender Business-Kontakte“. Nur zwei hat es bei dem Ganzen nicht getroffen, sie machen fröhlich weiter.

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Scheißestürmer

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Sie kennen die Werbeagentur Scholz & Friends? In deren Berlin-Dependance arbeitet Gerald Hensel, der sich anläßlich der Ankündigung von BreitbartNews, sich nach Europa und auch in Deutschland ausbreiten zu wollen, Gedanken über die Finanzierung rechter bis rechtsradikaler Medien durch Werbeeinnahmen machte. Denn:

Es gibt ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Aber es gibt kein Grundrecht auf Werbeeinnahmen.

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taking the piss

perlenkette7
Screenshot bei Twitter

Neulich sollte ich einer (nur Business-English-kundigen) Freundin die genaue Bedeutung von ‚to take the piss out of s.b.‘ erklären und tat mich ein bißchen schwer damit, weil das heißt ja nicht einfach ’sich über jemanden lustig machen‘ oder ‚jemanden nach Strich und Faden verarschen‘, sondern das alles und noch viel mehr und es muß trocken und mit unbewegter Miene vorgebracht werden.

Hier ein bebildertes Beispiel aus dem wunderbaren www:


 

Janie Johnsontwitterperlenkette (Profil: Janie Johnson takes a stand 4 conservatism, patriotism & optimism: … Protect our Kids! #WakeUpAmerica)

äußerte gestern bei Twitter:

My friends just returned from London. Shocked. Hadn’t been in 20 years. Said London is gone – all Islamic

 


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„Und das ist super, das bringt jedes Mal Geld.“

kenjebsengeld

Gute Güte, der Jebsen schon wieder!

Ich wunderte mich über den Traffic von der (mir bis dahin nicht bekannten) Plattform Planet Interview zu meinem Blog und entdeckte dort ein langes, lesenswertes, da tapfer geführtes Interview mit Ken Jebsen vom 6.10.2016 (auch die Anmerkungen dazu sind lesenswert), daraus:

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Happy Birthday, Blog!

Foto: Osakabe Yasuo, gemeinfrei, beschnitten

WordPress teilt mir gerade mit, daß ich genau heute nachmittag vor einem Jahr mit dame.von.welt begonnen habe.

In dieser Zeit sind 114 Blogs entstanden, die von 9.673 Besuchern 31.230 Mal aufgerufen wurden. Worüber alte WordPress-Hasen wahrscheinlich nur müde lächeln können.

Aber ich bin schwer beeindruckt! Vielen Dank!

Vielen Dank für Treue und Zuspruch, für technische Hilfestellungen, Anregungen und Kritik, für 48 Follower, für rund 1.400 Ihrer Kommentare mit lesenswerten Inhalten, interessanten Quellen, wundervoller Musik (+ etwa 500 Kommentare von mir). Und für den fast ausnahmslos freundlichen und konstruktiven Austausch! Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich nicht schon viel früher einen eigenen Blog aufgemacht habe: in dem einen Jahr hier sind mehr Blogs entstanden als in 6 Jahren Bloggen beim Freitag und ich hatte hier bei weitem mehr Spaß.

Was mich überrascht hat und besonders freut: am häufigsten wurden die Blogs angeklickt, die mir schwer gefallen sind und an denen mir was liegt, in den Kategorien Gewalt, sexualisierte Gewalt und Rassismus. Hätte ich nicht gedacht.

Danke!

Neben dem Kopf auch noch blöd

nebendemkopfauchnochblöd

 

Auf der Community-Seite des Freitag steht das folgende Statement der Moderation zu lesen:

Begrifflichkeiten

Statement Warum wir bestimmte Dinge nicht so stehen lassen können
Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Community-Redaktion

Liebe Community,
ein Nutzer wurde endgültig deaktiviert, nicht, weil er nicht über das N-Wort hätte reden dürfen, sondern weil er sich darauf versteifte, ein Recht zu haben, Schwarze generell so zu bezeichnen. Die Moderation ist diesbezüglich entschieden anderer Meinung und lehnt diesen Begriff ab. Das heißt nicht, dass es ein grundsätzliches Verbot gibt, bestimmte Worte zu benutzen – Intention, Kontext und Zusammenhang sind maßgeblich entscheidend.

Wir haben über die Jahre hinweg viele Beschwerden – auch schwarzer Leser – über den Nutzer und die von ihm losgetretenen Debatten erhalten. Er wurde zunächst verwarnt, dann mehrfach temporär gesperrt, zuletzt deaktiviert. Er zeigte sich bis zum Schluss uneinsichtig, benutzte den Begriff nach wie vor, vor allem um Reaktionen zu provozieren. Dazu sollte er aber gerade eben nie dienen. Unsere Netiquette ist diesbezüglich eindeutig.

Auch in der Debatte um seine Sperrung (inzwischen offline) möchten wir die beteiligten Nutzer bitten, auch – und vor allem – darüber nachzudenken, wie diese Diskussion nach außen wirkt – und welchen Eindruck die Nutzer und die dort getätigten Aussagen für unbeteiligte (schwarze) Leser haben dürften. Die Freitag Community ist nicht nur „ein Dorf“, sondern eine nach außen offene und einsehbare Plattform. Dem müssen wir Rechnung tragen.

Mit freundlichem Gruß,

Die Moderation

 

Das Statement enthält Lügen hart an der Grenze zu übler Nachrede und Rufmord und die möchte ich nicht so stehen lassen.

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