Werbung. Für Schwangerschaftsabbruch

Um mit zwei absichtvollen Fehlschlüssen aufzuräumen:

  • Niemand ist für Schwangerschaftsabbruch. Eine Abtreibung ist aber manchmal die weniger schlechte von zwei schlechten Optionen. Die Abwägung und Entscheidung kann letztendlich nur die ungewollt schwangere Frau treffen.
  • Die Bereitstellung von Information hinter dem Wort Schwangerschaftsabbruch auf der Website einer Ärztin ist keine Werbung, sondern zeugt von ärztlicher Fürsorge und Kompetenz.

Das Amtsgericht Gießen hat heute die Ärztin Kristina Hänel zu 6000 Euro Geldstrafe verurteilt, nachdem sie zum wiederholten Mal von einem evangelikalen „Lebensschützer“ angezeigt worden war. Der „Gehsteigberatungen“ vor Arztpraxen organisiert und durchführt. Der einen Ärzte-Pranger auf seiner Website unterhält. Der Abtreibungen für Mord hält und mit dem Holocaust vergleicht.
Zitat von seiner Website (nicht verlinkt, Seite heißt Babycaust, ihr Betreiber Klaus Günter Annen)

Der Holocaust der Nazis ist der Inbegriff des Grauens im Dritten Reich
Gibt es eine Steigerungsform der grausamen Verbrechen?
Ja, es gibt sie!
Abtreibung ist MORD, es gibt dafür kein anderes Wort!

 


 

Es ist ein einziges Wort, das Kristina Hänel in diese … Lage gebracht hat: „Schwangerschaftsabbruch“. Dieses Wort steht auf der Webseite der Ärztin, neben Begriffen wie „Familienplanung“ und „Lungenfunktionsuntersuchung“.

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Unverwundbar

Etwa 790.000 Menschen weltweit töten sich jedes Jahr selbst. Mehr als 500.000 davon sind Männer. Suizid ist die 17.-häufigste Todesursache weltweit, für die 15 bis 29-jährigen die 2.-häufigste (nach Unfällen). In Deutschland bringen sich jeden Tag 3 Jugendliche um und 10 versuchen es. Bei uns nimmt sich alle 52 Minuten ein Mensch das Leben, alle 5 Minuten findet ein Suizidversuch statt, alle 9 Minuten verliert jemand einen ihm lieben Menschen durch Selbsttötung.

73% aller Suizide in Deutschland werden von Männern verübt. Während die Suizidrate generell rückläufig ist (außer bei Kindern und Jugendlichen), steigt die Zahl ungeklärter Todesfälle. Es ist davon auszugehen, daß z.B. eine ganze Menge Verkehrsunfälle eigentlich Suizide sind.

Kaum jemand tötet sich out of the blue. Fast jedem Suizid und jedem Versuch dazu gehen Hinweise und Warnzeichen voran. Sehr viele Suizidale wollen nicht ihrem Leben ein Ende setzen, sondern ihren Problemen.

 


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In a nutshell

 

Die Zeichnung bringt es auf den Punkt – egal, ob und wie sich Betroffene äußern oder ob sie schweigen: es wird garantiert gegen sie verwendet. Ich tu’s trotzdem von Zeit zu Zeit.

So gut wie alle Frauen und Männer kennen Sexismus aus eigener Erfahrung und weit mehr, als Sie wahrscheinlich glauben, sind von sexualisierter Gewalt betroffen. Eigentlich sind wir die Mehrheit. Trotzdem glaubt fast jede/r, mit der Beschämung und dem Leid alleine zu sein, denn Scham und Schande sexualisierter Grenzüberschreitungen klebt nicht an den Grenzüberschreitern, sondern zuverlässig an denen, auf die übergegriffen wurde. Um wenigstens das zu ändern, gibt es von Zeit zu Zeit Social-Media-Phänomene wie #Aufschrei oder aktuell #MeToo. Es scheint vielen gut zu tun, sich nicht mehr ganz so allein zu fühlen.

Nicht so gut tut, wenn rschlchr solche hashtags zum Anlaß nehmen, ihren inneren Schweinehund ausgiebig Gassi führen. Nicht so gut tut auch, daß sich am Elefanten im Gesellschaftszimmer seit Jahrzehnten wenig ändert, auch nicht seit den letzten Skandalen in Kirche, Internaten, bei den Grünen, nicht nach #Aufschrei, nicht nach #ausnahmslos. Der allgegenwärtige Sexismus und dessen Extrem-Form, die sexualisierte Gewalt, wird lieber an „Nafris“ o.ä. ausgelagert, der Muslim ist schuld und unser Unglück.

Oder, auch schön: die Betroffenen sind selber schuld. Weil: sie haben unzweideutige Grenzziehung versäumt, tragen die Bluse nicht geschlossen genug, haben den Armlängen-Rat nicht beherzigt, den Fluchtweg nicht geklärt, sind nicht selbstbewußt genug, haben ein „Opfer-Abo“. Woher sollten rschlchr auch wissen, wo sie aufhören und wo andere Menschen anfangen?

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Innerer Vorbeimarsch (klein)

Der obige Artikel erschien am 30.6.17 in der Print-FAZ (online am 29.6.) – punktgenau zum Tag der Abstimmung über die ‚Ehe für alle‘. Mutmaßlich gehören die „Fremden Federn“ David Berger, Betreiber der Muslim-Hasser-Plattform ‚Philosophia Perennis‘, wo er in fast wortgleicher Form am gleichen Tag veröffentlicht wurde.

Gestern tagte endlich der Presserat, es wurde eine öffentliche Rüge an die FAZ ausgesprochen:

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Menotoxin

Ich war 11, als ich zum ersten Mal blutete, als Erste in meiner Klasse. Im Biologieunterricht war zwar ein grober Überblick über die menschliche Fortpflanzung vermittelt worden, das Blut zwischen meinen Beinen und die Schmerzen im Bauch machten mir trotzdem Angst. Meine Mutter händigte mir wortlos eine pißgelbe knisternde Plastikhose und dicke Baumwollbinden mit Fortsätzen an den Schmalseiten aus, die durch Laschen innen an der Knisterhose zu fädeln waren. Ich war fest davon überzeugt, daß jeder schon anhand des Knistergeräuschs von meinem erbärmlichen Ausnahmezustand wissen mußte – für den unwahrscheinlichen Fall, daß ich es nicht sowieso schon – trotz der windelartigen Binde – zu signalroten Flecken an der Oberbekleidung gebracht hätte. Weiße Jeans, helle Sofas, breitbeiniges Sitzen waren ab da tabu. Verschämt und im Flüsterton mußte der Sportlehrer um Befreiung gebeten werden, schlimmer war nur noch die Sportlehrerin, die keine Wehleidigkeiten duldete. Ich investierte einen Großteil meines Taschengelds in Tampons, die in meinem Elterhaus als neumodisch, anstößig und gefährlich galten. Der o.b.-Packung entnahm ich mehr hilfreiche Information als dem Biologieunterricht und der Moralinsäure meiner Mutter (was hätte ich für eine Menstruationskappe gegeben, aber die waren noch nicht erhältlich)

Wenige Jahre später brauste mein damaliger Prinz auf und fühlte sich sehr stark entmännlicht, als ich ihn bat, mir Tampons aus dem Supermarkt mitzubringen. Kein Mensch schämt sich, Heftpflaster oder Verbandsmull offen auf den Tisch zu legen. Bei Tampons ist das etwas anderes. Nein, das ist noch nicht sehr lange her, gerade mal 30 Jahre. Gut 20 Jahre sind vergangen, seit man mich unterrichtete, daß die Menstruation – eine Geschichte voller Mißverständnisseganz natürlich, sauber und diskret in der weiblichen Handfläche stattfindet. Bis heute ist Menstruationsblut in der Werbung stets blau und durchsichtig – bestimmt eines der vielen Beispiele der Geschichte voller Mißverständnisse und gar keine Verklemmtheit, bewahre!

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Nein, wir sind nicht Burka

Wir haben Leitkultur. According to Thomas de Maziére:

Unser Staat ist welt­an­schau­lich neu­tral, aber den Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten freund­lich zu­ge­wandt. Kirch­li­che Fei­er­ta­ge prä­gen den Rhyth­mus un­se­rer Jahre. Kirch­tür­me prä­gen un­se­re Land­schaft. Unser Land ist christ­lich ge­prägt. Wir leben im re­li­giö­sen Frie­den. … Zum Mehr­heits­prin­zip ge­hört der Min­der­hei­ten­schutz. Wir stö­ren uns daran, dass da ei­ni­ges ins Rut­schen ge­ra­ten ist. Für uns sind Re­spekt und To­le­ranz wich­tig. Wir ak­zep­tie­ren un­ter­schied­li­che Le­bens­for­men und wer dies ab­lehnt, stellt sich au­ßer­halb eines gro­ßen Kon­sen­ses.

Hm, das mit dem Frieden liegt vermutlich daran, daß sich kaum mit der als heilig betrachteten Schrift des Christentums beschäftigt wird. Eine Auswahl über Frauen aus dem unser Land christlich prägenden Neuen Testament:

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„Opfer“

Das Muster des geschändeten, ehrlosen, unreinen Opfers stammt aus den noch gar nicht lange zurückliegenden Zeiten, als Frauen der Besitz von Männern waren und ihr Wert knapp über dem des lieben Vieh rangierte. Diesen Zeiten entstammt auch der Mythos, Männer hätten den stärkeren Sexualtrieb, den Frauen (notfalls mit dem Gedanken an England) passiv und ohne/mit wenig eigener Lust zu befriedigen hätten. Wenn Frauen Lust empfinden, sie äußern, suchen, wollen und sich verschaffen, sind sie auch heute ruckzuck Ehrlose, Unreine, Matratze, Honigfalle, Schlampe. In diesem magischen Denken sind Frauen selbst an Vergewaltigung schuld und dazu müssen nicht erst konservative muslimische Familien ins Visier genommen werden.

Vergewaltigte Männer kommen in diesem Mythos gar nicht vor, denn nicht selbst zu ficken, sondern gefickt zu werden, zur Frau gemacht zu werden, ist maximal ehrverletzendes Tabu für viele heterosexuelle Männer (zu dem mein Freund J. stets die Empfehlung bereit hält, sie sollten das mal ausprobieren, es entspanne ungemein, fördere die Lebenslust und steigere das Denkvermögen).

Ein weiteres Tabu ist sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Ein Tabu ist ursprünglich ein heiliger Ort, dessen Betreten so verboten ist, daß er von der Landkarte gelöscht ist und nicht einmal gedacht werden kann.

Das Tabu der Vergewaltigung ist ein zweischneidiges Schwert: es läßt die Mehrheit unvergewaltigt, im Falle der vergewaltigten Minderheit aber schützt es die Täter, weil Betroffenen nicht geglaubt und/oder sie für geschändet, ehrlos, unrein, unmännlich gehalten werden. Mit diesem Ausblick auf ihre künftige Behandlung werden Vergewaltigte mundtot gemacht – weswegen Vergewaltigungen weitgehend straffrei in einem riesigen nicht-angezeigten Dunkelfeld stattfinden und Scham und Schande am Opfer, nicht am Täter kleben.


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