Menotoxin

Ich war 11, als ich zum ersten Mal blutete, als Erste in meiner Klasse. Im Biologieunterricht war zwar ein grober Überblick über die menschliche Fortpflanzung vermittelt worden, das Blut zwischen meinen Beinen und die Schmerzen im Bauch machten mir trotzdem Angst. Meine Mutter händigte mir wortlos eine pißgelbe knisternde Plastikhose und dicke Baumwollbinden mit Fortsätzen an den Schmalseiten aus, die durch Laschen innen an der Knisterhose zu fädeln waren. Ich war fest davon überzeugt, daß jeder schon anhand des Knistergeräuschs von meinem erbärmlichen Ausnahmezustand wissen mußte – für den unwahrscheinlichen Fall, daß ich es nicht sowieso schon – trotz der windelartigen Binde – zu signalroten Flecken an der Oberbekleidung gebracht hätte. Weiße Jeans, helle Sofas, breitbeiniges Sitzen waren ab da tabu. Verschämt und im Flüsterton mußte der Sportlehrer um Befreiung gebeten werden, schlimmer war nur noch die Sportlehrerin, die keine Wehleidigkeiten duldete. Ich investierte einen Großteil meines Taschengelds in Tampons, die in meinem Elterhaus als neumodisch, anstößig und gefährlich galten. Der o.b.-Packung entnahm ich mehr hilfreiche Information als dem Biologieunterricht und der Moralinsäure meiner Mutter (was hätte ich für eine Menstruationskappe gegeben, aber die waren noch nicht erhältlich)

Wenige Jahre später brauste mein damaliger Prinz auf und fühlte sich sehr stark entmännlicht, als ich ihn bat, mir Tampons aus dem Supermarkt mitzubringen. Kein Mensch schämt sich, Heftpflaster oder Verbandsmull offen auf den Tisch zu legen. Bei Tampons ist das etwas anderes. Nein, das ist noch nicht sehr lange her, gerade mal 30 Jahre. Gut 20 Jahre sind vergangen, seit man mich unterrichtete, daß die Menstruation – eine Geschichte voller Mißverständnisseganz natürlich, sauber und diskret in der weiblichen Handfläche stattfindet. Bis heute ist Menstruationsblut in der Werbung stets blau und durchsichtig – bestimmt eines der vielen Beispiele der Geschichte voller Mißverständnisse und gar keine Verklemmtheit, bewahre!

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Nein, wir sind nicht Burka

Wir haben Leitkultur. According to Thomas de Maziére:

Unser Staat ist welt­an­schau­lich neu­tral, aber den Kir­chen und Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten freund­lich zu­ge­wandt. Kirch­li­che Fei­er­ta­ge prä­gen den Rhyth­mus un­se­rer Jahre. Kirch­tür­me prä­gen un­se­re Land­schaft. Unser Land ist christ­lich ge­prägt. Wir leben im re­li­giö­sen Frie­den. … Zum Mehr­heits­prin­zip ge­hört der Min­der­hei­ten­schutz. Wir stö­ren uns daran, dass da ei­ni­ges ins Rut­schen ge­ra­ten ist. Für uns sind Re­spekt und To­le­ranz wich­tig. Wir ak­zep­tie­ren un­ter­schied­li­che Le­bens­for­men und wer dies ab­lehnt, stellt sich au­ßer­halb eines gro­ßen Kon­sen­ses.

Hm, das mit dem Frieden liegt vermutlich daran, daß sich kaum mit der als heilig betrachteten Schrift des Christentums beschäftigt wird. Eine Auswahl über Frauen aus dem unser Land christlich prägenden Neuen Testament:

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„Opfer“

Das Muster des geschändeten, ehrlosen, unreinen Opfers stammt aus den noch gar nicht lange zurückliegenden Zeiten, als Frauen der Besitz von Männern waren und ihr Wert knapp über dem des lieben Vieh rangierte. Diesen Zeiten entstammt auch der Mythos, Männer hätten den stärkeren Sexualtrieb, den Frauen (notfalls mit dem Gedanken an England) passiv und ohne/mit wenig eigener Lust zu befriedigen hätten. Wenn Frauen Lust empfinden, sie äußern, suchen, wollen und sich verschaffen, sind sie auch heute ruckzuck Ehrlose, Unreine, Matratze, Honigfalle, Schlampe. In diesem magischen Denken sind Frauen selbst an Vergewaltigung schuld und dazu müssen nicht erst konservative muslimische Familien ins Visier genommen werden.

Vergewaltigte Männer kommen in diesem Mythos gar nicht vor, denn nicht selbst zu ficken, sondern gefickt zu werden, zur Frau gemacht zu werden, ist maximal ehrverletzendes Tabu für viele heterosexuelle Männer (zu dem mein Freund J. stets die Empfehlung bereit hält, sie sollten das mal ausprobieren, es entspanne ungemein, fördere die Lebenslust und steigere das Denkvermögen).

Ein weiteres Tabu ist sexualisierte Gewalt gegen Kinder. Ein Tabu ist ursprünglich ein heiliger Ort, dessen Betreten so verboten ist, daß er von der Landkarte gelöscht ist und nicht einmal gedacht werden kann.

Das Tabu der Vergewaltigung ist ein zweischneidiges Schwert: es läßt die Mehrheit unvergewaltigt, im Falle der vergewaltigten Minderheit aber schützt es die Täter, weil Betroffenen nicht geglaubt und/oder sie für geschändet, ehrlos, unrein, unmännlich gehalten werden. Mit diesem Ausblick auf ihre künftige Behandlung werden Vergewaltigte mundtot gemacht – weswegen Vergewaltigungen weitgehend straffrei in einem riesigen nicht-angezeigten Dunkelfeld stattfinden und Scham und Schande am Opfer, nicht am Täter kleben.


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Jeff Sessions: „disgrace to his race“

jeffsessions Foto: Screenshot bei CNN (beschnitten)

Nein, das ist leider nicht Alfred E. Neumann in fortgeschrittenem Alter.

Das ist Jefferson „Jeff“ Beauregard Sessions der Dritte.

Der war der erste US-Senator, der Trump öffentlich unterstützte. Dafür wird er nun mit der Ernennung zum United States Attorney General belohnt – Generalbundesanwalt und Justizminister in Personalunion.

Der Mann vertritt den Bundesstaat Alabama als Senator/Attorney General seit 20 Jahren und zwar unangefochten, mit immer mindestens 59% der Wählerstimmen. Er gilt als einer der 5 konservativsten Politiker der USA.

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Mike Pence: “I was tea party before it was cool.”

trump Foto: Gage Skidmore (beschnitten)

 Ist ja nicht so, daß nur unsere Politiker schwimmen, weil sie keine Telefonnummern von Trump und seinen maids/mates haben.

Oder haben Sie etwa schon mal von Mike Pence gehört? Das ist der amtierende Gouverneur von Indiana und designierte Vizepräsident der USA, Trump wegen seiner Professionalität und Besonnenheit zur Seite gestellt.

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Burkaphobie oder wie gut, daß es keine dringlichen Probleme gibt

Gunnar trying a Burqa - Herat, Afghanistan

Burka, Afghanistan, Wikimedia Commons, beschnitten

Oder auch: wenn der politische Schwachsinn so dick wird, daß man ihn in Würfel schneiden und als Dessert servieren kann.

Jens Spahn hat nämlich einen sehr wichtigen Beitrag zur immerwährenden Burka-Debatte:

Ich will in diesem Land keiner Burka begegnen müssen. In diesem Sinne bin ich burkaphob.

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40% Mitte

40%mitte Foto: CEphoto, Uwe Aranas, Cologne Pride 2014

Aus Die enthemmte Mitte (Seite 50/51):

Schließlich wurde auch die Haltung zu Homosexuellen erhoben. 40% der Befragten stimmten der Aussage zu, es sei »ekelhaft«, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen und fast 25% finden Homosexualität unmoralisch, also jeder bzw. jede Vierte. Schließlich denken 36,2% der Befragten, dass Ehen zwischen Frauen bzw. zwischen Männern nicht erlaubt sein sollten.

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Spiele

Die „3. Spielzeit“ in Marseille aus der Sicht eines russischen Hooligans. (Nachtrag 15.6. 13h YouTube hat das Video inzwischen gelöscht, mit den Worten: „Dieses Video wurde entfernt, weil es gegen die YouTube-Richtlinien zu Spam, irreführenden Praktiken und Betrug verstößt.„)

Panorama:

Das geschnittene Video, das zudem stark mit Zeitraffer-Effekten arbeitet, zeigt in gut sechs Minuten, wie eine Gruppe russischer Hooligans offenbar weitgehend unbehelligt von Polizei und Sicherheitskräften durch die Marseiller Innenstadt rund um den Hafen zieht – und mehr oder weniger auf alles einschlägt, was ihnen in die Quere kommt. Mehrfach werden Opfer zu Boden gebracht und gnadenlos zusammengeschlagen. Auch Stühle, Tische, Mülleimer und anderes herumliegende Gegenstände werden als Waffen eingesetzt. Mehrfach agiert der filmende Täter an vorderster Front und beteiligt sich an Schlägereien.

Gut zu erkennen ist außerdem, dass es sich bei der Gruppe um eine offenbar organisiert vorgehende Schlägertruppe handelt. Weder wirken die Angreifer betrunken, noch entsteht ihre Gewalt spontan aus Kneipenschlägereien oder Ähnlichem. Gezielt laufen sie auf der Suche nach Gegnern, beziehungsweise Opfern durch die Straßen, einzelne Szenen lassen zum Teil auf geübte Kampfsportler schließen. Auffällig zudem: Einer der Täter ist der „Mann mit dem Hut“, der laut ARD auch maßgeblich an der lebensgefährlichen Verletzung eines englischen Fans beteiligt war: Der Mann, der anhand seiner Kleidung gut wiederzuerkennen ist, agiert offenbar auch im Hooligan-Video die meiste Zeit in vorderster Reihe.

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