„Geschlossene Gesellschaften“

 

Nach etwa zwanzig Stunden Ermittlungen hat sich für die Kölner Polizei das Bild verfestigt, für das es schon früh Hinweise gab. Für die Explosion, die am Mittwoch nachmittag den nördlichen Kölner Stadtteil Mülheim kurz vor 16 Uhr aus seinem geschäftigen Rhythmus riß, gibt es offenbar keinen terroristischen Hintergrund.

Wie Oberstaatsanwalt Rainer Wolf am Fronleichnamstag mitteilte, der in Köln wie in Nordrhein-Westfalen Feiertag ist, wird „ein allgemeindeliktischer Hintergrund“ in Erwägung gezogen. Das bestätigte auch Bundesinnenminister Otto Schily am Donnerstag im baden-württembergischen Kehl. Die Machart des Anschlags sei so gewesen, daß es auch viele Tote hätte geben können, sagte Schily. …

Die Ermittlungen der Kölner Polizei dauerten bis zum Donnerstagabend. Nach den ersten Erkenntnissen wurde der Anschlag in der Keupstraße mit einer Rohrbombe verübt, die mit Hunderten etwa zehn Zentimeter langen Nägeln gefüllt und vermutlich an einem Fahrrad befestigt war. „Durch die Bauart ist nach menschlichem Verständnis davon auszugehen, daß der Täter mit einer Vielzahl von Toten gerechnet hat“, führte der Leitende Polizeidirektor Dieter Klinger aus.

Zu Tode gekommen ist niemand, aber 22 Personen wurden durch die teils hundert Meter weit herumfliegenden Nägel verletzt, vier von ihnen schwer. Der Schaden ist beträchtlich und beträgt nach ersten Schätzungen mehrere hunderttausend Euro. In der Keupstraße in Köln-Mühlheim, wo sich die Explosion vor den Hausnummern 29 und 32 ereignete, leben überwiegen Menschen, die aus der Türkei stammen. Deshalb kommen die meisten Opfer aus dieser Gruppe. …

Selbst die Anwohner können oder wollen sich keinen Reim darauf machen. Die einen schließen einen islamistischen Hintergrund aus, weil es unter den Muslimen des Viertels kaum Radikale gebe und auch kaum Anhänger des „Kalifen von Köln“, Metin Kaplan. lebten dort kaum.

Andere Anwohner vermuten Rechtsextremisten hinter der Tat und sehen einen Zusammenhang mit der bevorstehenden Europawahl am Sonntag. Aber das alles sind Mutmaßungen und Spekulationen. Die Polizei schloß einen fremdenfeindlichen Hintergrund der Tat jedenfalls aus. Sicher ist, daß unter den Verletzten nur ein Bewohner der Keupstraße ist, alle anderen kamen aus anderen Stadtteilen Köln oder aus anderen Orten.

Es gibt in der Keupstraße auch die andere Seite des farbenfrohen orientalischen Flairs, nämlich Glücksspiel, Schutzgelderpressungen, Rauschgifthandel und Machtkämpfe zwischen Türken, Kurden, Albanern, Serben und Bosniern. Gelegentlich kommt es in Köln auch zu Schießereien. Die Ermittlungen sind dann nicht leichter als im terroristischen Umfeld. Bei den kriminellen Organisationen handelt es sich oft um „geschlossene Gesellschaften“, die für deutsche Sicherheitsbehörden kaum zugänglich sind.

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Schade, daß ich nichts auf der Welt lasse als die Erinnerung an mich

Cato Bontjes van Beek, geboren am 14.11.1920 in Bremen, hingerichtet am 5.8.1943 in Berlin-Plötzensee.

 Screenshot rbb

Cato wächst in Fischerhude auf, ein auch heute noch außergewöhnliches Dorf zwischen Bremen und Hamburg.

Catos Großvater, der Maler Heinrich Breling, ist einer der ersten Künstler, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts dort niederlassen und den Ort nachhaltig prägen. In den 1920er Jahren wird Fischerhude zum Anziehungspunkt für Maler und Bildhauer, Intellektuelle und Literaten. Heinrich Breling gibt sein künstlerisches Talent an seine sechs Töchter weiter, von denen vier künstlerische Berufe ergreifen.

So auch seine jüngste Tochter: Olga Bontjes van Beek, geborene Breling, Isadora-Duncan-Schülerin und eine im In- und Ausland gefeierte Ausdruckstänzerin, später arbeitet sie vor allem als Malerin. Jan Bontjes van Beek ist zunächst ihr Bühnenpartner, später ein für Generationen von Töpfern stilprägender Keramiker. Die beiden haben 3 Kinder, Cato, Mietje und Tim.

Sie leben weit entfernt vom Goldene-Zwanziger-Berlin den Aufbruch und freien Geist dieser Zeit und entsprechen dem später auch in Fischerhude propagierten NS-Familienideal der linientreuen Eltern mit klaren Rollenverteilungen und zu Pflicht und Gehorsam erzogenen Kindern nicht. Im elterlichen Haus gehen ständig Gäste ein und aus, einer von ihnen ist der 15jährige Helmut Schmidt, der sich später erinnert:

Olga Bontjes hat ihre Kinder inmitten eines totalitären Systems zur Toleranz erzogen in der Überzeugung, dass Freiheit unmittelbar sei und für alle gelte.

(der alte Helmut Schmidt mochte sich nicht unbedingt an seine Kinderfreundschaft zu der um 2 Jahre jüngeren Cato erinnern und auch nicht immer daran, warum er den Kontakt zu ihr abbrach: ihm erschien eine Freundschaft zu ihr als zu gefährlich, dazu später mehr)

Cato wird als furchtloses, wildes, kluges und sehr lustiges Kind beschrieben.

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Lager

lager

Foto: US-Department of State, Wikimedia Commons, gemeinfrei, Bild beschnitten. Za’atari, Jordanien

Mehr als 100 Flüchtlinge und Asylsuchende haben in einer Petition die australischen Behörden um Erlaubnis gebeten, Nauru verlassen und Boote kaufen zu dürfen (wovon sie bislang von australischen Grenzschützern abgehalten wurden), um in andere Länder zu flüchten.

Ben Doherty, Guardian 11.5.2016:

“We have been living in Nauru as prisoners for three years now. The Australian government has refused to let us in or accept us. We’ve decided to rescue ourselves by getting on boats once again. … All people have the basic right to be free. We want the ability to decide our own future. The Australian government has kept us as prisoners and slaves. They use us for their own political benefits, corporate profits, and games.”


 

New York Times 13.2.2014: How to built a perfect refugee camp

“It’s the nicest refugee camp in the world!” a Polish diplomat staying at my hotel crowed when I mentioned the place to him the next day. Standing with him was an Italian official; he nodded vehemently in agreement. No one I spoke to — not the Office of the United Nations High Commissioner for Refugees, not academics, not even the refugees — denies that the standard of living here is exceptionally high. When I later listed the amenities to a refugee expert, she replied, “I’ve never heard of such a thing.”

“You have a refugee problem, what do you do?” said a Turkish official who, like most officials in Turkey, would speak only on condition of anonymity because he was not authorized to talk to the press. “That’s what’s done. You’re not discovering America again. It’s a normal response.”

But the fact is, it isn’t — not just because the camps are unusually well equipped but also because Turkey long ago exempted itself from any obligation to respond at all. Technically, the 14,000 residents at Kilis are not refugees but “guests” of Turkey. This is not just semantics. The 1951 Convention Relating to the Status of Refugees prohibits states from forcing them back over borders into danger and guarantees their right to work, shelter, travel and public assistance. Turkey signed the agreement but did so with a “geographical limitation”: Its mandate applies only to refugees from Europe.

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„The Policy Perspective“

thepolicyperspectivePostkarte, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Und ich dachte schon, mich könnte eigentlich nichts mehr schockieren an der australischen „Pacific Solution“. Hätte falscher kaum sein können.

Da ist der iranische Flüchtling, der sich anläßlich des Besuches von UNHCR-Vertretern auf Nauru selbst anzündete und heute verstarb, nachdem man ihn zunächst im örtlichen Krankenhaus nicht adäquat behandeln konnte und zu spät nach Australien brachte.

Und dann ist da die Frau aus Somalia, mit 16 an einen gewalttätigen Mann verheiratet, der sie später der Al-Shabaab-Miliz überließ, sie ist in Nauru interniert, sie ist anerkannter Flüchtling. Sie ist Epileptikerin und wurde während eines schweren Anfalls vergewaltigt. Sie ist schwanger, sie will eine Abtreibung.

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Flüchtlingsverteilung: Das Mittelmeer nimmt wieder mehr auf

400
Gustave Courbet (1819–1877) Autumn Sea, beschnitten

Mindestens 400 Boat People, die meisten aus Somalia, sind offenbar im Mittelmeer ertrunken. Fast genau ein Jahr später, als ähnliche viele und wenige Tage später etwa 700 Menschen ertranken.

Man hat sich gewöhnt, die Aufmerksamkeitsökonomie hat sich angepasst.

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Hot Spots

hotspots
Moria, Screenshot bei liberties.eu, beschnitten

Ganz so, wie es sich autoritäre Regime wünschen, hat die EU gezeigt, dass sie an der Einhaltung von Menschenrechten nur interessiert ist, solange ihre Interessen nicht betroffen sind.

Statt anzuknüpfen an die große Hilfsbereitschaft weiter Teile der europäischen Gesellschaften, statt die Seenotrettung zu verbessern, statt die Familienzusammenführung zu ermöglichen, statt die unmenschliche Aufnahmesituation an den Außengrenzen der EU zu verbessern, setzt sie auf Abschottung, Abschreckung – und Verdrängung.

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