Kunst und galoppierende Dummheit

 

Das ist die Denke eines (mir unerklärlich) für wichtig gehaltenen Journalisten, der nicht nur für Die Zeit, sondern auch für die New York Times schreibt. Jochen Bittner scheint komplett ignorieren zu können, daß Nazis aller Art schon seit Jahrzehnten Namen, Bilder, Adressen ihrer Feinde ins Netz stellen und zur Jagd auf sie aufrufen. Ich erinnere auch keine kritische Anmerkung von ihm, als rund um pi das Portal Nürnberg 2.0 entstand (wo etliche seiner Kollegen zu finden sind, u.a. Jörg Lau und Andrea Dernbach), als die AfD jüngst zur Lehrerdenunziation aufrief, als die Blödzeitung mit unverpixelten Bildern nach „G20-Verbrechern“ fahndete. Auch das allgemeine mediale Schweigen zur taz-Recherche über Hannibals Schattenarmee, über rechtsextreme Vernetzung im Umfeld der Bundeswehr wird allmählich ohrenbetäubend laut. Hannibal and friends lassen keinen Zweifel daran, was sie am „Tag x“ mit ihren säuberlich aufgelisteten Todfeinden vorhaben.

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Werch ein Illtum

 

Das Bauhaus trat 1919 an, um den werktätigen Massen einen kostengünstigen Zugang zu guter Gestaltung zu ermöglichen, Bauhausarchitektur und Gegenstände der Inneneinrichtung sollten ausdrücklich bezahlbar sein. Man glaubte an Gestaltung als moralische Anstalt, an eine Schule des Sehens, an Besserung des Menschen durch die ihn umgebenden Dinge. Auch aus diesem Grund setzte das Bauhaus den Schwerpunkt von Gestaltung und Fertigung auf serielle, auf industrielle Produktion. Anders als arts and crafts im großen britischen Königreich, wo es weit eher um die Autoren und um Unikate ging.

Beides wirkt bis heute nach. In England werden gute Kunsthandwerker eher universitär ausgebildet und mit allen zur Verfügung stehenden Techniken beballert, um möglichst früh zu einer unverwechselbaren Handschrift zu kommen und sich das dafür nötige Handwerk erst später draufzuschaffen. Englische Kunsthandwerker gelten sehr viel eher als Künstler und als Intellektuelle, sie verfügen über vielfältige Infrastrukturen von Präsentation und Verkauf und englische Zeitungen und Magazine sind sich nicht zu fein, um über sie und ihre Arbeit zu berichten.

In (West-)Deutschland herrscht der Fluch der Volkshochschulen. Weil man sich mal 6 Wochen den Hintern beim Töpfern plattgesessen hat und weil Kinder bereits in der Grundschule zum Muttertag dementsprechend formschöne Aschenbecher fertigen, glauben erstaunlich viele Leute, eine jahrtausendealte Hochkultur wie (Beispiel) Keramik sei keines Respektes und schon gar keiner angemessenen Bezahlung wert. Obwohl die tradierten Handwerke weitgehend aus der Handwerksrolle gestrichen wurden, sind in Deutschland 3jährige Lehre, 5 Gesellenjahre, ein Meisterbrief und anschließend noch ein Gestaltungsstudium eher die Regel als die Ausnahme in der Vita guter Kunsthandwerker. Erst wird traditionell das Handwerk erlernt, gute Gestaltung gilt als nachgeordnet. Museen für Kunsthandwerk gibt es nur wenige, Galerien immer weniger und keine große Zeitung und nur wenige Magazine halten es für nötig, fachkundig über angewandte Kunst zu berichten.

Anders verhält es sich mit Design und Architektur. Zwar entspringt jede fehlkonstruktierte optische Umweltverschmutzung in unserer Überflußwarenwelt, jede raumgreifende historisierende Bausünde dem Hirn eines Designers oder Architekten, aber die Ehrfurcht vor akademischer Ausbildung sitzt tief und Millionen Fliegen irren bekanntlich nicht, während gerade bei austauschbarer Massenware die Individualität stets betont wird.

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Laboratorium der Barbarei

Daniel Binswanger, Republik – Avantgarde der Völker

Schon in der frühen Schrift «We refugees» (Wir Flüchtlinge) erklärte die deutsch-jüdische Philosophin: «Flüchtlinge repräsentieren die Avantgarde ihrer Völker.» Arendt hat aus ihren Untersuchungen (und ihrer Erfahrung) des Totalitarismus den Schluss gezogen, dass die Missachtung der Grundrechte in einer ersten Phase stets nur Flüchtlinge und schutzlose Minderheiten betrifft, bevor sie sich in einer zweiten Phase generalisieren kann. Historisch betrachtet war die Flüchtlingspolitik das Laboratorium der Barbarei. Erst zielt die Aufhebung der Menschenrechte nur auf Migranten – und irgendwann auf die gesamte Bevölkerung.

Wir sollten nicht so naiv sein, zu glauben, dass die namenlosen Tragödien, die sich Tag für Tag und Nacht für Nacht auf offener See abspielen, ohne Einfluss bleiben werden auf das Leben, die Politik und die Gesellschaft in Kontinentaleuropa. Wir sollten nicht so naiv sein, zu glauben, dass diese Toten nicht die unseren sind.

Die Dinge akzelerieren sich.

Nein, die Dinge akzelerieren sich nicht von selbst, sondern jüngst akzelerierte ein narzisstisch gekränkter Noch-nicht-ganz-Altenteiler, der absurderweise glaubte, die CSU stünde hinter ihm wie ein Mann, als er die Kanzlerin erpresste. In der CSU scheint es aber gedämmert zu haben, daß sie zu einer der rechtsradikalen Kleinparteien würde, die sich rund um die 5%-Hürde balgen und in Bayern nie wieder auch nur in die Nähe einer absoluten Mehrheit käme, träte nach dem Bruch der Union die CSU bundesweit und die CDU auch in Bayern an (ich hätte glatt Kleinspenden in Erwägung gezogen).

Übrig bleiben:

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Do u?

Was will die prominente Besucherin einer der Kinder-Internierungslager an der us-amerikanisch/mexikanischen Grenze sagen, wenn sie – trotz einiger Auswahl an exklusiver Bekleidung – eine 40$-Jacke aus der vorvorjährigen Kollektion eines Feldwaldwiesen-Labels trägt, mit der Aufschrift I really don’t care. Do u?

Wahrscheinlich: Es kümmert mich einen feuchten Scheiß. Dich etwa?

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Bekloppte Zeiten

 

Es gibt wahrlich viel an Angela Merkels Politik zu kritisieren und ich werde eine sehr feine Flasche Brause köpfen, wenn sie eines Tages durch eine hoffentlich fähigere Person im Amt ersetzt wird. Aber es kann nicht angehen, daß sie wegen einer der wenigen richtigen Entscheidungen zur vorzeitigen Beendigung ihrer Kanzlerschaft genötigt wird.

Denn: der Seehofer Horsti droht mal wieder mit dem Bruch der Koalition. Wenn er seinen Willen nicht bekommt und nach Herzenslust Grenzen schließen und von früh bis spät Asylbewerber kontrollieren und ausweisen darf. Bei Horstis Überholmanövern rechts von der AfD geht es nicht nur um sein reichlich überdimensioniertes Ego, es geht vor allem um CSU-Wahlwerbung für die am 15. Oktober anstehenden Landtagswahlen in Bayern.

Man muß sich die CSU in der Bundesregierung als eine Art regierende Opposition im immerwährenden Wahlkampfmodus vorstellen. Ist kein schöner Anblick.

 

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Logikfrage

Oben der gestrige Blick auf’s Brandenburger Tor, unten das räumliche Anschlußfoto, mit dem Großen Stern unmittelbar im Rücken. Das obere Foto müßte eine Ecke hinter dem Verkehrsschild (grau, in der Mitte) gemacht worden sein.

Und hier kommt die Logikfrage:

wenn auf die Fanmeile vom Großen Stern bis zum Brandenburger Tor 350.000 Fußballfans bequem passen und es mit 750.000 ein bißchen eng wird – können das dann gestern nur 25.000 fröhliche Demokraten gewesen sein, wie die Polizei glaubt und alle Medien nachplappern? (nein, nicht alle Medien, Ausnahmejournalist David Berger fabuliert unter Berufung auf RTdeutsch von ersten großen Medien, 12.000 AfDlern und 5.000 Gegendemonstranten)

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„psychisch auffällig“

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um einen Deutschen, der Medienberichten zufolge aus dem Sauerland stammt und seit längerem in Münster lebte. Nach Informationen von SZ, NDR und WDR war der Mann, Jens R., psychisch auffällig.

Soso. Die Wahrscheinlichkeit, daß Sie, ja genau Sie meine ich, im Laufe Ihres Lebens eine zeitweilige oder dauerhafte psychische Störung erwerben, liegt – je nach Quelle – zwischen 25 und 50%. Ein Viertel bis die Hälfte aller Europäer waren, sind oder werden noch psychisch gestört sein, mögliche Auffälligkeiten inklusive.

Aber die rechtsradikale Hetze gegen die Anderen, gegen Geflüchtete, Menschen mit dunkler Haut und vor allem gegen Muslime ist längst so wirkmächtig, daß ein „psychisch auffälliger“ Täter kartoffeldeutscher Herkunft als beinahe gute Nachricht durchgeht.

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Dies und das

Warum eigentlich kennt jede/r die RAF, aber kaum jemand die Hepp-Kexel-Gruppe? Oder die Aktion Widerstand, die Nationalsozialistische Kampfgruppe Ost-Westfalen, Volkssozialistische Bewegung Deutschland, Kommando Omega, Gruppe Ludwig, Odfried Hepp, Peter Naumann, Karl-Heinz Lembke, Ekkehard Weil, Manfred Roeder, Frank Schubert? Allenfalls die Wehrsportgruppe Hofmann bildet die regelbestätigende Ausnahme.

Aus welchem Grund wird der Terror des NSU als „neue Qualität des Rechtsextremismus“ und nicht als Teil einer kontinuierlich ausgeübten, rechtsradikalen Terrortradition seit den 1960er Jahren verstanden?

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Uwe Tellkamp in der Schöngeisterbahn

Wissen Sie, warum ich es u.a. so unerträglich finde, „Opfer“ genannt zu werden?

Weil ein Opferstatus jede Aggression, jede noch so maßlose Forderung und jede demokratie- und menschenfeindliche Haltung zur Notwehr adelt. Der Weg vom Opfer zum Täter kann sehr kurz sein.

 


 

Gestern fand – im Rahmen der Bewerbung Dresdens als europäische Kulturhauptstadt 2025 – eine Diskussion zwischen Durs Grünbein und Uwe Tellkamp im Dresdner Kulturpalast statt – Titel: Streitbar! Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?

Die Veranstaltung war so gut besucht, daß sie vom Foyer in den Konzertsaal verlegt werden mußte und sie war ein Spiegel der gesellschaftlichen Diskussion in a nutshell.

Dresden 2025 hat via Facebook gestreamt, ungefähr bei Minute 10 geht’s los (beim mdr gibt es einen Audiofile). Hören und sehen Sie sich das an, das ist spannend! Bei YouTube gibt es einen 20minütigen Auszug mit Tellkamps Thesen (featuring Götz Kubitschek) vom Recherchekollektiv Dresden – den ich unzureichend finde, denn Durs Grünbein argumentiert, wenn er mal zu Wort kommt, souverän und bildschön.

Nachtrag 14.3. Inzwischen gibt es auch ein vom Veranstalter autorisiertes Video der gesamten Diskussion. Die anderen Videolinks habe ich deswegen gelöscht.

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