niedere Beweggründe

 

 

Der 27-jährige Christopher W. starb im April 2018 nach rund 20 Minuten Martyrium. Das Opfer erlitt laut Rechtsmedizinern schwerste Gesichts- und Kopfverletzungen, die Aufzählung der Verletzungen durch die Rechtsmediziner füllt mehrere Seiten.

Er wurde mit einer Eisenstange und einer Neonröhre malträtiert. Er wurde in einen etwa zwei Meter tiefen Schacht geworfen und offenbar wieder herausgeholt. Als er noch lebte, wurde sein Unterarm aufgeschnitten, dann wurde er mit dem Gesicht auf die Kante des Schachtes gelegt und auf seinen Hinterkopf getreten. Dann wurde Christopher W. offenbar erneut in den Schacht geworfen. Zu diesem Zeitpunkt habe einer der Angeklagten gesagt, man solle es zu Ende bringen.

Mit einer schweren Holztür wurde mehrfach auf Christopher W. eingeschlagen, die Kante direkt in sein Gesicht. Sein Gesicht soll regelrecht zertrümmert worden sein, berichteten die Staatsanwaltschaft und der Rechtsmediziner. Die Tat dauerte etwa 20 Minuten, Christopher W. starb an einer Hirnzertrümmerung. Der Staatsanwalt sagte, die Täter hätten die Schuhe von Terenc H. in einer nahen Grube versenkt, weil sie blutgetränkt gewesen seien.

3 Männer, einer davon mit Hakenkreuz-Tattoo auf der Brust, wurden gestern vom Landgericht in Chemnitz wegen Totschlages zu Haftstrafen zwischen 11 und 14 Jahren verurteilt. Nicht wegen Mordes. Obwohl selbst die sächsische Polizei und das Bundesinnenministerium die Tat als „rechts motiviertes Tötungsdelikt“ in ihren Statistiken führen.

Zwar sei rechtsextremes Gedankengut bei den Männern vorhanden, sagte Staatsanwalt Butzkies nach der Urteilsverkündung. Die Tat sei aber davon zu unterscheiden: Nicht jeder, der rechts ist, werde im Zuge einer Straftat von dieser Einstellung getrieben.

Nazis legen bekanntlich ihre Gesinnung ganz besonders dann ab, wenn sie Homosexuelle foltern und töten. Keine „niederen Beweggründe“, keine „Heimtücke“, nirgends.

 


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„… ich als unschuldige Frau …“

Schon als ganz kleine dame.von.welt fand ich Karneval beängstigend und eine Zumutung. Trotzdem wurde ich über x Jahre zum Kölner Straßenkarneval gezwungen. Und da stand ich dann, ohne Sicht auf die Wagen eingekeilt zwischen lauter besoffenen Erwachsenen und wurde zur Strafe noch mit harten Bonbons beworfen. In einem Jahr trug ich sogar ein amtliches Veilchen davon, als mich so ein Zuckerklumpen direkt in die Augenhöhle traf, genau meine Idee von Amüsement.

Mir sind Menschenmengen aller Art suspekt und zwar egal, ob es sich um überfüllten ÖPNV, Reichsparteitag, Fußball, Konzert oder Karneval handelt. Je besoffener die Menschenmenge, desto suspekter ist sie mir.

Daß ich viele Jahre später nach Berlin zog, hatte auch mit der hiesigen Verschonung vom Karneval zu tun. Als ich noch viele Jahre später in Aachen studierte, versöhnte mich ein Kostüm (in einem Jahr, in dem ich nicht fliehen konnte) ein bißchen mit dem Ausnahmezustand – das einer hochschwangeren Frau, die sich kaum in den Bus quetschen konnte, weil sie sich als Heulboje verkleidet hatte und das ging so: ein neongelbes Ganzkörperkostüm mit großzügiger achsensymmetrischer Auspolsterung (Durchmesser leicht anderthalb Meter), an der dicksten Stelle noch ein Wulst in neonrosa und auf dem Kopf, über dem gelb-rosa geschminkten Gesicht, ein in die Kapuze eingearbeiteter Lärm aus der Spraydose. Mich beeindruckte ihre unbedingte Hingabe an den Karneval und sie war wirklich ansteckend lustig.

Sympathisch ist mir auch die Idee des Nubbel und seiner Verbrennung – in der Nacht von Dienstag auf Aschermittwoch wird eine Puppe verbrannt, die an allem schuld ist. Egal, ob leerer Geldbeutel, zweifelhafte Sexualkontakte, Filmriss und was sonst noch so alles passieren kann, wenn biedere Leute vorübergehend ihre Biederkeit ablegen: der Nubbel ist es in Schuld.

 

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Werch ein Illtum

 

Das Bauhaus trat 1919 an, um den werktätigen Massen einen kostengünstigen Zugang zu guter Gestaltung zu ermöglichen, Bauhausarchitektur und Gegenstände der Inneneinrichtung sollten ausdrücklich bezahlbar sein. Man glaubte an Gestaltung als moralische Anstalt, an eine Schule des Sehens, an Besserung des Menschen durch die ihn umgebenden Dinge. Auch aus diesem Grund setzte das Bauhaus den Schwerpunkt von Gestaltung und Fertigung auf serielle, auf industrielle Produktion. Anders als arts and crafts im großen britischen Königreich, wo es weit eher um die Autoren und um Unikate ging.

Beides wirkt bis heute nach. In England werden gute Kunsthandwerker eher universitär ausgebildet und mit allen zur Verfügung stehenden Techniken beballert, um möglichst früh zu einer unverwechselbaren Handschrift zu kommen und sich das dafür nötige Handwerk erst später draufzuschaffen. Englische Kunsthandwerker gelten sehr viel eher als Künstler und als Intellektuelle, sie verfügen über vielfältige Infrastrukturen von Präsentation und Verkauf und englische Zeitungen und Magazine sind sich nicht zu fein, um über sie und ihre Arbeit zu berichten.

In (West-)Deutschland herrscht der Fluch der Volkshochschulen. Weil man sich mal 6 Wochen den Hintern beim Töpfern plattgesessen hat und weil Kinder bereits in der Grundschule zum Muttertag dementsprechend formschöne Aschenbecher fertigen, glauben erstaunlich viele Leute, eine jahrtausendealte Hochkultur wie (Beispiel) Keramik sei keines Respektes und schon gar keiner angemessenen Bezahlung wert. Obwohl die tradierten Handwerke weitgehend aus der Handwerksrolle gestrichen wurden, sind in Deutschland 3jährige Lehre, 5 Gesellenjahre, ein Meisterbrief und anschließend noch ein Gestaltungsstudium eher die Regel als die Ausnahme in der Vita guter Kunsthandwerker. Erst wird traditionell das Handwerk erlernt, gute Gestaltung gilt als nachgeordnet. Museen für Kunsthandwerk gibt es nur wenige, Galerien immer weniger und keine große Zeitung und nur wenige Magazine halten es für nötig, fachkundig über angewandte Kunst zu berichten.

Anders verhält es sich mit Design und Architektur. Zwar entspringt jede fehlkonstruktierte optische Umweltverschmutzung in unserer Überflußwarenwelt, jede raumgreifende historisierende Bausünde dem Hirn eines Designers oder Architekten, aber die Ehrfurcht vor akademischer Ausbildung sitzt tief und Millionen Fliegen irren bekanntlich nicht, während gerade bei austauschbarer Massenware die Individualität stets betont wird.

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„wir haben uns dabei flüsternd unterhalten“

 

 

Die Antwort auf die zu 85% in armen Ländern stattfindende Flüchtlingskrise lautet also „Kontrollierte Zentren“ (ja, wurde genau so gesagt) in Europa, „regionale Anlandeplattformen“ und Internierungslager in Nordafrika. Nicht, daß Marrokko, Tunesien, Algerien, Libyen, Ägypten je gefragt worden wären oder sich gar damit einverstanden erklärt hätten. Aber das Einverständnis zum weiteren Ausbau der ex-territorialen Festung Europa wird man sich schon mit Geld und/oder Waffen herbeinötigen.

Man könnte natürlich auch das lustige Türkei-EU-Spiel weiterspielen und den nordafrikanischen Staaten EU-Beitrittsverhandlungen in Aussicht stellen. Um sie später mit ein paar Milliarden und vom UNHCR legitimierten Lagern abzufinden und ihre Staatsoberhäupter gar nicht diktatorisch und korrupt genug haben zu können, andernfalls nähme ja die europäische Wirtschaft Schaden. Das Konzept der „sicheren“ Erst-, Zweit- und Dritt-Staaten ist doch bestimmt noch ausbaubar, nachdem man bereits in Afghanistan und Syrien „innerstaatliche Bleibeperspektiven“ ausmachte.

In jedem Fall muß das ohnehin lückenlos überwachte Mittelmeer noch viel lückenloser überwacht werden. Frontex wird bis 2020 von 1.200 auf 10.000 Grenzschützer aufgerüstet, mit mehr Geld, Schiffen, Waffen und Überwachungstechnik mit Live-Bilddaten versehen. Damit man es besser sehen und noch viel besser weglügen kann:

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Finde die Fehler

  1. Libyan Sea – wo das libysche Hoheitsgebiet endet, ist nach wie vor undefiniert.
  2. Libyan Coast Guard – die ist dafür bekannt, daß sie nicht nur die libysche Küste bewacht, sondern auch jedes Recht auf Rechte von Flüchtlingen/Migranten mit Füßen tritt.
  3. as SAR competent authority – bitte was? Libyen ist ein failed state. Der Verhandlungspartner der EU, die Regierung in Tripolis kontrolliert nicht mal die Hälfte des Landes. Die libysche Küstenwache hat keine auch nur im Ansatz vergleichbare Infrastruktur wie die italienische Guardia Costiera mit dem MRCC in Rom, das bisher alle Search-And-Rescue-Einsätze im südlichen Mittelmeer koordiniert hat. Die libysche Küstenwache ist nicht mal kompetent genug, Schiffbrüchige vor dem Transfer vom Gummiboot zum Rettungschiff mit Schwimmwesten auszustatten. An Bord der Boote der libyschen Küstenwache gibt es keine Ärzte, sondern nur bewaffnete Milizen. Die aus Seenot geretteten Flüchtlinge/Migranten haben exakt null Möglichkeit, einen Antrag auf Asyl zu stellen oder sonstwie Schutz zu finden, sondern sie werden interniert, versklavt, vergewaltigt, gefoltert. Die libysche Küstenwache beschäftigt Warlords, Menschenhändler, Schlepper.

Aus der Anweisung des MRCC in Rom, in Zukunft die libysche Küstenwache anzurufen, wenn ein Boot oder Flugzeug Schiffbrüchige im südlichen Mittelmeer entdeckt, werden drei Dinge deutlich:

  1. Europa versagt, auch gegenüber Italien.
  2. Italien wird jetzt von/mit Faschisten regiert.
  3. Flüchtlinge/Migranten haben gefälligst außer Sicht zu bleiben/sterben.

Den wahrscheinlichen weiteren Verlauf zeigen Lori Hinnant, Adoum Moussa, Tcherno Abarchi, Jerome Delay (Fotos), Associated Press am Beispiel Algerien – Walk or die: Algeria abandons 13,000 migrants in the Sahara

Stellen Sie Eimer/Schnaps bereit, werden Sie wahrscheinlich brauchen.

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Do u?

Was will die prominente Besucherin einer der Kinder-Internierungslager an der us-amerikanisch/mexikanischen Grenze sagen, wenn sie – trotz einiger Auswahl an exklusiver Bekleidung – eine 40$-Jacke aus der vorvorjährigen Kollektion eines Feldwaldwiesen-Labels trägt, mit der Aufschrift I really don’t care. Do u?

Wahrscheinlich: Es kümmert mich einen feuchten Scheiß. Dich etwa?

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Dies und das

Alle, die bis zum 3. Oktober im Oberbayerischen sind oder gar dort leben, sollten unbedingt nach Herrenchiemsee pilgern und die Königsklasse IV besuchen! Der Chiemsee ist sowieso immer eine Reise wert, die Insel ein Traum, die Bootsfahrt dahin hochvergnüglich und die Ausstellung wird Ihren Blick auf barocke Architektur und auf zeitgenössische Kunst verändern.

Schloß Herrenchiemsee wurde innen nicht fertig ausgebaut. Im Nordflügel erwartet Sie kein Stuck mit viel Gold und Spiegeln, sondern nackige Ziegelwände und davor liebevoll gehängte Bilder und sorgfältig platzierte Skulpturen, die endlich alle mal genug Platz haben, interessanteste Bezüge zueinander herstellen und in diesem Jahr wird es dort auch noch sehr gut riechen. Gönnen Sie sich das, Sie werden begeistert sein, versprochen! Ich finde es oberschade, daß ich in diesem Jahr schon wieder nicht hinfahren kann, denn mich hat die erste und zweite Ausstellung schwer begeistert. Danke an die Schachnerin für die Begleitungen und jetzt für die stete Versorgung mit verlockenden links, mehr davon später in den Kommentaren – vielleicht hat ja die verehrte Katastrophenchronistin Lust, einen Besuch der Königsklasse in ihre still-alpinen Ferienpläne einzubinden.

 


 

Herrenchiemsee ist aber nicht nur eine Kulisse für einen herrlichen Tag, sondern dort tagte ab Sommer 1948 der parlamentarische Rat und erarbeitete das Grundgesetz. Zu Zeiten, als es in Deutschland rund 13 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den ex-deutschen Ostgebieten, zahllose Ausgebombte, Obdachlose und staatenlos gemachte Displaced Persons gab.

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Bekloppte Zeiten

 

Es gibt wahrlich viel an Angela Merkels Politik zu kritisieren und ich werde eine sehr feine Flasche Brause köpfen, wenn sie eines Tages durch eine hoffentlich fähigere Person im Amt ersetzt wird. Aber es kann nicht angehen, daß sie wegen einer der wenigen richtigen Entscheidungen zur vorzeitigen Beendigung ihrer Kanzlerschaft genötigt wird.

Denn: der Seehofer Horsti droht mal wieder mit dem Bruch der Koalition. Wenn er seinen Willen nicht bekommt und nach Herzenslust Grenzen schließen und von früh bis spät Asylbewerber kontrollieren und ausweisen darf. Bei Horstis Überholmanövern rechts von der AfD geht es nicht nur um sein reichlich überdimensioniertes Ego, es geht vor allem um CSU-Wahlwerbung für die am 15. Oktober anstehenden Landtagswahlen in Bayern.

Man muß sich die CSU in der Bundesregierung als eine Art regierende Opposition im immerwährenden Wahlkampfmodus vorstellen. Ist kein schöner Anblick.

 

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Dies und das

Keine Ahnung, wie Sie es mit Talkshows halten. Ich könnte mich, hätte ich einen Fernseher, für die Idee schon erwärmen, z.B. für Formate wie den Presseclub oder für Carolin Emckes Streitraum. Nicht aber für die breiten öffentlich-rechtlichen Bühnen für reaktionäre und etwas weniger reaktionäre Politiker, nicht für die unausgesetzte Hetze gegen Muslime und Geflüchtete, nicht für von „Tatort“ oder „Unterwerfung“ vorgeglühte Scheinduelle mit immergleichen Politdarstellern.

Georg Seeßlen, taz:

Die politische Talkshow ist die Schau der Entpolitisierung, die Schau der Antipolitik schlechthin. Diese krude Sehnsucht nach „Klartext“ und „Sprache des Volkes“, sie hat hier ihren Ursprung. … Die politische Talkshow, wie wir sie kennen, entlarvt nicht nur das mediale Sprechen, sondern die Politik, die dahintersteckt; wir erkennen, wenn wir hinsehen, den großen Unterschied zwischen der Schau und dem, was sie darstellt, und die fatale Folge ist, dass der Showcharakter der demokratischen Politik als gegeben hingenommen wird. Dann nämlich verzeihen wir den Teilnehmern jeden Unfug, jede Lüge, jede Gemeinheit, solange sie nur unterhaltsam sind.

Jakob Biazza, Süddeutsche im Interview mit Johannes Hillje:

Selbst wenn die AfD nicht in Talkshows sitzt, sind ihre Inhalte oft omnipräsent. Das Entscheidende ist hierbei: Die AfD setzt gar nicht unbedingt die Themen, aber sie beeinflusst sehr stark, wie wir über ein Thema reden.

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