Falscher Freund

Kennengelernt hatte ich ihn ganz woanders. Wir teilten den gleichen Sinn für Humor, den gleichen Hang zu sorgfältiger Sprache und eine als 2-stündiger, lässiger Spaziergang verkaufte Exkursion „ins Feld“, zu einem Hmong-Dorf hinter den sieben Bergen, auf dessen Rückweg durch den Dschungel wir beide so alle und dehydriert waren, daß der Kreislauf zu kollabieren drohte. Und dabei hatte ich mir extra T.s Exkursion ausgesucht, weil er nicht so drahtig-sportlich war wie der andere Experte! Half alles nichts, der Guide und sein zwielichtiger Kumpan hüpften in Shorts und Flipflops vor uns her und waren sichtlich genervt von unserem Schneckentempo. Die Dolmetscherin, Professorin an der Uni in Hanoi, die auf diese Weise ihr karges Staatsgehalt aufbesserte, trug immerhin lange Hosen und Turnschuhe, ließ aber keine einzige Schweißperle sehen. Während T. und ich uns gute 6 Stunden bei 35°C und 90% Luftfeuchtigkeit bergauf bergab und klatschnaß durch den Wald schleppten. Nie im Leben war kaltes Bier so köstlich wie an diesem Abend in dem winzigen Restaurant ganz aus schönem Tropenholz am Ufer des Hồ Ba Bể und es war auch nicht mehr ganz so ernüchternd, daß der zwielichtige Guide-Kumpan T.s Verhandlungen mit dem Hmong-Chief (keine Brandrodung, keine Wilderei im Naturschutzgebiet, im Tausch gegen eine Schule im Dorf) beinahe zunichte gemacht hatte, als er am Ende mit einer Pistole herumfuchtelte.

Biere teilten wir dort noch einige und wir tauschten später eine Menge Emails. Bis er auf einmal nicht mehr antwortete. Ich machte mir Gedanken, kontaktierte Kollegen, schrieb ihm schließlich einen Brief an seine schottische Adresse – nichts. Nach ewiger Zeit kam endlich eine Mail, er hatte quite a year gehabt, Scheidung, übler Unfall, Umzug aus Edinburgh in die Southern Highlands von Tanzania. Ob ich ihn nicht demnächst mal besuchen wolle?

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Mondstein

mondsteine

Sie kam als junge Witwe mit Tochter in die Familie, als schnell geheirateter Ersatz für die Mutter meiner Mutter, die kurz nach ihrer Geburt an Kindbettfieber gestorben war und eine Landwirtschaft ohne Frau und mit zwei kleinen Kindern, das ging nicht. Mein freiender Großvater war der jüngste Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, er war ein Trinker und Spieler und seiner Familie so peinlich, daß er, mit einem kleinen Hof und ein bißchen Land abgefunden, aus der Familie und dem ostwestfälischen Kurstädtchen ins Dorf ausgebürgert wurde. Ich wüßte gern mehr über ihn, ich mochte ihn als Kind sehr. Aber über die Familiengeschichte wacht geizig und eifersüchtig meine Mutter.

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Über Gewalt

übergewalt

Zwei lange Texte, ein Artikel von Marion Detjen und ein Interview mit Jan Philipp Reemtsma, die ich einzeln und auch im Kontext extrem lesenswert fand:

Marion Detjen: Der Geschmack des Verbrechens

An der Stelle, wo ich, das Kind, damals in der Morgendämmerung vor dem Mann gekniet und dann die weißliche Flüssigkeit ausgespuckt hatte, blühte nun ein kleiner Strauch. Purpurne Blüten, im Februar, an genau dieser Stelle und nur dort. Die faserigen Zweige ließen sich nicht brechen, ich musste die Zähne zu Hilfe nehmen. Wieder im Auto, brannten mir Mund und Kehle. Der Seidelbast, in den ich gebissen hatte, auch Brennwurz genannt, ist giftig, und die Blüten, die ich zur Erinnerung nach Hause tragen wollte, welkten sofort.

Der Geschmack des Verbrechens. Dass aus dem ausgespieenen Ejakulat eine seltene Giftpflanze gewachsen war und mir den Geschmack des Verbrechens zurückbrachte, hat mir Macht über meine Geschichte verliehen.

Es liegt an uns, damit aufzuhören, das Verbrechen zu privatisieren. Das Verbrechen ist keine Angelegenheit, die wir allein mit dem Täter, mit Gott oder mit der Natur auszumachen hätten, sondern es verbindet sich mit der ganzen Gesellschaft.


 

Jan Philipp Reemtsma: „Ich bin sehr für Rache, sie darf nur nicht sein

Reemtsma: Die Vorstellung vom Ich kann nicht stabil bleiben, wenn die Wirklichkeit anzeigt, dass es darauf gar nicht ankommt.

ZEIT Wissen: Kann man Menschen vermitteln, was Gewalt bedeutet, wenn sie Gewalt in dem Maße nicht selbst erlebt haben?

Reemtsma: Es gibt Übergänge. Die Schriftstellerin Ruth Klüger schreibt in einem ihrer Bücher, wie sie im vollen Fahrstuhl fährt und sagt: Ach, das erinnert mich an meine Zeit im Viehwaggon. Und die Mitfahrenden flippen aus. Das wollten die nicht hören. Mir ist mal so etwas Ähnliches passiert. Ich war mit Mitarbeitern unterwegs zum Flughafen, und es kam die Frage auf, ob ein Taxi für uns alle reiche. Jemand sagte, ach, zur Not fährt jemand im Kofferraum mit. Da sagte ich, hmm, Kofferraum ist scheiße, das habe ich ausprobiert. So etwas passiert. Ruth Klüger sagt, jeder hat erlebt, was er erlebt hat.