Das gute Leben für alle

 

Extrem bedrohlich im Nachhall des G20-Gipfel ist die aktuelle Fabrikation des Feindes, die Fabrikation der verabscheuungswürdigen linken Verbrechernaturen. Die dazu schon erklärt werden, wenn sie bei der Distanziererei von der Kriminalität auf der Schanze nicht spuren. Laut Verfassungsschutzbericht (S. 99/100) sind – Gewaltverzicht hin oder her – Sie, ich, alle hier Linksextremisten.

Gegen den fabrizierten linken Feind im Inneren werden Forderungen nach mehr Überwachung des öffentlichen wie des grundgesetzlich hochgeschützten privaten Raums, SEKs auf jeder Demo, Ausschnüffelung linker Anwälten, Erklärung linker Journalisten zum Sicherheitsrisiko bemüht. Jede Brutstätte der Gewalt von Roter Flora über Rigaer 54 bis Conne Island muß geschlossen, der Sumpf ausgetrocknet werden. Polizei und Dienste sind Helden ohne Fehl und Tadel und es kommt dem Landesverrat gleich, ihren Machtmißbrauch zu kritisieren. Das ist ungefähr die Rhetorik, die nicht nur von Hardlinern der C-Parteien gepflegt wird, sondern in die auch SPD, FDP und Teile der Grünen einstimmen.

Grundrechte wie Meinungs-, Versammlungs-, Pressefreiheit sollen zu Schönwetter- und Gnadenrechten erklärt werden, ein reaktionärer Wunsch nach Rechtsstaatsabschaffung, wie zu besten RAF-Zeiten. Mit dem Unterschied, daß heute die Menschen- und Bürgerrechte im Parlament nur noch von Teilen der Linken vertreten werden – in den 70/80er Jahren fanden sich dafür noch Teile der SPD und FDP zuständig. Und dann die Grünen, achachach…

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Haare

Irgendwann war ich es leid. Das Gewicht, das an meinem Nacken zog und mir Kopfweh machte. Das schlimme Gefühl an den Wurzeln nach dem Lösen von Zopf oder hochgesteckter Haare. Der bleibende Gestank nach einem Abend in der Kneipe, denn sehr lange Haare wollen nicht jeden Tag gewaschen werden. Die 100 Bürstenstriche an jedem Morgen und an jedem Abend. Das ewige Catcalling, die unerbetenen Griffe in meine Haare und die enttäuschten Männerblicke, die offenbar mein Gesicht im Verhältnis zur blonden Mähne als zu alt empfanden. Ich war süße 36.

Die Friseurin weinte fast, als sie den Zopf abschnitt, einen halben Meter honigblonde, dicke, wellige Haare. Ich fand es herrlich! Es dauerte, bis ich andere Verlegenheitsgesten etablierte. Vorher hatte ich mit dem Zopfende gestikuliert und mir Strähnen um die Finger gedreht, nun griffen die Hände in leere Luft. Von Anfang an liebte ich meinen raspelkurz geschnittenen Nacken. Was für eine Lust, dort jeden Luftzug zu spüren oder mit den Fingern gegen den Strich zu fahren!

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Make Pots or die

 

Ich lese gerade „Die weiße Straße“ von Edmund de Waal und kann nicht warten, bis ich ganz durch bin, um Ihnen davon zu erzählen. Lesen Sie dieses Buch!

Wenn Sie Porzellan ohnehin lieben, werden Sie vom Buch eingeschluckt und enorm viel klüger wieder ausgespuckt, nicht nur zu Material und Gefäß, sondern zum Zusammenhang aller Dinge. Falls Ihnen Porzellan nicht mehr bedeutet als der Teller, von dem Sie essen und die Tasse, aus der Sie trinken: das wird sich ändern, versprochen. Sie werden in Begleitung von Edmund de Waal durch 5 Jahrhunderte und die halbe Welt reisen, Sie werden Jesuiten, Alchemisten, Mathematikern, Kaisern, Königen, Kindern, Sammlern, Besessenen, Nazis, Sklaven und vielen fleißigen Töpfern begegnen und Ihre Tasse und Welt anschließend mit anderen Augen sehen.

Das Buch ist ein spannender Bildungsroman in der besten nur denkbaren Bedeutung.

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Wert und Preis

Der Arme Poet

Entgegen landläufiger Meinung üben Künstler kein ausgeufertes Hobby aus, sondern einen Beruf. Die Art der Ausbildung dazu hängt von der jeweiligen Branche, Kunstbegriff, Zeit, Land ab, sie reicht von der Erlernung eines Handwerks mit Lehr- und Gesellenjahren bis zum langjährigen Studium. Es gibt nicht wenige Künstler, die beide Ausbildungswege beschreiten. Weniger als die Hälfte der Künstler in Deutschland arbeitet angestellt, z.B. an einem Theater oder Orchester – die sollen hier nicht weiter interessieren.

Die meisten Künstler wachen nicht erst gegen Mittag auf, nehmen einen tiefen Schluck Rotwein und sind dann creativ mit c, das Tagwerk unterbrochen von zahlreichen Erholungsaufenthalten in Cafes und Kneipen. Besser als Karl Valentin kann man es nicht sagen:

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

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Songs and Stories from Moby Dick

mobydick

Immer wenn ich merke, daß ich um den Mund herum grimmig werde; immer wenn in meiner Seele nasser, niesliger November herrscht; immer wenn ich merke, daß ich vor Sarglagern stehenbleibe und jedem Leichenzug hinterhertrotte, der mir begegnet; und besonders immer dann, wenn meine schwarze Galle so sehr überhandnimmt, daß nur starke moralische Grundsätze mich davon abhalten können, mit Vorsatz auf die Straße zu treten und den Leuten mit Bedacht die Hüte vom Kopf zu hauen – dann ist es höchste Zeit für mich, so bald ich kann auf See zu kommen.

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Lala: Elis Regina

elisregina

Heute ist sie 35 Jahre tot, gestorben mit 36 an versehentlicher Überdosierung von Kokain und Alkohol. Kokain, weil sie sich vor jedem Bühnenauftritt zu Tode fürchtete. Eigentlich war sie fast so etwas wie ein Kinderstar, sie sang schon mit 14 im brasilianischen Radio, später auch im Fernsehen, trat mit 20 auf Festivals auf und war die zeitweilig bekannteste und beliebteste Sängerin Brasiliens. Elis Regina ist die weibliche Personifizierung des Bossa Nova und ihre Musik ist bestens geeignet für schwere See und komplizierte Lebenslagen.

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The grand Kazoo

thegrandkazoo

Wußten Sie, daß Azurro mitnichten und -neffen von Adriano Celentano stammt, sondern von ihm nur interpretiert wurde? Seine Version war das erste Stück Popmusik, daß ich (neben dem mir unerträglichen ob-la-di-ob-la-da der Beatles) als ziemlich kleine dame.von.welt im Radio erinnere.

Ich hatte damals Windpocken – es war Sommer und zwar 1969 oder ’70, große Ferien, blitzblauer Himmel und 30°C im Schatten. Meine Freunde durften alle ins Freibad und zum Eisessen, während ich allein auf dem Sofa unter einer schlimm juckenden Wolldecke lag und mich auf gar keinen Fall kratzen durfte. Mir wurde Kamillentee kredenzt, ich hatte Fieber und Watte im Kopf und schmerzende Augen. Kurz: Scheiße im Quadrat und die Welt sehr stark unfair.

Bis heute gefällt mir die Version der Toten Hosen um viele Lichtjahre besser als die von Adriano Celentano.

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Lala: Sophie Hunger

sophiehunger

Sophie Hunger ist Diplomatentochter, sie ist aufgewachsen in Bern, London, Bonn und Zürich, sie spricht Schwyzerdütsch, Hochdeutsch, Englisch, Französisch so fließend, daß sie locker in einem Satz die Sprachen wechseln kann, sie schreibt (z.B. an Thomas Bernhardt über die Salzburger Festspiele oder ihre Post aus den USA in Begleitung einer Tournee von Tinariwen), sie spielt Klavier, Gitarre und Bluesharp und sie singt. Und zwar wie.

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