„psychisch auffällig“

Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um einen Deutschen, der Medienberichten zufolge aus dem Sauerland stammt und seit längerem in Münster lebte. Nach Informationen von SZ, NDR und WDR war der Mann, Jens R., psychisch auffällig.

Soso. Die Wahrscheinlichkeit, daß Sie, ja genau Sie meine ich, im Laufe Ihres Lebens eine zeitweilige oder dauerhafte psychische Störung erwerben, liegt – je nach Quelle – zwischen 25 und 50%. Ein Viertel bis die Hälfte aller Europäer waren, sind oder werden noch psychisch gestört sein, mögliche Auffälligkeiten inklusive.

Aber die rechtsradikale Hetze gegen die Anderen, gegen Geflüchtete, Menschen mit dunkler Haut und vor allem gegen Muslime ist längst so wirkmächtig, daß ein „psychisch auffälliger“ Täter kartoffeldeutscher Herkunft als beinahe gute Nachricht durchgeht.

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Innenextremismus

Und ich fand schon den Innenfriedrich schlimm. Bei Thomas de Maziére dachte ich wirklich, schlimmer geht’s nimmer. Falsch gedacht. Unser aktueller Innenministerextremist macht Politik für 12% der Bevölkerung, seine Politik zielt darauf ab, AfD-Wähler wieder heim in die CDU/CSU zu holen. Er vergisst, daß in der Stille und Abgeschiedenheit einer Wahlkabine eher das Original als eine noch so eifrige Nacheiferung gewählt wird und er vergisst, daß 88% der Stimmen nicht auf die AfD entfielen. Angesichts u.a. seiner Politik könnte man meinen, die AfD hätte gewonnen wie Putin.

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Minihamster im Etui

Minihamster im Etui ist ein Anagramm von Heimatministerium.

Weniger witzig: das soll in Zukunft der Leitung von Horst Seehofer und dem Innenministerium unterstehen.

Wer hat’s erfunden? Genau: die Bayern. Dort ist es allerdings Teil des Finanzministeriums und Trostpreis für Markus Söder. Das bayerische Heimatministerium widmet sich der Aufwertung des ländlichen Raumes, Breitbandausbau, W-Lan auf jedem Marktplatz, E-Government, regionalen IT-Centern, ländlichen Fachhochschulen, Aufweichung der Bauvorschriften für mehr Gewerbegebiete, leistungsfähiger Landwirtschaft (Rückgrat des ländlichen Raumes), kommunalem Finanzausgleich zugunsten strukturschwacher Orte im Zonenrandgebiet, Heimatpakt und -kampagne, kurz:

Heimat heißt: zu Hause sein, zu Hause bleiben und sich zu Hause fühlen. Dafür haben wir die Heimatstrategie entwickelt.

 


 

Heimat wurde hier vor einer Weile schon einmal aufgegriffen und zu umschreiben versucht – als persönliches und individuelles Gefühl, oft in Verbindung mit Vergangenheit und Verlust, als räumlichen Ort, an dem man die Witze versteht, die Schleichwege kennt, nicht ununterbrochen hinterfragt wird, als Rechtsraum, als das Recht auf Rechte als zwingende Voraussetzung für Heimat.

Sehr lesenswert dazu finde ich einen Blog von irgendwie jüdischHeimat? Weiterlesen

„Text-Taliban“

Sehr schönes Gedicht, finde ich.

Zwar könnten die Ramblas heute kaum noch so beschrieben werden, denn die besoffenen Touristen, die dazugehörigen „authentischen“ Bars und die Taschendiebe müßten miteinbezogen werden. Aber es ist ja schließlich nicht mehr 1953 und Franco ist auch schon eine Weile tot.

(Nachtrag 6.2., der guten Ordnung halber: da mein Blog auch beim Freitag diskutiert wird und dort von Nutzer Freitag20 der Mythos gehäkelt wurde, Gomringer hätte – weil er halb Schweizer, halb Bolivianer ist – das Gedicht bolivianischen Blumenverkäuferinnen in Sucre gewidmet und nicht die Ramblas in Barcelona Anfang der 50er beschrieben, habe ich ein FB-Statement von Nora-Eugene Gomringer (Tochter) hinter ‚Ramblas‘ verlinkt, sie sagt – Überraschung – Ramblas.)

 


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„kleine Klapperschlangen“


Eigentlich sieht der Mann gar nicht unrecht aus – wie ein Sparkassendirekor, Physik-/Sportlehrer oder evangelischer Pfarrer, nicht wahr?

Das ist Roman Reusch, via Listenplatz 2 der Brandenburger AfD in den Bundestag eingezogen. Er hätte für die AfD auch in das Geheimdienst-Kontrollgremium des Bundestags einziehen sollen – Reusch erhielt bei der Wahl der Mitglieder aber nur 210 Stimmen, auf mindestens 355 hätte er kommen müssen.

Mitglieder des Kontrollgremiums sind berechtigt, „jede Dienststelle der deutschen Nachrichtendienste, Bundesnachrichtendienst, Bundesamt für Verfassungsschutz sowie des Militärischen Abschirmdienstes zu betreten und Akteneinsicht zu fordern. Ferner sind sie dazu berechtigt, Nachrichtendienstmitarbeiter zu bestimmten Themen einer Befragung zu unterziehen … Untersuchungsausschüsse im Bereich der deutschen Nachrichtendienste anzusetzen … Anfragen von Passagierdaten deutscher Fluggesellschaften und Ermittlungen auf der Grundlage von Finanzdaten“ zu beaufsichtigen.

Zwar sind die Mitglieder des Kontrollgremiums zur Verschwiegenheit verpflichtet, aber: „In letzter Zeit wurde häufiger aus geheimen Sitzungen des PKGr in den Massenmedien berichtet, unter anderem aus dem Bericht zum BND-Journalisten-Skandal. Das PKGr bat den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert seinerzeit um die Einleitung rechtlicher Schritte wegen der vermuteten Verletzung von Dienstgeheimnissen (§ 353b StGB) durch die illegale Weitergabe von Informationen.“

Der Gedanke an die Möglichkeit „illegaler Weitergabe von Informationen“ über politische Gegner der AfD an militante Rechtsextremisten ist bestimmt nur meiner schmutzigen Phantasie geschuldet. Bestimmt.

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Altersorakel

Einer der Gründe, warum ich seit einer Weile nur selten blogge, sind die Wiederholungen. Es ist mir öde, den gleichen Gedankengang zum gleichen Thema zum x-ten Mal niederzuschreiben, hier: Altersfestsetzung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, worüber ich schon im Juli 2015 geschrieben hatte:

Die vermessene Menschenwürde

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden in Deutschland vermessen, geröntgt, fotografiert, begutachtet und befummelt, sie werden erkennungsdienstlich behandelt, ihnen wird in den Mund und zwischen die Beine geguckt. Sie werden zu Erwachsenen gemacht, weil ihnen so weniger Schutz und Unterstützung zuteil wird, als ihnen per Gesetz zusteht. Mit ärztlicher Erfüllungsgehilfenschaft, die an die furchtbaren Mediziner des 19./20. Jahrhunderts anknüpft.

Seitdem hat sich rein gar nichts zum Positiven verändert, im Gegenteil.

 


 

Andrea Nahles (SPD) ist sicher, daß man sich mit der CSU (to do brindt (veraltet) wirr reden oder handeln) über die Alterstests an unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen schon irgendwie einigen wird.

Die Fraktionsvorsitzende Nahles sagte der Bild am Sonntag, sie sei sich sicher, dass man sich auf ein Verfahren einigen könne. Nahles betonte, der Staat dürfe sich nicht belügen lassen. Viele Antragsteller gäben ihr Alter nicht korrekt an, diese müsse man herausfiltern. Konkret verwies die SPD-Politikerin auf das Vorbild Hamburg, wo die Beweispflicht nicht beim Staat, sondern bei den Flüchtlingen liege. Nahles betonte, die Hamburger Behörden schätzten das Alter ein. Sei der Betroffene damit nicht einverstanden, könne er selbst beweisen, dass er jünger sei – etwa durch eine Handwurzeluntersuchung.

Das qualifiziert sie zur Kriminellen, nicht für ein politisches Amt.

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Unverwundbar

Etwa 790.000 Menschen weltweit töten sich jedes Jahr selbst. Mehr als 500.000 davon sind Männer. Suizid ist die 17.-häufigste Todesursache weltweit, für die 15 bis 29-jährigen die 2.-häufigste (nach Unfällen). In Deutschland bringen sich jeden Tag 3 Jugendliche um und 10 versuchen es. Bei uns nimmt sich alle 52 Minuten ein Mensch das Leben, alle 5 Minuten findet ein Suizidversuch statt, alle 9 Minuten verliert jemand einen ihm lieben Menschen durch Selbsttötung.

73% aller Suizide in Deutschland werden von Männern verübt. Während die Suizidrate generell rückläufig ist (außer bei Kindern und Jugendlichen), steigt die Zahl ungeklärter Todesfälle. Es ist davon auszugehen, daß z.B. eine ganze Menge Verkehrsunfälle eigentlich Suizide sind.

Kaum jemand tötet sich out of the blue. Fast jedem Suizid und jedem Versuch dazu gehen Hinweise und Warnzeichen voran. Sehr viele Suizidale wollen nicht ihrem Leben ein Ende setzen, sondern ihren Problemen.

 


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In a nutshell

 

Die Zeichnung bringt es auf den Punkt – egal, ob und wie sich Betroffene äußern oder ob sie schweigen: es wird garantiert gegen sie verwendet. Ich tu’s trotzdem von Zeit zu Zeit.

So gut wie alle Frauen und Männer kennen Sexismus aus eigener Erfahrung und weit mehr, als Sie wahrscheinlich glauben, sind von sexualisierter Gewalt betroffen. Eigentlich sind wir die Mehrheit. Trotzdem glaubt fast jede/r, mit der Beschämung und dem Leid alleine zu sein, denn Scham und Schande sexualisierter Grenzüberschreitungen klebt nicht an den Grenzüberschreitern, sondern zuverlässig an denen, auf die übergegriffen wurde. Um wenigstens das zu ändern, gibt es von Zeit zu Zeit Social-Media-Phänomene wie #Aufschrei oder aktuell #MeToo. Es scheint vielen gut zu tun, sich nicht mehr ganz so allein zu fühlen.

Nicht so gut tut, wenn rschlchr solche hashtags zum Anlaß nehmen, ihren inneren Schweinehund ausgiebig Gassi führen. Nicht so gut tut auch, daß sich am Elefanten im Gesellschaftszimmer seit Jahrzehnten wenig ändert, auch nicht seit den letzten Skandalen in Kirche, Internaten, bei den Grünen, nicht nach #Aufschrei, nicht nach #ausnahmslos. Der allgegenwärtige Sexismus und dessen Extrem-Form, die sexualisierte Gewalt, wird lieber an „Nafris“ o.ä. ausgelagert, der Muslim ist schuld und unser Unglück.

Oder, auch schön: die Betroffenen sind selber schuld. Weil: sie haben unzweideutige Grenzziehung versäumt, tragen die Bluse nicht geschlossen genug, haben den Armlängen-Rat nicht beherzigt, den Fluchtweg nicht geklärt, sind nicht selbstbewußt genug, haben ein „Opfer-Abo“. Woher sollten rschlchr auch wissen, wo sie aufhören und wo andere Menschen anfangen?

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Heimat

Mit 15 wurde ich entgültig aus der Heimat meiner Kindheit vertrieben. Ich wurde gegen meinen Willen, gegen jede Vernunft aus einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen in eine Kleinstadt im ländlichen Oberbayern verschleppt. Mein Vater hatte sich – ohne Rücksprache mit der Familie zu halten – aus der Großstadt nach München versetzen lassen. Die Münchner Mieten waren auch damals schon abstrus hoch, weswegen am Rande der Kleinstadt ein Eigenheim in einer Neubausiedlung bezogen wurde, hübsch gelegen zwischen Bahndamm und Klärwerk. Eigentlich landete ich in einem Dorf, das aber als Kreisstadt fungiert, wo der Bahnhof stolze zwei Gleise hat, wo es Schulen und eine Mehrzweckhalle gibt. Von Stadtluft macht frei keine Spur, es ist dort bis heute nicht einmal bairisch-pittoresk. Stattdessen gibt es soziale Kontrolle, Ausgrenzung alles und jedes Fremden, mia san mia und des hamma scho immer so gmacht.

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