Hilflos

Gegenüber denen, die ihrem (und anderem) Leben weniger Wert beimessen als egal welcher Sache, sind wir hilflos. Gegen Terror unter Einsatz des eigenen Lebens hilft keine noch so hochgerüstete Polizei oder Armee, keine Kameraüberwachung, keine elektronische Fußfessel, keine staatliche Schnüffelei und deren Speicherung, keine andere Beschneidung von Bürgerrechten.

Wenn der eigene Lebenswille weniger stark ist als – im Zweifel – der Wunsch nach 15-Minutenberühmtheit, sind Entwicklungen lange vorher katastrophal schief gelaufen. Darunter fällt die Auflage- und Klickgeilheit der Medien, darunter fällt das offensichtlich dumme Gewäsch über „feige“ Anschläge.

Denn es ist das genaue Gegenteil: tradierte Helden- und Männlichkeitsmythen ebnen Attentätern den Weg. Der Unterschied zwischen Held und Terrorist liegt bekanntlich im Erfolg der jeweiligen Mission.

Das ist ein Plädoyer für Egoismus. Nur, wer sich und das eigene Leben liebt, kann andere lieben. Und hat innere Sicherheit.


Bild: Alfred Rethel, 34. AventüreHagen und Volker werfen nach der Saalschlacht erschlagene Hunnen aus dem Saal, Wikimedia Commons, gemeinfrei


Call Malta

Oder wie man 268 Menschen durch unterlassene Hilfe tötet. Oder wie es eine Woche später zu Mare Nostrum kam – nach den 366 Toten vor den Fenstern von Lampedusa … nach den dreizehn Eritreern, die inmitten der Touristen am Stand von Scicli auf Sizilien ertranken. Weil vor 4 Jahren im Mittelmeer Ertrunkene noch Schlagzeilen wert waren und unsere begrenzte Aufmerksamkeitsökonomie Entsetzen über Hunderte getöteter Flüchtlinge zuließ.

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Tanz in den Mai

Später wurde mir erzählt, wie das alles kam. Zur Vorbereitung auf die 750-Jahr-Feier war auf einmal sehr viel Geld da. Außer für Kreuzberg, wo viele arbeitslos und arm waren, wo die Häuser verrotteten und zur hochsubventionierten Geldmehrung leer standen. Die rigide Schlagstock- und Räumungspolitik von Innensenator Lummer war noch nicht lange der Vernunft von Verhandlungen und Verträgen mit den Hausbesetzer gewichen, man war noch in Übung. Reagan hatte sich zur 750-Jahr-Feier angekündigt und dann stand auch noch die Volkszählung an.

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„im Gefühl der eigenen Nichtigkeit“

 

Zwei Beiträge, die viel mehr miteinander zu tun haben, als auf den ersten Blick zu vermuten wäre:

Georg Schomerus (stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universitätsmedizin Greifswald) spricht im dradio eine knappe Stunde über psychische Erkrankungen, über fehlende Trennschärfe zum „Normalen“ und über gesellschaftliche Ressentiments gegen psychisch Erkrankte. Das Vertrauen in die Psychiatrie und die Ressentiments gegen „Verrückte“ nehmen zu: Bist Du irre?

Elisabeth von Thadden im Interview mit dem tunesischstämmigen Psychoanalytiker Fethi Benslama zum Verhältnis zwischen Islam und Psychoanalyse, zum „Schreckgespenst des Übermuslims“ und zur islamistischen Radikalisierung unter jungen Männern und Frauen bis hin zu kriegerischer Gewalt: Den Tod genießen, daraus:

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Kinderbilder

Die Erfindung der Kindheit als Idealraum von Schutz, Bildung und fehlendem ‚Ernst des Lebens‘ ist in unseren Breiten nicht alt, gedanklich noch keine 250 Jahre.

Zuvor wurden Kinder als unfertige Erwachsene betrachtet, von den Reichen bis zu ihrer Menschwerdung irgendwohin aufs Land gegeben. Die Kinder der Armen arbeiteten immer schon mit. Ab der industriellen Revolution auch als praktische kleine Sklaven im Bergbau und in der Industrie.


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Heucheln für Fortgeschrittene

kopfimsand

Unsere Potzöberen überbieten sich derzeit im Wettbewerb um den längsten Zeigefinger in Richtung Donald Trump, ganz besonders gegen seinen Muslim-Ban, sein Einreiseverbot für jeden, der aus Irak, Iran, Libyen, Somalia, Sudan, Syrien und Jemen in die USA will. Denn in Europa fühlt man sich ja noch der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verpflichtet und tut alles, um Schlagzeilen über tote Flüchtlinge im Mittelmeer und um weiteres Erstarken der europäischen Rechtsradikalen zu verhindern.

Ohne größeres mediales Aufsehen wurde am Freitag beim EU-Sondergipfel auf Malta ein Zehn-Punkte-Plan mit der Einheitsregierung in Libyen von den europäischen Staats- und Regierungschefs abgenickt. Libyen soll nun in guter alter EU-Tradition die Flüchtlinge aus den Kriegs-, Bürgerkriegs- und Armutsregionen dieser Erde vom europäischen Volkskörper fernhalten. Unvergessen die Tage der italienisch-libyschen Freundschaft, als noch kleine Winke mit Autobahnen und Ölhandel ausreichten, um Flüchtlinge internieren, foltern, versklaven und in der Wüste ausgesetzt verrecken zu lassen, Details können Sie bei Fabrizio Gatti, Bilal nachlesen.

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Mondstein

mondsteine

Sie kam als junge Witwe mit Tochter in die Familie, als schnell geheirateter Ersatz für die Mutter meiner Mutter, die kurz nach ihrer Geburt an Kindbettfieber gestorben war und eine Landwirtschaft ohne Frau und mit zwei kleinen Kindern, das ging nicht. Mein freiender Großvater war der jüngste Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, er war ein Trinker und Spieler und seiner Familie so peinlich, daß er, mit einem kleinen Hof und ein bißchen Land abgefunden, aus der Familie und dem ostwestfälischen Kurstädtchen ins Dorf ausgebürgert wurde. Ich wüßte gern mehr über ihn, ich mochte ihn als Kind sehr. Aber über die Familiengeschichte wacht geizig und eifersüchtig meine Mutter.

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“you have to get your hands dirty”

simandou

Manchmal habe ich einen gar nicht mal so schlechten Instinkt, bin aber entschieden zu langsam. So auch im Zusammenhang mit Beny Steinmetz, Panama Papers, Bestechung, Geldwäsche und der Geldmehrung mittels Ausbeutung afrikanischer Rohstoffe – ich sammele schon seit einer ganzen Weile Material dazu.

Weswegen dieser Blog mit einer aktuellen Meldung anfängt und erst in den nächsten Tagen ausgearbeitet wird: Beny Steinmetz wurde heute in Israel wegen des Verdachtes auf Korruption verhaftet, sein israelischer und sein französischer Reisepaß wurden eingezogen, sein Haus und seine Büros durchsucht und er selbst (Kaution: 100 Millionen Shekel, das sind knapp 26 Millionen Dollar) vorläufig unter Hausarrest gestellt.

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Verbrannte Erde

verbrannteerde

Human Rights Watch hat heute Vorher-Nachher-Satellitenbilder aus dem Norden von Rakhine (Myanmar) veröffentlicht, aus denen hervorgeht, daß in den letzten 6 Wochen mehr als 1.200 Rohingya-Häuser niedergebrannt wurden. Zehntausende Rohingya sind auf der Flucht vor der Gewalt des Militärs und der staatlich ausgebildeten und bewaffneten Bürgerwehren. Humanitäre Hilfe, Lebensmittellieferungen, Gesundheitsversorgung wurden vom Militär in Nord-Rakhine ausgesetzt, dort wurde der Ausnahmezustand verhängt und das gesamte Gebiet zur ‚Operation Zone‘ erklärt.

Aung San Suu Kyis Regierung erklärt hingegen, es seien rund 300 Häuser von Aufständischen zerstört worden, die „für Missverständnisse zwischen den Regierungstruppen und dem Volk sorgen wollen„. Gegenteilige Behauptungen wies sie als „Desinformationskampagne von Terroristen“ zurück.

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Kriegsverbrechen

kriegsverbrechen Foto: Chelsea Manning, im Besitz der US Army

Chelsea Manning hat im Oktober einen zweiten Suizidversuch unternommen. Als Strafe für ihren ersten Suizidversuch im Juli wurde sie erneut in Isolationshaft gesteckt. Isolationshaft bedeutet: 23 Stunden/Tag allein in einer Zelle, 1 Stunde/Tag im Kreis gehen, kein Kontakt zur Außenwelt oder zu anderen Gefangenen.

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„Spring doch!“

springdoch Screenshot beim mdr

Willkommen in Schmölln im schönen Thüringen, einer Stadt mit Herz und K(n)öpfchen!

Es sei denn, Sie sind ein mutmaßlich traumatisierter unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Somalia (via Sudan, Sahara, Libyen, Italien, Schweiz) und werden – soeben aus der Psychiatrie entlassen und akut suizidgefährdet – von Schaulustigen zum Springen aus dem 5. Stock eines heimeligen Plattenbaus ermuntert.

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Putsch-Putsch

putsch-putsch Grafik: FLAGELLVM DEI, Gnu-Lizenz

Der Putsch nach dem Putsch in der Türkei in Zahlen:

13.000 sind verhaftet, darunter 8.831 Armeeangehörige, 1.329 Polizisten und 2.100 Richter und Staatsanwälte.

45.000 Staatsbedienstete sind suspendiert.

21.000 Lehrer an Privatschulen wurden die Lizenzen entzogen.

1043 private Schulen, 1229 gemeinnützige Einrichtungen, 19 Gewerkschaften, 15 Universitäten und 35 medizinische Einrichtungen wurden geschlossen, die im Verdacht stehen, mit der Hizmet-Bewegung von Fethullah Gülen zu tun zu haben.

Gegen 42 Journalisten wurden heute Haftbefehle erlassen.

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