„schön wie Schnee“

 

Pudelkos extrem trockene Artikulation scheuerte Worte wie mit Sandpapier, und mit spröde tremolierenden Silbenenden und seinem oberschlesisch-rollenden „R“ verdrehte er zuvor lockende Töne in abstoßende Drohgebärden. Und wenn er übergangslos von der Brust- in die Kopfstimme wechselte und sich im Falsett zu scheinbar endlosen Koloraturen aufschwang, machte er dort weiter, wo sich die stimmgewaltige Nina Hagen in kunstgewerblichen Kapriolen verlor.

Pudelko war der leibhafte diabolus in musica und beherrschte einen hymnischen Sirenengesang, der selbst in den höchsten Lagen nicht gebrüllt, sondern eher geflüstert war. Er besaß eine vulkanisch ausbrechende Stimmkraft, die andere Hard-Rock-Sänger zu schreienden Kastraten deklassierte. Zudem gelang ihm das fast Unmögliche: die archaische Vitalität der Rockmusik mit der Sehnsucht der Schlagermusik nach Schönheit zu verbinden.

Michael Mönninger im Tagesspiegel über eine Stimme wie brechendes Glas

(und damit hier nicht etwa noch Vorwende-SO36-Heimweh aufkommt, die im Tagesspiegel erwähnte Reportage über die Waldemarstraße von Marie-Luise Scherer, SPON. Voller einprägsamer Sätze wie: „Sie stellt sich vor, daß eine Leiche in einem Keller der Waldemarstraße keinen lauteren Aufschrei verursachen würde als eine Maus in einem Keller in Wilmersdorf.„)

Und das ist die große Kunst des Heiner Pudelko: daß man tatsächlich spürt, was er singt. Seine Stimme erzählt mit ihrem Klang oft mehr als mit den Worten. … über allem lag dieser extreme Gesang von Heiner Pudelko, der das Publikum sofort in Liebhaber und Feinde spaltete. Die einen waren restlos begeistert, weil alles, was er sang, so authentisch klang; sie spürten, daß dieser Mann den Blues hatte wie kein zweiter hierzulande, und sie akzeptierten, daß Blues eben Heulen und Zähneklappern, Gurren und Verführenwollen, Jammern, Greinen, Wimmern, Schreien und Locken bedeutet. Die anderen ekelten sich einfach vor seiner Stimme; sein zittriges, kreischendes Falsett empfanden sie als unerträglich manieriert.

schreibt Tom R. Schulz, Zeit Online – Sehnsucht und Realismus, Hoffnung und Desillusion

Zittrig? Kreischend? Unerträglich manieriert? Was haben die bloß gehört? Mir fällt kein einziger Sänger ein, der so naht- und mühelos von der Normal- zur Kopfstimme wechselt wie Heiner Pudelko das konnte.

 

 

„niemals weisser der Schnee, niemals heller der Tag“ wird zur titelgebenden Spliff-Pudelka-Würdigung beigetragen haben:

Herwig Mitteregger von Spliff setzte Heiner Pudelko als ‚Der rote Hugo‘ sogar ein Denkmal, als er nach der gemeinsamen Tour den Song „Déjà vu“ schrieb. „Natürlich war das eine Hommage an Heiner“, bestätigte Mitteregger. „Wie’n weißer Engel, schön wie Schnee hängt er da – eh, du tust dir doch weh! War’n wilder Kerl mit feuchtem Blick, doch der kommt nie zurück. So schreib‘ dein Leben auf ein Stück Papier und warte bis die Zeit vergeht“ heißt es da.

aus einem schönen Spon-Artikel, von Rainer W. Sauer – Der ungezähmte Engel

 

 


 

Heiner Pudelko würde heute 70. Wäre er nicht im Januar 1995 an beschissenem Krebs im Kopf gestorben, mit 46.

Immer mehr Tote in meinem Leben.

 


 

Mehr lesen:

Rainer W. Sauers nahezu unerschöpflicher Blog über Heiner Pudelko und Interzone, mit Texten, Musik, Artikeln, Bio, allem.

Dort gefunden: Bernd Gockel, Musik-Express – Weiße Nigger aus Berlin

mutanten melodien – interzone: hintermänner (1981)

deutsche mugge (mit mehr Videos, Diskografie usw.) – Heiner Pudelko

 


Bild: Screenshot bei YouTube (beschnitten)


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