„Missbrauchsskandal“

In Telford wurden in den letzten knapp 40 Jahren bis zu 1.000 minderjährige Mädchen organisiert und gewerbsmäßig vergewaltigt. Wie schon in Rotherham und Rochdale suchten sich die Täter gezielt Kinder aus armen dysfunktionalen Familien, gaben ihnen kurzzeitig das Gefühl von Wärme und Wertschätzung, machten sie anschließend mit Alkohol, Drogen, physischer und psychischer Gewalt gefügig, vergewaltigten und prostituierten sie systematisch, mit Gewinnabsicht.

Die Gesellschaft versagte in üblicher Weise: Eltern, Lehrer, Ärzte, Apotheker, Sozialarbeiter, Polizisten, alle sahen weg.

Die Schuhe ausgezogen hat mir gerade der Bericht einer jungen Frau, die als Minderjährige von einem Arzt in einer Klinik drei Jahre lang zwei Mal in der Woche die Pille danach erhielt und außerdem zwei Abtreibungen durchmachte – ohne, daß irgendjemand mal nachgefragt hat, was in ihrem Leben passiert.

Der Vorwand zum Wegsehen, den Staatsangestellte aller Art schon in Rotherham und Rochdale für sich reklamierten – sie hätten sich nicht eingeschaltet, die vergewaltigten Kinder und Jugendlichen nicht geschützt, Personalien nicht aufgenommen, Anzeigen verschwinden lassen, sie seien untätig geblieben, weil sie Angst vor Rassismus-Vorwürfen gehabt hätten – dieser miese und feige Vorwand treibt mich über jede Kotzgrenze hinaus.

Das Bild oben ist von 1871, es zeigt ein vielfach vergewaltigtes, schwangeres Kind und ist untertitelt mit:

Anonyme Fotografie einer Kinderprostituierten von 1871. Auf der Rückseite steht geschrieben: Mary Simpson, eine bekannte 10 oder 11 jährige Prostituierte. Sie ist seit zwei Jahren als Frau Berry bekannt. Sie ist im vierten Monat schwanger.

Kinder prostituieren sich nicht! Kinder werden prostituiert und zum Geld-, Lust- und Machtgewinn erbärmlicher krimineller Männer sexualisiert gefoltert.

Es hat sich seitdem kaum etwas geändert. Wer immer noch von „Missbrauchsskandal“ spricht, verfügt über wirklich ausgeprägte Verdrängungsmechanismen.

Geändert hat sich seit 1871 allenfalls, daß die Vergewaltigung kleiner Mädchen (ebenso wie der Antisemitismus) heute als Totschlagargument gegen Einwanderung und als Vorwand zum Muslim-Hass instrumentalisiert wird.

Das ist dann der dritte Mißbrauch dieser Mädchen, der erste ist die Vergewaltigung selbst, der zweite die vorgebliche Angst vor Rassismus-Vorwürfen als Vorwand für Untätigkeit billigende Inkaufnahme und der vierte durch die Medien wird auch nicht lange auf sich warten lassen.

 


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24 Gedanken zu „„Missbrauchsskandal“

    • Ja.
      Mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder setze ich mich jetzt seit fast 25 Jahren auseinander und in jedem einzelnen „Fall“ gibt es etwas, das außergewöhnlich entsetzlich ist und das mir unter die Haut kriecht. Hier das 150-fache Versagen in einer Klinik, in der Ärzte einer Minderjährigen 3 Jahre lang 2 Mal pro Woche einen Hormonhammer verabreicht haben, ohne jede Nachfrage. Selbst wenn Ärzte mit einem Gemüt wie ein Schlachterhund eine Minderjährige für eine Schlampe halten, aber das Allerallermindeste wäre doch Beratung/Versorgung mit adäquater Verhütung und Gesundheitsschutz! Die PiDaNa ist kein Spaziergang, ich mag mir gar nicht vorstellen, WIE beschissen es der jungen Frau gegangen sein muß, von den 2-3 Vergewaltigungen pro Nacht abgesehen.
      Daß sich vergewaltigte Kinder im Durchschnitt 7-8 Personen offenbaren müssen, bevor ihnen endlich jemand glaubt, damit hatte ich mich beinahe schon arrangiert, irgendwie.

      • Es fällt mir immer noch nichts zu sagen ein, außer dass es monströs ist. Unfassbar. Widerlich.
        Was kann ich denn als Nichtbetroffene tun? Wie kann ich helfen? Wo, wem kann ich beistehen?

        • Ich erinnere einen passwortgeschützten Blog von Ihnen, laut dem Sie nicht nichtbetroffen sind. Ich würde sogar die These vertreten, daß niemand nichtbetroffen ist.
          Was Sie konkret tun können, weiß ich nicht.
          Was jede/r tun kann: sich das Unfassbare, Widerliche bewußt machen. Realisieren, daß sexualisierte Gewalt gegen Kinder immer und überall stattfindet. Widersprechen, wenn die Täter einmal mehr outgesourct und die Betroffenen beschämt und zu rechter Propaganda erneut mißbraucht werden. Sich dafür einsetzen, daß professionelle Hilfe und Prävention endlich mehr als nur unzureichende Feigenblätter werden.

          • Niemand ist nicht betroffen. Da haben Sie wohl leider Recht. Das erwähnte Blog geht um einen nahen Angehörigen.
            Sich für mehr Prävention und mehr Hilfe einzusetzen ist das Mindeste, was ich tun möchte. Am liebsten würde ich jedem einzelnen betroffenen Kind beistehen und es schützen und die Schuldigen einbuchten, wenn nicht Schlimmeres.

            • Am liebsten würde ich … die Schuldigen einbuchten, wenn nicht Schlimmeres.

              Auffallend viele Täter wurden als Kinder selbst sexualisiert und/oder sonstwie mißhandelt. Gewalt kommt nie aus luftleeren Räumen und entweicht auch nicht in solche. Jede/r hier kennt mehrere Täter und Opfer persönlich.
              Eigentlich müßte die gesamte Gesellschaft auf die Couch.

              • Das macht das Dilemma nur noch größer. Denn Mitgefühl mit den Tätern erscheint mir angesichts ihrer Taten schwierig bis unmöglich, in Hinblick auf das, was ihnen selbst widerfahren ist vielleicht nur fair.
                Ich wurde als Kind misshandelt. Meine Mutter wurde misshandelt. Ich mag, ich kann, ich will mich nicht in sie hinein versetzen. Ich lehne Verständnis für Täterinnen ab. Anders schaffe ich die Solidarität mit mir selbst nicht.

                • Für mich ist nicht Verständnis (oder etwa gar noch Entschuldigung) für Täter m/w notwendig, sondern weit eher Erklärung und Kontext. Wie es überhaupt dazu kommen konnte, woher die Gewalt gegen mich kam, welche Logik dahintersteckt, so in etwa. Aber das bedient eben auch nur den Intellekt, die emotionale Verwüstung ist noch eine andere Baustelle und es dauert schrecklich lange, bis sich etwas vom Kopf in die Seele durchspricht.

                  Mir fiel es immer wesentlich leichter, die physische und sexualisierte Gewalt mit professioneller Hilfe zu bearbeiten als die psychische – weil die so sehr zu einem Teil meiner Persönlichkeit gemacht wurde. Bei der Gewalt gegen den Körper fällt es mir viel leichter, den Täter auszumachen. Die Folgen der psychischen Gewalt gestalten die bitter nötige Solidarität mit mir oft schwierig und kompliziert. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr es mir auf die Nerven geht, mich mehr als 45 Jahre später immer noch mit der ganzen Gewalt auseinander setzen zu müssen. Und parallel dazu mit Entsetzen zu sehen, daß sich gesellschaftlich kaum etwas ändert. Achachach.

    • Falls Sie das noch getoppt sehen wollen, stellen Sie Schnaps bereit und lesen bei Twitter unter #telford nach, wer Honig aus dem Leid vergewaltigter Kinder saugt. Um es knapp zusammen zu fassen: der Muslim ist unser Unglück, wenn es nicht gerade Lückenpresse und Feministinnen sind. Oder und um es anders zu sagen: hier wird doch bitte auch weiterhin von weißen Männern vergewaltigt. Brechreiz galore.

  1. Über die Kultur des Wegschauens – Carolin Emcke im Gespräch mit Andreas Huckele:

    20% aller Kinder erleben sexualisierter Gewalt vor dem 16. Lebensjahr. Zählen Sie mal (als Experiment zur Annäherung an das Grauen) im öffentlichen Raum ab, es ist jedes 5. Kind, mehr Mädchen als Jungen. Halten Sie das Grauen nur für eine kleine Minute aus.

    In jeder Turnhalle steht ein Kühlschrank mit Gelpads bereit, falls sich mal jemand eine Beule haut. Vergleichbar selbstverständliche Hilfe bei sexualisierter Gewalt erfahren Kinder immer noch nicht, auch nach dem soundsovielten „Missbrauchsskandal“ nicht. Das liegt am Tabu, das zwar die Mehrheit der Kinder unvergewaltigt läßt, gleichzeitig aber Täter schützt, indem es betroffene Kinder wirksam mundtot macht und das Umfeld im Wegschauen bestärkt.

    Ein Tabu bezeichnet ursprünglich einen heiligen Ort, der so verboten ist, daß er nicht betreten werden darf. So verboten, daß er nicht besprochen und noch nicht mal gedacht wird, der sprichwörtliche blinde Fleck. Zum Tabu gehört auch, daß sexualisierte Gewalt gegen Kinder niemals hier und jetzt, mitten unter uns stattfindet, sondern immer woanders, ist schon sehr lange her, ist der berühmte Einzelfall.

    Die Täter sind immer die „Anderen“, möglichst weit weg von der eigenen Realität. Die „Anderen“, das ist z.B. der berühmte Fremde aus dem Gebüsch, obwohl in der übergroßen Mehrheit der Fälle der Täter dem Kind bestens bekannt ist, es sind Pädophile, die unabhängig ihrer tatsächlichen Handlungen pauschal abgeurteilt werden, obwohl die übergroße Mehrheit der Täter „normal“ ist und in Rotherham, Rochdale, Telford ist es der Muslim (ist unser Unglück). Während hier jetzt heute Kinder mehrheitlich in ihren Familien und in ihrem sozialen Nahbereich vergewaltigt werden. „Das Böse“ wird aber immer ganz woanders verortet.

    Die Mechanismen sexualisierter Gewalt gegen Kinder sind immer und überall die gleichen, lediglich Details sind unterschiedlich. Einesteils die Täter, die Macht in Form sexualisierter Gewalt ausüben und andererseits die mit den Tätern kollaborierende Gesellschaft, die konsequent wegsieht.

    Hilfe für Betroffene ist übrigens nach wie vor nicht wirklich vorgesehen. Ich habe kürzlich einen Antrag auf „Soforthilfe“ beim Bundesbeauftragten für Missbrauch gestellt, auf Kostenübernahme der Therapie, wenn mir die Krankenkasse demnächst eine Therapiepause von 2 Jahren verordnet. Die Bearbeitungszeit beträgt aktuell 16 bis 18 Monate.

  2. Ich bin nun auch schon über zehn Jahre an dem Themenkomplex dran, bei uns in der direkten Familie betraf es eher meinen Bruder (mich durfte allerdings jeder anfassen und wenn ich mich gewehrt habe war ich angeblich hysterisch, außerdem soll ein behindertes Mädchen doch froh sein, dass überhaupt…), und ich habe auch einiges gesehen in der Zeit. Allein schon durch übliche Gespräche in Schutzhäusern. Und ich kann Ihnen zustimmen, liebe Dame, auch ich sehe bei jedem Fall, der mir bekannt wird wieder etwas, das mir unter die Haut kriecht.

    • Kinder mit Behinderungen sind ganz besonders gefährdet – Andreas Huckele erwähnt Studien, laut denen jedes 2. Mädchen sexualisiert mißhandelt wird (zu den Jungen weiß ich keine Zahlen) es ist zum Wimmern.

      • Exakte Zahlen zu Jungen habe ich auch nicht, nur mehrere unterschiedliche.

        Zu den behinderten Überlebenden, ich glaube sowohl beim weibernetz als auch bei suse-hilft (spezielles Angebot für behinderte Frauen vom bff) gibt es irgendwo Links zu Studien, die „60/60“ für weibliche Personen sagen (60% haben Gewalt erlebt und 60% davon widerum [auch] sexuelle.

        • Mit 60/60 wäre die Gefährdung von Kindern mit Behinderungen sehr nah an der von Kindern ohne – vermutlich hängen die unterschiedlichen Zahlen primär davon ab, was alles unter sexualisierte Gewalt gefasst wird. Für mich fallen unerbetene Berührungen u.U. auch darunter. Der letztlich ausschlagebende Punkt ist für mich, ob Betroffene darunter leiden und auch das ist ein weites Feld.

          • Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Zahlen sehr anders sind als bei Nichtbehinderten, dieses 60/60 bezieht sich allerdings nur auf weibliche Fälle und bekannt gewordenes. Dunkelziffer wie leider immer sehr hoch. Unerbetene Berührungen fallen auch für mich darunter. Eindeutig.

            • Ah okay, alles klar, Mißverständnis geklärt: 20% aller Kinder oder auch jedes 3.-4. Mädchen, jeder 5.-7. Junge, ebenso wie jedes 2. Mädchen mit Behinderung sind Zahlen aus der Dunkelfeldforschung.

  3. Liebe dame.von.welt,
    ich lese mit, liken fällt schwer.
    Was für eine Filzmatte! Und wo fängt man da an? Es muss sich ja sozusagen ein ganzes Kollektiv wie Münchhausen aus dem Schlamm ziehen, nebst meterlangen Pferdegespannen.
    Ich fand ein Zitat, Steve de Shazer: Die Lösung hat nicht unbedingt mit dem Problem zu tun.
    Und ich hörte Gianni (Nachname vergessen) in Ihrem letzten Beitrag, wie er von seiner Lehrerin erzählt. War nur ganz kurz, Minisequenz: „Du bist was besonderes. Du schaffst das, du kannst mehr“ (frei zitiert, mir fehlt die Zeit).
    Es sind diese Einzelpersonen, mitfühlend und empathisch, die hinsehen und „ein Leben retten“, eine Kehrtwende initiieren können. Und das schafft jeder. Mit Dissoziationen will niemand was zu tun haben. Das ist fremd und macht Angst und vor allem setzt es ja ein Verständnis von „Kranksein“ voraus. Wer will denn sowas? Ich meins ironisch.
    Vielen Dank für diesen tollen Link zu Andres Huckele.
    Liebe Grüße!

    • Andreas Huckele ist großartig, der ist so sortiert! Wenn Sie mal Zeit haben, sehen Sie sich auch das zweite Video an, das hinter 20% aller Kinder verlinkt ist (nur am Rande: Carolin Emckes Lob für Christian Füller teile ich nicht)

      Ja, die Gesellschaft neigt sehr dazu, alle einen Kopf kürzer zu machen, die in irgendeiner Weise deviant sind. Das ist einer der Gründe, warum mich Ihre Blogreihe und Raymund Unger auch so faszinieren: es scheint Möglichkeiten zu geben, genau aus der Devianz Kraft zu ziehen und die eigenen Heilmittel zu erstellen. Auf Ihrem Zitat muß ich noch ein bißchen rumkauen, auf dem Thema sowieso.

      Zu Einzelperson/Kehrtwende – mir dämmerte ja erst vor kurzem, daß zeitweise meine Großmutter meine ‚good enough mother‘ war, jedenfalls mein Überleben als Kind möglich gemacht hat.
      Liebe Grüße zurück!

  4. Falls Sie das nicht längst schon wußten: ich bin ein Blogger, der nichts kapiert hat.
    Ich wunderte mich gerade über die relativ hohen Zugriffszahlen, um feststellen zu müssen, daß dieser Blog mit obigen Worten bei pi verlinkt wurde.

    Dort wird in der üblichen Feinsinnigkeit und mit maximaler Expertise der Frage nachgegangen, ob so etwas wie in Telford auch bei uns™ passieren könnte. Die Antwort lautet, wie hier im Blog erläutert: ja sicher, passiert längst und andauernd.

    Nur eben nicht ganz so simpel wie es den pi-Simpeln lieber wäre – bei uns™ vergewaltigt hauptsächlich der autochthon deutsche Mann höchstselbst (ebenso, wie es auch der autochthon englische Brite hält). Bei pi wird auf diesen Teil deutscher Leitkultur auch für die Zukunft bestanden, DerMuslimistunserUnglück wird als Konkurrenz bei unseren™ Frauen und Kindern empfunden.

    Die Polizei – die „nach Köln Silvester 2016 ihren Vertrauensbonus weitgehend eingebüßt und ihn bis heute nicht wettmachen“ konnte – hat laut pi ihre Taktik zu ändern und den „ethnischen Hintergrund“ der Täter in den Vordergrund zu stellen – damit daheim vor dem Bildschirm die Angstlust und der geschwollene Schritt auch ordentlich Zückerchen bekommt.

    Informationsservice: für Vergewaltigte jeden Alters und Geschlechtes ist es untergeordnet wichtig, ob Täter braune, weiße oder grüngestreifte Haut haben – ähnlich, wie es für Verkehrsopfer ziemlich unerheblich ist, ob sie von einem roten oder schwarzen Auto überfahren wurden. Der größte gemeinsame Nenner der Täter sexualisierter Gewalt ist aber gar nicht Deutscher vs „Kulturbereicherer“, sondern – sorry to say so – Mann (mehrheitlich „normal“ aka nicht-pädophil und ja, ich weiß, es gibt auch Frauen, die Kinder sexualisiert mißhandeln).

    Um es unzensuriert zu sagen: geht scheißen, pi-Spacken.

  5. Ein Grund für das Schweigen und Wegsehen durch die Behörden mag darin liegen, dass nun mal auch Beamte, Ärzte und Richter zu den Kunden von minderjährigen Zwangsprostituierten gehören. Erinnern Sie sich noch an den Fall „Mandy“ (war damals Teil der sogenannten Sachsensumpf-Story) … ?

    • Und wie ich den Sachsensumpf erinnere, bis heute nicht aufgeklärt.

      Der sächsische Innenminister hieß Thomas de Maiziere und ebenso, wie in Bayern eine Alkoholfahrt mit Toter zum Amt des Verkehrsministers qualifiziert, qualifizierte ihn seine Unterlassung und Verschleppung von Ermittlungen zum Bundesinnenminister.

      Daß es bei organisierter sexualisierter Gewalt gegen Kinder Schweigekartelle in Behörden, Justiz und bis in die fein geklöppelten Spitzen der Gesellschaft gibt und die sich erbittert gegen Aufklärung wehren, sollte spätestens mit der Dutroux-Affäre in den Bereich des Möglichen gerückt sein. Die als Minderjährige in die Prostitution gezwungenen Frauen in Sachsen müssen vermutlich noch froh sein, daß sie von keinem epidemischem Zeugensterben erfasst wurden, sondern man sie und zwei Journalisten „nur“ wegen Verleumdung verklagte.

  6. Kathrin Thalweit, Süddeutsche über Rotherham (im Oktober 2017, setzen Sie einen beliebigen anderen Ort ein):

    Die Liste der Orte, wo geschah, was in Rotherham geschah, ist endlos: Newcastle, Rochdale, Huddersfield, Leeds, Manchester, Sheffield, Derby, Keighley, Skipton, Blackpool, High Wycombe, Leicester, Dewsbury, Middlesbrough, Peterborough, Bristol, Halifax, Oxford. Die Täter hatten fast alle Migrationshintergrund: Pakistan, Indien, Bangladesch, Iran, Irak, Türkei.

    Es müsste ein nationaler Dauerskandal sein. Aber Großbritannien ist mit zu vielen Missbrauchsskandalen geschlagen. Die Empörung, das Entsetzen haben sich abgenutzt. Missbrauch in der Kirche, in Sportvereinen, Internaten, bei der BBC, dazu der alltägliche, miese, brutale Missbrauch in Familien, die explodierenden Zahlen der Nutzer von Online-Foren für Sex mit Kindern. Außerdem werden Zehntausende Prostitutionsopfer aus Asien und Afrika als Sexsklaven in Großbritannien ausgebeutet. Die Polizei hat in einem aktuellen Bericht eingeräumt, dass sie völlig überfordert und überlastet sei. Und „entsetzt“. … Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.

    Nichts könnte ferner von der Wahrheit sein. Man muss nur Sammy Woodhouse zuhören. Oder ihrem Anwalt, der 75 teils sehr junge Opfer vertritt. Oder der örtlichen Parlamentsabgeordneten, die wegen des Skandals ihre Karriere aufs Spiel setzte. Oder dem Journalisten, der den Fall ins Rollen brachte. Sie alle sagen, was niemand hören will: Das Grooming geht weiter. Und das Schweigen über die Ursachen, die Hintergründe auch.

    Sie legt in ihrem Wahlkreisbüro Zahlen der örtlichen Polizei auf den Tisch: 231 Mädchen haben Anzeige wegen sexueller Ausbeutung durch Grooming Gangs eingereicht. Allein im letzten Jahr. „Mütter, einst selbst Opfer, kommen zu mir in die Sprechstunde, sie sind panisch. Sie sagen, Männer sprächen sie an und sagten: Deine Tochter ist fast schon so weit, sie ist reif.“

    Alles gehe weiter, sagt Sarah Champion, die Täter und ihre Clans hätten jetzt Söhne, die die Töchter der Überlebenden abpassten. „Als sei das normal. Es dauert schon so lang, man hat sich irgendwie daran gewöhnt.“

    Mehr als 700 Mädchen aus Rotherham, die Anträge auf Entschädigung wegen der erlittenen Leiden bei der zuständigen Staatskommission gestellt hatten, wurden abgewiesen. Auch Sammy musste sich ihre Entschädigung mühsam erkämpfen. Die Begründung der Behörden: Selbst wenn ihre Vergewaltiger hinter Gittern säßen, so sei doch nicht auszuschließen, dass die Mädchen dem Beischlaf de facto doch zugestimmt hätten. „Konsensualer Sex“ heißt das. Sogar den Kindern, die zum Tatzeitpunkt elf Jahre alt waren, kann nach geltendem Gesetz das Geld vom Staat verweigert werden.

    Viele Mädchen haben Straftaten begangen, weil sie gezwungen wurden, weil sie abhängig waren. Sammy kämpft jetzt für ein neues Gesetz; sie nennt es „Sammy’s Law“. Opfer von Grooming Gangs, sagt sie, müssten sich darauf verlassen können, dass ihre Akte gelöscht wird. Sonst hätten sie Angst, zur Polizei zu gehen. Bisher findet sie kein Gehör.

    Das zu den engen Grenzen der berühmten „schonungslosen Aufklärung“. Schonungslos ist die vor allem für die Betroffenen. Wie schon gesagt: die Aufgabe der Justiz ist nicht Sühne oder Genugtuung für Opfer, sondern Schutz der Gesellschaft vor künftigen Straftaten.

    So lange sexualisierte Gewalt gegen Kinder selbst in dieser organisierten Form als Reihe bedauerlicher Einzelfälle gesehen wird und so lange die Sicht der Betroffenen völlig unwichtig ist, so lange wird sich nichts ändern. Eine Gesellschaft, die den überfälligen gesellschaftlichen Diskurs über sexualisierte Gewalt gegen Kinder an die Justiz delegiert, hat ihren Offenbarungseid unterzeichnet.

  7. Noch einmal von hinter der Süddeutschen Paywall, aus einem Interview (Nicolas Richter) mit Josef Aldenhoff: „Sexualität ist oft verstörend“

    Süddeutsche: Wie reagieren eigentlich Jungen, die in der Kindheit missbraucht wurden?

    Josef Aldenhoff: Die werden oft kriminell. Im Gefängnis gibt es viele Männer, die misshandelt wurden. Männer reagieren auf Traumatisierungen mit höherem Aggressionspotenzial. Es ist verrückt: Wenn die in Familien leben, missbrauchen sie oft die nächste Generation. Untherapierte Frauen dagegen schädigen sich selbst oder gucken weg, wenn der Mann die Kinder missbraucht.

    Das eigentliche Problem sind offensichtlich die Männer.

    Darüber wird in unserer Gesellschaft viel zu wenig geredet. Es sind nicht alle Männer gewalttätig, aber wenn jemand gewalttätig ist, dann Männer. Ich bin gerne Mann, aber es ist eine Tatsache, dass durch Männer jede Menge Unheil passiert. Wir Männer können durchaus gute Menschen sein, aber dafür brauchen wir eine Menge Erziehung.

    Hat sich Ihr Bild von Männern im Laufe Ihrer Karriere eingetrübt?

    Ich habe ja mit Männern als Tätern direkt so gut wie nichts zu tun. Ich sehe deren Taten nur durch die Opfer. Die Opfer kommen zu mir, da bin ich als Psychotherapeut gefragt, aber die andere Seite bleibt ein blinder Fleck. Ich denke darüber erst intensiver nach, seit ich im Ruhestand bin: Was Männer so alles machen und was das mit unserem Mannsein zu tun hat.

    Sind Männer schamlos?

    Ich würde anders fragen: Warum empfinden Täter keine Scham? Denn das tun sie nicht. Sie empfinden ihre furchtbaren Taten offenbar nicht als furchtbar.

    Findet man solche Männer überall?

    Die Täter sind nicht nur arme Trinker oder anders sozial Gescheiterte, sondern auch Erfolgsmenschen, Ärzte, Lehrer, Rechtsanwälte. Ich war oft restlos verblüfft über die Erkenntnis: So einer tut so was. Es gibt dafür viele Gründe, einer kann sein, dass sich ein Mann sexuell unterversorgt fühlt, weil der sexuelle Kontakt zur Ehefrau für ihn nicht befriedigend ist. Dann wird er, obwohl er es sehr viel besser wissen müsste, von seiner sexuellen Gier übermannt und vergreift sich an den eigenen Kindern.

    Der Mann als Opfer seiner Triebe?

    Opfer ist das falsche Wort. Ich bin überzeugt, dass wir Sexualität grotesk unterschätzen. Wir tun so, als gehöre das in die Sparte Fitness: Sex zum Wohlfühlen. Aber Sexualität ist oft schwer kontrollierbar, explosiv, verstörend. Wir brauchen mehr Respekt vor unserer Sexualität, wir müssen anerkennen, dass das etwas Tolles ist, aber dass Sexualität auch zu entsetzlichen Handlungen führen kann. Auch bei normal erscheinenden Männern. Zu diesen Entsetzlichkeiten gehört, dass sich Männer an ihren Kindern vergreifen. Wenn zwei Prozent aller Kinder betroffen sind, heißt das ja, dass Hunderttausende Männer so etwas tun.

    Das deutsche Strafrecht ist verschärft worden, es erfasst jetzt auch Belästigung. Reicht das, um abzuschrecken?

    Ich bin da skeptisch. Männer erlauben sich diese Lust an der Aggression, die sexuellen Übergriffen zu Grunde liegt. Vielleicht war das ein Vorteil in der Evolution, als es für unsere Vorfahren nur darauf ankam, ihre Gene weiterzugeben, egal wie. Aber auch heute noch sind Männer zu brutalsten sexuellen Taten fähig, bei denen jede Grenze fehlt. Es muss einem klar sein, dass es dieses finstere Potenzial gibt.

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