Dies und das

Wer wählt, investiert alles was er hat, nämlich die eigene Stimme, in ein Experiment mit ungewissem Ausgang.

Dieser so schöne wie prophetische Satz stammt vom designierten Verkehrsminister. Was man zu dem sonst noch so wissen müßte, steht in seiner „Doktorarbeit„.

Ich überlege ja ernstlich, ob ich nicht alles, was ich habe, darauf verwenden sollte, Politik in den kommenden Jahren konsequent zu ignorieren. Am gernsten würde ich vorne spitz zulaufende Scheuklappen anlegen, die Musik aufdrehen und gelegentlich in eine Tüte atmen – Politikmüdigkeit ist gar kein Ausdruck für meine vorauseilende Scham angesichts des kommenden Kabinetts Merkel lV (mit inkludierter SPD-Erneuerung)

Statt Jammern und Klagen also lieber ein paar Schnipsel über lauter kluge Frauen, schließlich ist heute Weltfrauentag.

 


 

Susanne Mayer rezensiert ein Buch, das ich schleunigst lesen muß – Mary Beard: Frauen und Macht. Ein Manifest – und attestiert ihm „die Sprengkraft einer handtaschentauglichen Kleinwaffe“:

Telemachos tritt vor seine Mutter Penelope, die ihn und seine lärmenden Buddies gerügt hat, und sagt, sie möge sich verziehen: „Die Rede ist Sache der Männer.“

Ein Mann bringt eine Frau zum Schweigen. Dadurch werde ein Mann zum Mann, so Beard. Das Schweigegebot für die Frau sei konstituierend für die westliche Kultur. Weshalb es in dieser Kultur immer noch so oft als so bedrohlich, ärgerlich, ewig nervig empfunden werde, wenn eine Frau öffentlich rede. …

Die von Jupiter vergewaltigte Io wird in eine Kuh verwandelt, die nur noch Muh sagen kann. Die Nymphe Echo ist dazu verdammt, auf ewig den Sound anderer zu wiederholen. Der vergewaltigten Philomena wird die Zunge herausgeschnitten. Ausnahmen bestätigten die Regel. Die Rede der Frauen, so Beard, sei erlaubt gewesen immer nur als Klage, als Klage über Frauendinge. Lucretia, die vor Gericht auf ihren Vergewaltiger zeigt. Hortensia, die für die Frauen von Rom Beschwerde führt.

Aus dieser Perspektive darf Nüchternheit einkehren beim Jubel über #MeToo. Klagen und Jammern, sehr viel weiter, lässt Beard anklingen, sind wir nicht. Und auch der Backlash lässt sich jetzt verstehen, diese oft hysterisch aufschäumende, denunzierende Abwehr der Rede der Frauen, ihr Niedermachen. Wenn die öffentliche Rede ein Merkmal von Maskulinität sei, schreibt Beard, dann sei auch die Umkehrung wahr – eine Frau, die in der Öffentlichkeit spreche, sei „qua Definition keine Frau“. …

Elizabeth I erklärte sich in ihrer Rede vor Soldaten zum androgynen Wesen. Margaret Thatcher nahm Unterricht, damit ihre Stimme männlich klinge. Und diese Geschwader von Politikerinnen in Männertarnanzügen! …

Was daraus folgt? Tja. Mary Beard, deren Optimismus legendär ist, empfiehlt „unser gutes altes Bewusstmachen“. Der klassisch professorale Ansatz: lesen, diskutieren! Nun, zu hoffen ist, dass wenigstens ein Satz von Beard hängen bleibt – sie könne sich nicht vorstellen, sagte sie, wie man Frau sein könne, ohne Feministin sein.

 

Oder um es mit Rita Süssmuth zu sagen:

Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann.

 


 

Traumatische Kriegserlebnisse werden vererbt und zwar bis ins dritte, vierte Glied. Wie kommt es dazu?

Noch eine Auseinandersetzung mit einem Buch: Heike Schnittker hat sich durch Die Heimat der Wölfe von Raymund Unger gefräst und ihre Beschäftigung mit der Übertragung verschwiegener Traumata über Generationen in Texte und Collagen in ihrem Blog hikeonart übersetzt. 27 Blogs, die ich allerwärmstens empfehlen möchte (ich bin noch wie vom Donner gerührt, weil allerhand auch auf meine Herkunftsfamilie und mich zutrifft – was sich aber erst einmal setzen und ich noch eine Weile weitersammeln und nachdenken muß, bevor ich darüber schreiben kann. In jedem Fall: vielen Dank an speedhiking für’s Aufmerksammachen)

Nachtrag 9.3. – Wolfswinter 27 plus x

Lange habe ich überlegt, ob ich hier noch eine Schlussbetrachtung ausführe. Ich tue es nicht. Sie dürfen sich das aus dieser Geschichte mitnehmen, was Sie brauchen. Oder eben nicht. Es gibt dabei nur eine Bedingung: Sie müssen alles betrachten bzw. lesen. Sie dürfen nichts überspringen. Nur dann ergibt sie einen Sinn.

 


 

Sterben üben.

Don’t panic – eine Übung für den Ernstfall.

Jasmin Schreiber – Gerda stirbt

Ihre Augen sehen aus wie das Meer an einem stürmischen Tag, an dem die Wellen weiß verwaschene Schaumkronen auf ihren Spitzen balancieren. Nass sehen diese Augen aus, und müde. …

Gerda stirbt, deshalb bin ich hier. Ihre Familie hat mich kontaktiert. Sie hatten Gerda einen Artikel von mir vorgelesen und die alte Frau bat sie, mir zu schreiben und mich einzuladen. “Schauen Sie mir bitte beim Sterben zu”, sagte sie mir direkt am Anfang, “da können Sie was lernen.”

Und jetzt sitze ich hier und wir spielen Canasta. Ihre Finger sind dünn und knotig, die Haut hängt wie Seidenpapier an den Knochen. “Fassen Sie mal an”, sagt sie mir. Ich nehme ihre Hand in meine und streiche über die Haut, die sich anfühlt wie dünnes Papier. Ihre Gelenke sind geschwollen, meist hält sie die Hände wie die Klauen eines Greifvogels. Als wolle sie jeden Moment etwas packen, meine Nase, mein Hirn, mein Herz, vielleicht alles zusammen, aber das gehört so. Gerda packt mich von innen und ich lasse es geschehen.

 


 

Fräulein Read On über den Frauenkampftag, die Zukunft des Sozialismus, über Zeichnen, Traktoren, ihren Vater und was warum auch wieder nicht recht war.

Traktoristinnen, Melkerinnen, Fabrikarbeiterinnen. Die Frauen seien die Zukunft des Sozialismus sagte der Kunstlehrer. Seine Frau arbeitete nicht. Sie blieb mit den Kindern zu Hause. Darüber wollte der Kunstlehrer nicht reden. Der Kunstlehrer sprach lange über die Rolle der Frau und die Entwicklung des Marxismus-Leninismus.

Mein Vater nickte.

Zuhause fragte er seine Mutter: „Was macht den Internationalen Frauentag aus?“, fragte er sie. Meine Großmutter sagte: Am Internationalen Frauentag trinken die Männer Schnäpse und die Frauen bekommen warme Worte bevor sie wieder an die Arbeit gehen.“

Mein Vater nickte.

Dann fragte er seinen Vater: „Was macht den Internationalen Frauentag aus?“ Mein Großvater sagte jeder Tag sei Frauentag und es sei eine Schande einer Frau Nelken zu schenken.

Mein Vater nickte.

 


 

Sophie Hunger, all-time favourite:

 


Bild: meins


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24 Gedanken zu „Dies und das

  1. erstens, ja: Hikonart ansehen und lesen! Zweitens: ich heiße Gerda und bin alt an Jahren. Wenn es denn so weit ist: gern vorbeikommen und zugucken beim Sterben. Immer noch besser als allein, oder?

    • Wenn es denn so weit ist: gern vorbeikommen und zugucken beim Sterben. Immer noch besser als allein, oder?

      Geht das denn? Vorbeikommen und beim Sterben zugucken, so von ganz weit außen? Ich glaube ja eigentlich, das hat viel mit Intimität und mit Hingabe zu tun, bei Sterbenden und Begleitern.

      Ich selbst würde im Moment eher zum Verkriechen neigen, aber das mag sich auch wieder ändern – es beschäftigt mich auf jeden Fall.

    • Nachsatz: mir lag beim Lesen des Blogs ständig das Wort Großzügigkeit auf der Zunge. Ich finde Gerda umwerfend in ihrer Großzügigkeit und sie erscheint mir als sehr frei, kann ich in der Tat was lernen.

  2. Das mit den politischen Scheuklappen kann ich nur allzugut verstehen. Das wird ein einziges „weiter so“ Desaster, die wirklichen Aufgaben werden nicht angefaßt und die Mißstände nicht behoben, weil man sich damit unbeliebt macht – vor allem bei der Industrie und den Vermögenden.

    • Der Wunsch nach den vorne spitz zulaufenden Scheuklappen hat auch zum Hintergrund, daß mir meine Empöreritis so auf die Nerven geht, das ständige Jammern und Klagen macht mich krank.

    • Vielleicht sollten wir uns an David Byrne halten, an reasons to be cheerful:

      I imagine, like a lot of you who look back over the past year, it often seems as if the world is going straight to Hell. I wake up in the morning, I look at the paper, and I say to myself, „Oh no!“ Often I’m depressed for half the day. It doesn’t matter how you voted—on Brexit, the French elections or the U.S. election more than a year ago—many of us of all persuasions and party affiliations feel remarkably similar. This feeling is not confined to one side of the political spectrum.

      As a kind of remedy to this, and possibly as a kind of therapy, I started collecting news that reminded me, „Hey, there’s actually some positive stuff going on!“

      Morgen erscheint btw. seine neue Platte:

      • Doch :-) ich habe da eine sehr genaue Vorstellung. Es ging mir doch auch so! Als ich die Reise anfing, wusste selbst ich ja noch nicht, wo sie enden sollte. Intuitiv male ich und gedanklich rutscht es nach. Das war rückblickend schon immer so und ist mir manchmal etwas unheimlich. Letztendlich ist das aber ein großes Geschenk und ich hoffe, Sie können es auch so für sich sehen. Sie sind immer da diese Geschenke. Bedienen Sie sich.

  3. Was ich hier jetzt las, Du meine Güte, es schrie dauernd ja und nickte. Weltfrauentag. Ich lese grad von Mithu M. Sanyal: Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Das ist ein Buch der Enthüllung anhand historischer Recherche. Das was Du schreibst, liest sich wie ein sehr notwendiges genaues Hinschauen. Ich schaue sehr genau hin…vor allem wenn Frauen öffentlich reden, oft provokativ ihre Weiblichkeit verdeckend, manche in Anzügen. Daran und an den schamhaft verkrampften Handtuchbedeckten in Saunen und Bädern zeigt wie frei sich Frauen wirklich fühlen in unseren Liberalen Land.
    Liebe Grüße und Dank für diesen beeindruckenden Beitrag von der Fee🧚‍♀️

    • Vielen Dank für die Blumen!
      Haben Sie Bilder aus Türkei und Spanien gesehen?
      Nicht nur in der Türkei sind Frauen die einzige wirklich große und verlässliche Opposition.
      Umgekehrt ist der in allen politischen Himmelsrichtungen beheimatete Frauenhass die Querfront schlechthin.

      • Und die Königin von Spanien und Penelope Cruz beteiligten sich am Großstreik und in der Türkei wird immer mehr Widerstand laut angesichts steigender Mordverbrechenraten an Frauen, wie ich im Deutschlandfunk las. Was ist mit indischen Mädchen, die auf dem Müll landen, was mit den perversen Beschneidungsrituale n in Afrika. Es gibt viel zu tun, ja. Was mich freuen würde, wäre ein besseres und rivalitätsbefreites Miteinander von Frauen. Das bleibt vorläufig wohl leider (noch) ein frommer Wunsch der Fee, doch ein immerhin noch hoffnungsvoller, denn das Umdenken ist im Gange und dazu bedarf es zuerst eines Bewusstwerdens untereinander bevor Geister vereint stark sein können und solange es Schönheitsideale gibt, die gezielt gesteuert und propagiert werden, kann das nicht passieren. Frauenhass ist erst einmal auch und immer wieder ein Frauenthema.
        Ihnen ein schönes WE.

        • Weiblicher Selbst- und Frauenhass ist ein weites Feld und zeugt davon, daß Frauen nicht die besseren Menschen sind und sich seit Jahrtausenden im Patriarchat einrichten und: davon profitieren.

          (Beschneidungsrituale an Mädchen und Jungen in u.a. Afrika sind überall dort, wo sie mehrheitlich praktiziert werden, nicht „pervers“, sondern „normal“. Was sie nicht weniger riskant und buchstäblich verletzend macht – ich halte es allerdings für überaus wichtig, nicht die eigene und in jeder Hinsicht privilegierte Normalität so zum Maßstab zu machen, andere „verstümmelt“ oder „pervers“ zu nennen – scusi und nix für ungut)

          Ihnen auch ein schönes Wochenende!

          • Ich verstehe was Sie meinen. Es wäre ethisch nicht in Ordnung und abwertend, eine Betroffene dieses Beschneidungs-Rituals als verstümmelt, gar als ein ‚Opfer’ zu bezeichnen. Doch Da wird etwas abgeschnitten und kastriert oder zugenäht und damit unbrauchbar gemacht. Im gesunden Besitz aller Körperteile und – Funktionen zu sein, ist ein Privileg. Weil ich gelernt habe, es als solches als natürliche Normalität vorauszusetzen. Diese Gesundheit sollte ein Maßstab sein dürfen für jeden Menschen. Das ist leider nicht so. Also nehme ich die Perversion und Verstümmelung weg und wie soll man das dann nennen, was da geschieht? Etwas, wo mir das Verständnis abhanden kommen will und es aber eben genau dieses braucht um Blockaden zu lösen.

            Danke für diesen guten und aufmerksamen Austausch!

      • Franziska Schutzbach:

        Antifeminismus ist zu einem zentralen gemeinsamen Nenner neu-rechter Bewegungen geworden, nicht selten ist er gar deren Antrieb.

        Das ist die schlechte Nachricht. Die Gute ist: Die reaktionären Kräfte haben erkannt, wer ihnen im Weg steht, wer ihren Durchmarsch gefährdet. Es ist der feministische Aufstand, der aktuell am lautesten und am globalsten gegen Rechts vorgeht und für eine pluralistische Gesellschaft einsteht. …

        Wie Antje Schrupp schreibt: „Es ist kein Zufall, dass es überall auf der Welt feministische Initiativen sind, unter deren Banner sich heute der Protest und der Widerstand gegen Rechtsruck und Nationalismus formieren. Von den Czarny-Protesten in Polen zu den Women’s Marches in den USA, von den Massendemonstrationen in Istanbul über die Pussy Riots in Moskau bis zu den aktuellen Protesten in Iran: Die Frauenbewegung ist die einzige international vernetzte politische Bewegung, der man zurzeit die Kraft zutrauen kann, dass sie eine Alternative zu bieten hat. Nicht nur zu den Rechten, sondern auch zum „Weiter-so“ des bürgerlich-kapitalistischen Durchwurschtelns“.

        Die Rechten haben recht: Wenn nur ein kleiner Teil dessen, was Frauen* derzeit wollen und fordern, erreicht wird, ändert sich die Gesellschaft grundlegend. Und das ist, wovor ihnen graut.

  4. Ich bleibe Ihnen sicher gewogen :-)
    Wenn man nicht weiß, was man schreiben soll, schreibt man nichts, das ist das Beste. Es ist ja auch nur ein Ventil, und Sie brauchen das momentan nicht. Nicht schlecht.

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