Rascheln im Blätterwald

Waltraud Schwab (taz) würdigt Mala Zimetbaum anläßlich ihres 100. Geburtstags, der am 26.1.2018 gewesen wäre. Wäre sie nicht in Auschwitz-Birkenau im September 1944 hingerichtet worden.

Sie werde als Heldin sterben, er aber werde verrecken wie ein Hund – das soll Gefangene Nummer 19880 dem SS-Mann, der sie bewachte, ins Gesicht geschrien haben. Ob sie es genau so gesagt hat, ist nicht verbrieft. Sie, die nur „Mala die Belgierin“ genannt wurde, sollte an diesem Tag, dem 15. September 1944, öffentlich im Frauenlager von Auschwitz-Birkenau hingerichtet werden.

Heimlich allerdings schnitt sich Mala Zimetbaum, auf der Lagerstraße wartend, mit einer Rasierklinge die Pulsadern auf. Wer sie ihr zugesteckt hatte, ist nicht bekannt. Als der SS-Bewacher es merkte und sie hindern wollte, schlug sie blutend auf ihn ein. Die Symbolik der Szene ist sehr stark, denn nun klebte im Gesicht des Nazis, wie auch an seinen Händen, Blut. Andere Internierte des Frauen­lagers standen dabei, deshalb ist diese Szene vielfach bezeugt.

Und in Deutschland? Warum kennt man Mala Zimetbaum hier nicht? Weil sie nicht nur Opfer sein wollte, sich den Nazis nicht unterwarf, die Würde des Menschen verteidigte und liebte, wo Liebe nicht erlaubt war? „Ja“, antwortet die italienische Journalistin Francesca Paci von La Stampa in einer E-Mail.

Sie ist an jeden Ort gefahren, wo Zimetbaum und Galinski ihren Fuß hingesetzt hatten, und hat vor zwei Jahren in Italien ein Buch über sie veröffentlicht, für das sie keinen deutschsprachigen Verlag findet. „Mala war ein einsamer Wolf. Edek auch. Sie kämpfte als Frau, nicht als Gruppe. Sie war Jüdin, aber nicht beim jüdischen Widerstand, sie arbeitete mit kommunistischen Gefangenen zusammen, war aber keine Kommunistin, sie floh aus Auschwitz, um der Welt davon zu berichten, aber sie floh auch aus Liebe. Sie half allen, arbeitete für die Deutschen, war jedoch niemals eine Kollaborateurin. Sie war schön, klug und dann hatte sie auch noch Sex.“


 

Joachim Riedl (Die Zeit) schreibt anläßlich der kürzlich erschienenen Biographie (Michael Schwaiger) über Leo Lania, von dem sozusagen Günter Wallraff das Geschäftsmodell der Einschleichrecherche erbte und wegen dem der Quellenschutz Gesetz wurde.

München im Herbst 1923. Der aufstrebende Bierkeller-Agitator Adolf Hitler hat sich mit seinem inneren Kreis in den Redaktionsräumen des Völkischen Beobachters in der Schwabinger Schellingstraße einquartiert. Die antisemitischen Krawallparolen des Parteiorgans der NSDAP werden bereits in täglich 30.000 Exemplaren verbreitet, die Hakenkreuz-Bewegung ist zumindest an der Isar schon bedrohlich angewachsen. In wenigen Wochen werden Hitler und seine Weggefährten versuchen, die Macht gewaltsam an sich zu reißen. …

An diesem Oktobertag sind die Umsturzfantasien jedoch noch Zukunftsmusik. Gerade empfängt Hitler einen Besucher, den er für einen Emissär des italienischen Diktators Benito Mussolini, seines heimlichen Vorbildes, hält. Diesem Gesinnungsfreund will er Werden und Wesen seiner Weltanschauung näherbringen. Wie so häufig verliert er sich in langatmigen Tiraden. Was Hitler in seinem Furor aber nicht ahnt: Sein Gesprächspartner ist gar kein römischer Faschist, sondern ein jüdischer Kommunist aus Wien auf Undercover-Mission.

Die Einschleichrecherche ist der größte Scoop in der Karriere des Leo Lania. Der heute weitgehend vergessene Reporter, Schriftsteller, Drehbuchautor und Theaterdramaturg war eine der schillerndsten Figuren der publizistischen Szene der Weimarer Republik. Besonders mit seinen Reportagen, damals eine journalistische Königsdisziplin, machte er von sich reden. Er leuchtete die Hintergründe der Hitler-Verschwörung in Bayern aus, deckte die schmutzigen Deals der Waffenschieber auf, die in ganz Zentraleuropa faschistische Milizen belieferten, oder berichtete von der touristischen Geschäftemacherei auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges in Nordfrankreich, während zugleich die Milliarden an deutschen Reparationszahlungen in dunklen Kanälen versickerten, anstatt in den Wiederaufbau der verwüsteten Landschaften zu fließen.

Die Beiträge des umtriebigen Vielschreibers – er behauptete, nachts nur drei Stunden Schlaf zu benötigen – finden sich in der gesamten linken und liberalen deutschsprachigen Presse jener Jahre, von der Berliner Wochenzeitschrift Weltbühne über das Prager Tagblatt bis zur Arbeiter-Zeitung in Wien. Sein journalistisches Selbstverständnis verlangte nach investigativer Schnüffelei. Ein Reporter habe „Chirurg“ zu sein, „er muss schneiden“, forderte er: „Kein ästhetisches Gewerbe: Schmutzaufwirbler ist die ehrenvolle Bezeichnung, die Amerika für diese reinste und eigentliche Form der Reportage gefunden hat.“

Als Lania 1961 während eines Besuches in München an einem Herzinfarkt stirbt, sind seine großen Tage nur mehr eine verblasste Erinnerung. Er, der einst der Revolution als Lautsprecher diente, ist nun strikter Antikommunist … „Es liegt eine bittere Ironie in dem Umstand“, meint Biograf Michael Schwaiger, „dass Lania, der sein Leben lang gegen das Vergessen anschrieb, noch zu Lebzeiten in Vergessenheit geriet.“


 

Panorama behandelt das im Sommer 1934 in Deutschland von einem us-amerikanischen Soziologen initiierte Preisausschreiben Warum sind Sie in der NSDAP?

Nach einem Besuch in Deutschland kam dem US-Wissenschaftler Abel die Idee, einen Wettbewerb unter Nazis zu starten. Zuvor hatte er vergeblich versucht, persönlich Kontakt zu Hitler-Anhängern aufzubauen. Der amerikanische Soziologe wollte nun „die beste persönliche Lebensgeschichte eines Anhängers der Hitler-Bewegung“ prämieren. Voraussetzung für die Teilnahme war, dass man schon vor 1933 Mitglied der NSDAP gewesen ist. Als Preisgeld lockten insgesamt 400 Reichsmark, die Theodore Abel aus eigener Tasche finanzierte. Der Hauptgewinn betrug ganze 125 Reichsmark. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels erteilte überraschend eine Genehmigung für das Preisausschreiben. Viele in der Bevölkerung begrüßten die Idee. Hitler-Anhänger sahen hierin eine Gelegenheit, die im Ausland verbreiteten Vorurteile gegenüber der NSDAP abzubauen.

Den Aufruf zum Wettbewerb verbreitete Abel über die Parteipresse der NSDAP und Aushänge in den Parteizentralen im ganzen Land. Jeder Lebenslauf sollte unter anderem Angaben zu familiärem Hintergrund, Beruf, Ausbildung und der Rolle im ersten Weltkrieg enthalten. 683 Nazis haben 1934 mitgemacht und Abel teils maschinengeschriebene, teils handschriftliche Lebensläufe in der Länge von einer bis 80 Seiten geschickt. Abel arbeitete damals als Soziologe an der Columbia Universität in New York. Die Lebensläufe dienten ihm als Grundlage für sein Buch: „Why Hitler Came into Power: An Answer Based on the Original Life Stories of Six Hundred of His Followers“. Die Hoover Institution der Stanford University hat diese „Biograms“ inzwischen digitalisiert und mehr als 3.700 Seiten online gestellt.

Lohnt sich sehr, in den Einsendungen zu blättern.


 

Wolfgang Benz geht im Tagesspiegel der Frage nach, woher der muslimische Antisemitismus kommt.

Wer sich ein wahres Bild vom muslimischen Antisemitismus machen will, muss dessen historische Hintergründe kennen.

Schon die viel zitierten „Protokolle der Weisen von Zion“, die Judenhasser in der Existenz des Staates Israel realisiert sehen wollen, sind fünfzig Jahre älter als der Nahostkonflikt. Sie wurden in Europa Ende des 19. Jahrhunderts unter raffinierter Verwendung uralter Ressentiments kompiliert und vom zaristischen Russland aus in alle Welt verbreitet.

Das neuerdings so gern beschworene „christlich-jüdische Abendland“ entbehrt jeder historischen Realität und taugt nur als politischer Kampfbegriff, mit dem „Islamkritiker“ das Menetekel einer Invasion gefährlicher Muslime beschwören. Muslimischer Antisemitismus ist nicht genuin, sondern politisch, er wurzelt im jungen arabischen Nationalismus. Auch dieser ist ein Import aus dem Westen.

Das Konstrukt einer dem Islam wesenseigenen Judenfeindschaft entstammt dem Bedürfnis, auf ein politisches Ressentiment mit gleichen Mitteln zu reagieren. Der gebotenen Verurteilung von Beleidigung, Hass und Mord oder sonstigen Manifestationen der Judenfeindschaft steht die notwendige Differenzierung nicht im Wege.


 

Docvogel, deren Blog Vogelperspektive ich Ihnen sowieso wärmstens für die Blogroll empfehlen möchte, war in touristisch wenig frequentierten Gegenden in Thailand unterwegs und wir dürfen alle mit, enjoy!

Hier ging’s im Dezember los, oben rechts kommen Sie zur jeweils nächsten Station. Macht schlimmes Fernweh und ist ein wunderbarer Kontrapunkt zu All-Inclusive-Reisen und zur Hetzerei von einer Sensation zur nächsten. Sensationell finde ich ihren Blick. Und ihre Fotos.

 


Foto (Ausschnitt): Bengt Nyman, Wikimedia Commons


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15 Gedanken zu „Rascheln im Blätterwald

  1. Weil es mir gerade in die Hände fiel und wirklich interessant ist, SWR2 Wissen – Der Sammler und die Jägerin: Geschlechterbilder in der Steinzeit

    Steinzeitmänner gingen auf die Jagd, ihre Frauen hüteten das heimische Feuer und die Kinder: Dass dies nicht stimmt, belegen neuartige Untersuchungsmethoden.

    Es geht um geschmückte Männer und Frauen mit großen Messern, um die Beginne der Archäologie im 18./19.Jahrhundert und den Blickwinkel der wissenschaftlich unqualifizierten Erdwühler, um weibliche Handnegative allerorten und um Riesenbrüste im Bodensee, sehr schönes Radio.

  2. Ach, das ist soo super freundlich, fühle sehr geschmeichelt!
    (Übrigens: Danke auch für den wie immer super toll recherchierten auf aufbereiteten Beitrag zur Entfernung von Gomringers Gedicht. Und je mehr ich die vielen unsäglich platten Debattenbeiträge dazu lese, desto mehr finde ich, dass „der Bewunderer“ von Frauen wie Blumen echt lange genug da stand.)

      • ha, und Sie ahnen aber schon, dass das bloggen der geselligkeitsmuffeligen Alleinreisenden so nach dem frühen Einbruch der Dunkelheit ein bisschen das manchmal doch ersehnte Gefühl gibt, dass irgendjemand das Schöne mit einem teilt..

  3. Das mit den „Protokollen“ ist echt fake news in Reinkultur und es ist echt erstaunlich, daß sich der Scheiß solang gehalten hat.
    Dazu auch: http://www.taz.de/Michel-Friedman-ueber-Menschenhass/!5477285/
    Die Schätzung halte ich für zu vorsichtig (siehe mein Kommentar dazu bei dem taz-Artikel).
    Im realen Leben habe ich mit einigen Leuten die Übereinkunft getroffen, daß wir deren mehr oder minder latente Judenfeindlichkeit nicht mehr diskutieren, ich mir es aber vorbehalte, bei irgendeinem blöden Spruch mal kurz zu bellen….

  4. … und es ist echt erstaunlich, daß sich der Scheiß solang gehalten hat.

    Umberto Eco glaubt …: Der Leser habe in ihnen Vorstellungen und Klischees wiedergefunden, die ihm längst vertraut gewesen seien (bin gerade mit Ecos ‚Friedhof von Prag‘ beschäftigt, gruselig). Lesen Sie den wirklich guten Wikipedia-Artikel, der lohnt sich.

      • Antisemitismusbericht der Bundesregierung, ab Seite 55. Über 30% sind der Meinung, Juden hätten mindestens teilweise zu viel Einfluß, 28% finden mindestens teilweise, die Juden arbeiteten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen und die Juden hätten einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passten nicht so recht zu uns – s.S. 63.

        • Danke für den Link.
          Bei die Punkers ist der versteckte Antijudaismus auch immer so unterschwellig da, zumal die Grenze von Kritik an Israel zu Klischees/Ressentiments und Sippenhaft fließend ist.
          Die: https://de.wikipedia.org/wiki/Oi_Polloi bzw. der Sänger hat z.B. hier: http://www.kink-records.de/OiPolloiI.html
          schwadroniert (muß so ca. 10/12 Jahre alt sein, das Interview). Ich halte den Vergleich Kurdistan-Palästina für auf zwei Holzbeinen hinkend und in seinen schottischen Wurzeln verrennt der sich auch. Die fetzen sonst aber, yt fragen, Freiburg ist auch nicht repräsentativ für die BRD und die Antideutsche/Antiimp-Geschichte wohl auch etwas weiter in der linken Brühe rumgeschwommen als nur bei die Punkers, da gabs/gibts genug Quatsch und zuviel Sinnlos-Provo.

  5. „Hijab und Heavy Metal“ im Weltspiegel letzte Woche:
    http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/indonesien-heavy-metal-100.html
    Der/die/das Star Spangled Banner (oder so ähnlich)- Hijab ist ja mal wirklich cool!
    Leider versteh ich nix, die anderen yt-Videos sind halt Livemitschnitte:

    Mit Rage Against The Machine und Metallica liegen die beim Weltspiegel so halbrichtig, ich würd eher (ältere) System Of A Down in einer Jamsession mit den Red Hot Chili Peppers als Vergleich ranziehen.
    Fetzt auf alle Fälle, Respekt!

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