„Text-Taliban“

Sehr schönes Gedicht, finde ich.

Zwar könnten die Ramblas heute kaum noch so beschrieben werden, denn die besoffenen Touristen, die dazugehörigen „authentischen“ Bars und die Taschendiebe müßten miteinbezogen werden. Aber es ist ja schließlich nicht mehr 1953 und Franco ist auch schon eine Weile tot.

(Nachtrag 6.2., der guten Ordnung halber: da mein Blog auch beim Freitag diskutiert wird und dort von Nutzer Freitag20 der Mythos gehäkelt wurde, Gomringer hätte – weil er halb Schweizer, halb Bolivianer ist – das Gedicht bolivianischen Blumenverkäuferinnen in Sucre gewidmet und nicht die Ramblas in Barcelona Anfang der 50er beschrieben, habe ich ein FB-Statement von Nora-Eugene Gomringer (Tochter) hinter ‚Ramblas‘ verlinkt, sie sagt – Überraschung – Ramblas.)

 


 

Aus dem offenen Brief des AStA der Alice-Salomon-Hochschule vom 12. April 2016:

An der Strahlkraft des Kunstwerkes zweifeln wir keinesfalls, scheint es doch thematisch nicht viel anderes in den Fokus zu stellen, als den omnipräsenten objektivierenden Blick auf Weiblichkeit. Sollten die gelobten „neuen Zusammenhänge“ (zitiert nach: ebd.) Gomringers nicht nur auf seine Wortkonstellationen, sondern auch auf eine gesellschaftliche Ebene bezogen sein, so sind diese uns nicht ersichtlich.

Für uns fühlen sich diese Zusammenhänge eher alt und zugleich doch erschreckend aktuell an.

Zwar beschreibt Gomringer in seinem Gedicht keineswegs Übergriffe oder sexualisierte Kommentare und doch erinnert es unangenehm daran, dass wir uns als Frauen* nicht in die Öffentlichkeit begeben können, ohne für unser körperliches „Frau*-Sein“ bewundert zu werden. Eine Bewunderung, die häufig unangenehm ist, die zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt.

Die U-Bahn-Station Hellersdorf und der Alice-Salomon-Platz sind vor allem zu späterer Stunde sehr männlich dominierte Orte, an denen Frauen* sich nicht immer wohl fühlen können. Dieses Gedicht dabei anzuschauen wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können.

Eine Entfernung oder Ersetzung des Gedichtes wird an unserem Sicherheitsgefühl nichts ändern. Dennoch wäre es ein Fortschritt in die Richtung, dass es unsere Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, die uns Angst macht, nicht auch noch in exakt solchen Momenten poetisch würdigen würde.

Gute Güte AstA! Der Bewunderer in Gomringers Gedicht ist auch Objekt – ebenso wie die Straßen und die Blumen und die Frauen – er wird ebenfalls beobachtet und beschrieben. Die Verfasser des offenen Briefes scheinen den Deutschunterricht in der unteren Mittelstufe versäumt zu haben.

Um das Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum zu erhöhen, hülfe weit eher ein Selbstverteidigungskurs, ausreichende Beleuchtung, Polizeipräsenz und vor allem: eine Zivilgesellschaft, die gegen sexualisierte und sonstwie gewalttätige Übergriffe einschreitet und sie nicht für Privatangelegenheiten hält.

Freiheit bedeutet unter vielem anderen mehr, daß eine Universität selbst entscheiden darf, was auf ihre Wände gemalt wird. Diese Entscheidung wurde transparent und demokratisch getroffen, alle Hochschulangehörigen waren zum Votum aufgerufen.

Kunst ist keine Militärparade, vor der man strammzustehen hätte.

Gomringers Text wird nicht „zensiert“ (Zensur ist immer ein staatlicher Eingriff in grundgesetzlich höchstgeschützte Freiheiten, hier Kunst- und Meinungs-), er wird auch nicht kommentarlos überstrichen und durch ein Gedicht von Barbara Köhler ersetzt. Sondern die Hochschule wird eine Tafel in Spanisch, Deutsch und Englisch unterhalb des Textes von Barbara Köhler auf der Südfassade anbringen, die an Preisträger, Werk und an die Debatte darum erinnert.

Liebe Gemeinde, die Diskussion müßte, wäre der Begriff nicht so zweifelhaft, als hysterisch bezeichnet werden.

So erfreulich es auch immer sein mag, daß sich Nation, Politiker, Medien, Blogosphäre nun so engagiert mit Lyrik beschäftigen, so albern und peinlich wirkt der endlich gefundene Vorwand, sich mit Sexismus und Angst im öffentlichen Raum nicht länger beschäftigen zu wollen. Denn der wirkliche Feind wurde ausgemacht: #Aufschrei! #MeToo! Text-Taliban!

Peter Glaser nennt die StudentInnen, die diesen Sturm im Wasserglas auslösten, Text-Taliban. Dem schließt sich die Redaktion der Schrottpresse vorbehaltlos an. … Man könnte beinahe Mitleid mit den Zensoren von Facebook und Twitter bekommen. Löschen ohne jeden Sinn und Verstand: Der #Aufschrei einiger genügt, um auch Satire – oder wie in diesem Falle Lyrik – zu verbieten. Die Qualität der KritikerInnen spielt in diesem Falle (wie so oft) keine Rolle; wer war denn das eigentlich? Niemand kennt die Namen derjenigen, die den Sprengstoff unter Buddha-Statuen von Bamiyan legten. Es geschah im Namen Gottes. Na, dann ist’s ja gut. … Die Leitung der Universität beugt sich dem Druck der Straße. Nicht einmal zu einer wertenden Einschätzung über den angeblich sexistischen Inhalt reicht es, was eine intellektuelle Bankrott-Erklärung darstellt. Es ist die pure Feigheit. Ist das eine neue akademische Debattenkultur? Dieser Logik nach könnte man auch bestimmte Lehrinhalte streichen, wenn eine kleine, aber laute Anzahl der Studierenden Impfgegner wären.

Aus den Kommentaren:

Das sind dieselben Geister, welche eine Debatte wie #metoo lostreten, die in irgendeinem Prenzl ihre intellektuellen Befindlichkeiten sortieren und in ihrem abgehobenen Ego-Trip nur noch darüber sinnen, wen, was und wie sie als Nächstes an den Karren fahren können. … Darob versinken solche Kleinigkeiten wie wirkliche soziale Not, Hunger, Krieg, Arbeitslosigkeit und all das Ungemach unserer Zeit und Gesellschaft im Bedeutungslosen, auf dem diese Kundschaft oft selbst dahergeschwommen ist, während sie und die Medien uns jetzt mit ihren Luxusproblemen belästigen, um die Kleinigkeiten im allgemeinen Bewusstsein noch kleiner und am besten vergessen zu machen. … Das ist der Punkt: Es ist eine sich selbst erhaltende Debatte, die unpolitischer gar nicht denkbar ist. … Zur Aktion undVorgehen des ” Akademischen Senats” der Alice Salomon Hochschule zu Berlin, kann ich nur sagen:
“Josef Stalin hätte es geliked” … Stalin ginge ja noch. Das wäre erklärbar. Aber Hexenverbrennung, nur weil der Nachbar gesehen haben will, wie er demb Teufel beigewohnet hat, ist schlicht unanständig.
Edit: Natürlich Bücher- und nicht Hexenverbrennung. Nur die Begründung kann bleiben.

Es ist kein Geheimnis, daß ich die Schrottpresse sonst schätze und der Pantoufle am Küchentisch und im Blog gern gesehen ist. Weswegen mir die Fresse klirrend zu Boden fiel. Kleiner hatten Sie es nicht? Recherche Fremdwort? Das übertrifft in Form und Inhalt noch (3 Beispiele, in weniger als 3 Minuten bei Twitter gefunden) Georg Pazderski, Martin Lichtmesz, Hans-Peter Friedrich.

Kurz: das ist alberne Empöreritis. Und, weniger albern, der auf mich peinlich wirkende Versuch, die Sexismus-Debatte wieder in die Tube zurück zu stopfen. Die wäre ja auch anstrengend und unangenehm zu führen, denn es müssten eigene Positionen und eigenes Verhalten hinterfragt werden (Konjunktiv!) Das gilt für die herausgeforderten Lyrikinterpretierer der AStA ebenso wie für alle, die sich immer noch den bequemen Luxus gönnen, diese Debatte für unpolitisch zu halten und Frauen mitzuteilen, was wirkliche soziale Not, Hunger, Krieg, Arbeitslosigkeit und all das Ungemach unserer Zeit und Gesellschaft ist.

 


 

Bei dieser Gelegenheit – es zeugt auch nicht eben von überlegenem Intellekt, eine gesellschaftliche Debatte an die Justiz verweisen und alles unterhalb der Strafbarkeit für nicht-existent erklären zu wollen. Beides kommt einem gesellschaftlichen Offenbarungseid gleich.

Meanwhile in den USA: gestern sprach Richterin Rosemarie Aquilina ihr Urteil über Larry Nassar (sexualisierte Gewalt unter der Vorgabe medizinischer Behandlung gegen mindestens 150 minderjährige Sportlerinnen), dessen O-Ton ich in Gänze zum Nachlesen empfehle, daraus:

This story is not about me. It never was about me. I hope I’ve opened some doors, because you see I am a little stupid because I thought everybody did what I did and if they didn’t, maybe they ought to, but I do this and I am happy to do it. If you don’t believe me, the keeper of my words is right by my side and lawyers who are hearing this and shaking their heads that yes, I have waited too long. Sometimes people are upset, I don’t care, I get paid the same.
So I ask the media who want to talk with me, I’m not going to be making any statements, I know that my office and I even don’t know, it is been a long couple of weeks that after this is over, it is just not my story. After the appellate period runs with victims by my side to tell their stories, I may answer some questions than what I said on the record. I don’t know what more I can possibly say.
I am not going to talk with any media person until after the appeal period, and even then if you talk to me about this case, I will have a survivor with me because it is their story.

Das und das gesellschaftliche Klima, in dem sexualisierte Gewalt gegen hauptsächlich Frauen und Kinder mit mehrheitlich Männern als Täter in epidemischem Ausmaß stattfindet, ist politisch. Ich wünsche mir das us-amerikanische Justizsystem nun wirklich nicht hier, ich verabscheue die Todesstrafe und jede Freiheitsstrafe, die immerwährendes Wegsperren beinhaltet.

Aber eins ist mal sicher: diese Richterin hat gestern etwas für alle gequälten und geschundenen Betroffenen sexualisierter Gewalt getan: sie hat ihnen aus guten Gründen geglaubt und sie in den Mittelpunkt gestellt.

 


 

Versuchen Sie das mal, nur mal kurz und als Gedankenexperiment. Nehmen Sie als gegeben an, daß mehr als die Hälfte aller Frauen sexualisierte Belästigung erlebt, daß fast jede 7. Frau als Erwachsene vergewaltigt wird, daß etwa 20% aller Kinder mindestens eine Erfahrung sexualisierter Gewalt vor dem 16. Lebensjahr machen. Und dann begeben Sie sich auf eine Avenida Ihrer Wahl oder setzen Sie sich in eine U-Bahn (und vergegenwärtigen sich dabei, daß Xfach-Täter wie Larry Nassar und die juristische Aufarbeitung ihrer Taten die Ausnahme von der Regel sind. Die Regel: es gibt viele Täter, zwar nicht ganz so viele wie zu Opfern Gemachte, aber viele). Zählen Sie: jede 7. Frau, jedes 5. Kind. Halten Sie das Entsetzen nur für eine kleine Minute aus und überlegen Sie, wie der alltägliche Sexismus auf Betroffene wirken mag.

Es ist zwar nicht ganz logisch, daß sich Frauen vor allem in der Öffentlichkeit fürchten, denn in der Öffentlichkeit werden hauptsächlich Männer von anderen Männern zu Gewaltopfern gemacht, nicht Frauen. Während Frauen und Kinder die Täter sexualisierter und anderer Gewalt sehr oft gut kennen – nein, nicht in der römisch-katholischen Kirche und nicht in Eliteinternaten – sondern (Ex-)Partner, Familie, sozialer Nahbereich.

Sexismus im öffentlichen Raum dient „nur“ als stete Gedächtnisstütze, jederzeit (wieder) zum Opfer gemacht werden zu können.

Das ist politisch.

 


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53 Gedanken zu „„Text-Taliban“

  1. Einer der wenigen durchdachten Beiträge zum Thema ist von Mladen Gladić, Freitag – Für die Anstößigkeit, daraus:

    Es geht weniger um die Freiheit der Kunst als um mangelnde Resilienz, wenn man so will, gegenüber Ambivalentem. Um fehlende Routine im Umgang mit Dokumenten einer Kultur, die immer auch in gewisser Weise solche der Barbarei sind. Man sollte von einer Hochschule erwarten können, dieses Wissen zu pflegen und an ihre Studierenden weiterzugeben.

    Was bleibt? „avenidas“ wird bleiben, im Gespräch, im Netz, in der Welt. Die Diskussionen, die Lektüren und die Kritik: Sie erinnern noch einmal daran, dass Kunst und Literatur anstößig sein und damit eine ihnen eigene Macht entfalten können. Auch und vor allem jenseits des Seminars, der Galerie oder des Museums. Eigentlich ein schöner Effekt einer ärgerlichen Sache.

      • Wobei der rbb einen lesenswerten Kommentar von Jörg Albinsky veröffentlicht hat: Sei nicht still, sei nicht schön, gib Dich nicht hin!

        Ach wie schön. Poesie. Da prangen über Jahre an einer Fassade Verse, die Frauen mit Blumen und Alleen assoziieren. Man spürt förmlich den zarten Geruch in den Zeilen, das wehende Kleid, die sanfte Anmut, und, etwas im Hintergrund, den Galan, der schmachtend die Szenerie betrachtet. Das alles schlicht und in großen Lettern wie ein Barcode an der Gebäudeseite. Ein paar säuselnde Sprüche im scharfkantigen Hellersdorf, eine unverfängliche Wärme im kalten Ostwind. Das wenigstens, wird man ja wohl noch an eine Wand schreiben dürfen.

        Nein, darf man nicht. Nicht an der Fassade einer öffentlichen Fachhochschule, die Sozialarbeiter, Erzieher und Pädagogen auf ihre Arbeitswelt vorbereitet. Eine Welt mit Menschen in den widersinnigsten, verzweifeltsten und schwierigsten Lebenslagen. Eine Welt, in der Frauen nicht zwangsläufig gut riechen und Bewunderer als kriminelle Stalker daherkommen, eine Welt mit vernachlässigten Kindern, dickleibigen Schwulen, vereinsamten Angestellten und Rentnern mit offenen Beinen.

        Für den Umgang mit diesem Teil der Welt werden die Studierenden hier ausgebildet. Und bevor sie über Grenzen der Sterbehilfe, verrenkte Schultern, Anzeichen für Suizidgefährdung und Läusebefall reden, tanken sie nochmal Kraft im Leitspruch der Alma Mater: Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen – die Welt könnte so schön sein.

        Barbarei, ruft empört eine Kulturstaatsministerin, als die Entscheidung zum Übertünchen gefallen ist. Kunst und Kultur brauchen doch Diskurs. Aber worüber soll hier debattiert werden? Über ein Narrativ, dass schon in den 70ern das Zeitliche gebenedeite? Sollen wir ernsthaft im Jahr 2018 darüber sinnieren, dass das Bild der schön-sanften Frau als alleintaugliches Anbetungsobjekt ausgedient hat? Dass Studentinnen sich derart billige Reduktionen verbitten? Dass Schwule an einer Sozial-Hochschule nicht willkommen sind? Dass es mehr zwischen Rabatten und Alleen gibt als dieses heteronormative Gesabber. Regt die Altherren-Lyrik wirklich noch an oder nur noch auf?

        Das ist Berlin: Die Studierenden, und in Folge der Akademische Senat, haben das Gedicht dahin verbannt, wo es hingehört – in Bücher, die kaufen kann, wer will. In Hellersdorf wird nicht angebetet, hier wird studiert, gezweifelt, mitgefühlt und hinterfragt. Alice Salomon war so. Sie hat gegen mächtige Widerstände diese Lehranstalt 1908 gegründet, auf dass Frauen nicht länger als Wohnstuben-Zierrat und sanfte Gebärbehältnisse ihrer Männerwelt dienen. „Arbeit“, sagt Salomon bei der Eröffnung ihrer Schule, „das heißt nicht Beschäftigung, nicht Zeitvertreib, sondern eine Tätigkeit, die nicht nur ihre Zeit – sondern auch ihre Gedanken, ihr Interesse in Anspruch nimmt.“ Sie sagt es als Frau zu anderen Frauen. Als Reformerin und Wissenschaftlerin.

        110 Jahre später droht an ihrer Schule eine Inschrift: Sei still, sei schön, gib dich hin.

        Um es klar zu sagen: Herr Gomringer kann dichten, was er will. Und jeder kann es gut oder schlecht finden. Aber nicht hier, nicht an dieser Fassade. Setzt ein Zeichen. Übermalt es. Weg damit.

        (Disclaimer: ich mag das Gedicht)

  2. Ich finde, dass du dich in deinem Beitrag redlich bemühst, differenziert zu sein. Aber am Ende landest du bei dem „Mann Täter-Frau Opfer“ Schema, das auch dem Schreiben des ASta zugrunde liegt. Frau ist 24 Stunden am Tag Opfer, wenn nicht in der Öffentlichkeit, dann zuhause. Denn dem Mann im eigenen Haus ist ja auch prinzipiell alles zuzutrauen. Das muss ein anstrengendes Leben voller Angst sein. Ich glaube nicht, dass es für die meisten Frauen so ist. Aber ich glaube wie du, dass das politisch ist. Hier wird mit Angst Politik gemacht. Und das finde ich immer schlecht.

    • Tut mir leid, daß Sie meinen Blog so verstehen.
      Sie haben insofern einen Punkt, als ich hier über männliche Betroffene sexualisierter Gewalt und über weibliche Täter nichts geschrieben habe. Bitte lesen Sie im Zweifel im Blog unter der Kategorie ’sexualisierte Gewalt‘ nach, ob ich tatsächlich beim „Mann Täter-Frau Opfer“ Schema lande. Fakt ist, sorry to say so: die große Mehrheit der Täter sexualisierter Belästigung und Gewalt sind „normale“ Männer.

      Ich äußere hier meine Sicht der Dinge, meistens belege ich sie mit Hilfe von x Quellen. Ebenso, wie Sie in Ihrem Blog Ihre Sicht äußern, zum Beispiel:

      Und ich dachte, unsere Freiheit wird fremdländischen Terroristen bedroht, von engstirnigen Radikalen, die sich die Welt nach ihrer Lesart der heiligen Bücher machen wollen.

      Wenn diese Studierenden die künftigen Erzieherinnen und Sozialpädagogen werden, dann bitte ich doch vor der Einstellung um einen Gesinnungstest, damit sie meine Kinder nicht mit ihrer engen Weltsicht vollsülzen dürfen.

      Ich wurde von meinem Vater ab dem 4. Lebensjahr knapp 5 Jahre lang vergewaltigt. Auf mich wirkt bereits der übliche Alltags-Sexismus so, wie oben beschrieben: stete Erinnerung daran, jederzeit wieder zum Opfer gemacht werden zu können. Falls Sie mich beleidigen wollen, nennen Sie mich „Opfer„. Zwar wurde ich vor mehr als 40 Jahren zum Opfer gemacht, aber ich habe seitdem viel dafür getan, genau eben keins mehr zu sein. Ich kann Ihnen auch versichern, daß mein Leben dadurch anstrengend ist, meistens aber anstrengend gemacht wird – zum Beispiel, wenn mir notwendige Hilfen vorenthalten werden. Niemand käme je auf die Idee, einem körperlich krank Gemachten zum Beispiel den Rollstuhl zu nehmen. Psychisch krank Gemachte aber haben nach 80 Stunden Therapie (sofern sie einen Therapieplatz finden, auch anstrengend) eine von der Krankenkasse verordnete Pause von 2 Jahren. Regt sich darüber irgendjemand in annähernd vergleichbarer Weise auf, als wenn eine Hochschule per Mehrheitsvotum entscheidet, nach einer ohnehin anberaumten Renovierung ein anderes Gedicht an die Wand zu malen?

      Ich glaube ebensowenig wie Sie, daß Sexismus auf die meisten Frauen eine vergleichbare Wirkung hat wie auf mich und viele andere Betroffene. Nur: wie erklären Sie sich, daß die meisten Frauen große Umwege in Kauf nehmen und eine Menge Geld für Taxis ausgeben, daß Frauen niemalsnienicht allein in dunklen Parks unterwegs sind? Daß sehr viele Frauen vor allem im öffentlichen Raum Angst haben, wird Ihnen nicht verborgen geblieben sein.

      Sexismus in all seinen Spielarten findet nur selten aus Versehen statt. Sexismus ist in aller Regel eine Machtdemonstration, die einschüchtern und Angst machen soll. Insofern bin ich mit Ihnen ganz einer Meinung: „Hier wird mit Angst Politik gemacht. Und das finde ich immer schlecht.

      • Wo ich ihnen Recht geben kann, ist, dass die Behandlung von psychisch Erkrankten durch die Krankenkassen eine Schande für unser Gesundheitssystem ist. Ansonsten möchte ich wirklich nicht in einer Gesellschaft leben, in der jegliches Handeln von Männern gegenüber Frauen, und sogar das Verfassen von Gedichten unter dem Generalverdacht des Sexismus steht.

        • Ansonsten möchte ich wirklich nicht in einer Gesellschaft leben, in der jegliches Handeln von Männern gegenüber Frauen, und sogar das Verfassen von Gedichten unter dem Generalverdacht des Sexismus steht.

          Tja und ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der die Körper von Frauen bewertet, kommentiert, begrabscht und verletzt werden und in der nicht das als veränderungswürdiger Mißstand gilt, sondern die Thematisierung des besagten Mißstandes. Und nu?

          • Kann ich verstehen. Ausgangspunkt unserer Debatte war ja, dass die Thematisierung der Debatte, die zu Recht mit den besagten Hashtags begonnen hat, inzwischen dazu führt, dass Gedichte als Belästigung angesehen werden. Natürlich sollten Mann und Frau bei uns ohne Bedrohung und blöde Anmache leben können. Aber es gibt auch noch die Freiheit, sich auszudrücken und zu schreiben, ohne dass jede oder jeder Anderer das Recht herausnehmen darf, das einzuschränken, weil er oder sie sich belästigt fühlt. Ich erinnerte mich heute daran, dass wir Ende der 70er in einem Jugendzentrum in einem katholischen Städtchen ein Liederbuch mit zotigen mittelalterlichen Liedern gedruckt haben. Da gings um Nonnen und Mönche, und was der Papst so alles treibt. Da hat der Bürgermeister das Jugendzentrum zu gemacht, weil sich einige Katholiken dadurch in ihren religiösen Gefühlen verletzt sahen. Ich dachte, wir wären heute weiter.

            • Natürlich sollten Mann und Frau bei uns ohne Bedrohung und blöde Anmache leben können.

              Fakt ist: Mann (besonders, wenn nicht heterosexuell) und Frau werden bei uns bedroht und blöd angemacht, hauptsächlich von heterosexuellen Männern. Mit anderen Worten: „natürlich“ im Sinne von selbstverständlich ist unbedrohtes und unbelästigtes Leben für keine/n, der/die von der gesellschaftlichen Norm heterosexuell-männlich abweicht. Haben Sie konkrete Vorschläge, wie sich das ändern ließe?
              (Sprachregelungen wie Sternchen, Binnen-Is, ixe mögen Ihnen und mir zwar widerstreben, es sind aber immerhin Vorschläge, die auf grundlegendes Nachdenken über besagte gesellschaftliche Mißstände hinweisen. Ich z.B. gendere nie und wurde deswegen nie bedroht, noch nicht mal kritisiert. Ungeachtet dessen ist gegenderte Sprache für manche ein Daueraufreger, dem in ähnlich überzogener Weise Ausdruck verliehen wird wie in der aktuellen Diskussion)

              Aber es gibt auch noch die Freiheit, sich auszudrücken und zu schreiben, ohne dass jede oder jeder Anderer das Recht herausnehmen darf, das einzuschränken, weil er oder sie sich belästigt fühlt.

              Ja, diese Freiheit gibt es, nicht „noch, sondern grundgesetzlich geschützt. Grundrechte sind nicht gegeneinander aufrechenbar, es gibt sie nur im Gesamtpaket. Das Recht auf Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit wird durch die Entscheidung an der Alice-Salomon-Hochschule in keiner Weise eingeschränkt, ebensowenig wie Eugen Gomringer in seinem künstlerischen Schaffen.

              There is no such thing as a Grundrecht, einen Text mit der Wirkung eines Hochschul-Leitspruches auf immer und ewig an einer prominenten Hochschulwand veröffentlicht zu sehen.

              Ich erinnerte mich heute daran, dass wir Ende der 70er in einem Jugendzentrum in einem katholischen Städtchen ein Liederbuch mit zotigen mittelalterlichen Liedern gedruckt haben. Da gings um Nonnen und Mönche, und was der Papst so alles treibt. Da hat der Bürgermeister das Jugendzentrum zu gemacht, weil sich einige Katholiken dadurch in ihren religiösen Gefühlen verletzt sahen. Ich dachte, wir wären heute weiter.

              Sind wir ja auch. Kein Bürgermeister, keine religiösen Gefühle, nirgends. Stattdessen findet eine seit September 2016 andauernde Diskussion statt, zwischenzeitlich wurde eine transparente und demokratische Entscheidung getroffen, von allen Beteiligten der Hochschule. Inwiefern genau halten Sie diesen Prozess für vergleichbar mit der von Katholiken und Bürgermeister verfügten Entscheidung, Ihr Jugendheim zu schließen?

              Die sich mir stellende Frage: sind Sie im Grunde mit der ‚Jugend von heute‘ sehr stark unzufrieden, weil Studierende andere Schwerpunkte setzen als Sie und ich das Ende der 70er taten? Über den Generationenkonflikt, über die Verschiebung von Macht- und Rollenverhältnissen zwischen Jungen und Alten klagte auch schon Sokrates. Mit dem Unterschied, daß wir Alte heute in der Mehrheit sind und allein schon deswegen mitunter mit ein bißchen Zurückhaltung gut beraten wären. Ihre und viele andere ’starke Worte‘ erinnern mich weit eher an Ihren Beispielbürgermeister als offener Brief, Diskussion und Entscheidung an der ASH.

              Ausgangspunkt unserer Debatte war ja, dass die Thematisierung der Debatte, die zu Recht mit den besagten Hashtags begonnen hat, inzwischen dazu führt, dass Gedichte als Belästigung angesehen werden.

              Das stimmt nicht, aus dem offenen Brief:

              Die U-Bahn-Station Hellersdorf und der Alice-Salomon-Platz sind vor allem zu späterer Stunde sehr männlich dominierte Orte, an denen Frauen* sich nicht immer wohl fühlen können. Dieses Gedicht dabei anzuschauen wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können.

              Eine Entfernung oder Ersetzung des Gedichtes wird an unserem Sicherheitsgefühl nichts ändern. Dennoch wäre es ein Fortschritt in die Richtung, dass es unsere Degradierung zu bewunderungswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, die uns Angst macht, nicht auch noch in exakt solchen Momenten poetisch würdigen würde.

              Belästigung: reale Situation, am Beispiel U-Bahn Hellersdorf und Alice-Salomon-Platz
              Gedicht: wirkt wie eine Farce, wirkt wie Erinnerung an Objektifizierung, Sexualisierung und potentielle Übergriffe

              Aus meiner Sicht: die Sexismusdebatte wird nicht erst mit #Aufschrei und #MeToo von sehr vielen Männern verweigert, das hat auch und gerade unter Linken Tradition. Die Debatte wird lieber für überflüssig, albern, totalitär und zum nach erfolgreich absolvierter Weltrevolution ohnehin obsoleten Nebenwiderspruch erklärt. Protagonistinnen werden massiv bepöbelt und bedroht. Eine breite gesellschaftliche Entwicklung der Männer, äquivalent zur weiblichen Emanzipation ab Olympe de Gouges, findet allenfalls punktuell statt. Mühsam errungenes Recht wie u.a. das auf straffreie Abtreibung wird im Rahmen der allgemeinen Rechtsradikalisierung aus der Mitte der Gesellschaft wieder zunehmend in Frage gestellt. All das ist möglich, weil viele Männer jede Solidarität mit Frauen und nicht-heterosexuellen Männern verweigern.

              Vor welcher engen Weltsicht wollen Sie Ihre Kinder gleich noch in Sicherheit bringen?

              • … zu schnell auf Senden gedrückt ;-) Emilia Smechowski „Nicht mehr mit mir“. Sie beschreibt einfach ihren Alltag als Frau. Sehr lesenswert. Sie endet mit der Hoffnung, dass die alten, sprachlosen und gewalttätigen Männer zu einer aussterbeneden Gattung gehören. Ich finde ja auch, Männer sind zu allem fähig – auch zum Guten.

                • O ja der Artikel ist ganz groß, leider im Aboteil, deswegen zitiere ich ein bißchen der Ausgangssituation:

                  … Es nieselte, ich zog mir die Kapuze über. Ich hatte gewartet, bis es hell genug geworden war, wie immer. Mein Freund hatte auf die Uhr geschaut, als ich losging, auch wie immer. Wir hatten nie so recht darüber gesprochen, aber er wusste, ich brauche ein halbe Stunde, und ich wusste, bliebe ich länger weg, würde er mich suchen kommen. Ich lief nicht durch das verlassene Wäldchen, sondern auf der Straße, ohne Musik auf den Ohren. Wie immer.

                  Was Frauen halt so machen. Morgens fragen wir uns, ob der Ausschnitt des Kleides, das wir lieben, zu weit ist für den Termin, den wir haben. Abends, im Club, lassen wir unsere Drinks und unsere Freundinnen nicht aus den Augen. Wir ziehen den Unterteller mit der Restaurantrechnung zu uns heran, weil ihn der Kellner ganz selbstverständlich auf die andere Seite des Tisches gelegt hat. Und wenn wir, allein auf dem Nachhauseweg, ein blödes Gefühl bekommen, greifen wir zum Handy und faketelefonieren: „Hey, wollte nur sagen, ich bin gleich da!“ Vorsichtsmaßnahmen, die wir schon als Mädchen gelernt haben und die nun fast automatisiert ablaufen.

                  Das ist die andere Sache mit dem Sexismus und, ja, mit sexuellen Übergriffen: Sie sind in einem solchen Maße wahrscheinlich, dass wir mit ihnen rechnen. Sie antizipierend, bewegen wir uns durch unseren Alltag. Wir nehmen sie hin wie das Wetter. Wozu sich über Regen aufregen? Erfolgreich ist, wer trotzdem ans Ziel kommt. Und wer es schafft, sich selbst zu belügen, so wie ich. Sexismus, hatte ich ja zur Redaktion gesagt, passiere mir eigentlich kaum. Und wenn es passiert, mache ich kein Ding draus. Es ist bitter, aber ich hatte in Wahrheit viel zu selten protestiert.

                  Auch Ihnen vielen Dank! Daß Sie den Austausch nicht abgebrochen haben, daß Sie lernbereit sind und sich auch noch bedanken!

  3. Hm. Diese Geschichte läßt mich ratlos zurück. Wenn sich die gefühlte Bedrohung im öffentlichen Raum dadurch nicht ändert, in dem man das Gedicht entfernt, was bewirkt die Entfernung dann eigentlich? Und: wäre es nicht zweckmäßiger, gegen das Bedrohungsgefühl anzugehen, herauszufinden, wodurch es entsteht und wie man es, wenn nicht beseitigen, so doch mildern kann? Die Initiatorinnen denken vielleicht, sie würden etwas sinnvolles tun – mir scheint es aber, als wäre das eher ein Monument der eigenen Hilflosigkeit, die sie so vehement beklagen. Es gibt ein Bedrohungsgefühl, es gibt Übergriffe – und was ihnen dazu einfällt, ist ein Gedicht entfernen zu lassen?

    Apropos Zensur: Ist das eine öffentliche Hochschule oder ein öffentliches Gebäude? Wenn ja, greift hier der Staat womöglich doch in die Kunstfreiheit ein, wenn auch mittelbar. Aber das ist eigentlich nebensächlich.

    • Wenn sich die gefühlte Bedrohung im öffentlichen Raum dadurch nicht ändert, in dem man das Gedicht entfernt, was bewirkt die Entfernung dann eigentlich? Und: wäre es nicht zweckmäßiger, gegen das Bedrohungsgefühl anzugehen, herauszufinden, wodurch es entsteht und wie man es, wenn nicht beseitigen, so doch mildern kann?

      Würde die Diskussion nicht dermaßen gaga geführt, könnte sie Nachdenklichkeit bewirken. Die fällt zugunsten der Schubladisierung als „Text-Taliban“ o.ä. leider aus.

      Apropos Zensur: Ist das eine öffentliche Hochschule oder ein öffentliches Gebäude? Wenn ja, greift hier der Staat womöglich doch in die Kunstfreiheit ein, wenn auch mittelbar. Aber das ist eigentlich nebensächlich.

      Das Zensur-Argument ist von vorne bis hinten Panne: das Streichen der Wand war ohnehin für Ende des Jahres geplant und die Entscheidung, anschließend einen anderen Text dort zu veröffentlichen, wurde transparent und demokratisch (links s.o.) unter allen Beteiligten an der Hochschule getroffen – nicht vom Staat.

  4. Wer für das Gedicht ein Verständnishilfe braucht, findet sie hier gleich dreifach: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/kulturstaatsministerin-monika-gruetters-zur-gomringer-debatte-15417008.html
    Ja, etwas Frauenverächtliches schwingt in dem Gedicht mit.
    Ist dieser „Asta“ eigentlich ein ER oder eine SIE? In jedem Fall spielt er/sie Prinzessin auf der Erbse. Dass ein Asta sich mit öffentlichen Gedichten befasst, finde ich jedoch nicht schlimm. Die Zeiten, wo sich ein Asta mit dem Vietnam- (oder Syrienkrieg?!) befasst, sind wohl vorbei.
    Aber ein warnender Einwurf (mittels Graffiti?) hätte es getan. Das wäre dann ein ebenso individuelles Statement wie das Gedicht selbst.
    Dass aber die Univerwaltung sich als Erfüllungsgehilfin versteht. Das scheint mir Kunstverächtlich zu sein.

    Gruß Wal

    • Ja, etwas Frauenverächtliches schwingt in dem Gedicht mit.

      Das sehe ich persönlich anders, obwohl ich der Argumentation der AStA folgen kann. Der Wunsch nach Entfernung des Gedichtes entspricht aus meiner Sicht einem Wunsch nach Schaufensterpolitik.

      Ist dieser „Asta“ eigentlich ein ER oder eine SIE? In jedem Fall spielt er/sie Prinzessin auf der Erbse.

      Ja was denn nun? Frauenverächtlich oder Prinzessin auf der Erbse? Die Verfasser des offenen Briefes äußern sich nicht dazu, ob sie männlich und/oder weiblich sind, die Studierenden an der Alice-Salomon-Uni sind mehrheitlich weiblich. Leider interessieren sich weit weniger Männer als Frauen für Sozialarbeit, wird schlecht bezahlt.

      Dass aber die Univerwaltung sich als Erfüllungsgehilfin versteht. Das scheint mir Kunstverächtlich zu sein.

      Hä? Die Univerwaltung folgt einem transparenten und demokratischen (links s.o. im Blog) Votum für einen anderen Text, zu dem alle Hochschulangehörigen aufgerufen waren.

      • „Etwas Frauenverächtlichkeit“ zum Anlass nehmen, um ein Kunstwerk aus dem öffentlichen Raum entfernt haben zu wollen, ist m. E. ein Übermaß an Empfindlichkeit (Prinzessin auf der Erbse).
        „Kunstverächtlich“ ist es m. E. wenn nur „gender-korrekte“ Kunst im öffentlichen Raum geduldet wird. Da würde sehr sehr viel Kunst in den Müll wandern, und nicht die schlechteste.
        Ich habe auch kein Online-Abo der FAZ. Heute morgen, also ich den Artikel dort las, war er noch nicht im Premium-Bereich. Sorry.
        Gruß Wal

        • Etwas Frauenverächtlichkeit“ zum Anlass nehmen, um ein Kunstwerk aus dem öffentlichen Raum entfernt haben zu wollen, ist m. E. ein Übermaß an Empfindlichkeit (Prinzessin auf der Erbse).

          Wer hat denn das richtige Maß für Empfindlichkeit, Sie?

          • „m.E.“ heißt: „meines Erachtens“. Ich habe nur meine persönliche Meinung geäußert. Das „richtige Maß“ hauen Sie mir polemisch um die Ohren.
            Aber um meine Meinung auf Twitter-Niveau zu bringen:
            Kritik ist (immer) angebracht und notwendig. Das Kritisierte oder den Kritisierten oder die Kritisierte eliminieren zu wollen, ist (tendenziell) totalitär.
            Jetzt können Sie nach (Einzel)Fällen suchen, wo diese Meinung kompletter Blödsinn ist. Viel Vergnügen damit.
            Gruß Wal

    • Der FAZ-Text ist nur für Abonnenten lesbar – falls Sie einer sind, würden Sie bitte die dreifache Verständnishilfe auszugsweise als Zitat einstellen?

      In der Süddeutschen gibt’s: „Das lyrische Ich ist auffällig abwesend“

      Ralph Müller, Professor für germanistische Literaturwissenschaft an der Uni Fribourg (Schweiz) und Fellow der DFG-Kolleg-Forschergruppe „Lyrik in Transition“ an der Universität Trier, hat „Avenidas“ mit drei verschiedenen theoretischen Ansätzen interpretiert.

  5. Kleine Stellungnahme der Schrottpresse

    Moin Dame

    »So erfreulich es auch immer sein mag, daß sich Nation, Politiker, Medien, Blogosphäre nun so engagiert mit Lyrik beschäftigen,«

    Die Schrottpresse nimmt für sich in Anspruch, Lyrik nicht »auf einmal« und bei dieser Gelegenheit entdeckt zu haben. Meine gelegentliche, aber unglaublich – aheeem! – erfolgreiche Kolumne »Gedicht am Dienstag«, die meine geduldige Leserschaft stillschweigend kommentiert und im übrigen ignoriert, steht dafür. Ich lasse mir nicht vorwerfen, mich nicht bemüht zu haben. Auch wenn ich mir der vollkommenen Nutzlosigkeit seit langem im klaren bin.
    Und damit sind wir auch bereits an einem entscheidenden Punkt: Es ist ein Gedicht!

    »…so albern und peinlich wirkt der endlich gefundene Vorwand, sich mit Sexismus und Angst im öffentlichen Raum nicht länger beschäftigen zu wollen. Denn der wirkliche Feind wurde ausgemacht: #Aufschrei! #MeToo! Text-Taliban!«

    Ein für den unbedarften Leser neutrales, harmloses Gedicht wird renoviert. Wie verkopft und abgehoben stellt sich eine Diskussion um das Sicherheitsgefühl für Frauen im öffentlichen Raum dar, wenn sie angesichts der real existierenden Lage nichts besseres findet. Politisch handeln heißt auch, Inhalte und Forderungen vermitteln. Mindestens am Vermitteln ist man grandios gescheitert. Die Schrottpresse hat keinen Feind ausgemacht; sie hat lediglich behauptet, daß diese Interpretation des Gedichtes nicht vermittelbar ist. Eine Lesart, mit der sie nicht ganz alleine dasteht.

    »Angesichts realer, brutaler sexistischer Gewalt weltweit hoffen wir, dass diese Provinzposse in Berlin-Hellersdorf alsbald ein Ende findet und an der Alice-Salomon-Hochschule Vernunft und Verstand und die Wertschätzung von Freiheit und Schönheit siegen.
    Für das PEN-Zentrum Deutschland
    Regula Venske
    Präsidentin«

      
    (Recherche)

    Angesichts »realer, brutaler sexistischer Gewalt« sollte man sich fragen, ob die Forderungen der Studentenschaft tatsächlich eine Bereicherung darstellen oder ob ihrer Unvermittelbarkeit nicht zu einer »Verniedlichung« und Degradierung der Argumentation tatsächlich Betroffener führen, wie Deine Zitate aus dem AFD-Umfeld ja belegen. Oder willst Du im Ernst den Larry Nassar-Prozess in einer Linie mit dem Gedicht an der Alice-Salomon-Universität betrachten?

    Nebenbei halte ich Vorgänge, in denen auch nur oberflächlich der Verdacht der Zensur auftaucht, an einer Hochschule, die den Namen einer unter den Nazis abgeschobenen Wissenschaftlerin trägt, für sehr bedenklich. Lebt der Dichter jetzt eigentlich den Rest seiner Tage mit dem Stigma, sexistisch zu sein?

    »…die sich immer noch den bequemen Luxus gönnen, diese Debatte für unpolitisch zu halten«.
    Nein, die Debatte ist es nicht unpolitisch. Aber die Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule sind es. Das ist kein politischer Protest, nur weil er sich an einem aktuellen Thema festmacht. »…hülfe weit eher ein Selbstverteidigungskurs, ausreichende Beleuchtung, Polizeipräsenz und vor allem: eine Zivilgesellschaft, die gegen sexualisierte und sonstwie gewalttätige Übergriffe einschreitet und sie nicht für Privatangelegenheiten hält.« Das ist eine politische Forderung. Ein vages »ach, lass uns das doch mal wegmachen« ist es nicht.

    »Freiheit bedeutet unter vielem anderen mehr, daß eine Universität selbst entscheiden darf, was auf ihre Wände gemalt wird. Diese Entscheidung wurde transparent und demokratisch getroffen…«

    Eine Uni gehört meiner Meinung nach zum öffentlichen Raum. Ganz so vogelfrei ist man dabei dann doch nicht. Das ändert ohnehin nichts daran, daß die Hochschule und ihre Studierenden mit den Folgen der demokratisch-transparent getroffenen Entscheidung leben müssen. Und diese Bilanz fällt bis zum jetzigen Zeitpunkt verheerend aus.

    Die Philosophin Catherine Newmark sagte im Gespräch mit MDR-Kultur, daß weder Studierende noch die Hochschulleitung behaupten, das Gedicht sei sexistisch. Es gehe vielmehr um die Frage, ob dieses Gedicht das Leitmotiv für das Leben der Studierenden sein sollte.

    „Ist es nicht eine Frage, die sich Studierende stellen dürfen: Was hängt an unserer Hochschule? Was haben wir für ein Außenbild?“

    Na gut, daß deckt sich jetzt nicht ganz mit den Aussagen des ASTA, aber was soll’s: Die Diskussion ist eh gegen die Wand gefahren. Aber das dürfen sich die Studenten natürlich fragen. Nur haben sie das in dieser Form öffentlich nicht getan. Alles nur ein Mißverständnis?

    »Pressemitteilung zum Beschluss der Alice Salomon Hochschule Berlin

    Kooperation mit der Alice Salomon Hochschule Berlin eingestellt

    Das Haus für Poesie tritt mit sofortiger Wirkung als Kooperationspartner des Alice Salomon Poetik Preises zurück. […]
    Dr. Thomas Wohlfahrt, Leiter des Hauses für Poesie, ist entsetzt darüber, dass die Alice Salomon Hochschule diesen Beschluss umsetzt, ohne sich bei Eugen Gomringer zu entschuldigen und die aus der Luft gegriffenen Vorwürfe des Sexismus zu revidieren. Damit bleibt Eugen Gomringers Ruf beschädigt und der Preis ist diskreditiert. Das Haus für Poesie wird nicht dazu beitragen, Künstlerinnen und Künstler diesem misslichen Kapitel, für das die Hochschulleitung der ASH verantwortlich ist, auszusetzen.
    Auch die Mitglieder der Preis-Jury, die nicht der Alice Salomon Hochschule angehören, erklären:
    Wir bedauern den Beschluss der ASH außerordentlich, das Gedicht von Eugen Gomringer aus den bekannten Gründen zu entfernen. Wie im September 2017 in unserer Pressemitteilung angekündigt, werden wir für weitere Jurytätigkeiten nicht zur Verfügung stehen.«

    (Recherche)
    (Das Haus der Poesie steht hoffentlich nicht im Verdacht, sich lediglich saisonal »nun so engagiert mit Lyrik [zu] beschäftigen«.)

    »Kurz: das ist alberne Empöreritis. Und, weniger albern, der auf mich peinlich wirkende Versuch, die Sexismus-Debatte wieder in die Tube zurück zu stopfen.«

    Haben wir’s auch eine Nummer kleiner? Nur weil sich jemand für die richtige Sache einsetzt, ist er noch lange nicht unantastbar. Kritik muß auch dort erlaubt sein.

    Die Schrottpresse bleibt ihrer Darstellung und findet den Vorgang »albern, wenn’s nicht so ärgerlich wäre.«

    • dame.von.welt bedankt sich für die kleine Stellungnahme der Schrottpresse und stellt ihr die von Birte Vogel aus dem vergangenen September entgegen: Der Automatismus in der Sexismus-Debatte – Heute: Ein Gedicht ist ein Gedicht? Der die Schrottpresse u.a. den meinungsmachenden Medienspiegel bis September 2017 entnehmen kann. An dem sich die Frage stellen läßt: wie kommt die Annahme der Nichtvermittelbarkeit eigentlich zustande?

      dame.von.welt verspricht an dieser Stelle feierlich, das nächste Mal nicht nur zu kotzen, sondern das im Strahl und im Bogen zu tun, sollte ihr das erbärmliche Totschlagargument von der »Verniedlichung« und Degradierung der Argumentation tatsächlich Betroffener hier noch einmal serviert werden.

      Oder willst Du im Ernst den Larry Nassar-Prozess in einer Linie mit dem Gedicht an der Alice-Salomon-Universität betrachten?

      O ja, das will ich. Die Linie heißt Sexismus. Das Gedicht einerseits und sexualisierte Gewalt gegen mindestens 150 Mädchen andererseits sind jeweils Extreme auf dieser Linie. Sexualisierte Gewalt wäre ohne Alltagssexismus und ohne die reflexartigen Verbrüder(le)ungen bei jeder Thematisierung von Sexismus nicht der Elefant im Gesellschaftszimmer. Sexismus hat viele Spielarten. Von sexualisierter Belästigung bis zu sexualisierter Gewalt vergeht im schlimmsten Fall nur sehr wenig Zeit. <-Das ist die Geschäftsgrundlage, auf der sich Frauen im öffentlichen Raum bewegen.
      Mir ging es allerdings weniger um den Prozess selbst, sondern um die Sichtweise der Richterin: Betroffenen aus guten Gründen zu glauben und sie in den Mittelpunkt zu rücken. Und das möchte ich als angewandtes politisches Gedankenexperiment anregen. Zählen Sie.

      Nein, die Debatte ist es nicht unpolitisch. Aber die Studierenden der Alice-Salomon-Hochschule sind es. Das ist kein politischer Protest, nur weil er sich an einem aktuellen Thema festmacht. »…hülfe weit eher ein Selbstverteidigungskurs, ausreichende Beleuchtung, Polizeipräsenz und vor allem: eine Zivilgesellschaft, die gegen sexualisierte und sonstwie gewalttätige Übergriffe einschreitet und sie nicht für Privatangelegenheiten hält.« Das ist eine politische Forderung. Ein vages »ach, lass uns das doch mal wegmachen« ist es nicht.

      Jungen gebildeten Menschen zu erklären, daß sie – inmitten einer von ihnen angestoßenen und reichlich polarisiert geführten Diskussion – unpolitisch wären, ist jetzt was? Mansplaining? Zensur? Oder einfach nur gaga?

      Den Schlußworten der Schrottpresse kann sich dame.von.welt allerdings ganz und gar anschließen, auch sie findet den Vorgang »albern, wenn’s nicht so ärgerlich wäre.«
      Grüße!

      Fast vergessen: ich wohne seit gut drei Jahrzehnten in Berlin, vom Haus für Poesie höre ich im Zusammenhang mit der Diskussion zum ersten Mal. Womöglich ist deren Rückzug nicht das Ende des Poesie-Preises und aller Dinge, wer weiß es? Vielleicht kooperiert ja in Zukunft das Literaturhaus in der Fasanenstraße mit der Alice-Salomon-Hochschule.

  6. Pingback: Sexistisches Gedicht am Donnerstag / Nachtrag | Schrottpresse

  7. Ob so ne Wand nach sieben Jahren neu gepinselt werden muß, denke ich nicht, aber wenn, dann wurde die Geschichte wohl 2011 verkackt. Hab das nur am Rande mitgekriegt, aber was den ASTA angeht; die haben ihren Standpunkt dargelegt, Andere auch, es wurde abgestimmt und ein anderes preisgekröntes Gedicht soll drangepinselt werden.
    Dem Dichter wurde nichts unterstellt und das Hinterfragen des Werkes im Gesamtzusammenhang wo es öffentlich steht, erläutert.

    Mal am Rande; Lyrik steht jetzt eher nicht so weit oben auf meiner ToDo-Liste, logisch wäre aber als Strophen Drei und Vier:
    Mujeres
    Mujeres y avenidas

    Mujeres y flores y avenidas
    Un admirador

    Oder Strophe Zwei weglassen ;)

      • Hab nicht copy & paste und das wohl ohne das „und“ interpretiert, was dann logischerweise eine Zeile weiter hingehörte…

        Aber mir ist was eingefallen; im Nachbardorf hängt am Haus eines Einwanderers (in das Dorf, sprich kein dort Eingeborener) ein Lambda-Transparent (Eine Religion blablubb, Islam ist Scheiße kurzgefaßt). Leider so hoch, daß mensch ohne ne längere Leiter nicht rankommt . Ich weiß aus nicht näher erläuterbaren Gründen, daß Transparente nicht ewig hängen dürfen, weil es sonst eine bauliche Veränderung darstellt und je nach Bauvorschrift der Kommune untersagt sein kann. Muß ich mal nachforschen, ob der den Scheiß abhängen muß…

      • Achso, Danke Nora-Eugine, die Mädels früher in der Schule hatten diese schlauen Bücher, wo drinstand, wie mensch ein Gedicht interpretiert. Und da fragt ihr W… äh Frauen Euch, warum Jungs Gedichte scheiße finden und so ne gesunde Grundmisogynie entwickeln?!? Warum Du Dich seinerzeit nicht dafür eingesetzt hast, daß das Gedicht vom Papa, der sich mit seinem Geschwafel eine gefangen hat (Du bist ja der lebende Beweis) auf Kastilisch an der Wand steht, weiß ich nicht,da hat wohl nicht nur eine Lehrerin in Sachsen-Anhalt richtig gehandelt, als sie Mädchen das Attribut „mutig“ als zutreffende Eigenschaft abspricht, recht…
        Bist übrigens ganz schön aus dem Leim gegangen, Schätzchen! (https://de.wikipedia.org/wiki/Nora_Gomringer) Mir aber egal, Du weißt ja, daß ich keine Objekte hochheb, die schwerer sind als ein Sack Addöbbfl (=Kartoffeln), und mal ehrlich, da warst Du schon vor 20 Jahren drüber… und…

        Ein Hugo

        Diesen Kommentar lasse ich zu Demonstrationszwecken „gesunder Grundmisogynie“ stehen. Etwaige weitere nicht. dvw

  8. Mir ist noch nicht klargeworden, was ausgerechnet dieses Gedicht mit dieser Hochschule zu tun hat, die Pädagogen, wohl eher Pädagoginnen, Sozialarbeiter und Ähnliche professionell ausbilden soll. Wer kam eigentlich auf die Idee, das dort hinzuschreiben? Übermalen ist immer problematisch, aber man sollte in der Tat die Kirche im Dorf lassen: Es ist keine Zensur, das betreiben autorisierte Stellen übergreifend, nicht nur für eine Hauswand geltend, wie Dame von Welt ganz richtig sagt. Und immerhin ist das hier ein Fall, in dem Kunst polarisiert, ist ja auch nicht schlecht. Barbarisch ist daran auch nichts. Barbarischen Umgang mit Kunst würde ich eher überall dort feststellen, wo Kunst im Sinne des Marktes instrumentalisiert wird.

    Das Gedicht kann man sicher sexistisch lesen: Frauen mit ihren Flores zwischen den Beinen, die nichts als Objekte sind. Wobei natürlich auch das sexistischste Gedicht erlaubt sein sollte. Aber dann mal hinzugehen und es – nach einer Mehrheitsentscheidung, wenn ich das richtig verstanden habe – zu überpinseln: Mein Gott, halb so wild.

    Die Empörung, die sich nun artikuliert, ist teilweise auf AfD-Niveau, und hier Stalin oder die Taliban ins Spiel zu bringen, zeugt entweder von grotesker, wie man sagt, Geschichtsunwissenheit, oder man will unbedingt poltern.

    Mich würde interessieren, wie die versammelte empörte Gemeinde reagiert hätte, wenn das Gedicht von einer radikalen Feministin mit entsprechendem männerkritischen Inhalt verfasst worden wäre. Ich vermute, eine stattliche Zahl von Männern hätte sich nicht empört.

    Und das, was die Chefin des Pen-Zentrums Deutschland gesagt haben soll, dass also

    an der Alice-Salomon-Hochschule Vernunft und Verstand und die Wertschätzung von Freiheit und Schönheit siegen

    möge,

    ist sicherlich satirisch gemeint. Honecker hätte es nicht besser hinbekommen.

    • Das Gedicht hat mit der Hochschule zu tun, daß sie (bisher in der jetzt aufgekündigten Kooperation mit dem Haus der Poesie) jedes Jahr einen Poetikpreis auslobt (Eugen Gomringer war 2011 der Preisträger) und vermutlich auch, weil sie einen Masterstudiengang „Biografisches und Kreatives Schreiben“ anbietet.

      Ansonsten: anschließe mich.

      • Danke für die Information. Dann wären jetzt die Preisträger und Preisträgerinnen 2012 bis 2017 an der Reihe. Barbara Köhler ist die Preisträgerin von 2017, sehe ich gerade in dem Link. Also die, die jetzt ihr Gedicht hinschreiben soll und darf. Jedes Jahr ein neues Gedicht hätte ja auch was.

  9. Auf eins ist jedenfalls Verlaß: eine Diskussion kann noch so schlimm geführt, kontrovers ausgetragen und anstrengend sein – kaum biegt Christian Füller um die Ecke, wird sie zuverlässig schlimmer:

    Die Reaktion des gewesenen Chefredakteur des Freitag auf den lesenswerten Twitterbandwurm von Martin Lindner (nach eigener Auskunft Literaturwissenschaftler a.D.)

  10. Ambros Waibel, Kolumne Liebeserklärung, taz: Endlich wieder radikale Studis (links nicht eingepflegt)

    Gedichte-Übermalen muss man nicht gut finden. Aber die Studierenden machen genau das, was man immer von ihnen verlangt: das Maul auf.

    Fünfzig Jahre nachdem der beste Teil der akademischen Jugend aus dem Zombiefriedhof Nachkriegsdeutschland ein erträgliches Gebilde zu formen begann, müssen sich Studierende wieder „barbarischen Schwachsinn“ (Christoph Hein), pardon, andichten lassen.

    Und zwar nicht deswegen, weil sie – wie ihre 68er VorgängerInnen – auf dem Weg hin zu einer freieren Gesellschaft tatsächlich auch einiges an barbarischem Schwachsinn getan, gesagt und geschrieben hätten; nein, die Studierenden der Alice Salomon Hochschule in Berlin haben lediglich in einem demokratischen Prozess sich des ohnehin problematischen Feldes Kunst am Bau angenommen – und eine Fassadenveränderung durchgesetzt.

    Was sind das für Menschen, die finden, dass das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer dann auch mal seine Zeit an ihrer Hochschule gehabt hätte? Im Text einer taz-Kollegin wurden sie einmal so geschildert: „Es sind junge Männer und Frauen, manche von ihnen sprechen Deutsch mit Berliner oder süddeutschem Akzent, einige Englisch oder Französisch. Zwei Frauen diskutieren im Gang lebhaft über Teenagerschwangerschaften in Deutschland und England. Ihr Haar tragen sie offen, die Oberteile eng und die Röcke kurz.“ Sie sind es, die, wie es in einer Erklärung des Asta der Hochschule heißt, sich mit dem „Gedicht unwohl fühlen“ – und „gerne wissen wollen, warum es eigentlich da hängt und ob es nicht diskutiert werden könnte, an die Wand mal was Neues zu schreiben.“

    That’s it. Zu dem Gedicht mag jede und jeder seine ganz freien, persönlichen Assoziationen haben. Mir zum Beispiel fallen die zärtlichen Verse von Robert Gernhardt ein: „Der Kragenbär, der holt sich munter / einen nach dem anderen runter.“ Obwohl mich mehr als ein paar Jahre von den Studierenden der Hochschule trennt, kann ich also nachvollziehen, was einen an Gomringers Gedicht an der Fassade stören kann. Dass ein kleiner, radikaler Teil der Studierenden tatsächlich mal wieder die Welt verändern will, anstatt sie nur zu interpretieren, das freut mich, gerade im Jubiläumsjahr 2018.

    Und um die Verteidiger der Kunstgewerbefreiheit muss man sich keine Sorgen machen: Sie haben wie damals alle Waffen in den Händen, sich dem Wandel zu widersetzen.

  11. Erster Entwurf:

    Alleen und Blumen
    Blumen und Frauen
    Alleen und Frauen
    Alleen und Blumen und Frauen
    und ein Bewunderer

    Zweiter Entwurf:

    Mehl und Zucker
    Zucker und Butter
    Mehl und Butter
    Mehl und Zucker und Butter und Eier
    und ein halbes Pfund Äpfel
    (Anmerkung des Autoren: ca. 45 Minuten bei 175 Grad backen lassen)

    Sieger-Entwurf:

    Der Wolf,
    das Lamm,
    auf der grünen Wiese.
    HURZ!!!

  12. mdr: Kulturbarbarei oder Partizipation?

    … Die Philosophin Catherine Newmark findet die feuilletonistische Berichterstattung „äußerst verzerrend und polemisch“. Im Gespräch mit MDR KULTUR betont sie, dass weder Studierende noch die Hochschulleitung behaupten, das Gedicht sei sexistisch. …

    Ist es nicht eine Frage, die sich Studierende stellen dürfen: Was hängt an unserer Hochschule? Was haben wir für ein Außenbild?

    Die Hochschule sage nicht, das Gedicht sei schlecht und solle vernichtet werden, sondern lediglich, dass es nicht das Leitmotiv für das eigene Haus sei … Das sei ein berechtigter Umgang mit Kunst, findet die Philosophin. „Da wird nicht die Kunstfreiheit beschnitten oder die historische Bedeutung geleugnet. Bloß, weil man sich Schiller nicht an die eigene Hauswand malt, heißt es nicht, dass man Schiller nicht schätzt.“ Daher fordert sie, dass die Diskussion differenzierter geführt werde.

    „Wir setzen auf Demokratie, Partizipation und Lernen im Diskurs“, erklärte dagegen die Prorektorin der Alice Salomon Hochschule Berlin, Bettina Völter. Selbstverständlich sei der offene Brief der Studierenden kritisch diskutiert und erwogen worden. „Es liegt uns deshalb als Hochschulleitung fern, einen offenen Brief, den zahlreiche Studierende unterzeichnet haben, und einen darauf folgenden Antrag, der konstruktive Vorschläge unterbreitet, als ‚barbarischen Schwachsinn‘ abzuqualifizieren und unverzüglich ein ‚Ende der Debatte‘ von oben herab zu dekretieren“, schreibt sie in einer Stellungnahme.

    Bei einer Online-Abstimmung haben sich die Hochschulangehörigen vor einem Monat mit Mehrheit gegen das Gomringer-Gedicht ausgesprochen. Der paritätisch besetzte Senat entschied sich nun mit acht von zwölf Stimmen für eine von mehreren vorgeschlagenen Alternativen. Das umstrittene Gedicht war bei der Sitzung nach Angaben einer Sprecherin gar nicht mehr Thema. Die Hochschule teilte aber mit, sie werde Gomringers Wunsch nachkommen und auf einer Tafel in Spanisch, Deutsch und Englisch an das Gedicht und die Debatte darum erinnern. Die Fassade soll nun alle fünf Jahre ein neuer Poetik-Preisträger zieren.

  13. Starker Tobak

    Ob jetzt dieses Gedicht dort an der Wand steht oder nicht, ändert nur leider an den Zuständen genau gar nichts, welche hier beschrieben werden. Selbst das Überzogene im Vergleich zu anderen Problemen stimmt und leider fehlt da noch etwas an zitierter Aussage aus meinem Beitrag über . Das Entfernen des Gedichts selbst könnte man ebenso als überzogen ansehen und über dessen Intention lässt sich streiten, Diskriminieren, Sexismus oder gar das Rechtfertigen von Übergriffen aller Art auf Frauen dürfte eher nicht der Hauptgrund Gomringers gewesen sein.

    Es lässt sich auch streiten, ob die Studenten zwingend die Weltveränderer sind, als die sie dargestellt werden.

    Ich glaube trotzdem nicht, dass sich am Grundproblem der Frauenrechte und einem anderen Wahrnehmen der Frauen an sich so schnell und innerhalb dieser Gesellschaft grundsätzlich etwas ändert.
    Es wird den ganzen Tag der Ellbogen gepredigt und das Recht des Stärkeren, die zunehmenden sozialen Differenzen tun das Ihrige und andererseits geht der Sexismus schon jeden Tag in der Reklame los. Protest oder gar Erfolg dagegen gleich null – von anderen und unangenehmeren Dingen siehe den Beitrag hier ganz zuschweigen. Wo in dieser Kette Frauen stehen, muss nicht erwähnt werden.

    Selbst wenn jetzt das Thema mal hochgewirbelt wird, ist es in der Summe nur präsent, wenn es eher populäre Frauen sind, die sich dazu äussern, entweder als Betroffene oder Engagierte. Die im Flüchtlingsstrom Missbrauchte, die sich so ihren Transport „erkauft“ oder die „Dienstleisterin“ von daheim, die ihre wirtschaftlichen Nöte auf diese Weise „aufbessern“ muss, die Frauen in Indien, die teils als Freiwild betrachtet werden oder der alltägliche Sexismus und die üblichen Klischees des Abwertens, wenn es sich um eine Frau handelt, wird mit oder ohne das Gedicht nicht anders. Ebenso ist die oft geforderte Zivilcourage gut gemeint, die Regel ist das Wegsehen und sei es nur, damit man hinterher nicht als Zeuge geladen werden kann, von einem Einschreiten ganz zu schweigen.

    Es lässt sich ein Bogen schlagen von den Zuständen im Mittelalter über Waris Diries „Wüstenblume“ zu den heutigen Dingen, die als Besetzungscouch u.ä. verharmlost werden und solange jedes Ding und jeder Mensch nur über seinen Preis oder Wert definiert wird, sieht es für Frauen weiter schlecht aus – Gedicht hin oder her.

    Lange Rede – kurzer Sinn, um sich der Probleme von Frauen in unserer Zeit bewusst zu werden, hätte es für mich weder der aufgeplusterten Debatte um ein Gedicht bedurft noch anderer medial übersteigerter Themen, die dann doch irgendwann wieder „durch“ sind. In diesem Kontext könnte man sich genauso am Lied „Sag mir, wo die Blumen sind…“ abarbeiten.

    Sorry für den Aufsatz und auf die Gefahr hin, wieder missverstanden zu werden

    • Willkommen, Siewurdengelesen!
      Auf die Schnelle:

      … am Grundproblem der Frauenrechte und einem anderen Wahrnehmen der Frauen an sich …

      Haben Sie mal überlegt, ob es sich gar nicht um spezielle Frauenrechte, sondern um hundsgewöhnliche Menschenrechte handeln könnte? Das nähme Einfluß auf die Wahrnehmung.

      Wahrnehmung ist ein spannendes Thema, kennen Sie Das Attentat von Harry Mulisch oder Kurosawas Rashomon? In beiden wird eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und demgemäß unterschiedlicher Wahrnehmung erzählt, ist interessant.

      Morgen gern mehr.

      • Moin

        „Haben Sie mal überlegt, ob es sich gar nicht um spezielle Frauenrechte, sondern um hundsgewöhnliche Menschenrechte handeln könnte?“

        Das steht indirekt im Absatz darunter beim Recht des Stärkeren. Beim Gedicht geht´s aber nunmal speziell um den sexistischen Bezug auf Frauen, dessentwegen es u.a. übermalt werden soll.

        Menschenrechte werden generell täglich mit Füssen getreten, das ist wohl wahr. Wenn diese selbstverständlich(er) werden, dann geht es mit anderen Dingen auch bergauf wie z.B. dem, was derzeit so unter dem Thema Feminismus stattfindet. Genau diese Selbstverständlichkeit ist m.E. aktuell nicht zu schaffen.
        Umgekehrt schlösse ein Verbessern der von mir genannten prekären Probleme die speziellen der Frauen mit ein. Es ist deswegen noch lange kein Automatismus, machte aber vieles leichter, weil eben selbstverständlicher auch in dieser Hinsicht.

        Das Buch und der Film sagen mir leider nichts, das Betrachten von mehreren Seiten könnte man als Dialektik bezeichnen?

        • Wenn diese (Menschenrechte, dvw) selbstverständlich(er) werden, dann geht es mit anderen Dingen auch bergauf wie z.B. dem, was derzeit so unter dem Thema Feminismus stattfindet. Genau diese Selbstverständlichkeit ist m.E. aktuell nicht zu schaffen.

          Welche Maßnahme/n zur Lösung der wirklich wichtigen und von Ihnen genannten prekären Probleme schlagen Sie vor?

          Lieber Siewurdengelesen, ich hoffe ja noch, Sie mißzuverstehen. Bis jetzt würde ich Ihre Beiträge so auf Nutshell-Größe bringen: °Die Mädelz halten jetzt mal besser die Fresse, arbeiten gefälligst wieder mit und nach erfolgreich absolvierter Weltrevolution (m.E. aktuell nicht zu schaffen) sehen wir dann weiter°

          • „Welche Maßnahme/n zur Lösung der wirklich wichtigen und von Ihnen genannten prekären Probleme schlagen Sie vor?“

            Mal wieder so viele auf die Strasse bringen und Druck auf die Politik aufbauen, dass sich tatsächlich etwas ändert? Nur sehe ich da immer weniger und eine Weltrevolution ist natürlich besser;-)

            Warum schafft es eine Linke oder generell links verortete Parteien, Gewerkschaften und Bewegungen so überhaupt nicht mehr, Menschen zu mobilisieren und darüber etwas durchzusetzen, während die Rotzlöffel von AfD und Konsorten mit ihren ständigen Tabubrüchen, Provokationen und ihrem Populismus anscheinend soviel Macht entwickeln, dass die etablierte Politik sich tatsächlich treiben lässt und lieber Teile der AfD-Themen besetzt, statt Kontra zu geben?

            Dadurch könnte man innerhalb dieses jetzigen gesellschaftlichen Rahmens den Menschen- und Frauenrechten zumindest etwas mehr helfen als über solchen Kindergarten. Wenn es natürlich einen erfolgversprechenden Weg gäbe, diesen Mistkapitalismus über den Haufen zu werfen, bin ich lieber heute als morgen dabei und vielleicht erlebe ich es ja noch selber, bevor der Klimawandel, ein Krieg oder eine andere hausgemachte Katastrophe die Sache anders beenden.

            Und auch wenn es blöd und phrasenhaft klingt, in einer menschlicheren Gesellschaft dürften sich viele dieser Probleme ohne Druck tatsächlich emanzipatorisch selbst klären und das betrifft dann nicht nur die Stellung der Frauen. Das so etwas dauert und die Köpfe der Menschen auch mitkommen müssen, ist klar.

            Und was macht man da als vermeintlicher Gegenpol? Man verliert sich lieber im Kleinklein und zieht sich an einem Gedicht hoch, welches bereits 5 Jahre an der Wand steht. Wieviele tatsächlich an diesem offenen Brief gewirkt oder ihn zumindest unterstützt haben, der dann 2016 den Stein in´s Rollen brachte, steht ebenfalls nicht dabei. Der Bohei um dieses Ding ist genauso unsinnig wie die Bolzen um Veggie-Day, Gender-Texte und ähnliche Themen. Ausgerechnet daran reiben sich deren Verfechter jedoch restriktiv ohne Ende und sind damit ausgrenzender als die zu Beglückenden. Dann darf man sich wie hier als AStA auch nicht wundern, wenn man als elitäres Grüppchen gesehen wird und es ist auch kein Wunder, dass dann nahezu automatisch abgewunken wird bei solchen Themen, so sinnvoll sie denn auch sein mögen. Immerhin haben die Betreffenden „ihrer“ Sache damit einen echten Bärendienst erwiesen.

            Wie der AStA dann auch noch selber schreibt in seinem offenen Brief, werden die damit reflektierten Probleme in Hellersdorf und dem Alice-Salomon-Platz auch nicht gelöst, Hauptsache das als Hohn empfundene Gedicht ist weg.

            Andernorts „entdeckt“ man nach dem Zustrom an Flüchtlingen deren Antisemitismus und muss gleich mal einen Beauftragten dafür installieren. Den schon immer vorhandenen eigenen konnte man bis dahin gut ignorieren und mit dem Beauftragten verschwindet der natürlich auf der Stelle – genau wie der Sexismus in Hellersdorf nach dem Übermalen des Gedichts im Vogel-Strauss-Prinzip weg sein wird.

            Gomringer dürfte beim Schreiben kaum gewusst haben, dass sein Gedicht mal dort hängt und dann als sexistisch interpretiert und dadurch politisiert wird, genauso wie Kunst wie von Ihnen richtig beschrieben immer doof ist, wenn sie versucht wird zu instrumentalisieren. Genau das ist hier aber geschehen.

            Anstatt das Pferd von hinten aufzuzäumen und über den vermeintlichen Sexismus-Vorwurf das Ding von der Wand zu bringen, hätte man auch einfach sagen können: „Hey Leute, wie wäre es mit regelmässig wechselnden Themen und ab wann machen wir damit los?“ So herum hat das blöderweise jetzt etwas Willkürliches, noch dazu weil die Hochschulleitung alleine über den Vorwurf argumentatorisch bereits in die Ecke gedrängt wird.

            Um dabei die vermeintlich männliche Perspektive meinerseits zu entkräften – neben der eigenen Sicht habe ich mich auch mit anderen Frauen drüber unterhalten, einer meiner Töchter und ihren Mitkommilitonen das Ganze zugeschickt, ohne das diese etwas von mir dazu wissen. Letztere studiert/en zur angehenden Unterstufenlehrerin und ist/sind damit nicht soweit weg vom Thema ähnlich wie die Studenten an dieser Hochschule.
            Die meisten Reaktionen verliefen sich gelinde gesagt trotzdem in einem eher verständnislosen Kopfschütteln.

              • Na, weil der AStA „ihrer“ Sache damit einen echten Bärendienst erwiesen, das Pferd von hinten aufgezäumt, damit blöderweise … etwas Willkürliches initiiert und die Hochschulleitung alleine über den Vorwurf argumentatorisch … in die Ecke gedrängt hat.

                Der offene Brief als Wunderwaffe, sozusagen.

                Dagegen kommen hochschulinterne Debatte ab 2016, Wettbewerb und Online-Entscheidung über die 21 eingereichten Vorschläge nicht an^^

                • Der offene Brief als Wunderwaffe – denn der war doch erst die „Konsequenz“ des AStA, in welchem nach Sicht desselbigen und der Studierenden (wieviele waren das eigentlich, die neben dem AStA überhaupt gefordert haben, diesen zu schreiben?) über den Vorwurf des Sexismus das Überdenken und implizit das Entfernen von der Hochschulleitung verlangt wird.

                  Nach der zweijährigen und damit recht kurzweiligen Debatte über die neue Fassade hat sich dann ein Drittel der Studenten überhaupt an der Abstimmung beteiligt und von denen haben die meisten mit 217 Stimmen für ein Zitat von Alice Salomon und ein Gedicht von May Ayim gestimmt. An die Wand kommt eines von Barbara Köhler – kein Kommentar.

                  Alleine angesichts der Zahlen bleibe ich bei meiner Meinung, nach der das Gedicht zum Hebel wird. Man könnte auch fragen, wieviele der dort Studierenden sich überhaupt Gedanken über das Gedicht gemacht haben, geschwiege denn, dass sie sich in der Art und über das Umfeld davon gestört oder diskriminiert fühlten? Schätze mal, dass es nicht so viele waren, wofür auch die Beteiligung an der Abstimmung usw. spräche – ergo eben elitär und aufgesetzt als Debatte.

                  Sexismus ist inzwischen ebenfalls eine derartige Keule und vorverurteilendes Totschlagargument, dass man keine Chance hat, sich dagegen zu äussern, ohne gleich „patriarchalisch, machohaft und diskriminierend“ zu sein – so what?

                  PS. Selbes Spiel – neue Runde:

                  https://www.tagesschau.de/ausland/manchester-art-gallery-101.html

                  PPS. Weitere Vorschläge dafür:

                  Bilder von Rubens oder die schlummernde Venus wären noch so ein Objekt der Begierde. Es gibt noch steinzeitliche und indianische Mamma-Figurinen, die in ihrer wollüstigen Überproportionierung neben Fruchtbarkeitsriten sicher auch in irgendeinem Kontext sexistisch sind.

                  Unglaublich wie so die Künstler quer durch die Zeiten schon um unsere heutigen Probleme wussten und schon mal ein paar Anstössigkeiten liegenlassen haben in der Hoffnung, dass mal jemand drüberfällt…

                  Trotzdem hat sich an den Zielen einer Alice Salomon gesellschaftlich null verbessert ausser dem, dass man/frau jetzt darüber debattiert (na gut – hat man zu ihrer Zeit sicher auch schon). Auf die Füsse gekommen ist sie selbst nach ihrer Emigration auch in den USA nicht mehr. Ein ähnlicher Fall wäre Hertha Nathorff, die in derselben Zeit die erste Kinder- und Frauenklinik Berlins leitete und die ebenfalls nach dem Emigrieren nie wieder in ihrer Position anerkannt wurde. Aber als gesellschaftliches Problem gilt das ja anscheinend nicht, obwohl es genau ein solches ist trotz Frauenquote und Binnen-I. Da das dieser gesellschaft inhärent ist, ist das innerhalb selbiger trotzdem nicht zu lösen. So btw. war man in dieser kleinkarierten DDR diesbezüglich schon Meilen weiter als zum jetzigen Zeitpunkt, ohne das darüber derart diskutiert werden musste, sondern es war zumindest zu meiner Zeit bereits ein mehrheitlich akzeptiertes „Selbstverständnis“.

                  Genau solche Frauen würden sicher wie beschrieben im Grabe rotieren angesichts dessen, was man in Kunst so alles projiziert und doch meilenweit weg sein dürfte von dem, was sie sich auf die Fahnen schrieben. Vor diesen Frauen ziehe ich tausendmal mehr den Hut als vor dem AStA, der diese nummer verbockt hat!

                  PPS. Text-Taliban, Zensur usw. sind nicht auf meiner Miste gewachsen, das ist diese alberne Diskussion und das Gewese drumherum noch lange nicht, aber wenn Kunst instrumentalisiert wird, kann nur Murks dabei herauskommen und das regt mich auf, egal aus welcher Ecke der Schuss kommt…

                • In einem Punkt gebe ich Ihnen recht:

                  So btw. war man in dieser kleinkarierten DDR diesbezüglich schon Meilen weiter als zum jetzigen Zeitpunkt, ohne das darüber derart diskutiert werden musste, sondern es war zumindest zu meiner Zeit bereits ein mehrheitlich akzeptiertes „Selbstverständnis“.

                  Ja, die staatlich verordnete Emanzipation der Frauen in der DDR erübrigte so manche Diskussion.

                  Zum Rest Ihres Kommentars erspare ich Ihnen und mir den Einspruch, mir ist es auch herzlich egal, vor wem Sie warum Ihren Hut nicht ziehen, wer warum Ihrer Meinung nach im Grab zu rotieren hätte und was Sie für Keulen und für Totschlagargumente halten: let’s agree to disagree.

  14. Bei Sexismus, Rassismus, Homophobie… sollte mensch eher das I-Net nutzen, um eigene Denkmuster diesbezüglich zu hinterfragen anstatt auf sowas reinzufallen und „Zensur“, „Meinungsdiktatur“ … in die Tasten zu hauen. Es kann aber von den Leuten, die sich da länger mit beschäftigen nicht zwingend vorausgesetzt werden, daß jede/r* soviel Bezugspunkte, Zeit und Verständnis dafür hat/hatte und dementsprechend auch die nötige Sensibilität entwickelt. Verlangen kann mensch aber, sich den Vorgang (wie hier mit dem Gedicht) kurz anzugucken und nicht die „Meinung“ von Leuten zu übernehmen, die noch nicht mal wissen, daß es in der BRD keine Zensur gibt. Es gibt Indizierung (Jugendschutz) und Verbot (strafrechtliche Relevanz).
    Lustigerweise sind auch prominente Frauen so blöd, da Scheiße zu labern/schreiben wie die PEN-Chefin (wobei, äh, prominent, naja, deren Namen ist mir nicht erinnerlich) oder eine französische Schauspielerin, die das wohl ihrer Meinung nach leider noch nicht als immaterielles Weltkulturerbe anerkannte Flirten a`la francaise mit #metoo sterben sieht.

    Daß der Post von heute früh nicht ernst war, kam hoffentlich rüber, natürlich passieren auch mir trotz manchmal nachdenken Lapsusse, bin ja nun auch kein Engel und lebe in einer patriachalen Welt…

    • Ja, der gomringador ist großartig, den hatte ich vor ein paar Tagen für den ob schon verlinkt.
      Die Debatte wird unfaßlich bekloppt geführt und sie zeugt von zero Medienkompetenz.
      Aber wozu sich informieren, wenn man auch meinen und Zensur krähen kann?

  15. Der guten Ordnung halber: da mein Blog auch beim Freitag diskutiert wird und dort von Nutzer Freitag20 der Mythos gehäkelt wurde, Gomringer hätte – weil er halb Schweizer, halb Bolivianer ist, das Gedicht bolivianischen Blumenverkäuferinnen gewidmet und nicht die Ramblas in Barcelona in den 50ern beschrieben, habe ich oben im Blog das Statement von Nora-Eugene Gomringer (Tochter) hinter ‚Ramblas‘ verlinkt, sie sagt: Ramblas. Ohne Worte, wie bereitwillig die unbelegte Behauptung von Freitag20 geglaubt wird.

    Ansonsten: davon abgesehen, daß Magda das Gedicht nett-betulich findet, während ich es sehr mag, passt zwischen sie und mich in der Beurteilung der Diskussion darüber und über „Zensur“ höchstwahrscheinlich kein Blatt Papier. Das so vorhersehbare wie unterirdische Niveau, auf dem die Diskussion von den meisten beim Freitag geführt wird, bestätigt mich in meiner Entscheidung, dort nie wieder zu bloggen.

  16. Pingback: Kunst macht was sie will | Der Dilettant

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