Mördersprache

 

Heute vor 30 Jahren starb Rose Ausländer.

 


 

Noch bist du da
Wirf deine Angst
in die Luft

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da

Sei was du bist
Gib was du hast

 


 

Wir wohnen
Wort an Wort

Sag mir
dein liebstes
Freund

meines heißt
DU

 


 

Katja Nau, taz: Mach wieder Wasser aus mir

Helmut Braun, Deutschlandfunk: Mein Atem heißt jetzt

 


Foto: Screenshot


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14 Gedanken zu „Mördersprache

      • Nix weiter. Wir könnten natürlich über die persönliche Interpretation von Like-Sternchen diskutieren. Ich benutz die meist als Gelesen-Zeichen. Weglassen sei mir hier ein wohlwollend gelesen aber nix verstanden oder erfühlt und deshalb gar keine Ahnung wie ich drauf reagieren könnte sollte müsste….

        • Lieber Alice Wunder, so weit, daß Sie sich für kein Like rechtfertigen müßten, kommt es hoffentlich nie.
          Ich finde nicht nur Rose Ausländers Lyrik bemerkenswert, sondern auch und vor allem ihr Leben – will sagen: vielleicht können Sie mit dem verlinkten taz-Artikel mehr anfangen, Grüße!

  1. zu Deutsch als Mördersprache:
    Als radikaler Linker fühlte ich mich immer frei von einer „deutschen Schuld“, bis mich ein kleines Mädchen in der chinesischen Uni, wo ich arbeitete, ansprach: „Ni hao, fashiste xiansheng!“ (Guten Tag, Herr Faschist!). Ich war vom Donner gerührt, besann mich dann und antwortete freundlich: „Ni hao, xiaojie!“ (Guten Tag, mein Fräulein!) An der Uni gab es damals ein kostenloses Freilichtkino, das an Wochenenden oft Kriegsfilme zeigte, in denen Deutsche nur als Faschisten vorkamen. Ich war an dieser Uni der einzige „De-guoren“, „der Deutsche“.
    Dass sich Eigenbild und Fremdbild nie decken, zeigte mir auch Lilo, eine amerikanische Professorin, die mit 14 mit ihrer jüdischen Familie 1936 aus Nazi-Deutschland hatte fliehen müssen, und die als Austauschprofessorin ein Semester an dieser Uni arbeitete. Wenn wir uns auf Deutsch unterhielten, blieb sie strikt beim „Sie“ und erzählte, wo immer sie auf einer Gesellschaft in den USA jemand Deutsch sprechen hörte, überzog sie Gänsehaut. Auf Englisch wurden wir sehr gute Freunde. Auch sie ist nicht mehr unter uns, aber nicht vergessen.

    • Und nu?
      Ich staune über Ihre Assoziationen zum 30. Todestag von Rose Ausländer, mir ist es ein Rätsel, woher das Bedürfnis kommt, über deutsche Schuld zu räsonieren und sich selbst frei zu sprechen. Ich nehme an, Sie sind wie ich nach der Shoa geboren, weswegen von Schuld im juristischen Sinn ohnehin nicht die Rede sein kann. Ungeachtet dessen liegt systematische, industriell durchgeführte Menschenvernichtung im Rahmen der menschlichen, also auch im Rahmen Ihrer und meiner Möglichkeiten. Davon kann sich niemand frei fühlen, sondern jede/r sollte Verantwortung dafür übernehmen.

  2. Ich denke, Sie haben nicht richtig gelesen.
    Ich schrieb: „ich fühlte mich frei…., bis…“ Das beschreibt einen vergangenen Zustand.
    Und „Schuld“ steht da in Anführungsstrichen.

    • Ich denke, Sie haben nicht richtig gelesen. … Und „Schuld“ steht da in Anführungsstrichen.

      Nö, da steht „deutsche Schuld“ in Anführungsstrichen. Schuld (von der juristischen abgesehen) ist ein mir persönlich zu biblischer oder psychologischer Begriff. Im Gegensatz zur Verantwortung für die eigenen menschlichen Möglichkeiten, von der weder nationalstaatliche noch politische Zugehörigkeit befreit.

      • Um penibel zu sein: ja, außer „Schuld“ schrieb ich auch das Adjektiv „deutsche“ mit in die Anführungsstriche. Das kennzeichnet beides als Zitat. Es steht hier als Stellvertreter für eine Palette von Themen und Vorstellungen.
        Mein Thema war nicht „Schuld“, sondern ausdrücklich „Deutsch als Mördersprache“, was Sie als Überschrift dieses Posts vorgegeben hatten. Zu diesem Thema habe ich auch keine „Assoziationen“, sondern persönliche Erlebnisse beigesteuert.
        Schade, dass flüchtiges Lesen zu solch überflüssigen Bemerkungen veranlasst!

        • Lieber Wal B., ich habe Sie aufmerksam gelesen. Sie werden damit leben müssen, daß ich mit keinem Ihrer Kommentare zu Rose Ausländers 30. Todestag allzu viel anfangen kann. Das ist weder Anlaß noch Grund für Unterstellungen und Unfreundlichkeit.

          Mördersprache hätte ich als Zitat kennzeichnen können, das sagte Rose Ausländer über die deutsche Sprache im Zusammenhang mit ihrem langjährigen Unvermögen, Lyrik auf Deutsch zu schreiben. Ich habe das nicht getan, weil ich ihre Sprache mördermäßig gut finde und diese Zweideutigkeit im Titel wollte.

          Anhand ihrer Texte habe ich erst begriffen, daß Lyrik die schwerste, weil kondensierteste Ausdrucksform ist und daß vermeintlich einfache Sprache die allerschwierigste ist.

          • In dem von Ihnen verlinkten Taz-Artikel heißt es: „In Deutsch, der „Mördersprache“, kann Rose Ausländer in New York lange nicht ­schreiben.“
            Darauf habe ich mich bezogen. Dass „Mördersprache“ irgend eine positive Konnotation hätte, kann ich nicht nachvollziehen.
            Ansonsten: Ich mag Lyrik, Missverständnisse und Fehldeutungen eingeschlossen. Genug von mir!

  3. Jetzt wo ich das erste Gedicht lese kommt’s mir vor wie ein durch die Konzentrationslager gegangener Goethe (Über allen Gipfeln) Beklemmend. Und wie weit „wirf deine Angst in die Luft“ entfernt ist von scheinbar gleichlautenden heutigen Wohlfühl-Lebensratgebern – einfach weil man an aufsteigende Menschenasche denken muss.

  4. Adorno hielt nicht nur Gedichte nach Ausschwitz für Barbarei. Seinem strengen und von Ressentiments gesteuertem Urteil entkam überhaupt nur wenig. Vieles von dem, was uns (heute) an Musik und Kultur erfreut, strafte er oder hätte er er mit Verachtung gestraft. (In Bezug auf Ausschwitz ist das noch am ehesten nachvollziehbar. Ganz und gar nicht jedoch etwa in Bezug auf seine Trennung von richtiger und falscher Musik, wie er sie in der Philosophie der neuen Musik ausführt.)

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