Unverwundbar

Etwa 790.000 Menschen weltweit töten sich jedes Jahr selbst. Mehr als 500.000 davon sind Männer. Suizid ist die 17.-häufigste Todesursache weltweit, für die 15 bis 29-jährigen die 2.-häufigste (nach Unfällen). In Deutschland bringen sich jeden Tag 3 Jugendliche um und 10 versuchen es. Bei uns nimmt sich alle 52 Minuten ein Mensch das Leben, alle 5 Minuten findet ein Suizidversuch statt, alle 9 Minuten verliert jemand einen ihm lieben Menschen durch Selbsttötung.

73% aller Suizide in Deutschland werden von Männern verübt. Während die Suizidrate generell rückläufig ist (außer bei Kindern und Jugendlichen), steigt die Zahl ungeklärter Todesfälle. Es ist davon auszugehen, daß z.B. eine ganze Menge Verkehrsunfälle eigentlich Suizide sind.

Kaum jemand tötet sich out of the blue. Fast jedem Suizid und jedem Versuch dazu gehen Hinweise und Warnzeichen voran. Sehr viele Suizidale wollen nicht ihrem Leben ein Ende setzen, sondern ihren Problemen.

 


 

In Deutschland sind zwischen 200.000 und 500.000 Menschen obdachlos, davon sind rund drei Viertel Männer. Ein typischer Verlauf in die Obdachlosigkeit bei Männern ist das Ende der Ehe oder Beziehung, oft gesäumt von Alkoholmißbrauch und Aggressivität, einer längeren Phase von Post-nicht-mehr-öffnen und auch sonstiger Unerreichbarkeit, gefolgt vom Verlust von Arbeitsplatz und Wohnung.

Zu Obdachlosen werden kaum Statistiken erhoben. Der Berliner Senat begründet das so: „Obdachlose, die sich nicht im Hilfesystem aufhalten, sind grundsätzlich nicht zählbar.“ Senat und Bezirke gehen von 1.400 Obdachlosen aus, die Schätzungen der Hilfsorganisationen liegen bei 8.000 bis 10.000 Menschen, die allein in Berlin durch alle Netze gefallen sind.

In der Haupstadt werden in diesem Jahr 5,6 Millionen Euro für Obdachlose ausgegeben. Zum Vergleich: die Betriebskosten der BER-Baustelle betragen in weniger als einer Woche, von Montagmorgen bis Donnerstagnachmittag, 5,8 Millionen Euro.

Obdachlose sind sehr viel häufiger von psychischen Erkrankungen betroffen als die übrige Bevölkerung. Unbehandelte Depressionen, Schizophrenie, Angst-, Zwangs-, Borderline-Störungen können sehr dazu beitragen, keinen der dünnen Amts-Strohhalme ergreifen zu können.

 


 

Männer sterben überall auf der Welt früher als Frauen. Obwohl Frauen das kleinere Stück vom Kuchen bekommen, weniger Entscheidungsmacht ausüben, schlechter bezahlt werden und über weniger Vermögen verfügen, weniger gesund und weniger fit sind als Männer. Nein, das hängt kaum mit gefährlicheren Berufen und mit Kriegen zusammen, auch die Verteidigung der Sippe gegen angreifende Säbelzahntiger und die Mammutjagd kamen schon vor einer Weile aus der Mode.

Männer leben übrigens länger, wenn sie verheiratet oder im Kloster sind. Wenn also jemand anderes für sie sorgt, sie zum Arzt schickt, die Seele streichelt, für Kommunikation, soziale Kontrolle und regelmäßige Ernährung zuständig ist.

 


 

Der Frauenanteil an der deutschen Bevölkerung liegt stabil bei etwas über der Hälfte. Der Anteil von Frauen an allen Tatverdächtigen beträgt ein Viertel und unter Strafgefangenen ein Zwanzigstel. Diese Diskrepanz ist in anderen Ländern noch ausgeprägter. (sehr lesenswerter Artikel von Jana Hauschild in der Berliner Zeitung: Warum Frauen nur einen Bruchteil aller Straftaten begehen, ebenso Gabriele Schmölzer – Geschlecht und Kriminalität: Zur kriminologischen Diskussion der Frauenkriminalität)

Männer stellen die übergroße Mehrheit der Täter schwerer Gewaltkriminalität. Und sie werden doppelt so oft Opfer von Gewalt als Frauen.

 


 

Männer kennen keinen Schmerz. Jungen weinen nicht. Sätze, die zu toxischer Männlichkeit erziehen. Toxisch vor allem für Männer.

Männer bringen sich lieber um oder stürzen ins Bodenlose, als sich bei Problemen Hilfe zu suchen. Männer schlagen eher zu und saufen sich blöde, als Konflikte mit Sprache zu lösen. Auch Konflikte mit sich selbst, die bei buchstäblich asozialem Verhalten oder bei gut behandelbaren psychischen Störungen zutage treten. Männer glauben, sie seien unverwundbar und blieben ewig jung.

Wenig überraschend, daß wer seine eigenen Schmerzen nicht einmal bemerkt, auch das anderen Menschen zugefügte Leid nicht ernst und wahr nimmt. Wer emotional und sozial kaum für sich selbst sorgen kann, muß seine Abhängigkeit von anderen leugnen und deren Engagement gering achten und kleinreden. Wer vor lauter Rüstung nicht mehr weiß, wo er anfängt und wo er aufhört, der betrachtet auch Übergriffe auf andere als sein Naturrecht.

Was hat das Gegenüber auch keine starke und schimmernde Rüstung, selber schuld! Oder der Rock war zu kurz und das Dekolleté zu tief.

Ein Mann muß tun, was ein Mann tun muß. Boys will be Boys.

Sexualisierte Belästigungen und Gewalt gegen Frauen sind „nur“ Ausläufer toxischer Männlichkeit. Toxisch ist sie auch für Männer und zwar wie.

 


 

Wenn Big Alice mit irgendeinem Satz recht hat, dann mit dem: Frauen sind nicht die besseren Menschen.

Frauen werden aber ab der Minute ihrer Geburt auf eine mögliche Mutterrolle vorbereitet. Für Mädchen ist die Möglichkeit einer Mutterschaft spätestens dann omnipräsent, wenn sie ihre erste Blutung hatten.

Für Jungen fehlt jede äquivalente Vorbereitung auf Vaterschaft und die damit verbundene Rolle, die bei den Frauen weit über Aufzucht und Hege der eigenen Brut hinaus gesellschaftliche Wirkung entfaltet und nicht davon abhängt, ob eine Kinder hat oder nicht. Viele Männer denken das erste Mal über ihre Rolle als Vater nach, wenn oops die Liebste schwanger ist. Jungen werden eher zu Leistung und Stärke erzogen. Das trägt der gesellschaftlichen Entwicklung der letzten 150 Jahre, u.a. daß Frauen eigenes Geld verdienen und ihren Platz im öffentlichen Raum und in männlichen Domänen behaupten, nur unzureichend Rechnung.

Bei Müttern, damit potentiell bei allen Frauen gilt als wünschenswert, daß sie sich liebevoll, zugewandt und fürsorglich verhalten. Das sind keine genetisch bedingten Instinkte oder die Hormone, sondern erlernte und erlernbare Sozialkompetenzen. Frauen dürfen Emotionen zeigen, sie dürfen darüber reden, weinen und auch mal hilfsbedürftig und schwach sein. Erklärungen dafür wie Mutterinstinkt oder Natur ragen ins weite Feld der „alternativen“ Fakten.

Es gibt keinen einzigen vernünftigen Grund, warum Jungen und Männer nicht auch ihre Emotionen spüren, zeigen und kommunizieren dürfen und ihren Beitrag zum sozialen Kitt lernen können. Dürfen und lernen sollten, me thinks.

Die Welt wäre ein friedlicherer Ort und der Sex würde besser. Womöglich wär’s die Weltrevolution.

 


Bild: Brustpanzer, aus Wendelin Boeheim, Handbuch der Waffenkunde (Leipzig 1890) Wikimedia Commons, gemeinfrei
Nachtrag 20h30: der Blog entstand aus einem Austausch mit ob also known as Radikale Heiterkeit, falls jemand nachlesen möchte: ab hier


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47 Gedanken zu „Unverwundbar

  1. Da ich diesen Text offenbar persönlich zu verantworten habe (hier bitte ein Smiley denken), antworte ich natürlich auch gerne. „Frauen sind nicht die besseren Menschen“ … Tatsächlich stellen Sie aber mit Ihrer ausführlichen Bestandsaufnahme hier praktisch das Gegenteil fest. Natürlich mit der Aussicht auf Besserung, sofern sich der Mann die richtigen sozialen Kompetenzen antrainieren lässt. Vielleicht sollten sich die Frauen im Gegenzug dann auch ein wenig mehr Durchsetzungsfähigkeit antrainieren lassen, um in Zukunft vielleicht ein größeres Stück vom Kuchen abzubekommen. Das ist nämlich nicht nur strukturell bedingt, auch wenn das immer wieder behauptet wird. Ich persönlich kenne keine einzige Frau, die in der gleichen Position weniger verdient als ihre männlichen Kollegen.

    • Vielleicht sollten sich die Frauen im Gegenzug dann auch ein wenig mehr Durchsetzungsfähigkeit antrainieren lassen, um in Zukunft vielleicht ein größeres Stück vom Kuchen abzubekommen.

      Hmnuja, aus meiner Sicht zeugt es von allerhand Durchsetzungsfähigkeit und von Marathonqualitäten, sich binnen 200 Jahren von knapp über dem lieben Vieh zu Menschen mit Intellekt und Rechten zu emanzipieren und Männer trotz ihres gelegentlich feindseligen und bräsigen Verhaltens und trotz Männerschnupfen immer noch liebzuhaben. Statt sie blutig und gewalttätig zu bekämpfen.

      Das mit dem Stück vom Kuchen meinte ich primär auf Frauen in armen Ländern bezogen, die (Beispiel Subsahara-Afrika) zwar um die 80% der Lebensmittel und runde 50% der Cashcrops produzieren, aber kein Land besitzen und nur selten zu ein bißchen Spiel- und Investitionsgeld kommen – um z.B. die Gören sicher in die Schule schicken oder Kleinunternehmerinnen werden zu können.

      Falls Sie eine Quoten- oder eine Gender-Pay-Gap-Eliten-Diskussion führen möchten, wären Sie hier am Thema vorbei gesegelt. Zum Thema gehört, daß weibliche Arbeit (Erziehung, Pflege usw.) tradiert unentgeltlich, bzw. heute meist schlecht bezahlt verrichtet wird und ihr generell wenig Relevanz zugemessen wird, obwohl besagte Sozialkompetenzen der gesellschaftliche Kitt schlechthin sind.

      • Ich hatte das mit dem Pay-Gap nur angekitzelt, weil Sie ja doch recht allgemein feststellten, dass „Frauen das kleinere Stück vom Kuchen bekommen, weniger Entscheidungsmacht ausüben, schlechter bezahlt werden und über weniger Vermögen verfügen“ … Dass Pflege und Erziehung gesellschaftlich höher geachtet und somit in den entsprechenden Berufen auch höher bezahlt gehören, würde ich immer unterschreiben. Ob Mütter oder Eltern für die Aufzucht ihrer eigenen Kinder ausreichend finanzielle Unterstützung erhalten, kann ich nicht beurteilen, weder für Deutschland noch für Subsahara-Afrika. Diese Obsession mit den Sozialkompetenzen kann ich leider nicht so teilen. Muss ich ja auch nicht. Sie sind im Gegenzug auch wirklich nicht dazu verpflichtet, irgendwelche bräsigen Männer lieb zu haben. Mit oder ohne Schnupfen. Es zwingt uns niemand.

        • Ich hatte das mit dem Pay-Gap nur angekitzelt, weil Sie ja doch recht allgemein feststellten, dass „Frauen das kleinere Stück vom Kuchen bekommen, weniger Entscheidungsmacht ausüben, schlechter bezahlt werden und über weniger Vermögen verfügen“

          Außerdem hatten Sie mir vorgeworfen:

          „Frauen sind nicht die besseren Menschen“ … Tatsächlich stellen Sie aber mit Ihrer ausführlichen Bestandsaufnahme hier praktisch das Gegenteil fest.

          Öhm, ich stellte männliches Verhalten und dessen Folgen hauptsächlich für Männer praktisch fest. Ich habe nicht die blasseste Ahnung, warum Sie mir dazu eine Gender-Pay-Gap-Diskussion antragen. Worauf ich die Unterprivilegierung von Frauen im Zusammenhang mit ihrer dennoch höheren Lebenserwartung bezog, habe ich noch einmal nachgeschoben. Im Text ist die Nichtbeschränkung auf Deutschland oder andere reiche Länder im ersten Satz des Absatzes nachlesbar: überall auf der Welt.

          Diese Obsession mit den Sozialkompetenzen kann ich leider nicht so teilen. Muss ich ja auch nicht. Sie sind im Gegenzug auch wirklich nicht dazu verpflichtet, irgendwelche bräsigen Männer lieb zu haben. Mit oder ohne Schnupfen. Es zwingt uns niemand.

          Sie haben einen zweiten bewohnbaren Planeten entdeckt?

          • Antwort auf Ihre letzte Frage: Ja, das habe ich tatsächlich, es handelt sich dabei um meinen eigenen Verstand. Dort herrscht ganzjährig ein heiteres Klima, mit günstigen Bedingungen für Selbstbestimmung und Exzentrik. Ihnen wünsche noch viel Vergnügen bei der mühsamen Umerziehung des eigenen Heimatplaneten.

  2. Zwei kleine Anmerkungen…

    – Der Panzer hat ja eine Funktion, nämlich die eigene Verletztlichkeit zu beschützten… möglichst unverwundbar zu machen. Im Gegensatz zu schweren Ritterrüstungen oder Kriegsgerät sind emotionale Panzer aber _nicht_ bewußt und werden noch dazu als Teil der eigenen Identität wahrgenommen.

    – Das ganze Bild von Männlichkeit ist massiv verzerrt. Aber das ist vermutlich einer der fettesten Brocken an denen „moderne“ Gesellschaften kranken. Und diese lebensfeindlichen, dysfunktionalen Muster reichen Ewigkeiten zurück.

    Hoffnung? … „There is a crack in everything, that’s how the light get’s in.“ – Leonard Cohen

    Und noch ein Hinweis auf die Doku Vererbte Narben – Generationsübergreifende Traumafolgen

  3. Pingback: Aufgelesen und kommentiert 2017-10-24 – "Aufgelesen und kommentiert"

  4. Es wäre ja schon mal ein schöner Anfang, wenn es zusätzlich zu den Hilfsangeboten für Frauen und Mädchen auch solche für Jungen und Männer gäbe. Und zwar nicht nur unter dem Label „du willst nicht Täter sein“.

    Auch schön wäre es, wenn man in die Forschung über (und Vorsorge gegen) männerspezifische Krankheiten genauso viel Geld investieren würde wie bei frauenspezifische Krankheiten. Beispiel: Brustkrebs und Prostatakrebs, die beide eine ähnliche Mortalität aufweisen.

    • Ja, ich freue mich auch, daß Sie hier kommentieren. Willkommen rano64!

      Es wäre ja schon mal ein schöner Anfang, wenn es zusätzlich zu den Hilfsangeboten für Frauen und Mädchen auch solche für Jungen und Männer gäbe. Und zwar nicht nur unter dem Label „du willst nicht Täter sein“.

      Wenn ich Ihre Aufmerksamkeit auf den ersten Kommentar des vorigen Blogs lenken darf?

      Auch schön wäre es, wenn man in die Forschung über (und Vorsorge gegen) männerspezifische Krankheiten genauso viel Geld investieren würde wie bei frauenspezifische Krankheiten. Beispiel: Brustkrebs und Prostatakrebs, die beide eine ähnliche Mortalität aufweisen.

      Ja, das wäre schön und gilt auch für Behandlungen psychischer Störungen bei Männern. So äußern sich z.B. Depressionen bei Männern häufig anders als bei Frauen, viele Männer haben Schwierigkeiten, sich als erkrankt und hilfsbedürftig wahrzunehmen und auch im geschützten Raum einer Therapie über ihre Probleme zu sprechen und sie zu lösen.

      Mit Ihrem Vergleich von Prostata– und Brustkrebs haben Sie allerdings kein gutes Beispiel gewählt (Leukämie und Darmkrebs wären bessere, da bei Männern wesentlich häufiger als bei Frauen). Prostatakrebs tritt hauptsächlich bei älteren Männern auf, die vielfach vor der Symptomatik sterben. Nicht am Krebs, sondern an anderen Erkrankungen oder am Alter.

      Die populärwissenschaftliche Standardquelle zur Prostatakrebs-Vorsorge (Fettung von mir):

      Die von der Deutschen Gesellschaft für Urologie in Verbindung mit der Deutschen Krebshilfe herausgegebene interdisziplinäre Leitlinie zur Früherkennung (Screening) liegt in der Version 2.2 von 2014 vor. Sie beleuchtet das Thema ausführlich unter Berücksichtigung der aktuellen Studienlage. Gegenwärtig wird Männern ab 45 (bei familiärer Belastung ab 40) zu einer jährlichen Vorsorgeuntersuchung durch einen Facharzt geraten, die durch die Krankenkassen getragen wird. Dabei handelt es sich allerdings nur um eine digitale-rektale Untersuchung (DRU). Dies wird von der neugefassten Leitlinie jedoch nicht als ausreichend erachtet; eine Vorsorgeuntersuchung sollte bei Männern ab 40 Jahren und einer Lebenserwartung von über zehn Jahren neben der rektalen Tastuntersuchung der Prostata auch die Bestimmung des PSA-Wertes durch einen PSA-Test beinhalten.

      Die Leitlinie empfiehlt im Rahmen einer Früherkennung, beim Vorliegen von mindestens einem der drei folgenden Kriterien zur definitiven Diagnose mittels Biopsie (meistens durch Stanzbiopsie) mehrere Gewebeproben zu entnehmen:

      ab einem PSA-Wert von 4 ng/ml,
      auffälliger Befund bei digital-rektaler Tastuntersuchung (DRU),
      auffälliger PSA-Anstieg.

      Mit anderen Worten: gehen Sie regelmäßig zum Urologen und fordern Sie Ihre Krankenkasse zur Kostenübernahme des PSA-Testes auf. Interessieren würde mich, ob Prostatakrebs bei Homosexuellen ebenso oft vorkommt/erst spät erkannt wird oder ob die Beschäftigung mit der Prostata als höchst erfreulichem Körperteil dem vorbeugen hilft.

      Grundsätzlich besteht ein Zusammenhang zwischen nachgefragter und angebotener Hilfe/Behandlung/Forschung/Vorsorge/Finanzierung.
      Wußten Sie, daß Medikamente sehr lange nur an Männern getestet wurden, weil man Frauen und Kinder als deren kleinere Ausgabe betrachtete?

      • Vielen Dank für die freundliche Begrüßung in ihrem Blog, die Dame. Ihren Kommentar zum Artikel vorher hatte ich sehr wohl gelesen, aber fünf Gewaltschutzhäuser und eine Hotline für 40 Mio. Männer ist quasi nichts. Wie viele Frauenhäuser gibt es? So 350 bis 400 in etwa, oder? Und selbst das ist noch viel zu wenig.

        Ich stimme ihnen aber zu, dass wohl tatsächlich viele Männer ein Problem damit haben, sich selbst als hilfsbedürftig wahrzunehmen oder gar zu outen. An der Rollenzuschreibung für Männer hat sich leider noch nicht viel geändert.

        Und keine Sorge: Natürlich gehe ich regelmäßig zum Urologen. Ich bin doch nicht bekloppt.

        • … aber fünf Gewaltschutzhäuser und eine Hotline für 40 Mio. Männer ist quasi nichts.

          Bitte entschuldigen Sie, daß ich männerspezifische Angebote erwähnt hatte^^
          Ihnen ist vermutlich bekannt, daß Telefonseelsorge, weißer Ring, anonyme Alkoholiker, Aids-Hilfe etc.pp. auch für Männer da sind.

          Sie werden hoffentlich nicht Frauen oder speziell mich für die umgehende Ausweitung der Hilfsangebote für Männer zuständig erklären. Auch Frauenhäuser fielen nicht vom Himmel, sondern wurden i.a.R. von Frauen für Frauen erkämpft (im Bezug auf deren Finanzierung höchst gegenwärtig). Auch die sich langsam verändernden Rollenzuschreibungen für Frauen änderten sich nicht, weil Männer auf einmal einsahen, daß sie unzutreffend und herabwürdigend sind. Sondern jedes einzelne Recht wurde von Frauen mühsam erkämpft, in der jüngeren Geschichte etwa seit Beginn der französischen Revolution.

          Ich stimme ihnen aber zu, dass wohl tatsächlich viele Männer ein Problem damit haben, sich selbst als hilfsbedürftig wahrzunehmen oder gar zu outen. An der Rollenzuschreibung für Männer hat sich leider noch nicht viel geändert.

          Auch für Frauen ist es beschämend, hilfsbedürftig zu sein oder zum Opfer gemacht worden zu sein und das artikulieren zu müssen, um Hilfe bekommen zu können. Das ist für jeden Menschen so, dessen Grenzen überschritten und dessen Menschenwürde mit Füßen getreten wurde. Ich persönlich würde nie über einen seine Hilfsbedürftigkeit artikulierenden Mann spotten. Ein Mann, der zum Opfer sexualisierter Belästigung oder Gewalt gemacht wurde, kann bei mir sicher sein, daß ich ihm nicht die Schuld daran gebe oder gequirlten Rotz über Prüderie, Tugendterror oder die Abschaffung des Flirtens abspule.

          Der Unterschied zwischen der andauernden weiblichen und einer möglichen männlichen Emanzipation: der männlichen würden garantiert nicht so viele Steine in den Weg gelegt wie umgekehrt. Und: Männer rangieren für Frauen nicht knapp über dem lieben Vieh – die Ausgangsposition zu Olympe de Gouges Zeiten.

          • Selbstverständlich müssen sich Männer schon um ihren eigenen Kram kümmern. Auch das entspricht schließlich der Rollenerwartung. Feministinnen könnten sich aber auch mal entscheiden, ob sie jetzt die taffen Frauen sein wollen (und sich um ihren Scheiß selber kümmern) oder in der permanenten Opferrolle verharren. Wie kommt denn ein Arschloch wie Weinstein darauf, dass Frauen mehr oder minder Freiwild sind? Könnte es mit der unangenehmen Tatsache zu tun haben, dass es nicht gerade wenige Frauen gibt, die durchaus ihre körperlichen Vorzüge zum eigenen Vorteil einsetzen?

            „gequirlten Rotz über Prüderie, Tugendterror oder die Abschaffung des Flirtens abspule“

            Die starke Abwehrhaltung vieler Männer entspringt m.E. daraus, dass man sich gegen pauschale Schuldzuweisungen wehrt. Und zwar zu Recht. Ich kann nichts dafür, dass ich weiß, männlich, hetero und inzwischen auch eher alt bin. Wie 99% aller anderen Männer auch verfüge ich weder über Macht noch viel Geld und bin nicht verantwortlich für das ekelhafte Verhalten eines Hollywoodproduzenten. Ich kann mich selbst ordentlich benehmen (ist gar nicht schwer), in meinem unmittelbaren Umfeld Einfluss nehmen (wenn etwas vorfällt) und meinen Kindern beibringen, ihr Gegenüber unabhängig von Geschlecht, Rasse etc. als MENSCH zu respektieren.

            Abgesehen davon machen wir hier meiner Meinung eh die völlig falschen Frontlinien auf. Ist das eigentliche Problem nicht eher der Krieg von „denen da oben“ gegen uns hier unten? Haben sich nicht die Lebensumstände für sehr viele Menschen in den letzten 20 Jahren erheblich verschlechtert? Selbst wenn man Gleichstellung (statt Gleichberechtigung) toll findet, ist doch keinem geholfen, wenn es allen gleich schlecht geht. Trifft halt auch Frau und Kinder, wenn der Mann von gut bezahlter Stammbelegschaft in die Leiharbeit gedrängt wird.

            • Vorausgeschickt: ich habe nicht die leiseste Ahnung, warum ich jeden Ihrer Kommentare einzeln freischalten muß. Eigentlich kann hier nach der Freischaltung des allerersten Kommentars frei kommentiert werden. Nutzen Sie evtl. unterschiedliche Emailadressen?

              Was genau meinen Sie mit „in der permanenten Opferrolle verharren„? Glauben Sie im Ernst, daß die öffentliche Benennung von lästigem oder widerwärtigem oder lebensgefährlichem Sexismus gegen Frauen auf eine „permanente Opferrolle“ reduziert werden kann? Das Thema hier ist übrigens weniger Sexismus gegen Frauen, sondern hauptsächlich der Sexismus unter Männern, mit üblen Folgen zuallererst für Männer. Ich vertrete die These, daß sexualisierte Belästigungen und Gewalt gegen Frauen „nur “ Ausläufer des Sexismus unter Männern sind. Hätten Sie auch einen Beitrag zum Blogthema?

              Sie glauben:

              Die starke Abwehrhaltung vieler Männer entspringt m.E. daraus, dass man sich gegen pauschale Schuldzuweisungen wehrt.

              Alle Männer sind Brüder(le).^^
              Es mag Sie ja überraschen, aber die allermeisten Frauen differenzieren, sie unterscheiden sehr genau zwischen übergriffigen Männern, Männern, die die Übergriffe anderer Männer dulden oder fördern und den Männern, die „ihr Gegenüber unabhängig von Geschlecht, Rasse etc. als MENSCH … respektieren.“ Die große Mehrheit der Frauen hält mitnichten und -neffen alle Männer für übergriffige Arschlöcher oder potentielle Vergewaltiger.

              Aus mir noch nicht nachvollziehbaren Gründen nehmen aber viele Männer Kritik am Verhalten einzelner Männer zum Anlaß, sich mit besagten Arschlöchern solidarisch zu erklären und sich ansonsten schmollend oder pöbelnd in die „starke Abwehrhaltung“ zurück zu ziehen. Oder – wie Sie – sich zu beschweren und vom Thema abzulenken. Dafür haben die bösen prüden „Feminazis“ zwei Begriffe: whataboutthemenz und Derailing. (link um 14h50 nachgetragen, dvw)

              Vielleicht können Sie mir aber weiterhelfen und mir für Kinder erklären, was hinter dem Gefühl des persönlichen Angegriffenseins, hinter der Männersolidarität mit Arschlöchern steht und welchen Beitrag das zum Respekt „unabhängig von Geschlecht, Rasse etc. als MENSCH“ haben könnte. Ich persönlich schwanke nämlich zwischen Mitleid und gähnender Langeweile angesichts so mancher männlicher Entschlossenheit zu Larmoyanz, Unsachlichkeit und ausdrücklichem Nichtdenken.

              Sie meinen:

              Abgesehen davon machen wir hier meiner Meinung eh die völlig falschen Frontlinien auf. Ist das eigentliche Problem nicht eher der Krieg von „denen da oben“ gegen uns hier unten? Haben sich nicht die Lebensumstände für sehr viele Menschen in den letzten 20 Jahren erheblich verschlechtert? Selbst wenn man Gleichstellung (statt Gleichberechtigung) toll findet, ist doch keinem geholfen, wenn es allen gleich schlecht geht. Trifft halt auch Frau und Kinder, wenn der Mann von gut bezahlter Stammbelegschaft in die Leiharbeit gedrängt wird.

              Es gibt sehr viele Arten, Frauen mitzuteilen, daß sie gefälligst den Mund zu halten und sich den wirklichen Problemen® zuzuwenden hätten. Das ist eine davon, unter Linken bekannt als der berühmte Nebenwiderspruch.

  5. Viel wäre geholfen, wenn man anerkennen würde, das der Mensch lebenslang der Pflege anderer Menschen bedarf.
    Und da spielt das Geschlecht überhaupt keine Rolle.
    Aber der fromme Wunsch wird mir wohl nicht erfüllt werden.

  6. Pingback: Kleinigkeiten | Fädenrisse

  7. Ich frage mal direkt: Die Ausführungen, die sie hier präsentieren, klingen ein wenig so als ob Sie nicht nur ein wenig rumphilosphieren, sondern sich auf Forschungsergebnisse beziehen? Damit beziehe ich mich übrigens nicht auf die genannten Zahlen, denn da ist es selbst erklärend, sondern auf die vermeintlichen Kausalitäten.

    Mich würde auch mal interessieren wie denn die negativen Effekte der Emanzipation (die sie weiter oben mit einem 200 jährigen „Kampf“ beschreiben) gesehen werden? Das Soziale, das Kümmernde, die Gefühlsoffenheit sehe ich da nämlich keinswegs einfach so fortgeschrieben. Das ist übrigens nicht als Kritik an der Emanzipation gemeint, sondern als eine Überlegung, ob Zwänge wirklich immer nur negative Effekte haben müssen und nicht eben sogar bestimmte Charaktereigeschaften überhaupt erst bedingen, die gesamtgesellschaftlich positiv gesehen werden.
    Ob man ein Kind in der Art „alles erlauben“ oder „alles verbieten“ + all die Zwischenvarianten davon erzieht, hat ja nun auch einen sehr zentralen Einfluss auf die späteren Charakterzüge.
    Die Verengung dieser Effekte auf „Frauen können Kinder kriegen und deswegen ist Frau xyz“ halte ich daher für ziemlich verkürzt.

    • Willkommen Yossarian!

      Mich würde auch mal interessieren wie denn die negativen Effekte der Emanzipation (die sie weiter oben mit einem 200 jährigen „Kampf“ beschreiben) gesehen werden? Das Soziale, das Kümmernde, die Gefühlsoffenheit sehe ich da nämlich keinswegs einfach so fortgeschrieben.

      Zum Beispiel sind Frauen im Zuge der Emanzipation (und der durch Ausbleiben des männlichen Äquivalents bedingten Mehrfachbelastung) überall und wenigstens zeitweise einem Gebärstreik ziemlich nahe gekommen. Das halte ich angesichts höherer Lebenserwartungen zwar nicht unbedingt für negativ, es hat aber zweifellos Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft – welche es auf unsere nimmt, kann man bereits jetzt z.B. an Wahlentscheidungen ablesen und es wird noch dramatisch negativ, wenn alle Babyboomer alt und klapprig sind und nicht mehr für sich selbst sorgen können. Ein zweifelsfrei negativer Effekt ist, daß Frauen gegenüber den Männer aufholen, was Aggression, Gewalt, Übergriffigkeit, ungesunde Konsumgewohnheiten usw. angeht. Interessant wäre ein statistischer Vergleich 1917 und 2017 (der z.B. auch die kaum noch existente Berufs- und Jobsicherheit und die mögliche Gewaltgeschichte in der jeweiligen Ehe berücksichtigt) in welchem Maß die himmelhohen Scheidungsraten zu erhöhter Obdachlosigkeit und Suizidalität von Männern beitragen. Scheidungen/Trennungen werden m.W. öfter von Frauen angestrebt.

      Das ist übrigens nicht als Kritik an der Emanzipation gemeint, sondern als eine Überlegung, ob Zwänge wirklich immer nur negative Effekte haben müssen und nicht eben sogar bestimmte Charaktereigeschaften überhaupt erst bedingen, die gesamtgesellschaftlich positiv gesehen werden.

      Das müßten Sie bitte genauer ausführen – insbesondere, wer Zwang auf wen und mit welcher Legitimierung ausübt, mit dem Resultat welcher gesamtgesellschaftlich positiv gesehener Effekte.

      Ob man ein Kind in der Art „alles erlauben“ oder „alles verbieten“ + all die Zwischenvarianten davon erzieht, hat ja nun auch einen sehr zentralen Einfluss auf die späteren Charakterzüge.

      Ja, so ist es. Es ist einer meiner Kopf-Tisch-Momente, daß hauptsächlich Frauen die nächste Generation Mäuschen und Machos heranziehen und ein wichtiger Grund, warum ich mir mehr Männer in Kindergärten, Grundschulen und als engagierte Väter wünsche. Es gibt a.m.S. kein Erziehungspatentrezept, sondern das hängt von den Möglichkeiten der Eltern und den Persönlichkeiten der Kinder ab. Wir sind uns aber hoffentlich einig, daß Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben und unter Gewalt fasse ich nicht nur physische, sondern auch psychische Gewalt wie Demütigungen, Herabsetzungen, Drohungen usw. Gewaltfreie Erziehung heißt in der Konsequenz, daß Eltern mehr Zeit aufwänden müssen. Denn es kostet mehr Zeit, ein Kind gewaltfrei von der Einhaltung von Regeln zu überzeugen als es mit irgendeiner Form von Gewalt dazu zu zwingen. Am meisten Zeit kostet die vielgeschmähte antiautoritäre Erziehung, die keineswegs Regellosigkeit bedeutet, sondern Kindern Mitbestimmung an Regeln einräumt.

      Wie wären Sie gern erzogen worden? Wie erziehen Sie Ihre Kinder, falls Sie Kind/er haben?

      Die Verengung dieser Effekte auf „Frauen können Kinder kriegen und deswegen ist Frau xyz“ halte ich daher für ziemlich verkürzt.

      O ich auch. Nichtsdestotrotz spielen biologistische Momente eine nicht zu unterschätzende Rolle. Das ist btw. eine Meinung, mit der ich mir unter manchen Feministinnen keine Freund*innen mache. Falls Sie das Thema detaillierter interessiert, empfehle ich Ihnen ein Buch und zwar wärmstens: Mutter Natur, Sarah Blaffer-Hrdy (kostet inzwischen neu knapp 20€, gebraucht ist es für 5€ erhältlich) Darin wird im Vergleich zu Primaten und mit historischen und gegenwärtigen Bestandsaufnahmen menschlicher Zivilisationen fein herausgearbeitet, was einerseits Natur, Instinkt usw. und was andererseits erlernte/erlernbare soziale Kompetenzen sind, die aus nicht-biologischen Gründen Frauen zugeschrieben werden. Dabei heißt das Zauberwort – das sehr wahrscheinlich bereits den evolutionären Vorsprung des Menschen bedingte – Kooperation.

      In diesem Blog geht es aber gar nicht oder allenfalls mittelbar um Frauen, sondern um Männer. Haben Sie auch einen Beitrag zum Thema? Ich finde die genannten Zahlen nämlich alles andere als „selbst erklärend“ – nachdem das für Sie grundlegend anders zu sein scheint: bitte erklären Sie mir, warum Männer Haupt-Täter wie -Opfer von Männergewalt sind, warum sich Männer auffallend oft selbst töten und früher sterben, warum die Gefängnisse voller Männer und mehrheitlich Männer obdachlos sind und warum besagte Männer ihr zuallererst für sie selbst toxisches Verhalten beibehalten.

      • „Das müßten Sie bitte genauer ausführen – insbesondere, wer Zwang auf wen und mit welcher Legitimierung ausübt, mit dem Resultat welcher gesamtgesellschaftlich positiv gesehener Effekte.“

        Vielleicht war das ungünstig formuliert. Ich dachte der Verweis auf die Erziehung im nächsten Satz würde das genau genug definieren.
        Man kann aber auch noch einen Schritt weiter gehen: Wenn Frauen der Zugang z.B. zum Arbeitsmarkt, zur Politik, zu eigentlich allen wesentlichen gesellschaftlichen Gestaltungmöglichkeiten verwehrt wird, dann liegt es für mich nahe, dass sie die Bereiche, die ihnen zugestanden werden, umso deutlicher besetzen wie z.B. die Familie und warum sollten sie dort dann eben nicht tatsächlich wesentlich besser drin sein/werden als Männer? Wenn man das aufbricht, dann gehe ich davon aus, dass sich das eben auch etwas verliert.

        „Wie wären Sie gern erzogen worden? Wie erziehen Sie Ihre Kinder, falls Sie Kind/er haben?“

        Also gewaltfrei unterstütze ich natürlich voll und ganz. Allerdings bin ich bei dem Thema psychische Gewalt etwas unentschlossener, weil dort eine saubere Grenze einfach schlecht zu ziehen ist. In der Theorie lehne ich das zwar ab, aber im Leben kommt sowas halt dann doch häufiger vor als wir das alle vielleicht gerne hätten und wenn die Kinder damit keinerlei Berührung bekommen, dann fehlen ihnen auch die Mittel damit umgehen zu können. Außerdem sind auch Eltern hin und wieder einfach mal Arschlöcher und das sollte man ihnen auch zugestehen.

        Aber um die Frage zu beantworten: Ich habe keine Kinder. Meine eigene Kindheit verlief ohne Gewalt. Wir hatten viele Freiheiten, wenn auch nicht ohne Grenzen. Wenn ich etwas definieren müsste, was bei mir besonders prägend war, dann ist es wohl der Umstand, dass meine Eltern uns unsere „Kämpfe“ fast immer selbst haben austragen lassen. Das „gluckenhafte“, was man heutigen Helikoptereltern nachsagt, ging jedenfalls an mir völlig vorbei.

        „In diesem Blog geht es aber gar nicht oder allenfalls mittelbar um Frauen, sondern um Männer. Haben Sie auch einen Beitrag zum Thema? Ich finde die genannten Zahlen nämlich alles andere als „selbst erklärend“ – nachdem das für Sie grundlegend anders zu sein scheint: bitte erklären Sie mir, warum Männer Haupt-Täter wie -Opfer von Männergewalt sind, warum sich Männer auffallend oft selbst töten und früher sterben, warum die Gefängnisse voller Männer und mehrheitlich Männer obdachlos sind und warum besagte Männer ihr zuallererst für sie selbst toxisches Verhalten beibehalten.“

        Halt moment mal. Das selbst erklärend bezog sich auf die Quelle der Daten. Ich gehe schon davon aus, dass sie das aus halbwegs seriösen Statistiken entnommen haben und ich daran erstmal keinen Zweifel habe.
        Die Erklärungsansätze, die sie liefern, klingen für mich durchaus schlüssig. Einiges davon sehe ich durchaus auch bei mir. Bei dem Beispiel mit den Arztbesuchen, die die Lebenszeit verkürzen (also das Ausbleiben), musste ich sogar schon etwas schmunzeln, weil mich das bereits zweimal in meinem Leben genau so getroffen hat. Beides waren potenziell tödliche Krankheiten und ich habe es tatsächlich immer bis zum Limit ausgereizt bis ich zum Arzt ging. Wenn ich das also hochrechne, dann würde ich durchaus zustimmen, dass dieses Verhaltensmuster am Ende dazu führt, dass meine Lebenserwartung reduziert ist.

        • Man kann aber auch noch einen Schritt weiter gehen: Wenn Frauen der Zugang z.B. zum Arbeitsmarkt, zur Politik, zu eigentlich allen wesentlichen gesellschaftlichen Gestaltungmöglichkeiten verwehrt wird, dann liegt es für mich nahe, dass sie die Bereiche, die ihnen zugestanden werden, umso deutlicher besetzen wie z.B. die Familie und warum sollten sie dort dann eben nicht tatsächlich wesentlich besser drin sein/werden als Männer?

          Das mag schon sein, hat aber gleich eine ganze Reihe von Schönheitsfehlern: Frauen wurden in „ihren Bereichen“ nicht bezahlt (bis heute sind tradiert unentgeltlich verrichtete „weibliche“ Berufen wie Erziehung und Pflege unterbezahlt), waren also mangels eigenem Geld zu 100% von der Gnade der Männer abhängig. Ebenso waren Frauen zu 100% davon abhängig, daß Männer auch weibliche Interessen in der Politik und bei eigentlich allen wesentlichen gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeiten vertreten. Frauen sind nicht die besseren Menschen, sie mögen zwar in vielen sozialen Kompetenzen besser geschult werden als Männer, das heißt aber noch lange nicht, daß sie sie auch zum Wohl von Kindern, Männern, Familie, Gesellschaft einsetzen – insbesondere zu Zeiten nicht, als ihnen Geld, Stand, Ehre, Geist, politische und gesellschaftliche Macht noch komplett abgesprochen wurden.

          Selbst, wenn Männer ihre Macht nicht gegen Frauen und Kinder mißbrauchten, kamen sie nicht selten zu Tode oder sonstwie abhanden – Frauen hatten es als Witwen oder sonstwie Alleinerziehende auch früher schwer. Heute ist in Deutschland immer noch jedes 5. Kind arm, was sehr oft ein lebenslängliches Urteil ist – arme Kinder werden in aller Regel arme Erwachsene. Sehr viele arme Kinder leben bei alleinerziehenden Frauen, Kinder sind das größte Armutsrisiko für Frauen.

          Frauen riskieren und investieren in jedem Fall (und in fast jedem Gesellschaftssystem) extrem viel, wenn sie Kinder bekommen. Warum sollten sie das eigentlich tun, die Kinder hauptsächlich versorgen und erziehen und alle übrige Familienarbeit leisten, wenn ihnen Achtung und das im Kapitalismus übliche Ausdrucksmittel dafür – anständige Bezahlung – vorenthalten wird? Aber erfreulicherweise sind besagte Sozialkompetenzen ja nicht an den mythenumrankten „Mutterinstinkt“ gebunden, sondern können (und sollten, me thinks) von jedem erlernt und verrichtet werden. Übung macht den Meister.

          Mit anderen Worten: Kooperation mit Männern bei der Arbeit rund um Kinder und Familie ist ein Kompromissangebot. Allerhöchste Eisenbahn ist, daß es endlich an die Gegenwart angepasst angenommen wird, auch in Form von männlichem Einsatz für familienfreundliche Arbeitsplätze und -zeiten und für qualitativ sehr gute und selbstverständliche außerfamiliäre Kinderbetreuung, in Form der Berufswahl Erzieher oder Grundschullehrer und in Form engagierter Vater-, Großvater-, Onkel- und Freundschaften.

  8. „Selbst, wenn Männer ihre Macht nicht gegen Frauen und Kinder mißbrauchten, kamen sie nicht selten zu Tode oder sonstwie abhanden – Frauen hatten es als Witwen oder sonstwie Alleinerziehende auch früher schwer. Heute ist in Deutschland immer noch jedes 5. Kind arm, was sehr oft ein lebenslängliches Urteil ist – arme Kinder werden in aller Regel arme Erwachsene. Sehr viele arme Kinder leben bei alleinerziehenden Frauen, Kinder sind das größte Armutsrisiko für Frauen. “

    Das spielt aber sehr in das Thema Politik hinnein. Mir stellt sich da eigentlich eher generell die Frage: Warum wählt die weit größere Mehrzahl der Menschen (Frauen wie Männer) eine Politik, die all das noch verschärft und überhaupt keine Ansätze verfolgt diese Situiation zu verbessern?
    Wenn ich mir in dem Artikel hier: https://www.welt.de/politik/deutschland/article168986852/Aeltere-Frauen-retten-Merkels-vierte-Kanzlerschaft.html die Verteilung der Stimmen von Männern und Frauen anschaue, dann gibt es da sogar eine Spitze bei den CDU-Wählerinnen gegenüber den Männern. Ich will hier keine Parteiendiskussion aufmachen, aber man darf wohl feststellen, dass die Politik der CDU nicht wirklich dafür steht die Dinge zu verbessern, die sie oben angeführt haben. Wobei das natürlich ihre Aussage bestätigt, dass Frauen nicht die besseren/klügeren Menschen stind. In sofern ist das auch nicht als Kritik gemeint. Fiel mir gerade einfach nur auf.

      • Nein, aber das geht dann halt schon ziemlich weit weg von dem ursprünglichen Beitragsthema. Außerdem ging es ihnen ja mehr um die Männerrolle und nicht so sehr um die Frauen oder?
        Zum Thema Suizid gibt es übrigens auch einen ziemlich umfangreichen Wikipedia Artikel, der durchaus einige Aspekte, die sie hier ansprechen, behandelt.
        https://de.wikipedia.org/wiki/Suizid#Weltweit

        Wenn man sich dort mal den Trend für Deutschland anschaut, dann ist es schon erstaunlich wie trotz insgesamt sinkender Raten der Abstand zwischen Mann und Frau bestehen bleibt.

        Ich denke folgender Absatz seigt auch recht gut wo das Problem besteht:

        „Als Gründe für den zwischenzeitlich starken Rückgang werden eine verbesserte fachärztliche Versorgung, die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen und Probleme der methodischen Erfassung angesehen.“

        Die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen mag zwar insgesamt eine positive Entwicklung aufweisen, aber ingesamt beisst sich das sicherlich deutlich stärker mit der männlichen Geschlechtsrolle. Vielleicht hat man bei all der Emanzipation schlichtweg verpasst das Thema von beiden Seiten anzugehen und die Männern aktiv mitzunehmen? Wenn ich meine Sozialisierung aus den 80er/90ern betrachte, dann könnte das tatsächlich einer der wichtigen Aspekte dabei sein.

        • Vielleicht hat man bei all der Emanzipation schlichtweg verpasst das Thema von beiden Seiten anzugehen und die Männern aktiv mitzunehmen? Wenn ich meine Sozialisierung aus den 80er/90ern betrachte, dann könnte das tatsächlich einer der wichtigen Aspekte dabei sein.

          Sorry to say so, aber Frauen können und sollten nicht auch noch die männliche Emanzipation bewerkstelligen. Das müßten die Männer schon selber tun und besser wäre, sie kämen allmählich mal in die Hufe!

          Emanzipation ist immer eine Befreiung von, aus meiner unmaßgeblichen Sicht auch die überfällige Befreiung davon, daß sich meistens Frauen um Psychohygiene, Sozialkontakte und alle mögliche andere Versorgung von Männern kümmern.

          Das ist aus meiner Sicht der Hauptgrund, warum Männer z.B. nach Trennungen oft so ins Bodenlose fallen – sie sind in hohem Maße von dieser Versorgung abhängig und die Frau hat soeben die Arbeit niedergelegt und den Freundeskreis hatte ebenfalls sie gepflegt.

          Weil die männliche Geschlechterrolle ein so hohes Maß an Risiken und Nebenwirkungen auch für Männer enthält (ich vertrete, wie gesagt, die These, daß sexualisierte Belästigungen und Gewalt gegen Frauen „nur“ Nebenwirkungen des Sexismus unter Männern sind), könnten Männer mal intensiv darüber nachdenken, sie zu ändern. Daß das möglich ist, zeigt die Veränderung der Frauenrolle.

          Der Unterschied wird aller Wahrscheinlichkeit nach darin bestehen, daß die meisten Frauen den Männern bei der Veränderung ihrer Rolle nicht so viele Steine in den Weg legen, wie das umgekehrt der Fall war und ist.

          Männer sind z.B. heute meistens nicht mehr die wirtschaftlichen Alleinversorger der Familie, was aus seltsamen Gründen von Ihnen nicht als die Männer aktiv mitnehmen interpretiert wird. Ebenso sind Männer z.B. heute nicht mehr unbedingt alleine für die Anbahnung einer IG-Sex zuständig – falls Sie aber mal verunsicherte Männer auf der Flucht beoachten möchten, dann begleiten Sie eine attraktive, charmante und initiative Frau einen Abend lang durch die Bars. Männer, die sich hingebungsvoll um Kinder kümmern, werden btw. als sehr sexy empfunden. Besuchen Sie einen Spielplatz Ihrer Wahl und beobachten Sie, wie Frauen mit und ohne Kinder auf Männer mit Kindern reagieren. usw.usw.

          • „Sorry to say so, aber Frauen können und sollten nicht auch noch die männliche Emanzipation bewerkstelligen.“

            Nein, das nicht, aber die Kinder sollten sie mitnehmen. Zumindest für meine Jugend war das aber nicht wirklich der Fall und ich denke das lässt sich durchaus verallgemeinern (im Bezug auf Institutionen wie Kindergarten, Schule, Universität, etc.). Der Fokus lag bei den Mädchen und hat dort ja auch tatsächlich sehr viele positive Effekte gehabt, aber wenn man die Jungen dann mit einer wackligen Identität zurücklässt, dann nützt das schlichtweg niemandem.

            • Nein, das nicht, aber die Kinder sollten sie mitnehmen.

              Lieber Yossarian, haben wir es hier mit unbefleckter Empfängnis als Massenphänomen und mit lauter jungfräulichen Geburten zu tun? Oder haben besagte Kinder auch Väter oder wenigstens Erzeuger?

              Frauen sind keine Übermenschen, sie können nicht alles wieder in Ordnung bringen.
              Aus welchem Grund, glauben Sie, plädiere ich so für Männer als Erzieher und Grundschullehrer und für engagierte Väter?

              • Ich habe deswegen auch gar nicht geschrieben, dass ich es für die Aufgabe der Frauen halten. Das haben gefälligst beide Geschlechter zu tun und -vielleicht etwas naiv gedacht- sollten eigentlich auch beide ein grundlegenes Interesse daran haben, wenn es um die eigenen Kinder geht. Immerhin geht es darum wie gut oder schlecht sich diese später in der Gesellschaft zurechtfinden.

                • Ich habe deswegen auch gar nicht geschrieben, dass ich es für die Aufgabe der Frauen halten.

                  steht im Widerspruch zu

                  Vielleicht hat man bei all der Emanzipation schlichtweg verpasst das Thema von beiden Seiten anzugehen und die Männern aktiv mitzunehmen? Wenn ich meine Sozialisierung aus den 80er/90ern betrachte, dann könnte das tatsächlich einer der wichtigen Aspekte dabei sein.

                  und zu

                  Nein, das nicht, aber die Kinder sollten sie (<-Frauen, dvw) mitnehmen.

                  Ich gehe davon aus, daß Eltern das Beste für ihre Kinder wollen. Das geht schief, wenn die Aufgaben ungleich verteilt sind und mann sich darauf verläßt, daß die Frauen es schon richten werden*. Das können und tun sie nämlich nicht unbedingt. Es ist völlig unstrittig, daß Jungen im Moment die Verlierer sind, ich bezweifele aber sehr, daß Mütter, Erzieherinnen, Grundschullehrerinnen ihnen allein helfen können. Wenn ein Junge Pech hat, sieht der in der 6. Klasse das erste Mal ein männliches Role Model – das ist reichlich spät. Es ist Männern nicht verboten, sich für Jungen zu engagieren!

                  *Es ist sehr beliebt, Frauen wahre Wunderkräfte zuzuschreiben und sie im Notfall als Trümmerfrauen einzusetzen – dazu hat Robert Kurz mal eine bildschöne Schirrmacher-Zerlegung verfasst – auch Ihnen wärmstens empfohlen: Liebesökonomie und Schicksalsgemeinschaft

                • Ich glaube jetzt ist ein Verzweigungsgrad in dem Thread erreicht, der es mir nicht mehr erlaubt direkt auf das Posting zu antworten.

                  zu: „Vielleicht hat man bei all der Emanzipation schlichtweg verpasst das Thema von beiden Seiten anzugehen und die Männern aktiv mitzunehmen? Wenn ich meine Sozialisierung aus den 80er/90ern betrachte, dann könnte das tatsächlich einer der wichtigen Aspekte dabei sein.“

                  Das ist nur dann ein Widerspruch, wenn man die Emanzipation als alleinige Aufgabe der Frauen sieht. Warum sollte das aber so sein? Darf ich als Mann kein Interesse an einer Gleichberechtigung der Frau haben?

                  zu „Nein, das nicht, aber die Kinder sollten sie (<-Frauen, dvw) mitnehmen."

                  Na lol, da steht deswegen "sie", weil in ihrem vorherigen Posting die Frauen das Thema waren. Sie können da gerne ein "auch" davor setzen. Ich habe damit jedenfalls nicht gemeint, dass das nur von den Frauen geleistet werden soll.

                  Ich sehe schon das Thema ist wirklich ein gefährliches Minenfeld. Wer nicht sauber formuliert, der wird missinterpretiert.

                  Ich verstehe es im übrigen auch durchaus, dass z.B. die Frauen meiner Elterngeneration ('68er) nicht wirklich die Jungen im Blick hatten, da der Missstand auf Seiten der Frauen eben so massiv war. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, dann mussten Frauen bis '76, was mein Geburtsjahr ist, den Ehemann noch um Erlaubnis fragen, wenn sie einen Job ausüben wollten. Dass da nicht unbedingt ein Problem bei der Rollenidentifizierung der Jungen im Mittelpunkt steht, ist nachvollziehbar.
                  Aber wir sind nunmal ein paar Jahrzehnte weiter und -wie sie ja auch richtig erkannt haben- gibt es hier mittlerweile eben tatsächlich ein nicht ganz unerhebliches Problem. Ich denke die Frauen, die aktiv weiterhin an der Emanzipation arbeiten, sollten das schon berücksichtigen. So schlecht sind Mädchen nicht mehr gestellt als dass man nicht auch ein paar Resourcen auf die Jungen verschwenden könnte. UND JA natürlich haben das Männer ganz genauso zu leisen!

                • OK, ich glaube ich sehe so langsam die Dinge, die kritisch in der Formulierung sind.

                  Daher noch mal zu:
                  „Vielleicht hat man bei all der Emanzipation schlichtweg verpasst das Thema von beiden Seiten anzugehen und die Männern aktiv mitzunehmen? Wenn ich meine Sozialisierung aus den 80er/90ern betrachte, dann könnte das tatsächlich einer der wichtigen Aspekte dabei sein.“

                  Ich versuche das noch mal etwas weiter zu erläutern. Nehme ich mal meine Kindheit. Mir wurde inhaltlich nicht wirklich viel Rollenidentifikation mitgegeben. Da kam nie ein „Jungen sind dies und das“ oder „Jungen verhalten sich so oder so“ und auch nicht viel zu dem was Mädchen zu tun haben. Das passierte aber von beiden Elternteilen aus. Wenn das jetzt alles eine Blase wäre, in der sich das ganze Leben abspielt, dann würde das wohl auch funktionieren. Aber dieses Modell prallt halt auf eine Gesellschaft, die in vielen Bereichen eben nicht so ist und nach wie vor viele typsche Rollenbilder vermittelt.
                  Darauf bezogen meine ich das Mitnehmen der Männer. Es reicht ja nicht einfach nur Dinge wegzulassen, sondern offensichtlich ist es auch wichtig eine wie auch immer geartete Geschlechteridentität zu vermitteln und groß was anderes haben sie eigentlich auch gar nicht kritisiert oder?

                • Ich sehe schon das Thema ist wirklich ein gefährliches Minenfeld. Wer nicht sauber formuliert, der wird missinterpretiert.

                  Öhm, nein. Wer nicht klar und genau denkt, kann oft auch nicht sauber formulieren. Und wir sind hier im www, wo Verständigung ohne jede Mimik und Gestik usw. auskommen muß, weswegen die Textbotschaft die einzige ist, die den jeweiligen Gedanken übermittelt. Ich bemühe mich wirklich sehr, Ihre Aussagen richtig zu deuten, habe aber ein bißchen den Eindruck, daß Sie sich um den Hauptpunkt herumwinden und der lautet für alle, auch für Männer: es gibt nix Gutes, außer man tut es.

                  Es reicht ja nicht einfach nur Dinge wegzulassen, sondern offensichtlich ist es auch wichtig, eine wie auch immer geartete Geschlechteridentität zu vermitteln …

                  So ist es und das ist ein weites Feld. Wenn man mal annimmt, daß Freud recht hat, entsteht die Identität von Kindern anhand des gegengeschlechtlichen Elternteils. Mädchen haben in vaterlosen Familien (entweder auf Arbeit oder nicht mehr bei der Familie lebend) die schlechteren Karten als Jungen, denn die Mütter sind ja in aller Regel präsent. Engagierte und präsente Väter sind also nicht nur als Role Model für die Söhne wichtig, sondern auch als identitätsstiftender Gegenpart für die Töchter.

                  Jungen laufen in vaterlosen Familien eine andere Gefahr, nämlich von Mutti als Ersatz für den abwesenden Mann/Vater hergenommen zu werden. Das fällt eher selten unter strafrechtlich relevanten Mißbrauch, sondern hat einen riesigen Graubereich psychischer Zurichtungen, mit weitreichenden Konsequenzen. Es gibt z.B. eine hübsche These (Bernard/Schlaffer), laut der Jungen von ihren Müttern – in Ermangelung ihres abwesenden Manns als Gesprächspartner – so zugetextet werden, daß sie noch vor dem Erwachsenwerden eine Lebensüberdosis Text haben. Auf diese jungen Männer mit blutenden Ohren treffen dann junge Frauen, die in Ermangelung ihrer identitätsstiftenden Väter auf der Suche nach ihrer Identität sind und den lieben langen Tag nichts anderes tun, als die Jungs zuzutexten. Erscheint mir als griffige Erklärung und als weit verbreitetes Phänomen.

                • Hab noch was vergessen:

                  Ich verstehe es im übrigen auch durchaus, dass z.B. die Frauen meiner Elterngeneration (’68er) nicht wirklich die Jungen im Blick hatten, da der Missstand auf Seiten der Frauen eben so massiv war.

                  Das stimmt. Dazu kommt: die 68er-Feministinnen, die sich mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder beschäftigten, hatten die Jungen exakt null im Blick und das ist ein schlimmes Versäumnis, dem erst seit etwa 15 Jahren durch Organisationen wie Tauwetter abgeholfen wird. Auch Sätze wie (sinngemäß) ‚wir müssen die Jungen benachteiligen, um die Mädchen zu stärken‘ sind mindestens mißverständlich, im schlimmeren Fall sind sie sexistische Kackscheiße.

                  Aber wir sind nunmal ein paar Jahrzehnte weiter und -wie sie ja auch richtig erkannt haben- gibt es hier mittlerweile eben tatsächlich ein nicht ganz unerhebliches Problem. Ich denke die Frauen, die aktiv weiterhin an der Emanzipation arbeiten, sollten das schon berücksichtigen. So schlecht sind Mädchen nicht mehr gestellt als dass man nicht auch ein paar Resourcen auf die Jungen verschwenden könnte. UND JA natürlich haben das Männer ganz genauso zu leisen!

                  Es mag sein, daß Ihnen das noch nicht aufgefallen ist, aber wir haben Rollback. Frauen, die aktiv weiterhin an der Emanzipation arbeiten, haben alle Hände voll zu tun, um den einzudämmen. Es wird fleißig an Errungenschaften gesägt, bei denen ich es nicht für möglich gehalten hätte, sie immer noch verteidigen zu müssen, wie z.B. den unter bestimmten Vorraussetzungen straffrei bleibenden Schwangerschaftsabbruch.

                  Das ist nur dann ein Widerspruch, wenn man die Emanzipation als alleinige Aufgabe der Frauen sieht. Warum sollte das aber so sein? Darf ich als Mann kein Interesse an einer Gleichberechtigung der Frau haben?

                  Selbstverständlich dürfen Sie. Das verschafft Ihnen aber kein Privileg, auch nicht das von ‚Frauen werden es schon richten‘ – erst nach soundsovielter Nachfrage kommen dann auch die Männer ins Spiel (angesichts von z.B. weit über 80% weibliche Erzieher/Grundschullehrer) UND JA natürlich haben das Männer ganz genauso zu leisen!

                  Noch einmal: Emanzipation ist immer eine Befreiung von. Die Vons können daran nur wenig bis keinen Anteil nehmen, sie können nur möglichst wenig bremsen und müssen ihre Privilegien (vermeintliche wie tatsächliche) auch nicht unbedingt mit Zähnen und Klauen und über x Jahrzehnte verteidigen und damit die gesamte Gesellschaft ausbremsen. Manchmal wünsche ich mir, daß Frauen bloß für eine Woche in den Generalstreik treten, damit alle überhaupt mal bemerken, was Frauen leisten und was so alles für völlig selbstverständlich gehalten wird.

                • „Ich bemühe mich wirklich sehr, Ihre Aussagen richtig zu deuten, habe aber ein bißchen den Eindruck, daß Sie sich um den Hauptpunkt herumwinden und der lautet für alle, auch für Männer: es gibt nix Gutes, außer man tut es. “

                  Nein, warum sollte ich mich darum herumwinden? Ich halte sogar genau das für ein Kernelement jeder Veränderung. Die muss immer bei einem selbst anfangen und da ist das Geschlecht vollkommen latte. In sofern ist das hier imo nur ein reines Verständigunsproblem.
                  Ich gebe aber gerne zu, dass meine Gedanken dazu vielleicht etwas unsortiert wirken, aber das liegt halt daran, dass es für mich kein Thema ist mit dem ich mich alltäglich beschäftige und im Prozess der Diskussion hier ergeben sich daraus für mich auch neue Ideen und Gedanken. Ich sitze hier nicht und bin der Meinung ein abgeschlossenes Weltbild zu den Dingen zu haben. Sie interessieren mich ernsthaft und meine eigene Sozialisierung fällt halt auch in eine ziemlich aktive Phase der Emanzipation. Daher ist das für mich nicht nur eine Außenperspektive, sondern betrifft bei vielen Aspekten auch meine eigene Person/Persönlichkeit.

                  „Es mag sein, daß Ihnen das noch nicht aufgefallen ist, aber wir haben Rollback. Frauen, die aktiv weiterhin an der Emanzipation arbeiten, haben alle Hände voll zu tun, um den einzudämmen. Es wird fleißig an Errungenschaften gesägt, bei denen ich es nicht für möglich gehalten hätte, sie immer noch verteidigen zu müssen, wie z.B. den unter bestimmten Vorraussetzungen straffrei bleibenden Schwangerschaftsabbruch. “

                  Interessant! Da fehlt mir tatsächlich wohl dann die komplette Wahrnehmung für. Welche Bereiche gibt es denn noch? Oder war das hier im Blog schon mal Thema? Ich lese nicht durchgehend alles mit.

            • Lieber Yossarian,
              aus meiner Sicht wäre es zielführender, wenn Sie mit klugen Frauen in Ihrem Umfeld sprechen und die nach ihrer Sicht befragen als wenn ich jetzt eine Art Frontalunterricht weibliche Wahrnehmung für Sie abhalten würde (wozu mir auch die Zeit fehlt, eigentlich bohre ich gerade Löcher in die Wände, bin mitten in der Renovierung). Hier im Blog werden Sie eventuell fündig unter „Sexismus“, „sexualisierte Gewalt“, „Feminismus“, rechts unten in den Kategorien.
              Nix für ungut und Grüße!

  9. Heute ist, wie ich gerade sehe, sozusagen der Tag zum obigen Blog: Weltmännertag. Ein schönes Projekt dazu: Movember.

    Lesenswert finde ich einen ungebrochen aktuellen Artikel von Susanne Gaschke: Was ist männlich?

    Die Männer sind in Not: In der Schule, auf dem Arbeitsmarkt und im Familienleben. Eine Schadensbilanz

    Den Anlass, tatsächlich von einer Krise der Männer zu sprechen, liefern harte, objektive Fakten: die massiven Erziehungs- und Bildungsprobleme des männlichen Nachwuchses; die zunehmende, praktisch ausschließlich männliche Gewaltkriminalität; die für Männer besonders ungünstige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt; ihre Unfähigkeit, sich auf Familie und Vaterschaft einzulassen; schließlich der Mangel an kulturellen Vorbildern für einen zukunftsfähigen Mann neuen Typs.

    Vor einer Sichtung dieser fünf Probleme ist allerdings eine Einschränkung angezeigt: Die deutschen Männer geraten auf hohem Niveau unter Druck. … Es ist ein bisschen so wie bei den an sich absurden Vergleichen des Wirtschaftsriesen Deutschland mit Winzigländern wie Estland: Deren dynamische Wachstumsraten bedeuten wenig mehr, als dass dort noch alle Straßen zu pflastern, alle Außentoiletten nach innen zu verlegen und alle Kohlefeuerungen herauszureißen sind – und doch machen uns die Winzlinge in unserem Exportweltmeistertum Angst. Die Männer sind im Augenblick Deutschland, wenn man so will. Die Frauen sind Estland.

    Unterdessen gerät die originär männliche Identität immer mehr ins Wanken: Bewusst jedenfalls wollen nur die wenigsten Eltern einen fiesen Macho heranziehen. Während Mädchen also nahezu zwei komplette Rollenoptionen für sich vorfinden, steht Jungen allenfalls eine zur Verfügung.

    Diese Problemlage spitzt sich noch einmal zu für die wachsende Zahl von Jungen, die ohne Väter, ja überhaupt ohne männliche Vorbilder aufwachsen. Im Kindergarten stoßen die vaterlosen Jungen auf 95 Prozent Erzieherinnen und fünf Prozent Erzieher. In der Grundschule ist nur jede vierte Lehrperson männlich. … Und es ist ja auch nicht so, dass alle Mütter, Erzieherinnen und Lehrerinnen sich eindeutig verhielten: Einerseits werden Jungen am Ausleben normaler, vollkommen unschädlicher Aggressionen in Ringkämpfen gehindert, weil weibliche Betreuungspersonen den harmonischeren Barbie-Spielstil der Mädchen zum Ordnungsmaßstab auf dem Schulhof erheben.
    Andererseits werden ihnen, auch, gerade von Frauen die Botschaften der »alten« Männlichkeit souffliert: Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Ein Junge weint nicht! Es gibt unglaublich viel verantwortungslos-stolzes Mutti-Gerede über den »kleinen Mann«, der sich unter diesem ermutigenden Einfluss munter zum Familien-Tyrannen entwickelt. …

    Es gibt eine Vielzahl von Hinweisen darauf, dass diese zwiespältige Erziehung und die geschlechtsspezifische Medien-Fehlnutzung dem männlichen Nachwuchs nicht gut tun: Jungen sind viel häufiger verhaltensauffällig als Mädchen, stottern viermal so oft wie ihre Schwestern und leiden, unterschiedlichen Schätzungen zufolge, drei- bis siebenmal so häufig wie die Mädchen am Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS). Das alles macht die Jungen zu schwierigen Kindergarten- und Schulkindern. Dementsprechend schlechter fallen auch ihre Leistungen aus.

    Zweites Alarmsignal: Kriminalität ist männlich. Die Gewaltkriminalität, die Delikte wie gefährliche Körperverletzung, Mord und Totschlag, Geiselnahme und Vergewaltigung umfasst, hat sich seit Mitte der achtziger Jahre verdoppelt – und sie ist fest in männlicher Hand. Männer sind siebenmal so häufig des Mordes und zwölfmal so häufig des Raubmordes verdächtig wie Frauen, werden fünfmal öfter der Körperverletzung und achtmal öfter der Sachbeschädigung bezichtigt und begehen den Großteil aller Verkehrsdelikte.

    Der kriminelle Trend ist auch beim Nachwuchs ungebrochen: Zwar ist die Jugendkriminalität insgesamt rückläufig, aber die (männlichen) Gewaltdelikte wie Körperverletzung haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Männerforscher Hollstein hat ausgerechnet, dass das Ausagieren »fehlgeleiteter Männlichkeit« pro Jahr Folgekosten von 15 Milliarden Euro verursacht – ein Drittel des Hartz-IV-Budgets und ein interessantes Einsparpotenzial. Die männliche Aggression richtet sich direkt oder indirekt vor allem gegen das eigene Geschlecht: Männer verletzen nicht nur andere Männer, sondern begehen auch dreimal so häufig Selbstmord wie Frauen, sie sind viel häufiger obdachlos, drogen- oder alkoholabhängig und sterben im Schnitt sechs Jahre früher – offenbar infolge einer Mischung aus Veranlagung und einem Hang zu ungesunder Lebensweise.

    Drittes Alarmsignal: Die Veränderungen des Arbeitsmarktes bedrohen vor allem die Männer. Der Arbeitsmarkt ist für viele Menschen in Deutschland ein unerfreuliches Thema: für Berufsanfänger, die zu endlosen unbezahlten Praktika genötigt werden; für leistungsstarke 60-Jährige, die man aus dem Job verdrängt; für Eltern mit Kindern, die den Flexibilitätserwartungen ihrer Chefs nur schwer entsprechen können; für Geringqualifizierte. Vor allem aber sind die Strukturveränderungen des Arbeitsmarktes ein Problem für Männer. Der Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft vernichtet vor allem einfache Arbeitsplätze und solche, für die man Körperkraft aufwenden muss.

    Viertes Alarmsignal: Der Mann weiß nicht, was er noch mit einer Familie soll. Über Jahrtausende gehörte die Rolle des Erzeugers, Vaters, Ernährers und Familienoberhaupts zum allgemein verbindlichen Männlichkeitsprogramm. Diese Rolle ist in Auflösung begriffen. Es gibt keine Gesellschaft mehr, die dem jungen Mann mit einem bestimmten Bild von »Erwachsenheit« oder »Bürgerlichkeit« gegenübertritt, zu dem notwendig Ehefrau und Kinder gehören. Der flexible Single-Mann gilt Personalchefs heute als genauso seriös wie 1960 der junge Familienvater. Aber er ist es nicht.

    Menschen in Deutschland werden heute (wenn überhaupt) erst mit Anfang 30 Eltern. Und während wir es gewohnt waren, den Grund für dieses Hinausschieben bei den jungen Frauen zu suchen, die ihre Karrierevorstellungen ausleben wollen, kann man langsam wohl doch von verweigerter Vaterschaft sprechen: Es streiken Männer, die im Falle der Familiengründung keine außerfämiliären Prestigegewinne, sondern innerfamiliäre Hausarbeiten fürchten. Bei den männlichen Akademikern etwa nahm die Kinderlosigkeit viel stärker zu als bei ihren Kolleginnen: von 16Prozent im Jahr 1971 auf 36 Prozent heute (nur 33Prozent der Akademikerinnen bis 45 Jahre bleiben kinderlos). Auch von den 35- bis 40-jährigen Hauptschulabsolventen leben deutlich mehr Männer allein und ohne Nachwuchs (34 Prozent) als Frauen (19 Prozent).

    Fünftes Alarmsignal: Es gibt kein Vorbild für einen Mann neuen Typs. Es sei nicht schwer, heutzutage gute Schauspieler zu finden, sagt Daniel Karasek, Generalintendant der Kieler Bühnen. »Aber einen Stierkämpfer, so einen richtigen Brocken, einen Marlon Brando kriegen Sie kaum noch.« Diese Art Nachwuchs komme an den Schauspielschulen so gut wie gar nicht mehr vor, die männlichen Darsteller seien sensibler, brauchten mehr Pflege.

    Der pflegebedürftige Mann, egal, ob auf der Bühne, im Bett oder in der Küche, ist aber sicher nicht das, was die vielfach belastete Frau des 21. Jahrhunderts braucht. Sie will jemanden, der sich für Kinder und Haushalt verantwortlich fühlt – wie sie. Und seinen Beruf mag – wie sie. Der schlichte Rollentausch führt zu schwer mess-, aber allseits spürbarer Unzufriedenheit. Das Zauberwort lautet: Partnerschaft.

    Schmerzlich fehlt Männern ein Feindbild – die Frauen unterdrücken sie schließlich nicht, sie verändern sich selbst nur unfair schnell. Und sie wissten natürlich, was zu tun ist. Aber es kommt nie besonders gut an, wenn Länderzwerge wie Estland dem deutschen Riesen Ratschläge erteilen.

  10. *Weltmännertag* – gut, dass auch Männer ihre Tage haben, die sie zum Innehalten im Sinne von Selbstsorge
    ermutigen. Habe auf das ‚Movember-Projekt‘ mal sogleich Söhne und Schwiegersöhne aufmerksam gemacht. :-)

  11. Lesenswert: Hannah Beitzer, Süddeutsche im Interview mit Thomas Schlingmann von Tauwetter: „Viele Männer verdrängen jahrelang, dass sie missbraucht wurden„, daraus:

    Süddeutsche Zeitung: Herr Schlingmann, wird sexuelle Gewalt gegen Jungen oder Männer in der Öffentlichkeit anders diskutiert als gegen Frauen?

    Thomas Schlingmann: Meines Erachtens: Ja. Es herrscht das Bild, dass Männern sexuelle Gewalt nicht passiert. Immer noch. Männer müssen auch in unserer Gesellschaft noch stark sein und durchsetzungsfähig. Dazu passt es nicht, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Die Opfer haben deswegen eine hohe Hemmschwelle, es sich überhaupt einzugestehen. Weil sie sich fragen: Bin ich überhaupt noch ein Mann?

    Bei Männern beobachten wir zum Beispiel oft, dass sie gegengeschlechtlicher Missbrauch als Kind oder Jugendlicher umdeuten zum „ersten heterosexuellen Abenteuer“, also zu einvernehmlichen Sex. Das passt besser zur Männerrolle in der Gesellschaft. Gleichgeschlechtlicher Missbrauch führt häufig zu der Frage: Bin ich etwa schwul? Diese Frage mag auf den ersten Blick seltsam wirken, ist es aber gar nicht. Zum Beispiel wissen viele Menschen nicht, dass Jungen wie Männer auch in Situationen von sexueller Gewalt Erektionen oder Ejakulationen haben können. Sie interpretieren das dann oft selbst als Zeichen, dass es ihnen doch irgendwie gefällt – verstärkt vom Täter oder der Täterin, die sagen: Siehst Du! Dabei stimmt das nicht.

    SZ: Wie verarbeiten Männer solche Übergriffe?

    TS: Sexuelle Gewalt ist immer ein sehr starker Angriff auf die eigene Identität. Viele Männer verdrängen jahrelang, dass sie missbraucht wurden. …

    Viele Männer, die sehr tief in klassischen Männlichkeitsvorstellungen stecken, haben auch wenig Zugang zu ihren Gefühlen. Das hat mit der Erziehung zu tun. Für sie ist es schwer, die erlebte Verletzung zu realisieren. Das kann man natürlich nie verallgemeinern, weil es durchaus Männer gibt, die sehr viel mit ihren Gefühlen beschäftigt sind. Aber die gesellschaftlichen Vorstellungen, die Männern vermittelt werden, sehen anders aus.

    SZ: Macht es einen Unterschied, ob die sexuelle Gewalt von einer Frau oder einem Mann ausging?

    Ja. Zum Beispiel ist es für viele Außenstehende durchaus vorstellbar, dass ich als Junge einem Mann unterlegen bin. Aber einer Frau? Das geht ganz schwer mit dem Bild zusammen, in dem Männlichkeit immer noch als Form von Überlegenheit konstruiert wird. Auf der anderen Seite ist Schwulsein in Teilen der Öffentlichkeit immer noch verpönt, was dann bei den Opfern zu den Konflikten führt, die ich schon beschrieben habe.

    Die Öffentlichkeit vermischt außerdem sehr gern sexuelle Gewalt und Homosexualität. Gerade, wenn es um Kinder und Jugendliche geht. Viele Männer, die sich selbst als pädophil bezeichnen, haben diese Vermischung in den 80er und 90er Jahren bewusst vorangetrieben, Anschluss zur Schwulenbewegung gesucht, sich als neue diskriminierte Gruppe inszeniert. Gott sei Dank geht inzwischen der größte Teil der schwulen Szene deutlich auf Distanz dazu. Doch das Bild ist immer noch da. Ich bin hingegen vorsichtig, den Begriff „Pädophiler“ in diesem Zusammenhang überhaupt zu gebrauchen, denn eigentlich hat sexueller Missbrauch nichts mit sexuellen Präferenzen zu tun.

    SZ: Womit dann?

    TS: Es geht um Macht. …

    SZ: Gibt es eigentlich verlässliche Zahlen, wie viele Männer Opfer sexueller Gewalt werden und ob die häufiger von Frauen oder Männern ausgeht?

    TS: Leider gibt es keine repräsentativen Studien zu dem Thema, die wirklich belastbare Zahlen liefern. Es gibt ungefähre Zahlen, wie viele Männer in Kindheit oder Jugend missbraucht wurden, wie vielen das im Erwachsenenalter passiert, ist unklar. Die Dunkelziffer ist außerdem extrem hoch.

    Von den Männern, die in unsere Beratungsstelle kommen, sind etwa ein Viertel bis ein Drittel in ihrer Kindheit von Frauen missbraucht worden. Wobei etwa die Hälfte davon wiederum nicht nur von einer Frau, sondern zusätzlich von einem Mann Gewalt erfahren haben. Dunkelfeldstudien zu dem Thema geben an, dass etwa fünf bis 15 Prozent der sexuellen Gewalt gegen Jungen und männliche Jugendliche von Frauen ausgeht. Über das Ausmaß sexueller Gewalt von Frauen gegen erwachsene Männer wissen wir kaum etwas.

  12. Hallo, vielen Dank für diesen Artikel über Spanien https://dvwelt.wordpress.com/2015/06/24/ley-mordaza-der-ausnahmezustand-wird-erklart/ Sehr erhellend, so wird mir einiges deutlich.

    Es gibt keinen einzigen vernünftigen Grund, warum Jungen und Männer nicht auch ihre Emotionen spüren, zeigen und kommunizieren dürfen und ihren Beitrag zum sozialen Kitt lernen können. Dürfen und lernen sollten, me thinks. Die Welt wäre ein friedlicherer Ort und der Sex würde besser. Womöglich wär’s die Weltrevolution.

    Wir verwechseln nach wie vor Gleichstellung mit Emanzipation.

    Ein Mann denkt hier, dass das die Antwort auf Ihre Frage ist, warum hauptsächlich Männer Suizid begehen, gewalttätig werden usw.

    Wenn demnächst Frauen mit den Männern hoffentlich gleichgestellt sein werden – wovon wir ausgehen sollten und was bspw. in Skandinavien fast erreicht ist – werden wir sehen, dass das ungefähr gleichverteilt sein wird (bis auf biologisches Rauschen) mit der Gewalt, dem Alkohol & Nikotin, den Krankheiten, dem Hass zw. den Individuen usw.

    Weil wir dann eben immer noch nicht emanzipiert sein werden. (Bei Susanne Gaschke steht bspw. 3x Chef im Text.)

    Das Patriarchat hat die technischen & ökonomischen Voraussetzung für die Gleichstellung von Mann und Frau geschaffen. Sonst könnten wir das hier gar nicht lesen & schreiben & austauschen. Vllt nennt man unsere Epoche deshalb mal das Ende des Mittelalters.

    Es stimmt m.E. leider nicht mit der Kooperation, wie Sie oben schreiben, in einer Zivilisation, sondern nur in der Biologie. Die Leistungen unserer Industrie-/ Dienstleistungszivilisation fußen bis heute auf Angst, nicht auf Zusammenarbeit, nicht auf Menschlichkeit und Güte, Triebkraft war Habgier und unser Wissen hat uns kalt im Herzen gemacht gegen Alles, was lebt.

    Wir Männer spüren schon längst, dass es damit zum Ende kommen muss. Wir sehen aber den gefährlichen Weg, der da vor uns liegt. Denn wie Sie so gut schreiben, niemand hat damit Erfahrung. Jeder Versuch der Geschichte, den zivilisatorischen Kit zu „ändern“, endete in einer zivilen Katastrophe.

    Und jetzt kommen Sie.

    • Das Patriarchat hat die technischen & ökonomischen Voraussetzung für die Gleichstellung von Mann und Frau geschaffen. Sonst könnten wir das hier gar nicht lesen & schreiben & austauschen.

      Sie vergessen dabei hoffentlich nicht, daß immer auch Frauen im Patriarchat arbeiten und tradiert erst die Voraussetzungen geschaffen haben, mit deren Hilfe sich meistens Männer mit technischen Innovationen und ökonomischen Spielereien beschäftigen können? Das nennt man übrigens Kooperation, keineswegs nur in der Biologie, sondern das ist die Voraussetzung für Zivilisation schlechthin. Kooperation liegt schon jeder Spezialisierung zugrunde, die den Jägern und Sammlern die Weiterentwicklung zu seßhaften Bauern und Handwerkern ermöglichte. Auch unsere Industrie-/ Dienstleistungszivilisation basiert in hohem Maß auf Kooperation – einer Kooperation mit unfairen Bedingungen und zwar nicht nur zwischen Männern und Frauen. Weswegen Gleichstellung immer sinnvoll ist, aber weder in der Geschlechterdiskussion noch in der über eine gerechtere Gesellschaft groß weiterbringt.

      Wir Männer spüren schon längst, dass es damit zum Ende kommen muss. Wir sehen aber den gefährlichen Weg, der da vor uns liegt. Denn wie Sie so gut schreiben, niemand hat damit Erfahrung. Jeder Versuch der Geschichte, den zivilisatorischen Kit zu „ändern“, endete in einer zivilen Katastrophe.

      Welcher Weg könnte denn noch gefährlicher sein als der bisher beschrittene? Aus Angst, Habgier und Kälte kann nichts nachhaltig-positives entstehen (wobei ich Ihr Urteil über „wir“ nicht teile). Der gesellschaftliche Kitt ist doch längst geändert – nicht nur durch die Frauen, die sich männliche Domänen, Teilhabe und öffentlichen Raum erobert haben und sich im Spagat ihrer doppelten Vergesellschaftung überanstrengen. Auch durch die zunehmend vielen Männer, die ihren patriarchalen Versorgungsauftrag kündigen (denken Sie nur an die Männer, die nach Trennung nicht mal Kindesunterhalt zahlen, obwohl sie leicht könnten oder an die vielen meist jüngeren, die sich dem komplett entziehen, indem sie in Zeugungsstreik treten), bzw. durch Überflüssigkeitserklärung seitens der Kriegsgewinnler in der Wirtschaft dazu gezwungen werden.

      Nebenbei bemerkt ist es Unsinn, daß es keine Erfahrungen mit anderen Systemen als dem Patriarchat gäbe, schließlich gibt es nach wie vor Matriarchate. Die Beschäftigung damit ist mindestens mal interessant, es handelt sich um friedliche Konsensdemokratien, in denen nicht nur Frauen und Kinder, sondern auch Männer besser leben. Sagt ein Mann über (Beispiel) die Mosuo.

      Ich halte es für einen Denkfehler und für eine Zivilisationsbremse, die Biologie komplett aus der Zivilisation heraus rechnen zu wollen und gleichzeitig die zivilisatorische Fähigkeit zu unbetreutem Denken und zum Treffen mündiger Entscheidungen für einen „gefährlichen Weg“ zu halten und ihn vorsichtshalber erst gar nicht zu beschreiten.

      Denn das ist ja das ganze Elend: wenn es so ist, wie Sie glauben und auch ich vermute, daß Emanzipation mit Gleichstellung verwechselt wird, heißt das, daß Männer ernstlich glauben, sie selbst müßten sich null bewegen. Denn Männer sind ja bereits mindestens gleichgestellt, oft sind sie privilegiert. Daß die vermeintliche Privilegierung, (bzw. das Streben danach) allerhand Risiken und Nebenwirkungen für sie selbst birgt, versuche ich im obigen Blog zu vermitteln. Daß btw. die weiblichen Sucht-, Krankheits- und Gewalt-Raten im nahezu gleichgestellten Skandinavien sprunghaft angestiegen wären und demnächst mit denen der Männer gleichziehen, halte ich für eine steile These und hätte gern eine Quelle dazu.

      Mit anderen Worten, nö, ich komme jetzt gar nicht, sondern Sie, der alle Männer in sein „wir“ eingemeindet, Sie kommen jetzt. For a start kommen Sie mit einer schlüssigen Erklärung rüber, was genau von „wir Männer“ längst erspürt wird und welcher Weg gefährlicher ist als der bisherige.

      • Männer rangieren für Frauen nicht knapp über dem lieben Vieh – die Ausgangsposition zu Olympe de Gouges Zeiten. Das haben Sie geschrieben, nicht ich. Sie maßen sich ein „wir, die Frauen“ an. Mache ich das, schreiben Sie „noe“, sehr erhellend, aber nicht neu. Das kennt man von jenen, die mit viel Wortgeschwall & Lärm Demokratie und Bürgerrechte fordern. Nimmt man sie wahr, sind sie beleidigt, wenn es nicht so läuft, wie jene es sich vorgestellt haben.

        Sie sind in die Falle getappt und schmollen. Gönnen Sie mir doch den kleinen Sieg. Wie sitzen doch allen im gleichen Boot … und es sinkt. Angenehmen Tach noch.

        • Männer rangieren für Frauen nicht knapp über dem lieben Vieh – die Ausgangsposition zu Olympe de Gouges Zeiten. Das haben Sie geschrieben, nicht ich. Sie maßen sich ein „wir, die Frauen“ an. Mache ich das, schreiben Sie „noe“, sehr erhellend, aber nicht neu. Das kennt man von jenen, die mit viel Wortgeschwall & Lärm Demokratie und Bürgerrechte fordern. Nimmt man sie wahr, sind sie beleidigt, wenn es nicht so läuft, wie jene es sich vorgestellt haben.

          Sie sind in die Falle getappt und schmollen. Gönnen Sie mir doch den kleinen Sieg. Wie sitzen doch allen im gleichen Boot … und es sinkt.

          Que? Bitte was tue ich? Mit Verlaub, Sie finden bei mir niemals und nirgendwo eine Formulierung wie „wir, die Frauen“. Daß Frauen zu Olympe de Gouges Zeiten knapp oberhalb des lieben Viehs rangierten, ist ein Fakt. Niemand hält Sie davon ab, sich mit historischen Basics vertraut zu machen (auch zum „Ende des Mittelalters„) und im Zuge dessen z.B. die feinen Unterschiede zwischen adeligen und übrigen Männern einerseits, adeligen und übrigen Frauen andererseits und im Verhältnis der Geschlechter zueinander im ausgehenden 18. Jhdt heraus zu finden und entsprechend differenziert und im Hinblick auf die Gegenwart zu würdigen. Daß ich hier im Blog die Gruppe der Männer und die der Frauen vergleiche, ergibt sich logisch: aus den im Blog thematisierten Statistiken und aus weiteren dargelegten Unterschiedlichkeiten zwischen männlichem und weiblichem Verhalten und dessen Konsequenzen.

          Um Sie einer weiteren Illusion zu berauben – ich „schmolle“ nicht, sondern ich ärgere mich über Ihre Diskursunfähigkeit und Unhöflichkeit und über mich selbst, auf Ihr gestriges Wortgeklingel reingefallen zu sein. Und indem ich das hingeschrieben habe, ist mein Ärger auch schon wieder verflogen – soviel zu Ihrem „kleinen Sieg“ im sinkenden Boot, indem wir alle sitzen.

          Darüberhinaus haben Sie keinen Beitrag zur Diskussion? Na, dann eben nicht.

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