Gruppenbild mit Nazis

Ich grübele seit Tagen. Und habe zero Lust, zum 25. Geburtstag der Pogrome in Rostock-Lichtenhagen noch einen Blog zu schreiben. Es ist darüber längst alles gesagt.

Deswegen nur soviel: dem Pogrom folgte der „Asylkompromiss“, die faktische Abschaffung des Asylrechts, ermöglicht durch das Einknicken der SPD (wählen Sie die nicht!)

Der „Asylkompromiss“ lieferte die Blaupause für die Dublin-Verordnungen und für die sich immer weiter exterritorial ausdehnende Festung Europa, inklusive der Bezahlung von Autokraten, Milizen und Warlords für europäische Flüchtlingsabwehr mit allen Mitteln.

Die einzigen, die sich damals in Rostock der rechtsextremistischen Wiedervereinigung und Nazi-Gewalt erfolgreich entgegen stellten, war die Antifa, die zum Dank dafür von der Polizei verhaftet wurde. Die Verantwortlichen bei Polizei, Innenministerium, Stadt genossen derweil ihr Wochenende mit der Familie im Westen. Die Gewalttäter wurden später, wenn überhaupt, auffallend milde und schleppend bestraft. 408 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet, ganze 3 verhinderte Mörder sahen ein Gefängnis von innen.

Die im Sonnenblumenhaus angegriffenen Vietnamesen bekamen keine Entschädigung wie ihre durch den Lärm belästigten deutschen Nachbarn, sondern die meisten wurden abgeschoben. Die vietnamesischen Vertragsarbeiter waren im Einigungsvertrag vergessen worden – erst Jahre später (1997?) wurde ihr Aufenthalt geregelt. Während das Sonderkündigungsrecht der Firmen selbstredend gleich 1989/90 mitbedacht wurde.

Aus dem Pogrom und dem folgenden „Asylkompromiss“ als politischer Reaktion auf Nazi-Mordlust gingen NSU und national befreite Zonen hervor. Du darfst, nimm zwei.

Was wohl in 25 Jahren ist, wenn selbst dem Naivsten und Dümmsten klar geworden sein wird, was aus der Zustimmung der bürgerlichen Mitte zur Schleifung der Grund- und Menschenrechte und aus Gruppenbildern mit Nazis (die sehen ja heute viel netter aus! Ordentlich gekleidet, Seitenscheitel sitzt und die zünden auch keine Autos an!) so alles hervor gegangen ist?

Zu spät ist es dann, denn es geht schon längst nicht mehr um Wehret den Anfängen, sondern um Wehret dem schlimmen Ende. Wehret der politischen Gläubigkeit. Wehret der Schleifung von Bürger-, Grund- und Menschenrechten. Wehret, daß sich Nazis zur See als Avantgarde unserer Politik fühlen dürfen. Wehret der schamlosen Ausbeutung armer Länder zugunsten des obszönen Reichtums weniger. Wehret dem Neoliberalismus, der alle Nichtnützlichen ausspuckt. Wehret Politikern, die die Aufrüstung von failed states zur Internierung von Geflüchteten unter Katastrophenbedingungen als „Bekämpfung von Fluchtursachen“ und die staatliche Bespitzelung als „innere Sicherheit“ verkaufen wollen (wählen Sie die nicht!)

Wehren Sie sich, bevor Sie sich nicht mehr wehren können. Weil Sie anderer Meinung, dunkelhäutig, religiös, weiblich, homosexuell, alt, arm, arbeitslos, krank sind und weil Sie sich zuvor nie gewehrt hatten. Weil es Sie lange nicht betraf.


Gruppenbild mit Nazis: Screenshot Süddeutsche.

Um Mißverständnissen vorzubeugen – ich bin keineswegs der Meinung, Angela Merkel sei allein und überhaupt alles schuld. Ich halte ihre damalige Naivität aber für auf heute übertragbar und zwar auf alle, die der Meinung sind, Nazis folgten nur ihrem Recht auf Meinungsfreiheit, man müsse mit ihnen reden und ihre schweren Kindheiten und sozialen Umstände berücksichtigen. Statt das menschenfeindliche Denken und Tun von Nazis zu bekämpfen. Und ich finde Merkels Gesichtsausdruck damals unbezahlbar. Symbolträchtig.


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19 Gedanken zu „Gruppenbild mit Nazis

  1. Der 25. Geburtstag des Progroms bietet einen Anlaß mehr, Navid Kermanis Rede im Bundestag zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes zu lesen, daraus:

    Ausgerechnet das Grundgesetz, in dem Deutschland seine Offenheit auf ewig festgeschrieben zu haben schien, sperrt heute diejenigen aus, die auf unsere Offenheit am dringlichsten angewiesen sind: die politisch Verfolgten. Ein wundervoll bündiger Satz ‑ „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ ‑ geriet 1993 zu einer monströsen Verordnung aus 275 Wörtern, die wüst aufeinandergestapelt und fest ineinander verschachtelt wurden, nur um eines zu verbergen: dass Deutschland das Asyl als Grundrecht praktisch abgeschafft hat.

    (Beifall)

    Muss man tatsächlich daran erinnern, dass auch Willy Brandt, bei dessen Nennung viele von Ihnen quer durch die Reihen beifällig genickt haben, ein Flüchtling war, ein Asylant?

    Auch heute gibt es Menschen, viele Menschen, die auf die Offenheit anderer, demokratischer Länder existentiell angewiesen sind. Und Edward Snowden, dem wir für die Wahrung unserer Grundrechte viel verdanken, ist einer von ihnen.

    (Beifall)

    Andere ertrinken im Mittelmeer ‑ jährlich mehrere Tausend ‑, also mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch während unserer Feststunde. Deutschland muss nicht alle Mühseligen und Beladenen der Welt aufnehmen; aber es hat genügend Ressourcen, politisch Verfolgte zu schützen, statt die Verantwortung auf die sogenannten Drittstaaten abzuwälzen.

    (Beifall)

    Und es sollte aus wohlverstandenem Eigeninteresse anderen Menschen eine faire Chance geben, sich um die Einwanderung legal zu bewerben, damit sie nicht auf das Asylrecht zurückgreifen müssen.

    (Beifall)

    Denn von einem einheitlichen europäischen Flüchtlingsrecht, mit dem 1993 die Reform begründet wurde, kann auch zwei Jahrzehnte später keine Rede sein, und schon sprachlich schmerzt der Missbrauch, der mit dem Grundgesetz getrieben wird. Dem Recht auf Asyl wurde sein Inhalt, dem Artikel 16 seine Würde genommen.

    (Beifall)

    Möge das Grundgesetz spätestens bis zum 70. Jahrestag seiner Verkündung von diesem hässlichen, herzlosen Fleck gereinigt sein, verehrte Abgeordnete.

    (Beifall)

    Dies ist ein gutes Deutschland, das beste, das wir kennen. Statt sich zu verschließen, darf es stolz darauf sein, dass es so anziehend geworden ist.

    Der Beifall war parteiübergreifend.

  2. Claus Leggewie in der Frankfurter Rundschau: Wir sind Charlottesville

    Doch sollte man nicht übersehen, dass diese Rechte an Traditionen anschließt, die weniger amerikanisch als europäisch sind und dem Faschismus des späten 19. und des 20. Jahrhunderts entspringen.

    Neonazis beziehen sich auf den modernen Antisemitismus und Hitler, „Blood & Soil“ auf die arisch-agrarische Volksgemeinschaft der Nazis.

    Amerikanisch ist die Form: Der fundamental-protestantische Geheimbund des Ku-Klux-Klan und die Militia, die waffentragenden Bürgerwehren, bestehen auf der radikalsten Auslegung des Second Amendment („the right of the people to keep and bear arms“) aus dem Jahr 1791 und laufen nicht nur in Charlottesville in Bürgerkriegsmontur herum. Auf ihr Konto geht der heimische Terrorismus, der schon Dutzende von Toten gekostet hat.

    Wer hier als Europäer die schlimmsten Auswüchse des Amerikanismus wüten sieht, sollte auch nicht vergessen, dass pogromartige Ausschreitungen gegen „Fremde“ in größerem Umfang in der Alten Welt stattfinden.

    Dass das Phantasma vom „Großen Bevölkerungsaustausch“ aus Europa importiert ist; dass der NSU seine mörderische Aktivität mindestens so effizient verfolgt wie der KKK; und dass in unseren Breiten die größere islamo- und arabophobe Welle rollt. Es ist eher so, dass die amerikanische Ultrarechte von Europa gelernt hat.

    • Scusi, Frau Plass, keine Ahnung, warum Ihr Kommentar in der Moderationsschleife hängen blieb. Ich habe versuchshalber um Ihren Nachnamen ergänzt, half aber auch nix. Die WordPress-Wege sind unergründlich, tut mir leid.

  3. Gremliza in der konkret-Dezemberausgabe 1992, aus gegebenem Anlaß wiederaufgelegt: Sauber!

    Seit der Wiedervereinigung haben Verbrechen an Ausländern ein seit 1945 nicht gekanntes Ausmaß erreicht. Die Polizei sieht tatenlos, aber wohlwollend zu, die Justiz ruft dann und wann einem der Totschläger ein drohendes »Du! Du!« zu, die Politiker und Journalisten aller Parteien, die mit ihrem Gerede von Scheinasylanten und Ausländerkriminalität erst den Nazibanden Mut gemacht haben, nehmen die Täter als »frustrierte Jugendliche« in Schutz und nutzen die Empörung über die Verbrechen an Asylsuchenden und Flüchtlingen, um die Bundesrepublik gegen Asylsuchende und Flüchtlinge aufzurüsten, das Grundgesetz zu ändern und die Sozialhilfe für Asylbewerber unters Existenzminimum zu senken. Der Existenz der Ausländer und keineswegs der an ihnen verübten Verbrechen wegen hat der Bundeskanzler den »Staatsnotstand« ausgerufen und mit einem Putsch gedroht. Die einzige politische Gruppierung, deren Mitglieder sich – in der Tat und nicht in der Süßmuthschen Metapher – schützend vor Ausländerheime gestellt und den Nazis ein paar Niederlagen beigebracht haben, sind die »Autonomen«. Sie konnten freilich nur wenige der Brände löschen, die die schweigende Mehrheit der Anständigen angestiftet hat.

    Dies im Sinn, lese man, wie Weizsäcker die rechten Mörder und die linken Verteidiger der Opfer zusammenschleimt: »Deutschland den Deutschen. Mit solchen Parolen ziehen Extremisten durch die Straßen«; wie er vorzugehen verlangt »gegen Gewalttäter von allen Seiten, denen es nur um ihren Krach geht und nicht um ihren Mitmenschen«, was sogar für die neuen Nazis gelogen ist, denn denen geht es nicht um ihren Krach, sondern um Mitmenschen, die sie totschlagen können. Wer Gewalt im Namen Deutschlands anwenden wolle, sagt Weizsäcker, »der vergreift sich am Namen unserer Nation«, womit der Präsident zum Ausdruck bringt, daß der Name unserer Nation etwas ist, woran man sich vergreifen kann und nicht unsere Nation etwas, das sich an so vielen vergriffen hat, daß ihre Repräsentaten in Fragen der Ehre der Nation und ihres verfluchten Namens für ein paar hundert Jahre schweigen sollten.

  4. Unbedingt und ganz gelesen haben sollte man den Artikel von Dan Thy Nguyen bei Zeit Online: „Jetzt wollen sie uns umbringen!“

    Die Vorfälle in Rostock-Lichtenhagen verunsichern bis heute viele Vietnamesen. Theaterregisseur Dan Thy Nguyen lernte, sich mit Knüppeln zu verteidigen – und zu rennen.

    Plötzlich knickte mein Fuß weg. Kurz vor der Geburt meines Sohnes war ich über den Sportplatz gelaufen und dabei ungünstig aufgekommen. Mein Fußgelenk schmerzte, nicht viel, nur beim Auftreten tat es weh. Ich wurde wütend. „Man, jetzt kannst du dein eigenes Kind nicht mehr beschützen!“, dachte ich. „Das kann doch nicht wahr sein, dass du nicht auf dich aufpassen kannst! Wie konnte dir das passieren!“ Nach der Wut kam die Panik: Aufpassen war das Wichtigste, was ich in meiner Kindheit und Jugend gelernt hatte.

    Im Jahr 1992 bin ich sieben Jahre alt und starre auf den Fernsehbildschirm. Es zeigt ein Hochhaus in Flammen. Ich verstehe nicht. Ich ahne nur, dass es eine ernste Situation sein muss. Meine Eltern sind ganz still. „Jetzt wollen sie uns umbringen!“, stottert mein Vater schließlich. Dem Tod, dachten sie, waren sie eigentlich schon entflohen: In den siebziger Jahren waren sie vor dem Vietnamkrieg in einem winzigen Fischerboot auf das offene Meer geflüchtet. Nach einer langen Odyssee waren sie letztlich nach Deutschland gekommen, in einen kleinen Ort in der Eifel. Von dort aus sehen sie nun zu, wie Hunderte Neonazis und Tausende Anwohner in Rostock-Lichtenhagen eine Erstaufnahmestelle für Asylbewerber und einen Wohnblock vietnamesischer Vertragsarbeiter belagern. Brandsätze fliegen auf das Sonnenblumenhaus und auf dem Höhepunkt des Pogroms zieht sich die Polizei teilweise vollständig zurück.

    Nach den Nachrichten sagt mein Vater, er müsse mir im Esszimmer etwas beibringen. Er fragt mich, ob ich ihm vertrauen würde. Ich bejahe und wir gehen rüber. Dort packt er mich. Ich müsse mich befreien, ruft er. „Ich kann nicht!“, rufe ich zurück. Ich strample, aber ich habe keine Chance gegen seine Kraft. Mein Vater schreit mir ins Gesicht: „Ich bin noch lieb zu dir, aber der Nazi wird dich umbringen!“ Ich schreie nun auch, sage, dass er mich loslassen soll. Entgeistert kommt meine Mutter dazu und fordert, dass er den Griff lösen soll. „Wir müssen ihm aber beibringen, stark zu sein!“, entgegnet mein Vater. „Insbesondere, wenn sie kommen! Wenn wir zu sanft zu ihm sind, wird er sich nie verteidigen können!“, sagt er. „Wir sind aber nicht mehr im Krieg!“, erwidert meine Mutter aufgebracht. „Der Krieg ist vorbei! Hör auf!“ Widerwillig lässt er los.

    Das war jetzt nur der Anfang, lesen Sie ihn ganz!

  5. Pingback: Aufgelesen und kommentiert 2017-08-22 – "Aufgelesen und kommentiert"

  6. „Gruppenbild mit Nazis“?
    Ist doch nichts neues, ich erinnere nur an den“old school Nazi“, obwohl 1961 geboren, Publizisten, BW Leutnant a. D. und Apertheidapologeten, Claus Nordbruch, der 1986 nach S. A. auswanderte und dort auf seiner Farm dem Blood&Hounor Fanzine Rede und Antwort stand.
    Uebrigens genau der Claus Nordbruch, zu dem auch der NSU kontakt hatte.
    Als die Bundesministerin f. wirtschaft. Zusammenarbeit u. Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), 2004 in Namibia zur 100 jaehrigen Gedenkveranstaltung zur „Niederwerfung“ der Ovaherero weilte*, traf sie sich in ihrer Funktion als Bundesministerin mit dem bei Pretoria lebenden Nordbruch in Namibia, diskutierte froehlich mit ihm und liess sich gemeinsam photographisch ablichten.
    Ein Sachverhalt, den Nordbruch anscheinend so beeindruckt hat, dass er dieses Treffen in seinem revisionistischen Buch „Voelkermord an den Herero in Deutsch-Suedwestafrika?“ in der 2.Auflage um dieses Kapitel erweiterte.

    PS: Ich verlinke prinzipell keine Nazis, aber meine Aussagen sind ohne weiteres im Web zu recherchieren.

    *Ich war im Dezember zu Studienzwecken des selben Jahres in Namibia und kann mich noch gut daran erinnern zu welchen Hohngelaechter Wieczorek-Zeuls Aussage „forgive us our trespassing“ bei der lokalen nicht-weissen Bevoelkerung sorgte.

    • O_° das ist aber peinlich. Von Wieczorek-Zeul halte ich eigentlich was, sie war jedenfalls die letzte Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die diesen Namen verdient.

      Ansonsten haben Sie völlig recht, es ist nix Neues. Die Nazis waren nie weg und jetzt haben sie mächtig Oberwasser und dürfen sich als Avantgarde der europäischen Flüchtlingsabwehr begreifen.
      Erschütternd ist, wie bereitwillig Journalisten ihnen auf den Leim kriechen – in die Ziegenkäsefalle von Götz Kubitschek sind Journos von so gut wie jedem Medium getappt und kaum eine Talkshow kommt ohne Dauerpräsenz von AfD-Protagonisten aus. Nur sehr zögerlich setzt Umdenken ein, wie man über Nazis berichterstattet, ohne sie dabei noch zusätzlich groß zu schreiben.

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