“ … ein Irrsinn. Es ist einfach Irrsinn …“ (1/2)

Georg Ratzinger im Januar 2016 über den Versuch der Aufklärung systematisch verübter Verbrechen physischer, psychischer, sexualisierter Gewalt gegen Jungen in der Domspatzen-Vorschule in Etterzhausen, später in Pielenhofen, im Gymnasium, im Internat und im Chor in Regensburg:

Diese Kampagne ist für mich ein Irrsinn. Es ist einfach Irrsinn, wie man über 40 Jahre hinweg überprüfen will, wie viele Ohrfeigen bei uns verteilt worden sind, so wie in anderen Einrichtungen auch …

Das war ein Moment der Ehrlichkeit, den die eilig nachgeschobene Stellungnahme des Bistums, es sei richtig, alle Beschuldigungen rückhaltlos aufzuklären, nicht wieder einfangen konnte. Immerhin strapazierte das Bistum nicht die beliebte Floskel der schonungslosen Aufklärung, denn schonungslos ist die Aufklärung vor allem und zuerst für die Betroffenen von Gewalt in der Kindheit.

Der Mann hat auch eine Art Punkt: nicht nur in anderen Einrichtungen, auch in Familien wurden Kinder vor 40 Jahren wesentlich selbstverständlicher als heute geschlagen, gedemütigt, vergewaltigt. Wie sich das im speziellen in Bayern verhielt, erläutert Hannes Ringlstätter in der ‚Dreifaltigkeit der dörflichen Züchtigung‘ – vermutlich ist es eine Gnade, darüber lachen zu können.


Der damalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller wertete 2010 die Vorwürfe strukturell ausgeübter Gewalt aller Art als üble Nachrede.

422 Betroffene von sexuellem Missbrauch und körperlicher Gewalt hatten sich beim Opferanwalt Ulrich Weber schon im Oktober vergangenen Jahres gemeldet, es könnten mittlerweile noch mehr sein. Mehr als zwei Jahre lang hat Weber die Fälle untersucht. Den Termin für den Abschlussbericht hatte er verschoben, die enorme Datenmenge aus einem Zeitraum ab 1945 habe eine umfangreiche Strukturierungs- und Einordnungsarbeit erfordert – und damit mehr Zeit als geplant. So erklärte es Weber. Mit ihm ist die systematische Aufarbeitung ins Rollen gekommen. …

Als 2010 die ersten Opfer an die Öffentlichkeit gingen, gestand ein Pressesprecher „vier oder fünf Sachen“ ein. Gerhard Ludwig Müller, zu jener Zeit noch Bischof von Regensburg, wies öffentliche Vorwürfe scharf zurück. Als die damalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von einer Schweigemauer sprach, bezichtigte Müller die FDP-Politikerin der Lüge. Das Bistum selbst blieb intransparent, manche Anträge auf Anerkennungsleistungen habe es nicht weitergeleitet, so der Vorwurf der Opfer, nachdem die Deutsche Bischofskonferenz entschieden hatte, an jedes Opfer bis zu 5.000 Euro auszuzahlen. Das Geld gebe es nur für diejenigen, die von sexuellem Missbrauch betroffen seien, nicht aber bei anderer körperlicher Gewalt, rechtfertigte sich das Bistum. … 2013 berief Papst Benedikt XVI. Müller zum Chef der Glaubenskongregation im Vatikan.

Verleumdung der Betroffenen und Schweigen über Täter- und Mittäterschaften der römisch-katholischen Kirche diente als zeitweiliger Karrieremotor. Müller wurde allerdings kürzlich von Papst Franziskus aus dem Vatikan zur geistlichen Besinnung und theologischen Reflexion abberufen und fühlt sich nun ungerecht behandelt, denn er, der Null-Toleranz-Aufklärer, mußte renovieren.

Die Etiketten Irrsinn und üble Nachrede wurden den heute erwachsenen Männern angeheftet, die bei den Regensburger Domspatzen zu Gewaltopfern gemacht wurden und die in aller Regel auch heute noch etwas von ihrer Kindheit haben.


Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar (Ingeborg Bachmann) – O-Töne aus Vorfälle von Gewaltausübung an Schutzbefohlenen bei den Regensburger Domspatzen in den Vorschulen Etterzhausen und Pielenhofen (die Jungen waren im Alter zwischen 8 und 11), die den allgemeinen Umgang mit ihnen beschreiben. 547 Betroffene haben sich bei Ulrich Weber gemeldet, 500 von ihnen wurden zu Opfern körperlicher Gewalt und 67 zu Opfern sexualisierter Gewalt gemacht, einige erlitten beides. Alle Domspatzen waren psychischer Gewalt ausgesetzt. Die zitierten O-Töne habe ich in einen zweiten Blog ausgegliedert, weil der hier auch ohne länglich wird.


Über Gewaltexzesse in der Heiligen Messe nur aus einem Zeugnis zitiert, das die zusätzliche psychische Gewaltwirkung kirchlicher Institutionen auf den Punkt bringt:

Was mir von den täglichen Frühgottesdiensten und auch den sehr häufigen Abendgottesdiensten (ob täglich, weiß ich nicht mehr) in den Ohren bis heute klingt, ist das immer wiederkehrende Mantra: durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld. Dieses permanente sich schuldig, schlecht und unwert fühlen, kenn ich bis heute gut…

Bei der etwa einmal im Monat stattfindenden Pflicht-Beichte wurden Kinder genötigt, Sünden zu erfinden, um zusätzlicher Beichte und Bestrafung vielleicht entgehen zu können. Viele mußten nicht nur die üblichen Vaterunser und Ave Maria sprechen, sondern wurden wegen ihrer „Sünden“ während und nach der Beichte geschlagen.


Essen muß die Hölle gewesen sein. Bei Tisch herrschte Silentium, während Schüler vorlesen mußten. Das Essen selbst wird als Katastrophe beschrieben – minderwertige Lebensmittel, schlecht zubereitet, mitunter verdorben. Personal und Lehrkräfte aßen besser.

Die Jungen mußten immer alles aufessen, andernfalls drohten harte Körperstrafen, auch bei ausgeprägten Abneigungen und selbst bei Lebensmittelallergien. Andere erhielten Essensverbote, auch als Kollektivbestrafung aller für Regelübertretungen einzelner. Kinder wurden gezwungen, Erbrochenes zu essen.

Außerhalb der Essenszeiten herrschte zeitweise Trinkverbot.
Die Jungen durften während der Messe, des Unterrichts, des Essens und nachts nicht auf die Toilette gehen. Kinder wurden gezwungen, in die Hose oder ins Bett zu machen und wurden dafür noch extra bestraft (dazu später noch ausführlicher).


Im Schulunterricht wurde nicht nur für angebliches Fehlverhalten, sondern auch für unzureichend befundene Leistungen geprügelt. Kinder wurden vor die Wahl gestellt, entweder öffentlich und entblößt z.T. blutig geschlagen zu werden oder das Nicht-Gewußte Hunderte von Malen zu schreiben, was angesichts des ständig überwachten Alltags und der kaum vorhandenen freien Zeit gar nicht zu schaffen war. Linkshänder wurden noch in den 1990ern mit einem Stock auf die Hände geprügelt, bis sie grün und blau waren. Noch in den 1980ern wurde so an Haaren gerissen, daß Jungen dauerhaft kahle Stellen hatten. Eine beliebte Strafform war, Jungen an den Schläfenhaaren in die Höhe zu heben und sie, bevor sie wieder auf den Füßen standen, ins Gesicht zu schlagen.


Auch der hochgelobte Musikunterricht fand unter extremer Gewaltausübung statt. Jungen, die angeblich einen falschen Ton gesungen hatten, wurden mit der Faust und mit dicken Choralbüchern auf den Kopf geschlagen. Beim Klavierunterricht wurden zur richtigen Handhaltung gespitzte Bleistifte unter die Hände geklemmt, deren Spitzen beim Abbrechen in den Händen steckten. Bei falschen Tönen wurde der Klavierdeckel zugeschlagen, es wurde mit Händen und mit Fäusten geprügelt. Beim Geigenunterricht wurde mit abgesägten und abgebrochenen Geigenbögen geschlagen, auch auf die Finger. Das nachmittägliche 30minütige Üben des jeweiligen Instruments wurde streng und gewalttätig überwacht, es gab einen ständigen Austausch zwischen Lehr- und Internatspersonal.


Ständig kontrolliert wurden auch Schränke und Betten. War der kontrollierte Junge beim Personal unbeliebt oder sein Schrank/Bett nicht ordentlich genug, wurde erst recht Unordnung gemacht und es gab Schläge. Verlorene Gegenstände, etwa Waschlappen im Waschraum oder Handschuhe (alles mit Namensschildern oder Wäschenummern versehen), wurden eingesammelt. In regelmäßigen Abständen wurden die Namen öffentlich aufgerufen und die Kinder mußten sich ihr Eigentum unter entsprechender öffentlicher Bestrafung abholen. Vergeßlichkeit fand auch Eingang in gesonderte Sammelbestrafung durch Präfektor oder Direktor.


Besonderes Augenmerk galt der Einhaltung der Nachtruhe. Wer dagegen verstieß, wurde aus dem Bett gerissen, geschlagen und getreten, viele mußten zur Strafe bis zu zwei Stunden barfuß und wenig bekleidet in Flur, Toilette oder Waschraum strammstehen. Jungen wurden angeschrieen und mißhandelt, wenn sie vor lauter Heimweh und Unglück im Bett weinten.

Bettnässer wurden zur Schau gestellt, geschlagen, in die Genitalien getreten, sie wurden mit urinfeuchten Laken oder Kleidungsstücken ins Gesicht geschlagen und wurden gezwungen, sie öffentlich oder während die anderen Kinder zum Frühstück gingen, im Waschraum auszuwaschen. Bettnässer hatten abends grundsätzlich Trinkverbot, sie wurden systematisch beschämt und dem Hohn anderer Schüler preisgegeben.


Sonntags standen ausgedehnte Spaziergänge auf dem Programm, das Gehtempo war stramm und vorgegeben, Abweichungen wurden von Mitschülern mit Prügel und Trinkverboten bestraft. Die Spaziergänge dienten dem Personal auch zur Beschaffung neuer Stöcke.

Auf dem sonntäglichen Programm stand auch, nach Hause zu schreiben. Jeder Brief wurde gelesen, Briefe wurden bei Mißfallen korrigiert, deren Neuverfassung angeordnet, Kinder wurden für Briefinhalte bestraft und geschlagen. Viele Briefe kamen nie bei den Eltern an. Post von den Eltern wurde ebenfalls kontrolliert und nicht unbedingt immer oder sofort ausgehändigt. Für die Aushändigung von Paketen mußten die Jungen z.T. Geld bezahlen, aus Freßpaketen wurde gestohlen oder deren Inhalt an andere Schüler verteilt.

Kontakt zu den Eltern war außerhalb der Besuchszeiten nicht immer möglich, Telefonate waren nur sehr eingeschränkt erlaubt und wurden abgehört. Besuch war ein nur alle paar Wochen gestattetes Privileg, ebenso Fahrten nach Hause außerhalb der Schulferien. Geldbeutel wurden Kindern beim Eintritt ins Internat abgenommen. Radiohören und Fernsehen war in der Regel verboten, ebenso jede dem Personal nicht genehme gesungene oder gespielte Musik.

Die Kinder wurden fast ununterbrochen kontrolliert und gemaßregelt. Silentium herrschte nicht nur bei Tisch, sondern auch im Gottesdienst, während der Hausaufgaben, beim Waschen, im Unterricht, beim Strammstehen, im Bett, bei jeder Bewegung der Schüler in Formation durch das Internat. Jeder Verstoß gegen den Schweigezwang zog Strafe nach sich.


Erkrankungen und Verletzungen, auch die durch Gewalt von Personal und Mitschülern, wurde nicht unbedingt medizinisch versorgt, berichtet wird auch von sexualisierter Gewalt, z.B. bei der Gabe von Zäpfchen. Selten wurde auch bei schlimmeren Krankheiten oder Verletzungen ein Arzt hinzugezogen.

Häufiger Gast war aber die Polizei, wenn sie Kinder zurückbrachte, die versucht hatten, aus Etterzhausen und Pielenhofen zu fliehen. Zahllose Schüler haben das versucht, kaum jemand war erfolgreich, einige wenige konnten ihre Eltern durch mehrfaches Ausreißen zu einem Schulwechsel bewegen. Alle anderen brachte entweder die Polizei zurück oder der Hausmeister jagte sie mit dem Moped. Es ist die Rede von Kindern, die versuchten, sich unter dem Zaun durchzugraben, sich im Wald versteckten, von Flucht in Schlafanzug, Bademantel und mit Teddy. Gesprochen wird von einem Fluchtversuch pro Woche und davon, daß Ausreißer zur Strafe extrem mißhandelt wurden.

Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie ausweg- und hoffnungslos sich alle Kinder bei jedem wieder eingefangenen Schüler gefühlt haben müssen.

Wenig überraschend ist, daß in Etterzhausen und Pielenhofen auch sexualisiert mißhandelt wurde, während vollkommen asexuelle Nähe und Freundschaft unter den Kindern unter Generalverdacht stand und oft zu drakonischen Strafen führte.


Das beschriebene Klima von Angst, Schmerzen, Einsamkeit, Ausgeliefertsein bei eingeredeter eigener Schuld daran ist ein typischer Nährboden für Gewalt aller Art gegen Kinder – nicht nur in Institutionen, auch in Familien. Ich bin sicher, daß wesentlich mehr Männer dort als Kinder mißhandelt wurden, als sich jetzt bei Ulrich Weber gemeldet haben. Es gibt viele Gewaltopfer, die ihren Frieden durch Verdrängung zu machen versuchen.

Auf Ulrich Webers Website steht gleich oben im Kopf drei Worte: Hinsehen Zuhören Antworten, darunter steht: transparent, offen, unabhängig. Das sind Minimal-Vorraussetzungen (die anderen Institutionen und auch den Grünen als Vorbild dienen sollten!) um von Gewalt in der Kindheit Betroffene zum Zeugnis über ihre traumatischen Erfahrungen zu bewegen.

Die haben das sicher nicht nur für sich getan oder gar für die beleidigend niedrigen Geldbeträge, die die römisch-katholische Kirche für angemessen hält. Die allermeisten tun sich das an, damit es durch viele Zeugnisse endlich wahr ist und damit Kinder heute besser vor Gewalt geschützt werden. Das geht aber nur dann auf, wenn viele endlich begreifen, daß immer noch ein Elefant im Gesellschaftszimmer steht.

Bitte lesen Sie den Bericht, wenigstens quer. Die Betroffenen und Ulrich Weber haben Schwerstarbeit geleistet, dafür kann man ihnen gar nicht genug danken. Der Bericht ist sehr gut gegliedert und systematisiert das Leid, bis jeder die Muster sehen kann.

Es ist an uns, Ihnen, mir , allen, Schlüsse daraus zu ziehen. Zum Beispiel aufmerksam und zugewandt zu sein. Zu Kindern in Not und zu erwachsen gewordenen Überlebenden.


Foto von Georg Ratzinger (beschnitten): Ricardo Ciccone, Wikimedia Commons

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