„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ (2/2)

Ein kleiner Bruchteil der O-Töne aus dem am 18.7.2017 veröffentlichten Bericht – Vorfälle von Gewaltausübung an Schutzbefohlenen bei den Regensburger Domspatzen – über die Vorschulen Etterzhausen und Pielenhofen, die Jungen waren zwischen 8 und 11 Jahre alt:

Als meine Mutter beschlossen hat, meinen Bruder und mich zu den Domspatzen zu schicken, begann für uns zwei Kinder die schrecklichste Zeit unseres Lebens.

Meine fröhliche Kindheit endete, als meine Eltern mich am ersten Schultag der 3. Klasse in dem Internat in Etterzhausen zurückließen. Von da an spielten die Herren Vorgesetzten M. und H. uneingeschränkt Gott. Angst ist bis heute mein ständiger Begleiter.

Mehrere Male am Tage hieß es Antreten in Zweierreihen, oft unter einer Normaluhr im Flur, um dann zur Kapelle oder in den Speisesaal zu marschieren. Damit dieser Vorgang rasch ging, erhielten die letzten beiden einen festen Schlag mit der zischenden Weidengerte. Statistik war uns da noch nicht geläufig, aber es gibt immer zwei Letzte und bei ca. 80 Knaben kommt dann wohl mal jeder dran. Aber selbst wenn man nicht drankommt, es ist das System der Angst, welches Tag für Tag und Stunde für Stunde herrscht, mit der grauenvollen Gewissheit, dass sich nichts ändert und es kein Entkommen gibt und auch keine Gnade.

Das Internat Etterzhausen hat gebrochene Menschen mit gebrochenen Herzen ohne Hoffnung und Vertrauen produziert. Und ich weiß, dass ich nicht der einzige bin, der das so erlebt hat.

Alle die gebrochen werden mussten, die hat‘s erwischt. Alle Verantwortlichen haben sich da abgestimmt.

Wenn in unserem Schlafsaal während der Nachtruhe keine Ruhe herrschte und keine ‚Übeltäter‘ durch den Präfekten oder den Direktor ermittelt werden konnten, wurde ich vornehmlich stellvertretend für alle anderen bestraft. Ich musste mich barfuß auf den Flur neben das Präfektenzimmer stellen. Diese Strafe ereilte mich deswegen, weil ich im Schlafsaal vorne rechts am Eingang mein Bett hatte und dadurch am schnellsten greifbar war. […] Während der Bestrafungszeit wurde es dann meist durch Abschreckung den anderen gegenüber ruhig im Schlafsaal. Dies war der Anlass, dass ich als Täter überführt gewesen war, auch wenn ich es nicht verschuldet hatte. Für mein stets freches Lügen gab es dann zusätzlich (nur vom Präfekten) eine Kopfnuss mit seinem Siegelring oder einen Schlag auf den Kopf mit seinem Schlüsselbund.

Das Kindsein alleine war ungehorsam. Man hat aus dem Fenster geschaut und man war schon ungehorsam.

Wenn man Heimweh hatte, war das ungehorsam. Wenn man Kind war, war das ungehorsam.

Eigentlich herrschte das Silentium überall. Beim Gottesdienst, im Unterricht, bei den Hausaufgaben, beim Waschen, beim Essen, beim Schlafen. Immer, und das bei Kindern. Das Silentium brechen war Höchststrafe oder zumindest Grund, drakonische Strafen anzusetzen oder zuzuschlagen. Aus der Not heraus wurde von uns eine Zeichensprache (!!!) erfunden, sodass wir uns wenigstens ein bisschen ohne Sprache verständigen konnten.

Es war also eine ziemlich bleierne Dösigkeit in den verschlafenen Gesichtern, bis kurz bevor der Zeiger der elektrischen Uhr mit einem trockenen Klacken auf „fünf vor“ schnalzte. Dann begann das tägliche Ritual, zu dem alle endgültig aufwachten: Wer würde heute der Letzte sein – und folglich Prügel beziehen? Das war nämlich, seit der neue Präfekt da war, dieser abgehalfterte Bergmann aus dem Ruhrgebiet, der nun statt Kohleflöze unsere Körper schlug, ein ungeschriebenes Gesetz. Der Letzte, der in die Reihe trat, und ‚wegen dem wir alle so lang warten‘ mussten, bekam seine Packung Ohrfeigen ab als morgendlichen Muntermacher.

Für alle gemeinsamen Aktivitäten, wie z.B. zum Essen oder in die Kapelle gehen, mussten wir Kinder an einem langen Flur mit einem dünnen Strich in der Mitte antreten. Die Fußspitzen mussten direkt an diesem Strich ausgerichtet sein. Ein Junge hatte das wohl schon mehrfach nicht so wie gewünscht hinbekommen. Einmal wurde er daraufhin vom Direktor M. aus der Reihe gerissen und vor aller Augen mit dem Rohrstock dermaßen verprügelt, dass er sich dabei in die Hose machte und der Urin ihm aus der kurzen Lederhose rann.

Er ist einmal mit zwei eingerissenen Ohrläppchen und Beulen am Kopf nach Hause gekommen die ihm durch Herrn H. beigefügt wurden, der ihm beim Anstehen zur Frühmesse unter anderem auch Kopfnüsse mit der Hand und dem Siegelring gegeben hatte.

Er stand an der Türe des Waschraums, wir, die ‚Gewaschenen‘, militärisch in einer Reihe aufgestellt vor ihm. Er inspizierte jeden Einzelnen in der Reihenfolge Augenschein rechtes und linkes Ohr, Mund auf – Zahn- und Geruchsprobe (Anhauchen!), Achselgeruchsprobe, Genitalgeruchsprobe durch Wegziehen der Schlafanzugshose im Bauchbereich, rechter und linker Fuß hoch bis Bauchhöhe Präfekt – dann Sicht- und Geruchsprobe zwischen den Zehen. Eine entwürdigende Behandlung.

Präfekt H. oder Direktor M. waren am Wasserhahn und hatten selbst die Kontrolle darüber ob das Wasser heiß oder kalt ist. Die Kinder waren dem ausgesetzt, das hat Assoziationen an die Verhältnisse in KZs ausgelöst, sie wussten nicht ob Gas kommt oder Wasser.

Direktor M. stand an dem Hebel mit dem er das Wasser ’steuerte‘. Je nach Belieben machte er es eiskalt oder extrem heiß. Er schrie und prügelte, wenn Kinder aus dem Wasserstrahl gingen. Es musste immer schnell gehen und so mancher konnte sich nicht mal mehr die Seife abwaschen.

Als er einmal beim Duschen das Handtuch vergaß, hat Herr H. einen Knoten hineingemacht, es durchnässt und es ihm sodann ins Gesicht und auf den Körper geschlagen. Die Kinder sind routinemäßig beim Auslauf ins Gesicht geschlagen worden.


Heulen Sie schon? Wir sind auf Seite 54 von 440 Seiten angekommen. Auf denen nicht nur die Zeugnisse der Betroffenen wiedergegeben sind, sondern die Gewalt säuberlich zeitlich und thematisch geordnet ist, auch die Täter und das nötige Umfeld wird beleuchtet. Die beschriebene Gewalt fand in den 1960er, 70er, 80er und 90er Jahren statt. Die obigen Zitate behandeln „nur“ den allgemeinen Umgang mit 8 bis 11jährigen Jungen.

Bitte lesen Sie den Bericht, wenigstens quer. Ich tue seit 2 Tagen kaum etwas anderes, lerne enorm viel und werde nie wieder einen Knabenchor ohne Gedanken an die mutigen Betroffenen hören können.


Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ ist von Ingeborg Bachmann, aus einer Dankesrede für einen Literaturpreis, der Satz steht auch auf ihrem Grabstein

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