Haare

Irgendwann war ich es leid. Das Gewicht, das an meinem Nacken zog und mir Kopfweh machte. Das schlimme Gefühl an den Wurzeln nach dem Lösen von Zopf oder hochgesteckter Haare. Der bleibende Gestank nach einem Abend in der Kneipe, denn sehr lange Haare wollen nicht jeden Tag gewaschen werden. Die 100 Bürstenstriche an jedem Morgen und an jedem Abend. Das ewige Catcalling, die unerbetenen Griffe in meine Haare und die enttäuschten Männerblicke, die offenbar mein Gesicht im Verhältnis zur blonden Mähne als zu alt empfanden. Ich war süße 36.

Die Friseurin weinte fast, als sie den Zopf abschnitt, einen halben Meter honigblonde, dicke, wellige Haare. Ich fand es herrlich! Es dauerte, bis ich andere Verlegenheitsgesten etablierte. Vorher hatte ich mit dem Zopfende gestikuliert und mir Strähnen um die Finger gedreht, nun griffen die Hände in leere Luft. Von Anfang an liebte ich meinen raspelkurz geschnittenen Nacken. Was für eine Lust, dort jeden Luftzug zu spüren oder mit den Fingern gegen den Strich zu fahren!

Mein Zopf, in feines Seidenpapier gehüllt und in einer Schachtel aufbewahrt, gleicht in Länge und Dicke dem Zopf meiner Mutter in der verbotenen Geheimnis-Schublade meiner Kindheit, nach Chanel Nummer 5 duftend und in einem satten Dunkelbraun. Meine Mutter schnitt ihre langen Haare auf Kinnlänge, als sie sich mit meinem Vater verlobte, bis zu ihrer Hochzeit in weiß sollten noch 8 Jahre vergehen. Ohne, daß es zum Äußersten kam.

Ich erinnere meine fremd aussehende und riechende Mutter nach jedem Friseurbesuch mit obligater Dauerwelle. Auch, wie sie es hasste, wenn ich ihre Haare berührte, wie tot sich ihre Haarspraypracht anfühlten und wie sie Strähne um Strähne falsch herum kämmte, um ihre Haare zu einem Bienenkorb aufzutürmen. Und daran, wie ihr Kopftuch in den 1970ern fiel, um (O-Ton) nicht mit ihrer portugiesischen Putzfrau verwechselt zu werden.

Bei meinem letzten Besuch stand ich kurz hinter ihrem Stuhl, blickte auf ihre weißen Haare hinunter und hatte ein fast zärtliches Gefühl beim Anblick ihrer durch die Haare schimmernden rosa Kopfhaut. Ob sie ihren Zopf noch hat und ob sie ihn manchmal aus der Schachtel nimmt, ihn in den Händen wiegt, an ihm riecht und sich fragt, wo eigentlich die Zeit geblieben ist?


 

Neulich war ich im Jüdischen Museum, Cherchez la femme

Meyers Enzyklopädie von 1888 schreibt dazu: … Ausspruch französischer Kriminalisten, wonach man bei einem schlauen verbrecherischen Anschlag nach der Frau suchen muss, welche dahinter steckt, daher zitiert man auch: Cherchez la femme! („sucht die Frau!“).

(verlängert bis zum 27.8.17), eine sehr sehenswerte kleine Ausstellung über Scheitel, Schleier, Kopftuch, Hijab, Burka. Zu sehen gibt es Beispiele christlicher, jüdischer und muslimischer Schleier und es gibt feine Kunst:

… eine Skulptur der iranischstämmigen Künstlerin Mandana Moghaddam, ein Objekt aus schwarzen Haarteilen, das an einen Frauenkörper erinnert. Chelgis I spielt ironisch auf die Verführungskraft weiblicher Haarpracht an, eine Kraft, die, so suggerieren die unter der Glasvitrine herausblitzenden Locken, kaum zu bändigen sei.

Ebenso humorvoll geht eine Videoarbeit der türkischstämmigen Künstlerin Nilbar Güreş mit dem Thema um. In Undressing sieht man Güreş, zunächst unkenntlich, unter einer üppigen Schicht aus bunten Schleiern. Langsam legt sie Tuch für Tuch ab, jeden Durchlauf kommentiert sie mit dem gemurmelten Namen eines weiblichen Familienmitglieds …

Unter die Haut ging mir eine Arbeit von Andi LaVine Arnovitz, ein Kleid aus Papier, das den Umgang mit jüdischen Frauen zum Thema hat, von ihren Männern des Ehebruchs bezichtigt.

The Dress of the Sotah, which literally means the adulteress wife, addresses the painful ordeal depicted in the Bible in which a man who suspects his wife of committing adultery brings her before the high priests and forces her to publicly uncover her hair and drink a bitter water to prove her innocence.

The piece refers to her lack of privacy, the public humiliation and her sexuality which so troubled the Rabbis.

 

Ich mußte sofort an das ikonische Foto von Robert Capa denken

das eine der femmes tondues zeigt – Französinnen, die der horizontalen Kollaboration mit Deutschen bezichtigt, geschoren und öffentlich vorgeführt wurden.

It shows a woman carrying a baby, her head shorn, being marched through the streets in the most literal walk of shame ever, jeered at (and likely worse) by French partisans closing in on every side of her. She holds her baby to her as both a point of focus and as a means for self-grounding, having her gaze and attention focused totally on the child—perhaps literally transferring herself from the present moment and into one where she exists solely as mother—as she is made to keep walking, and walking, and walking until the surrounding crowd grows bored or tired of the spectacle. …

And that what happened to Simone Touseau in Chartes on August 18, 1944 happened to a conservatively estimated 20,000 other women in France alone (and I say this is a conservative number because it is estimated that over 80,000 French children were fathered by the Wehrmacht during the four years of the French occupation). The crime for which this punishment was meted out? “Collaboration horizontale” (a term I kept coming across that made me rage-groan) with the enemy during the occupation. Proof was as variable and a matter of convenience as it often is during periods of mob rule and reason: with Simone Touseau the proof was the three month old baby she was carrying. For others it was because they worked somewhere that the German soldiers frequented, like a laundry, or a brothel, or a restaurant. For still others, it was mere baseless but loud speculative accusation, sometimes for the self-interested reason of deflecting attention away from the accuser’s collaborative crimes of similar nature.


 

Wer jetzt glaubt, Frauenscheren gehöre der Vergangenheit an – bei der Suche nach den femmes tondues stieß ich auf einen Artikel von 2008 aus der Schweiz: Wenn Männer zur Schere greifen

Ob ungehörige Töchter im Kanton Jura, vermeintliche Hexen im Mittelalter oder «horizontale Kollaborateurinnen» in Frankreich nach der Befreiung: Wenn Männer Frauen demütigen und die letzte Ehre nehmen wollen, gehts an die Haarpracht.

Der Mann aus dem Kanton Jura wollte seiner jungen Tochter den Ausgang verunmöglichen. Statt ihr einen Hausarrest zu erteilen, machte er sich an ihrem Haupthaar zu schaffen und schnitt es kurzerhand ab.


 

Aus dem Neuen Testament, 1. Korintherbrief, Kapitel 11, Vers 5-7

5 Ein Weib aber, das da betet oder weissagt mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt, denn es ist ebensoviel, als wäre es geschoren.
6 Will sie sich nicht bedecken, so schneide man ihr das Haar ab. Nun es aber übel steht, daß ein Weib verschnittenes Haar habe und geschoren sei, so lasset sie das Haupt bedecken.
7 Der Mann aber soll das Haupt nicht bedecken, sintemal er ist Gottes Bild und Ehre; das Weib aber ist des Mannes Ehre.

Unbedecktes weibliches Haar ist Schande, ebenso ein rasierter weiblicher Kopf. Frauen, die ihr Haar nicht verstecken wollen, schänden sich, ihren Mann und Gott, müssen also zur Strafe geschoren werden. Denn Männer sind Gottes Ebenbild und das Maß aller Dinge. Frauen sind die Anderen und eine stete Gefahrenquelle für die männliche (göttliche) Ehre.

Frauen kommen unter die Haube. Während Mädchen ihr Haar offen trugen (als Zeichen ihrer Jungfräulichkeit, obwohl offene weibliche Haare immer als aufreizend galten), steckten es verheiratete Frauen hoch und trugen bis Anfang des 19. Jhdts eine Haube darüber. Den Übergang zwischen beiden Stadien markiert der Schleier bei der Hochzeit. Oder Frauen nehmen den Schleier, ihre Haare wurden beim Eintritt ins Kloster und der symbolischen Hochzeit mit Jesus meist geschoren. Mitunter werden aber auch Schleier gelüftet, sprich: ein Geheimnis enthüllt oder es wird der Schleier des Vergessens über etwas gebreitet. Soviel zu unserer christlich-abendländischen Kultur.


 

In Iran rasieren sich Frauen den Kopf, um dem Verschleierungszwang ihrer Haare zu entgehen:

Schritt 1: Sie hat sich die Haare abrasieren lassen und sie gespendet für krebskranke Kinder. Schritt 2: Sie ist auf die Straße getreten mit kahlem Kopf – und ohne Kopftuch. Schritt 3: Sie hat es via Facebook öffentlich gemacht. Sie ist Iranerin und das Ganze spielt in Teheran. Sie schreibt: „Als ich auf die Straße getreten bin, habe ich mir gesagt: ‚Keine Haare – keine Sittenpolizei‘. Diejenigen, die mir immer befehlen, meine Haare zu bedecken, haben jetzt keinen Grund mehr, mich wegen ‚anti-islamischem‘ Benehmen zu verhaften.“

Denn der Iran, der sich gerade unter dem Jubel der internationalen Medien „öffnet“, öffnet sich zwar für die Wirtschaft, aber nicht für die Frauen. Im Gegenteil. Gerade kündigte Teherans Polizeichef an, dass die uniformierten Erschad-Patrouillen, die alle in ihren Augen „anti-islamisch“ gekleideten Frauen prompt verhaften, aufgestockt würden durch 7.000 Polizisten in Zivil. Alle auf der Jagd nach Frauen.


 

Auch in Indien werden Frauenköpfe rasiert. Tempelhaar ist ein Opfer an die Götter, zur Erfüllung von Wünschen oder als Dank dafür, vergleichbar mit einer katholischen Wallfahrt. Das geschorene Haar wird von den Tempeln verkauft (allein die Stiftung des Tempels in Tirumala Tirupati machte 2007 einen Jahresumsatz von 250 Millionen Euro), im Gegenzug investieren sie in soziale, schulische, medizinische und sprituelle Versorgung.

Indische Frauenhaare liefern den Nachschub für die Extensions westlicher Frauen, denn ihre Struktur gleicht der unserer Haare, sie sind oft sehr lang, mit Ölen gepflegt und kamen nie mit der Chemie in Berührung, mit der in Europa Haare aufgebrezelt werden. Extensions kosten sehr viel Geld und halten nur ein halbes Jahr, anschließend werden sie weggeworfen.

 

Früher wurden die den Göttern geopferten Tempelhaare in Indien für Ölfilter und Matratzenfüllungen benutzt; seit es Extensions gibt, ist alles anders. Nun ist es ein Geschäft mit verrückten Wachstumsraten, 40 Prozent pro Jahr, mit Zwischenhändlern auf allen Kontinenten, mit Transporten in Flugzeugen rund um den Erdball.

… vor acht Jahren … lag der Kilopreis für indisches Tempelhaar noch bei 30 Dollar, heute sind es 300 bis 600 Dollar. „Haare sind zu einem der teuersten Rohstoffe der Welt geworden“, sagt Balsara. Über drei Tonnen davon exportiert er jeden Monat nach Europa, per Flugzeug – mit dem Schiff wäre es billiger, aber zu langsam.

Für die ashkenazischen Scheitel dürfen indische Haare übrigens nicht verwendet werden:

Eines gilt für alle: Sie müssen koscher sein. »Das bedeutet, dass das Haar nicht aus Indien stammen darf«, erklärt Rabbiner Schlesinger, der auf Perücken spezialisiert ist. Bis 2004 stammte das Haar vieler Perücken aus Tempeln, wo sich religiöse Hindi den Kopf scheren. »Das Religionsgesetz verbietet, von einer Tat zu profitieren, die einem anderen Gott gewidmet ist«, sagt er. Damals hätten die Rabbiner entschieden, dass Perücken aus indischem Haar aus jüdischer Sicht nicht religionskonform seien.


 

Der aktuelle Gipfel weiblicher Unbotmäßigkeit in Europa aber ist die freiwillige Verhüllung des Gesichts. Frauen mit Gesichtsschleier wurden zur islamistischen Bedrohung erklärt, das Tragen eines Niqab oder einer Burka ist in x Ländern bei Strafe verboten, obwohl das den Grundrechten auf Privatsphäre, freie Entfaltung der Persönlichkeit und Religionsfreiheit zuwiderläuft – zumal es nur wenige vollverschleierte Frauen in Europa gibt.

Gesichtsverschleierung ist weder exklusiv muslimisch noch ist sie uneuropäisch, wie uns gern glauben gemacht wird: Las Cobijadas, Trägerinnen eines Ein-Augen-Niqab in Südspanien (unter Franco was? na klar: verboten). In Vejer de la Frontera in der Provinz Cadiz erinnert eine Statue an die bis in die 1930er Jahre übliche christliche Frauenverhüllung in Andalusien.

 


 

Egal, wie sich Frauen kleiden, ob und wie sie ihre Körper modifizieren, es gibt garantiert irgendwen, der/die das falsch findet.

 

Das trifft bei weitem nicht nur religiöse, auch stillende, junge, alte, dicke, dünne, kurz- und langhaarige, zu viel und zu wenig verhüllte, kurz: alle Frauen sind unfreiwilliger Teil der wandelbaren Lotterie der Anstößigkeit.

Cherchez la femme!

Der Titel der Ausstellung im Jüdischen Museum ist klug gewählt.

 


Titelfoto (beschnitten): Screenshot bei Zeit Online © Anna Shteynshleyger

Foto rechts: The Dress of the Shota: Screenshot beim Jüdischen Museum

Foto links: © Robert Capa/Magnum, Screenshot bei Words about Pictures: The ugly Carnival (feiner Blog!)

Foto mittig: José Ortiz Echagüe, Screenshot bei liveauctioneers

Bild unten: La Sauvage Jaune, Screenshot bei Twitter


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27 Gedanken zu „Haare

  1. In Catania auf Sizilien trugen die Frauen im 19.Jahrhundert beim jährlichen Fest zu Ehren der heiligen Agathe ein Gewand, das so ähnlich ausgesehen haben muss wie das der Cobijadas. Es bestand aus einem eleganten hochgeschlossenem Kleid und einem Umhang/Schleier, der nur ein Auge frei ließ. Dazu ein einziges schmückendes Detail, z.B. ein Stück Spitze oder eine Blume. In diesem Gewand und an diesem Tag hatten sie die Freiheit, unbegleitet auszugehen, Cafés zu besuchen und zu flirten. Männer, die ihnen begegneten, hatten ihre Wünsche zu erfüllen und ihre Anweisungen zu befolgen. Sich verhüllen müssen, um kleine Freiheiten zu genießen, und das auch nur an ein bis zwei Tagen im Jahr… (Im örtlichen Dialekt lautete die Bezeichnung dieser Frauen „ntuppatedde“, falls Sie es googeln wollen.)

    • O das ist interessant! Die Suchmaschine hat (gazzetionline) ein altes Bild gefunden, leider sieht man ob der schlechten Qualität wenig Details.

      Das Martyrium der hl Agatha von Catania führte übrigens zu sehr hübschem Gebäck, zu Agathabrötchen und zu Minni di Virgini. In Spanien gibt es busenförmigen Käse aus Galicien, den Queso Tetilla, der der Sage nach auf Protest gegen einen erzbischöflichen Bildersturm zurückgehen soll. Aber ich schweife ab…

      Daß (zwangs-)verschleierte Frauen wenigstens die kleine Freiheit haben, unbegleitet auszugehen, ist für mich DAS Argument gegen Burkaverbote. Zwangsverschleierten tut man keinen Gefallen, wenn sie nicht mal mehr allein zum Arzt, Anwalt, ins Frauenhaus, zur Polizei gehen können. Man schaffte sie sich nur aus den Augen, aus dem Sinn. Weswegen ich die Positionierung der Niqabitches zwischen allen Stühlen auch so angemessen finde

      • Dem Hinweis von Trippmadam folgend (Danke dafür, mir war das ebenfalls unbekannt), bin ich ein wenig den ‘Ntuppatedde nachgegangen. 2013 wurde deren Tradition, etwas verfremdet von einer Künstlerinnengruppe, sechs Sizilianerinnen und eine Spanierin zum Anlass des Feiertages wieder aufgenommen: „In Weiß für die Freiheit“ wie sie uns wissen lassen:

        „Die ‘Ntuppatedde […] waren weibliche Figuren, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Gesicht verhüllten, um unerkannt zu bleiben und um so verdeckt ihren einzigen Augenblick weiblicher Freiheit ausleben zu können, in dem ihnen alles erlaubt war: Streiche zu spielen, sich den Hof machen zu lassen, Geschenke anzunehmen, alleine außer Haus zu gehen. Wir haben uns von dieser Tradition inspirieren lassen und wollen sie als Symbol der Freiheit der Frau neu vorstellen, mit dem einzigen Unterschied des weißen Kleides: Traditionell waren die ‘Ntuppatedde nämlich schwarz und mit einem dunklen Umhang gekleidet. Wir dagegen haben Weiß gewählt, weil die Farbe näher an den Frauen und an Agata ist.“

        An anderer Stelle und drei Jahre später: „Wir als ‘Ntuppatedde wollen die weibliche Beteiligung an dem Fest zu Ehren der Heiligen Agathe stimulieren, das, obwohl es einer Frau gewidmet ist, fast ausschließlich in der Verfügungsgewalt der Männer steht. Sie als Gläubige bestimmen Symbole und Rhythmen. Die Frauen würden gerne tanzen, fürchten aber das Urteil. Wir ermutigen jede Frau jeden Alters, nicht auf die Festivität zu schauen, sondern sich selbst auszudrücken.“

        Daraus ist mittlerweile auch ein Performance-Workshop in Catania geworden.

        Bewegte Bilder von Stefania Milazzo

        Eine Fotosequenz von Antonino Savojardo

        Kurzfilm/Selbstpräsentation bei Vimeo zeigt bei Min. 1:20 und 1:56 zeitgenössische Einkleidung

  2. Gefällt mir – hab ich ja auch schon gedrückt! Da ist man gelegentlich in einem Dilemma: Auf der einen Seite möchte man etwas möglichst produktives dazu sagen, auf der anderen Seite sollte man ein paar Dinge einfach mal stehen lassen. Also drückt man den Knopf – war hier, fand’s gut!

    Das Capa-Bild natürlich. Aber erstens ist das nicht ikonisch, sondern zweitens eines von vielen, zu vielen dieser gruseligen Hexenjagt. Aber es steht natürlich exemplarisch für die »Kulturleistung« der Erniedrigung und bodenloser Kränkung…

    Und deswegen finde ich Deinen Text auch sehr gelungen: In meinem Kopf fängt es an zu rumoren und es beschäftigt mich.

    • So soll es sein! (nein, nicht das Dilemma – ich freue mich immer über Kommentare von Ihnen)
      Mir ging es mit der Ausstellung so, es rumorte und rumorte in meinem Kopf und mir fehlte dort auch eine Annäherung daran, warum weibliche Haare eigentlich überhaupt verhüllt werden. Und dann erinnerte ich mich an das Fallen meiner Mähne und das schlagartige Ende sexualisierter Belästigung auf der Straße.

      Mit ikonisch meinte ich zweierlei: jeder kennt dieses Bild. Mein Vater sammelte Bücher über Fotografie, Time-Life-Bände waren die Bilderbücher meiner Kindertage. Außerdem: es bringt die Beschämung der Frau und die Lust der Menschenmenge daran und deren Selbstgerechtigkeit auf den Punkt wie kein zweites Foto von dieser Barbarei. Es gibt noch eins, das mir die Schuhe ausgezogen hat – bei dem man aber genau hinsehen und den Kontext kennen muß (ich suche später mal, ob ich es wiederfinde, k.A. wie der Fotograf heißt) – es zeigt einen weiten Platz, begrenzt von einem öffentlichen Gebäude im Hintergrund, an dem eine Reihe von Frauen in einer Schlange stehen, um geschoren zu werden und es türmen sich die Haare auf dem Boden.

      • Ich photographiere und sammele leicht manisch alte Photographien. Capa und Nachtwey zählen für mich zu den fünf, sechs hellsten Sterne am Himmel. Was das Objekt von Capas Bild betrifft, so gibt es aus der Zeit des Kriegsendes viele Schnappschüsse, die von nichtprofessionellen, von Amateuren gemacht wurden; eben auch über Szenen wie diese. Die finde ich zum Teil mindestens genau so interessant, weil sie z.T. von Personen gemacht wurden, die eine kürzere emotionale Distanz zu den Vorgängen hatten, vielleicht sogar selber daran beteiligt waren.
        Wenn diese überhaupt veröffentlicht wurden, so geschah das teilweise erst Jahre später. Capa mit seiner Agentur im Hintergrund war da natürlich im Vorteil, was die öffentlich Wahrnehmung betrifft. Deshalb ist meine nicht sehr ernstgemeinte Einschränkung in Bezug auf den Begriff »ikonisch«.

        Zum Stöbern für alte Bilder sei die Seite http://www.vintag.es/ ans Herz gelegt: Die Suchfunktion ist grottig – man könnte auch sagen nichtvorhanden. Aber mit etwas Geduld findet man echte Perlen. Vielleicht auch das gesuchte Bild.

        P.S. Ebba D. Drolshagen: „Nicht ungeschoren davonkommen. Das Schicksal der Frauen in den besetzten Ländern, die Wehrmachtssoldaten liebten“. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 272 Seiten; 39,80 Mark, gebraucht 8€

        P.P.S. Was mir beim Thema ebenfalls einfällt: Erstens natürlich die Bilder aus deutschen Konzentrationslagern, in denen das ebenfalls Praxis war, wie auch ganz allgemein im Strafvollzug bis spät ins 20. Jahrhundert.

        • Zu Ebba Drolshagens Buch habe ich ein bißchen rumgesucht – die FAZ findet es überflüssig, der Spiegel ist angetan und sie hat ein weiteres Buch geschrieben, über die Wehrmachtskinder. Vielen Dank für den Hinweis!

          Vielen Dank auch für den alte-Fotos-Blog, gefällt mir sehr, ist sehr schön zum Blättern. Kennen Sie eigentlich Anke Heelemann und ihr Fachgeschäft für vergessene Privatfotografie? Das ist z.B. für Fotos aus Nachlässen, bei denen mir auf dem Flohmarkt immer das Herz bricht – Anke Heelemann macht damit sehr tolle Installationen und kleine Produkte.

          Nicht nur Sträflinge und Lagerinsassen wurden geschoren, auch immer mal wieder Untertanen und Sklaven.
          In der Berliner Zeitung gibt es von Sabine Reichel einen hübschen Artikel über Haare, in unterschiedlichen Gegenden und im Wandel der Zeiten: Der Fall der Locken

          Meist war es ganz früher so: Wenn die Mächtigen lange Locken hatten, dann durfte das niedere Volk nur kurz gehen, hatten sie Bärte, musste sich der Knecht glattrasieren – und umgekehrt.

        • Sorry, Pantoufle, ich verstehe nicht, was das mit der Frage zu tun hat, ob ein Foto ikonisch ist. Im semiotischen Sinn ist jedes Foto ein Ikon. Vielleicht wäre „exemplarisch“ treffender, aber das ist eine stilistische Frage.
          Danke Ihnen, Dame von Welt für die kurze, aber facettenreiche Kulturgeschichte des weiblichen Haars.

          • Auch facettenreiche Beiträge zur Kulturgeschichte des männlichen Haars sind mir hochwillkommen @Jules
            Wenn die Fee mit den 3 Wünschen bei mir vorbeikäme, wäre einer davon, für eine Weile ein Mann zu sein – allein schon das mit dem Bartwuchs ist für mich schlicht nicht vorstellbar.

            • Das wollen Sie nicht wirklich. Ich habe mir aus Bequemlichkeit vor Jahren wieder einen Bart gestattet, hab mich quasi meinem Körper ergeben. Denn wann immer ich mir das Gesicht einschäumte, um anschließend den Barthobel drüber zu ziehen, hatte ich mich gefragt, warum sich mein Körper nicht merken konnte, dass ich keinen Bart mehr tragen wollte. In der Nacht, wenn ich schlafend ganz woanders unterwegs war, dann begann er zu arbeiten, schob heimlich neue Stoppeln hervor, und jeden Morgen zeigte der Blick in den Spiegel, dass er es schon wieder getan hatte. Wieder war eine Rasur zu leisten, mit all ihren diffizilen Verrichtungen. Welch eine Verschwendung von Energie und Ressourcen, die am Ende noch irgendwo anders fehlen,

              • Ich wäre keineswegs gern mal für eine Weile ein Mann, um lästigen Bartwuchs, das außen am Körper befindliche Sexualorgan und dessen Größenvergleich ganz toll zu finden, sondern, weil es mir unvorstellbar ist. Ebenso unvorstellbar, wie Eisprung, PMS, Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, Stillen, Wechseljahre, Stutenbissigkeit, weibliche Kommunikation usw. für Männer.

                Mir wurde aus mehreren glaubwürdigen Quellen berichtet, daß Rasiertwerden ein großer Genuß ist. Der oben schon erwähnte Prinz ließ mich an einem eingeschäumten Luftballon üben, bevor er mir seine Kehle anvertraute. Den Geruch dieser grünen Rasierseife (Palmolive?) habe ich heute noch gern (den ehemaligen Prinzen nicht mehr, der veränderte sich sehr zu seinem Nachteil).

            • Kleine Randbemerkung zur Gesichtsbehaarung: Auf dem Haupt nach wie vor vollwüchsig, kann bei mir aufgrund einer bestimmten physischen Disposition auf einer Wange kein Bart wachsen. Ich habe es tatsächlich einmal mit etwas Richtung, horribile dictu, Ulbricht versucht. Nach rund einem Monat mochte ich mich selber nicht mehr leiden. Seitdem beschäftigt mich eine andere Frage: Wenn Vollbehaarung zu einer bestimmten Sparte Identifikation gehört(e), was ist mit denen, bei denen es nicht wächst? Das Gegenstück wäre dann wohl „die Frau mit Bart“, die auf Jahrmärkten als Sensation, Kuriosum, Gruselstück „grausamer Natur“ vorgeführt wurde.

        • Ich habe das Foto bei vintag.es gefunden, es ist auch von Robert Capa (Eure-et-Loir. Chartres. August 18th, 1944. Shortly after the liberation of the city, a French woman who had collaborated with the Germans has her hair shaved at police headquarters as a sign of humiliation)

          Mehr Capa-Fotos, mehr geschorene Frauen und (ist ein Hoax) die Erfindung der allerersten Sexpuppe namens Borghild Projekt (kurzhaarig, weil im Feldeinsatz) durch die Nazis – laut vintag.es fand Heinrich Himmler:

          The greatest danger in Paris is the widespread and uncontrolled presence of whores, picking up clients in bars, dance halls and other places. It is our duty to prevent soldiers from risking their health for the sake of a quick adventure.

          • Ah, wie ich sehe, amüsierst Du Dich :-)

            Ja, das Photo ist wirklich erschreckend!
            Der Bordhild-Hoax ist bekannt. Was ich mich immer gefragt habe, ist die Gebrauchstüchtigkeit einer solchen Puppe im Dauereinsatz. Bei den bröseligen Buna-Ersatzstoffen, auf die Wehrmacht zurückgreifen mußte, wäre das vermutlich eine eher komödiantische Nummer gewesen – was es unter dem Strich ohnehin ist.

            @Jules
            Da hast Du vermutlich recht. Also exemplarisch. Gemeint hatte ich: Wenn es Herz und Gehirn gleichermaßen trifft und nach einiger Zeit als allgemeingültige Sinnbild für etwas steht. Das war mir allerdings etwas zu lang.

            • P.S. Nein, die Seite mit den Privat-Photograhpien kannte ich noch nicht. Das ist aber genau das, was ich meinte! Diese unbegabten, dilettantischen Bilder vom Kölner Dom (»Aber daß die neuen Schuhe von Lilly auf jeden Fall mit drauf sind! Und der Dom!«) Auf diesen Bildern kann man gelegentlich spazieren gehen, sieht die Umgebung, Details, die viel mehr über die Zeit und ihre Verhältnisse verraten als die Abgebildeten. Es gibt einen recht bekannten Photographen, August Sander, der genau das »professionell« geschafft hat. Er ist mein ganz großes Vorbild, ein Lehrer wenn Du so willst. Er ist der lebendige Gegenentwurf zu dem »Recht am eigenen Bild«-Unsinn. Alle diese Menschen, die er photographierte, wären tot und vergessen, wenn es ihn nicht gegeben hätte. Es würde ein wichtiger Teil unserer Erinnerung, unserer Bilder dieser Zeit fehlen. Keine »große« Kunst. Handwerk, gutes Handwerk, wie eine schöne Treppe, ein Sprossenfenster, eine Tür oder eben ein Bild.
              Gucksu hier: Löcher in der Zeit, durch die wir hindurchsehen, gehen, fühlen können.

              Entschuldige! Das ist etwas OT, lag mir aber am Herzen. Sollte es Dich aber trotzdem interessieren, so habe ich vor ein paar Jahren einmal etwas darüber geschrieben (gottchen, wie peinlich!)

              • Er ist der lebendige Gegenentwurf zu dem »Recht am eigenen Bild«-Unsinn.

                Widerspruch! Ich finde die Fotografien von August Sander ganz groß, das vorausgeschickt. Zweifellos bieten sich Fotografien als Zeitreisen und Erinnerungsstützen an, gerade die nichtprofessioneller Fotografen. Das gilt für August Sander und Zeitgenossen eingeschränkt, weil diese Fotos immer gestellt waren, die Portraitierten während der ewigen Belichtungszeiten kaum atmen durften und Fotografien einen Arm und ein Bein kosteten, also meistens keine Alltagssituationen abbildeten, sondern besonderen Anlässen vorbehalten waren.

                Das aber hat sich spätestens mit der Ritschratschklick erledigt – seitdem wird auf alles draufgehalten, was nicht bei 3 auf dem Baum ist. Ich habe mit dem Fotografieren auf Reisen die Erfahrung gemacht, daß ich mich irgendwann später nur noch an die Bilder und Situationen erinnere, die ich auch fotografiert hatte. Weswegen ich unterwegs inzwischen kaum noch Gegenständliches fotografiere, sondern Reisetagebuch schreibe, manchmal ein bißchen zeichne und nur Ausschnitte, Farben, Strukturen usw. fotografiere – was meine Erinnerung sehr viel lebendiger hält. Vielleicht vergleichbar damit, die Verfilmung eines Lieblingsbuch zu sehen und die Filmbilder bei späterem Lesen nicht mehr loswerden zu können – während ohne Film bei jedem erneuten Lesen andere und eigene Bilder im Kopf auftauchen. Fotos machen Erinnerungen statisch, sie frieren nicht nur den Moment, sondern auch die Phantasie ein.

                Mein Vater hat beruflich Farbfilme erfunden und ich war, weil er jeden neu entwickelten Film ausgiebig ausprobieren mußte, das vermutlich nach Shirley Temple meistfotografierte Kind der Welt. Ich hasse es aus tiefstem Herzen, fotografiert zu werden. Von mir gibt es aus den letzten 35 Jahren ungefähr 20 Fotos, von denen ich weiß, davon 3 auf meinen Wunsch hin – weil meine portraitierte Fresse für die Website oder eine Veröffentlichung nötig war. Wenn ich selbst fotografiere, dann so gut wie nie Gesichter – die Ausnahme von dieser Regel sind Kinder in verschiedenen afrikanischen Ländern, die sehr darauf bestehen und wegen denen ich irgendwann mit einer ollen Polaroidkamera unterwegs war, weil ich es vorher nie schaffte, ihnen die versprochenen Papierbilder auch zu schicken. Mir ist die Annahme, daß Fotografien die Seele stehlen, ganz und gar nachvollziehbar. Zumal viele extrem unvorsichtig mit eigenen und fremden Bildern und Daten umgehen und sie wahllos bei Plattformen hochladen, deren unentgeltliche Nutzung mit Datenpreisgabe bezahlt wird.

                In Berlin sucht die Bundespolizei gerade Freiwillige für einen Probelauf zur automatischen Gesichtserkennung am Bahnhof Südkreuz. Der öffentliche Raum ist fast flächendeckend mit Kameras bepflastert. Uns Bürgern wird vorauseilend mißtraut und die Politik möchte uns tatsächlich einreden, aus ihrem massenhaften Verstoß gegen das Recht am eigenen Bild noch das Gefühl größerer Sicherheit ziehen zu sollen.

                Das ist ein Grund, warum mich die Burkaverbote auch so entsetzen: das Vermummungsverbot wurde von Demonstrationen auf den gesamten öffentlichen Raum ausgeweitet und es gibt kaum eine Möglichkeit, sich dagegen und gegen den möglichen Mißbrauch der Bilder zu schützen. Bislang schützt uns vor allem, daß die riesigen Datenmengen kaum ausgewertet werden. Das aber wird sicher nicht so bleiben.
                Das wurde jetzt seeehr länglich, scusi und danke fürs Lesen.

        • Leider habe ich „Ist das ein Mensch?“ von Primo Levi nie auf Deutsch besessen, so dass ich darauf angewiesen bin, Ihnen das im Stehgreif in eigener Übersetzung aus dem Italienischen zu zitieren:
          [Die Zivilangestellten im Lager] „hören uns in vielen verschiedenen Sprachen reden, die sie nicht verstehen und die ihnen so grotesk klingen wie die Stimme von Tieren; sie sehen uns gemein geknechtet, ohne Haare, ohne Ehre und ohne Namen, jeden Tag geschlagen, jeden Tag erbärmlicher, und nie nehmen sie in unseren Augen das Licht der Rebellion oder des Friedens oder des Glaubens wahr […] Wer könnte unsere Gesichter unterscheiden? Für sie sind wir „Kazett“, Neutrum singular.“
          An anderer Stelle verweist Levi auf einfache Kriminelle, die zu Zwangsarbeit verurteilt wurden: „Sie werden nicht tätowiert und behalten ihre Haare, was sie leicht erkennbar macht, auch wenn sie in der ganzen Zeit ihrer Strafe dieselbe Arbeit wie wir verrichten müssen […] Für sie ist das Lager eine Strafe, und sie haben, wenn sie nicht an Entkräftung oder Krankheit sterben, gute Aussicht, wieder unter Menschen zu kommen.“

  3. Das mit IndieHaare-Grabschen kenn ich auch. Hab nen Bart (Haarfarbe straßenköterblond mit mittltlerweile immer mehr grauen Einsprengseln), aktuell so Unterseite Wangenknochen halsabwärts ca. 20cm lang, Rest rasiert spätestens wenn der Oberlippenbart beim Trinken im Kaffee hängt, mehr oder weniger seit ca. 15 Jahren. Das „warum“ beantworte ich immer mit: „Ist besser aus Verlegenheit oder Nervosität dort die Pfoten, als sich dauernd am Sack zu kraulen“. Jedenfalls greifen mir fremde Männer ungefragt in die Matte, Frauen nie und wenn die so neugierig sind, dann fragen die. Klein(st)kinder fragen auch nicht, aber die haben Welpenschutz. Falls ichs mit der Abwehr nicht schnell genug schaffe weil ich grade mit nem anderem Menschen plaudere, gibts halt nen blöden Spruch: „Bist leider nicht mein Typ“, „Wußt garnicht, daß Du auf Männer stehst“ o.ä., das schreckt erstmal ab.
    Ich mags schon nicht, wenn mir so „Hallo-Tschüß“-Leute aus meinem sozialen Umfeld, von denen ich mir nicht mal den Namen merken kann oder will, so kumpelhaft den Arm auf die Schulter legen, aber die Empathie für die Intimsphäre mehr oder weniger fremder Leute ist bei vielen Männern schlicht nicht vorhanden! Viele Frauen sind da in Bezug auf Kinder übrigens auch keinen Deut besser!
    Ich hab da jetzt kein (Kindheits-)Trauma und/oder krieg bei mehr als 1 Mensch/qm Panikattacken o.ä. , mal am Rande.

    • Es ist bemerkenswert, wie viele nicht wissen, wo sie selbst aufhören und wo ein anderer Mensch anfängt und wie hierarchisch es dabei zugeht. Nur wenige Frauen kämen auf die Idee, ungefragt Männer anzufassen, sie haben aber null Problem, ihnen unbekannte Kinderköpfe zu tätscheln oder in Kinderwagen herumzugrabbeln. Daß Männern Ihnen ungefragt in den Bart fassen, verleiht Ihnen Aufschluß darüber, an welcher Stelle der Männer-Hackordnung Sie eingeordnet wurden. Ihre Sprüche sind alles andere als blöde, sondern voll auf die Zwölf.

    • Zum Bart hätte ich noch ein Dönekens: ich liebte mal einen Prinzen mit Frank-Zappa-artigem Haupthaar und üppigem Bart. Der kiffte leider so viel, daß er schlicht vergaß, den Wehrdienst zu verweigern. Mein Prinz holte mich jeden Abend vom Bahnhof ab, eines Tages aber lief ich voll an ihm vorbei und drehte erst nach einigen Schritten um, um nochmal nachzusehen, da mir seine Kleidung irgendwie bekannt vorkam. Er hatte sich anläßlich seiner Einberufung die Haare auf 3mm und den Bart ganz abrasiert – es dauerte Monate, bis mir sein Gesicht vertraut wurde. Über die harten Linien um seinen Mund kam ich nie ganz hinweg, die waren unter dem Bart unsichtbar gewesen.

  4. Das ist ein großartiger Artikel. Was so in Indien los ist, ist mir persönlich eher egal. Von mir aus kann ich eher davon berichten, wie erotisch aufgeladen die „blonde Mähne“ bzw. mein Neid darauf ist. Sehr groß. Und der Akt sich des davon Befreiens eben ein großer Akt der Emanzipation. Chapeau (egal bei welcher Frisur eine Lösung :-)

    • Der Akt des sich davon Befreiens hatte bei mir einen profanen und pragmatischen Hintergrund: es stand eine längere Reise in die Tropen zu einer ungünstig heißen Jahreszeit an und ich sah mich mit den vielen Haaren außerstande. Die erotische Aufladung meiner Haare war mir vorher nie so bewußt gewesen – erst, als sie ab und damit das Catcalling Geschichte war. Ich hatte meine Haare nie als integralen Bestandteil meines Körpers betrachtet, sondern als etwas, was aus mir rauswächst (weswegen ich es interessant fand, daß der überforderte Schweizer Vater wegen Körperverletzung verurteilt wurde).

      Mich interessiert schon, was in Indien oder sonstwo los ist. Weil nichts mehr nur in Indien oder sonstwo passiert und weil ich Kulturvergleiche auch interessant finde, um z.B. und zu diesem Thema biologistische Gründe zu sehen. Lange schöne Haare weisen auf Gesundheit hin, woher vermutlich der Wunsch kommt, den eigenen Genpool mit dem des Mähnenträgers m/w zu vermischen. Daß der Anblick offener weiblicher Haare bei vielen gläubigen Juden und Muslimen allein dem Ehemann vorbehalten ist, entspricht religiös begründetem Jungfräulichkeitswahn und dem Treuegebot in der Ehe. Den Vogel schießt für mich aber Paulus und sein Zirkelschluß ab und daß der keine bindende Wirkung mehr hat (obwohl die Norm männlicher Gottesebenbildlichkeit subkutan fortbesteht), könnte Hoffnung zur Reformfähigkeit von Religionen machen.

  5. Danke für den schönen Beitrag über diese tolle Ausstellung. Und die persönlichen Reflektionen sind ebenfalls sehr interessant.

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