„im Gefühl der eigenen Nichtigkeit“

 

Zwei Beiträge, die viel mehr miteinander zu tun haben, als auf den ersten Blick zu vermuten wäre:

Georg Schomerus (stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universitätsmedizin Greifswald) spricht im dradio eine knappe Stunde über psychische Erkrankungen, über fehlende Trennschärfe zum „Normalen“ und über gesellschaftliche Ressentiments gegen psychisch Erkrankte. Das Vertrauen in die Psychiatrie und die Ressentiments gegen „Verrückte“ nehmen zu: Bist Du irre?

Elisabeth von Thadden im Interview mit dem tunesischstämmigen Psychoanalytiker Fethi Benslama zum Verhältnis zwischen Islam und Psychoanalyse, zum „Schreckgespenst des Übermuslims“ und zur islamistischen Radikalisierung unter jungen Männern und Frauen bis hin zu kriegerischer Gewalt: Den Tod genießen, daraus:

Benslama: Die Psychoanalyse wirkte auf die muslimische Welt wie ein Weg in den Atheismus. Freud hielt den Glauben für eine illusionäre Konstruktion des kindlichen Menschen, in der Gott als Vaterfigur idealisiert wird, die Schutz geben soll. Im Islam aber wird Gott nicht als Vater gesehen, er ist fern, und die Menschen verstehen sich nicht als Gottes Kinder.

Benslama: Ich habe im Norden von Paris, in der Banlieue von Saint-Denis, 15 Jahre lang im staatlichen Gesundheitsdienst eine öffentliche Sprechstunde gehabt, in der muslimische Jugendliche oder ihre Eltern Hilfe suchten. Manche kamen auf Anraten von Sozialarbeitern. Vielleicht ist es gut zu wissen, dass der Psychologe selbst Muslim ist. Aber wichtiger war sicher: Es gab keine finanzielle Barriere, die Hilfe war umsonst. In der Arbeit mit diesen Jugendlichen wurde mir klar: Die Psychoanalyse kann durch ihre klinischen Erkenntnisse Anhaltspunkte gewinnen, die andere Wissenschaften wie die Soziologie oder die politische Theorie nicht sehen, und das gilt besonders für die Radikalisierung junger Menschen, die bereit sind, sich selbst und andere im Dschihad zu töten.

ZEIT: Gibt es unter den Fällen, die Sie überschauen, ein typisches Muster?

Benslama: Nein. Die Kandidaten für den Dschihad kommen aus allen sozialen Schichten, Glaubensvarianten und Lebensformen. Wir wissen inzwischen aus empirischen Studien, dass die Radikalisierung nicht typisch ist für die Unterschicht und dass die Zahl der Frauen steigt. Aber das entscheidende Merkmal ist die Jugend, und darum geht es mir. Mehr als zwei Drittel der Radikalisierten sind junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren. Sie stecken also in den Identitätskonflikten der Adoleszenz. Etwa 40 Prozent von ihnen weisen psychische Störungen auf.

ZEIT: Wie hängt seelisches Leid mit Radikalität zusammen?

Benslama: Diese Jugendlichen radikalisieren sich, um ihre Nöte zu heilen und die Symptome zu lindern. Andere Menschen trinken oder nehmen Drogen, um mit ihrem Leid zurechtzukommen. Der Islamismus erfüllt eine vergleichbare Funktion. Das erklärt auch, warum so viele der Radikalisierten Konvertiten sind. Die winzige Minderheit der Jugendlichen, die sich radikalisiert, wertet sich im Gefühl der eigenen Nichtigkeit durch die Ideale des Islamismus auf: miteinander einen gemeinsamen Körper zu bilden, in dem das eigene Leid verschwindet. Der Islamismus tritt als antipolitische Utopie auf, in der ein Einzelner sehr mächtig sein kann, wenn er sich mit dem Ziel der idealen religiösen Gemeinschaft identifiziert, die das Gegenbild zum weltlichen modernen Staat ist, in dem diese Jugendlichen leben.

(unbedingt ganz lesen, ist interessant!)


 

Wäre die vermeintliche „Normalität“ als das erkannt, was sie ist – als subjektives, bestenfalls intersubjektives Empfinden, würden sich deviant Verhaltende aller Art nicht so zuverlässig stigmatisiert und von der Gesellschaft ausgespuckt, wäre die unantastbare Würde des Menschen tatsächlich hoch geachtet und staatlich geschützt – die Welt wäre ein freundlicherer und friedlicherer Ort.

Mehr Konjunktiv passte nicht in diesen Satz.

 


Bild: „Symbolischer Kopf“, Phrenologie, People’s Cyclopedia of Universal Knowledge (1883), Wikimedia Commons, gemeinfrei


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13 Gedanken zu „„im Gefühl der eigenen Nichtigkeit“

  1. Letzteres wage ich anzuzweifeln. Ich glaube die Normalität wird genau deshalb so aggressiv verteidigt, weil die meisten sehr deutlich ahnen – und es sich auf Biegen und Brechen nicht bewußt machen WOLLEN – dass sie so fragil ist, wie ein Zweig, den ein spielendes Kleinkind zur begehbaren Brücke erklärt.

    • Ja klar, kein Widerspruch.
      Im Konjunktivsatz geht es aber auch um die üblichen Konsequenzen, würde „Normalität“ als fragiler Zweig und papierdünnes Brett erkannt. Es geht dabei im weiteren Sinn auch um „Wahrheit“ vs Wahrnehmung.

      Es ist ja eher so, daß diejenigen, die sich z.B. wegen einer psychischer Erkrankung nicht in der vermeintlichen „Normalität“ wiederfinden, von der Gesellschaft ausgespuckt werden und ihre Menschenwürde ganz erheblich angetastet wird. Die Ausnahme von dieser Regel ist die auffällig hohe Zahl Chefs, Manager, Banker, Politiker o.ä., deren Psychopathie erst zum gesellschaftlich akzeptierten Erfolg führt.

      Was ich interessant finde, ist die vermeintliche Kollektivwerdung, die sich hinter der aggressiven Verteidigung der vermeintlichen „Normalität“ verbirgt. Für Muslime ist das Kollektiv in der Umma repräsentiert, bei Islamisten zusätzlich in einem fiktiven Idealstaat, im Kalifat. Während ich bei manchen Christen eher den Eindruck habe, daß sie GOtt als ihren höchstpersönlichen Rüpel mit dem dicksten Knüppel mißbrauchen und die christliche Gemeinschaft gar nicht so wichtig für sie ist. Ich frage mich, welche Rolle das unterschiedliche Gottesbild spielen könnte, nachdem Allah keine Vaterfigur zu sein scheint und welche Extra-Sprengkraft darin liegen könnte, daß europäische Konvertiten mit der Annahme einer göttlichen Vaterfigur sozialisiert wurden. Auch bei der Führer-Sehnsucht im AfD- und *gida-Zuschnitt könnte die christliche Vater-Annahme eine Rolle spielen und da käme wiederum die erfolgreiche Psychopathie ins Spiel.

      In jedem Fall ist es eine ausdrücklich voraufklärerische Annahme, daß sich die eigene Normalität über die eigene Person hinaus erstreckt. Auch Rokoko-Gärten suggerieren, daß sie bis zum Horizont und darüber hinaus reichen.

      • Das Bild mit Garten ist schön und erhellend. Ohne viel Hinterfragen glaubte ich darin immer ein Abbild der Vernunft und damit auch eine – freilich absolutistische – Vorstufe der Aufklärung zu sehen.
        Die Gottesbilder sind sicher mehr als eine kurze Betrachtung wert. Zu tief jedenfalls für mich jetzt nebenbei auf Smartphonetastatur, da muss ich aussteigen. Ich glaube, wir europäischen Christen ein Problem mit dem Islam, als dass der für unsere Begriffe unorganisiert und absolut tolerant bezüglich Glaubensauslegung ist. Unsere beiden Hauptkirchen sind da ja sehr hierarchisch. Wenn ich im Namen des Herrn ungläubige bekämpfen wollte, müsste ich mir das ja von diversen Herrn-Stellvertretern in umständlichen Verfahren mit Brief und Siegel genehmigen lassen. Ein Moslem kann, soweit ich informiert bin, einfach so lange Fatwas durchstöbern, bis er was findet, daß sein Projekt gutheißen könnte, sei das ein wohltätiger Kleingartenverein oder das Kalifat.
        Generell frage ich mich, ob es nun so sinnvoll ist, das Fremde und vielleicht feindliche zu pathologisieren. Ich glaube ihre Gedanken gehen in ähnliche Richtung, daß man andere Normalitäten zunächst anerkennen sollte, um sich dann vielleicht auf Augenhöhe damit auseinanderzusetzen.
        Ich für meinen Teil lese seit den Sieben Säulen der Weisheit nicht mehr viel zum nahen Osten. Und zum Thema Terrorismus übe ich ganz auf der Geige irische Tänzchen und trink dabei öfter Bier und seltener Tee. Meine Nachbarn fühlen sich da absolut ausreichend terrorisiert.

        • Die Gottesbilder sind sicher mehr als eine kurze Betrachtung wert.

          Naja, Sie kommen ja irgendwann wieder (bin btw. schon ganz grün vor Neid angesichts Ihrer Bade- und Essensfreuden, toll!) und das Thema bleibt aktuell – wir können das ja nach Ihrer Rückkehr weiter vertiefen.

          Gärten sind aus meiner Sicht weniger „Abbild der Vernunft“ sondern weit eher unterschiedliche Ideen vom Paradies. Es gibt einen wunderwunderschönen Film über islamische Kunst und Architektur: Paradise found. Italienische Gärten erfuhren durch die Reconquista und die aus Spanien fliehenden Mauren einen enormen Innovationssprung, u.a. in Form ausgedehnter Wasserspiele und über den eigentlichen Garten hinaus reichende Linienführungen, die sich – pervertiert – in Rokoko-Gärten wiederfinden. Al Andalus wiederum kam schon zu Beginn der maurischen Herrschaft den islamischen Vorstellungen vom Paradies ziemlich nahe. Folgen der maurischen Land- und Wasserwirtschaft sind z.T. noch heute sichtbar, es entstanden sehr schöne, bestens funktionierende Kulturlandschaften wie z.B. in den Alpujarras.

          An Gärten kann man ganz wunderbar das dahinterstehende Weltbild ablesen und mit wachsendem Grauen so manche gartenzwergbevölkerte Rasen-Rosen-Nadelbaum-Ödnis betrachten.
          An japanischer Kultur extrem interessant finde ich den Versuch, Natur durch Verkleinerung (Bonsai) und Symbolisierung (Zen-Garten) beherrschbar zu machen, notfalls könnte ich auch noch einen Bogen vom Bonsai zum Walkman und anderer Mini-Elektronik schlagen. Zu japanischer Kultur gehört aber nun mal nicht nur das schöne Tatami-Raummaß, Raku, Teezeremonie und das Lob des Schattens, sondern auch Harakiri und völkischer Nationalismus – in jedem Fall gehört Kompromisslosigkeit dazu. Aber ich schweife ab…

          • Wirklich bereichernde Ansichten, die Sie mir da mitteilen. Barockgärten kenne ich jetzt nur aus Frankreich. Man erklärte sie eben mit dem absolutistischen Ordnungswillen. Mir kamen sie etwas leblos und langweilig vor, dabei beließ ich es. Irgendwo hörte ich, diese Gärten seien wohl ursprünglich mit vielen Nutzpflanzen angelegt gewesen und so viel lebendiger.
            Die Bonsai-Kultur ist hier tatsächlich verbreitet. Ich sehe da aber weniger Beherrschungswillen, als den Wunsch auf 20 Zentimeter Bürgetsteigsanteil noch einen einigermaßen ästhetischen Vorgarten hinzukriegen. Die Leute haben einfach unglaublich wenig Platz und rücken dabei noch extra zusammen.
            Sie machen einen ähnlich verstörten und zwanghaften Eindruck, wie wir Deutschen. Perfektionismus unterdrückt jegliche Leidenschaft.
            Mit Erstaunen nahm ich auch wahr, dass die japanische Kolonialherrschaft in etlichen betroffenen Ländern offen positiv bewertet wird. Thailänder und Taiwanesen verehren Japaner, in Korea kokettieren junge Leute damit, um gegen die Alten zu ärgern.

            • Hmnuja, vor Barock und Rokoko kommt erst noch die Renaissance, zu der ich die These vertrete, daß sie ohne die aus Spanien fliehenden Juden und Muslime nicht oder viel später stattgefunden hätte.

              Wo heute in Barock- oder Rokokogärten Tagetes und Begonien blühen, standen früher in der Tat Nutz- und Heilpflanzen. Gärten bleiben aber ohnehin meist nicht so, wie sie mal angelegt wurden, sondern werden oft viel stärker renoviert als Architekturen.

              Das thailändische Königshaus war mit den japanischen Kolonisatoren alliiert, weswegen mich heutige Verehrung kaum überrascht, in Taiwan mag eine Rolle spielen, daß alles gut ist, was die VR China nicht gut findet.
              Die japanische Kolonialzeit wird in Kambodscha und Vietnam (und mutmaßlich auch in Laos) gar nicht positiv bewertet, nachdem die Franzosen in Amt und Würden gelassen und Entkolonisierungsbewegungen gleichzeitig versteckt gefördert und niedergeschlagen wurden (den Vorlauf der Khmer-Rouge-Herrschaft habe ich mal verbloggt).

              Vom Ärgern der Alten durch Japan-Verehrung las ich mal irgendwo auch im Bezug auf China, vermutlich sind das ähnliche Motive, aus denen das deutsche Hippie-Kind Steuerberater und der Oberstudienrat-und-Grünwähler-Offspring rechtsradikal wird.

              Bonsai ist Teil einer ursprünglich chinesischen Kultur, dort praktiziert seit dem 3. Jhdt unserer Zeitrechnung, in Japan erst ab dem 11. Jhdt. Ich weiß es nicht genau, vermute aber, daß Japan vor tausend Jahren noch nicht ganz so dicht bevölkert war wie heute.

              Quintessenz: es hängt wie immer alles mit allem zusammen.

              • Wo Sie also mit der Renaissance anfangen, stoßen Sie mich auf ein Problem unserer Garten- und Gesellschaftsgestaltenden Vernunft. Man lehrte uns, in den schönen Renaissancegärten fing man ja auch an, der Vernunft gewisse Herrschaftsansprüche gegenüber dem Ererbten zuzugestehen. Nun ist die Vernunft als Herrscherin aber immer eine bürgerlich-republikanische, welche ein zu beherrschendes Volk braucht, das überhaupt keine Rechte hat. Politische Mitsprache verdient vernünftigerweise also nur, wer über eine Mindestanzahl von Leibeigenen, oder billiger, Angestellten verfügt.
                Als logisch-verallgemeinernde will die Vernunft aber ihre Rechte auf jedes Individuum ausdehnen, träumt mithin von Demokratie, in der jeder Frau und jedem Habenichts gleiche Stimmgewalt gebührt. Ein immanenter Widerspruch der republikanischen und der demokratischen Seele der armen Vernunft. Deutlich wurde mir das bei unseren Gedankenspielen über östliche Gesellschaften.
                Zu den gartengestalterischen Beziehungen zwischen China und Japan schrieb ich ja jüngst etwas.
                https://confusionfoodblog.wordpress.com/2017/04/02/die-tempel-von-kyoto-kyomizu-dera/
                Ich glaube, die haben auch in der Antike schon sehr dicht zusammengewohnt. Irgendwo las ich mal einen interessanten Artikel, der vorrechnete, daß nasser Reisanbau erst im Kollektiv von mehreren hundert kooperierenden Familien wirklich funktioniert. Während ein freier Bürger allein mit seiner Großfamilie gut mit Weizen über die Runden kommt. Würde auch nicht das kollektivdenken im weizenessenden Nordchina erklären, aber ich mag solche Rechenspiele.
                Sie haben da bestimmt intensivere Erfahrungen, aber was ich mit meinen Asiaten so erlebe, messen die schon dem Individuum weniger Wert zu. Also wenig Verständnis für Privatsphäre, wohlfühlen in der Gruppe und Akzeptanz von autoritären Machtstrukturen. Ein konsequenter Despot ist besser als ein wahnsinniger, und der wahnsinnige ist besser als eine ohnmächtige Obrigkeit.
                Natürlich glaube ich nicht, daß etwa eine chinesische Regierung mit ihrer Ablehnung der wesensfremden Menschenrecht durchkommen soll. Ich glaube aber schon, man muß unterschiedliche Denkarten berücksichtigen beziehungsweise anerkennen, daß man mit Beharren auf der eigenen Denkart manchmal nicht weiterkommt. Anerkennung der kollektiven Denkart könnte dann zu Lösungen auch der westlichen Vernunftindividuellen Probleme führen, in dem man weniger das Individualrecht des Einzelnen gegen Ignoranz verteidigt, als viel mehr dem Kollektiv eine absolute Schutzpflicht gegenüber den Mitgliedern und damit letztlich auch der Menschengemeinschaft auferlegt. Womit wir dem Demokratieproblem vielleicht auch näher kommen könnten. Und über den fernen Osten kommen wir vielleicht auch wieder zum näheren Orientalen, bei dem die Diskussion begann.
                PS: Wie bekommen Sie die Links in der Kommenarspalte hin?

                • Die links werden mit HTML-Befehlen erzeugt – ich mache es mir bei meinen Kommentaren aber oft einfach und bearbeite sie, Kraft meines Adminprivilegs…;-)…
                  Den Rest meiner Antwort hänge ich unten an, hier wird es ein bißchen arg schmal.

  2. “ Die winzige Minderheit der Jugendlichen, die sich radikalisiert, wertet sich im Gefühl der eigenen Nichtigkeit durch die Ideale des Islamismus auf: miteinander einen gemeinsamen Körper zu bilden, in dem das eigene Leid verschwindet. Der Islamismus tritt als antipolitische Utopie auf, in der ein Einzelner sehr mächtig sein kann, wenn er sich mit dem Ziel der idealen religiösen Gemeinschaft identifiziert, die das Gegenbild zum weltlichen modernen Staat ist, in dem diese Jugendlichen leben.“

    Ich denke, es ist doch eigentlich in jeder Suche nach Gemeinschaft so ein Element, eine Einladung, darin aufzugehen. Das fängt schon bei der „Freiwilligen Feuerwehr“ an und endet bei den großen Jugendorganisationen von einst in der Diktatur und nicht nur dort. Es sind die Inhalte, die da eine Rolle spielen. Das Abgrenzen von anderen mit dem Anspruch des Elitären. Jugendliche dagegen zu „impfen“, das bedeutet eigentlich auch nur, ihnen Teilhabe nicht zu verwehren, sie nicht auszugrenzen. Aber, ich merke schon selbst, das sind so Gemeinplätze.

    • Ich glaube nicht, daß es die Inhalte sind, die da eine Rolle spielen. Die halte ich für völlig austauschbar, solange sie die Welt halbwegs erklären und dem Einzelnen seinen Platz zuordnen. Ein Beispiel dafür ist der Konfuzianismus, ohne den kein langer Marsch, kein großer Sprung, keine Kulturrevolution und anschließend kein Fortbestand des chinesischen Kommunismus denkbar gewesen wäre.

      Für viel wichtiger halte ich das Aufgehen in der Gemeinschaft und die Abgrenzung von anderen, als vermeintliche Elite.

      Diese Volkskörper-Idee ist mir so unheimlich, daß ich Massenveranstaltungen immer schon möglichst meide, was mich um nicht wenige Konzerte gebracht hat und mir jeden Spaß an Fußball, Karneval, Loveparade o.ä. nimmt.

  3. @Bloggerin
    “Diese Volkskörper-Idee ist mir so unheimlich, daß ich Massenveranstaltungen immer schon möglichst meide, was mich um nicht wenige Konzerte gebracht hat und mir jeden Spaß an Fußball, Karneval, Loveparade o.ä. nimmt.“
    Geht mir auch so. Seit Jahrzehnten. Hat auch wie sich offen im Sommer 2010 (sog. Love Parade in DU) zeigte einen hohen strategischen Wert: Kann nachhaltig zum ÜberLeben beitragen … Gruß, Albert

    • Willkommen Albert!
      Mit einem strategischen Wert hat meine Abneigung gegen Massenveranstaltungen nichts zu tun, sondern mit der mich beängstigenden Lenkbarkeit von Menschenmengen.

      (Eine Katastrophe wie in Duisburg hätte bei der Berliner Loveparade niemals stattgefunden, weil es genug Ausweichmöglichkeiten von der Straße des 17. Juni in den Tiergarten gibt. Ich kenne die Loveparade seit ihren Anfängen auf dem Kurfürstendamm, atmosphärisch war sie auch später die mir noch bei weitem sympathischte Massenveranstaltung, weil die Teilnehmer sowas von freundlich und friedlich waren, daß sie selbst erlebnisgeile Touristen damit anstecken und befrieden konnten. Ich finde es bemerkenswert, daß es in den, ich glaube, 13 Jahren Berliner Loveparade mit bis zu 1.500.000 Teilnehmern sehr wenige Verletzte gab – hauptsächlich, weil Leute parallel zu reichlich Extasy und Tanzen zu wenig Wasser getrunken hatten)

  4. @Alice Wunder

    Vernunft ist keine feststehende Größe und kein immergültiger Wertekatalog, sondern eine sich immer weiter entwickelnde Denkpraxis, damit ein Tu-Wort.

    In der Renaissance wurde auf antikes Denken Bezug genommen – alle Menschenrechte gab es im antiken Griechenland und Rom nur für wohlhabende männliche Bürger. Das spiegelt sich auch in der Aufklärung, Olympe de Gouges wurde zwar nicht unmittelbar für ihre Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin hingerichtet, sondern dafür, daß sie nicht ganz und gar anti-monarchistisch war. Ungeachtet dessen spricht es eine deutliche Sprache, daß den Frauen in Europa Intellekt und Bürgerrechte bis weit ins 20. Jahrhundert abgesprochen wurden und sie knapp über dem lieben Vieh rangierten.

    Das am meisten unterschätzte Element der Vernunft ist der Zweifel, immer zuerst an den eigenen vermeintlichen Gewissheiten. Das ließe sich übertragen auf notwendige Zweifel an den Entscheidungen von Herrschern aller Art, also auf jede Form menschlicher Organisation mit Führer. Interessant in diesem Zusammenhang sind matriarchal und matrilinear organisierte Gesellschaften wie z.B. die Mosuo in Südchina, das sind in aller Regel Konsensdemokratien, in denen Frauen mehr zu sagen haben als Männer – die aber vermutlich nur in überschaubaren Größen wie z.B. einem Dorf funktionieren. Autoritäre Herrschaft funktioniert – eine Weile – in wesentlich größeren Zusammenhängen und Durchregieren wirkt wie Zeitersparnis – ich bin nicht sicher, ob das tatsächlich der Fall ist. Ich glaube, daß bereits der entscheidende Evolutionssprung vom Affen zum Menschen in der Kooperation lag, dazu gibt’s ein extrem lesenswertes Buch, Sarah Blaffer-Hrdy Mutter Natur, rezensiert von Susanne Mayer.

    Mit den kooperierenden Familien zum Naßreisanbau haben Sie vollkommen recht – in z.B. Kambodscha kann man besichtigen, was passiert, wenn durch gesamtgesellschaftliche Traumatisierung die Zivilgesellschaft so zerstört ist, daß man sich maximal innerhalb der Familie vertraut, aber nicht mehr mit anderen kooperiert. Der freie Weizenbauer, der mit seiner Großfamilie allein klarkommt, benötigt dazu ebenes und fruchtbares Land. Dem stehen im Zweifel undurchdringliche Wälder, Berge, zu viel oder zu wenig Wasser entgegen, wogegen in jedem Fall Kooperation notwendig ist. Kooperation ist auch immer dann notwendig, wenn es nur wenig frei verfügbares, fruchtbares Land gibt – in Asien wurden Reisterassen nicht erfunden, weil die so hübsch sind, sondern weil in den Flußniederungen zu wenig Platz ist und man an die Berghänge ausweichen mußte. Das wiederum kann man in Nordvietnam in den Bergen in a nutshell sehen: in den Flußniederungen wohnen z.B. die Lao, die zwar Naßreis anbauen, aber nicht terassieren können, am Berg leben z.B. die schwarzen Tay, die Terassen bauen und oben die Hmong, die Trockenreis (und Mohn) anbauen und damit aber nur eine Ernte erzielen, weswegen sie zusätzlich jagen (gern geschützte Tiere, für chinesische Medizin) und die weiterziehen, wenn der karge Boden ausgelaugt ist. Diese drei Beispiel-Ethnien sprechen Sprachen, die ursprünglich aus völlig unterschiedlichen Regionen in Asien kommen, als Lingua Franca wird vietnamesisch gesprochen und der vietnamesische Staat hat sich erfreulicherweise – anders als der chinesische – zu ausdrücklichem Stolz auf die Unterschiedlichkeit der mehr als 80 unterschiedlichen Ethnien entschlossen. Vietnam hat ebenso wie China konfuzianische Tradition (heißt vor allem: jede/r wußte genau, wo sein unabänderlicher Platz in der Gesellschaft ist, mit der einzigen Austiegschance Bildung, denn der Staat brauchte immer Beamte) und ich finde es bemerkenswert, wie unterschiedlich damit umgegangen wird. Einer der Autoren der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte war btw. ein Chinese, insofern wäre ich mit „wesensfremd“ vorsichtig. Meine Privatsphäre wurde in asiatischen Ländern wesentlich eher akzeptiert als in afrikanischen südlich der Sahara, wo jeder, der allein ist, für sehr unglücklich gehalten wird, wogegen sofort etwas unternommen werden muß.

    Was Sie über die absolute Schutzpflicht des Kollektivs gegenüber dem Individuum schreiben, ginge vermutlich nur mit Übermenschen. Sobald sich Menschen fehlverhalten und das tun sie bekanntlich ständig, tritt der Schutz des Kollektivs in Kraft. Das ist auch in unserem modernen Strafrecht so, das dient nicht der Sühne der Verbrechensopfer und nur bedingt der Bestrafung der Täter, sondern dem Schutz der Gesellschaft, auch in Form der Täter-Resozialisierung. Damit ist es vom Strafrecht der Scharia aka Talion gar nicht so weit weg, wie die „Islamkritiker“ gern annehmen. Körperstrafen werden in islamischen Gesellschaften in aller Regel (ja, es gibt Ausnahmen wie in Iran, Saudi-Arabien usw.) nur dann vollstreckt, wenn kein Täter-Opfer-Ausgleich in Form einer Geldzahlung stattfindet, der Täter keine Einsicht und Reue zeigt und man damit das Kollektiv gefährdet sieht. Die Talion war ein Zivilisationssprung im Vergleich zur vorher üblichen Blutrache, denn sie legte eine Verhältnismäßigkeit fest – Auge für Auge, Zahn für Zahn oder eben, üblichere Rechtspraxis, Entschädigung in Form einer Geldzahlung. Man kann das auch als Täter-Opfer-Ausgleich bezeichnen, der in unserer Justiz wieder aus der Mode kam, zu hohe Kosten.

    Ich fürchte, es bleiben nur Vernunft und Zweifel an den eigenen vermeintlichen Gewissheiten. Der Zweifel würde sowohl den Machtanmaßung Einzelner entgegenwirken und das Wohl des Einzelnen und das der Gemeinschaft im Auge behalten. Das gilt auch für das Wohl der Weltgemeinschaft und davon sind wir Fettaugen auf der europäischen Luxussuppe sternfern.

    Das wurde jetzt länglich, scusi und danke fürs Lesen…;-)…

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