„wie auf morsches Holz geklopft“

Zum würdigen Leben gehört mehr als nur soziale Gerechtigkeit. Eine andere Bedingung ist die Identität. Die soziale Gerechtigkeit muss gegen Kapital und Konzerne errungen werden – aber die Identität gegen die Migration. Das Thema ist für die Linken gefährlich: In der Theorie soll doch der Ausländer ein Freund sein. Aber in der Wirklichkeit ist die Einwanderung ein Quell der Sorge. Wenn die Aufgabe einer linken Regierung die Solidarität mit der arbeitenden Bevölkerung ist, dann gehört dazu auch der Schutz der Heimat. … Es gibt kein Recht auf Nischen, an denen die Zeit vorüber geht. Aber es gibt auch unter den Bedingungen der Beschleunigung ein Recht auf die eigene Identität.

Das stammt nicht von Martin Sellner, nicht von Jürgen Elsässer, nicht von Götz Kubitschek noch ist das ein Aprilscherz. Sondern das steht in Jakob Augsteins aktueller SPON-Kolumne. Die meint er mutmaßlich ernst – als Ratschlag, was die SPD und Martin Schulz so alles zu tun und zu lassen hätten: Unsere Heimat.

Ob mal wer dem Augstein in einer stillen Stunde beibringt, daß für die eigene Identität ebenso wie für den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit jede/r höchstselbst zuständig ist? Und das schon seit mehr als 200 Jahren? Die eigene Identität wird nicht von Flüchtlingen und Einwanderern bedroht, sondern von der bequemen Annahme, ein Politiker, eine Partei, eine Nation, irgendein Glaube könne einem die Arbeit daran abnehmen. Anders als Augstein glaubt, ist das Thema für Linke nicht gefährlich: denn nicht nur in der Theorie, sondern vor allem in der Praxis soll der Ausländer gar nicht Freund sein, sondern Mensch.

Bei Augstein kommt der Mensch Ausländer aber auch gar nicht vor, sondern wird mit der Vokabel „Migration“ und als Bedrohung für die deutsche Würde, Identität, Heimat entmenschlicht.

Es müßte ihm auch erklärt werden, daß es nicht weniger widerlich ist, wenn er Jean Améry gegen Flüchtlinge in Stellung zu bringen versucht, als wenn Rechtsradikale Rosa Luxemburg zur Legitimierung von Volksverhetzung und Sophie Scholl zum angemaßten Widerstandsrecht gegen den Staat (z.B. in der Variante Brandanschlag gegen Flüchtlingsheim) mißbrauchen.

Leo Fischer, nd: Nationaler Sozialismus

Kein Geist ist da, es ist wie auf morsches Holz geklopft. …

Papier errötet nicht und Pixel platzen nicht vor Scham, aber immerhin kann man im Takt der Kommata mit dem Kopf auf den Tisch hauen, so hohl, so bigott dröhnt es da aus dem Kolumnistenmund. Das würdige Leben, so Augsteins Gleichung, kommt nicht ohne Heimatschutz aus, und die Glatzen von Dortmund bis Anklam, die »Heimatschutz« als Lynchsport pflegen, nicken anerkennend. …

Dass es eine Identität geben könnte, die eventuell nicht darauf basiert, unablässig das Fremde abzuwehren, sich also nicht a priori als Gegnerschaft und über Feinde konstituiert, das passt nicht in Augsteins Kopf, in welchem, in guter Tradition, Arbeit und Kapital durch die Nation versöhnt werden. …

Wenn man Sahra Wagenknecht Nähe zu AfD-Positionen vorwirft, ist das selbstverständlich nicht dasselbe, wie »nicht hinzusehen«; ebenso wie die Behauptung, Zuwanderung schaffe zwangsläufig Probleme, nicht schon dadurch eine Tatsache wird, dass Augstein »Jeder weiß das« dazuschreibt.

Augstein, der in seinem Alltag vom Anblick »hart arbeitender Menschen« weitgehend verschont bleiben dürfte, weiß aber immerhin, wohin er ihren Hass lenken muss: »Migranten sind Konkurrenten um Wohnraum und Arbeitsplätze. Und sie sind zusätzlich Konkurrenten im Lebensstil.« Denn würden die hart arbeitenden Menschen einmal nachrechnen, wieviel es sie kostet, Vermögen und Lebensstil von Leuten wie Augstein unangetastet zu halten, dann wüssten sie natürlich, dass sie davon jedes Jahr zehn Flüchtlingskrisen bezahlen könnten. Nicht jeder weiß das allerdings, und damit das auch so bleibt, wird Augstein auch weiterhin seine Kolumnen schreiben. So berechnend ist er dann doch.


 

Meine Heimat ist Kreuzberg-Südost, meine erweiterte ist Berlin und die wird tatsächlich von Migration bedroht. Von der Migration der Kriegsgewinnler am knappen und teuren Gut Wohnraum, der der Kolumnist bislang nicht die nötige Aufmerksamkeit schenkte.
(link zum Radioeins-Freitag-Salon mit Andrej Holm zum Nachhören eingefügt, 4.3.17 dvw)

Hier wäre auch die Vokabel Migration (von lat. migratio = Wanderung) ausnahmsweise mal zutreffend, denn wenn ein Viertel, eine Stadt durchgentrifiziert ist, wandern besagte Kriegsgewinnler ins nächste Viertel, in die nächste Stadt.

Während die allerwenigsten der als „Migranten“ bezeichneten Flüchtlinge und Einwanderer beständig wandern. Die sind in meine und jetzt auch ihre Heimat gekommen, um zu bleiben. Unter dem Dach des Heimat und Identität befördernden Grundgesetzes, laut dem alle staatliche Gewalt der Achtung und dem Schutz der unantastbaren Menschenwürde verpflichtet ist.


 

Augsteins Querfront-Kampfschreibe bei SPON (bei Tichys Einblick klatscht Alexander Wallasch Beifall) ist aber noch nicht alles.

Die ihm eigene Wochenzeitung Der Freitag ist einmal mehr einem Klägerwunsch gefolgt und hat vor einer Weile einen Artikel „unveröffentlicht“. Augstein hat sich überdies die Klägersicht zu eigen gemacht und einen interessanten Einblick in die Arbeit der Redaktion bei Der Freitag ermöglicht.

Diesmal betraf das inexistente Rückgrat bei Der Freitag nicht nur die Blogger, sondern die freie Autorin Petra Reski. Gelöscht wurde ihr Artikel über die `Ndrangheta in Mitteldeutschland ‚Die Bosse mögen’s deutsch‚, erschienen am 17. März 2016. Ein Erfurter Gastronom hatte 3 Monate nach Erscheinen des Artikels geklagt, weil er seine Persönlichkeitsrechte verletzt sah. Er hatte auch gegen den MDR geklagt, der jahrelange Recherche zur `Ndrangheta in der ostdeutschen Provinz (mit Koryphäen wie u.a. Fabio Ghelli) in ein Dossier und einen Film einmünden ließ.

Andreas Rossmann, FAZ: Von der Mafia lernen heißt schweigen lernen

Dass eine Zeitung, die mit der Entscheidung, den Artikel zu drucken, hinter dem Autor steht, sich im Falle einer juristischen Auseinandersetzung vor diesen stellt, sich mit ihm berät und dagegen wehrt, ist übliche Praxis. Eine Umfrage unter Justitiaren und Medienrechtlern ergab, dass keiner von einem Fall gehört hat, in dem nicht so verfahren wurde. Ja, selbst dann, wenn die Zeitung im Nachhinein zu einer anderen juristischen Bewertung kommt als der Autor, übernehme sie in der Regel das Risiko. Der „Freitag“ aber hat gar nicht erst versucht, seiner Autorin beizuspringen, sondern den Artikel ohne Rücksprache mit ihr gleich von der Internetseite gelöscht.

„Die Anwaltskosten sind für einen kleinen Verlag wie unseren eine ziemliche Belastung“, habe ihr die zuständige Redakteurin, mit der sie mehrfach gut zusammengearbeitet habe, erklärt, sagte Petra Reski der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Vom „Freitag“ fühlt sie sich im Stich gelassen: „Dass die Gerichts- und Anwaltskosten für eine kleine Autorin wie mich, die an dem Artikel 321 Euro brutto verdient hat, eine ziemliche, wenn nicht sogar größere Belastung sind, darauf scheint beim ‚Freitag‘ niemand gekommen zu sein.“ Um eine Stellungnahme gebeten, sagte Jakob Augstein, der Herausgeber des „Freitag“, der F.A.Z.: „Wir sind als Zeitung darauf angewiesen, uns auf die korrekte Arbeit unserer Autoren zu verlassen. Wenn wir unwissentlich Behauptungen drucken, die sich als nicht haltbar erweisen, müssen wir die Zusicherung geben, solche Behauptungen nicht zu wiederholen. Das ist in der deutschen Medienlandschaft die übliche Praxis und gerade in Zeiten, die von den Stichworten ‚Fake News‘ und ‚Lügenpresse‘ geprägt sind, richtig und wichtig.“ Auf den Vorwurf der fehlenden rechtlichen Unterstützung angesprochen, sagte er: „Redaktionen sind keine Rechtschutzversicherung für mangelhafte Recherche.“


 

Nachtrag 9.4.17

In der FAZ wurde heute ein zweiter Artikel von Andreas Rosmann veröffentlicht: Ist die Mafia jetzt der Gewinner?

Zuerst ließ der Verleger Jakob Augstein die Autorin Petra Reski in einem Rechtsstreit hängen. Nun tritt er sogar nach. Ein solches Beispiel darf im Journalismus nicht Schule machen. …

Der Sachverhalt ist gerade nicht so eindeutig, wie Jakob Augstein ihn hinstellt. Denn eine Klage, so die Auffassung von im Pressegesetz bewanderten Juristen, schien schon deshalb unwahrscheinlich und eine Aussicht auf Erfolg noch unwahrscheinlicher, weil der beanstandete Name in der Presse zuvor schon mehrmals genannt worden war: So zweimal in der „tageszeitung“, die am 11. Februar 2016 berichtete, dass die Klage des italienischen Geschäftsmanns gegen die MDR-Dokumentation „Die Provinz der Bosse – die Mafia in Mitteldeutschland“ vor dem Landgericht Leipzig Erfolg hatte, und am 23. März 2016 meldete, dass der Sender gegen das Urteil Berufung eingelegt habe. Das hat der „Evangelische Pressedienst“ (epd) am 1. April aufgegriffen, in dessen Bericht der Name des in Erfurt ansässigen Klägers ebenfalls steht. Dagegen war dieser in der Dokumentation des MDR nicht genannt worden, vielmehr hatte er sich in der dort als „Michele“ bezeichneten Person erkannt gefühlt und, indem er Klage einreichte, selbst „geoutet“.

Den Namen zu nennen schien mithin nicht sonderlich riskant. Auch das Gericht bestätigte das, weist es in einer Verfügung vom 8. Juli 2016 den Kläger doch darauf hin, dass „es auf die Frage, ob die Grundsätze der Verdachtsberichterstattung vorliegend überhaupt Anwendung finden“, nicht ankommen dürfte, „nachdem der Antragsteller mit dem angesprochenen Verfahren selbst in die Offensive gegangen ist und es sich um ein öffentliches Verfahren handelte“. Was Petra Reski allenfalls vorgehalten werden kann, ist, dass sie, doch gedeckt von juristischem Sachverstand, das Risiko, den Namen zu nennen, im Hinblick auf das Landgericht Leipzig falsch eingeschätzt hat. Wer ihr das als „Fehler“ anlastet, ohne es selbst vorher auch nur bemerkt zu haben, muss die fragwürdige Entscheidung des Gerichts für durchschlagend überzeugend, ja sakrosankt halten. Erstaunlich für einen Journalisten, der „im Zweifel links“ steht. …

Auch im DLF hat er die „sehr, sehr geschätzte“ Autorin in einer Weise diskreditiert, die die Frage aufwirft, ob das sein Stil und die Form der Auseinandersetzung sein kann: „Wir sind ja froh, dass wir einen Rechtsstaat haben, und wir wollen keine Fake News drucken und der Lügenpresse-Vorwurf, den wollen wir uns von niemandem sagen lassen, und wenn man solche Sachen schreibt, dann stärkt das ja im Grunde die Mafia, weil die jetzt als Gewinner dasteht, das ist für alle sehr misslich.“

Andersherum wird eher ein Schuh draus. Indem er eine „gängige Praxis“ (DJV) der Zusammenarbeit aufkündigt und damit einen Präzedenzfall schafft, der Schule machen könnte, schwächt Augstein den Journalismus in einer Zeit, da dieser von außen massiv unter Druck steht, von innen und schreibt die Einschüchterung, auf die es der Kläger abgesehen haben dürfte, fort. Warum es sein könnte, dass die Mafia jetzt als Gewinner dasteht, ist tatsächlich die Frage.


 

Nachtrag 11.4.17

Die Freischreiber haben Der Freitag wegen des Umgangs mit Petra Reski für den Himmel-Höllepreis 2017 nominiert, aus der Begründung für die Hölle-Nominierung:

Liebe freie Journalistinnen und Journalisten, wenn Sie vorhaben, in der nächsten Zeit einen Text für das Meinungsmagazin „der Freitag“ zu verfassen, so lesen Sie sich vorher bitte diese Anleitung durch. Erstens: Fassen Sie kein heißes Eisen an. Zweitens: Nennen Sie keine Namen. Drittens: Legen Sie ein Mehrfaches des Honorars als Rücklage für mögliche Rechtsstreitigkeiten mit Protagonisten zur Seite – „der Freitag“ verfügt entweder nicht über entsprechende Mittel oder möchte sie nicht zur Verfügung stellen. Viertens: Rechnen Sie nicht damit, dass die Redaktion den Text vorab auf rechtliche Unsicherheiten hin klärt. Fünftens: Seien Sie nicht traurig, wenn Ihre Ansprechpartner in der Redaktion im Falle von Ärger auf Tauchstation gehen.

Wenn Sie diese Punkte beachten, wird die Redaktion Ihren Text dankend drucken. Wenn Sie diese Punkte beachten, stellt sich allerdings die Frage, ob Sie das dann noch möchten.

Die Preisverleihung ist am 29. April in Frankfurt.

Nachtrag 5.5.17

Den Negativ-Preis der Branche verleiht der Freischreiber-Vorstand in diesem Jahr an die Süddeutsche Zeitung. Seit Jahresanfang gibt die SZ Texte ihrer freien Autoren an den Schweizer Tagesanzeiger weiter, ohne die Autoren dafür zusätzlich zu honorieren. Damit werden freie Autoren schlichtweg enteignet …: „So viel Kaltschnäuzigkeit hat den Hölle-Preis wahrlich verdient.

 


 

Nachtrag 13.4.17

Das Medienmagazin Zapp (NDR) beschäftigt sich ebenfalls mit dem „Fall“ Reski vs Augstein/Der Freitag, auch der neue Chefredakteur kommt im Film zu Wort.

„Es gab keine Rückfragen“

Reski ist empört. Sie habe lediglich über ein Gerichtsverfahren berichtet. In einem Interview mit ZAPP wirft sie dem „Freitag“ vor: „Es gab keine Rückfragen bzgl. der Namensnennung, überhaupt keine. Weder von der Redaktion noch von einem Justitiar. Also wenn das jetzt irgendwie zu Zweifeln seitens der Redaktion geführt hätte, hätte ich erwartet, dass mich jemand darüber informiert. Das war aber nicht der Fall. Niemand hat nach diesen Namen gefragt, ob man den Namen nennen dürfe oder nicht.“

Journalisten ohne Rückhalt?

Durch diesen Streit taucht für freie Autoren eine alte Frage wieder auf: Wie halten es die Medienhäuser – gerade bei investigativen Recherchen – mit dem juristischen Beistand im Fall einer Klage? Immer häufiger werden Autoren direkt verklagt, weil sie das schwächste Glied in der Kette sind – und weil man auf diese Weise versucht, mutigen Journalisten den Mut zu nehmen.


 

Nachtrag 5.5.17:

Jetzt hat auch der neue Chefredakteur von Der Freitag seinen ganz eigenen Skandal und sein eigenes In eigener Sache.

Christian Füller hat ein Interview (Cache), das er etwa 1 Monat vor der 1. Wahl in Frankreich mit Didier Eribon führte und das ihm vor der Wahl nicht ins Blatt passte, nach der 1. Wahl ohne jede Autorisierung verändert.

Didier Eribon verwahrte sich öffentlich bei Twitter dagegen:

Übermedien:

Die Wochenzeitung „Der Freitag“ hat am Dienstagmorgen ein langes Interview mit dem französischen Autor und Soziologen Didier Eribon veröffentlicht. Um Punkt 6 Uhr morgens erschien es auf der Internetseite der Zeitung – aber nur für wenige Stunden. Seit Dienstagabend ist es wieder verschwunden. …

Christian Füller, erst seit Ende Februar Chefredakteur des „Freitag“, findet, das sei ein „sehr tolles Interview“ gewesen. Füller bestätigt, dass es vor der ersten Wahlrunde geführt wurde; sie hätten es auch vorher bringen wollen, aber dann verschoben. Er selbst, sagt Füller, habe die ersten beiden Fragen „aktualisiert“ – ohne den Interviewten noch mal zu kontaktieren. Es sei sein Fehler, Eribon das Interview nicht mehr vorgelegt zu haben. Außerdem: „Herr Eribon hatte keine Autorisierung verlangt, wie in Frankreich so üblich.“

Offenbar ist es also ratsam, ausdrücklich auf eine Autorisierung zu bestehen, wenn man dem „Freitag“ ein Interview gibt; der Chefredakteur handhabt es bei Interviewanfragen an ihn genauso. Auf den Gedanken aber, dass es keine so gute Idee ist, in ein altes Gespräch einfach aktuelle Fragen zu montieren, ist Füller wohl nicht gekommen.

 


 

Für Augstein sind bei Der Freitag veröffentlichte Texte immer offenkundiger reine Ware, die – nachdem sie sich rentiert, nämlich Geld verdient haben – bei noch so durchsichtiger Reklamation gelöscht und in die Alleinverantwortung der Autoren verschoben werden. Augsteins Verhalten ist selbst in der Medienkrise ein Novum.

Eine Redaktion hat Texte zu prüfen, die sie von freien Autoren kauft! Nicht nur, ob sie in die politische Blattlinie passen oder ob Rechtschreibung und Zeichensetzung in Ordnung sind. Sondern auch inhaltlich, ob z.B. Persönlichkeitsrechte verletzt sein könnten. Für derlei Rückfragen beschäftigen Verlage üblicherweise einen Justiziar. Hält der einen Text für heikel, muß die Redaktion eine Entscheidung treffen, ob Verdachtsberichterstattung, z.B. eine Namensnennung politisch gewollt ist und die Zeitung mögliche juristische Konsequenzen mitträgt. Oder ob man z.B. in Absprache mit dem Autor einen Namen anonymisiert oder von der Veröffentlichung des Textes lieber ganz Abstand nimmt.

There is no such thing as „unwissentlich Behauptungen drucken„. Es sei denn, Augsteins Redaktion ist unmündig, uninformiert und/oder unfähig. Einen Text erst zu veröffentlichen, um sich beim geringsten Gegenwind der Klägersicht anzuschließen, Petra Reski vor Gericht nicht zu unterstützen, sondern ihr außerdem noch mangelnde journalistische Sorgfalt zu unterstellen und ihre Arbeit in die Nähe von ‚Fake News‘ und ‚Lügenpresse‘ zu rücken, hat nur in einer erzkapitalistischen Warenwelt eine Logik. Nicht in der sogenannten 4. Gewalt im Staat, nicht im Pressekodex, nicht unter dem Etikett „irgendwie links“ und ganz sicher nicht unter „Im Zweifel links“.

Ähnlich verfährt Augstein mit den „hart arbeitenden Menschen„, die er gegen „Migration„, gegen Einwanderer und Flüchtlinge in Stellung zu bringen versucht. Beide Gruppen sind für ihn (wie auch jeder Autor, jeder Blogger, jeder Salongast, jeder Interviewpartner) reine Verfügungsmasse, auf deren Rücken er sein journalistisches Podest errichtet, sein Geschäftsmodell ausbaut. Seine Idee eines linken Boulevards wölbt sich rechtsradikaler Propaganda entgegen, mit Buzzwords wie einer gegen „Migration“ zu verteidigenden Würde, Identität und Heimat. Er versöhnt nicht nur „Arbeit und Kapital durch die Nation„, sondern er weist dem Journalismus seiner Einflußsphäre dabei den Platz des Erfüllungsgehilfen zu, der es hinterher nicht gewesen sein will und sich feige aus der Affäre zieht.

Andreas Rossmann beginnt seinen Artikel mit einem Zitat von Alberto Spampinato: „Jeder, der über die Mafia schreibt, tut das auf eigene Gefahr“

Auf den Augstein-Boulevard angewendet: Jeder, der Augstein für einen linksliberalen und redlich arbeitenden Journalisten und Zeitungsinhaber statt für eine feige Krämerseele mit Sonnenkönig-Attitüde hält, jeder, der bei Der Freitag arbeitet, schreibt, bloggt oder sonstwie zu tun hat, tut das auf eigene Gefahr.

Soll keine/r sagen, das sei nicht zu wissen gewesen.

 


Foto (beschnitten): Thomas Scherer, Wikimedia Commons. Danke an die Schachnerin für den Hinweis.


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47 Gedanken zu „„wie auf morsches Holz geklopft“

  1. Danke für diesen interessanten Text! – Zuerst ein leicht verschämtes Geständnis: Ich blogge auch hin und wieder beim Freitag. Ich tue dies nicht, um Augstein zuzustimmen, sondern weil seltsamer eise die Texte dort gelesen und häufig auch mal kontrovers disjutiert werden….Diese Kolumne von Augstein auf SPON verstört mich auch sehr. Was ist bloß in den Köpfen los?- Oder ist dort überhaupt etwas los oder wurde der Hohlraum zwischen den Ohren während des so genannten „Fußball-Sommermärchen“ mit Deutschlandfahnen ausgefüllt. Für mich ist Heimat Landschaft und Natur. Aus welchem Land diejenigen kommen, die mit gleichen Entzücken dem Vogelgezwitscher lauschen, ist mir vollkommen gleichgültig. Meine „Heimat“ wird vom Baufraß durch Straßen, sinnlose Neubauprojekte auf dem Land und WKA bedroht …

    • Herzlich willkommen, rotherbaron!
      Ich habe von 2009 bis 2015 bei Der Freitag gebloggt und tue das nach dort gemachten Erfahrungen nicht mehr. Es dauert bei WordPress ein bißchen länger und man muß was für die Vernetzung tun, aber meine Texte werden auch hier gelesen und der Tenor der Diskussionen gefällt mir um Preisklassen besser. Aber das muß jeder selbst wissen.

      Ich halte Jakob Augstein nicht für hohlköpfig, sondern für opportunistisch, für überschätzt und für übermäßig von sich selbst überzeugt. Augstein hat sich mit Hilfe des Freitag und des mehrfach preisgekrönten Vorhabens der Verschränkung von professionellem Journalismus und Blogosphäre seine heutige Position erlogen, denn er hat keine seiner Versprechungen eingehalten.

      Hugo hat mal Heimat als das definiert, was er sich in einer bestimmten Zeit erlaufen kann. Augstein scheint Heimat als Nation zu definieren, außerdem als durch „Fremde“ bedroht. Das ist nicht hohlköpfig, das ist gefährlich. Dazu ist sehr lesenswert Umberto Eco: Die Fabrikation des Feindes.

  2. Jau. Über den Fall Augstein/Reski kann ich mich nicht äußern, FAZ als einzige Quelle ist mir zu wenig. Aber der Sponline-Text ist erschütternd. Leo Fischer schreibt ja schon richtig, dass bereits mir der Ernennung von Todenhöfer zum Freitag-Herausgeber klar war, dass da was sehr ernsthaft bei Augi nicht stimmt. Aber ich finde es trotzdem noch mal schlimm.

    • Ambros Waibel, taz und Petra Reski schreiben ebenfalls darüber, so ganz und gar allein ist die FAZ also nicht.
      Mich würde ja brennend interessieren, warum die FAZ das genau jetzt aufgreift, obwohl Reskis Artikel vermutlich vor November 2016 gelöscht wurde.

      Die Ernennung von Jürgen Todenhöfer zum Herausgeber und von Christian Füller zum Chefredakteur läßt vermuten, daß Augstein den Freitag in ein wirtschaftlich erfolgreiches Kampfblatt verwandeln will. Augstein spricht schon seit Jahren von der Notwendigkeit eines „linken Boulevard“ – seine Kolumne bei SPON zeigt, wo die Reise für ihn hingeht. Meine Fresse!

      Es ist mir widerwärtig, mich von der Augstein-Idee von linkem Journalismus distanzieren zu müssen – als wären die Linken nicht schon zerstritten genug und als wäre Der Freitag nicht schon längst ein lost cause.

      • Ja, Sie bringen es auf den Punkt, was mich auch so traurig macht. Mir ist es auch „widerwärtig“, mich von Augsteins linkem Journalismus distanzieren zu müssen oder halt der Idee, dass Augstein linken Journalismus macht. Vielleicht denkt er echt, dass mensch anders an die Massen nicht rankommt, keine Ahnung. Und, genau, als wäre die Linke nicht schon zerstritten genug, ich sage nur die ganzen crazy antideutschen. Aber es gibt eben Grenzen.

    • Es gibt noch einen weiteren FC-Blog, hammerfakt: die neuen heimatvertriebenen? (Nachtrag 28.4.17 link ist tot, Nutzer vermutlich gesperrt, dvw)

      Magda kommentiert:

      Ich fand den Beitrag im ND etwas rustikal, aber vollkommen richtig und den Zorn, der ihn offensichtlich getrieben hat, berechtigt. Augsteins Kolumne hat mich ziemlich erbittert. Er will halt auch dabei sein, wenn die Tabus nur so purzeln. Mir absolut zuwider, diese Art, dauernd mit dem Zeitgeist ein Tänzchen zu wagen. Mal so und nächste Woche so. Fürchterlich.

      Er schreibt im Spiegel: Die soziale Gerechtigkeit muss gegen Kapital und Konzerne errungen werden – aber die Identität gegen die Migration.

      Das ist der Gipfel, wirklich.

      Er definiert „Heimat“ in der Tat nur als das, was man gegen das „Andere“ „Fremde“ behaupten muss. Dass Migranten Konkurrenz bei Arbeitsplätzen und Wohnraum erhöhen, gehört zu den Sätzen, die bei jedem Populisten andocken. Konkurrenz ist in dieser Gesellschaft immer präsent, sie allein jetzt mit der Zuwanderung wahrzunehmen, ist irgendwie nicht so recht schlüssig, aber halt wohlfeil.

  3. Ziemlich heftig ins Grübeln gekommen. Auch deswegen, https://twitter.com/augstein/status/842284394362638336 mit dem Jakob A. Frau Reski sein eigenes Versagen per Fußtritt anklebt. Zu der Zeit der Artikelveröffentlichung waren er und der kürzlich verabschiedete Philip Grassmann noch Chefredakteure des Blattes und damit verantwortlich für die Auswahl der Artikel. Sich der Personen derart zu „entledigen“ in Verbindung mit Inhalten wie der der Kolumne, in der nicht die Flucht als eine Herausforderung, sondern Flüchtlinge als Problem (zumal für „Heimat“ und „Identität“) dargestellt werden, ergibt ein mehr als diskutables Bild, das dieser Verleger von den Menschen haben dürfte.

    Ich fürchte, mein Wunsch, jemand würde jetzt ganz laut „April, April“ rufen, bleibt ein Traum.

    • Ziemlich heftig ins Grübeln gekommen. Auch deswegen, https://twitter.com/augstein/status/842284394362638336 mit dem Jakob A. Frau Reski sein eigenes Versagen per Fußtritt anklebt. Zu der Zeit der Artikelveröffentlichung waren er und der kürzlich verabschiedete Philip Grassmann noch Chefredakteure des Blattes und damit verantwortlich für die Auswahl der Artikel.

      Der will mit der nachtretenden Fehlerverlagerung gar nicht wieder aufhören °_O

      Sich der Personen derart zu „entledigen“ … ergibt ein mehr als diskutables Bild, das dieser Verleger von den Menschen haben dürfte.
      Ich fürchte, mein Wunsch, jemand würde jetzt ganz laut „April, April“ rufen, bleibt ein Traum.

      Mit Augstein sehe ich keine Diskussionsebene mehr, denn der Feenbesuch (mit 3 Wünschen im Handgepäck) steht nicht zu erwarten.

  4. ad1 Macht neben Augsteins Domizil ein Flüchtlingswohnheim auf, dass er kollektiv Herr Biedermann und die Brandstifter auffführen will? Disgusting. Vielleicht sieht man ihn noch demnächst vor laufenden Kameras Heimaterde fressen.
    ad2 Im Leserbriefteil der FAZ wurde die Frage aufgeworfen, ob die Journalistin vielleicht versäumt hat zu recherchieren, bei wem sie ihre Geschichte veröffentlicht. Das gibt leider gar keine „Karma-Points“ [c Herr Jan-Jasper Kosok] für verdienstvolle Herausgeber aber eine weitere Geschichte über die Gier?
    https://www.freitag.de/autoren/jan-jasper-kosok/man-hat-recht
    .

  5. Ambros Waibel kommentierte gestern in der taz (links nicht eingepflegt): Ein sicheres Land

    Das Oberlandesgericht Dresden hat im Fall der MDR-Dokumentation „Die Provinz der Bosse – Mafia in Mitteldeutschland“ ein Urteil zugunsten des Persönlichkeitsschutzes des klagenden italienischen Gastronomen gefällt, das wie der MDR selbst sagt, „wenig Angriffspunkte“ bietet,

    Wenig spricht dafür, dass ein in derselben Angelegenheit derzeit am Landgericht in Erfurt laufendes Verfahren wegen Schmerzensgeld und Schadenersatz einen für den beklagten MDR günstigeren Ausgang nehmen wird. Auch die renommierte Journalistin Petra Reski war vor Gericht nicht erfolgreich und auch hier ist offen, welchen Fortgang die Sache noch nehmen wird.

    Man kann darüber streiten, ob es zulässig und ob es klug war, den Namen des Klägers im MDR-Prozess zu nennen, wie es Petra Reski in ihrem Artikel für den Freitag getan hat. Allerdings wird die Problematik ja auch der betreuenden RedakteurIn bewusst gewesen sein. Und selbst wenn es ihr nicht bewusst war, sollte ein Herausgeber auch dafür die Verantwortung übernehmen und diese nicht der Autorin allein zuschanzen, wie es Jakob Augstein mit seinem flapsigen „Redaktionen sind keine Rechtsschutzversicherungen“ tut.

    Perlentaucher:

    Die Autorin Petra Reski, die sich in journalistischen Artikeln ebenso wie in fiktionalen Romanen mit der Mafia auseinandersetzt, wurde wegen eines im Freitag erschienenen Textes über die Mafia in Ostdeutschland von einem italienischen Geschäftsmann vor dem Landgericht Leipzig verklagt, berichtet Andreas Rossmann in der FAZ. Der Freitag löschte den Artikel daraufhin ohne Rücksprache mit der Autorin von seiner Internetseite. „Auf den Vorwurf der fehlenden rechtlichen Unterstützung angesprochen, sagte [Herausgeber Jakob Augstein]: ‚Redaktionen sind keine Rechtschutzversicherung für mangelhafte Recherche.‘ Damit übernimmt Augstein nicht nur ungeprüft die Entscheidung aus Leipzig, sondern diskreditiert auch die zuvor von der Zeitung geschätzte Autorin und teilt mit, was eine freie Mitarbeit beim Freitag bedeuten und kosten kann.“

    Lesenswert fand ich auch ein Interview (2014) mit Petra Reski, geführt von Jonas Mueller-Töwe für Der Freitag: Die Mafia ist kein Fremdkörper und ein Interview mit ihr in der Münchner Abendzeitung, Volker Isfort:

    AZ: Sie meinen, wir sind so blind, weil wir – mit Ausnahme von Duisburg – sonst kaum sichtbare Gewalt der Mafia in Deutschland haben?

    Reski: Natürlich. Die Mafia ist pragmatisch. Duisburg war ein Betriebsunfall, der sich mit Sicherheit auch nicht wiederholen wird. Selbst in Italien ist es ja so, dass unter dem Boss Bernardo Provenzano, was die sizilianische Cosa Nostra betrifft, eine ganz andere Taktik eingeschlagen wurde: wieder unsichtbar werden, auf spektakuläre Gewalttaten verzichten. Man geht auf viel subtilere Weise gegen Kritiker und Journalisten vor. Unser Presserecht macht es der Mafia sehr leicht, Journalisten zu verklagen, leichter noch als in Italien. Die Verdachtsberichterstattung ist durch das Persönlichkeitsrecht extrem stark eingeschränkt. Aber wenn ein Journalist nur über bereits erfolgte Urteile referieren darf, dann hat Journalismus keinen Sinn mehr. Und wenn man als Journalist persönlich verklagt wird, dann sieht man häufig auch ganz schnell die Solidarität der Redaktion schwinden. Zivilcourage wird häufig proklamiert, aber nur selten praktiziert.

    AZ: Ist die Mafia stark im neuen Milliardenmarkt Migration und Flüchtlinge involviert?

    Reski: Selbstverständlich. Alles, was ein gutes Geschäft ist, vor allem, wenn viele öffentliche Gelder im Spiel sind, interessiert die Mafia. Es gibt da eine genaue Arbeitsteilung. Die Schlepperei wird von Libyern, Somaliern, Eritreern gemacht, aber das große Geschäft ist ja die Unterbringung und Verpflegung. Da verdient die Mafia mit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein so großes Geschäft, das ja unter chaotischen Zuständen und ohne öffentliche Aufträge zustande gekommen ist, auch in Deutschland ohne die Mafia läuft.

    • Christian Bartels, altpapier (links nicht eingepflegt):

      Heute mit einer neuen Faustregel für freie Journalisten und neuen Steinchen, die aus den Fundamenten des klassischen Journalismus brechen. …

      „Redaktionen sind keine Rechtschutzversicherung für mangelhafte Recherche“

      Diese eingängig alliterierende neue Faustregel für freie Journalisten stammt, der FAZ zufolge, von einem unserer auch an Einfluss reichsten Publizisten, von Jakob Augstein, und führt Vertreter von FAZ und TAZ an eine Seite. Im Frankfurter Blatt schilderte Andreas Rossmann ausführlich, wie die von Augstein herausgegebene und besessene Wochenzeitung Freitag mit einer herrschenden Gewohnheit brach:

      „Dass eine Zeitung, die mit der Entscheidung, den Artikel zu drucken, hinter dem Autor steht, sich im Falle einer juristischen Auseinandersetzung vor diesen stellt, sich mit ihm berät und dagegen wehrt, ist übliche Praxis. Eine Umfrage unter Justitiaren und Medienrechtlern ergab, dass keiner von einem Fall gehört hat, in dem nicht so verfahren wurde.“

      Jetzt ist so ein Fall bekannt. Er betrifft also den Freitag und die Journalistin Petra Reski, die vor allem über die italienische Mafia, auch in Deutschland, berichtet. Die FAZ hat sich von zwei beteiligten Seiten schildern und bestätigen lassen, was Reski selbst Mitte März in ihrem Blog petrareski.com über einen Prozess am Landgericht Leipzig im vergangenen Jahr geschrieben hat:

      „Im September schrieb mir die [Freitag-]Redakteurin, dass die Unterlassungsforderung inzwischen auch beim Verlag eingegangen sei, woraufhin sie vorschlug, meinen Text kurzerhand zu löschen: ‚Was schade wäre, ja. Aber die Anwaltskosten sind für einen kleinen Verlag wie unseren eine ziemliche Belastung‘. Dass die Gerichts- und Anwaltskosten für eine kleine Autorin wie mich, die an dem Artikel ganze 321 Euro brutto verdient hat, auch eine ziemliche, wenn nicht sogar größere Belastung sind, darauf scheint beim FREITAG allerdings niemand gekommen zu sein. Einen Artikel in vorauseilendem Gehorsam zu löschen, hätte ich, gerade von einem Blatt wie den FREITAG nicht erwartet. Ein unerträglicher Kotau – um vom journalistischen Ethos jetzt mal ganz zu schweigen.“

      Im Prozess war es darum gegangen, dass Reski in einem für den Freitag verfassten Artikel, der von einem Leipziger „Urteil gegen den MDR handelte, das nach einer MDR-Dokumentation über die Mafia in Erfurt“, dieser, „erlassen worden war“, den Namen eines Geschäftsmannes genannt hatte. Das hätte sie nach einem weiteren Urteil, nun aus Erfurt, nicht tun dürfen.

      „Man kann darüber streiten, ob es zulässig und ob es klug war, den Namen des Klägers im MDR-Prozess zu nennen, wie es Petra Reski in ihrem Artikel für den Freitag getan hat. Allerdings wird die Problematik ja auch der betreuenden RedakteurIn bewusst gewesen sein. Und selbst wenn es ihr nicht bewusst war, sollte ein Herausgeber auch dafür die Verantwortung übernehmen und diese nicht der Autorin allein zuschanzen“,

      findet auch Ambros Waibel in der TAZ. Jenseits der immer, unter anderem: je nach Gerichtsort schwierigen Frage der Namensnennung bietet diese Geschichten allen, die glauben, dass aus den Fundamenten des klassischen (Print-)Journalismus ein Steinchen nach dem anderen herausbricht, frisches Material.

  6. Hendrik Zörner kommentiert im Blog des Deutschen Journalisten-Verbands: Freie Journalistin hängen gelassen

    Die Wochenzeitung Freitag hat eine freie Mitarbeiterin in einer juristischen Auseinandersetzung im Regen stehen lassen. Begründung: „Redaktionen sind keine Rechtsschutzversicherung.“ Geht’s noch?

    Die Frankfurter Allgemeine hat sich am 1. April ausführlich mit der freien Journalistin Petra Reski und deren Veröffentlichung über die italienische Mafia in der Zeitung „Freitag“ befasst. Dabei herausgekommen ist ein ausgewogenes Hintergrundstück, das nicht nur die Schwierigkeiten von Journalisten beleuchtet, die sich mit dem organisierten Verbrechen befassen, sondern auch den fehlenden Rückhalt durch Redaktionen.

    In diesem Fall ging es darum, dass „Freitag“ seine Mitarbeiterin hängen ließ, als sie von einem Geschäftsmann verklagt wurde, den sie in ihrer Mafia-Geschichte genannt hatte. Der Italiener verklagte sie vor dem Landgericht Leipzig erfolgreich auf Unterlassung. Reskis Zeitung hielt sich heraus. „Freitag“-Herausgeber Jakob Augstein sagte daraufhin der FAZ: „Redaktionen sind keine Rechtsschutzversicherung für mangelhafte Recherche.“

    Kein Wort darüber, dass Petra Reski seit Jahren über die Mafia recherchiert, dass sie als Expertin auf diesem Gebiet gilt. Augsteins Satz ist eine Ohrfeige für alle Freien.

      • Man fragt sich zugleich, in welcher Welt der Erbe des Spiegel-Gründers lebt, wenn er darauf verweist, dass Reski zu Recht die Kosten für die Niederlage in einem Prozess privat tragen müsse, „weil sie ihre Vorwürfe nicht belegen konnte“. Schon das trägt Züge verlegerischer Hybris und Selbstgerechtigkeit. Vollends ins Schlingern gerät seine Argumentation, wenn er – wie gegenüber MEEDIA – zugleich erklärt: „„Wenn wir Artikel von Autoren in der Zeitung drucken, müssen wir uns auf gewissenhafte Recherchen verlassen. Wenn es dennoch zu rechtlichen Problemen kommt, stehen wir selbstverständlich zu unseren Autoren.“ Reski hingegen bescheinigt er, einen Klarnamen benutzt zu haben, obwohl sie von dem Rechtsrisiko gewusst habe – und begründet dies damit, dass die Autorin einen entsprechenden Gerichtsentscheid in ihrem Text für den Freitag explizit erwähnt habe. Der Umkehrschluss liegt nahe: Wenn dies so deutlich im Artikel vermerkt ist, wieso fällt es niemandem auf, der beim Freitag für die Qualitätskontrolle zugelieferter Stücke verantwortlich ist?

        Ein Signal hat er damit – unfreiwillig – allemal gesetzt, das in der Branche angekommen sein dürfte: frei arbeitende Investigativ-Jorunalisten werden das „Meinungsmedium“ künftig besonders kritisch betrachten oder gleich einen Bogen darum machen.

      • Das wa eine Probe aus den „Augstein Lectures“ [ im Tonfall von Saitenbacher Müsli ], der im Laden führt was er im Schaufenster verspricht

        „Haben wir Grund, uns zu schämen? Von der notwendigen Selbstkritik der Journalisten
        Jakob Augstein
        […]
        Kritische Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis – aus der Reihe „Augstein Lectures“
        „Augstein Lectures“ [ im Tonfall von Saitenbacher Müsli ]
        https://lecture2go.uni-hamburg.de/l2go/-/get/v/20926

        • Hehe, die fielen mir gestern auch in die Hände.
          Wer also den Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung ausloten möchte: Jakob Augstein | Haben wir Grund, uns zu schämen? Von der notwendigen Selbstkritik der Journalisten

            • Hm, Kai Diekmann wird in Zukunft vermutlich eher Shorts und Flipflops tragen, fischerAppelt ließ vor wenigen Tagen verlauten:

              In seiner neuen Funktion wird er das Leistungsspektrum der fischerAppelt-Gruppe für global agierende Kunden auf die Märkte im afrikanischen und asiatischen Raum ausbauen und den Internationalisierungskurs der Gruppe vorantreiben. Diekmann wird in seiner Funktion zwischen Remote Offices auf Mahé, der größten Seychellen-Insel, und Kuta auf Bali pendeln.

              „Mit Kai Diekmann konnten wir einen langjährigen Buddy der Agentur für uns gewinnen. Kai hat ein ausgezeichnetes Gespür für Multi-Channel-Content-Solutions, Brands und kennt die Trends aus dem Silicon Valley. Damit ergänzt er das Vorstandsgremium als Relationship Builder und Digital-Impulsgeber ganz hervorragend”, sagt Gründer und Vorstand Andreas Fischer-Appelt. „Außerdem freuen wir uns alle schon auf Vorstandssitzungen am Beach.”

              Ich schreib das selten bis nie, aber *ich als Frau* halte allenfalls Giovanni di Lorenzo für gut angezogen. Womit ich keine Aussage über irgendjemandes Arsch in der Hose treffe.

              • Ist mir garnicht aufgefallen, Lorenzo, der Kleiderständer, muss ich mal drauf achten, bei ihm fiel mir bislang nichtmal Ebbinghaus ein.;-)
                Es war halt eine Meldung aus dem Branchenreport. Augstein konnte einem Hintergrundartikel in dem Stil http://www.taz.de/!414360/ über Schirrmacher bisher als everybodys darling vermeiden. Aber Sie – und andere – füllen ja mächtig und gewaltig diese Lücke. Danke auch mal dafür.

                • Eben nicht „Kleiderständer„, mit gut angezogen meine ich Anzug und sich darin spürbar wohlfühlen. Das trifft aus der Herrenriege allenfalls auf di Lorenzo zu, der Rest wirkt im Anzug verkleidet.

                  ……………………………………………………………………..

                  Über Schirrmacher sagte laut taz Kurt Scheel: „Aus Schirrmacher hätte ein Intellektueller werden können“, er habe sich jedoch für die „Machtmaschine Zeitung“ entschieden. „Und dort füllt er die Rolle gut aus, die er spielt. Eigentlich“, so Scheels Fantasie, „eigentlich ist es doch höchste Zeit, dass sich Dieter Wedel in einem Fernsehmehrteiler oder Helmut Dietl in einer Serie um den Stoff Schirrmacher kümmert.“

                  Nichts davon träfe auf Augstein zu, weder potentielle Intellektualität noch gutes Rollenspiel und für eine „Machtmaschine“ ist der Freitag zu unbedeutend. Mag gut möglich sein, daß der Augstein gern ein „irgendwie linker“ Schirrmacher wäre, aber dazu reicht es nicht, was er in den Anfängen seines Der Freitag noch mit Beteiligung und Charme wettzumachen versuchte.

                  Mein Respektsverlust ist inzwischen so groß geworden, daß ich über Augstein keinen Blog mehr schreiben werde, mit dem oben thematisierten Doppelwhopper reicht es jetzt selbst mir.
                  Insofern müßten Sie sich nach einem anderen Lückenfüller umsehen…;-)…

    • „Auf Nachfrage der SZ wirft er Reski vor, einen Klarnamen genannt zu haben, „von dem sie wusste (!), dass sie ihn nicht nennen darf“. Er habe einen solchen Fall noch nie erlebt, schreibt Augstein, räumt aber ein: „Wir haben den Fehler begangen, diesen Namen abzudrucken.“ Augstein hält es trotzdem für richtig, dass Reski ihre Rechtskosten selbst übernehmen musste: „Sie hat ihren Prozess verloren – weil sie ihre Vorwürfe nicht belegen konnte.“ Und teilt dann gleich noch einmal aus: „Es ist vielleicht kein Zufall, dass sie vor allem auch als Romanautorin bekannt ist.“

  7. Was für schmale Füße Der Freitag hat. Wird ja mächtig Eindruck beim Guardian hinterlassen. BTW bezahlt Augstein eigentlich was für die fette Werbung bei SPON unter seiner Kolumnne?

  8. Frederik Schindler kommentiert in der taz: Im Zweifel deutsch

    Jakob Augstein möchte das Thema Heimat jedoch „nicht den Rechten überlassen“, schreibt er in seiner aktuellen Kolumne bei Spiegel Online. Die Einwanderung sei ein „Quell der Sorge“, zur Aufgabe einer linken Regierung gehöre „auch der Schutz der Heimat“. Die Identität müsse „gegen die Migration“ errungen werden.

    Das klingt nach Identitärer Bewegung und nach der Neuen Rechten. Bei diesen wird der Begriff Identität mit völkischem Inhalt besetzt, mit Berufung auf eine angeblich gemeinsame und kollektive Kultur.

    Das vermeintlich Fremde würde die eigene Identität bedrohen – so werden Szenarien der Heimat-, Kultur- und Zukunftslosigkeit konstruiert. Migranten werden zu „Konkurrenten um Wohnraum und Arbeitsplätze“. Das ist schon lange eine zentrale Legitimationsfigur für rassistische Gewalt: Wenn man gerade nicht über die „faulen, arbeitslosen Ausländer“ schimpfen kann, kann man zumindest noch behaupten, sie würden einem die Arbeit wegnehmen.

    Dass auch Augstein diese Identität völkisch konstruiert, beweist er mit seiner Forderung, dass der Anteil der Kinder, für die Deutsch keine Muttersprache ist, „in keiner deutschen Schulklasse höher als 25 Prozent“ liegen soll. Die Migration wird so prinzipiell als Bedrohung wahrgenommen. Ihm geht es nicht um individuelle Identitäten – er denkt in Kategorien wie „Wir“ und „die Anderen“.

    Dabei müsste doch das Individuum gegen den Kollektivismus von Volk, Nation oder Religion verteidigt werden. Doch wenn es nach Augstein geht, soll die Vorstellung der „Heimat ohne Grenzstein“ (Horkheimer und Adorno) wohl eine Sehnsucht bleiben.

  9. Pingback: Reski, Augstein und die Flucht nach vorn – Die Ausrufer

  10. Christian Bartels, altpapier (in Gänze lesenswert!):

    Frische Äußerungen … des unverdrossen weiter austeilenden Jakob Augstein („Es ist vielleicht kein Zufall, dass sie vor allem auch als Romanautorin bekannt ist“) bietet die SZ-Medienseite.

    Falls die kleine Wochenzeitung Freitag, die zumindest früher schon wegen ihrer Honorare auf ihr wohlwollende Journalisten angewiesen war, ihren Ruf unter Journalisten gerade (siehe auch dieses Altpapier aus dem Februar, im Jürgen-Todenhöfer-Zusammenhang) rasant ramponiert, könnte das ebenfalls kein Zufall sein.

  11. Sebastian Christ, Huffington Post: Lieber Jakob Augstein, Sie irren sich: Heimatliebe hat nichts mit dem Rassismus der AfD zu tun

    In einem Punkt haben Sie in ihrem aktuellen Text Recht: „“Heimat“ ist etwas, was vielen Menschen in Deutschland etwas bedeutet.

    … deswegen ärgert mich Ihr aktueller Text auf „Spiegel Online“, in dem Sie sich darüber beschweren, dass der neue SPD-Vorsitzende Martin Schulz das Thema „Heimat“ angeblich der AfD überlasse. Dabei nehmen Sie selbst Argumente der Rechtsradikalen an. Etwas Schlimmeres könnte der Diskussion nicht passieren.

    Sie nehmen Sahra Wagenknecht (Linke) in Schutz, die gleich mehrfach nach ihren unsäglichen Äußerungen über Flüchtlinge in die Kritik geraten war.

    Wagenknecht schrieb nach dem Terror-Anschlag von Nizza auf Facebook: „Ich denke, Frau Merkel und die Bundesregierung sind jetzt in besonderer Weise in der Verantwortung, das Vertrauen der Menschen in die Handlungsfähigkeit des Staates und seiner Sicherheitsbehörden zu erhalten.“

    Damit stellte sie Zuwanderer pauschal unter Terrorverdacht und erweckte nebenbei den Eindruck, als stünde Deutschland kurz vor dem Staatskollaps. Diesen Unsinn halten Sie offenbar für legitime „Asylkritik“.

    Sie benutzen die gleichen Argumentationsmuster, mit denen auch Leute wie Horst Seehofer operieren. Angeblich müsse man die „Sorgen der Menschen“ ernst nehmen. Auch Sigmar Gabriel wollte einst mit Pegida reden. Ebenso wie die von Ihnen so vehement in Schutz genommene Sahra Wagenknecht, die allen Ernstes vor zwei Jahren darüber schwafelte, die Bürger hätten das Gefühl, da sei „endlich mal eine Protestbewegung“.

    All die Versuche, den Rechten in deren Argumentation entgegen zu kommen, sind kapital gescheitert. In dem Moment, wo Demokraten die Argumente der Fremdenfeinde aufnehmen, profitieren meist nur die Fremdenfeinde. Weil die Wähler lieber das rechtsradikale Original wählen als irgendeinen billigen Abklatsch.

    Heimat muss sich entwickeln, um leben zu können. Andernfalls ist sie etwas Autoritäres, das man weder gestalten noch beleben kann. Das wissen die Bewohner der afghanischen Provinz genauso wie jene, die noch in den 50er-Jahren in einem beliebigen nordhessischen Dorf aufgewachsen sind.

    Für mich ist Heimat keine Momentaufnahme aus der Vergangenheit, sondern ein Gefühl der Gegenwart. Ich trage das Gefühl von Geborgenheit, das ich in Frankenberg verspüre, überall mit mir, egal, wo ich mich auch gerade auf der Welt befinde. Und da gibt es für mich auch keinen Widerspruch.

    Der existiert höchstens bei jenen, die aus der Angst vor Fremden und vor Veränderung politisches Kapital schlagen wollen. Das einzige, was jemals mein Heimatgefühl angegriffen hat, waren die Wahlerfolge der AfD. Aber ich bin derzeit guter Dinge, dass auch das eines Tages vorbei geht.

  12. ed2murrow hat einen sehr lesenswerten Blog zum Thema geschrieben und ihn bei den Ausrufern (und beim Freitag) veröffentlicht: Reski, Augstein und die Flucht nach vorn, daraus der Schluß:

    Der vierte Schritt ist ein Grund zur Fremdscham. Nicht so sehr wegen der Beteiligung der FAZ, die ohnehin auf alles schießt, was aus ihrer Warte nicht konservativ genug ist. So gewährte das Blatt dem heutigen Chefredakteur des Freitag mit einem Artikel vorübergehend Obdach, in dem besagter Christian Füller seinen Rauswurf bei der taz abzurunden versuchte. Die FAZ musste daraufhin der taz gegenüber eine Unterlassungserklärung abgeben.

    Sondern weil Jakob Augstein mit seinen unsäglichen Twitterfolgen der vergangenen Tage in so herrischer wie durchsichtiger Art versucht hat, seine persönliche und die Mitverantwortung der Redaktion auf Frau Reski alleine abzuwälzen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels waren er und sein Intimus, der kürzlich verabschiedete Philip Grassmann, Chefredakteure des Blattes. Sie waren es noch, als die Causa Reski in die Gänge kam. Wo waren sie, als der Artikel in der Redaktionskonferenz behandelt wurde?

    Die Äußerungen Augsteins haben mit mutigem Journalismus, den er für sein Blatt in Anspruch nimmt, rein gar nichts zu tun. Dazu gehörte, Fehler zu erkennen, sie anzunehmen und ohne weitere Kollateralschäden wegzustecken. Nicht dazu gehört, die eigene Autorin über den materiellen Schaden hinaus noch zu diffamieren und zu diskreditieren. So macht man aus dummen Fehlern allenfalls eine Momentaufnahme der eigenen hochmögenden Art.

    Das mag Augstein in seiner mittlerweile zentimeterdicken Teflonbeschichtung nicht tangieren. Dem freien und mutigen Journalismus aber hat er einen Bärendienst erwiesen. Er sollte in allem, was er anfasst, besser damit nicht mehr werben.

  13. Und noch eines drauf. https://twitter.com/Augstein/status/849229926121304064 mit dem der Herr eine SPON-Buchbesprechung von 2010 als „neuestes Werk“ vertwittert – der Leser soll so erfahren, dass Reski schon immer eine schlechte Journalistin gewesen sei. Fehlt nur noch, dass er behauptet, das Interview mit ihr bei Freitag von 2014, https://www.freitag.de/autoren/jmtfreitag/die-mafia-ist-kein-fremdkoerper, und der streitige Artikel seien nur aus Mitleid erschienen.

      • Augstein leitete bis Mitte März (zusammen mit Philip Grassmann) die Redaktion des Der Freitag als Chefredakteur, war also Vorgesetzter der gesamten Redaktion und somit verantwortlich für den Inhalt, er wählte die Beiträge aus und bearbeitete sie, bevor sie veröffentlicht wurden.
        Als V.i.S.d.P. kam ihm rechtlich die Haftung für den Inhalt der veröffentlichten Artikel der Zeitung zu.
        Ich google jetzt mal Realitätsverlust…
        Seit Mitte März haftet @ciffi ;o)

      • In übelster Erinnerung bleibt bei mir hier die Abwiegelei und Meinungsmache durch Jakob Augstein zur Zeit. Er meint, selbstverständlich würde die Redaktion im Konfliktfall zu den Autoren stehen, aber er nennt kein konkretes Beispiel. Wird und kann auch niemand von ihm verlangen können, aber glaubwürdiger wären Beispiele dafür. Im Interview mit DF nur zu behaupten, mit Stentorstimme im Brustton der Überzeugung ist Meinungsmache. Er nennt das Verhalten der Autorin und ihren Vorwurf — keine Unterstützung erfahren zu haben — kränkend, weil die Redaktion selbstverständlich an der Seite ihrer Autoren stünde. Er liefert keine Beispiele und hat vielleicht auch keine. Mir ist nicht in Erinnerung, das irgendjemandem seiner Lohn- oder Honorarschreiber von ihm öffenltich beigesprungen wurde. . Es wurde auch nicht nachgefragt seitens der Interviewerin, etwa würden sie vielleich mal ein Beispiel nennen, ist das schonmal nötig geworden, kommt sowas häufiger vor o.ä. Die Hintergrundinfos wurden von der seitens Augstein in Intwerview wiederum gekielholten Autorin Jeski auch ohne Nachfrage der Interviewerin des DR geliefert. Es reicht halt nicht seine Netzwerke irgendwie zu mobilisieren und Drohpotential aufzubauen.

  14. Margarete Stokowski: Rückwärts und viel vergessen

    Natürlich bin ich angepisst. Ich bin in einem Migrantenbezirk in einer Migrantenklasse zu eben jenem Problem herangewachsen, das jetzt diesen Text schreibt – könnte man zumindest meinen. Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Von solchen wie mir sollte es in einer ordentlichen deutschen Schulklasse laut Augstein höchstens 25 Prozent geben, sonst: Problem. Oder? Meint der mich? Oder meint er die Na-Sie-wissen-schon-Migranten, die noch schlimmer sind als polnische Gören, weil sie nicht nur Ausländisch sprechen, sondern auch ausländisch aussehen? Unklar.

    Gegen uns oder die, aber auf jeden Fall gegen „die Migration“ will Augstein seine Identität verteidigen: „Die soziale Gerechtigkeit muss gegen Kapital und Konzerne errungen werden – aber die Identität gegen die Migration.“ Uff. Man könnte meinen, es gibt einiges, was an der Identität von Leuten rütteln kann: Krankheiten, Trennungen, Sinnkrisen, Unfälle, Jobverlust, Bundesligaabstieg, Umzug, Alter, whatever. Aber „die Migration“? Und ich kann mir vieles vorstellen, was man jemandem klauen wollen könnte, aber seine Identität? Geht das überhaupt? Eine „Identitäre Bewegung“ gibt es ja seit einer Weile, doch sich da als Linker was abgucken zu wollen, ist weit jenseits von dem, was Drogen bewirken können.

    Wer … versucht, in linke Politik rechte Inhalte zu mischen oder linke Theorie als Ursprung des Rechtsrucks hinzudrehen, ist ein bisschen wie diese Pokémon, bei denen die Pokémon-App sagt: „Seine Werte werden dir im Kampf nicht viel bringen.“

    • Augstein findet derzeit Antworten, die – oberflächlich betrachtet – anders aussehen als Anfang 2016. Die Frage, die er sich stellte, muss wohl letzthin etwa so gelautet haben: dem Volk fehlt etwas, aber was denn bloß? Ah ja: ein bisschen Wohlstand und ein bisschen Identität. Das schreiben wir jetzt.
      Unverändert geblieben ist aber die Klassenperspektive von oben herab. Gestern bekam das alte Inland auf die Fresse; heute das neue – und es ist jedesmal gleich eine ganze Bevölkerungsgruppe, die angeblich zu Lasten der anderen unterwegs sei. So geht Teilen und Herrschen.
      Ist nicht schön, wenn dann auch noch die Art, in der er sich mit freiberuflichen Autoren des „Freitag“ auseinandersetzt, ins Bild passt wie Arsch auf Eimer. Aber immerhin eindrucksvoll.

      • Das ist aber nur sehr oberflächlich betrachtet anders. Ich bin jetzt zu bequem zur Linksuche, aber Augstein bezweifelte damals auf allen Social-Media-Kanälen, daß es überhaupt Vergewaltigungen und Übergriffe gegeben habe, weil es kein Filmmaterial dazu gibt.

        Augstein macht immer Opfer, damals waren es die sexualisiert belästigten Frauen, heute sind es die hinter dem Wort „Migration“ versteckten Flüchtlinge und Einwanderer, es sind immer mal wieder Blogger und es sind professionelle Journalisten. Petra Reski ist auch nicht die erste. Die zweite Diskussion überhaupt, die ich ganz zu Anfang des Augstein-Freitag still mitlas, war eine zu Füßen der öffentlichen Kündigung eines Journalisten: Paranoia in der Mediengesellschaft (I): Der Fall Rothschild – Angele (daher und aus dem Versuch der Schlingensief-Hinrichtung rührt meine Antipathie gegen Dr.Angele, die allererste mitgelesene Diskussion war im Ton auch nicht besser und ich schäme mich inzwischen dafür, meinem unguten Bauchgefühl damals nicht gefolgt zu sein und auch nur einen Buchstaben zur Jauchegrube Freitag beigetragen zu haben)

        Ich habe lange widersprochen, wenn Augstein seine Herkunft und sein Wohlstand auch nur als Teil einer Kritik an seinen Inhalten und seinem Verhalten vorgeworfen wurde. Der kann nichts dafür, daß ihm einen Haufen Geld und Zeitung in die Wiege gelegt wurden. Ich bin aber inzwischen nicht mal mehr erstaunt, wie erbärmlich wenig er daraus macht.

        Manchmal finde ich katholische Bilder wirklich treffend, so auch die der Hauptlaster – besser bekannt als Todsünden. Augstein pflegt zwei davon: Superbia (Hochmut, Stolz, Eitelkeit) und Acedia (Faulheit, hier die des Geistes, Ignoranz). Beides ist Tun.

        Augstein lebt von der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird. Bis ihm die endlich entzogen wird, wird er in der beschriebenen Manier meinen und tun und kann sein Teile und herrsche! auch durch die Rest-FC und durch für/bei Der Freitag arbeitende Journalisten legitimiert finden. Für mich ist Der Freitag/FC inzwischen wie ein Unfall auf der Autobahn, ich will nicht hinsehen und tue es doch, was aber hiermit hoffentlich endlich ein Ende hat, reicht.

  15. Sandro Mattioli, nd: Wie deutsches Recht die Mafia schützt

    Der Umgang mit der Autorin Petra Reski offenbart, wie wenig Deutschland bereit ist, ernsthaft gegen die Organisierte Kriminalität vorzugehen

    Warum aber bekommen diese Herren Recht? Weil in Deutschland die Mitgliedschaft in der Mafia nicht strafbar ist und somit kaum Gegenstand von Ermittlungen. Dies führt zu so absurden Konsequenzen wie im Fall der ’ndrangheta-Ableger im Bodenseeraum. Dort ist die kalabrische Mafia quasi flächendeckend vertreten, selbst in kleinen Städten gibt es Zellen. Das baden-württembergische Landeskriminalamt hat die Gruppe dort sogar seit 2009 intensiv im Blick. Es gab zwei Jahre lang intensive Abhörmaßnahmen, die keinen Zweifel daran ließen, dass man es mit Mafiosi zu tun hatte. Am Ende konnte man den Männern nach deutschem Recht dennoch nicht am Zeug flicken. Erst mit Haftbefehlen aus Italien wurde die Leitung der Mafiaorganisation dort abgeräumt. Das Fußvolk dagegen blieb unangetastet.

    Man kann es vereinfacht auch so sagen: In Deutschland ist nur Mafioso, wer in Italien als Mafioso verurteilt worden ist. Dass dies die wenigsten der ein- bis zweitausend Mitglieder der Mafia sind, die sich hierzulande aufhalten, liegt auf der Hand.

    Genau diesen Umstand nutzen nicht nur die Mafia-Verdächtigen in Thüringen aus. So bekam die gerichtliche Auseinandersetzung, zu der sich das MDR-Team gezwungen sah, weit weniger Aufmerksamkeit als das Verfahren, dem sich Petra Reski stellen musste. Ein Artikel der »FAZ« hat den Gerichtsentscheid zulasten von Petra Reski und die Hintergründe vor wenigen Tagen ausführlich dargestellt.

    Sie konnte ihren Vorwurf nicht belegen. Darum hat sie vor Gericht verloren. Wir stehen nicht für FakeNews. https://t.co/yNt2A3xlnC
    — Augstein (@Augstein) April 3, 2017

    Als ich vor vielen Jahren anfing, zum Thema Mafia zu recherchieren, glaubte ich, dass niemand weiß, wer in Deutschland zur Mafia gehört. Meine naive Vorstellung war, dass die Leute andernfalls festgenommen würden. Denn zur Mafia gehören ja nur Gangster. Inzwischen ist mir klar, wie falsch ich lag: Die Polizei kennt die Namen der Mafiosi in ihrem Gebiet, Journalisten, die es wissen wollen, kennen ihre Namen. Nur sagen bzw. schreiben darf sie niemand.

    So war es vor wenigen Jahrzehnten in Norditalien. Auch dort wollte die Politik den Eindruck vermeiden, man habe Mafia-Probleme. Inzwischen hat die ’ndrangheta dort ganze Geschäftszweige an sich gerissen. Sie hat entweder die existierenden Betriebe nach Einschüchterungen und Drohungen übernommen oder diese mit Konkurrenzbetrieben, denen sie mit kriminellem Kapital massive Wettbewerbsvorteile verschafft hat, aus dem Markt gedrängt und kaputt gemacht. Dies sind keine Fantastereien, sondern wissenschaftlich belegte Fakten. Auch die Zahl der Gemeinderäte, die wegen Mafia-Infiltration aufgelöst worden sind, ist in Norditalien inzwischen höher als in Süditalien.

    Wollen wir solche Zustände auch in Deutschland? Auf diese Frage kann es nur eine Antwort geben. Bleibt die, warum niemand etwas gegen genau diese Entwicklung tut.

    …………………………………………………………………………………………………

    Jakob Augstein in eigener Sache:

    Liebe Leserinnen und Leser des Freitag,

    in den vergangenen Tagen sah sich der Freitag mit einem schlimmen Vorwurf konfrontiert: Feigheit und mangelnde Treue gegenüber den eigenen Leuten. In einem großen Feuilleton-Artikel warf uns die Frankfurter Allgemeine Zeitung am Wochenende vor, eine Autorin im Stich gelassen zu haben.

    Petra Reski kannte das Risiko, das sie mit der Nennung des Namens einging. Und wir als Redaktion hätten den fraglichen Passus im Text nicht veröffentlichen dürfen. Wir haben uns korrigiert, als die Gegenseite uns anwaltlich aufforderte, die entsprechende Stelle nicht weiter zu verbreiten.

    Unser Verhalten stößt nun auf Kritik. Die FAZ klagt uns an, wir hätten unsere Autorin im Stich gelassen, „ungeprüft die Entscheidung aus Leipzig“ übernommen und den Artikel gleich von der Internetseite gelöscht.

    Das ist nicht richtig: Der Artikel wurde im Zuge der Unterlassungserklärung nicht gelöscht, sondern lediglich um den justiziablen Absatz gekürzt – auf anwaltlichen Rat hin, also keineswegs ungeprüft. Die später erfolgte Löschung des Textes wurde mit Frau Reski besprochen.

    Was das Gerichtsurteil angeht, hat die FAZ jedoch recht: Ohne weitere Informationen gilt für uns der Spruch der Richter – und weitere Informationen hatte die Autorin nicht geliefert.

    Der Deutsche Journalistenverband sprach von einer „Ohrfeige für alle Freien“. Aber ich stehe dazu: Wir folgen dem Prinzip Zuverlässigkeit für Zuverlässigkeit. Eine Zeitung ist ihren Autoren gegenüber zur Treue verpflichtet. Und ihren Leserinnen und Lesern gegenüber ist sie zur Wahrheit verpflichtet. Wahrheit und Mut schließen einander nicht aus – das beweist der Freitag mit engagiertem, mutigem und kritischem Journalismus jede Woche aufs Neue.

    Jakob Augstein

    Ich halte es definitiv nicht für „die Wahrheit„, daß „die später erfolgte Löschung des Textes“ mit Petra Reski besprochen wurde noch halte ich es in egal welcher Auseinandersetzung für nötig, eine renommierte Journalistin in die Nähe von FakeNews zu rücken, ihr das Schreiben von Romanen zu empfehlen und was Augsteins Nachtretereien noch so alles waren.

    Gute Güte, was ist das peinlich, daß der Mann nur und nur um seinen Ruf besorgt ist!

    • Augstein behauptete ihm/ihnen sei der Name „untergejubelt“ worden. Das ist ein Vorwurf von Heimtücke an die Journalistin. Das ist justitiabel. Das Verhalten der Journalistin ist in meinen Augen insoweit vertretbar, als die Nachricht eben eine war, dass dieser Mann nicht im Zusammenhang mit einem bestimmten Sachverhalt gestellt werden will und Recht bekommen hat. Ein Berliner Gericht hätte vielleicht die Berichterstattung darüber. anders beurteilt. Ein ehemaliger Berliner Innensenator hatte mal eine Beleidigungsklage angestrengt. weil durch Demonstranten per Schild und Namensnennung erklärt wurde, er fickt keine Schafe. Sie konnten glaubhaft versichern, dass in der Kreuzberger Szene die gegenteilige Behauptung kursiert und sie über den Un-Wahrheitsgehalt informieren wollten. Das Verfahren wurde eingestellt. Das war noch nicht mal eine Gerichtsberichterstattung.
      (Quelle: Inforadio Berlin am 4.1.2000, zitiert nach Datenschleuder http://chaosradio.ccc.de/media/ds/ds070.pdf)

      Mit anderen Worte, Kann gegen besagtes Urteil nichts mehr unternommen werden seitens der Journalistin? Ich finde die Berichterstattung/informationspolitik von Der Freitag auch sehr seltsam gelinde gesagt.

      Eine letzte Bemerkung sei erlaubt, ob man an diesem Herausgeber oder Blatteigner irgendetwas exemplifizieren will, außer ihn als abschreckendes Beispiel aufzuführen, halte ich durchaus bedenkenswert. Ich kann durchaus verstehen, dass Sie das nicht interessiert, aber nochmals Danke bis hierher.

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