Make Pots or die

 

Ich lese gerade „Die weiße Straße“ von Edmund de Waal und kann nicht warten, bis ich ganz durch bin, um Ihnen davon zu erzählen. Lesen Sie dieses Buch!

Wenn Sie Porzellan ohnehin lieben, werden Sie vom Buch eingeschluckt und enorm viel klüger wieder ausgespuckt, nicht nur zu Material und Gefäß, sondern zum Zusammenhang aller Dinge. Falls Ihnen Porzellan nicht mehr bedeutet als der Teller, von dem Sie essen und die Tasse, aus der Sie trinken: das wird sich ändern, versprochen. Sie werden in Begleitung von Edmund de Waal durch 5 Jahrhunderte und die halbe Welt reisen, Sie werden Jesuiten, Alchemisten, Mathematikern, Kaisern, Königen, Kindern, Sammlern, Besessenen, Nazis, Sklaven und vielen fleißigen Töpfern begegnen und Ihre Tasse und Welt anschließend mit anderen Augen sehen.

Das Buch ist ein spannender Bildungsroman in der besten nur denkbaren Bedeutung.

Edmund de Waal nennt sich selbst Töpfer und an ihm lassen sich die unterschiedlichen Auswirkungen von Bauhaus und Arts and Crafts auf heutige Gestaltung nachvollziehen. Das Bauhaus war eine Designer-Bewegung, angetreten zur guten Gestaltung von Gebrauchsgegenständen in industrieller Produktion, erschwinglich für jedermann, in großen Serien gefertigt, ein Stück wie das andere. Arts and Crafts war eine Kunst-Handwerker-Bewegung, bei der einzelne Gestalter, ihr Wissen und Können und ihre Handschriften eine entscheidende Rolle spielen, jedes Stück anders.

In England werden Gefäße auch als Kunst betrachtet und Töpfern wird Respekt entgegen gebracht. In Deutschland werden Töpfer so verachtet, daß die Profis sich lieber Keramiker nennen, sie werden trotzdem beim Volkshochschulkurs, unter Selbstverwirklichung rubrifiziert und für Gefäße, sofern sie auch funktionieren, müssen 19% Umsatzsteuer abgeführt werden, statt 7% für Kunst. Aber das muß ja auch das wichtigste und großartigste laufende Kunstprojekt, die Stolpersteine von Gunter Demnig – die sind nicht Kunst, sondern „Hinweisschild“.

Es gibt viele Formen von Vandalismus.

Edmund de Waal arbeitet – von der Erfindung der Elektrizität einmal abgesehen – wie Töpfer schon seit Jahrtausenden arbeiten. Er dreht endlos viele ähnliche Gefäße auf der Scheibe, er fälscht sich nicht selbst durch möglichst identische Formgebung, sondern er stellt Familienähnlichkeiten her. Ihn erfüllt seine eine Berufung spürbar mit Bescheidenheit, Stolz und Kontext, denn er steht auf vielen Schultern. Auf der Scheibe gedrehte Keramik hat eine durchgehende Hochkultur seit 5.000 Jahren – allerdings nicht in unseren Breiten, sondern in China und in Mesopotamien (Irak, Syrien, Südost-Türkei), wo unabhängig voneinander die Drehscheibe erfunden wurde, 3.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung.

Chinesisches Porzellan hat gegenüber der europäischen Nacherfindung zu Beginn des 18. Jahrhunderts mehr als ein Jahrtausend Vorsprung. Man merkt es beidem an.

Edmund de Waal fertigt nicht nur Gefäße, er glasiert sie nicht nur in unendlichen Annäherungen an die Farbe weiß (mit Ausflügen in die Farbe schwarz), er installiert sie zu stillen poetischen Bildern. Das Auge braucht etwas Zeit, um Details, Rhythmen, Schatten, Zwischenräume, Texturen, sich dem Blick darbietende und sich entziehende Gefäße zu erfassen. Nimmt es sich diese Zeit nicht, entgeht ihm alles.

Edmund de Waals Beruf beinhaltet den Wunsch nach Wissen und er nutzt dafür keine Computer, sondern er verbringt viel Zeit in Archiven, er schreibt und er reist. Seine Bücher sind sehr persönlich, er erzählt sich seine Geschichte und teilt sie und seine immense Bildung mit dem Leser. Sein erstes Buch, „Der Hase mit den Bernsteinaugen„, erzählt seine Familiengeschichte und deren Stationen in Paris, Odessa, Wien, Japan und England anhand einer Sammlung von 264 Netsukes, japanische Miniaturschnitzereien, es ist gleichzeitig eine Geschichte über die Zeit, über Sammeln, Bewahren, Zusammenhalt und über Verlust, Zerstörung und Verfolgung.

„Die weiße Straße“ rückt noch näher an ihn heran, denn er geht seiner Berufung auf den Grund. Das Buch ist alles andere als lieblich, es ist schonungslos. Edmund de Waal würdigt neben der Schönheit von Porzellan auch die ungeheuren Mühen seiner Fertigung und das programmatische Scheitern daran, er nimmt seine Leser mit nach China ins 16. und 21. Jahrhundert, nach Delft, Faenza, Versailles vor der französischen Revolution, nach Dresden, Stoke on Trent, North-Carolina im 18. Jahrhundert, nach Dachau im 20. Jahrhundert, er macht sie mit Walther von Tschirnhaus bekannt und trifft Hubert Melville und Paul Celan.


 

Ich habe noch nie einen Vortrag gehört, in dem das Wort ‚extraordinary‘ so häufig und so sehr zu recht vorkommt. Der Mann ist mir zu allem anderen auch noch sehr sympathisch, er hat einen wunderschönen Humor und ein mitreißendes Anliegen.


 

Wenn Sie jetzt immer noch nicht genug haben, sehen Sie ihm beim Arbeiten zu: what do artists do all day?

 


Fotos (beschnitten): Black Milk (2015), Mike Bruce, Courtesy Gagosian Gallery, Wikimedia Commons

the lost and the found (2015), Ben McKee, Wikimedia Commons

in C (2015), part of Lettres des Londres at the Espace Muraille, Geneva, Screenshot auf Edmund de Waals Website

canzoni (2016) from April 2017 at Artipelag, Stockholm, Screenshot auf Edmund de Waals Website

Teapot (1997) Edmund de Waal, Wikimedia Commons


 

 


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8 Gedanken zu „Make Pots or die

  1. Meine Tasse nach der Lektüre mit anderen Augen zu sehen, ist ein avanciertes Versprechen. Leider dauert lesen so lange.

    Materialien finde ich immer interessant, von Porzellan habe ich allerdings in der Tat keine Ahnung. Spontan fällt mir ein, dass es mich schon immer erstaunte, wenn es zerbricht und innen so matt ist, also nicht glänzend wie außen. Wobei der Glanz außen vermutlich Lack ist. Und ich weiß nicht einmal, ob es nicht lackiertes bzw. nicht glänzendes Porzellan gibt.

    • Deswegen habe ich ja Filme verlinkt…;-)…
      Der Glanz außen ist nicht Lack, sondern glänzende Glasur (von Glas) und wenn es Porzellan ist, müßte die Bruchkante des Scherbens auch ein bißchen glänzen. Bei Porzellan könnte man die Glasur auch weglassen, Porzellan ist dicht. Nackiges, gut geschliffenes Porzellan hat eine Oberfläche wie Muschi innen, sehr geil.

    • Ich lasse eher das Buch stehen und liegen, 450 Seiten lese ich sonst locker an einem Tag.
      An diesem Buch erfreue ich mich schon seit Wochen und habe noch mindestens eine vor mir – freut mich sehr, wenn meine Begeisterung ansteckend wirkt…;-)…

  2. Kaum zu glauben, aber wahr: Einen Tag, nachdem ich diesen Kommentar hier geschrieben habe, ist mir eine schöne Porzellantasse (Arzberg) runtergefallen und zerdeppert. Ich glaube, das ist mir zum ersten Mal im Leben passiert. Ich glaube nun nicht mehr an Zufälle, sondern an GOtt.

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