Sugar Man

Wahres TV-Gold: Searching for Sugar Man (noch bis zum 23.3.17 bei arte+7 oder hier)

Das ist eine der schönsten Musik-Dokumentationen, die ich kenne. Malik Bendjelloul bekam 2013 sehr verdient einen Oscar dafür, nachdem ihm während der Arbeit am Film so das Geld ausgegangen war, daß er Teile des Films mit dem iPhone fertigstellen mußte. Es geht um (Sixto Diaz) Rodriguez, der in den 1970ern in den USA zwei großartige, aber völlig unerfolgreiche Platten herausbrachte, danach seine Musikerkarriere an den Nagel hing und Gelegenheitsjobs nachging, um seine Familie ernähren zu können.

Südafrika wurde damals von Musikern boykottiert und war völlig isoliert, das meiste seiner Musik stand auf dem südafrikanischen Index. Das Abspielen der indizierten Stücke im Radio wurde verhindert, indem man seine Platten zerkratzte. Rodriguez‘ Musik verbreitete sich unter jungen weißen Südafrikanern via raubkopierten Kassetten und schwarzgepressten Platten wie verrückt, sie entsprach dem Lebensgefühl und trug zum weißen Widerstand gegen die Apartheid bei. Der Mann war in Südafrika wie Bob Dylan, Cat Stevens, die Stones und Jimi Hendrix, nur beliebter. Einer seiner Fans hieß Steve Biko.

Es verbreiten sich moderne Mythen: Rodriguez habe alle seine Stücke im Gefängnis geschrieben, sei drogensüchtig und er habe Suizid auf offener Bühne verübt. Man hält ihn für tot, was der Begeisterung für seine Musik in Südafrika keinen Abbruch tut, seine Platten werden nach Ende der Apartheid neu aufgelegt. Über Rodriguez Person und Verbleib weiß man: nichts. Der Eigner von Rodriguez ursprünglicher Plattenfirma verschweigt ihm seinen Erfolg in Südafrika und schiebt wahrscheinlich die Tantiemen in die eigene Tasche.

Der südafrikanische Musikjournalist Stephen Segerman und der Plattenhändler Craig Bartholomew-Strydom setzen 1997 die Website The Great Rodriguez Hunt auf und lassen einen Aufruf auf Milchpackungen drucken, um irgendetwas über ihn zu erfahren. Mehr verrate ich nicht, nur soviel: es ist umwerfend!


 

Auch Hans-Ulrich Pönack kann sich kaum halten vor lauter Begeisterung:

Heutzutage käme es dazu nicht. Dass ein talentierter Musiker/Sänger „einfach so“ nicht wahrgenommen wird. Werden kann. Das Internet würde dafür sorgen, dass um ihn „mächtig Dampf“ gemacht wird. Damals gab es „das Netz“ noch nicht. Damals, Anfang der 70er Jahre. In Detroit. Wo in einem der schmuddeligen Hinterhöfe dieser zerfallenden Arbeiter- und Industriestadt ein mexikanisch-amerikanischer Sänger auftritt. In Kaschemmen singt. Zwei namhafte Produzenten stoßen auf ihn – und sind begeistert. Seine Lyrik ist so gut, dass sie jedem Vergleich mit Bob Dylan standhält. Die Produzenten haben mit Größen des Musikbusiness wie Marvin Gaye, Steve Wonder, The Temptations, The Surpremes, Gladys Knight oder Ringo Starr zusammengearbeitet. Können sich auf ihr Gehör und ihren Instinkt verlassen. Doch diesmal täuschen sie sich. Die Rodriguez-LP „COLD FACT“ floppt 1970. Total. Wie auch das zweite Album ein Jahr darauf, produziert von Steve Rowland. DER hat immerhin mit Jerry Lee Lewis, The Cure, Peter Frampton oder Gloria Gaynor zusammengearbeitet. Und glaubt an diesen Rodriguez. Ist sich ebenfalls sicher, dass er „durchstarten“ wird. Dieser „Stadtpoet, der mit Gedichten und Musik ausdrückt, was er sah. Es war der ungeschminkte Blick auf das, was sich ihm in Detroit bot“. Doch wieder, auch die zweite LP – „Coming to Reality“ – wird ein finanzielles Desaster.

Was für ein Kraftfeld, was für ein Kraftmagnet von tollem, inspirierendem, detektivischem Porträt-Kino! Mit urigem „Thriller“-Geschmack. Und einer stimmungsvollen Entdeckungs- / Entdeckermusikalität. Um die Persönlichkeit und den nun „dazugehörigen“ Künstler = RODRIGUEZ. Mit seiner populären Musik.

MALIK BENDJELLOUL fungiert in seinem überragenden Debütlangfilm als Regisseur, Produzent, Kameramann und Cutter. Sein Werk setzt sich aus spannenden Interviews, mitreißenden Songausschnitten, Fotos, privaten Filmaufnahmen und Konzertausschnitten von Sixto Rodriguez, animierten Szenen und Archivmaterialien atmosphärisch brillant zusammen. Als authentisches, wahrhaftiges, SEHR unterhaltsames Real-Märchen.


 

Rodriguez Platten aus den 70ern (beim ersten Video kann man die Texte mitlesen):


 

Ich bilde mir fest ein, daß ich seine Stücke schon kannte, when i was a young hippie, in den späten 70ern, frühen 80ern in Bayern…

Sugar man, won’t you hurry
‚Cos I’m tired of these scenes
For a blue coin won’t you bring back
All those colors to my dreams.

Silver magic ships you carry
Jumpers, coke, sweet Mary Jane

Sugar man met a false friend
On a lonely dusty road
Lost my heart when I found it
It had turned to dead black coal.

Silver magic ships you carry
Jumpers, coke, sweet Mary Jane

Sugar man you’re the answer
That makes my questions disappear
Sugar man ‚cos I’m weary
Of those double games l hear


Foto (beschnitten): Screenshot bei sugarman.org, die Nachfolgeseite von The Great Rodriguez Hunt


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3 Gedanken zu „Sugar Man

  1. Schließe mich an, verrückte wahre Geschichte und als Film sehr gut verarbeitet.
    Der war auch in Australien, Neuseeland einigermaßen bekannt, aber im eigenen Land wurde der wirklich vergessen.
    Da gibts auch ne Doku (war auf/von arte) über Jazzkultur in Südafrika in der Mitte des 20.Jh., so wie dann mit der Apartheid alles untergeht. Name ist mir leider entfallen.

  2. In der Tat: schöner Film, gute Musik. Durfte damals die Filmpremiere in Zürich îm Beisein von Malik Bendjelloul gucken.

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