Mondstein

mondsteine

Sie kam als junge Witwe mit Tochter in die Familie, als schnell geheirateter Ersatz für die Mutter meiner Mutter, die kurz nach ihrer Geburt an Kindbettfieber gestorben war und eine Landwirtschaft ohne Frau und mit zwei kleinen Kindern, das ging nicht. Mein freiender Großvater war der jüngste Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, er war ein Trinker und Spieler und seiner Familie so peinlich, daß er, mit einem kleinen Hof und ein bißchen Land abgefunden, aus der Familie und dem ostwestfälischen Kurstädtchen ins Dorf ausgebürgert wurde. Ich wüßte gern mehr über ihn, ich mochte ihn als Kind sehr. Aber über die Familiengeschichte wacht geizig und eifersüchtig meine Mutter.

Als kleines Mädchen durfte ich mit ihm abends im Sommer am Straßenrand das Futter für die Stallhasen schneiden und er fuhr mich, auf unserer Ausbeute in der Schubkarre thronend, durchs Dorf spazieren. Sichel und Sense wurden dauernd gedengelt und ich habe noch heute das Geräusch im Ohr. Für meine Mutter muß er ein Alptraum auf zwei Beinen gewesen sein, sie holte ihn betrunken aus der Kneipe und schämte sich für sich, für die Familie und für ihn. Er schlug sie, auch die Tanten und die Onkel und, vor allem, meine Großmutter. Als ich 5 war, fand man seine Kleidung säuberlich zusammengefaltet am Ufer des Flüsschens, er war kurz vor dem Wehr ins Wasser gegangen.

Meine Großmutter beschloß, nie wieder zu heiraten. Ihr erster Mann starb noch während der Schwangerschaft mit ihrer Tochter und ihr zweiter Mann war ihr mehr Last als Lust gewesen. Zwischen ihren Ehen hatte sie in der Zigarrenfabrik gearbeitet, um ihre Tochter und sich zu ernähren, sie stand immer ihre Frau. Meinem Großvater war sie viel zu stark, er versuchte, sie devot zu prügeln. Von ihm gezeugt hatte sie noch drei Kinder geboren – macht mit ihrer Tochter, meiner Mutter und ihrem nur wenig älteren Bruder sechs, der sprichwörtliche Stall voll Kinder. Während er in Rußland im Krieg und lange in Kriegsgefangenschaft war, baute sie eine Meierei auf, um ihre Kinder und sich zu ernähren und die kleine Landwirtschaft nicht verkaufen zu müssen. Nach seiner Rückkehr vertrank er die Meierei und einen großen Teil des Landes in Rekordzeit.

Er hat niemals über den Krieg und die Gefangenschaft gesprochen.


 

Wenn sie im Kurstädtchen einen dunkelhäutigen Mann auch nur in der Ferne auf der Straße sah, erstarrte sie zur Salzsäule. In ihrem Haus waren nach Kriegsende GIs stationiert und ein schwarzer Soldat versuchte, sie zu vergewaltigen. Sie konnte mit einem Säugling auf dem Arm, meinem jüngsten Onkel, über das frisch gepflügte Feld zu Nachbarn flüchten, er schoß mit der Pistole hinter ihr her.

Sie schnitt Brot mit einem furchterregend großen und scharfen Messer. Sie klemmte sich den frischen Laib vor die Brust und säbelte im Stehen, in Richtung ihres beträchtlichen Busens, gleichmäßig dünne Scheiben herunter. Sie schnibbelte auch Gemüse mit rasiermesserscharfen Knippchen gegen ihren Daumen. Mir ein Rätsel, wie sie sich dabei nie verletzte.

Sie war die Königin der Einmachgläser. In ihrem Keller gab es endlose Regalmeter voller Köstlichkeiten: eingekochte Sauer- und Herzkirschen (es gab Spaliersauerkirschen am Haus und einen riesigen Kirschbaum über dem Hühnerhof, im Sommer voller Kinder), Stachelbeer-, Pflaumen-, Apfel-, Rhabarber-Kompott, schwarze und rote Johannisbeermarmelade, Senf- und Gewürzgurken, eingelegter Kürbis (den ich wegen seiner Schlabbrigkeit und faden Süße verabscheute), Stippgrütze, Sülze, Leber- und Blutwurst. Im Winter wurden die Schweine in der Waschküche geschlachtet. Ich war vielleicht drei, als ich Stadtkind stolz das Blut für die Blutwurst rühren durfte, damit es nicht gerann. Wie das Dengelgeräusch im Ohr habe ich die eigenartige Mischung von Seifenpulver, Feuchtigkeit, Blut und Majoran aus dieser Waschküche in der Nase und mochte das viel lieber als den säuerlichen Geruch des Schweinefutters, das aus Tischabfällen und Kartoffeln gekocht wurde.

Wenn sie mich abends ins Bett brachte (lange Zeit ins Ehebett, der Großvater mußte auf die Couch), war ihr letzter Satz vor dem Lichtausmachen immer ‚Schlaf gut und träume süß, von eingemachten Kellertreppen‚ und ich liebte die Vorstellung, daß wohl irgendwo hinten in ihren Regalen ein Einmachglas stehen wird, in dem in dunkelrotem Saft eine kleine Kellertreppe konserviert ist.

Sie war auch Königin aller weiblichen Handarbeiten. Das Geräusch, das ich mit ihr verbinde, ist das leise Klingeln des Nadelspiels beim Sockenstricken, das sich von innen aufrollende Knäuel immer in der Tasche ihrer Kittelschürze. Ihre gehäkelte Spitze schmückte endlose Meter Tischdecke und säumte feine Taschentücher, in die sie nicht nur das jeweilige Monogramm, sondern manchmal auch kleine Bilder im Plattstich stickte, meins war der Marienkäfer. Weil ihr die hübschen Kartoffelkäfer, die ich mit Leidenschaft aus (ganz früher dem Kartoffelacker, später) dem Kartoffelbeet sammelte, als Ungeziefer galten. Die von ihr gestrickten Pullover trugen lange ihren Geruch nach Heu, Brennholz, einer Spur Essen und nach ihr selbst, zum Heulen tröstlich und schön.

Meine Großmutter war streng, sie wußte sehr genau, was richtig und was falsch ist. Als sie mich bei einer dummen überflüssigen Lüge erwischte, hielt sie mir eine Gardinenpredigt erster Ordnung über den Unterschied zwischen Phantasie und Lüge und über die Unmöglichkeit, Lügnern vertrauen zu können. Ich habe sie nie wieder angelogen. Sie hatte einen sehr empfindlichen Gerechtigkeitssinn und niemand hat mich je wieder so zuverlässig zum Lachen und zu haltlosem Gekicher bringen können wie sie.

Sie war zornig auf meine Mutter, als die absichtsvoll die Figur der Stiefmutter (böse) im Märchen zu betonen begann. Denn zwischen meine Großmutter und mich passte kein Blatt Papier. Wahrscheinlich hat sie jedem ihrer Enkelkinder das exklusive Gefühl des Geliebtseins gegeben. 9 Enkel und 5 Enkelinnen, beim Zählen der Urenkel komme ich durcheinander. Denn die Familie hatte nach ihrem Tod kaum noch Kontakt. Ich bin nie wieder ins Dorf gefahren, außer einmal und das war furchtbar, ohne sie.


 

Sie trauerte lange um ihre jüngste Tochter, die in ihren 30ern elend an Krebs starb, während sich ihr Mann schon mit einer neuen Frau tröstete. Den Tod ihrer nächstälteren Tochter hat sie nicht mehr erlebt. Die war ohnehin weit weg in der Schweiz, später in Portugal, sie hatte chronische Migräne, wurde von ihrem Mann unter Drogen gesetzt und am Ende eingesperrt. Als man sie endlich ins Krankenhaus brachte, war es längst zu spät, Multiorganversagen.

Ich wurde nach meiner Großmutter benannt, sie war eine meiner vier Patinnen und hat, anders als die anderen, ihre Aufgabe menschlicher Begleitung ernst genommen und zu erfüllen versucht. Keine Ahnung, wie ich ohne sie meine Kindheit überlebt hätte, Ferien bei ihr ruckelten die Welt wieder zurecht. Sie starb friedlich in ihrem Wohnzimmer, als ich 25 war.

Es waren noch zwei Mondsteine darin, als sie mir ihren Ring gab, das Verlobungsgeschenk ihres ersten Mannes. Eine der drei kleinen Halbkugeln war schon herausgefallen und verloren gegangen. Der rotgoldene Ring war an der schmalsten Stelle gebrochen, weil er dort von sechs Jahrzehnten harter Arbeit papierdünn geschliffen war, die Mondsteine waren von der ganzen Schufterei mattiert und von einer Härte, Weichheit und Glätte wie poliertes Biskuitporzellan.

Einen der beiden Steine ließ ich einige Jahre nach ihrem Tod in einen kargen silbernen Janus-Ring fassen, dem Mondstein an der Außenseite der Ringschiene gegenüberliegend ein ebenso halbrunder Taubenblut-Rubin, beide Steine gefasst in Feingold. Mondstein für die Stärke der weiblichen Psyche, Rubin für Würde und Tapferkeit, ein Ring für verschiedene Aggregatzustände. Nur gut, daß ich noch ihren letzten Mondstein hatte, als ich in den 90ern von einer Performance von Blanca Li so hingerissen war, daß ich vergaß, zum Beifallklatschen die Ringe von beiden Händen zu streifen und den Mondstein mit meinem Applaus für weibliche Stärke und Würde geradezu pulverisierte (den reparierten Ring mit dem verbliebenen Mondstein meiner Großmutter hüte ich wie meinen Augapfel)


 

Sie ist seit fast 30 Jahren tot und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht mit Liebe und Dankbarkeit an sie denke.


Foto (beschnitten): Didier Descouens, Wikimedia Commons. Danke an Ulli für den Stups. Zu den Mondsteinen passt Drei Teile Gold, Text Antek Krönung, Musik Tim Isfort Orchester, Sprecher Christian Brückner – scusi, das Video ist so schlimm, wie Text, Stimme und Musik wundervoll sind, nur anhören, ja?


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39 Gedanken zu „Mondstein

    • Das träfe eher auf meine Mutter als auf meinen Großvater zu. Der muß nach Krieg und Gefangenschaft verstummt sein – soviel ich weiß, hat er nicht gelesen, wenig geredet, geschweige denn, erzählt. Bei ihr hat der Geiz mit der Familiengeschichte andere Gründe. Je weniger sie davon preisgibt, desto weniger läuft sie Gefahr, daß ihr ihre Lebenslügen auf die Füße fallen. Zum Beispiel ist sie mit der bildungsbürgerlichen und wohlhabenden Kaufmannsfamilie im ostwestfälischen Kurstädtchen viel verwandter als mit ihrem Vater, ihrer Stiefmutter und ihren Geschwistern.
      Meine Großmutter hat gern gelesen, sah es aber als frevlerischen Luxus an, die Hände still zu halten (die hätte man mit Hörbüchern glücklich machen können, sie hat gern beim Arbeiten und beim Stricken Lesungen im Radio gehört), aber geredet und erzählt und ich komme nach ihr…;-)…

      • Vielleicht sind die Großväter auch verstummt, weil ihnen keiner zuhören wollte. Ich habe den Verdacht, das beredte Verschweigen der höheren Töchter hat System. Ich vermute sogar, es ist wesentlicher Bestandteil des Aufstiegs des bundesdeutschen Bürgertums. Sozusagen Sonnenuhrschamanismus.

        • Am Nichtzuhören ist ganz sicher was dran, ich bezweifele aber, daß das wirklich gewollt war und vermute zwei Dinge: zum einen muß mein Großvater Furchtbares erlebt und wahrscheinlich auch getan haben. Traumata gibts bei Tätern ebenso wie bei Opfern (die Grenze zwischen beiden Rollen ist sowieso schwimmend) und es ist eine Binse, daß Traumatisierungen verstummen lassen. Den heftigen Alkoholismus meines Großvaters kann ich mir als untauglichen Versuch einer Selbstmedikation vorstellen.

          Zum anderen glaube ich, daß nach dem Krieg ganz generell jede Menge inkompatible Erwartungen aufeinandertrafen. Die der in jeder Hinsicht verwundeten Männer, sich am Busen von Frau und Familie ausruhen, erholen und gesunden zu können und die der überanstrengten Frauen, weniger arbeiten und weniger Alleinverantwortung tragen zu müssen. Und beide haben wahrscheinlich voneinander erwartet, den jeweils anderen unverändert vorzufinden.

          Sonnenuhrschamanismus (wasn schönes Wort!) sehe ich in der Tat bei meiner Mutter – ein wichtiger Grund für sie, meinen angehenden-Akademiker-Vater zu heiraten, war ganz sicher, daß er ihr als Garant für ihre soziale und wirtschaftliche Annäherung (oder sogar Überflügelung) an die bildungsbürgerliche Kaufmannsfamilie diente. Und sie hatte die in der Rückschau leicht surreal anmutende Idee, sich selbst in ihren Töchtern noch einmal gebären zu können und sich mit vor allem mir als ihrer Stellvertreterin endlich alles das geben/nehmen zu können, was sie in ihrer Kindheit vermisst hat. Was für alle Beteiligten schmerzhaft in die Hose ging.

          Meine Mutter hätte aber immer wieder jede und alle Möglichkeiten gehabt, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, was in der Generation meiner Großeltern noch gar keine Option war, da mit dem Stigma des amtlichen Verrücktseins verbunden. Sie hat das auch immer mal wieder getan, wenn ihr Leidensdruck – Schmerzen, Schlaflosigkeit, Erschöpfungsdepressionen – zu groß wurde und jedes Mal erneut pünktlich abgebrochen, bevor es interessant geworden und in die mühsame schmerzhafte Arbeit einer Psychotherapie ausgeartet wäre. Ihr erscheint es einfacher, ihre Lebenslügen aufrecht zu erhalten.

  1. Ich danke Ihnen für den Mondstein, fürs Erzählen Ihrer Geschichte, die sich in so viele Geschichten einreiht, die ich damals, als das Memorandum entstand zugesandt bekommen habe, und doch steht jede dieser Geschichten für sich. Ein Buch würden sie alle würdigen und ein Spiegel sein für gefallene Männer und starke Frauen.
    Herzliche Grüsse
    Ulli

  2. Wunderbar erzählt. Ich bin auch so ein Großmutterkind gewesen, nur dass ich nicht halb soviel über sie erzählen könnte, und nicht halb so schön. Dieser Text ist Gedenken und Liebeserklärung zugleich.

    • Ich bin außerdem eine Vatertochter, trotz der ganzen Gewalt und habe die Idee, daß es gar nicht meine vorgeblich perfekte Mutter war, die ‚good enough‚ war, sondern meine Großmutter (wobei ich mich erst spät unangepasst verhalten habe, ich bin fassungslos, wie brav ich als Kind war).

      Die Eltern meines Vaters hätten atmosphärisch viel besser als Eltern meiner Mutter gepasst und meine Großmutter besser zu meinem Vater – ich habe als kleines Mädchen angestrengt darüber nachgegrübelt, ob nicht nur ich in der falschen Familie gelandet bin, sondern ob auch schon meine Eltern irgendwie vertauscht wurden. Es gibt so viele Muster, merkwürdige Symmetrien, Janusköpfigkeiten und so irre viel Gewalt und Leid in diesen drei Generationen meiner Familie und der Tolstoi hat einfach recht:

      Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.

      • Es ist ja gerade das Unglück, oder das Leid, dass einen mit der Familie auf eine beinahe unauflösbare Weise verbindet. Bei uns war es ähnlich, wenn natürlich auch ganz anders.

          • Ja, das kenne ich auch gut, weswegen ich den Kontakt auch nicht mehr komplett kappe, weil sowieso sinnlos. Beinahe bin ich neugierig, was mit dem Fleck auf der Wand passiert, wenn meine Eltern tot sind, was allein schon wegen ihres Alters in immer greifbarere Nähe rückt – ich würde mich so gern liebevoll an sie erinnern können.
            Ich meinte aber außerdem noch was anderes – z.B. kann ich mir vorstellen, daß sich die Erkenntnis (die mir erst beim Schreiben so richtig bewußt wurde), daß mich meine Großmutter gerettet hat, entlastend auf die komplizierte Verbindung zu meiner Mutter auswirken könnte. Außerdem bin ich fleißig mit Auflösen und Neuverknüpfen beschäftigt, was meine eigene arme Seele angeht und konnte immerhin durch den Umstand, keine eigene Familie gegründet zu haben, die Gewaltweitergabe beenden, die sich durch die Generationen zieht. Und natürlich finde ich es gaga, völlig falsch eingerichtet, daß ausgerechnet Unglück so verbindet und nicht positive Erlebnisse. Ich bin nicht sicher, daß das so sein muß, so als erschütterliche Optimistin.

  3. Danke für dieses detailreiches Familienporträt mit dem Fokus auf der Großmutter, die für Sie eine wichtige Bezugsperson war. Aber auch vor mir als Außenstehender entsteht das Bild einer bemerkenswerten Frau. Ich finde gut und wichtig, solche Erinnerungen aufzuschreiben. Es sind kleine Gedenksteine für die Altvorderen.

  4. Eine sehr schöne Liebeserklärung, diese persönlich geschriebenen Blogs mag ich sehr. Und bin mal wieder überrascht, welche Ähnlichkeiten zwischen unseren Familiengeschichten sich da auftun, eine angeheiratete Oma, weil die echte Oma starb, eine Lieblingsoma (gut, die hat fast jede/r), und Ostwestfalen. Ein Ring spielt auch eine Rolle, mit der Lippischen Rose. Leider ist er mir mittlerweile zu klein, ein Kinderring, immer getragen, einmal schon in der Jugend geweitet, nochmal wird schwierig. Und meine Mutter war auch immer geizig mit Informationen, weil so vieles peinlich schien, die unverheiratete Oma mit 2 Kindern, wer war der Opa („das weiß ich nicht“). Mittlerweile darf ich den Namen wissen, für alt genug befunden, höhö. Soll ich aber ja nicht weitersagen, darf sonst keiner wissen… Je nun, warum denn nicht. Unabhängig davon interessiert es eh niemanden außer uns.

    Zu meiner Lieblingsoma mütterlicherseits und deren Mutter gibt es eine schöne Geschichte, die mir als wohlfeile Ausrede fürs Rauchen dient: Seit Generationen rauchten in dieser Familie die Frauen, was meine Uroma angeblich die Ehe kostete, weil der tyrannische Gatte es nicht dulden wollte, sie sich aber – statt für ihn – für die Zigaretten entschied. Und wenn meine Oma zu Besuch war, schlüpfte ich immer nachts heimlich in ihr Zimmer, sie zündete sich eine Zigarette an und schwatzte mit mir, während alle anderen schliefen. Meine Mutter rauchte wiederum heimlich (dachte sie, alle wussten es), in der Küche den Aschenbecher hinter der Brotschneidemaschine versteckt.

    Grüßle, Diander

    • Uneheliche Kinder, als ‚damaged goods‘ gebrandmarkte Frauen, überstürzt eingegangene, unglückliche Ehen, illegale Abtreibungen unter üblen Bedingungen, kurz: Schande galore gab es bei allen Schwestern meiner Mutter. Die mir wiederum – wir schreiben die späten 1970er Jahre – dringend nahelegte, mich für die Ehe und den Einen aufzusparen und mit spürbarem Stolz von ihren acht (8) Jahren Verlobungszeit berichtete, ohne, daß es währenddessen zum Äußersten gekommen war. Es kam dann allerdings zur Ehe außerhalb ihres Masterplans (bevor mein Vater fertig promoviert hatte und Geld verdiente) weil eine lebenslustige sympathische Elisabeth an seinem Horizont aufgetaucht war. Mein Vater guckt bis heute verträumt und meiner Mutter friert das Gesicht ein, wenn dieser Name fällt, ayayay.

      Das sind alles Gründe, warum ich mich für das Frauenrecht auf straffreie Abtreibung notfalls auch dauerhaft wo anketten würde. Jungfräulichkeitswahn, Verlegung der Ehre von Frauen und Familien zwischen Frauen-Beine sind keineswegs ein nur konservativ-muslimisches Drama, es ist auch ganz authochton noch zum Greifen nah.

      Meine Großmutter hat nie wirklich geraucht, es schmeckte ihr nicht und sie hielt auch das Rauchen für frevlerischen Luxus – sie mochte aber den Geruch von Zigarrettenrauch sehr gern. Während sie Zigarrenrauch kaum ertrug, was einer der Gründe für ihre Antipathien gegen meinen Großvater väterlicherseits war, der früher immer und überall Zigarre rauchte. Meine Mutter schloß sich der frevlerischen-Luxus-Idee ganz und gar an und es gab in den 90ern mal eine lustige Situation, als sie erfuhr, daß sie die einzige in ihrer Familie ist, die nicht raucht – meine Schwester verheimlichte das, nur vor ihr. Inzwischen rauchen nur noch mein Bruder (heimlich, gelegentlich, mit schlechtem Gewissen) und ich.

      Mir hat ja neulich eine Internetbekanntschaft einen wunderwunderschönen Pullover gestrickt, obwohl sie mich gar nicht persönlich kennt und auch das Telefonieren mit ihr nicht ganz einfach ist, weil sie nur im Getöse der Dunstabzugshaube raucht. Können Sie sich vorstellen, was mir dieser Pullover bedeutet – auch, weil er mich so an die Großmutterpullover erinnert?
      Grüße…;-)…

      • Spannenderweise war die Frage der Unehelichkeit in unserer Familie kein iiibääähbäääh-Thema, sondern eher der abwesende Vater. Aber das ist vermutlich auch der Zeit geschuldet, meine Mutter ist Jahrgang 1941, da waren abwesende Väter keine Seltenheit und die Unehelichkeit wurde elegant kaschiert.

        …auch, weil er mich so an die Großmutterpullover erinnert…
        Ääääh, Stricken ist ja heute wieder so trendy, dass Ihre Internetbekanntschaft bestümpt eine voll hippe Person ist …;)…

  5. ich habe ihre hommage an die gestrenge und eigenwillige, mutige und sanfte großmutter mit so viel genuß gelesen! und ich habe etwas gelernt…. was ich immer heimlich wusste…. ich bin ein großelternkind. auch meine großväter waren verstummt, während die damen munter plapperten und statt mondstein schenkten sie mir einen klitzekleinen goldring in form einer schlange, die als auge einen rubin hat. heute trage ich ihn am kleinen finger und frage mich oft, wo ich ohne großmütter und großväter wäre.
    ins ostwestfälische habe ich erst vor einem jahrzehnt eingeheiratet und seinen strengen protestantismus fürchten gelernt. glücklicherweise bin ich dort weg, auch wenn meine beste freundin dort wohnt und ich mich so sehr nach ihr und dem teuto sehne.
    aber das alles wollte ich gar nicht sagen…. sondern nur: merci für diesen herzwarmen text.

    • Jajaja! Der gestrenge Protestantismus mit mindestens meinHaus und meinAuto und mit ‚Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen‘ wird vor allem in Ostwestfalen und in Schwaben hochgehalten. Wo man nur dann gottgefällig und achtbar ist, wenn der Kontostand im tiefschwarzen Bereich ist, wo jeder immer selbst seines Glückes Schmied zu sein hat, andernfalls die Schuld trägt, hmnuja, die sowieso. Dagegen kann man fast den süddeutschen und den rheinischen Katholizismus loben, in dem man die Erbsünde mit der Taufe und andere Sünden mit der Beichte wieder loswird und das gute Leben Vorrang haben darf.

      Bei mir mag es an einer schlimmen Überdosis Hermannsdenkmal und Externsteine in Begleitung meines Großvaters väterlicherseits liegen (der als Reichsbahner französische Resistance in deutsche KZs deportieren half), aber mir kommt keine Gegend so schlimmdeutsch vor. Obwohl ich die Landschaft mag und mich schon irgendwie zuhause fühle, halte ich es dort kaum aus.

      Apropos geschenkter Schmuck und auch @Diander: Bettelarmband, anyone?

      Danke an @alle für das überaus freundliche Feedback, das freut mich sehr!

      • Bettelarmband, anyone?
        …türlich. Das Armband selber existiert nicht mehr, aber die Anhänger liegen immer noch fein säuberlich verwahrt in einem Schächtelchen. Kleine, silberne und dann emaillierte Tierchen, ein Hahn, eine Katze, ein Pfau, ein Zebra… Und ein Herzchen mit Saphir, plus einem Sternzeichenanhänger.

        …einer schlimmen Überdosis Hermannsdenkmal und Externsteine
        Dem Hermannsdenkmal verdanke ich – küchentischpsychologische Eigendiagnose – meine amtliche Höhenangst. Wir sind da in der Kindheit, zu Besuch bei der Mischpoke, in der Abenddämmerung immer wieder kollektiv zum Abendspaziergang hin. Ich erinnere mich, dass wir mal oben auf dem oberen Balkon standen, ich nach oben schaute und genau über mir der große Zeh vom Hermann über die Kante rausragte. Der wollte mich treten, *ichschwör*. Seitdem kann ich nicht einmal mehr eine Trittleiter benutzen und nach oben blicken, ohne Magenkribbeln zu verspüren .

      • „Hermann der Cheruskerfürst handelt mit de Leberwürscht“ – ein Spruch von meinem Großvater mütterlicherseits. Ich habe ihn nicht kennengelernt, weil er in dem Jahr in dem ich geboren wurde an Krebs gestorben ist.

  6. Pingback: don´t give up | kreuzberg süd-ost

  7. Ich bin über einen empfehlenden Umweg hierher zu Ihnen gekommen. Der erste hook war die Ankündigung, andere Menschen zu siezen. Das machte mich neugierig.

    Ihr Text mit den zahlreichen fein nuancierten Details aus einem Familienleben faszinierte mich. Fast fällt es mir beim Lesen schwer zu unterscheiden zwischen der Beeindruckung durch Ihre Schilderung und dem Aufquellen der Erinnerungen an die eigene Familiengeschichte.
    Vielen Dank dafür.

    Morgengruss aus dem blauhimmlischen Bembelland,
    Herr Ärmel

    • Willkommen, Herr Ärmel! Nie hätte ich gedacht, daß mein Siez-Tick neugierig macht – weit vertrauter sind mir Vorwürfe der Regelverletzung, daß im www geduzt wird. Freut mich, Grüße zurück aus dem noch sehr hübsch nebligen Berlin.

      • Da das Internet gerne als grenzenlos angesehen wird, färbt das meiner Erfahrunf nach häufig auch auf die Distanzlosigkeit vieler Nutzer ab. Aus diesem Grund sieze ich fast alle Menschen im Internet. Das mag sich ändern, wenn ich einen Menschen aus der virtuellen Welt später persönlich kennenlernen darf.
        Grauhimmelgruss aus dem Bembelland,
        Herr Ärmel

        • off topic: das halte ich anders, ich sieze im www jede/n, darunter auch langjährige Freunde. Der Hintergrund ist allerdings ähnlich wie bei Ihnen, nämlich gefühlter Schutz vor Übergriffigkeit. Außerdem kann ich per Sie besser schwurbeln und drechseln…;-)…

          • Der Unterschied ist marginal. Da ich selbst auch den grösseren Teil der mir persönlich bekannten Menschen im Internet sieze ;-)

  8. Danke für die Geschichte.
    Wie sehr wir doch Teil derjenigen sind, die vor uns waren.
    Einen Mondsteinring habe ich auch. Es ist der Ehering meiner Großmutter, dem eine Tante später den Stein verpasst hat.

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