„Greetings from the Pit“

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So beendete Abghoul fast jeden seiner schönen Kommentare, der fröhliche Nekromant im Grubenturm. Gestern schrieb mir sein bester Freund, daß er letzte Woche gestorben ist.

Noch nie war ich so traurig, vom Tod eines Menschen zu erfahren, dem ich – außer im Internet – nie begegnet bin.

Über sein Leben weiß ich so gut wie nichts. Nur, daß es schwer und kräftezehrend gewesen sein muß und daß er Musik liebte.

Was ich aber sicher weiß: Abghoul war ein guter Mensch, ein Glück für seine Mitmenschen, für das Diesseits.

Genau heute vor 5 Jahren meldete er sich beim Freitag an. Kein einziges Mal, niemals, nirgendwo habe ich etwas von ihm gelesen, das nicht freundlich und klug gewesen wäre.

Ganz zu Beginn schrieb er beim Freitag:

Ich rate …, sich bewusst auf die hässlichen Dinge in der eigenen Umwelt zu konzentrieren und versuchen den Leuten und Dingen zu helfen, sowas kann die Seele auch reinigen. … Ich … bevorzuge einen Weg in die Geistigkeit mit durchaus bitterem Beigeschmack, möglicherweise einfach eine Geschmacksfrage.

Er war immer mal wieder für längere Zeit aus der Blogosphäre verschwunden, das letzte Mal von März bis kurz vor Weihnachten. Und ich freute mich so, als er wieder hier und beim Freitag auftauchte.

Anfang Januar schrieb er:

Wer bin ich, dem Universum aufzuerlegen das es sich sachlich zuverhalten habe.

Ja, Universum. Abghouls Tod vor der Zeit, das war wirklich unsachlich.


JR’s Gedenkblog beim Freitag

Diander und ein Rabe bei den Weinbeeren


 

 

Nachtrag 25.1.

Abghouls bester Freund schrieb mir eben, ich hatte ihn gefragt, ob er mir ein bißchen über den Menschen hinter Abghoul erzählen möchte. Seine Beschreibung ist wörtlich übernommen, ich habe nur den Klarnamen durch ‚Abghoul‘ ersetzt, weil er für den im Internet verwendeten Nick seine Gründe gehabt haben wird:

Abghoul war eine imposante Erscheinung, ein Mensch, an dem niemand vorbeikam, wer ihm begegnete. Fast zwei Meter groß, breitschultrig, MASSIV. Mit blonder Mähne und Händen wie Schaufelbagger. Ein westfälischer Berserker – mit dem breitesten, freundlichsten und lautesten Lachen, das ich je erlebt habe.

Einer, der immer furchtlos war. Der eine Radikalität kannte, die nicht nur beeindruckend, sondern auch furchteinflößend war. Ein radikaler menschlicher  Mensch. Abghoul war der radikalste Mensch, der mir je begegnet ist. Radikal in seinem Wunsch, Mensch unter Menschen zu sein. Der Gleichberechtigung und Miteinander nicht nur wohlfeil auf den Lippen trug, sondern der sich der Bekämpfung jeglicher Hierarchie mit Haut und Haaren verschrieben hatte. Der echtes Interesse an seinen Mitmenschen hatte.

Ein Anarchist. Und zwar nicht so ein Kleinbürger, der glaubt, seinen Narzissmus in Anarchie umbenennen zu können, um der eigenen Willkür ein zivilisatorisches Mäntelchen umhängen zu können. Einer, dem die Herrschaft des Mensch über den Menschen das größte Übel war. Der deshalb auch nie ein Lehrer sein wollte – auch wenn er ein großartiger Lehrer gewesen wäre – weil ihm schon die Hierarchie zwischen Lehrer und Schüler zuwider war. Ein Treffen auf Augenhöhe, gemeinsames Zweifeln, aber auch gemeinsame Emanzipation.

Im Zweifeln war er groß. An sich, an der Welt, all den Nietzsches und Hegels, ebenso wie an den Nachbarn. Das bewahrte ihn vor der Hybris, sich selbst über andere erheben zu wollen. Aber eben auch so sicher in seinen Überzeugungen, daß er ohne zu zögern Gesundheit, Gut und Leben bereit war einzusetzen. Mehr als einmal war Abghoul der Einzige, der zwischen Polizei oder Faschisten und Marginalisierten stand. Er gab bereitwillig sein letztes Hemd, wenn er andere in Not sah.

Das klingt ein bisschen wie eine Heiligsprechung. Aber Abghoul war kein Heiliger, sondern eben ein radikaler Mensch. Wie Sie sich denken können, ist das Leben mit echten humanistischen und aufklärerischen Überzeugungen in unserer Gesellschaft kein Leichtes. Sicher, Sie (vermute ich mal) und ich, wir haben Überzeugungen. Aber eben auch bürgerliche „Pflichten“. Kompromisse. Abghoul war in dieser Hinsicht kompromisslos. Er lehnte das bürgerliche Leben mit jeder Faser seines Seins ab. Weil es hierarchisch ist. Weil es Ausbeutung bedeutet. Und weil es den Warenumsatz an die erste Stelle setzt (und nicht die Kunst). Dafür war er bereit, erhebliche Mühsal auf sich zu nehmen. Nie hatte er eine Linie, an der er sagte „hier müssen meine Ideale hintenan stehen“.

Etwas aus seinem Leben: Nach 17 verschiedenen Schulen begann er mit dem Hauptschulabschluß eine Ausbildung zum Masseur (damals war das noch ein Ausbildungsberuf). Hauptschulabschluß?! Was ist mit Kant, Adorno, Heraklit? Abghoul ist der Beweis, das unser Schulsystem und Bildung nur marginal miteinander zu tun haben. Er brachte die kurdischen Nachbarskinder mit guten Noten durch die Schule, indem er sich selbst Mathematik und den kleinen Menschen Hermeneutik beibrachte. Er war ein ausgezeichneter Beobachter, mit großartigem Körpergefühl und einer exzellenten Auge-Hand-Koordination.

Er konnte zeichnen. Er konnte musizieren. Er konnte schreiben. Lachen, lieben und zornig sein.

Er war Epileptiker. Wohl seit seiner Geburt, ausgelöst durch Wachstumsschübe als Fötus. Die Grandmal Anfälle kamen so mit 35 Jahren. Medikamente halfen nur bedingt, auch wenn er alle paar Monate „neu eingestellt“ wurde. Letzendlich mag es ein Anfall gewesen sein, der einen Herzinfarkt, eine Gehirnblutung oder ähnliches ausgelöst hat. Er lag kopfüber vor seinem Lieblingssessel. Am 04. März wäre Abghoul 48 Jahre alt geworden.

Er hat sein Leben lang gerungen, mit sich, der Welt, seiner Krankheit (er hatte einfach zuviel im Kopf). Aufgegeben hat er nie. Aber da die menschliche Existenz eben endlich ist, schreibe ich hier jetzt über einen Toten.

Es gibt noch sehr viel zu erzählen von Abghoul. Sie haben es schon angesprochen: Die Zeit ohne Obdach. Die Psychiatrie. All die Dinge, die er im Kopf hatte. Woher sein Netzname „Abghoul“ kam. Oder „der fröhliche Nekromant“ (der hat was mit Schiller und Nietzsche zu tun). Vielleicht schreibe ich später noch einmal Dinge auf, dann leite ich das sehr gerne an Sie weiter.

Es ist nämlich ausgesprochen tröstlich zu wissen, daß Abghoul anderen Menschen ebenfalls viel bedeutet hat. Im Grunde trauern wir beim Tod eines geliebten Menschen ja um uns selbst, beziehungsweise um die verlorene gemeinsame Zeit. Und da wir alle Zoon Politikon sind, ist es eben tröstlich zu wissen, daß wir nicht alleine sind.


 

 

Nein, lieber Abghoul-Freund, die gemeinsame Zeit mit Abghoul ist nicht verloren, sie ist nur vorbei. Wir trauern um uns selbst und darum, daß es nie mehr gemeinsame Zeit mit ihm geben wird. Nein, wir sind nicht allein. Wir erinnern gemeinsam und jeder für sich an Abghoul und sind traurig über seinen Tod. Und manche von uns auch darüber, ihn nie persönlich kennengelernt zu haben.


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