Antonia und Antonio

Können Sie den feinen Duft der Blüten schon riechen?

Digital StillCamera

Hören Sie das Bienengesumm?

 

Nein, nicht Japan zur Kirschblüte, Mandeln im Januar in den andalusischen Bergen. Blick nach Nordost auf den beschneiten Hausberg, knapp rechts davon beginnen Ausläufer der Sierra Nevada. Noch weiter rechts senkt sich das Land wie ein gigantisches Amphitheater nach Süden zum Meer. An manchen Tagen steht eine nadelfeine Wolke knapp über dem südlichen Horizont. Antonio sagt, sie stünde über dem Rif-Gebirge, ich weiß nicht, ob ich ihm das glauben soll. Links noch mehr Berge und ganz oben liegt das Dorf, wie in einem Vulkankegel. Hinten im Westen zur Abwechslung Berge, dahinter verborgen die Metropole.

Diese Landschaft sprengt jeden Versuch, sie fotografieren zu wollen.


 

Was für ein Organ sie hat! Antonia plärrt nach Antonio, der Mann hat irgendetwas nicht erledigt. Mit einer Stimme, mit der sie bis ins übernächste Tal zu hören ist, eine Mischung aus Kreide auf Schultafel, Fichtenmoped, Glasschneider, Feldwebel. Antonio ist angeblich fast blind, er findet sich aber meistens ein, wenn es Zeit für die Schlauchdusche wird. Wenn die Sonne so gegen halb vier lange genug die schwarzen Leitungen beschienen hat, balanciere ich nackich und fröstelnd auf einer Palette dicht an der Hauswand, rechts und links davon dienen zwei nur noch halb vorhandene Trockenmauern vom früheren Ziegenstall als Schutz vor dem Wind. Das Wasser ist erst viel zu heiß, dann wunderbar warm und zum Schluß eisebitterschnatterkalt, soll ja gut für Haut und Haare sein. Und für die Stimme, ich muß schreien, weil es sososo kalt ist. Ja und da liegt er nun heimlich im verwilderten Weinberg und linst über die Hügelkuppe, um ein bißchen nackte Haut zu sehen. Ich tue ihm den Gefallen. Antonia kreischt schon wieder, er solle endlich nach Hause kommen und wasweißichdennschon tun.

Der Mann ist ein schmales gebeugtes Männchen von fast 65, von der harten Arbeit verbraucht wie mit 100. Er geht krumm, sieht nichts und hört nur was, wenn er will. Und er kennt Hunger, anders als ich. Unsere Plaudereien drehen sich um’s Wetter und er zeigt mir eßbare Pflanzen im Campo, wilde und verwilderte. Darunter auch gallebittere Steineicheln und Johannisbrot, das in Massen herumliegt. Daraus wurde früher in der Not Mehl zum Brotbacken und Muckefuck gemacht. Heute kriegen das die Mulos, Pferde, Schweine. Oder es verrottet, falls ich nicht das nächste Mal in der Bar einen Bauern auftreibe, der ein Auto hat und die Säcke abholen kommt, die ich zusammengesammelt habe.

Denn: ich bin Fußgänger und residiere in zwei winzigen Häuschen in knapp 5 km Entfernung zum nächsten Geschäft oben auf dem Berg. Ich schlafe wie ein sattes Baby und bin rundherum glücklich, mit sehr wenig Geld, ohne Strom, ohne Toilette. Die ist unter einer kleinen Steineiche unterhalb des Schlafhauses, mit Geäst bis zum Boden und dem schönsten Ausblick der Welt. Statt Wasserspülung gibt’s eine Schaufel, der Baum wächst schnell und gut. Ich bewege mich sozusagen aus der Zeit, denn viele hier wurden kürzlich wohlhabend, in der ärmsten Region Spaniens. Man verkauft die kleineren, mühsam zu bewirtschaftenden, weit auseinander liegenden Stücke Land an Stadtmüde und Sonnenhungrige aus dem Norden. Die Jungen wechseln ruckzuck von der Tauschwirtschaft zur Kreditkarte. Es wird gebaut wie verrückt, selbst kleine Dörfer haben auf einmal Beleuchtungen wie belgische Autobahnen. Meine allerersten spanischen Worte stehen an den Bauruinen der Küste, se vende, zu verkaufen.

Die Alten rechnen noch in Duros und springen zwischendrin zu Peseten, später auch zum Euro und sie tauschen. Wer nicht lesen und schreiben kann, muß nicht unbedingt auch nicht rechnen können oder gar träge im Kopf sein. Wenn Antonia eine Ziege oder ein Huhn tauscht oder verkauft, würde jeder Börsenmakler vor Ehrfurcht die Ohren anlegen, so schnell rechnet sie und verwirrt die Kunden mit ihrem Gehüpfe zwischen ganz alter, alter und neuer Währung. Mandeln, Oliven, Wein auf unbewässertem Land werfen kein Geld mehr ab, das in irgendeinem Verhältnis zur Schufterei dafür stünde.

Baugenehmigungen im Campo gibt’s per Handschlag vom korrupten Dorf-Bürgermeister, unter der Vorgabe, das Haus weiß zu streichen oder aus Natursteinen und nur 2 Stockwerke hoch zu bauen, fertig. Bauen geht ratzfatz, beim ersten Sonnenstrahl rast der Betonmischer den schmalen steilen Weg hinunter. Ziegel, Dachpfannen, Sand wurden schon vorher und ähnlich rasant angeliefert. Der Grundriß ist auf eine Serviette gezeichnet und es muß rechtzeitig halt gerufen werden, um noch Fenster in den schnell wachsenden Wänden unterzubringen. Vor dem Brunnenbohren kommt der Rutengänger, nach 60 Metern Bohren in den Berg sprudelt es: klares kühles Wasser, viel davon.

Berge werden geköpft, terrassiert und EU-gefördert umzäunt, mit Plantagen in Reih und Glied und mit Häusern bepflastert, es werden zahllose Tiefbrunnen gebohrt, im heimischen sinkt der Wasserspiegel um fast 10 Meter in drei Jahren. Die Wurzeln der uralten Steineiche vor dem Schlafhaus können nicht so schnell so tief wachsen, sie fällt trocken, wird zusätzlich krank und stürzt beim nächsten Sturm den Berg hinab. Sie stand schon dort, als Columbus den Seeweg nach Indien suchte, als die Mauren und die Juden vertrieben und das Land wieder katholisiert wurde.


 

Bei Antonia und Antonio verhält es sich anders mit dem Landverkauf. Sie haben ihr ganzes Leben im Campo verbracht, mit Hühnern, Ziegen, manchmal einem Schwein, einem steilen steinigen Acker mit Mandeln, einem sanften mit säuberlich vom Unkraut befreiten Mulden unter den Olivenbäumen, einem kleinen Weinberg am Hang für den süßen Malaga und zwei Weinstöcken mit den köstlichsten Muskatellertrauben. Und noch ein paar Stücke Land mehr, jetzt zum Verkauf.

Und sie haben zwei Gärten, ein ebener oben am Haus und ein terrassierter unten im Arroyo am Brunnen, wo die Frösche quaken. An heißen Tagen ist dort das Paradies. Wasser plätschert, es ist kühler, es ist dämmrig, die Augen können sich von Licht und Fernblick erholen und die Vögel singen viel lauter. Auch der Spötter, der abwechselnd eine Nachtigall und nervige Radiowerbung imitiert. Der Oleander wuchert baumhoch im Bachbett, das Caña wiegt sich raschelnd im Wind. Dessen bambusartige Rohre fanden früher in den Dächern Verwendung. Sie wurden dicht an dicht quer auf die Balken gelegt, oben drauf Lehm, zwei Schichten Mönch und Nonne und dicht ist das Dach.

Im unteren Garten steht auf halbem Weg vom Haus zu den Terrassen mit den Zitrusbäumen ein gigantischer Lorbeerbaum. Zu seinen Füßen blühen im Winter Klee und Orchideen und der Tau bleibt den ganzen Tag.

Sie ernähren sich fast ausschließlich von ihrem Land, Antonia tauscht Eier gegen Soda, zum Seifekochen. Jedes bißchen Olivenöl wird nach dem Braten aufgehoben und später mit Holzasche, Lorbeer und mit im Campo gesammeltem Rosmarin, Thymian, Lavendel oder wildem Fenchel in Seife verwandelt. Sie tauscht Huhn gegen Salz, Ziegenfleisch gegen Fisch oder Brot oder Chlorreiniger. Bargeld gibt das Land nur wenig her, vielleicht ein paar Hundert Euro im Jahr.

Sie hatten zwei Söhne, beide starben als Erwachsene. Der jüngere stürzte in der Stadt vom Baugerüst, der andere starb kurze Zeit später durch einen Autounfall. Für sie bedeuten ihre Fremden neue Familien. Und ein paar Hände Hilfe beim Dachreparieren oder beim Brennholzmachen, einen gelegentlichen Lift in die Kreisstadt zum Arzt und natürlich mit Orangenmandelkuchen und Ziegenbraten zu verwöhnende Gäste.

Und Kinder! Antonia liebt Kinder. Antonio ist zurückhaltender.


 

Sie spuckt zweimal kräftig in die Hände und fährt ihm glättend übers Haar, nachdem sie ihm ungeduldig einen sauberen Pullover über die erhobenen Arme und den Kopf gezogen hat. Ich brauche meine ganze Erziehung, um ihr nicht den Kaffee auf die Füße zu spucken. Ich hatte nicht mit so furchtbar viel Zucker und nicht mit gekochter Ziegenmilch gerechnet. Fliegen summen um die neue Lampe, erst kürzlich wurde endlich Strom ins Haus gelegt. Nach Stromausfall durch Sturm oder Regen lautet die Frage in den Bergen bis heute hay luz, hast Du Licht? Und ein Telefon ist nun auch da, ich höre Antonia noch Hügel weiter mit ihrer nichtsnutzigen Verwandschaft streiten. Der neue Fernseher hat das Gefüge des Wohnzimmers verändert. Statt um den Tisch, in dessen Fußgestänge im Winter am Abend ein Kohlebecken glimmt, mit der bodenlangen Wolldecke darauf, die man sich über den Schoß zieht und es untenrum warm und gemütlich hat, sitzen sie nun nebeneinander mit dem Blick auf elektrische Ferne. Zwischen den Sesseln steht ein Ölradiator, auf dem sich beide eine Hand wärmen.


 

Beim ersten Mal hatte ich tatsächlich versucht, auf direktem Weg zu ihr zu gehen, ich wollte nur schnell Eier kaufen. Die Distanz von ihrem Haus zu meinen scheint gering, dreimal spucken. Aber es liegt ein schmales tiefes Tal dazwischen, das der Bach immer tiefer gräbt, der sich im Sommer nur als Rinnsal an wenigen Stellen zeigt, nach einem Winterregen aber wild und reißend werden und das Mittelmeer kilometerweit rot färben kann. Ich komme völlig abgekämpft, in schmutziger zerrissener Kleidung, mit zerschundenen Armen und Beinen bei ihr an und donnere mit Karacho mit dem Kopf unter ihren niedrigen Türstock.

Und dann zerreißt es sie fast, sie kann sich vor Lachen kaum noch halten und das wirkt so ansteckend, daß ich trotz Schmerz, Schwindel und blutenden Wunden mitlachen muß, bis ich mir fast in die Hosen mache. Auf dem Rückweg nehme ich dann lieber die Straße, mit 3 dicken Eiern in jeder Hand, mehr als einen Kilometer Umweg für 300m Luftlinie. Der Campo-Pfad schlängelt sich über 500m, auf halber Höhe des Hügels und hat nur zwei kurze Steigungen. Aber es wird schon dunkel, der Mond ist noch nicht aufgegangen und ich bin fremd hier und aus der Stadt und nutzlos und blind wie ein Maulwurf.

Sie hat mir dann gezeigt, wie man im Campo geht – ganz langsam und möglichst nicht lange steil bergauf oder bergab. Sondern in Arabesken, die sich ohnehin oft als der bessere Weg von a nach b erweisen. Sie hat mir die vielen Pfade gezeigt, auf denen man bequem die zerklüftete Erosionslandschaft der Jahrhunderte alten ökologischen Katastrophe kompletter Entwaldung durchqueren kann. Die Steineichen, die Andalusien früher einmal bedeckten, wurden zur spanischen Armada und zuvor schon zu den Flotten der vielen Zivilisationen, die rund um das Mittelmeer blühten und vergingen. Den Rest erledigt heute La Seca von oben und der immer tiefer sinkende Grundwasserspiegel von unten.


 

Wenn Antonia am Nachmittag mit ihren Ziegen durch den Campo geht, wird ihre Stimme ganz weich. Außer, eine macht sich davon, dann pfeift sie oder sie gluckst oder schnalzt mit der Zunge. Ziegen sind Individualistinnen, jede hat einen eigenen Ton, auf den nur sie hört, früher oder später. Antonias Stimme ist ganz leise, wenn sie mir etwas, was ich schon wieder und immer noch nicht verstanden habe, zum soundsovielten Mal in anderen und neuen Worten sagt. So lange, bis ich es verstanden habe.

Antonia hat Zeit.


 

In Andalusien wachsen Bäume auch am steilen Hang nicht gerade nach oben zur Sonne. Es gibt genug Licht, sie stehen im rechten Winkel zum Hang. Oft fegt im Januar tagelang bitterkalter Sturmwind aus dem Norden, der wild ums Haus heult, durch jede Ritze pfeift, durch Mark und Bein geht und bei dem man sich gar nicht wundern würde, wenn er die Autos oben von der Straße bis hinunter ins Meer trüge. Freund Jimmy wurde vor Jahren oben im Dorf 50 Meter weit die Straße hinunter geweht, er brach sich etliche Knochen und es dauerte sehr lange, bis er wieder Spoonful für mich spielte.

Die zarten Mandelblüten aber bleiben am Baum.

An manchen Tagen, später im Januar oder schon im Februar, geht dann ein leiser Wind. Es ist warm und summt und duftet und es schneit, Mandelblüten. Noch in weiter Ferne kann man es sehen, wenn der Wind in einen blühenden Mandelbaum fährt. Die Blütenblätter sind so weiß, daß sie das Sonnenlicht auf ganz besondere Weise reflektieren und sie sind noch Kilometer weiter als weißer Schwarm sichtbar.


 

Am Ende wird das jetzt richtig Scheiße.

Antonio starb nach kurzer schlimmer Krankheit unter grauenvollen Schmerzen. Antonia zog zu ihrer schrecklichen Sippe in die Stadt. Ihre Fremden hatten sie im Stich gelassen, sie hatten sich zu viel Zeit mit der Einlösung ihrer Versprechen beim Landkauf gelassen, bestimmt, allerspätestens im übernächsten Jahr ganz nach Spanien zu kommen. Sie kam in den ersten Jahren noch manchmal an den Wochenenden, wenn jemand aus der Familie sie fuhr. Um Oliven zu ernten oder Orangen oder ihre wunderbar aromatischen Mandarinen mit den vielen Kernen. Ohne ihre Ziegen stand sie ganz verloren im Campo.

Ohne die Ziegen verschwanden auch die Pfade. Ihre kostbaren, in Farbkübeln gezogenen Damaszenerrosen waren längst verdorrt. Ihre Gärten verwilderten. Ihr Haus stand verwaist. Dann starb auch sie und es wurde beinahe schneller verkauft als man sie zum Friedhof ganz oben im Dorf brachte.

Der neue Besitzer fällte den Lorbeer, im oberen Garten ist jetzt der gekachelte Poolbereich mit Palmkübeln und Liegestühlen und wo Antonia die Hühner schlachtete und rupfte, ein verglaster Wintergarten. Der zeigt nach Süden, aber das macht nichts, das Haus ist klimatisiert. Der neue Besitzer wäscht sein Auto auch in solchen Sommern, in denen sie ihre Ziegen verkauft hätte, weil es nicht mehr genug Wasser und nicht genug zu fressen für sie gab. Der Hirte, der die Ziegen des Dorfes auf dem Berg hütete, hat wohl auch aufgegeben oder er geht woanders mit ihnen hin. Nur noch selten sind am Abend ferne Glöckchen in den Hügeln zu hören.

Aus den beiden Häuschen, in denen ich ein Vierteljahrhundert in fast jedem Winter wohnte, wurde ein Anwesen mit Carport, terrassierter Mangoplantage und mit Granitküche. Wo die Schlauchdusche war, ist heute ein maurisch gefliester Patio mit hoher Mauer zu der Stelle, von der mir Antonio beim Waschen zusah. Aus mi casa es tu casa wurden Lügen und schließlich Schweigen. Vorbeivorbei, ist Geschichte.

Der große altmodische Schlüssel des längst weggerissenen Küchenhauses hängt hier an der Wand. Im Kamin dort lernte ich, mit noch so feuchtem Holz und bei wirklich jedem Wetter Feuer zu machen. Ich habe auch noch ein großes Stück von Antonias Seife, denn es gibt nichts besseres zum Waschen feiner Wollpullover und ich rieche so gerne daran.

Wußten Sie, daß sich Seife weniger schnell abnutzt und auch Kerzen viel länger brennen, wenn man sie lange Zeit lagert?

Wahrscheinlich ruckeln sich so erst die Moleküle zurecht.

 

 


Fotos: von mir


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18 Gedanken zu „Antonia und Antonio

  1. Beim vorletzten Mal, als ich dort war, wohnte ich schon längst in einem anderen Haus, diesmal zwei Hügel weiter den Berg hoch in Richtung des Dorfes. Eigentlich wollte mein liebster Freund für 10 Tage mitkommen und den Ort sehen, zu dem es mich so zog. Das ging nicht, weil er einige Wochen zuvor schwer krank wurde und nun in der Reha war.

    Ich stellte mich jeden Morgen gegen acht auf einen Mauervorsprung im Hof und knipste den Sonnenaufgang für ihn. Den hätte er sowieso nicht gesehen, denn er schläft gern länger.
    Ich finde nur 8 Bilder davon wieder, aber ich glaube, daß an zwei Tagen der Berg mitten in den Wolken lag und man keine 20 Meter weit sehen konnte.

    In diesem anderen Haus, das eigentlich eine liebevoll sanierte 2-stöckige Haushälfte ist (der andere Teil gehört auch einem Antonio, dessen Urgroßmutter schon im Haus geboren ist, er selbst wohnt mit Familie oben im Dorf, hält am Haus im Campo seine beiden Mulos, zwei Hündchen, manchmal ein Schwein und bewirtschaftet von dort den südlichen Teil seiner Landstücke) fiel mir irgendwann auf, daß ich es weit über das übliche Ankommen hinaus einzurichten begann. Es ist ein zweites kleines Haus dabei, das leicht mein Arbeitsplatz hätte werden können, es war vieles wie für mich maßgeschneidert und wenn man im Bad die Tür nicht schließt, kann man vom Thron aus das Mittelmeer sehen. Ich fasste immer konkretere Umzugspläne, wie gern hätte ich dort einige Jahre in Ruhe gelebt und gearbeitet!

    Beim letzten Mal vor 3 Wintern kam er dann mit. Wir waren beide erschöpft vom Weihnachtspunk, schliefen viel, aßen gut, freuten uns an den einfachen Dingen im Leben, Sonne im Gesicht, Feuer im Kamin, Orangen vom Baum, grandioser Rotwein im Glas. Und übereinander und über die viele Zeit, die wir miteinander verbringen konnten, ohne uns groß anzuzicken oder uns wenigstens schnell darüber zu amüsieren.

    Dann sagte er, daß er mich dort nicht sieht, zu viel Schmerz.
    Das tat auch weh. Aber er hatte recht. Es ging nicht, aus vielen Gründen nicht.

  2. Oh wie schön. Dann haben wir uns heute beide der Mandelblüte gewidmet. Doch bei Dir auch noch ein schöner Text. Gefällt mir sehr. Liebe Grüße, Dagmar

    • Und dabei ist die Geschichte doch schon so gekürzt…;-)…

      Allein schon der Drogenpolitik im schönen Südspanien könnte man einige Blogs widmen.
      Von martialischen Kontrollen der nicht selten knallbekoksten Guardia Civil (die sonntags oft und gern und nicht weniger verstrahlt als Jäger im Campo unterwegs sind und extrem waidmännisch aus dem Arroyo in Richtung Häuser ballern, einmal verfehlte mich der Schrot nur um wenige Zentimeter) über die liebevoll-übliche Bezeichnung von dunklem marrokanischen Haschisch als chocolate, ganze Epen über spanische Weine, die nicht Rioja heißen bis zu den Junkies noch in den abgelegensten kleinsten Dörfern.

      Und natürlich über den Umstand, daß man in Spanien das Gesicht verliert und zwar final, wenn man sich in der dörflichen Öffentlichkeit betrunken zeigt. Das erstreckt sich auch auf die Begleitung – ich war mal mit einem Trinker oben im Dorf auf dem Berg essen, der fröhlich-laut wurde und sich auch sonst ein bißchen daneben benahm. In diesem Lokal wurde ich jahrelang nicht mehr bedient (was jetzt nicht so schlimm war, weil die eh nicht kochen können).

      Ich habe in den ganzen Jahren auf dem Land exakt einen stinkebesoffenen Spanier erlebt (außerhalb von Ferias) und der hatte schlimmen Liebeskummer. Während britische und deutsche Alkoholiker dort sehr dazu beigetragen haben, daß die Zeiten spontaner Gastfreundschaft, selbstverständlicher Mitfahrgelegenheit und selbst die des Grüßens auf der Straße so ziemlich vorbei sind. Wobei es zwischen alkoholsüchtigen Briten und Deutschen in der ländlichen Fremde einen augenfälligen Unterschied gibt: Briten bilden Communities, Deutsche ziehen einen hohen Zaun um ihren Besitz und saufen einsam, von seltenen Ausflügen in die Außenwelt einmal abgesehen.

      Mir fällt gerade @alle noch ein empfehlenswertes Buch ein und zwar zur sehr eigenwilligen Praxis des spanischen Katholizismus – eins der schönsten SW-Fotobücher überhaupt stammt von Cristina Garcia Rodero, die in den 70er/80er Jahren durch Spanien reiste und seltsame religiöse Bräuche fotografierte: España Oculta (steht in vielen Leihbiblioteken). Viele der Fotos kann man auch auf ihrer Magnum-Seite ansehen, ganz nach unten rollern.

        • Och, wenn Sie mich nicht mit einem Abgabetermin in Panik versetzen, hätte ich nichts gegen einen Gastartikel einzuwenden. Vielendankeschön für das Angebot…;-)… ich mache mir mal ein paar Gedanken darüber.

          Um aber Ihre Schlußfrage zu beantworten:

          Ich frage mich ernsthaft, tun die was in die Getränke oder in das Essen? Es ist wohl der stolze, abendländische Geist, der den ernsthaften Trinker hier stets aufrecht und abwehrbereit hält.

          In u.a. Cruzcampo tun die stolzen abendländischen Spanier Zeuch, das nichts darin verloren hat, sprich: im Reinheitsgebot unerwähnt blieb. Nach spanischem Bier neigt die Morgenzunge schon ziemlich zum Kleben am Gaumen.

          Ansonsten tun die weniger was in, sondern was auf die Getränke, nämlich Deckel aka Tapas. Die wurden angeblich mal erfunden, um das Hineinfallen von Fliegen ins Glas zu verhindern. Trinkbegleitender Tapas-Konsum verhindert aber wenigstens die Räusche, die dem ernsthaften Trinker wegen der Leere im Magen zustoßen. In den Bars im Dorf oben auf dem Berg gab es bis vor wenigen Jahren einfache Tapas – Stück Brot mit Öl, Guacamole oder Tomatensauce – selbstverständlich und umsonst zu jedem Glas Alkohol dazu.

          Der stolze abendländische Spanier beginnt den alkoholischen Teil des Tages auch nicht erst mittags mit einem Glas Wein oder einer Cervecita, sondern mit einem amtlichen Schluck Anisschnaps oder Brandy im morgendlichen Kaffee. Besonders der Anis ist echt für Fortgeschrittene, pappesüßer Schnaps, schudder.
          Auf dem Etikett steht: Es el mejor. La ciencia lo dijo y yo no miento (Er ist der Beste. Die Wissenschaft sagt das und ich lüge nicht) und das war (19.Jhdt) auf Charles Darwin und die Wissenschaftsgläubigkeit gemünzt.

  3. Ich habe diese Reise nun zum vierten Mal unternommen und bin dank ihrer Worte erneut zu Antonio und Antonia gereist, habe den Campo betrachtet, die mandelblütchen bewundert und den Ziegen gelauscht. So viel Sehnsucht ist in mir hoch gekrochen…… nach Andalusien und den pueblos blancos, nach Ronda und meiner Herzensstadt Córdoba…

    • Vielen Dank für das überaus freundliche Feedback (@alle), ich war irre neugierig auf Ihre Reaktionen und hatte ziemliche Manschetten, weil das der allererste literarische/autobiografische Text ist, den ich geschrieben habe.

      Falls Sie Sehnsucht nach mehr Sehnsucht haben, möchte ich wärmstens die 3 Bücher von Chris Stewart über die Alpujarras empfehlen. Beginnend mit ‚Driving over Lemons‘ beschreibt er ein Andalusien, das so allenfalls nur noch punktuell existiert, obwohl das nur runde 25 Jahre her ist. Chris Stewart ist Brite, hat seine Brötchen früher als Schafscherer verdient, was ihm den Einstieg ins andalusische Landleben gleichzeitig erleichterte und erschwerte, er schreibt klar und wahr und schön und irre komisch.
      Ich war gleich bei der ersten Szene hin und weg, er beschreibt darin einen Termin mit der alerten zweisprachigen Jung-Maklerin zum Häuserangucken während der Zitronenernte, die genervt ist und sich über ihn lustig macht, weil er jeder auf der Straße liegenden Zitrone ausweicht. Weil: ja, genau.

      • das klingt nach einem sehr schönen Buchtipp, merci!!!!
        Nun – liebe Dame von Welt – haben Sie uns so herrlich angefüttert, dass wir nach Mehr lechzen :-)

  4. Liebe Dame von Welt, hoffentlich folgen noch viele literarische/autobiografische Texte von Ihnen! Ihre schönen Worte haben mich sehr berührt. Wieder denke ich: was für eine schöne Erfindung kann doch das Internet sein, trotz aller unerfreulichen Inhalte, wenn man dann immer mal wieder auf solch schöne Texte stößt, die es ohne Internet vielleicht nicht zu lesen gäbe. LG HW

  5. „Ich brauche meine ganze Erziehung, um ihr nicht den Kaffee auf die Füße zu spucken. Ich hatte nicht mit so furchtbar viel Zucker und nicht mit gekochter Ziegenmilch gerechnet.“
    *lol* Das Beste nur für Gäste!
    Meine Oma hat nach dem Entenschlachten immer Streußelkuchen mit dem frischen Schmalz anstatt Butter gebacken. Schmeckte, ähm, sehr gewöhnungsbedürftig.

    Gentrifizierung des ländlichen Raums.
    Wird sich da unten dann auch aufgeregt; mensch denkt die Idylle gekauft zu haben und meckert dann über Ziegen/Schafscheiße vorm Haus, die Kirchen- und Viehglocken und (grade in der Pflanz- und Erntezeit) über Landmaschinen, die den ganzen Tag auch am WE rumrumpeln?!?

    Romantisieren (ja, nicht in dem Artikel ;) ) tun da die Eingeborenen eher weniger. Wohn mit Unterbrechungen aufm Land und wir haben auch Viehzeug. Mir isses noch nie eingefallen, mal aufm Heuschober zu pennen. Weil, wer legt sich schon in das Essen anderer Leute?!? *schulterzuck* Leute die hier zu Besuch waren, fanden des total toll…
    Hier in der Gegend (Thüringer Wald) gibts ein immer gut ausgelastetes Heuhotel, d.h. Leute bezahlen da auch noch (vglw. zu „einfachen“ Urlaubsunterkünften) viel Geld dafür.

    • Welcome back, Hugo!

      Wird sich da unten dann auch aufgeregt; mensch denkt die Idylle gekauft zu haben und meckert dann über Ziegen/Schafscheiße vorm Haus, die Kirchen- und Viehglocken und (grade in der Pflanz- und Erntezeit) über Landmaschinen, die den ganzen Tag auch am WE rumrumpeln?!?

      Nur untereinander. Es ist schon bemerkenswert, wie viele Deutsche und Briten in Spanien leben, ohne die Notwendigkeit zu sehen, sich die Landessprache draufzuschaffen. Bei manchen war ich froh darum. Manche der manchen vergessen allerdings, daß ziemlich viele aus Andalusien als „Gastarbeiter“ in Deutschland waren, die deutsches Gepöbel in der Öffentlichkeit sehr genau verstehen. Kirchenglocken werden im Dorf oben auf dem Berg relativ selten geläutet, wenn, klingt das wie auf eine Gießkanne gekloppt, nicht sehr laut. Große Landmaschinen sind dort nicht einsetzbar, das ist eine Mulo-Landschaft. Pflanz- und Erntezeit ist das ganze Jahr, außer im Hochsommer – im Moment sind die Oliven dran, als nächstes Avocado, die Haupt-Orangen- und Zitronenernte ist gerade vorbei.

      Das mit der Idylle war für mich gleichzeitig ein Grund, warum es mich dort so lange so hingezogen hat und einer der Gründe, warum ich dann doch nicht umgezogen bin – es wäre mir wie Marie Antoinettes Schäferspiele vorgekommen.

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