Lala: Elis Regina

elisregina

Heute ist sie 35 Jahre tot, gestorben mit 36 an versehentlicher Überdosierung von Kokain und Alkohol. Kokain, weil sie sich vor jedem Bühnenauftritt zu Tode fürchtete. Eigentlich war sie fast so etwas wie ein Kinderstar, sie sang schon mit 14 im brasilianischen Radio, später auch im Fernsehen, trat mit 20 auf Festivals auf und war die zeitweilig bekannteste und beliebteste Sängerin Brasiliens. Elis Regina ist die weibliche Personifizierung des Bossa Nova und ihre Musik ist bestens geeignet für schwere See und komplizierte Lebenslagen.

(bei YouTube gelöschtes Video ausgetauscht 10.3.17 dvw)

Die ikonische Bossa-Nova-Platte schlechthin: Elis & Tom

(Schande über YouTube, die seit der Einigung mit der Gema jedes Konzert und jede Platte mit Werbung in Stücke hacken, grmpf)

Über die Militärdiktatur sagte sie 1969, Brasilien würde von Gorillas regiert. Nur ihre Popularität schützte sie vor Verfolgung und Gefängnis, vor dem Verschwinden. Das Regime nötigte sie, die brasilianische Nationalhymne während eines großen Konzertes in einem Stadion zu singen. Das trug ihr den Zorn und die Entäuschung der brasilianischen Linken ein. Schließlich wurde aber verstanden, daß sie zuerst ihre Familie vor dem Zugriff der Militärjunta schützen mußte. Auch sie verlegte sich auf Andeutungen und Zweideutigkeiten in ihren Texten und zeigte soviel aufrechten Gang, wie es der enge Rahmen der Diktatur noch so eben zuließ.

Das m.W. letzte Album, das vor ihrem Tod veröffentlicht wurde (Platten namens Elis gibt es einige von ihr):

Ein Bootleg ihres letzten öffentlichen Auftritts (nur zum Hören):

1979 live in Montreux:

Über das Konzert in Montreux schrieb William Grim in All about Jazz:

Leila Pinheiro and Joyce are better musicians; Gal Costa is better looking; and Luciana Souza has a more distinctive style—but in last half century of Brazilian popular music, there has been no singer who could compare with the ineffable qualities that made Elis Regina a legend in her own time.

Ich wäre so neugierig, was sie heute gesungen hätte…


Foto (beschnitten): Rubenilson23, Wikimedia Commons


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20 Gedanken zu „Lala: Elis Regina

    • Der wäre in jedem Fall in der Hüfte hinreichend beweglich, hat aber m.W. nie mit Elis Regina gespielt. Es gibt eine (mir von Astrud Gilberto? zu brav gesungene) Interpretation von Aguas de Março mit u.a. ihm und João Gilberto

      Bei dieser Gelegenheit aber ein anderes meiner Alltime-Favourites (wo mir Astrud Gilbertos Stimme gut gefällt):

      Bei ‚Girl from Ipanema‘ wird der Unterschied zu Elis Regina noch deutlicher

      ist wie der zwischen Joan Baez und Janis Joplin, mindestens.

      • Ihr Discographisches Wissen beeindruckt mich. Ich dagegen bin als reiner Musikkonsument aufgewachsen in der agnostischen Phase zwischen LP und MP3. Ich meine mich dunkel zu erinnern, daß wir CDs gebrannt haben und uns manchmal freuten, daß wir nicht mehr Gefahr liefen, uns an Kassettenbändern zu strangulieren. Und zu Bossa Nova war Getz eben der einzige Name, der mir einfiel. Und auch der war mir nur zufällig bekannt, weil man ihn aus pädagogischen Gründen halt mal vorgespielt bekam, damit der Jung eben weiß, wie sich ein richtiges Tenor anzuhören hat. Als Altist interessierte ich mich aber weniger für Klang, als für Virtuosität. Also von Parker über Adderley bis Parker. Viele dieser Stücke sind mir heute aber zu stressig. Dann doch lieber Getz.

        • There is no such thing as a diskographisches Wissen bei mir, ist alles nachgeholtes YouTube- und Klickwissen, basierend auf Radio- und anderer an Musik geknüpfte Erinnerung…;-)…
          Ich bin als Generation Kassette sozialisiert, kannte also oft nicht mal die Plattencover oder die einzelnen Titel. Stan Getz mag ich auch, sehr sogar.

          Für Elis Regina (und für Nirvana) hat mich vor über 20 Jahren ein schlimmer Boyfriend eingenommen, ein Teilzeit-Junkie, der mir alles andere als guttat, aber supersexy war, tatsächliches Musikwissen hatte und auch für die Anfänge meiner Spanischkenntnisse mitverantwortlich ist, der andere Anfang stammt von meiner Nachbarin in den andalusischen Bergen, die Analphabetin war und die ich mindestens einmal am Tag zum Ziegenhüten begleitete – beide sind lange tot. Aber das wäre wieder eine andere Geschichte.

          Altist was? Saxophon?

  1. Elis Regina! Wie sehr ich diese Frau verehre!
    Nicht fehlen dürfen in der kleinen und schönen Zusammenschau diese beiden Lieder:

    Romario

    und natürlich die Hymne der gesamt-lateinamerikanischen Jugend dieser Zeit, das Lied über die Eltern („Wie unsere Eltern“)

    Coma nossos pais

  2. Aus aktuellem Anlaß:

    Reiner Wandler, taz: Wegen Tweets in den Knast. Spanischer Humor

    Ein Jahr Gefängnis für schwarzen Humor im Kurznachrichtendienst Twitter – die Rede ist nicht von Russland oder der Türkei. Es geht um Spanien. Der Hard-Core-Hipp-Hopper César Strawberry wurde vergangenen Donnerstag vom spanischen Obersten Gericht zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

    Der Grund: Strawberry hatte sich der ihm eigenen sarkastische Art und Weise auf Twitter ausgelassen. Als ein bekanntes ETA-Entführungsopfer eine rechtsradikale Partei gründete, kommentierte der Sänger: “Jetzt müsste man ihn entführen.“ In einem anderen Tweet zählte er Namen bekannter, spanischer Faschisten auf, die im hohen Alter verstorben waren, und schrieb: “Wenn du ihnen nicht das gibst, was Carrero Blanco zuteil wurde, ist die Langlebigkeit immer auf ihrer Seite.“ Admiral Carrero Blanco war die rechte Hand des Diktators Franco. Er wurde 1973 von ETA auf dem Weg zur Kirche in die Luft gesprengt.

    „ETA hat vor über vier Jahren die Waffen niedergelegt“, sagt Strawberry und fragt sich, wie man einen Terrorismus verherrlichen kann, den es gar nicht mehr gibt. „Das Urteil verstößt gegen meine elementarsten Rechte“, beschwert sich der Sänger. Er war jahrelang überwacht worden, vor knapp zwei Jahren wurde er gar festgenommen, sein Handy wurde auf Kontakte mit dem Generalsekretär der Protestpartei Podemos, Pablo Iglesias, durchsucht. „Es geht hier um eine ideologische Verfolgung, wie in einem autoritären System“, ist sich Strawberry sicher.

    Die in Spanien regierenden Konservativen sowie deren Juniorpartner, die rechtsliberalen Ciudadanos haben immer wieder versucht Konzerte von Strawberry’s Gruppe Def con Dos zu verhindern, in dem sie Anträge stellten, die Gemeinden mögen ihnen die Säle und Plätze entziehen, an denen sie auftraten. Strawberry muss jetzt abwarten, ob die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, oder ob er tatsächlich die Strafe verbüßen muss.

      • Zumal er im Sommer von der Audiencia Nacional freigesprochen und nun auf Antrag der Staatsanwaltschaft (die das Urteil der Audiencia als „Trivialisierung“ kritisierte) vom obersten Gericht verurteilt wurde.
        Immerhin aber das Urteil eines ordentlichen Gerichtes, wogegen er noch einzwei Instanzen weit Widerspruch einlegen kann und nicht ein u.U. drakonisches Bußgeld nach Lust und Laune von Polizisten, wie sie das Ley Mordaza für alles und jedes vorsieht. Da muß zuerst das Bußgeld bezahlt werden, um überhaupt Rechtsmittel dagegen einlegen zu können.
        Ach, Spanien…

    • Den Tochterinterpretationen kann ich auch beim zweiten und dritten Hören nicht viel abgewinnen, denen fehlt alles, was ich an Elis Regina so großartig finde.
      Nicht schön, nicht fair, aber es ist so: meine erste Assoziation war Vicky Leandros und davon komme ich nicht mehr los.
      Höchstwahrscheinlich tue ich ihr sehr unrecht.

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