„Aber, nein, ich habe fast nichts bewegt“

abernein

 

Ich wollte diese Ausgrenzerei, hier Deutsche, dort Juden, weghaben. Ich habe gedacht, vielleicht schaffst du es, daß die Menschen anders über einander denken, anders miteinander umgehen. Aber, nein, ich habe fast nichts bewegt.


 

Gremliza: Walser sagt: »So wie ich denkt und fühlt die Mehrheit der Deutschen.«

Bubis: Da hat er recht. Da hat er absolut recht. Und jetzt können sie sich auf jemand anderen berufen als auf einen Frey oder einen Deckert. Mich hat nie gestört, auch wenn ich das erwähnt habe, daß die Rechtsextremisten sich auf ihn berufen werden. Das ist sein Problem, nicht meines. Mein Problem ist, daß sich nun Demokraten auf ihn berufen.


 

Beide Gespräche wurden 1999 geführt, wenige Monate vor Bubis Tod am 13. August. Ignatz Bubis wollte (nach den zwei Sprengstoffanschlägen auf Heinz Galinskis Grab in Berlin 1998) in Israel beerdigt werden, weil er in Deutschland die Schändung seines Grabes durch Rechtsradikale befürchtete. Noch während seiner Beisetzung in Tel Aviv kippte einer auf der Suche nach 15-Minuten-Berühmtheit schwarze Farbe in sein Grab, kondolierte der Familie, drückte Johannes Rau die Hand und verließ den Friedhof, unbehelligt.

Ignatz Bubis mythenbeladenes Vermögen wurde später „unauffällig abgewickelt„.


 

Ignatz Bubis wäre am 12. Januar 90 Jahre alt geworden. Sein letztes Interview mit dem Stern wurde mit Udo Samel (als Ignatz Bubis) nachgestellt und wird zur besten Sendezeit ausgestrahlt: Montag, 9.1.2017 um 23h30 und Dienstag, 10.1.17 um 3h25 Womöglich, damit sich nur ja kein ahnungsloser und/oder besorgniserregender Bürger von der „Auschwitz-Moralkeule“ belästigt fühlen muß, weil die um diese Zeit schon schlafen.


 

Es stimmt nicht, daß er nichts bewegt hat. Ignatz Bubis Großzügigkeit, sein Willen zum Gespräch hat mich und viele meiner Generation überhaupt erst für das Leben jüdischer Deutscher in Vergangenheit und Gegenwart interessiert. Auch durch seine Schaffung von Öffentlichkeit wurde es vermutlich nicht nur in meiner Familie endlich möglich, sich mit den Verbrechen der Väter/Großväter im 3. Reich auseinander zu setzen, ohne sie aus der Familie ausbürgern und sie posthum wieder zum Schweigen bringen zu müssen. Ohne ihn wäre mir der stets salonfähige Antiziganismus und der immer salonfähiger werdende Antisemitismus nicht so bewußt. Für mich war Bubis wichtig und was er über Ausgrenzung sagt, ist buchstäblich brandaktuell.


Foto: Screenshot (beschnitten) beim Lebendigen Museum Online


 

Nachtrag 10.1.17:

Der Film ist bis 8. Februar 17 in der ARD-Mediathek abrufbar.

Tobias Jaeckel hat 2003 eine sehr lesenswerte Abhandlung zur Walser-Bubis-Debatte geschrieben: Erinnern oder Vergessen?

Mein persönlicher Tiefpunkt der Diskussion damals stammt von Rudolf Augstein und erschien am 30.11.1998 im Spiegel: Wir sind alle verletzbar


 

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8 Gedanken zu „„Aber, nein, ich habe fast nichts bewegt“

  1. Danke für die Erinnerung. Es gibt auch ein Gespräch mit Bubis, Walser und einem FAZ-Mann (Schirrmacher?) in der Folge der Auseinandersetzung der beiden, das mir noch in Erinnerung ist. Walser führte sich da als Opfer auf, Bubis besänftigte unverständlicherweise. Es war gruselig.

    In dem von Ihnen verlinkten stern-Interview nimmt Bubis auch zu von Dohnany Stellung, einem der meist überschätzten so genannten Intellektuellen des Landes. Der Mann hatte damals schon einen Rechtsdrall und nahm auf geistiger Ebene das vorweg, das später Schröder und Konsorten in der SPD ökonomisch veranstalteten.

    • Das FAZ-Gespräch sollte als Abschluß der Walser-Bubis-Debatte dienen, es sprachen Frank Schirrmacher, Martin Walser, Salomon Korn und Ignatz Bubis (bei der FAZ nicht online). Bubis nahm nur die Bezeichnung „geistiger Brandstifter“ für Walser zurück, weil er das Walser nicht nachweisen konnte. Ich fand’s schon damals erstaunlich, daß das als klein-beigeben interpretiert wurde. Klein beigegeben hatten Politik und Intellekt in Deutschland, indem kaum jemand Ignatz Bubis unterstützte und bereit war, die Perspektive der Opfer der Genozide im 3. Reich in das nationale Auschwitz-Gedenken einfließen zu lassen und die Parallelen (damals namens Mölln, Solingen, Rostock-Lichtenhagen, heute namens „Islamkritik“ und „Flüchtlingskrise“) in der Gegenwart zu sehen.

      Von Klaus von Dohnanyi gibt es zwei Beiträge: „Eine Friedensrede“ FAZ 14.11.1998 und „Wir sind alle verletzbar“ FAZ 17.11.1998, beide sind ebensowenig online.

      Bitter fand ich einen Artikel von Augstein senior im Spiegel mit dem gleichen Titel: Wir sind alle verletzbar, der darin fast bedauert, daß der Schlußstrich nicht mit dem Lineal gezogen werden kann und starke Befürchtungen hegt, mit Eisenmans Holocaust-Mahnmal (aka aufgezwungen, diktierte Erinnerung) würden Antisemiten geschaffen, die vielleicht sonst keine wären, und ‚wir‘ würden Prügel in der Weltpresse jedes Jahr und lebenslang beziehen, und das bis ins siebte Glied. Es gibt im Artikel noch eine ganze Reihe kaum verhohlener Antisemitismen mehr, über die sich niemand aufregte. Danach habe ich nie wieder einen Spiegel gekauft. Als Jakob Augstein unter die 10 schlimmsten Antisemiten rubrifiziert wurde, fragte ich mich, ob das Wiesenthal-Center nicht eigentlich dem Senior noch etwas nachrufen wollte.

      Eine sehr lesenswerte Abhandlung zur Walser-Bubis-Debatte (von 2003) gibt’s von Tobias Jaecker (auch veröffentlicht bei Hagalil), mit einer laaaangen Liste der damals erschienen Artikel: Erinnern oder Vergessen?

      Den Film gestern abend fand ich wirklich sehenswert, er steht bis zum 8. Februar 17 in der ARD-Mediathek.

      • Ein kleines Detail aus Augsteins Artikel (sehr am Rande des Themas hier), er schreibt:

        In uns, die wir von der „Endlösung“ nichts wußten, sträubte sich alles, und es dauerte, bis wir uns als Deutsche zu der Erkenntnis durchringen konnten, daß ein einmaliges Verbrechen geschehen war. Helmut Schmidt, ehemals Oberleutnant im Luftfahrtministerium Hitlers, heute fast 80 Jahre alt, bekannte, er habe von den Verbrechen und der Judenvernichtung erst nach dem Krieg erfahren.

        Helmut Schmidt wußte während des Krieges mindestens von den Verbrechen an Zwangsarbeitern und Oppositionellen. Das war der Grund, warum er den Kontakt mit Cato Bontjes van Beek abgebrochen hatte, der hatte Angst. Daran wollte er sich später nicht mehr unbedingt erinnern.

      • Schauschau, wer sich gerade auf Augstein senior berufen kann, auf:

        Nun soll in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.

        Stefan Niggemeier, Übermedien: Höcke, Augstein und das „Denkmal der Schande“

        Höcke hatte in seiner Dresdner Skandalrede am Dienstag ganz ähnlich formuliert: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

        Jakob Augstein dazu:

        Was ist das? Naivität? Loyalität? Stumpfheit?

        • taz-Volontärin Dinah Riese handelt Augstein Juniors Tweet ab: Geschichtsrevisionisten der Mitte

          Walser und Augstein wollten ihre Schuld nicht mehr vorgehalten bekommen und sich als Deutsche wieder wohlfühlen können – was als private Verdrängungsstrategie funktionieren mag, für eine Gesellschaft aber keine Option sein darf. Höcke hingegen erweckt den Eindruck, mit den Deutschen von damals wenig Probleme zu haben.

          Widersprechen muss man beiden Positionen – anders, als Jakob Augstein es tut. Er nennt Höcke in einer Spiegel-Kolumne nun zwar beherzt einen „Nazi“; seinen Vater Rudolf Augstein aber nimmt er in Schutz. Dieser sei an der Schuld „buchstäblich zerbrochen“ und habe vom Holocaust damals nichts gewusst. Sein Vater habe damals „keine schönen Formulierungen“ verwendet, ist seine schärfste Kritik am Text seines Vaters. Die Differenz zwischen Rudolf Augstein und Björn Höcke zu betonen, ist richtig. – den einen deswegen freizusprechen, falsch.

          Es darf keinen Schlussstrich unter der Erinnerung geben. Was geschehen ist, muss präsent bleiben. Es geht dabei allerdings nicht um Deutsche, die mit dem Gewicht ihres eigenen Gewissens nicht zurechtkommen. Das anzunehmen, ist allein schon Ausdruck unermesslicher Selbstbezogenheit.

    • Nein, bin ich nicht, die Walser-Bubis-Debatte ging damals ziemlich an mir vorbei.

      Eisenmans Mahnmal – ich war damals vor der offiziellen Einweihung (und der des Informationskellers) dort und es passierte: nichts. Erfreulich finde ich, daß es nicht so schlimm geworden ist, wie ich es mir damals vorgestellt hatte, z.B. die von Stele zu Stele hüpfenden Schulklassen werden nicht strengstens ermahnt und zur Trauer gezwungen.
      Mir sagt das Mahnmal für den Porajmos sehr viel mehr, ebenso das ständig beschädigte für die verfolgten und ermordeten Homosexuellen und ich erinnere mich mit Grauen an Lea Rosh und den Backenzahn.

    • Zum Eisenman-Mahnmal: kennen Sie die Website Yolocaust?

      … ist ein Projekt des israelischen Satirikers und Autors Shahak Shapira, das unsere Erinnerungskultur durch das Kombinieren von Selfies am Holocaust-Mahnmal in Berlin mit Bildmaterial aus Vernichtungslagern hinterfragt. Die Selfies wurden auf Facebook, Instagram, Tinder und Grindr gefunden. Kommentare, Hashtags und „Likes“ aus den Selfies wurden ebenfalls übernommen.

      Ca. 10.000 Menschen besuchen täglich das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Viele von ihnen springen, skaten, radeln oder posen mit breitem Lächeln auf den 2711 Betonstelen des rund 19.000 m² großen Bauwerks für die Kamera.

      Die Bedeutung und Rolle des Mahnmals ist umstritten. Für viele Menschen symbolisieren die grauen Betonquader die Grabsteine der 6 Millionen Juden, die ermordet und in Massengräbern beerdigt wurden, oder die Asche, zur der sie verbrannten.

      jetzt: Du widmest dein neues Projekt „Bernd“ also Björn Höcke.

      Shahak Shapira: Genau. Björn Höcke soll sich das mal anschauen und reflektieren, was er da so über Erinnerungskultur in Dresden gesagt hat. Mein Vorschlag ist: Es muss tatsächlich etwas getan werden. Die Leute sollen nachdenken, was genau sie da machen.

      Wie kamst du auf die Idee für das Projekt „Yolocaust“?

      Ich beobachte seit Jahren dieses Phänomen, dass Menschen das Holocaust-Denkmal als Hintergrund für Profilbilder in den sozialen Medien oder bei Flirt-Apps benutzen. Ich finde es okay, wenn man Fotos dort macht. Aber manche Bilder sind einfach krass: Da gibt es zum Beispiel bei einem Bild die Bildunterschrift: „Springen auf toten Juden.“

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