The grand Kazoo

thegrandkazoo

Wußten Sie, daß Azurro mitnichten und -neffen von Adriano Celentano stammt, sondern von ihm nur interpretiert wurde? Seine Version war das erste Stück Popmusik, daß ich (neben dem mir unerträglichen ob-la-di-ob-la-da der Beatles) als ziemlich kleine dame.von.welt im Radio erinnere.

Ich hatte damals Windpocken – es war Sommer und zwar 1969 oder ’70, große Ferien, blitzblauer Himmel und 30°C im Schatten. Meine Freunde durften alle ins Freibad und zum Eisessen, während ich allein auf dem Sofa unter einer schlimm juckenden Wolldecke lag und mich auf gar keinen Fall kratzen durfte. Mir wurde Kamillentee kredenzt, ich hatte Fieber und Watte im Kopf und schmerzende Augen. Kurz: Scheiße im Quadrat und die Welt sehr stark unfair.

Bis heute gefällt mir die Version der Toten Hosen um viele Lichtjahre besser als die von Adriano Celentano.


 

Außer: die vom Urheber, von Paolo Conte.


 

Konzerte aus 4 Jahrzehnten:


 

Paolo Conte ist ein schönes Beispiel, daß aus Juristen später noch was werden kann.

Ich war während des Krieges privilegiert, weil meine Eltern Musik spielten, die unter dem faschistischen Regime verboten war. Sie kauften Jazzplatten auf dem Schwarzmarkt und spielten sie daheim in unserem Wohnzimmer: Duke Ellington, Fletcher Henderson oder Count Basie. Das hat mir nicht nur als Geste des Widerstands imponiert, es hat mich auch als Mensch geprägt. Es war, als ob das ganze pralle Leben aus diesen Schellack-Platten herausströmte. Sie lehrten mich etwas über Emotionen, das ich nirgendwo anders in meiner Umgebung erfahren konnte. … Meine Eltern liebten die Musik, aber sie war für sie nur eine Freizeitbeschäftigung. Den Beruf des Musikers sahen sie als Sicherheitsrisiko, als sozialen Abstieg. „Wie willst du als Künstler überleben?“, fragte mich mein Vater. Also habe ich nur nach der Arbeit mein Vibraphon gespielt.

Außerdem spielt er Klavier und Kazoo. Zugunsten des Jurastudiums verzichtete er zunächst auf eine professionelle Musiker-Laufbahn und übernahm nach dem Tod seines Vaters dessen Anwaltskanzlei. In dieser Zeit begann er, zusammen mit Bruder Giorgio (noch ein Ex-Anwalt) zu komponieren und etwas später auch Texte zu schreiben, darunter den Soundtrack meines Windpocken-Sommers.

Er sagt über seine Stimme:

Das unterschreibe ich sofort: wunderschön ist sie nicht gerade. Ich habe nie gedacht, dass ich mal ein Sänger werde. Aber in meiner Stimme ist ein Stück Wahrheit. Ich bin der Urheber dessen, was ich singe, ich kenne alle Geheimnisse dessen, was ich geschrieben habe. Und die versuche ich zu übertragen.

und über das Kazoo:

Das ist mein Geister-Orchester. Das stammt noch aus der Zeit, als ich mir noch kein richtiges Orchester leisten konnte. Mein Bruder hat mir das geschenkt, um mich an die Zeit zu erinnern, als wir Kinder waren und auf dem Kamm geblasen haben. Und so bin ich der größte Kazoo-Spieler der Welt geworden. Und als der will ich erinnert werden.

Paolo Conte hat heute Geburtstag, der Mann ist 80. Ich hoffe sehr, er wird bei bester Gesundheit methusalemisch alt.

Die nächsten Konzerte: 11. und 12. Februar in der Philharmonie in Paris und am 25. Februar in Hamburg, Elbphilharmonie.


Andreas Maier, FAZ (2009): Der Künstler-Bürger-Sänger

Andreas Platthaus, FAZ: Knarzgesang von höchsten Gnaden


Foto: Screenshot bei YouTube


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14 Gedanken zu „The grand Kazoo

  1. Ein wenig verspätet auch noch einen Glückwunsch zum Geburtstag und allen in die Runde ein gutes neues Jahr! Hach, Azzuro… Ich finde ja, dass dieses Lied definitiv im Radio erschallen muss, sobald man Richtung Süden fährt, die Täler Südtirols sich weiten und die ersten blühenden Oleanderbüsche und Plumbagos auftauchen. Gerne dann aber auch die Celentano-Version, dem meine Mutter immer eine „typisch fettige Stimme“ attestierte (keine Ahnung, wie sie darauf kommt, hat aber was). Im Vergleich dazu wäre Conte vollmundiger Rotwein. Salute!
    Grüßle, Diander

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