Schweigeminute

schweigeminute1 Foto: 7alaskan (beschnitten)

Zu Siegfried Lenz habe ich ein gespaltenes Verhältnis, was sich darin spiegelt, daß ich beim letzten großen Bücherräumen So zärtlich war Suleyken in drei Ausführungen entdeckte – zwei davon hatte mir meine Mutter in aufeinander folgenden Jahren zum Geburtstag geschenkt.


Marcel Reich-Ranicki über die 2008 erschienene Novelle Schweigeminute:

Das ganz Ungewöhnliche: … (Siegfried Lenz) hat sich die Zustimmung seines enormen Publikums gesichert, obwohl er auf das Thema verzichtet hat, dem die meisten Romanciers und Novellisten den deutlichen und lauten Beifall der Leser verdanken: Er hat in seinem Werk die Liebe gemieden. …

Was erzählt Lenz in der „Schweigeminute“? Das Ganze spielt in der Nähe der deutsch-dänischen Grenze, an der Küste. Man zahlt mit der Deutschen Mark, wir schreiben wohl Mitte der siebziger Jahre. Was zur Küste gehört, einschließlich eines Touristenhotels, hat Lenz hier erwähnt und dort angedeutet, hier mit wenigen Worten beschrieben und dort für einen Augenblick geradezu vergegenwärtigt.

Sinnliche Prosa ist es: Man kann alles fühlen, sehen, hören und riechen. Es wird geschwommen, gerudert und gesegelt und natürlich geangelt, es gibt Schlauchboote, Lastkähne und Ausflugsdampfer. Aus den sich rasch ablösenden Bildern entstehen wie von selbst Genrebilder. Man sieht es gleich: Lenz weiß da bestens Bescheid. Wozu braucht er diesen mit sicherer Hand gezeichneten Hintergrund? Er will uns, wie immer, eine Geschichte erzählen. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Ein Schüler, achtzehn Jahre alt, verliebt sich in seine wenige Jahre ältere Lehrerin. Die Sache geht, wie anders nicht zu erwarten war, schlecht aus. …

Über die Vergangenheit des Schülers Christian wissen wir nichts; über Stella, die junge Lehrerin, die er liebt, die er plötzlich liebt, erfahren wir sehr wenig. Sie sind wortkarge Menschen. Christian streichelt ihren Rücken: „Auf einmal jedoch warf sie den Kopf zurück und sah mich überrascht an, … als hätte sie unerwartet etwas gespürt oder entdeckt, womit sie nicht gerechnet hatte.“ Von der Liebe überfallen, gehen sie zum Hotel, in dem sie jetzt vorübergehend wohnt. „Stella forderte mich nicht auf, sie zu begleiten, sie setzte einfach voraus, dass ich mit ihr ging.“ So ist es in dieser Geschichte: Man verlangt nichts voneinander. Es kommt alles wie von selbst. Was sie unvermutet teilen und was jetzt nur ihnen gehört, wird nicht ausgesprochen, bleibt unerwähnt.

Wer liebt, sieht alles anders, als er es bisher gesehen hat. Die Liebe verändert natürlich auch Christians und Stellas Wahrnehmung der Welt. Beide spüren das sofort. Beide sind, jeder auf seine Weise, für das Glück dankbar, das ihnen das Leben beschert hat. Das eben zeigt Lenz, das macht er bewusst. Christian befürchtet, dass das, was ihn jetzt mit Stella verbindet, ein Ende haben könnte. Die Sehnsucht nach Dauer kommt wie selbstverständlich, sie wird zum Leitmotiv seines Daseins: „Ich wollte nicht, dass etwas aufhörte, was so unvermutet begonnen hatte und wie von selbst nach Dauer verlangte.“

Stella, die Ältere, die über mehr Erfahrungen verfügt, sieht alles skeptischer. Um aber Christian ihr Einverständnis zu erkennen zu geben, sagt sie ihm: „Du musst dir nun überlegen, was besser ist für uns … Es kann nicht so sein wie früher.“ Was immer sie im Sinne haben – sie sind zart zueinander, so zart, wie der Autor dieser Liebesgeschichte zu seinen Geschöpfen ist. Wir haben meinem Freund Siegfried Lenz für ein poetisches Buch zu danken. Vielleicht ist es sein schönstes.

(es lohnt, die ganze Rezension zu lesen, man hört Reich-Ranicki förmlich sprechen!)


Das ZDF bringt einen erstaunlich guten Film nach Lenz‘ Schweigeminute (Regie: Thorsten M. Schmidt, Kamera: Hannes Hubach, mit u.a. Julia Koschitz, Jonas Nay, Alexander Held, Uwe Preuss, Nina Petri, Johannes Allmayer, Henny Reents, Thure Lindhardt, Hermann Beyer, bis Ende Januar 2017 in der Mediathek)

Jede Literaturverfilmung ist schlechter als das Buch – allein schon, weil sie die Bilder und damit die eigene Phantasie bannt. Es gibt nur wenige Ausnahmen, bei denen Film und Buch autonom nebeneinander stehen, z.B. Clockwork Orange oder Gefährliche Liebschaften oder wo die Bilder für mich stimmen, wie bei z.B. Last Exit to Brooklyn. Schweigeminute könnte auch so ein Film sein – ich kann selbst kaum glauben, das über eine ZDF-Produktion zu schreiben.


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3 Gedanken zu „Schweigeminute

  1. Catch 22 gehört sicher auch zu diesen Literaturverfilmungen. Diese Novelle von S. Lenz kannte ich noch nicht. Klingt spannend. Danke.

  2. Wir fanden den hier auch sehr gut umgesetzt. Beide Hauptakteure waren beeindruckend. Vor allem, weil man sich die Zeit ließ, die bei Lenz ja schon vorgegeben ist.
    Schade, dass niemand mal eine Story umsetzt, in der erzählt wird, wie es weitergehen könnte, wenn einer der Akteure nicht das Zeitliche segnet. Persönlich amüsiert hat mich, dass ich die ganzen schönen 50er und 60er Jahre Schlager auf meinem mp3 player habe. „Teenager in love“ „Diana“ und noch paar mehr, die da eine Rolle spielten.

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