„Spring doch!“

springdoch Screenshot beim mdr

Willkommen in Schmölln im schönen Thüringen, einer Stadt mit Herz und K(n)öpfchen!

Es sei denn, Sie sind ein mutmaßlich traumatisierter unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aus Somalia (via Sudan, Sahara, Libyen, Italien, Schweiz) und werden – soeben aus der Psychiatrie entlassen und akut suizidgefährdet – von Schaulustigen zum Springen aus dem 5. Stock eines heimeligen Plattenbaus ermuntert.

Besonders wichtig und kulturell bestimmt äußerst wertvoll ist die handyfilmische Dokumentation des Suizids.

Kulturell noch wertvoller ist nur noch die Kommentierung bei Twitter und Facebook, eine kleine Auswahl:

cvafwqtxeaadrq0 Bild: Twitter

springdoch1 Screenshot bei Twitter

Im Polizeibericht wurden die Ermunterungen übrigens nicht erwähnt.

Sollten sich Rufe wie „Spring doch“ bewahrheiten, sei dies nicht tolerierbar, schrieb der Bürgermeister auf seiner Facebook-Seite. … Ihn hätten mittlerweile auch Bildaufnahmen des auf dem Fensterbrett sitzenden Jungen erreicht, die „mit unbegreiflichen Kommentaren“ versehen seien.

„Sowas kann man nur verurteilen“, sagte er dem Sender. „Wenn jemand das als Erlebnis, wie einen Kinofilm, begreift und dann meint, er müsse auch noch auffordern, dann ist das ein unglaublicher Akt.“


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6 Gedanken zu „„Spring doch!“

  1. Tonfarbe mit dem gleichen Titel zum gleichen Thema: „Spring doch!

    Er ist gerade 15 oder 17 Jahre alt (Die Angaben variieren), noch ein halbes Kind und die natürliche Reaktion eines emotional gesunden Menschen bestünde darin, Angst um sein Leben zu haben, ihn abbringen zu wollen. Vielleicht denkt ein normaler Mensch in so einem Moment an seine eigenen Kinder daheim, die dieses Alter bereits hinter sich haben und schon an den alltäglichen Krisen der Pubertät fast gescheitert wären. Oder an die Kinder daheim, die noch jünger sind, aber schon in wenigen Jahren im selben Alter wären.

    Vielleicht denkt man aber auch an die eigene Jugend zurück, erinnert sich daran, um wie vieles größer jedes kleine Unglück schien und wie desolat die emotionale Lage dann bei jemandem sein muss, der nicht nur kleine Zurückweisungen erlebt oder bloß nicht das gewünschte Weihnachtsgeschenk erhalten, sondern Mord und Verfolgung erlebt hat, das eigene Leben aufs Spiel gesetzt hat, nur um einen Ort zu finden, der ihm Frieden und Ruhe bringen möge.

    All diese Gedanken wären normal, nachvollziehbar, human. Es ist diese Idee der Empathie, die die Schritte vorwärts in der Geschichte, hin zu Menschenwürde und Menschenrechten, prägte. Der Gedanke, auch der andere habe Rechte, wie auch immer der persönliche Bezug zu ihm aussehen mag.

    Und es ist die Abkehr von der Empathie, vom Mitgefühl, der der Barbarei ein ums andere Mal wieder Vorschub leistete. Sie ist nicht nur ein Schritt zurück in finstere Abschnitte der Geschichte, sie ist auch ein menschlicher Schritt zurück in frühkindliche Verhaltensmuster, in denen der Mensch noch ein egozentrisches Wesen ist, sein Gegenüber nicht erkennt und noch nicht erkennen kann und tatsächlich glaubt, die ganze Welt drehe sich nur um ihn und seine Bedürfnisse. …
    In diesem Falle kosteten Geschrei und Egozentrik einen jungen Mann das Leben.

    ff.

    • Ich würde gerne formulieren können, dass ich volles Vertrauen in die Ermittlungen der dortigen Polizei hätte.

      In der Tat. Aber: ist mir auch nicht möglich.

      Deutschlandfunk: Ramelow stellt Berichte über Anstachelung durch Schaulustige in Frage

      Nach dem Suizid eines Flüchtlings in Schmölln hat der thüringische Ministerpräsident Ramelow Berichte in Zweifel gezogen, wonach Anwohner den Mann zu der Selbsttötung ermuntert hätten.

      Der Linke-Politiker sagte im Deutschlandfunk, jüngste Erkenntnisse der Ermittler deuteten auf ein anderes Geschehen hin. Demnach hätten Nachbarn den jugendlichen Afrikaner möglicherweise lediglich auffordern wollen, in das ausgebreitete Sprungtuch der Feuerwehr zu springen. Zuvor war in Medien berichtet worden, Schaulustige hätten den Mann mit Rufen zu dem Suizid angestachelt. Ramelow sagte, beschämend sei das zustimmende und fremdenfeindliche Echo in den sozialen Medien auf diese angeblichen Zurufe. – Der Jugendliche war am Freitag aus dem fünften Stock seiner Unterkunft gesprungen.

      Tagesspiegel: Bürgermeister von Schmölln „Von der Größe des Echos bin ich überrascht“

      Tagesspiegel: Herr Schrade, Sie haben nach dem Suizid eines Flüchtlings am Samstag gesagt, der junge Mann sei womöglich von Passanten aufgefordert worden, zu springen. Daran gibt es nun Zweifel. Die Polizei geht mittlerweile nicht mehr davon aus, dass es so war. Was wissen Sie?

      Sven Schrade: Wir haben keine neuen Informationen. Wir sind dafür aber auch nicht zuständig. Die Ermittlungen liegen bei Polizei und Staatsanwaltschaft.

      Bodo Ramelow, Thüringens Ministerpräsident, sagte heute, wenn es überhaupt passiert sei, sei der Mann wohl aufgefordert geworden, in ein Sprungtuch zu springen.

      Herrn Ramelows Aussagen kann ich weder bestätigen noch dementieren, weil ich nicht vor Ort war. Wir haben vom Träger gehört, dass solche Äußerungen gefallen sein sollen. So habe ich das dann am Samstag auf der Pressekonferenz gesagt.

      Betrachte ich mir das „Echo“, gibt es in jedem Fall erschreckend viele, die einen Jugendlichen zum Suizid auffordern würden, nur weil ihnen die Hautfarbe mißfällt. Immerhin prüft die Geraer Polizei jetzt, ob sie Strafverfahren gegen die Hasser im Internet einleiten soll.

      • „Demnach hätten Nachbarn den jugendlichen Afrikaner möglicherweise lediglich auffordern wollen, in das ausgebreitete Sprungtuch der Feuerwehr zu springen.“

        Hmmmm. Ich stelle mir das jetzt einfach mal vor: Ich bin Nachbarin des Jungen, sehe ihn am Fenster sitzen und will ihn vor Ungemach schützen. Der spontane Zuruf, der mir in den Sinn käme, lautete ungefähr „Um Himmels willen, Junge, geh wieder rein“ oder so ähnlich. Der Ruf „Spring doch“ als Aufmunterung, ins Sprungtuch zu springen, macht „wohlmeinend“, als Alternative, so vielleicht bei einem Brand Sinn, aber in der Situation?…Ick weeß nich…

  2. Robert D. Meyer, nd:

    Als die Polizei am Sonntag erklärte, entgegen den ersten Darstellungen des Schmöllner Bürgermeisters sei nicht sicher, ob Schaulustige einen minderjährigen Geflüchteten vor seinem tödlichen Suizidversuch aufforderten, aus dem Fenster zu springen, da war der rassistische Mob im Internet vor Selbstgewissheit nicht zu bremsen. Tenor: Zu Unrecht seien die aufrechten Anwohner des kleinen Thüringer Städtchens an den Pranger gestellt worden. Wahrscheinlich glauben die gleichen Kommentatoren auch, in Bautzen hätten besorgte Anwohner vor einigen Wochen aus Notwehr eine Hetzjagd auf minderjährige Geflüchtete veranstaltet. Zu viele Deutsche fühlen sich immer nur als Opfer, aber nie als Täter.

    Halten wir fest: Worte des Bedauerns über den Tod einen jungen Menschen, der dringend Hilfe gebraucht hat, kamen jenen, die die Schmöllner Bevölkerung als Opfer einer Vorverurteilung sehen, nicht über die Lippen. Dabei ist das einzige wahre Opfer dieses Dramas seit Freitag tot und mit ihm starb zum wiederholten Male die Empathie. Im Internet finden sich unzählige Hasskommentare, die den Jugendlichen verhöhnen, ihn zum Kriminellen erklären und sich freuen, dass es nun »einer weniger« sei und hoffentlich noch etliche ihm nachfolgen werden. Das ist lupenreiner Rassismus, nichts anderes. Und muss deshalb auch so benannt werden.

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