Carolin Emcke: Rede in der Paulskirche

carolinemckeFoto: Screenshot bei der Tagesschau

Wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus…

All die ersten Jahre, seit der Auszeichnung an George F. Kennan 1982, schaute ich die Verleihung des Friedenspreises von unten nach oben: Meine Eltern hatten eigenwilligerweise nur zwei Fernsehsessel, Kinder mussten sich unterhalb arrangieren und so lag ich auf dem Teppich und hörte gebannt die Reden der Preisträger. Ich sage „Preisträger“, denn die ersten dreizehn Jahre, die ich von unten nach oben blickte, waren es ausschließlich Männer. Auch als ich längst eine eigene Wohnung hatte, behielt ich dieses Ritual bei: Ich betrachtete den Friedenspreis vom Fußboden aus. Irgendwie schien das auch angemessen zu sein. Seit der Preisverleihung an David Grossman saß ich dort, wo Sie jetzt sitzen. Letztes Jahr noch bin ich mit einem Freund am Vorabend der Verleihung nachts in den Festsaal im Frankfurter Hof geschlichen, um die Tischordnung für das Festessen zu manipulieren…(wobei wir peinlicherweise erwischt wurden) und jetzt das hier…

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich beim Stiftungsrat des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für diese Auszeichnung. Sie erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und einem glücklichen Staunen.

Niemand wächst allein. Einige, die hier an dieser Stelle vor mir standen, waren für mein Denken existentiell. Die Werke vieler Friedenspreisträger*innen, aber auch die Begegnung mit manchen haben mich zu der gemacht, als die ich heute schreibe: Martin Buber und Nelly Sachs, David Grossman und Jorge Semprun, und in besonderer Weise Jürgen Habermas und Susan Sontag. Nach ihnen in einer Reihe zu stehen, lässt mich diesen Preis weniger als Auszeichnung denn als Aufgabe begreifen.

Niemand schreibt allein. Zwei Menschen waren für mein Schreiben unverzichtbar und ihnen möchte ich ausdrücklich danken: der Photograph und Freund Sebastian Bolesch, der mich über 14 Jahre auf allen Reisen ins Ausland begleitet hat und ohne den kein Text so entstanden wäre. Und mein Verleger und Lektor Peter Sillem vom S. Fischer Verlag, der mich seit dem ersten Manuskript über alle Zweifel hinwegträgt und ohne den kein Buch so erschienen wäre. Vielen Dank.

Nicht alle, aber viele, die vor mir hier standen, haben nicht allein als Individuen, sondern sie haben auch als Angehörige gesprochen. Sie haben sich selbst verortet in einem Glauben oder einer Erfahrung, in der Geschichte eines Landes oder einer Lebensform – und darauf reflektiert, was das heißt, als chinesischer Dissident, als nigerianischer Autor, als Muslim, als Jüdin hier in der Paulskirche zu sprechen, in diesem Land, mit dieser Geschichte.

Für diejenigen, die hier oben, mit dieser Perspektive sprechen durften, bedeutete es oft auch, aus und von einer besonderen Perspektive zu erzählen. Sie waren eingeladen und sie wurden ausgezeichnet, weil sie sich für ein universales Wir einsetzten – und doch haben sie oft auch als Angehörige einer bedrängten Gruppe, eines marginalisierten Glaubens, einer versehrten Gegend gesprochen.

Das ist durchaus bemerkenswert, denn es ist keineswegs gewiss, was das heißt: angehörig oder zugehörig zu sein.

Das moderne hebräische Wort für „angehören“, „shayach“, stammt ursprünglich aus dem Aramäischen – ist gleichsam zugewandert, aus einer Sprache in eine andere, um dann ironischerweise die Bezeichnung für „Angehörigkeit“ zu bilden. Das Wort shayach verweist auf nichts anderes. Anders als die meisten anderen Begriffe im Hebräischen birgt es in sich keine Anteile eines anderen. Es gehört gleichsam sich selbst. Etwas als shayach zu bezeichnen, bedeutet: es ist relevant, angemessen, wichtig. Das wäre eine schöne Spur: sich zugehörig zu zählen zu einem Glauben oder einer Gemeinschaft, hieße: Ich bin für diese Gemeinschaft relevant, in ihr zähle ich als wichtiges Element.

Aber Angehörigkeit lässt sich auch in die andere Richtung denken: Nicht nur ich bin für diese Gemeinschaft wichtig, sondern auch der Glaube für mich. Jüdisch zu sein oder katholisch oder muslimisch, das macht etwas aus. Es strukturiert mein Denken, meine Gewohnheiten, meinen Tag. Almosen zu geben, das gehört zu den einen, wie das Beten bei Tisch oder das Anzünden der Kerzen zu den anderen.

Im Deutschen kennt der Begriff „gehören“ mehrere Verwendungen: jemandes Besitz zu sein, aber auch Teil eines Ganzen zu sein, zu etwas zu zählen, sowie „gehören“ als an einer bestimmten Stelle passend zu sein und für etwas erforderlich zu sein.

Bin ich, wenn ich fromm bin, im Besitz des Glaubens? Ist Religiösität etwas, das mir gehört? Oder ist Glaube etwas, das sich im und durch das Hadern bestätigt? Was heißt also angehören in Bezug auf den Glauben? Gehört mir mein Glaube oder gehöre ich dem, an den ich glaube?

Damit ist noch nicht einmal berührt, ob diese Angehörigkeit etwas ist, zu dem es sich bewusst entscheiden lässt. Ab wann jemand zu einer Kirche oder Gemeinschaft gehört, das lässt sich festmachen an den jeweiligen Riten der Aufnahme. Aber ab wann der Glaube zu einer Person gehört, das ist weniger eindeutig.

Hatten mich die Passionen und Kantaten von Bach nicht schon durchdrungen und von innen heraus geformt, bevor ich von einem Glaubensbekenntnis überhaupt nur wusste? Gehörte das nicht zu mir, und das heißt: bildete das nicht schon eine Voraussetzung für die, die ich werden sollte, bevor ich mich überhaupt zu einer Gemeinschaft hätte zugehörig erklären können?

Nun kennt das Wort „Angehörigkeit“ keine Schattierungen. Es suggeriert eine einheitliche Empfindung. Als ob es uns immer gleich relevant sei, jüdisch oder protestantisch oder muslimisch zu sein. Als ob es sich an jedem Ort gleich anfühlte, kurdisch zu sein oder polnisch oder palästinensisch. Als ob es nicht in unterschiedlichen Situationen ganz unterschiedlich prägnant sein könnte. Mein Freund, der Regisseur Nurkan Erpulat, hat einmal auf die Frage, was es für ihn bedeute, muslimisch zu sein, geantwortet: „Das kommt auf den Kontext an.“

Manchmal ist die argentinische Herkunft besonders deutlich im glücklichen Blick auf die leuchtend lilafarbenen Blüten der Jacaranda. Aber manchmal ist sie besonders deutlich fern von dort, in Berlin, wenn ein Hubschrauber über der Stadt nicht von einem Militärputsch kündet, sondern nur von einem Stau – und die eingeübte Angst eine Weile braucht, bis sie sich verzieht.

Für manche wird das eigene Judentum besonders spürbar, wenn sie die Süße von Äpfeln mit Honig an Rosh ha’Shana schmecken. Für andere dagegen, wenn sie in der Paulskirche sitzen und einer Rede zuhören müssen, in der das furchtbare Leid der eigenen Angehörigen von einem Menschheitsverbrechen, an das bis heute zu erinnern ist, zu einer bloßen „Moralkeule“ verstümmelt wird.

Ich kann hier nicht stehen, ohne an diesen nicht nur für Ignaz Bubis furchtbar schmerzlichen Moment in der Geschichte dieses Preises zu erinnern.

Ist Zugehörigkeit also etwas, das aufscheint im Zusammensein mit anderen oder etwas, das aufscheint, wenn man als einziger aus einer Gemeinschaft herausfällt? Weil die jüdische Perspektive als eine, die zu dieser Gesellschaft gehört, einfach ausgeblendet wird. Ist Zugehörigkeit also mit Glück oder mit Trauer verbunden? Ist zugehörig, wer als zugehörig erkannt wird und ist anders zugehörig, wem diese Anerkennung verweigert wird?

Wem gehört also dieses Angehören? Einem selbst oder den anderen? Gibt es das nur in einer Form oder in verschiedenen? Und vor allem: wieviele Kontexte und Verbindungen können für mich in diesem Sinne relevant und wichtig sein? Wieviele Schnittmengen gibt es von Kreisen, in denen ich passend bin und aus denen ich mich als Individuum zusammensetze?

Ich bin homosexuell und wenn ich hier heute spreche, dann kann ich das nur, indem ich auch aus der Perspektive jener Erfahrung heraus spreche: also nicht nur, aber eben auch als jemand, für die es relevant ist, schwul, lesbisch, bisexuell, inter*, trans* oder queer zu sein. Das ist nichts, das man sich aussucht, aber es ist, hätte ich die Wahl, das, was ich mir wieder aussuchte zu sein. Nicht, weil es besser wäre, sondern schlicht, weil es mich glücklich gemacht hat.

Als ich mich das erste Mal in eine Frau verliebte, ahnte ich ehrlich gesagt nicht, daß damit eine Zugehörigkeit verbunden wäre. Ich glaubte noch, wie und wen ich liebe, sei eine individuelle Frage, eine, die vor allem mein Leben auszeichnete und für andere, Fremde oder gar den Staat, nicht von Belang. Jemanden zu lieben und zu begehren, das schien mir vornehmlich eine Handlung oder Praxis zu sein, keine Identität.

Es ist eine ausgesprochen merkwürdige Erfahrung, daß etwas so Persönliches für andere so wichtig sein soll, daß sie für sich beanspruchen, in unsere Leben einzugreifen und uns Rechte oder Würde absprechen wollen. Als sei die Art, wie wir lieben, für andere bedeutungsvoller als für uns selbst, als gehörten unsere Liebe und unsere Körper nicht uns, sondern denen, die sie ablehnen oder pathologisieren. Das birgt eine gewisse Ironie: als definierte unsere Sexualität weniger unsere Zugehörigkeit als ihre. Manchmal scheint mir das bei der Beschäftigung der Islamfeinde mit dem Kopftuch ganz ähnlich. Als bedeutete ihnen das Kopftuch mehr als denen, die es tatsächlich selbstbestimmt und selbstverständlich tragen.

So wird ein Kreis geformt, in den werden wir eingeschlossen, wir, die wir etwas anders lieben oder etwas anders aussehen, dem gehören wir an, ganz gleich, in oder zwischen welchen Kreisen wir uns sonst bewegen, ganz gleich, was uns sonst noch auszeichnet oder unterscheidet, ganz gleich, welche Fähigkeiten oder Unfähigkeiten, welche Bedürfnisse oder Eigenschaften uns vielleicht viel mehr bedeuten. So verbindet sich etwas, das uns glücklich macht, etwas, das uns schön oder auch angemessen erscheint, mit etwas, das uns verletzt und wund zurücklässt. Weil wir immer noch, jeden Tag, Gründe liefern sollen dafür, daß wir nicht nur halb, sondern ganz dazugehören. Als gäbe es eine Obergrenze für Menschlichkeit.

Es ist eine merkwürdige Erfahrung: Wir dürfen Bücher schreiben, die in Schulen unterrichtet werden, aber unsere Liebe soll nach der Vorstellung mancher Eltern in Schulbüchern maximal „geduldet“ und auf gar keinen Fall „respektiert“ werden?

Wir dürfen Reden halten in der Paulskirche, aber heiraten oder Kinder adoptieren dürfen wir nicht?

Manchmal frage ich mich, wessen Würde da beschädigt wird: unsere, die wir als nicht zugehörig erklärt werden oder die Würde jener, die uns die Rechte, die zu uns gehören, absprechen wollen.

Menschenrechte sind kein Nullsummenspiel. Niemand verliert seine Rechte, wenn sie allen zugesichert werden. Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden. Es gibt keine Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand als Mensch anerkannt und geschützt wird. Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen. Das ist doch der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft.

Verschiedenheit ist kein hinreichender Grund für Ausgrenzung. Ähnlichkeit keine notwendige Voraussetzung für Grundrechte.

Das ist großartig, denn es bedeutet, daß wir uns nicht mögen müssen. Wir müssen einander nicht einmal verstehen in unseren Vorstellungen vom guten Leben. Wir können einander merkwürdig, sonderbar, altmodisch, neumodisch, spießig oder schrill finden.

Um es für Paulskirchen-Verhältnisse … mal etwas salopp zu formulieren: ich bin Borussia-Dortmund-Fan. … Ich habe, nun ja, etwas weniger Verständnis dafür, wie man Schalke-Fan sein kann. Und doch käme ich nie auf die Idee, Schalke-Fans das Recht auf Versammlungsfreiheit zu nehmen.

„Die Verschiedenheit verkommt zur Ungleichheit“, hat Tzvetan Todorow einmal geschrieben, „die Gleichheit zur Identität.“ Das ist die soziale Pathologie unserer Zeit: dass sie uns einteilt und aufteilt, in Identität und Differenz sortiert, nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten spaltet, um damit Ausgrenzung und Gewalt zu rechtfertigen.

Deswegen haben die, die vor mir hier standen und wie ich von der merkwürdigen Erfahrung der Zugehörigkeit zur Nicht-Zugehörigkeit gesprochen haben, doch beides betont: die individuelle Vielfalt und die normative Gleichheit.

Die Freiheit, etwas anders zu glauben, etwas anders auszusehen, etwas anders zu lieben, die Trauer, aus einer bedrohten oder versehrten Gegend oder Gemeinschaft zu stammen, den Schmerz der bitteren Gewalterfahrung eines bestimmten Wirs und die Sehnsucht, schreibend eben all diese Zugehörigkeiten zu überschreiten, die Codes und Kreise in Frage zu stellen und zu öffnen, die Perspektiven zu vervielfältigen und immer wieder ein universales Wir zu verteidigen.

Zur Zeit grassiert ein Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa. Pseudoreligiöse und nationalistische Dogmatiker propagieren die Lehre vom „homogenen Volk“, von einer „wahren“ Religion, einer „ursprünglichen“ Tradition, einer „natürlichen“ Familie und einer „authentischen“ Nation. Sie ziehen Begriffe ein, mit denen die einen aus- und die anderen eingeschlossen werden sollen. Sie teilen willkürlich auf und ein, wer dazugehören darf und wer nicht.

Alles Dynamische, alles Vielfältige an den eigenen kulturellen Bezügen und Kontexten wird negiert. Alles individuell Einzigartige, alles, was uns als Menschen, aber auch als Angehörige ausmacht: unser Hadern, unsere Verletzbarkeiten, aber auch unsere Phantasien vom Glück, wird geleugnet. Wir werden sortiert, werden in Kollektive verpackt, alle lebendigen, zarten, widersprüchlichen Zugehörigkeiten verschlichtet und verdumpft.

Sie stehen vielleicht nicht selbst auf der Straße und verbreiten Angst und Schrecken, die Populisten und Fanatiker der Reinheit, sie werfen nicht unbedingt selbst Brandsätze in Unterkünfte von Geflüchteten, reißen nicht selbst muslimischen Frauen den Hijab oder jüdischen Männern die Kippa vom Kopf, sie jagen vielleicht nicht selbst polnische oder rumänische Europäer*innen, greifen vielleicht nicht selbst schwarze Deutsche an – sie hassen und verletzen nicht unbedingt selbst. Sie lassen hassen.

Sie beliefern den Diskurs mit Mustern aus Ressentiments und Vorurteilen, sie fertigen die rassistischen Product-Placements, all die kleinen gemeinen Begriffe und Bilder, mit denen stigmatisiert und entwertet wird, all die Raster der Wahrnehmung, mithilfe derer Menschen gedemütigt und angegriffen werden.

Dieser ausgrenzende Fanatismus beschädigt nicht nur diejenigen, die er sich zum Opfern sucht, sondern alle, die in einer offenen, demokratischen Gesellschaft leben wollen. Das Dogma des Homogenen, Reinen, Völkischen verengt die Welt. Es schmälert den Raum, in dem wir einander denken und sehen können. Es macht manche sichtbar und andere unsichtbar. Es versieht die einen mit wertvollen Etiketten und Assoziationen und die anderen mit abwertenden. Es begrenzt die Phantasie, in der wir einander Möglichkeiten und Chancen zuschreiben. Mangelnde Vorstellungskraft und Empathie aber sind mächtige Widersacher von Freiheit und Gerechtigkeit.

Das ist eben, was die Fanatiker und Populisten der Reinheit wollen: sie wollen uns die analytische Offenheit und Einfühlung in die Vielfalt nehmen. Sie wollen all die Gleichzeitigkeiten von Bezügen, die uns gehören und in die wir gehören, dieses Miteinander und Durcheinander aus Religionen, Herkünften, Praktiken und Gewohnheiten, Körperlichkeiten und Sexualitäten vereinheitlichen.

Sie wollen uns weismachen, daß es das nicht gäbe, Verfassungspatriotismus und demokratischen Humanismus. Sie wollen Pässe als Ausweise der inneren Verfasstheit missdeuten, nur, um uns gegeneinander auszuspielen. Das hat auch etwas Groteskes: Jahrzehntelang hat diese Gesellschaft geleugnet, eine Einwanderungsgesellschaft zu sein, jahrzehntelang wurden Migrantinnen und Migranten und ihre Kinder und Enkel als „Fremde“ angesehen, nicht als Bürgerinnen und Bürger, jahrzehntelang wurden sie behandelt als gehörten sie nicht dazu, als dürften sie nichts anderes sein als Türken – und jetzt wirft man ihnen vor, sie wären nicht deutsch genug und besäßen noch einen zweiten Pass?

Die Familie meiner Mutter ist vor dem Krieg ausgewandert nach Argentinien. Alle in ihrer Familie besaßen zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Pässe, mal einen argentinischen, mal einen deutschen, manchmal beide. Ich habe sie zuhause bei mir aufgehoben: den Pass meines Großvaters, den mir mein Onkel geschenkt hat und den meiner Mutter. Meine Nichte Emilia, die heute hier ist und die wie alle ihre Geschwister in den USA geboren ist, hat auch einen amerikanischen Pass. Mehrsprachig waren und sind sie alle. Aber glauben die Neonationalisten wirklich, irgendjemand in meiner Familie wäre weniger demokratisch gewesen, hätte deswegen weniger Respekt vor der Freiheit jedes Einzelnen und dem Schutz menschlicher Würde? Glauben die wirklich, der Pass sage etwas aus über die eigene Abneigung gegen Verrohung und die Bereitschaft, sich demokratisch für eine offene Gesellschaft zu engagieren und zwar, egal wo?

Ich vermute eher, alle, die einmal vertrieben wurden, die Flucht oder auch nur Migration kennen, alle, die an verschiedenen Orten in der Welt sich zuhause fühlen, alle die mit Heimweh oder Fernweh geplagt sind, alle, die die verschiedenen Klangfarben der Ironie und des Humors lieben, die sich abwechseln und vermischen, wenn man die Sprache wechselt, alle, die Kinderlieder erinnern, die die nächste Generation nicht mehr kennt, alle, die die Brüche der Gewalt und des Kriegs miterlebt haben, alle, denen die Furcht vor Terror und Repression unter die Haut gezogen ist, wissen doch um den Wert stabiler rechtstaatlicher Institutionen und einer offenen Demokratie. Vielleicht sogar etwas mehr als diejenigen, die noch nie darum bangen mussten, sie zu verlieren.

Sie wollen uns einschüchtern, die Fanatiker, mit ihrem Hass und ihrer Gewalt, damit wir unsere Orientierung verlieren und unsere Sprache. Damit wir voller Verstörung ihre Begriffe übernehmen, ihre falschen Gegensätze, ihre konstruierten Anderen oder auch nur ihr Niveau. Sie beschädigen den öffentlichen Diskurs mit ihrem Aberglauben, ihren Verschwörungstheorien und dieser eigentümlichen Kombination aus Selbstmitleid und Brutalität. Sie verbreiten Angst und Schrecken und reduzieren den sozialen Raum, in dem wir uns begegnen und artikulieren können.

Sie wollen, daß nur noch Jüdinnen und Juden sich gegen Antisemitismus wehren, daß nur noch Schwule gegen Diskriminierung protestieren, sie wollen, daß nur noch Muslime sich für Religionsfreiheit engagieren, damit sie sie dann denunzieren können als jüdische oder schwule „Lobby“ oder „Parallelgesellschaft“, sie wollen, daß nur noch Schwarze gegen Rassismus aufbegehren, damit sie sie als „zornig“ diffamieren können, sie wollen, daß sich nur Feministinnen gegen Machismo und Sexismus engagieren, damit sie sie als „humorlos“ abwerten können.

In Wahrheit geht es gar nicht um Muslime oder Geflüchtete oder Frauen. Sie wollen alle einschüchtern, die sich einsetzen für die Freiheit des einzigartigen, abweichenden Individuellen.

Deswegen müssen sich auch alle angesprochen fühlen.

Deswegen lässt sich die Antwort auf Hass und Verachtung nicht einfach nur an „die Politik“ delegieren. Für Terror und Gewalt sind Staatsanwaltschaften und die Ermittlungsbehörden zuständig, aber für all die alltäglichen Formen der Missachtung und der Demütigung, für all die Zurichtungen und Zuschreibungen in vermeintlich homogene Kollektive, dafür sind wir alle zuständig.

Was wir tun können?

Ich zitiere, ich weiß nicht, zum wievielten Mal heute, Hannah Arendt: „Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir in sie geboren wurden,“ schrieb Hannah Arendt in der Vita Activa, „und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen.“ Ende des Zitats.

Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen. Wir können sprechen und handeln. Wir können die Verantwortung auf uns nehmen. Und das heißt: Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt.

Dazu braucht es nur Vertrauen in das, was uns Menschen auszeichnet: die Begabung zum Anfangen. Wir können hinausgehen und etwas unterbrechen. Wir können neu geboren werden, in dem wir uns einschalten in die Welt. Wir können das, was uns hinterlassen wurde, befragen, ob es gerecht genug war, wir können das, was uns gegeben ist, abklopfen, ob es taugt, ob es inklusiv und frei genug ist oder nicht.

Wir können immer wieder anfangen, als Individuen, aber auch als Gesellschaft. Wir können die Verkrustungen wieder aufbrechen, die Strukturen, die uns beengen oder unterdrücken, auflösen, wir können austreten und miteinander suchen nach neuen anderen Formen.

Wir können neu anfangen und die alten Geschichten weiterspinnen wie einen Faden Fesselrest, der heraushängt, wir können anknüpfen oder aufknüpfen, wir können verschiedene Geschichten zusammenweben und eine andere Erzählung erzählen, eine, die offener ist, leiser auch, eine, in der jede und jeder relevant ist.

Das geht nicht allein, dazu braucht es alle in der Zivilgesellschaft. Demokratische Geschichte wird von allen gemacht. Eine demokratische Geschichte erzählen alle. Nicht nur die professionellen Erzählerinnen und Erzähler. Da ist jede und jeder relevant, alte Menschen und junge, die mit Arbeit und die ohne, die mit mehr und die mit weniger Bildung, Dragqueens und Pastoren, Unternehmerinnen und Offiziere, Renterinnen und Studenten. Jede und jeder ist wichtig, um eine Geschichte zu erzählen, in der alle angesprochen und sichtbar werden. Dafür stehen Eltern und Großeltern ein, daran arbeiten Erzieher und Lehrerinnen in den Kindergärten und Schulen, dabei zählen Polizistinnen und Sozialarbeiter so wie Clubbesitzer und Türsteher. Diese demokratische Geschichte eines offenen, pluralen Wir braucht Bilder und Vorbildern, auf den Ämtern und Behörden ebenso wie in den Theatern und Filmen. Damit sie uns zeigen und erinnern, was und wer wir sein können.

Wir dürfen uns nicht nur als freie, säkulare, demokratische Gesellschaft behaupten, sondern wir müssen es dann auch sein.

Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.

Säkularisierung ist kein fertiges Ding, sondern ein unabgeschlossenes Projekt.

Demokratie ist keine statische Gewissheit, sondern eine dynamische Übung im Umgang mit Ungewissheiten und Kritik.

Eine freie, säkulare, demokratische Gesellschaft ist etwas, das wir lernen müssen. Immer wieder. Im Zuhören aufeinander, im Nachdenken über einander, im gemeinsamen Sprechen und Handeln, im wechselseitigen Respekt vor der Vielfalt der Zugehörigkeiten und individuellen Einzigartigkeiten. Und nicht zuletzt im gegenseitigen Zugestehen von Schwächen und im Verzeihen.

Ist das mühsam? Ja, total. Wird das zu Konflikten zwischen verschiedenen Praktiken und Überzeugungen kommen? Ja, gewiss. Wird es manchmal schwer sein, die jeweiligen religiösen Bezüge und die säkulare Grundordnung in eine gerechte Balance zu bringen? Absolut. Aber warum sollte es auch einfach zugehen?

Wir können immer wieder anfangen. Was es dazu braucht?

Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern, damit es häufiger geschieht, daß wir alle sagen: wow. So sieht es also aus dieser Perspektive aus.


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9 Gedanken zu „Carolin Emcke: Rede in der Paulskirche

  1. Die Laudatio von Seyla Benhabib ist ebenfalls lesenswert: Die Erzählerin als moralisches Zeugnis
    Gefallen hat mir auch, daß der Frankfurter Oberbürgermeister Heinrich Riethmüller seinem Grußwort ein Gedicht von Rose Ausländer voranstellt:

    Niemand
    ich bin König Niemand
    trage mein Niemandsland in der Tasche

    Mit Fremdenpaß reise ich
    von Meer zu Meer

    Wasser deine blauen
    deine schwarzen Augen
    die farblosen

    Mein Pseudonym
    niemand
    ist legitim

    Niemand argwöhnt
    dass ich ein König bin
    und in der Tasche
    trage mein heimatloses Land.

  2. Das sogenannte konservative Feuilleton überschlägt sich. Bemerkenswert die Reaktion bei der FAZ, die applaudiert,
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buchmesse/themen/reporterin-carolin-emcke-erhaelt-friedenspreis-14494733.html
    weil Emcke mit „Hintermännern“ auch „das brillante Bild der ‚rassistischen Product-Placements‘ fand“. Der Applaus ist notwendig, nachdem bei eben dem Blatt kaum eine Woche vergeht, wo ein gewisser Herr Sarrazin nicht zu Wort kommt oder noch 2010 der Verfechter einer gnadenlosen Freund-Feind-Dichotomie Karl Doehring Muslimen in toto die Fähigkeit zur Verfassungstreue absprach. Ansonsten aber meint der dortige Artikler in „der Zeremonie den Anschein eines Frankfurter Schultreffens“ ausmachen zu können. Dass er das im höchsten Maß abschätzig meint, belegt er im nächsten Satz: „Aber weniger provinziell hätte es unter den Augen des selig lächelnden Oberbürgermeisters Peter Feldmann nicht zugehen können.“

    Eine besondere Sahneschnitte liefert die Welt. Den dortigen Artikel
    https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article158988723/Jeder-kriegt-den-Preistraeger-den-er-verdient.html
    ziert noch über Titel und -bild der tag „Gutmenschen-Treffen“. Ob der ohnehin notorische Thomas Schmid damit nun seine Bewerbung vom Springer weg Richtung Köppels Weltwoche oder AfD markiert, lasse ich offen. Aber es scheint ihm vor allem Seyla Benhabibs Satz von der „Rückkehr einer autoritären, patriarchalen Ideologie der ‚weißen Europäischen Abstammung'“ unter die Haut gegangen zu sein. Denn derart paternalistisch herablassend wie wortreich zu umschreiben, dass die Preisträgerin sich bitte nicht ihr Köpfchen zerbrechen solle, weil alles das, was sie sagt, ja hinreichend bekannt sei, zeugt nicht von Größe, sondern von einer Fallhöhe: Vom letzten Treppenabsatz direkt auf den Boden des Souterrains.

    • Mehr sich überschlagendes Feuilleton:
      Jens Jessen: Warnung! Dieser Artikel kann Gefühle der Kränkung auslösen (kommt ohne direkten Bezug auf Carolin Emcke aus)
      Adam Soboczynski: Das Leiden der anderen, beide Die Zeit/Zeit Online.

      Der gemeinsame Nenner mit Patrick Bahners und Thomas Schmid: welterklärende Kerle, die der Ansicht sind, eine wie die Emcke sollte sich ihr hübsches Köpfchen besser nicht zerbrechen, bzw. sei daran kläglich gescheitert. Ich werde den Eindruck nicht los, daß die nicht begriffen haben, wie schwer Einfachheit ist – natürlich erzählt Carolin Emcke nichts bahnbrechend Neues, aber sie verknüpft und strukturiert und zwar wie!

      Während ich für Schreiber wie Bahners, der seine gröbsten Unverschämtheiten doch tatsächlich noch als Fragen tarnt, nicht viel mehr als Verachtung übrig habe und das schale Gefühl, daß da welche ausdrücklich unter ihren Möglichkeiten bleiben wollen.

      Ich möchte ein älteres, aber bis auf Details ungebrochen aktuelles Buch von Carolin Emcke allerwärmstens empfehlen: Von den Kriegen, aus dem sich auch erschließt, wie und warum sie ihrer Zeugenschaft soviel Raum gibt (und nebenbei auch den darin liegenden und möglichen Unterschied zu Oriana Fallacis haßerfülltem Spätwerk aufscheinen läßt, ungeachtet der vielen Parallelen der jeweiligen Lebensläufe).

      Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man die Einladung des Hasses, sich ihm anzuverwandeln, ausschlägt. Wer Hass mit Hass beantwortet, lässt sich zu dem machen, was die Hassenden wollen, das man sei. Ich will mich nicht ethisch verstümmeln lassen, nur weil mich Menschen verachten oder hassen. Dem Hass begegnen, dem Fanatismus begegnen lässt sich nur, in dem man das aktiviert, was denen abgeht: genaues Beobachten, Selbstzweifel und die Fähigkeit zur Ironie.

  3. René Aguigah kommt im dradio auf den Punkt: Kritik an den Kritikern von Carolin Emcke. Aus ihren Zeilen spricht Verachtung

    Schon vor der Preisverleihung trug der Kritiker der Wochenzeitung „Die Zeit“ seinen Verriss des Buches „Gegen des Hass“ als ironisch stichelnde Schmährede vor. Carolin Emckes Buch erfülle die „volkspädagogisch wichtige Funktion einer … Selbstvergewisserung über grundlegende ethische Standards“. Der Kritiker fühlte sich, schreibt er, „in die schöne alte Zeit von Proseminaren der achtziger und neunziger Jahre versetzt“.

    Wobei er, der Kritiker, 1975 geboren ist und die Seminare zumindest der 80er als Grundschüler erlebt haben müsste. Einen sachlichen Einwand trägt er dann doch vor. Er habe das „Gefühl, dass bei Emcke abgeleitete Oberflächenphänomene als zentrale begriffen“ würden, „während die sozialen (harten Fakten) ganz in den Hintergrund“ rückten. Offenbar hat er all jene Stellen nicht gelesen, an denen Emcke auch in diesem Buch „ökonomische und soziale Interventionen“ fordert, um gegen Hass und Gewalt vorzugehen.

    Der Kritiker der „Zeit“ legt einen Pfad, auf dem der Kritiker der „Welt“ hinterherdackelt. In Emckes Friedenspreis-Rede hat er nichts anderes gehört als Dinge, die in der liberalen Bürgergesellschaft „selbstverständlich“ sein sollten; einen „Feldgottesdienst der Zivilgesellschaft“, wie bei der „Allerweltstheologin Margot Käßmann“, so schreibt er.

    Und so rauscht es weiter im Internet, seit Tagen. Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt“, bezeichnet Emcke auf Twitter als „Darling der Anständigen“. Jan Fleischhauer, Kolumnist bei „Spiegel online“ fällt ein: „Antje Vollmer und die Betroffenheit sind zurück. Vollmer heißt jetzt Carolin Emcke.“ Twitter, der Kurznachrichtendienst, als Stammtisch. Nicht die Zahl der geklopften Schenkel zählt, sondern die Zahl der angeklickten Herzchen und der Weiterleitungen. Käßmann, Vollmer, Emcke, höhö.

    Überboten hat diese Pointen bislang nur einer. Thomas Fischer, seines Zeichens Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof. Ein Zitat aus seiner jüngsten Kolumne für die „Zeit“, leider etwas länger als 140 Twitter-Zeichen: „Nehmen wir einen Apfelbutzen: Abgegessen, teilweise bräunlich oxidiert, mit Spuren von Zahnfleischbluten. Charles Bukowski, ein unbekannter Dichter, hätte dazu gesagt: ‚Dein Schlüpfer, meine Seele: Auf beidem eine Spur von Scheiße.‘ Der Preisträgerin (Carolin Emcke) würde so etwas nicht über die Lippen gehen. Sie hat persönlich ein Tempotaschentuch beweint. Wir lieben so was. Wir möchten unbedingt ebenfalls den Friedenspreis des deutschen Kuscheltuchhandels. Und spenden ihn dann an ein Waisenkind auf Haiti. Wir melden uns hiermit an auf der Warteliste der zehn verfolgtesten lesbischen Friedenskämpferinnen ohne eigene Meinung.“

    Ob das den Tatbestand der Hassrede erfüllt? Nicht ganz. Wohl aber spricht aus all den zitierten Zeilen dieser Herren nichts anderes als Verachtung. Hass ist Sache des Herzens, schreibt Arthur Schopenhauer; und Verachtung ist eine Sache des Kopfes (und Schopenhauer kannte sich da aus). Es ist also kein Zufall, dass die gebildeten Herren nicht mit Schaum vor dem Mund hassen, sondern mit routiniert gesetzten Pointen verachten. Müßig, darüber zu spekulieren, warum genau sie das tun; Arroganz oder zu viel oder zu wenig Bildung oder Frauenfeindlichkeit – egal. Eins steht fest: Diese Verachtung ist ein Symptom genau jener Verrohung der öffentlichen Debatte, die Carolin Emcke analysiert. Die gebildeten Stände lassen hassen.

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