8.991

8.991

BAMF:

Während politische Verfolgung, Verfolgung aufgrund einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit, Bürgerkriege sowie eine mangelnde Perspektive sowohl für Erwachsene als auch für Minderjährige Motive zur Flucht sein können, existieren eine Vielzahl von Bedrohungssituationen, von denen Kinder und Jugendliche in besonderem Maße betroffen sind.

Dazu zählen z. B. die Rekrutierung als Kindersoldaten, Genitalverstümmelung bei Mädchen, Zwangsprostitution und -verheiratung, familiäre Gewalt oder auch die Suche nach Familienangehörigen … . Eine detaillierte Aufschlüsselung nach Fluchtursachen und Umständen für die in Deutschland lebenden unbegleiteten Minderjährigen lässt die Datenlage nicht zu.

Aber nicht nur spezifische Bedrohungssituationen tragen dazu bei, dass Minderjährige ohne Begleitung ihrer Eltern in Deutschland eine Perspektive suchen. Oftmals verlieren sie ihre Eltern in Konflikten oder sie fliehen zwar zusammen mit ihren Eltern aus ihrer Herkunftsregion, werden jedoch durch die Umstände der Flucht von diesen getrennt und schlagen sich dann ohne sie bis nach Deutschland durch.


 

8.991 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden in Deutschland vermisst. Kleiner Scherz, sie werden natürlich nicht wirklich vermisst, sie wurden nur als vermisst gemeldet. Denn wir (stellvertretend: das ZON-Kommentariat) wissen ja: unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kosten, schmutzen, lügen, klauen, belästigen, dealen, islamisieren, es sind alles junge Männer im „soldatenfähigen Alter“, die ihre Pässe wegwerfen, sich mittels falscher Angaben über ihr Alter und ihre Herkunft Vorteile erschleichen, die Geschlechterverteilung kippen und „unsere Frauen“ vergewaltigen etc.pp.

Anfang des Jahres waren es noch „nur“ 4.749 abhanden gekommene minderjährige Flüchtlinge in Deutschland, in Europa laut Europol mehr als 10.000 verschwundene unbegleitete Kinder und Jugendliche.

Aktuell sind in Deutschland 867 Flüchtlingskinder im Alter von 13 Jahren oder jünger unauffindbar.

Als zynisch muß man die Erklärung des BKA begreifen, das zwar nichts weiß, aber sicher ist, daß schon nichts passiert sein wird. Die Rotzgören werden eben zu ihren Verwandten im In- und Ausland gereist und sich nicht ab- und umgemeldet haben.

„Konkrete Erkenntnisse, dass ein Teil der zu Jahresbeginn vermissten minderjährigen Flüchtlinge Kriminellen in die Hände gefallen sein könnten, liegen im Bundeskriminalamt nicht vor“ …

Das BKA hat demnach eine andere Erklärung für die hohe Zahl an vermissten Kindern: Vielfach würden die Minderjährigen aufbrechen, um Verwandte oder Bekannte in anderen deutschen Städten oder im europäischen Ausland aufzusuchen. Anschließend gebe es oft keine Rückmeldung, wenn die Kinder bei ihrer Familie angekommen seien, hieß es weiter. Hinzu kämen Mehrfachregistrierungen, wenn sich Jugendliche an einem anderen Ort wieder meldeten oder es verschiedene Schreibweisen der Namen gebe.


 

Die Kinderrechtskonvention wurde 1992 zu geltendem Recht in Deutschland, 2010 wurden endlich die Vorbehalte gegen die Gewährung aller Rechte auch an nichtdeutsche Kinder gestrichen. Die Unterbringung und Versorgung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge ist im Kinder- und Jugendhilfegesetz festgeschrieben, daraus:

Das Jugendamt ist … verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn ein ausländisches Kind oder ein ausländischer Jugendlicher unbegleitet nach Deutschland kommt und sich weder Personensorge- noch Erziehungsberechtigte im Inland aufhalten. … Das Jugendamt hat während der Inobhutnahme die Situation, die zur Inobhutnahme geführt hat, zusammen mit dem Kind oder dem Jugendlichen zu klären und Möglichkeiten der Hilfe und Unterstützung aufzuzeigen. Dem Kind oder dem Jugendlichen ist unverzüglich Gelegenheit zu geben, eine Person seines Vertrauens zu benachrichtigen. Das Jugendamt hat während der Inobhutnahme für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen zu sorgen …


 

Der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge hat Anfang August eine erste Evaluierung der Unterbrings- und Betreuungssituation seit Inkrafttreten des Umverteilungsgesetzes im November 2015 veröffentlicht. Seit 1. November werden unbegleitete Kinder und Jugendliche nach Quote quer durch die Republik verteilt, völlig egal, ob es in den Kommunen auch Infrastrukturen zu ihrer Versorgung – Wohngruppen, Bildungsangebote, Therapiemöglichkeiten, qualifiziertes Personal – gibt oder nicht.

Sehr viele minderjährige Flüchtlinge sind unzureichend versorgt und betreut, sie sind in Not- und Massenunterkünften untergebracht statt in enger persönlicher, möglichst familienähnlicher Betreuung, die Therapiesituation ist so desaströs wie für erwachsene Flüchtlinge auch, das Bildungsangebot mäßig bis saumäßig. Negativer Spitzenreiter ist – Überraschung – Berlin.

Ein Problem […] ist, dass die verteilten Jungs/ Mädchen öfters noch in Notunterkünfte kommen, anstelle von Wohngruppen. Die Folge ist, dass sie wieder zurück in unsere Einrichtung kommen.“ Teilnehmer_in aus Bayern

„Alle Kommunen suchen Gastfamilien, wollen aber keine Jugendhilfestandards bezahlen. JuMeGa Gastfamilien sind ihnen zu teuer, stattdessen werben sie mit deren Standards, erfüllen sie danach aber nie.“ Teilnehmer_in aus Niedersachsen

„Anschlussmaßnahmen gerade in Gastfamilien, werden nicht von den Betreuern der Inobhutnahme ambulant weiter mit begleitet, da die Stadt diese Maßnahmen trennt und hierfür andere Träger wählt, dadurch geht wichtiges Wissen verloren und der Jugendliche steigt erneut in ein neues Terrain ein, ohne vertraute und stabilisierende Bezugspersonen.“ Teilnehmer_in aus Nordrhein-Westfahlen

„Es wurden im vergangenen Jahr in unserem Landkreis von anderen Trägern (ohne Erfahrungen mit UMF) in Kooperation mit dem Jugendamt Notkonstrukte geschaffen. Nun ist das Gesetz früher in Kraft getreten, die prophezeiten Zuweisungen innerhalb Hessens sind ausgeblieben. […] Da das Jugendamt diese Notkonstrukte selbst angemietet und ein Objekt sogar gekauft hat, ist zu vermuten, dass diese vorrangig belegt werden, wenn es zu 34er-Maßnahmen kommt. […] Es ist nicht zu vertreten, dass Notkonstrukte belegt werden, wenn Plätze in Jugendhilfeeinrichtungen mit den entsprechenden (und notwendigen!!) Standards frei sind.“ Teilnehmer_in aus Hessen

„Es gibt aktuell noch immer Jugendliche die seit mittlerweile 4(!) Monaten bei uns in der Notaufnahme wohnen und noch immer im Unklaren darüber sind, ob sie noch verteilt werden (u.U. wieder eine Notaufnahmestelle) oder nicht.“ Teilnehmer_in aus Baden-Württemberg

„Während der vorläufigen Inobhutnahme, die je nachdem bis zu 30-40 Tagen andauern kann, wird keine Erstuntersuchung mit Lungenröntgen [und] Blutabnehmen mehr durchgeführt. Der Schutz für Mitarbeiter und die Jugendlichen selbst ist nicht gewährleistet!“ Teilnehmer_in aus Hessen

„Kein Clearing, nur eine medizinische Notversorgung, keine Infektiologische oder Immunologische Sichtung/Betreuung, obwohl extra ein medizinisches Clearinghaus […] eingerichtet wurde.“ Teilnehmer_in aus Bayern

Das Personal der Kinder- und Jugendhilfe ist nicht ausreichend auf die Arbeit vorbereitet, es fehlt an Fortbildungen, es fehlt an Eigeninitiative, es fehlt an Vielem…“ Teilnehmer_in aus Mecklenburg-Vorpommern

„Es werden Jugendliche verteilt, obwohl sie im zusendenden Landkreis Familienangehörige haben. Andere Jugendämter teilten dazu mit, dies sei kein Verteilungshindernis.“ Teilnehmer_in aus Brandenburg

„[Die] Verlegungsfähigkeit wird immer festgestellt, selbst bei Selbstverletzungen, Androhungen von Suizid usw.“ Teilnehmer_in aus Hessen

„[Es] müsste viel mehr Zeit da sein, um ihnen mit einem Dolmetscher die Situation und was als nächstes passiert erklären zu können. […] Ein Kollege erzählte, dass drei Jungs im Auto auf dem Weg in die Jugendhilfeeinrichtung verängstigt aus dem Fenster schauten und, als sie den Wald sahen, fragten, ob sie ins Gefängnis gebracht werden.“ Teilnehmer_in aus Niedersachsen

„Häufige Wiederkehr von ängstlichen, stark frustrierten Jugendlichen aus den Folgeunterbringungen in die Inobhutnahmestellen […]. Das Frustrationslevel ist unter allen Beteiligten stark gestiegen.“ Teilnehmer_in aus Baden-Württemberg

„[…] in den meisten Fällen (aktuell in 10 von 12!) ist kein Schulbesuch möglich (Dauer der Verfahren, nicht genügend Schulplätze); – u.a. dadurch findet weder ein organisierter Sprach- und Kulturerwerb, noch der Aufbau von Sozialkontakten und Integration statt.“ Teilnehmer_in aus Sachsen-Anhalt

„Die Jugendlichen, die dann in der vorläufigen Inobhutnahme sind, haben kein (!!!!) Anrecht auf Beschulung, wenn das nicht von der Einrichtung, Ehrenamtlichen o.ä. getragen wird, findet bis dato auch noch kein Deutscherwerb statt!“ Teilnehmer_in aus Niedersachsen

„Asylantragstellung erfolgt erst nach Bestellung des Amtsvormunds. Da dies sehr lange dauert, verlieren die Minderjährigen wichtige Zeit im Antragsverfahren, insbesondere, wenn sie zeitnah volljährig werden.“ Teilnehmer_in aus Hessen


 

Dann erzählt die Sozialarbeiterin die Geschichte von Joyce, die eigentlich anders heißt: Mit 17 Jahren sei sie aus einem kleinen Ort im afrikanischen Land Gambia geflohen. „Ihre Familie wollte sie verheiraten und vorher zum zweiten Mal beschneiden lassen“, sagt Hitzke. „Joyce lief von zu Hause weg und geriet an Menschenhändler.“ Sie erklärten dem Mädchen, es könne in Europa eine Ausbildung machen und Arbeit finden. Bezahlen müsse es für die Reise erst später.

Joyce lässt also ihre Familie zurück und zieht durch die Wüste in Richtung Europa. Schon auf dem Weg wird sie von ihren vermeintlichen Helfern vergewaltigt, in Libyen dann zur Prostitution gezwungen. Als sie genug Geld verdient hat, schickt man sie auf ein Boot. Sie erlebt, wie eine Frau über Bord geht und ertrinkt. An der italienischen Küste wartet eine neue Zuhälterin. Erst als Joyce schwanger wird, ergreift sie die Flucht und landet schließlich in Dortmund auf der Bank in dem dunklen Hinterhof.

Auf die meisten Mädchen stoßen die Dortmunder Sozialarbeiterinnen nicht auf dieser Bank, sondern auf ihren Touren, die sie nachts durch Diskotheken, Kneipen und auf dem Straßenstrich machen. Viele Kontakte kommen außerdem durch die Präventionsarbeit an Schulen und in Jugendgruppen zustande. Die Kriminalitätsstatistik 2015 weist zwar nur 147 Fälle von Prostitution Minderjähriger in Deutschland aus. „Aber die Dunkelziffer ist wahrscheinlich viel höher“, sagt Hitzke. Das sehe man schon daran, dass 2012 noch 125 minderjährige Prostituierte die Unterstützung der Mitternachtsmission genutzt hätten, 2015 aber nur 55. Warum? „2012 hatten wir 1,5 Stellen für den Bereich, jetzt sind es nur noch 0,5“, sagt Hitzke. „Leider bekommen wir für diesen Bereich keine öffentlichen Fördermittel. Wir sind auf Spenden und Stiftungen angewiesen.“ …

Aber nicht nur Mädchen trifft es: Der Verein „Hilfe für Jungs“ unterstützt seit 1994 in Berlin Jungen und junge Männer, die von sexueller Ausbeutung und Gewalt bedroht oder betroffen sind. „Man merkt es deutlich, wenn viele Flüchtlinge in Deutschland ankommen“, sagt Geschäftsführer Ralf Rötten. So seien in den neunziger Jahren während der Jugoslawien-Kriege sehr viele Jugendliche aus dieser Region auf dem Strich aufgetaucht. In den vergangenen zwölf Monaten habe man wieder einen „deutlichen Anstieg“ von jugendlichen Flüchtlingen auf dem Strich festgestellt, die aus Syrien, dem Irak und anderen Krisengebieten kommen. „Es ist ein Problem, dass es oft so lange dauert, bis ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist“, sagt Rötten. „Ihren Körper zu verkaufen ist für viele Flüchtlinge oft die einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen.“


Aber da das BKA davon nichts weiß, wird schon nichts passiert sein mit den 8.991 verschwundenen Minderjährigen, darunter fast 10% amtliche Kinder.

Nichts Wichtiges jedenfalls.


Foto: Andreas Bohnenstengel (beschnitten) Kinder in einer Unterkunft in Gauting

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3 Gedanken zu „8.991

  1. „Wer auch immer ein einziges Leben rettet, der ist, als ob er die ganze Welt gerettet hätte”. Meine Güte, und das Ganze mit 8991 oder wie viel auch immer multipliziert.
    Liebe Grüße, Diander

  2. Heute ist übrigens der Internationale Tag der Verschwundenen, derjenigen, die eine Regierung gewaltsam hat verschwinden lassen. Nicht die Erde hat sie verschluckt

    „Mein Ehemann Hugo Alberto Scutari war 27 Jahre alt, als er am 5. August 1977 auf der Straße entführt wurde. Ich wurde am gleichen Tag aus meiner Wohnung geholt. Wir wurden im Geheimgefängnis ‚Club Atletico‘ auf dem Paseo Colon zwischen San Juan und Cochabamba festgehalten. Ich wurde 92 Tage lang gefoltert. Meinen Mann habe ich seitdem nicht mehr gesehen. Seine letzten Worte an mich waren: ‚Sei stark und gib mich nicht auf.‘ Diese Worte werde ich in Erinnerung behalten und in meinem Herzen – für den Rest meines Lebens. Für ihn und für die anderen 30.000.“

    Dies schrieb die Argentinierin Delia Barrera in einer E-Mail vom August 1995. …
    In verschiedenen Staaten Lateinamerikas war diese Form von besonders perfidem Terror unter diktatorischen Regimes gängiges Mittel zur Bekämpfung von Oppositionellen, auch aus anderen Ländern. …

    Heute wird geschätzt, dass gegenwärtig in mindestens 30 Staaten das ‚Verschwindenlassen‘ ganz bewusst als ‚politische Praxis‘ eingesetzt wird. Gerade in Ländern wie Nepal, Kolumbien, Kaschmir, Tschetschenien, Pakistan, Weißrussland, Irak und den Philippinen sind in den letzten Jahren viele Menschen ‚verschwunden‘. Aber auch die USA ließen im ‚Krieg gegen den Terror‘ immer wieder gezielt mutmaßliche Terroristen verschwinden, beklagt Amnesty International. Die Organisation weist darauf hin, dass im Moment ganz besonders in Syrien Menschen in Gefängnisse gesteckt, gefoltert und nicht selten umgebracht werden, ohne dass ihre Angehörigen irgend etwas über ihren Verbleib erfahren. Und in vielen Ländern suchen die Menschen auch etliche Jahre später noch nach Spuren ihrer Vermissten: Auf dem Balkan zum Beispiel werden so viele Jahre nach Kriegsende immer noch rund 19.000 Menschen vermisst. In Südafrika verschwanden während der Apartheid rund 1.500 Personen – ihr Schicksal bleibt häufig unklar. Und auch in der Türkei beispielsweise gibt es augenblicklich wohl noch rund 70 unaufgeklärte Fälle von Verschwinden.

    Mehr als 2 Millionen Menschen weltweit sind „verschwunden“.

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