Cem Karaca. Die Kanaken. Willkommen


Ein Lied wird nach über 30 Jahren zum Internet-Hit unter Deutsch-Türken. Komponiert und gesungen wurde es erstmals 1984 vom türkischen Kult-Musiker Cem Karaca. Seine Mutter war Armenierin, sein Vater stammte aus Aserbaidschan. Er galt als Systemkritiker und musste nach dem Militärputsch 1980 in der Türkei bis 1987 in Deutschland im Exil leben.

In seiner Zeit in Deutschland schrieb und komponierte er eine Vielzahl an Liedern in deutscher Sprache. Darunter auch „Willkommen“ aus seinem Album „Die Kanaken“. …

Heute, nach 32 Jahren, zieht der Song im Internet weite Kreise und die deutsch-türkische Community ist sich einig: das Lied hat kaum an Aktualität eingebüßt. „Tragt Bein und Kopf – doch bitte pur“ beschreibe die heutige Kopftuchdebatte. Die Diskriminierung von Ausländern auf dem Arbeitsmarkt finde seinen Niederschlag in der vierten Strophe. Und Debatten über muslimische Ess- und Trinkgewohnheiten seien ebenfalls kein Schnee von Gestern – etwa wenn sich deutsche Politiker aufregten über Kantinenessen ohne Schweinefleisch.

Seine plötzliche Popularität verdankt das Lied aber auch dem Lebensweg von Karaca. Der kürzlich niedergeschlagene Staatsstreich in der Türkei hat Werke von Künstlern in Erinnerung gerufen, die in früheren Putsch-Kontexten entstanden sind.

„Und da fragen sich deutsche Politiker, warum am Wochenende in Köln so viele Türken demonstriert haben“, schreibt ein Facebook-User über das Lied. „Natürlich gehen wir hin. So lange dieses Lied aktuell bleibt, wird sich daran auch nichts ändern“


Mehr Videos von Die Kanaken. Kannte ich nicht, gefällt mir sehr.


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Ein Gedanke zu „Cem Karaca. Die Kanaken. Willkommen

  1. Fabian Köhler, bento:

    In den Sechzigerjahren war Karaca der vielleicht berühmteste Vertreter des Anadolu Rock – eine Mischung aus importierten Sound britischer und amerikanischer Rockmusik und türkischer Volksmusik. Vielen gilt er sogar als Begründer türkischer Rockmusik.

    Und allein das hatte schon integrative Kraft: Karaca, der in Istanbul als Sohn einer gutbetuchten Schauspielerfamilie aufwuchs und auf eine amerikanische Schule ging, verband in seiner Musik das westliche Lebensgefühl Istanbuls mit der traditionellen Musik der anatolischen Landbevölkerung. Als Linke und Nationalisten in den Sechziger- und Siebzigerjahren in der Türkei aufeinander losgingen, entwickelte sich Karaca dann zu einer Art Protestsänger.

    Als sich am 12. September 1980 kemalistische Militärs in der Türkei an die Macht putschten, hatte der linke Patriot Karaca das Land schon verlassen. In Abwesenheit warfen ihm die Putschisten unter General Kenan Evran vor, mit seiner Musik die Bevölkerung aufzustacheln, erließen Haftbefehl und entzogen dem vermeintlichen Marxisten die türkische Staatsbürgerschaft.

    Es dauerte sieben Jahre, bis Ministerpräsident Turgut Özal „Cem Baba“ amnestierte und er in seine Heimat zurückkehren konnte. Dort wurde Karaca mit seiner Musik erneut zum Mittler: diesmal zwischen Säkularen und Religiösen.

    Klingt, als könnte man seine Musik auch heute wieder gebrauchen. Auch in der deutschen Integrationsdebatte: Auf seinem einzigen deutschsprachigen Album „Kanaken“ findet sich noch ein Song zum Thema. In „Mein Deutscher Freund“ singt Karaca:

    Türkisch Kind und deutsches Kind,
    Ihr sollt unsere Hoffnung sein.
    Da, wo jetzt noch Schranken sind,
    Reißt sie nieder, stampft sie ein.
    

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