Cheap and cheerful

 

cheapandcheerful1 Foto: Wikimedia Commons, beschnitten

‚Cheap and cheerful‘ nennt mein Freund John die chinesischen Restaurants, die überall auf der Welt gleich kitschig und zwingend mit Aquarium eingerichtet sind, wo man stets freundlich-routinierte Aufnahme findet und getrost ohne Blick auf die Karte Nummer 8 bestellen kann: es ist mit großer Wahrscheinlichkeit Sukiyaki, Rindfleisch mit viel Glutamat (das eigentlich ein japanisches Gericht und – falls authentisch zubereitet – überaus köstlich ist).

Das Personal eines solchen Restaurants im schönen Dülmen rettete einen ausschließlich Mandarin sprechenden Touristen aus Nordchina aus den Mühlen der deutschen Asylbürokratie.

Ihm war offenbar in Stuttgart die Geldbörse abhandengekommen. Statt an die Polizei geriet er an eine Behörde in Heidelberg, die ihm einen Asylantrag vorlegte. Anschließend wurde er in die Erstaufnahme in Dortmund gebracht, wo man ihm Reisepass und Visum abnahm und seine Fingerabdrücke registrierte. „Er war auf einmal in unserem System drin und wurde dann behandelt wie jeder andere Asylbewerber auch“ erklärte ein Sprecher der zuständigen Bezirksregierung Arnsberg: Er wurde geröntgt, untersucht, bekam die Ankunftsdokumente und wurde nach Dülmen gefahren.

Dort fiel er schließlich den Betreuern auf, weil er gut angezogen, überaus höflich und „sehr sehr hilflos“ war.

Mit Hilfe einer Übersetzungs-App (die feine Sätze wie „Ich möchte im Ausland spazieren gehen“ zutage förderte) und der Übersetzung eines Mitarbeiters des örtlichen chinesischen Restaurants wurde nach etwa 2 Wochen klar, daß der Mann eigentlich gern auch noch die spanische Treppe und den Eifelturm gesehen hätte.

Die Reiseroute Stuttgart-> Heidelberg-> Dortmund-> Dülmen ermöglichte ihm in jedem Fall eine andere Deutschlandwahrnehmung als die üblichen Route Heidelberg-> Loreley-> Neuschwanstein.

Der Nordchinese habe gesagt, „Europa sei ganz anders, als er erwartet habe“ ließ Heimleiter Schlütermann vom Roten Kreuz verlauten, der ergänzte, daß der Mann „glücklich, aber nicht wütend“ gewesen sei, die Dülmener Asylunterkunft verlassen zu können. „Da war wohl auch viel Obrigkeitsdenken dabei. Er hat einfach gemacht, was man ihm gesagt hat.

Was würden Sie erwarten, wenn Sie als Tourist nach Europa kämen und 12 Tage auf einem Feldbett in einer Flüchtlingsunterkunft übernachten?

Denn:

Jeder bekommt bei uns ausreichend Verständigungsmöglichkeiten angeboten.


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18 Gedanken zu „Cheap and cheerful

        • Oh, das Gewinn-und-Genuß-Kompliment gebe ich so.fort zurück, ich mag Ihre Katastrophenchronik sehr!

          Und wünsche alles Gute für die Hunde-Gesundheit und sehr herrliche bayerische Ferien…;-)…
          Ich bin ein ganz klein bißchen neidisch, weil ich jahrelang immer Ende August eine teilberufliche alpenländische Rundreise im Programm hatte, der ich tw. schon ziemlich hinterhertrauere. Es ist ja fast nix toller, als den Sommer in möglichst vielen Seen auszubaden, in bayerischem Barock à la Wieskirche und wundervollem Irrsinn wie Neuschwanstein zu schwelgen und überhaupt von Herzen und aus Überzeugung Tourist zu sein.

          Abgesehen von der ungeheuerlich-unglaublichen Asylbürokratie: haben Sie sich schon mal über das kollektive Deutschlandbild Gedanken gemacht, das Europa-in-21-Tagen-Touristen mit nach Hause nehmen?
          Ich sehe den nordchinesischen Touristen schon seine Dülmen-Fotos dem beeindruckten Freundeskreis zeigen…

          • Zufällig sitze ich gerade mit einer Chinesin am Tisch. Sie schüttelt lachend den Kopf. Was das genau bedeutet sagt sie nicht.
            Ich glaube wir Deutschen gelten überall als Hardliner. Manche beeindruckt das, andere ängstigt es.
            Ich habe es aufgegeben mir zu überlegen, wie wir im Ausland wirken.
            Vor Jahren schon servierte man mir in Paris meine heiße Schokolade mit einem Hakenkreuz aus Sahne. Ich war nur mäßig erstaunt darüber.

            Bayern, ja. Von See zu See, von Idylle zu Idylle und von Madonna zu Madonna. So stelle ich mir das vor. Zwischendurch viel viel Langeweile und hoffentlich einen halbwegs gesunden Hund.
            Danke für die guten Wünsche!
            Ich werde an Sie denken, wenn ich vor einer bärtigen Madonna stehe.

          • Ich habe es aufgegeben mir zu überlegen, wie wir im Ausland wirken.

            Nein, das meinte ich gar nicht. Mir ging es um die touristische Aufbereitung, die z.B. der Kitsch in Heidelberg oder in Rothenburg ob der Tauber, die Bootsfahrt auf dem Rhein mit viel schlechtem Rheinwein und Gesang vom Band, die unbedingt einzuhaltenden Zeitfenster und die an Viehgatter erinnernde Zähmung der Touristenströme in Neuschwanstein für den staunenden Gast bereithalten.

            Das und das auf diese Weise gewonnene Bild eines Landes unterscheidet sich wahrscheinlich nur durch die Kulisse von der touristischen Aufbereitung des Eifelturms, Schloß Keukenhof oder der verbotenen Stadt in Peking.

            Ich bin so gern Tourist, weil mir das einen vorgeblich fremden und verkürzten Blick auf die Dinge erlaubt.
            Auch sehr gern in Berlin, ich bin begeisterte Fernsehturmbesucherin, mache mindestens eine Bootsrundfahrt/Jahr, die dreieinhalbstündige über Landwehrkanal und Spree und freue mich fast immer über Besuch, dessen fremden Blick ich dann teilen kann.
            Kennen Sie ‚Der Papalagi‚? So fremd wird der Blick ja leider nie.

            Sollten Sie übrigens in Bayern zufällig in Dietramszell vorbeikommen, gehen Sie unbedingt in die Klosterkirche, der Stuckateur ist der gleiche Johann Baptist Zimmermann, der auch die Wieskirche gestaltet hat und es gibt zwei Glassärge, in denen kostbar angezogene Gerippe bestaunt werden können, es riecht nach mehreren Jahrhunderten Weihrauch im Stein und es ist still – Dietramszell liegt im Wald, da ist nix los. Eine der Kirchen, wo ich eine Kerze kaufen und anzünden muß.

    • Ja, hatte ich schon gelesen. So eine App war überfällig. Manchmal ist es gut, wenn jemand einen unverstellten Blick von draußen auf´s System wirft und hier und da was wegkürzt. Wie monströs unsere Verwaltung ist erlebt man z.B. auch, wenn man eine Sterbeurkunde besorgen muss, um mit dieser dann innerhalb einer vorgegebenen Frist ein Erbe auszuschlagen.

      (Nachtrag: Madonna mit Bart natürl. wg. Ihres sehr interssanten beitrages vor einiger Zeit.)

  1. Dietramszell ist vorgemerkt- vielen Dank für den besonderen Tipp!
    Den Papalagi kannte ich nicht. Nochmals danke!

    „Ich bin so gern Tourist, weil mir das einen vorgeblich fremden und verkürzten Blick auf die Dinge erlaubt.
    Auch sehr gern in Berlin…“

    Geht mir genauso. Heute war ich z.B. am Brandenburger Tor und später am Sowjetischen Ehrenmal am Großen Stern und habe mich unter die Touristin gemischt. Die Brückentour über die Kanäle habe ich auch schon einige Male gemacht, und ich liebe es, wie Sie, diese andere Perspektive einzunehmen.
    Leider wird man nicht mehr naiv und es gibt keine zweite Chance für ein erstes Erleben. Aber es gibt was dazwischen. In Berlin hilft manchmal schon die Zeit. Gestern war der Monbijou-Pak ein anderer, als der, in dem ich vor vielen Jahren nachts auf dem Rasen lag und in den Himmel schaute, während die Ratten um mich herum wuselten.

  2. (Ich sehe gerade, dass Dietramszell mich am Starnberger See vorbeiführen würde, von Murnau kommend, und nur ca. 40 min Fahrt bedeutet. Da fahre ich auf jeden Fall hin, wenn ich denn überhaupt fahren kann. Auch ich werde dort in aller Stille eine Kerze anzünden. Bin voller Erwartung.)

    • Von Murnau aus würde ich eher über Bad Tölz fahren, nicht via Starnberger See.
      Falls Sie ein bißchen Zeit haben, gäbe es noch ein paar andere, wirklich hübsche Dinge in Dietramszell und Umgebung, z.B. den zauberhaften Friedhof in Kreuzbichl mit sensationellem Blick, Sie könnten (auch wenn es ein bißchen frischer sein sollte) in den Kirchsee hüpfen, anschließend im Biergarten des Klosters Reutberg die nächste sensationelle Aussicht bewundern und extrem gutes Bier trinken, es gäbe den Moarwirt in Hechenberg (auf der Straße von Dietramszell nach Tölz rechts, wenn Sie denken, das ist jetzt falsch – nein, noch ein klein bißchen weiter, ist richtig), wo die Verbindung von Dorfkneipe/Stammtisch und tw. sterneverdächtiger Küche ziemlich gut gelungen ist (der Biergarten der Klosterschänke schräg gegenüber der Klosterkirche ist aber auch nicht ganz häßlich) und es gäbe einen schönen und komfortiösen Spazierweg, nämlich quasi auf der Rückseite des Klosters, kurz hinter dem Ortsschild rechts abzweigend von der Straße nach Holzkirchen (mit einem kleinen Abstecher links in den Wald zum Dietramszeller Waldweiher, wieder zurück und weiter) zur Pelletsmühle. Kirchsee und Reutberg lieber nicht am Wochenende, da ist die Hölle los.

      Wenn ich mir zum Starnberger See noch zwei Literaturempfehlungen erlauben darf, falls Sie die nicht sowieso schon kennen? Das Leben meiner Mutter von Oskar Maria Graf und (vorzugsweise als Hörbuch, der Bierbichler liest selbst, Hammer!) Mittelreich von Josef Bierbichler (zeitlich und thematisch der Anschluß zu Oskar Maria Graf). Angesichts des am Starnberger See zur Schau getragenen Reichtums: ist es nicht irre, daß das noch vor 100 Jahren eine der ärmsten Gegenden in ganz Bayern war, wo die Luxusidee schlechthin in einer Schrippe bestand?

      Von Murnau aus empfiehlt sich ein Ausflug zum Walchensee und an dessen hinterem Ende die Benutzung der Privatstraße (mit übersichtlicher Maut) in die Jachenau, ein Traum in Tüten. Mein Murnauer Lieblingsausblick ist vom Biergarten an der Kapelle in Ramsach über das Moos in die Berge.

      Hach, spätestens jetzt bin ich wirklich ein bißchen neidisch…;-)…

      • Mei, da hab ich ka zu tun und noch mehr Vorfreude als bisher.
        Was hab ich für ein Glück an eine eine solche Insiderin geraten zu sein. (Kommen Sie aus der Gegend?)
        Ich werde mir später mal in aller Ruhe die vielen Links anschauen und der Laptop reist sowieso mit.

        1000 Dank schonmal, I frei mi!

        • (Kommen Sie aus der Gegend?)

          Nein, ich wurde mit 15 aus der Großstadt ins ländliche Oberbayern verschleppt und es dauerte fast 10 Jahre, bis ich es nach Berlin geschafft hatte. Ich fand damals (späte 70er, frühe 80er) alles furchtbar dort.
          Erst später, als notwehrberlinernde Touristin, wurde Bayern ganz wundervoll für mich.
          Die wahren Bayern-(und Bairisch-)Insider hier sind die Schachnerin und Diander.

          • Die wahren Bayern-(und Bairisch-)Insider hier sind die Schachnerin und Diander.

            Ich erblasse gerade ob der Geheimtipps, die ich auch noch nicht erkundet habe. Dafür schmeiße ich wegen des Rundumblicks in der Ecke von Murnau aus noch den Hohen Peißenberg in die Runde. Ob die Aussicht sich lohnt, kann man vorher über dort installierte Webcam des Deutschen Wetterdienstes erkunden.

            Ein Stückchen weiter westlich, hinter dem Forggensee gibt es mittlerweile einen Biergeheimtipp, die Brau Manufaktur Geführt von zwei Schwestern, beide Biersommelière. Der Knaller ist der Whiskey-Bock, Starkbier im geleerten Whiskeyfass nachgereift. Eins genügt für die Bettreife…

            (link repariert, dvw) (öhm, vielleicht habe ich jetzt was kaputtrepariert, hinter ‚Hohen Peißenberg‘ ist irgendwie kein link, scusi! dvw) (jetzt ist er wieder da, hurrah! dvw)

  3. Noch ein guter Tipp, merk ich mir. Danke!
    Nur die ganzen köstlichen alkoholischen Getränke in den Empfehlungen hier werde ich nicht ausprobieren, denn ich trinke seit Jahren keinen Alkohol, weil er mir leider gar nicht mehr bekommt. Aber das Starkbier im Whiskeyfass schmecke ich auch so schon auf der Zunge. Klingt köstlich.

    • Kommt natürlich niemalsnienicht an Dianders Brau-Manufaktur-Köstlichkeiten ran, aber im bayerischen Oberland gibt’s in so gut wie jeder Kneipe sehr trinkbares alkoholfreies Weißbier. Kein Vergleich mit der wässrigen Plörre à la Clausthaler oder Jever Fun bei uns (<-biermäßig: Entwicklungsland).

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