Beware the Heilpraktiker!

patientenbashing Grafik: Max Plattner, 1930er Jahre, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Ein geschätzter, mir eigentlich sehr sympathischer Blogger echauffiert sich mal wieder über Heilpraktiker, diesmal über plappernde, im Nachschlag über schweigende Heilpraktiker-Verbände.

Aufhänger ist diesmal das Attentat in Ansbach und der Umstand, daß der mittels Heilpraktikerschein praktizierende Psychotherapeut Axel von Maltitz derzeit an keinem Mikrofon vorbei kann, um unter Vernachlässigung seiner Verschwiegenheitspflicht über die Vorgeschichte seines ehemaligen Patienten Auskunft zu verleihen. Das ist unter allen Umständen inakzeptabel. Ebenso inakzeptabel wie der offenbar außer Kraft gesetzte Pressekodex und auch der sonstige Hang der Medien zum Rückgriff auf ärztliche Gutachter für Gerichtsreportagen, mit deren Hilfe auch die ärztliche Schweigepflicht (die über den Tod hinaus gilt) medial unterlaufen wird.

Heilpraktiker haben zwar eine selbstauferlegte Verschwiegenheitspflicht, aber keine ärztliche Schweigepflicht (deren Verletzung durch Ärzte strafbar ist, falls sie angezeigt wird). Heilpraktiker vertreten oft keine exakten Wissenschaften und sie sind auch keine solchen. Heilpraktikerausbildungen und -prüfungen sind extrem unterschiedlich anspruchsvoll, Heilpraktiker müssen ihre Arbeit nicht dokumentieren, Heilpraktiker werden von nichts und niemandem kontrolliert. Auch das ist inakzeptabel und darüber und bis zu diesem Punkt besteht vermutlich Einigkeit. Es gibt zweifellos Opportunisten, selbstverliebte Gurus und hochgefährliche Scharlatane unter Heilpraktikern.


 

Das alles gibt es aber ebenso unter approbierten Ärzten, also known as ‚Halbgötter in weiß‘. Es gibt unter besagten Halbgöttern auch schon mal einen Klempner, der auf einem Kreuzfahrtschiff praktiziert, jahrelang unentdeckt im Krankenhaus arbeitende falsche Ärzte bis hin zu konsequenten Hochstaplern.

Es gibt Ärzte, die in allen Bundesländern (außer in Bremen) pseudowissenschaftliche Methoden zur Altersfestsetzung an unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen anwenden, inklusive Körperverletzung durch Röntgen ohne Heilbehandlung und der Vermessung von Genitalien, der staatlich höchstgeschützten Intimsphäre. Das sind Ärzte, die im Namen des Staates, nicht zum Wohl ihrer Patienten arbeiten (auch bei Folter nie weit: Ärzte).

Es gibt Ärzte, die ein kaum anonymisiertes Best-of ihrer Patientengeschichten als Partykracher feilbieten und es gibt sehr viele Ärzte, die unter Zeitdruck, Schlafmangel, Bestechlichkeit und anderen Vorteilsnahmen, unter Alkohol– und Drogenmißbrauch, unendlich langen Bereitschaftsdiensten und unter konstanter Arbeitsüberlastung arbeiten.

Das hat Auswirkungen auf die Qualität ärztlicher Arbeit und es hat auch Auswirkungen auf das Vertrauen der Patienten. Zumal es auch bei Ärztepfusch nicht die Regel ist, daß patientenschädigende Ärzte von ihren Aufgaben entbunden werden und es – angesichts der berühmten Krähen, die anderen Krähen kein Auge aushacken – auch nicht gesagt ist, ob geschädigte Patienten wenigstens vor Gericht und in einem vertretbaren Zeitrahmen zu ihrem Recht kommen.


 

Der Blogger aber zieht es vor, „Den Skandal, dass aus Ermangelung ausgebildeter und qualifizierter Therapeuten „der Markt“ für opportunistische Scharlatane geöffnet wird“ einmal mehr beseite zu lassen. Das kann angesichts der Einseitigkeit seiner langjährigen Beschäftigung mit nichtapprobierten Behandlern, der Unwissenschaftlichkeit der Homöopathie, mit Scharlatanen und brandgefährlichen Idioten kaum überraschen, deren Gefährlichkeit und Geldschneiderei er aber auf alle Heilpraktiker erweitert.

Mich als bekennende Naive überraschte dennoch sein „Beseitelassen des Skandals“ angesichts des Dauernotstands für Psychotherapie-, besonders für PTBS-Patienten. Auch im Jahr 7 nach den Skandalen sexualisierter Gewalt gegen Kinder in Internaten und Kirche, nach Bundes- und Kirchen-Beauftragten, runden und eckigen Tischen und auch nach ausführlicher, genüßlicher und den bürgerlichen Voyeurismus bedienender Verhandlung systematischer Kinderfickerei in den Medien gibt es immer noch bei weitem nicht genug qualifizierte Traumatherapeuten – ein (auch angesichts der vielen traumatisierten Flüchtlinge ohne deutsche Sprachkenntnisse und mit nur eingeschränktem Zugang zum Gesundheitssystem brennendes und) seit geraumer Zeit bekanntes Problem.

Die Wartezeiten für einen Ersttermin bei einem kassenfinanzierten, gut qualifizierten EMDR-Therapeuten liegt selbst im vergleichsweise gut versorgten Berlin bei etwa einem Jahr. EMDR erwähne ich deswegen, weil es das kürzeste, effizienteste (demzufolge auch kostengünstigste) und für den Patienten schmerzloseste mir bekannte Verfahren ist, weil es erwiesenermaßen auch für Folteropfer geeignet ist und weil es nicht soviel deutschen Spracherwerb erfordert wie die meisten anderen psychotherapeutischen Verfahren. Laut besagtem Blogger ist EMDR (in Deutschland eingeführt 1991) aber bloß „hip“ und „gerade der letzte Schrei„:

Bei der Traumatherapie sehe ich unter anderem ein Problem darin, dass bestimmte Verfahren besonders beliebt sind, obwohl sie genauso wirksam sind, wie andere. EMDR ist gerade der letzte Schrei, viele andere, weniger Hippe aber ebenso wirksame Verfahren wären vielleicht schneller verfügbar.

Welche vielleicht schneller verfügbaren Verfahren mögen das wohl sein? Insbesondere für Flüchtlinge mit geringen Deutschkenntnissen? Die Regel ist ungebrochen: Lerne Deutsch oder leide!

Ob nun jeder dritte oder „nur“ jeder vierte der rund 600.000 Flüchtlinge in Deutschland traumatisiert ist, hängt von der Sichtweise der jeweiligen Experten ab – Fakt ist: es sind sehr viele, die zusätzlich zur vorhandenen Bevölkerung dringend Behandlung brauchen – auch, um weiteren Amokläufen/IS-Attentaten/Homizid-Suiziden/Suiziden vorzubeugen.

Die Süddeutsche:

Etwa 9000 Menschen haben die bundesweit 32 psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer unter dem Baff-Dach im vergangenen Jahr sozial und juristisch beraten oder begleitet, zusätzlich haben sie etwa 5000 Menschen psychotherapeutisch behandelt. Auch wenn längst nicht jeder Traumatisierte eine Therapie benötigt: Nötig wäre ein Vielfaches des bestehenden Angebots, sagt Jenny Baron. Die Wartezeit auf einen Therapieplatz in einem der Spezial-Zentren betrage gut sieben Monate. Viele Patienten warten also ein Jahr und länger: „Das ist nicht vertretbar“, sagt Baron.

Theoretisch stehen Flüchtlingen die regulären Kliniken offen, tatsächlich aber gestalte sich die Hilfe dort oft schwierig. Es gebe nur wenige Krankenhäuser, die ein strukturiertes System an Dolmetschern vorhielten, weshalb sie immer wieder auf fachfremdes Personal zum Übersetzen zurückgreifen müssten. Meist kümmern sich Psychiatrien auch nur um akute Fälle, etwa Suizidgefährdete. Dem stationären Aufenthalt müsse sich dann unbedingt eine ambulante Psychotherapie anschließen, erklärt Jürgen Soyer, Chef von Refugio, dem Behandlungszentrum in München.

 Eine solche Therapie könnte auch ein niedergelassener Arzt oder Psychologen übernehmen, allein: Die wenigsten von ihnen seien bereit, Flüchtlinge zu behandeln. Sie scheuten die damit verbundene Bürokratie und den Verdienstausfall. So werde ein Therapeut für die ersten Diagnosegespräche überhaupt nicht bezahlt, sofern der Patient in den ersten 15 Monaten seines Aufenthalts in Deutschland zu ihm komme. „Es ist ein unglaublich kompliziertes Verfahren“, kritisiert Soyer.

Das führe dazu, dass fast alle Flüchtlingstherapeuten „halb ehrenamtlich“ arbeiteten, gezwungenermaßen. Obendrein werde eine nötige Therapie oft gar nicht bewilligt, egal, ob das Sozialamt oder die Krankenkasse zuständig ist. Dabei sei eine gute Therapie entscheidend, sagt Soyer: „Dann müssen die Patienten nicht mehr in die Klinik.“ Dabei sei die Versorgung in den Großstädten meist noch irgendwie zu organisieren. In ländlichen Regionen dagegen sei die Lage „äußerst desolat“.


 

Aber und außerdem: die Zentren für Folteropfer arbeiten mit Therapeuten (oft seit Jahrzehnten und erfolgreich, auch mit „sprachlosen“ Therapien wie z.B. Kunsttherapie), die den Kassenkriterien nicht genügen. Das wurde öffentlich bekannt, als viele Zentren im vergangenen Jahr vor dem Aus standen – nachdem Flüchtlingen in einigen Bundesländern Gesundheitskarten zugestanden wurden, die Krankenkassen aber für die in den Zentren für Folteropfer angebotenen Therapien nicht zahlten, ein EU-Fond aus irgendwelchen bürokratischen Gründen nicht einsprang, von Bund und Ländern ganz zu schweigen.


 

PTBS- und auch vielen Depressions-Patienten ist nur sehr bedingt gedient mit der massenhaften Verschreibung von selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmern, die auch von psychiatrisch unqualifizierten Hausärzten verschrieben werden, als seien es Smarties. Diese Medikamente können gerade bei Suizidgefährdeten fatale Wirkung entfalten, weil die Aktivierung vor der angst- und depressionslösenden Wirkung einsetzt und genau das Gewalt, Suizid, erweiterten Suizid, Amoklauf begünstigen kann.


 

PTBS-Patienten mit deutscher Staatsangehörigkeit erhalten relativ problemlos eine Kostenübernahme ihrer Krankenkassen für (mit entsprechenden Verlängerungen) 300 Stunden Psychoanalyse – eine Therapieform, die generell umstritten ist und die für PTBS-Patienten wegen der Gefahr ständiger Retraumatisierung ungeeignet bis u.U. brandgefährlich ist.

Traumatisierte Patienten erhalten völlig problemlos Kostenübernahmen für 20 Stunden Verhaltenstherapie, in der sie mit reiner Symptombekämpfung abgespeist und zur größtmöglichen Verhaltensunauffälligkeit rundgelutscht werden. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Verhaltenstherapien können sehr gut wirken bei z.B. Spinnen-, Höhen-, Platz-, Flug- und anderen situativen Ängsten. Das sind bei PTBS-Patienten aber nur mögliche Symptome des eigentlich zu behandelnden Traumas.

Dazu kommt erschwerend, daß die Wahrnehmung im Erstgespräch (von Qualität der Arbeit, Möglichkeit zum Vertrauensverhältnis, persönlicher Chemie im Verhältnis zum Therapeuten) bei Patienten in akuter Not oft nur sehr eingeschränkt funktioniert und nicht bei jedem Psychologen/-therapeuten/-behandler die Lehrheilbehandlung auch erfolgreich war. Das Maß der persönlichen Auslieferung an den Therapeuten ist immens und die Gefahr eines erneuten Gewaltverhältnisses groß.

Es ist aber wie auf dem Wohnungsmarkt: es muß auch noch die übelste Muchte genommen werden, weil es keine anderen und bezahlbaren Wohnungen gibt. Laut Zille kann man Menschen mit Wohnungen erschlagen wie mit einer Axt. Ähnlich verhält es sich auch mit so manchem approbierten und nichtapprobierten Psychotherapeuten.

Ebenso ungut wie die Krankenkassenpolitik ist die Politik der Rentenversicherungen: die können und dürfen die Verordnungen behandelnder Ärzte für stationäre Rehabilitationsmaßnahmen ignorieren und akut erkrankte Patienten in die nächstunausgelastete, vertraglich angebundene Psychosomatik-Klinik verfrachten. Das Portal ‚Klinikbewertungen‘ muß wegen der notorischen Nörgler unter Zurhilfenahme eines ganzen Sacks voll Salz gelesen werden, die Auskünfte von schwer depressiven und PTBS-Patienten aber, die nach wenigen Wochen Reha gesund- und arbeitsfähig geschrieben wurden oder aus schieren Überlebensgründen eine für sie ungeeignete und gefährliche Reha abbrechen mußten, sind so bitter wie sie Legion sind.


 

Wie wäre es also – statt sich zum n-ten Mal über Heilpraktiker, Homöopathie, Scharlatanerie, Globulihersteller-Reibach zu empören – mit Beschäftigung mit der Frage, warum Patienten überhaupt freiwillig und selbstbezahlt zu Heilpraktikern gehen (falls sie das wirtschaftlich überhaupt können)?

Auf welchen systemischen Mangel des kassenfinanzierten Gesundheitswesens an Zeit, Zugewandtheit und auf die Bedürfnisse von Patienten individuell abgestimmten Behandlungen weist das hin?

Warum helfen Homöopathie und andere, von Krankenkassen und Wissenschaft nicht anerkannte Verfahren vielen Patienten, vom Placeboeffekt einmal abgesehen?

Was könnte davon für Ärzte vorbildlich und übernehmenswert sein?

Wo bleiben die individuellen Erfordernisse von leidenden und nichtwohlhabenden Patienten, in einem der reichsten Länder der Welt?

Wo im Gesundheitssystem approbierter Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten, Neurologen, Psychiater, Rehakliniken, Psychiatrien erhält ein Traumatisierter und akut Suizidgefährdeter 40 Einzel-Therapiestunden innerhalb von 6 Wochen? (nein, das soll keine Werbung für Axel von Maltitz sein, zumal die Behandlung unerfolgreich war, der erweiterte Suizid fand statt)

Wen adressiert der Blogger eigentlich? Er will Patienten vor Quacksalbern warnen? Das glaube ich ihm nicht mehr, nach meinem wachsenden Eindruck geht es ihm eher um Anti-Heilpraktiker-/Anti-Homöopathie-Experten-Profilierung, er adressiert andere Ärzte und: Claqeure.

Wie wäre es mit einem Wechsel der Perspektive, nämlich der Betrachtung des Gesundheitswesens aus Sicht leidender Patienten?

Mich befremdet und ärgert das immer unterschwellig mitschwingende Patientenbashing dieser Anti-Heilpraktiker-Blogs.

Niemand geht freiwillig zu einem Scharlatan und Arschloch, dahinter steckt Leid, Not und das Versagen des Gesundheitssystems. Diese Blogs lesen sich für mich so, als gäbe der Blogger den Patienten Steine statt Brot. (wobei ich sicher bin, daß er genau das im Job nicht tut!)

Aber aus seltsamen Gründen scheint ihm das Brett des versagenden Gesundheitssystems zu dick zu sein. Oder, um ihn zu zitieren:

Es gibt auch schlimmere Probleme als die des deutschen Gesundheitssystems, die Logik die Sie da anwenden hat kein Ende.

(die Diskussion zwischen dem Blogger und mir läuft schon seit etwa 2011, im Gegensatz zu den heutigen Verstimmungen – angesichts meiner mit seiner Position nicht ganz übereinstimmenden Kommentierung – war sie früher möglich und sie verlief (unabhängig inhaltlicher Ablehnung/Zustimmung) freundlich. Seinen Nick habe ich nicht genannt, um ihn nicht vorzuführen, nicht aus Mißachtung. Auf die nächste Homöopathie-ist-Unsinn-und-alle-Heilpraktiker-Verbrecher-Diskussion habe ich allerdings soviel Lust wie auf Lepra, weswegen bei diesem Blog die Kommentierung geschlossen ist. Auch, weil ich von einem der oben genannten Mißstände betroffen, krank und zornig bin und mich vom Gesundheitssystem nach Strich und Faden verarscht fühle)

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