Burkaphobie oder wie gut, daß es keine dringlichen Probleme gibt

Gunnar trying a Burqa - Herat, Afghanistan

Burka, Afghanistan, Wikimedia Commons, beschnitten

Oder auch: wenn der politische Schwachsinn so dick wird, daß man ihn in Würfel schneiden und als Dessert servieren kann.

Jens Spahn hat nämlich einen sehr wichtigen Beitrag zur immerwährenden Burka-Debatte:

Ich will in diesem Land keiner Burka begegnen müssen. In diesem Sinne bin ich burkaphob.


 

Fabian Köhler hat anläßlich Spahns Burkaphobie recherchiert, ob und wenn ja, wie viele Burkaträgerinnen (sprich: Anlässe für ein Burkaverbot) es in Deutschland eigentlich gibt: Von Goldkäppchen und Burka

Bei aller Bereitschaft zur Toleranz muss eines klar sein: Das Tragen der Münsterlander Tracht ist mit paschtunisch-tadschikischen Werten nicht vereinbar. Ihre mit Goldspitze verzierte Kappe aus Westenholz steht für eine Form westlicher Dekadenz, die nichts, aber auch gar nichts mit dem afghanischen Menschenbild gemein hat. Die Tracht symbolisiert die fehlende Integrationsbereitschaft von Menschen, die aus Ahaus oder Warendorf im nordwestlichen Westfalen an den Hindukusch kommen und schon ihre Kinder in den Schulen von Kundus bis Kandahar der sozialen Ächtung preisgegeben.

Doch trotz dieser offensichtlichen Unvereinbarkeit der Münsterlander Tracht mit der afghanischen Kultur haben weder die Taliban noch die afghanische Regierung jemals ein Verbot gefordert. Keine anti-westfälische Splittergruppe versucht, mit Münsterland-kritischen Ressentiments Stimmung im Land zu machen. Der mutmaßliche Grund für das Desinteresse ist einfach: In Afghanistan gibt es niemanden, der die Tracht trägt.

Denn schon heute trifft man Burka-Trägerinnen in Deutschland kaum häufiger als Frauen mit Goldkäppchen aus Westenholz in Afghanistan: So gut wie gar nicht. Der Autor dieser Kolumne hat bei Vertretern deutscher Behörden, afghanischen Moscheen und Frauenvereinen, Islamwissenschaftlern und Mitarbeitern der afghanischen Botschaft nachgefragt. Niemand konnte sich erinnern, jemals auch nur eine Burka-Trägerin in Deutschland gesehen zu haben.


 

burkaschwachsinnniqabIch wohne ja bekanntlich im wunderbaren Kreuzberg-Südost 36, besser bekannt auch als Ghetto, Rechtsfreier Raum, Muslimische Parallelgesellschaft und sah bislang drei (3) Niqabträgerinnen. Eine vor Jahren in Dar Es Salaam (Tanzania), mutmaßlich eine Touristin, eine in der Münchner Maximilianstraße beim Shoppen, mutmaßlich eine Touristin und eine tatsächlich in Kreuzberg in der Reichenberger Straße, im vertrauten Gespräch mit einer jungen Frau in kurzen Leggins und bauchfreiem T-Shirt. Der Untergang des deutschen jüdisch-christlichen Abendlandes scheint nicht unmittelbar bevorzustehen.

(Foto: Paolo Napolitano, Wikimedia Commons, beschnitten)


 

Fabian Köhler:

Dies allein entkräftet freilich die Forderung nach einem Verbot der islamischen Vollverschleierung nicht. »Frauenunterdrückung ist Frauenunterdrückung, egal wie der Fummel heißt«, mag man zurecht einwenden und darauf verweisen, dass bei der Verbotsdiskussion eigentlich Trägerinnen des in den Golfstaaten und auch in Nordafrika beliebten Niqab gemeint sind, der im Gegensatz zur Burka den Raum um die Augen freilässt. Bezeichnend für die Unkenntnis in der Diskussion ist es dennoch, dass ausgerechnet ein Kleidungsstück, das es hierzulande gar nicht gibt, der Debatte ihren Namen gibt.

Diese Unkenntnis zeigt sich auch in einem anderen Punkt: Das »Burka«-Verbot funktioniert nicht. Dass Bekleidungsvorschriften ein schlechter Weg sind, um Frauen von vermeintlichen Bekleidungsvorschriften zu befreien, zeigt das Beispiel Frankreich: Seit fünf Jahren gilt dort das »Burka-Verbot«. Reduziert hat sich die Zahl von rund 2000 vollverschleierten Frauen seitdem nicht. Im Gegenteil: Einige wenige Musliminnen sollen den Schleier erst infolge des Verbots angelegt haben. Aus Protest. Die Vollverschleierung als Symbol des anti-patriarchalen Widerstands?

In Frankreich will der Inlandsgeheimdienst die besagten 2.000 gesichtsverschleierten Frauen ermittelt haben. Mir stellt sich die Frage, wie genau er das eigentlich gemacht hat, weil: verschleierte Frauen sind vor allem eins: verschleiert (unkenntlich).

In ganz Europa gibt es wahrscheinlich keine 6.000 Niqabträgerinnen. Verbote wurden erlassen in: Belgien, Spanien, Frankreich und den Niederlanden. Wegen wahrscheinlich keinen 6.000 Frauen europaweit in vier Ländern Gesetzesänderungen und eine seit mindestens 7 Jahren andauernde Diskussion? Gibt es keine dringlicheren Probleme? Keine geeigneteren Orte zum Eintreten gegen einen Zwang zur Verschleierung, zum Beispiel in Saudi-Arabien (aka geschätzter Geschäftspartner in Sachen Öl und Waffenhandel)?

In Afghanistan war die Burka ursprünglich dem Adel vorbehalten, heute ist sie die große Gleichmacherin. Eine Burka ist die billigste Frauenkleidung und wenigstens auf den ersten Blick ist eine bitterarme Umgangssprachlich-Krieg-Witwe nicht von einer wohlhabenderen Frau zu unterscheiden.


 

burkaschwachsinnLefrancIn Frankreich lebt eine sehr interessante Künstlerin: Bérengère Lefranc. Sie arbeitet oft künstlerisch mit ihrem Körper, so auch im Sommer 2009, als sie einen Monat lang ein für diesen Anlaß geschneidertes lavendelfarbenes Leinengewand trug, das mit einem Schleier auch ihr Gesicht verbarg. Mitten in ihre Performance platzte die von Sarkozy initiierte Diskussion um das Burkaverbot.

Sie sagte darüber: „Auf einmal war es erlaubt, mich zu hassen“. (aus dem Gedächtnis zitiert, aus einem dradio-Interview, das ich leider nicht mehr finde)

(Foto: Screenshot bei Die Welt, beschnitten)
Sie sagte:

Als Präsident Sarkozy Mitte Juni davon sprach, dass verschleierte Frauen in Frankreich nicht willkommen sind, hat sich meine Lebensqualität unter dem Schleier drastisch verschlechtert. Ich habe sehr viel Feindseligkeit gespürt. Ich wurde fast täglich auf der Straße beschimpft, eine Frau hat mich angeknurrt wie einen Hund, mir wurde mehrfach aus wenigen Zentimetern ins Gesicht fotografiert. Als wäre ich ein Tier im Zoo. Ich habe gespürt: Ich bin nicht mehr jemand, sondern etwas, ein religiöses Dogma.

Sie hören darunter nichts, Sie sehen wenig, Sie leben in Ihrem eigenen Geruch. Es hat mich jeden Tag große Überwindung gekostet, überhaupt mit dem Schleier auf die Straße zu gehen. Wissen Sie, es ist das Selbstverständlichste der Welt, Situationen mit einem Lächeln zu entschärfen. Das ist mit solch einen Kleidungsstück nicht möglich. Sie sind die Person, die niemand mag. Weil Sie sich offensichtlich von der Gesellschaft abschotten.

Und sie sagte:

Wer die Burka aus freien Stücken trägt, muss sehr gute Gründe dafür haben, und diejenigen, die dazu gezwungen werden, sind von ganzem Herzen zu bedauern.


 

Deutsche Welle:

Seit fünf Jahren ist es in Frankreich verboten, in der Öffentlichkeit das Gesicht zu verschleiern. Wer es trotzdem tut, riskiert ein Bußgeld. Ein Mann zahlt viele dieser Strafen – auch wenn er Niqabs eigentlich ablehnt.

Wenn Rachid Nekkaz zur Stadtkasse von Evry südlich von Paris geht, um ein Bußgeld zu bezahlen, dann ist das so, als ob er einen alten Freund besucht. Mit dem Angestellten an der Kasse macht er Witze, sie tauschen Höflichkeiten aus. Er kommt regelmäßig vorbei, und es ist nicht das erste Mal, dass er ein Bußgeld von 150 Euro bezahlt. Nicht für sich, sondern für eine Frau, die die Strafe wegen des Tragens eines islamischen Schleiers in der Öffentlichkeit bekommen hat. Es ist das 1.089. Mal.

Nekkaz hat vor fünf Jahren das erste Mal ein Bußgeld übernommen. Damals, am 11. April 2011, trat das sogenannte Burka-Verbot in Kraft. Seitdem hat er 235.000 Euro an Strafzahlungen und Anwaltshonoraren für Frauen in Frankreich und Belgien übernommen. Brüssel hatte wenige Monate nach Paris ein ähnliches Gesetz beschlossen. Dort hat Nekkaz bisher 259 Mal ein Bußgeld gezahlt. …

„Es geht nicht um ‚vivre ensemble'“, sagt dagegen Agnes De Feo, eine Filmemacherin und Soziologin, die sich seit Jahren dem Thema Frauen im Islam widmet. „Es geht darum, eine Kluft zwischen die Menschen zu treiben.“ Sie betont: „Diese Frauen wurden auf der Straße oft beleidigt.“ 2013 erlitt eine Frau eine Fehlgeburt, nachdem zwei Männer sie angegriffen und versucht hatten, ihr das Kopftuch herunterzureißen. …

In Frankreich leben rund fünf Millionen Muslime. Als das Gesetz in Kraft trat, waren etwa 2.000 Frauen vollverschleiert. „Warum sollte man gegen etwas vorgehen, das eine Ausnahme ist und nur hunderte Frauen betrifft – die meisten davon konvertierte Französinnen?“, fragt Roy.

Nach Angaben des französischen Innenministeriums hat die Polizei seit Einführung des Gesetzes bis Oktober 2015 fast 1.550 Bußgeldbescheide verhängt gegen 908 Frauen. Viele von ihnen sind Wiederholungstäterinnen. Eine musste 33 Mal zahlen.

Die Soziologin De Feo sagt, die meisten Frauen trügen einen Niqab aus Trotz. Einige hätten den Eindruck, sie müssten sich gegen einen Angriff auf den Islam zur Wehr setzen, andere hätten gar kein religiöses Motiv. „Es ist auch eine Möglichkeit, sich gegen Eltern und Gesellschaft aufzulehnen, und besonders zu sein“, sagt De Feo.

Nekkaz betont, die Frauen, die ein Bußgeld erhielten, seien keine Bedrohung. „Ihre Namen sind Marie, Henriette, Emilie. Sie sind Französinnen mit französischer Abstammung.“ Sie seien weder eine Gefahr für die Freiheit, noch für die nationale Sicherheit.

Nekkaz bezahlt nur Bußgelder, die für das Tragen von Schleiern auf der Straße verhängt wurden und nicht in Einkaufszentren oder öffentlichen Gebäuden. Außerdem übernimmt er keine Strafe für Frauen, die Polizisten beleidigen oder gewalttätig agieren. Er selbst sagt, er glaube nicht daran, dass Frauen einen Niqab tragen sollten. „Ich unterstütze diese Frauen nicht. Ich unterstütze ihr Recht, Kleidung ihrer Wahl zu tragen. Wenn sie freiwillig einen Niqab tragen, in einer Demokratie, dann denke ich, sollten wir diese Frauen unterstützen, selbst wenn wir ihre Entscheidung falsch finden.“

Guter Mann! Und zwar nicht nur wegen den Trotzigen, sondern vor allem wegen den mutmaßlich ebenfalls existenten Frauen, die unter den Niqab gezwungen werden: sie wären andernfalls außerstande, sich unbegleitet im öffentlichen Raum zu bewegen, sich z.B. anwältlichen Rat zu holen, einen Arzt aufzusuchen und ggbfs. ihren Nötiger anzuzeigen.

Genau die Frauen, die man vorgeblich zu befreien gedachte, säßen in einem 40qm-Belgien, Spanien, Frankreich, Niederlanden gefangen, aus den Augen, aus dem Sinn. Meines Wissens wurde niemand in Europa ever angezeigt, geschweige denn, bestraft, weil er/sie eine Frau unter den Schleier gezwungen hat. Während es allein in Frankreich mehr als 1.000 verhängte Bußgelder gegen niqabtragende Frauen gibt – wen wollte man gleich noch befreien und sich damit aktiv für Frauenrechte einsetzen?


 

In Deutschland wäre ein „Burkaverbot“ verfassungswidrig. Ob Jens Spahn das nicht weiß? Dann wäre er für seinen Job nicht qualifiziert. Wenn er von der Verfassungswidrigkeit eines „Burkaverbotes“ weiß und trotzdem oder gerade deswegen die flüssig gekaute Diskussion neu beleben zu müssen meint, ist er für seinen Job nicht qualifiziert.


 

Maximilian Steinbeis im Verfassungsblog: Ich darf für mich sein. Ihr müßt das aushalten.

Ich habe mir kürzlich … mal wieder eines der Gründungsdokumente des Rechts auf Privatsphäre angesehen, den Aufsatz „The Right to Privacy“ von Samuel Warren und Louis Brandeis aus dem Jahr 1890. Er entstand unter dem Eindruck einer aufblühenden Presse, die gerade das Veröffentlichen und Verbreiten von Gerüchten, intimen Details und Vertraulichkeiten als Geschäftsmodell für sich entdeckt hatte (sehr aktuelle Lektüre insoweit, jedenfalls wenn man sich den viktorianisch-moralisierenden Firnis wegdenkt). Wie ist es um das Recht derjenigen, deren Privatsphäre in der Presse öffentlich gemacht wird, bestellt? Aus den Grundlagen und der Entwicklung des Common Law leiten Warren und Brandeis her, dass sich der Bereich, in dem ich vor Vergewaltigung geschützt sein muss, nicht auf meinen Körper, mein Haus und mein Eigentum beschränkt, sondern auch meine Worte, Gedanken und Gefühle umfasst, egal in welcher Weise ich sie ausdrücke. Sie sind genauso wenig public domain wie mein Körper und mein Schlafzimmer – so lange und soweit ich mich nicht frei entscheide, sie öffentlich zu machen.

Das Entscheidende an diesem Right to be left alone ist, dass es die Öffentlichkeit verpflichtet, meine Entscheidung, wo ich die Grenze zwischen mir und ihr ziehe, zu respektieren. Es kann natürlich gute Gründe geben, doch mal mein Privates öffentlich zu machen, so wie es auch gute Gründe geben kann, mein Schlafzimmer zu durchsuchen oder meinen Körper in Fesseln zu legen – aber die muss es dann halt auch geben. Und zwar nicht nur in Gestalt eines transzendentalphilosophischen Tricks.

Lasst mich in Ruhe. Und wenn ihr glaubt, mich nicht in Ruhe lassen zu können, dann habt Gründe dafür. Nennt die Gefahr, in die mein In-Ruhe-gelassen-werden euch bringt, beim Namen. Dann können wir streiten, dann können wir gewichten, dann können wir Meins gegen Eures abwägen. Aber speist mich nicht mit dem Hinweis ab, mein Recht, in Ruhe gelassen zu werden, mache mich zu eurem Schuldner, die ihr mir dieses Recht überhaupt erst ermöglicht und es mir so per Abwägung auch wieder wegnehmen könnt.

Dort ebenfalls lesenswert: Grundrechtsschutz auf Proportionalitätsfläschchen gezogen, Zur Geselligkeit verpflichtet und, von Anna von Notz, Der unendliche Raum der Geselligkeit.

Zum „Burkaverbot“ wird ja gern und oft das Vermummungsverbot als Argument bemüht, völlig egal, daß das nur auf Demonstrationen gilt und dortselbst von der Hälfte der Protagonisten ignoriert wird: Polizisten treten ziemlich oft mit einem Helm vermummt auf.

In Zeiten systematischer Ausschnüffelung und allgegenwärtiger Kameraüberwachung (letztere zur Kriminalitätsprävention und – wie es sich gerade in Köln zeigte – auch zur Ermittlung von Straftaten vollkommen nutzlos) soll wirklich die Ausweitung des Vermummungsverbots von einzelnen Veranstaltungen auf den gesamten öffentlichen Raum zu befürworten sein?


 

Susanne Mayer: Burka-, Zehen- und andere Verbote

Frauen! Kein Gericht sollte uns vorschreiben, was wir anziehen.

Als ich klein war, drei oder vier, und im Garten nackt in einer Zinkwanne badete, riefen die frommen Nachbarn die Polizei, weil nackte Kinder igitt und unzüchtig waren.

Als ich vier oder fünf war, wurde ich gezwungen, mattig verfilzte Pullover und immer zu kurze Kleider zu tragen, ich schämte mich meiner bloßgelegten Beine. Neue Klamotten? Für Nachgeborene verboten!

Als ich fünf war, wurde mein Pferdeschwanz abgeschnitten, zugunsten einer gescheitelten Kurzhaarfrisur und eines zur Seite gekämmten Ponys, weil das ordentlich und sittsam aussah. Es kann mich nicht überraschen, dass der Europäische Gerichtshof jetzt meinte, das französische Burka-Verbot bekräftigen zu müssen. Seit ich denken kann, bin ich Objekt wilder Regulierungsgelüste.

Als ich neun war, gab es zur heiligen Kommunion ein Kleid mit Petticoat, dessen plustriger Tellerrock mit Sicherheitsnadeln zur Wurst gebändigt wurde, wg. Frivolität.

Als ich aufs Gymnasium kam, zu (verschleierten) Schwestern Unserer Lieben Frau, waren bei Strafe verboten: nackte Arme, in Sandalen bloße Zehen. Natürlich Hosen!

Als ich 13 war, lieh ich mir bei Gaby einen Büstenhalter, bis man mir verbot, ohne Brüste einen Büstenhalter zu tragen.

Als ich so 15 war und Büstenhalter so out waren, schämte sich die Familie meiner kleinen Rosinen unterm Pulli und verlangte das Tragen eines Büstenhalters.

Als ich, inspiriert von der Kings Road, mit einer roten Karo-Hose auftauchte, führte das zu Tumulten wg. Geschmacklosigkeit. Weißer Lippenstift war auch verboten. Als ich Studentin war, galt roter Lippenstift als nuttig. Ich trug jetzt Pencil-Skirts und High Heels, die, nach den Blicken meiner indisch gewandeten Kommilitoninnen zu urteilen, ebenfalls igitt waren. Als ich Mutter geworden war, verlangte das Kind, dass ich Pencil-Skirts zugunsten von Caprihosen austauschte, damit ich wie eine echte Mutter aussehe.

Als ich älter wurde, forderte man mich wieder mal auf, meine nackten Oberarme zu verstecken. Ich werde darauf hingewiesen, dass roter Lippenstift ab einem gewissen Alter frivol wirkt. Ein Rock sollte die Knie bedecken, ein Jackett die nicht mehr schlanke Taille – wisst ihr was? Ihr Tugendwärter, ihr blöden Regelhysteriker: Leave me alone!!!

Dass jetzt das Pariser Verbot von Burkas bekräftigt wurde, wg. „Respekt für die Bedingungen des Zusammenlebens“, ist skandalös und sexistisch und rassistisch. Warum nicht auch Taliban-Bärte und Karl-Marx-Matten? Was ist mit tellergroßen Sonnenbrillen? Falschen Blondinen? Also ich persönlich denke darüber nach, ob ich nicht meinen ewig beäugten Körper ab und zu entspannt unter einer Burka verstecken sollte. Die Farbe? Überleg ich mir noch …


 

Wann sich wohl endlich mal die Erkenntnis durchsetzen wird, daß Frauen keine Beratung in Be- wie Entkleidungsfragen benötigen? Die Kopftuch-/Burkadiskussion ist jetzt wie lange in Gang? Wie lange schon wird Frauen (Kehrseite dieser Diskussionsmedaille) selbst die Schuld an sexualisierten Belästigungen und Übergriffen gegeben, weil der Rock zu kurz oder der Ausschnitt zu tief war?

Der Platz zwischen den Stühlen der Moral- und Tugendwärter, der blöden Regelhysteriker, der Islam- und Burkaphoben jeder Couleur erscheint mir nach wie vor als angemessen:


 

Fabian Köhler:

Tatsächliche Wirkung entfaltet das »Burka-Verbot« hingegen in anderer Hinsicht: Es grenzt jene, die ohnehin schon ausgrenzt waren, noch weiter aus. Niqab-Trägerinnen wird in vielen öffentlichen Einrichtungen sowie in Bussen und Zügen der Zutritt verwehrt. Das mag den ästhetischen Wünschen von Politikern wie Jens Spahn dienen. Der Emanzipation von Frauen dient es nicht. Schlimmer noch: Französische Bürgerrechtsorganisationen berichten über die Zunahme islamfeindlicher Straftaten infolge des Gesetzes. Französische Islamfeinde verstünden das »Burka-Verbot« als Legitimation für gewalttätige Übergriffe auf Musliminnen – verschleierte wie unverschleierte.

Letztere sind es auch, die in Deutschland zu leiden haben. Nein, nicht unter der Burka oder anderen Schleiern. Sondern unter den ständigen Burka-Diskussionen. …

Zwischen 99,75 und 99,985 Prozent aller Musliminnen haben mit Niqab und Co. nichts zu tun. Das Klischee der unmündigen und unterdrückten Muslima, das Jens Spahn und andere mit ihren Forderungen verbreiten, trifft sie dennoch.


 

Servicebild für Jens Spahn, Daniela Dahn, den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, Medien, SVP, FPÖ, AfD usw.usw.:

burkaschwachsinnübersicht
(Bild: Screenshot bei Fabian Köhler, Twitter)


Disclaimer: ich spreche mich ganz sicher nicht für das Tragen von Gesichtsschleiern aus, ich kann’s schon nicht leiden, wenn jemand im Gespräch die Sonnenbrille nicht abnimmt.


 

Advertisements

28 Gedanken zu „Burkaphobie oder wie gut, daß es keine dringlichen Probleme gibt

  1. Nein, der Untergang des Abendlandes scheint immer noch nicht in Sicht, da können sich die Kultur-Knigges mit vermeintlichen Bekleidungs-No-gos noch so sehr dran abarbeiten – erfrischendes Statement Ihrerseits :-)

  2. Guter Beitrag. Danke. Ich erinnere mich daran, dass ich mich von der öffentlichen Debatte lange habe einwickeln lassen. So etwa, bis ich Ende Zwanzig war. Dann ging mir auf, wie verlogen die ist. Ich selber, lange an Essstörung gelitten, weil unsere „freie Gesellschaft“, die Frauen zum Glück nie Zwänge auferlegen würde, mir seit der Jugend eingeredet hatte, ich müsste schlank bis dünn sein. Dass ich meine Beine wegen meiner Cellulite verhülle, solange ich denken kann (schlechte Veranlagung und schon betroffen, seit ich 16 bin). Denn: Wie Frau sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren hat (schlank, nicht bauchfrei bei Fettansätzen, nicht kurzbehost bei Cellulite, etc. etc.) reguliert unsere Gesellschaft ja zum Glück nicht. Es ist bigotte Heuchelei pur.

    • Auch @susihornig
      Hach, das freut mich jetzt aber, daß Ihnen beiden der Blog gefällt.
      Ich bin eher davon ausgegangen, daß mir einmal mehr Burka-Befürwortung unterstellt und der Kopf abgerissen wird.
      Wahrscheinlich gefällt Ihnen auch eine Glosse von Deniz Baspinar: Kopftuch in der Sauna

      Ich halte die unsägliche Burka- und Kopftuch-Debatte, die Bevormundung von Frauen, die zu den Slutwalks führte, die Verbrüder(le)ungen angesichts des Hashtags #aufschrei (wo in den Diskussionen ziemlich oft Burkas gegen die „Nötigung“ durch weibliche Körper gefordert wurden) und der ganz „normale“ Drang zur Normierung und Kommerzialisierung weiblicher Körper für ein- und dasselbe Thema.

      • Hach, das freut mich jetzt aber, daß Ihnen beiden der Blog gefällt.

        „…So nehmet auch mich zum Genossen an:
        Ich sei, gewährt mir die Bitte,
        In eurem Bunde der dritte die vierte!“

        Zitat Schiller, Die Bürgschaft, den fiesen Kalauer mit „Burkaschaft“ trau ich mich jetzt nicht…;)…

        Nein, ernsthaft: Mich hat bei einem Aufenthalt in Istanbul der massenhafte, ungezwungene, völlig selbstverständliche Umgang der Frauen untereinander beeindruckt, eine mit Hijab, zwei mit Chador, drei ganz ohne, z.T. mit Spaghetti-Shirts, die lachend alle gemeinsam in Grüppchen unterwegs waren. Davon könnten etliche ein wenig Entspannung lernen.

        Grüßle, Diander

  3. Kiel: Mann schlägt Frau mit Kopftuch auf offener Straße nieder

    Auf offener Straße hat ein 55-Jähriger eine Muslimin mit Kopftuch brutal niedergeschlagen. Der Mann habe dabei „Scheiß Muslime“ gerufen. Die Polizei und Politiker sprechen von einer neuen Dimension von Hass und Gewalt. Das Opfer erlitt einen Nasenbeinbruch.

    … Ein Polizeisprecher bestätigte einen entsprechenden Bericht der Kieler Nachrichten. Der Vorfall ereignete sich bereits am Samstag. Derzeit werde gegen den 55-jährigen Mann ermittelt. Der Mann habe „Scheiß Muslime“ gerufen und der türkischstämmigen Deutschen darauf mit der Faust unvermittelt geschlagen. Die 35-Jährige habe Prellungen und einen Nasenbeinbruch erlitten.

    Die Polizei schließt einen fremdenfeindlichen Hintergrund nicht aus und ermittelt in alle Richtungen. Für Kiel bedeute der Vorfall eine neue Dimension von Gewalt. „Es ist alles in Sekunden passiert“, sagte die geschlagene Gamze K. der Zeitung. Sie hatte sich am Samstagvormittag zu Fuß auf den Weg zum Einkaufen gemacht, als der Vorfall passierte. Sie stürzte stark blutend zu Boden und beobachtete, wie der Mann sich vom Tatort entfernte: „Der ist nicht einmal gerannt, er ist einfach gegangen, als ob nichts passiert wäre“, sagte die Muslimin.

    Berlin: Mann attackiert und schlägt syrische Frau mit Kopftuch

    Nach ihren Angaben stieg sie am Dienstag gegen 15.30 Uhr an der Bushaltestelle Kaisereiche in der Rheinstraße in Friedenau aus einem BVG-Bus der Linie M85 aus. Dabei soll ein Mann versucht haben, ihr das Kopftuch herunter zu reißen und sie auf den Boden zu drücken.

    Sie wehrte sich. Daraufhin soll der Angreifer der Frau mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Sie stürzte.
    Der unbekannte Täter flüchtete anschließend. Das Opfer wurde an Armen, Beinen und Kopf verletzt.

    Darmstadt: Angriff auf Muslimin: Mann beschimpft Frau und zieht an Kopftuch

    Der Frau war gegen 17.30 Uhr in der Bismarckstraße auf dem Weg zu einer Bushalte (Linie R) von einem Mann verfolgt worden. Daraufhin wechselte sie laut der Polizei die Straßenseite. Kurz vor der Haltestelle zog ihr der Mann am Kopftuch, an ihren Haaren und zerrte sie zu Boden. Dann wechselte er die Straßenseite und beschimpfte sie von dort aus. Als die Frau um Hilfe rief, kam der Unbekannte erneut auf sie zu und bedrohte sie.

    Kaiserslautern: Bewusstlos geschlagen, Kopftuch heruntergerissen, wie Täterin behandelt

    Eine muslimische Studentin wird auf offener Straße vermutlich Opfer eines islamfeindlichen Angriffs: als sie zu sich kommt, liegt sie benommen auf dem Boden, ihr Kopftuch heruntergerissen, ihre Kleider mit Alkohol überschüttet. Die Polizei ermittelt in alle Richtungen, nur nicht nach rechts.

    Eine Kernempfehlung des NSU-Untersuchungsausschusses im Bundestag lautet: Bei Gewaltkriminalität sollen Ermittlungsbehörden genau prüfen, ob die Tat einen rassistischen oder politischen Hintergrund hat. Dies vor allem dann, wenn das Opfer Merkmale aufweist, die in rechten Szenen verhasst sind. Außerdem müssen von Opfern oder Zeugen angegebene Motive von den Ermittlern aufgenommen und berücksichtigt werden.

    Dass diese Empfehlung bisher kaum Eingang in die Praxis gefunden hat, zeigt der Fall einer 21-jährigen Maschinenbaustudentin in Kaiserslautern. An einem Montagnachmittag verabschiedet sich Leyla (Name geändert) von ihrer Uni-Freundin und macht sich auf den Heimweg. An den Rest kann sie sich nur noch lückenhaft erinnern.

    Als sie zu sich kommt, liegt Leyla auf dem Boden. Unbekannte müssen ihr das Kopftuch gewaltsam heruntergerissen, ihre Kleider mit Alkohol übergossen, ihr Handy kaputt gemacht haben. Sie ist sichtlich benommen. Sie irrt eine Weile durch die Gegend und schafft es nur mit großer Anstrengung nach Hause. Ihre Mutter benachrichtigt umgehend die Polizei und sucht mit der Tochter eine Klinik auf. Die oberärztliche Diagnose der Neurochirurgie lautet: Gedächtnisverlust durch erhebliche Gewalteinwirkung auf den Kopf. Leyla muss mit einem schweren Gegenstand niedergestreckt worden sein. Ein bloßes Umfallen könne eine Amnesie diesen Grades nicht herbeiführen.

    Das sieht die Polizei anders. Die Beamten spekulieren darüber, ob die 21-jährige durch zu viel Alkoholkonsum umgefallen sein könnte. Hinweise auf einen gewaltsamen Übergriff gebe es keine, infolgedessen auch keinen Grund, Beweisstücke sicherzustellen. Die nach Alkohol riechende Jacke und das beschädigte Handy weist die Polizei zurück. Der Vermutung von Leylas Vater, seine Tochter könnte Opfer eines fremden- oder islamfeindlichen Angriffs geworden sein, schenken die Polizisten keine Beachtung.

  4. Vor wenigen Wochen war ich in Garmisch-Partenkirchen. Zum ersten Mal und kein selbst gewähltes Reiseziel!
    Überraschenderweise habe ich in 3 Tagen rund 20-30 Niqab-Chador-Trägerinnen gesehen, alle in der Nähe des Olympia-Stadions (das wg. seiner 1940er-Architektur sehenswert ist). Die Damen waren wohl alle Touristinnen. Also nicht autochton.
    Vor einigen Jahren konnte ich in Nizza die ersten und seltenen Niqab-Trägerinnen sehen, in einem Stadtviertel in der Nähe des Bahnhofs, das traditionell ein arabisch / afrikanisches Umfeld beherbergt – die Damen lebten dort in der Gegend. Auffällig war, daß vor 5-6 Jahren keine Niqabs zu sehen waren, sie aber vor 3-4 Jahren dann öfters auftauchten. Nach meiner Beobachtung fand/findet eine Bewegung in Richtung einer fundamentaleren Bekleidung statt.

    • Auffällig war, daß vor 5-6 Jahren keine Niqabs zu sehen waren, sie aber vor 3-4 Jahren dann öfters auftauchten. Nach meiner Beobachtung fand/findet eine Bewegung in Richtung einer fundamentaleren Bekleidung statt.

      Das mag sein, es stellt sich dann die Frage nach den Gründen für fundamentalere Kleidung (und die damit verbundene Denke) in Europa. Es mag sein, daß mehr Gesichtsschleier/fundamentalere Denke in Europa eine der Folgen der Globalisierung ist – nicht nur in Form von mehr niqabtragenden Touristinnen, sondern auch in europäischen Bevölkerungen.

      Ich glaube, daß der von der Soziologin De Feo erwähnte Trotz eins der Motive sein könnte.
      Jedenfalls halte ich Trotz für ein Motiv für die sich seit 9/11 vergrößernde Zahl junger Frauen mit Kopftuch in Berlin. Einesteils gegen eine Gesellschaft, die sich seit 9/11 mit Religions- und speziell Islamablehnung förmlich überschlägt und die die „Gastarbeiter“ auch in der soundsovielten Generation als Fremde und Probleme brandmarkt, anderenteils auch gegen kemalistische Elternhäuser, wo das Provokationspotential eines Kopftuchs in etwa dem eines Brustwarzenpiercings an der Oberstudienratstochter entsprechen dürfte.

      Noch ein Motiv könnte Erotisierung durch Verhüllung sein. Je verhüllter, desto auffälliger wirken Frauen in Europa. Ich glaube schon, daß es reizvoll sein kann, formal den Bekleidungsvorschriften eines sehr konservativen Islams zu genügen und aber gleichzeitig und unter dem Mäntelchen der ehrbaren Unberührbarkeit mit allen Reizen zu spielen. Jedenfalls beobachte ich solche Spielchen mit Jungs bei jungen muslimischen fashion-victims in Kreuzberg.
      Ob das auch auf Niqab und Chador zutrifft, keine Ahnung. Eigentlich erscheint mir beides als zu unbequem, andererseits laufen auch erstaunlich viele Frauen auf hohen Absätzen durchs Leben und nehmen für diese Form der Erotisierung Rückenschmerzen und verkrüppelte Füße in Kauf.

  5. Am Strand und zum Baden im Meer in Cannes: Burkinis verboten.

    „Es geht nicht darum, das Tragen religiöser Symbole am Strand zu verbieten, sondern ostentative Kleidung, die auf eine Zugehörigkeit zu terroristischen Bewegungen hinweist, die gegen uns Krieg führen“, sagte der Generaldirektor der städtischen Dienste, Thierry Migoule, zu dem Verbot des Ganzkörperbadeanzugs.

    Das Verbot wurde bereits Ende Juli per Dekret von Cannes konservativem Bürgermeister David Lisnard erlassen. In dem Dekret heißt es, der Zutritt zum Strand und das Baden sei Menschen verboten, die „keine korrekte Kleidung tragen, die die guten Sitten und die Laizität respektiert sowie die Hygiene- und Sicherheitsregeln achtet“.

    Wenn eine Strandbekleidung auffällig auf eine religiöse Zugehörigkeit bezeugt, während Frankreich Ziel terroristischer Angriffe sei, könne dies zur Störung der öffentlichen Ordnung führen, heißt es in dem Dekret weiter.

    Sprich: Muslima sind Terroristinnen, sie stören die öffentliche Ordnung, verstoßen gegen die guten Sitten und sie sind dreckig. Im Gegensatz dazu zeugt die allgegenwärtige Fleischbeschau am Strand und im Schwimmbad vom Respekt für gute Sitten und Laizismus und ist sicher und sauber.

    Vielleicht gibt das ja patriotischen Bademoden-Designern Ideen ein, z.B. knapp brustwarzenbedeckende Bikinioberteile in Sternform, die Farbe diesmal vielleicht grün. Denn: Frauen müssen erkannt werden.

    Ob jetzt in Cannes auch Neoprenanzüge zum Surfen verboten sind?

  6. In der Therme von Bad Saarow wurde eine Familie aus dem Libanon, die seit 23 Jahren in Berlin lebt und von der zwei der Frauen Burkini zum Schwimmen trugen, von anderen Badegästen so beleidigt und genötigt, daß sie entnervt das Bad verließen. Mitarbeiter der Therme fiel nichts Besseres ein, als die Familie aufzufordern, das nächste Mal in anderer Badekleidung zu erscheinen.

    Und ich war doch glatt der Meinung, es sei erlaubt, was nicht verboten ist. Meines Wissens ist Beleidigung und Nötigung strafbar, das Tragen von Burkinis in Berlin (überall erlaubt) und Brandenburg (nicht geregelt) nicht.
    Erbärmlich ist die Ausrede: „sensible politische Situation“ und erbärmlich ist auch die Bitte des Betreibers um Verständnis für die Rassisten „angesichts der gesamtpolitischen Lage„.

    Therme Bad Saarow: werde ich nicht mehr besuchen, fertig bin ich. Ich gehe nirgendwohin, wo Rassismus und Fremdenhaß zu einer „sensiblen politischen Lage“ umgelogen wird und wo Frauen nicht vor rassistischen Arschlöchern geschützt werden.
    Die Familie hat Anzeige erstattet.

  7. Rudolf Balmer, taz:

    Wieder einmal werden Frauen für einen ideologischen Kampf instrumentalisiert, der in seiner vermeintlichen Grundsätzlichkeit groteske Züge annimmt. Nach dem Nobelort Cannes hat jetzt auch die Gemeinde Sisco auf der Insel Korsika Frauen das Tragen eines Ganzkörperanzugs am Strand verboten. Und zu allem Überfluß hat ein Gericht in Nizza das Burkini-Verbot an öffentlichen Stränden für rechtens erklärt.

    Drei Frauen vom Kollektiv gegen Islamophobie in Frankreich (CCIF) hatten am Freitag Beschwerde gegen das Burkini-Verbot in Cannes eingelegt. Nach Angaben der Stadtverwaltung urteilte das Verwaltungsgericht in Nizza jedoch am Samstag, dass die Maßnahme im Einklang mit dem Gesetz zur Laizität stehe.

    Das Gericht verwies in dem Urteil darauf, dass das Burkini-Verbot im Zusammenhang mit dem Ausnahmezustand in Frankreich und dem Anschlag von Nizza verhängt worden sei. Tatsächlich könne das Tragen eines nicht der Norm entsprechenden Kleidungsstücks am Strand in diesem Kontext nur als „eindeutiges religiöses Symbol interpretiert“ werden, hieß es in dem Urteil.

    Schon Ende Juli hatte der Bürgermeister von Cannes David Lisnard den Burkini als „Uniform des extremistischen Islamismus, nicht der muslimischen Religion“ verboten. Da Frankreich und seine religiösen Stätten Ziele von Terroranschlägen seien, könnten Frauen mit Burkinis eine Gefahr für die öffentliche Ordnung werden, so die Argumentation von Lisnard.

    Derselbe konservative Bürgermeister hatte ein Jahr zuvor nicht gezögert, der Familie des Königs von Saudi-Arabien einen Teil des öffentlichen Strandes zur exklusiven Benutzung zur Verfügung zu stellen. Und das selbstverständlich ganz ohne irgendwelche Kleidervorschriften.

  8. Antje Schrupp: Schon wieder so eine Burkadiskussion

    Man weiß ja nicht, wo die immer herkommen, aber die Burkadiskussionen scheinen sich ja schon abwechselnd gegenseitig die Klinke in die Hand zu geben.

    Zu meiner westlichen Freiheit als Frau gehört es, dass ich anziehen kann, was ich will. Jederzeit und immer, und ohne dass irgend ein Mann oder am Ende auch noch der Staat mir das verbieten kann.
    Oder anders gesagt: Ich habe zwar keinen Grund, anzunehmen, dass ich aus irgend einem Grund irgendwann mal einen Gesichtsschleier tragen wollte. Aber mir liegt etwas an der theoretischen Möglichkeit. Und zwar nicht aus irgendeinem toleranten Verständnis gegenüber muslimischen Kulturen heraus, sondern aus einem vielleicht etwas naiv-pathetischen Verständnis meiner Freiheit als westliche Frau heraus.

    Freiheitswerte sind keine, wenn sie an bestimmte Inhalte gebunden sind. Freiheit ist nichts wert, wenn mir andere vorschreiben, was ich freiwillig zu wollen habe (und was nicht).

    Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der ständig öffentlich darüber verhandelt wird, was Frauen (nicht) anziehen dürfen, und wie das am besten gesetzlich zu regeln ist. Was Frauen anziehen, geht die Gesellschaft, den Staat, die Männer und im übrigen auch andere Frauen einen feuchten Kehricht an.

    Und ich kann nicht verstehen, dass nicht ein Aufschrei der Empörung von westlichen Frauen ausgeht, wenn ernsthaft das Schwimmengehen im Burkini verboten wird: Ja, wie viel nackte Haut zu zeigen sollen wir denn gezwungen werden? Es interessiert mich in diesem Zusammenhang gar nicht, wie unliberal muslimische Gruppierungen gegenüber westlicher nackter Frauenhaut sind. Es ist nicht Toleranz gegenüber „anderen Kulturen“, die mich zu einer vehementen Gegnerin solcher Verbote macht, sondern ein loyales und prinzipielles Bekenntnis zu meiner eigenen Kultur, die unter anderem eben auch die Freiheit von Frauen beinhaltet, tun und lassen zu können, was sie wollen. Ich kann im Kartoffelsack schwimmen gehen, wenn mir der Sinn danach ist.

    Ich bin unbedingt dafür, alles zu tun, um zu verhindern, dass Frauen zum Tragen eines Gesichtsschleiers gezwungen werden. Genauso wie zum Tragen des Kopftuchs übrigens. Oder dazu, sich die Beinhaare zu rasieren. Oder wozu auch immer.

    Aber man verhindert das nicht, indem man ausgerechnet Gesetze macht, die weibliches Verhalten regulieren. Wenn wir patriarchale Männer irgendwie im Zaum halten wollen, dann geht das nicht quasi über Bande auf dem Rücken von Frauen. Sondern da müssen wir als Gesellschaft uns halt was anderes überlegen.

  9. Menerva Hammad, HuffPost: „Wir sind hier nicht in der Türkei

    „Diese Frau muss hier raus! Ich kann das nicht länger ansehen! Wie können Sie zulassen, dass hier jemand in einem Burkini schwimmt?!“

    Mit dieser Aussage, einem Zeigefinger in meine Richtung ausgestreckt und einer wütenden Miene kam eine mir unbekannte Frau in einem Wiener Freibad auf mich zu. Sie hatte zwei Bademeister an ihrer Seite und mit der Beschwerde gerufen, eine Dame – in dem Fall war das ich – sei vollständig bekleidet im Wasser.
    Postleitzahl auf Pobacke

    Alle Leute im Wasser schauten mich fragend an, die Bademeister waren verwirrt und ich ging aus dem Wasser. Die Dame konnte nicht aufhören mit ihrem drohenden Zeigefinger vor meiner Nase zu fuchteln und schimpfte mit mir: „Ich habe Sie gesehen, Sie kamen mit diesem Gewand schon hier herein! Das ist unhygienisch!“

    Ich versuchte mich zu verteidigen: „Schauen Sie, das ist ein Burkini, und der Stoff aus dem der gemacht wurde, ist wie der von einem stinknormalen Badeanzug, es ist nur mehr Stoff dran.“

    Sie sah mich ungläubig an und fasste meinen Burkini ohne mich zu fragen an. Als sie bemerkte, dass ich Recht hatte, kam die Nonplusultra-Aussage von ihrer Seite: „Trotzdem, wir sind hier nicht in der Türkei! Sie müssen SOFORT gehen!“

    Das regte mich so sehr auf, zumal meine Eltern aus Ägypten sind, dass mir nur diese Antwort einfiel: „Ich verstehe, ich muss mich also ausziehen, um Österreicherin zu sein? Schön! Was wollen Sie denn von mir sehen? Meine Brüste, davon könnte ich Ihnen zwei anbieten, eine Pobacke, davon hätt ich eine ganze Postleitzahl, so groß ist mein Hintern! Oder vielleicht lieber ein bisserl Wampe? Ich habe viel Wampe, man sieht das nur nicht. Ich kann Ihnen aber leider nichts zeigen, was Sie nicht ohnehin schon kennen und wenn Sie sich hier umsehen, dann werden Sie viel Brust und vor allem Wampe sehen, ist es denn so schlimm, wenn das dann eine Person nicht von sich zeigt?“

    Sie ignorierte meine zu direkte Antwort, lief rot an und drehte sich zum Bademeister: „Ich möchte, dass diese junge Dame geht!“

    Der Bademeister sah sie an und meinte ganz gelassen: „Diese junge Dame hat Eintritt gezahlt, keinem was getan UND ich sehe ihre Badekleidung nicht als unpassend. Sie dagegen haben für Aufruhr gesorgt, unsere Schwimmgäste belästigt und jemanden beleidigt. Ich bitte nun Sie zu gehen.“

    Die Frau und ich waren sehr verwundert. Sie, dass sie gehen musste und ich, dass ich bleiben durfte. Ich bedankte mich sehr bei ihm und sah sie nicht einmal mehr an. Als ich später in der Umkleidekabine das Geschehen gedanklich vor Augen hatte, musste ich kurz überlegen.

    Im Prinzip ist es egal, was ich tue, was meine Eltern durchgemacht haben, um in dieses Land zu kommen, wie viele Jobs mein Vater hatte, damit er sich meine Ausbildung leisten konnte, was ich studiert habe, was ich arbeite, wie sehr ich mich anstrenge, oder was ich für dieses Land tue, ich bleibe immer die Ausländerin. Und wenn mich mein äußeres Erscheinungsbild nicht verrät, dann tut das mein Name.

    Ich frage mich, ob es jemals besser sein wird, denn einfach ist es nicht, nein, einfach ist es nicht. Aber solange es Menschen wie meinen Bademeister gibt, die sich für den Menschen im Menschen einsetzen, sich von keinerlei Äußerlichkeiten täuschen lassen und keine Angst haben gegen den Strom zu schwimmen, stirbt meine Hoffnung nicht.

    Als ich mich auf den Heimweg machte, bat ich ihn noch um ein Selfie mit mir, denn auch wenn ich nicht auf den Mund gefallen bin und immer meine Frau stehe, so war ich heute ein hilfloses Mädchen und habe durch ihn gelernt, dass Helden nicht immer maskiert sind.

  10. Heinrich Schmitz, Tagesspiegel: Der Staat darf die Burka nicht verbieten

    Zum Verstecken einer Bombe reicht auch ein Mantel. Dass es in Deutschland zu einem Burkaanschlag gekommen wäre, ist mir neu. Terroristen wollen ihre Identität nicht verschleiern, sondern berühmt werden.

    Das von Heiko Heinisch und Nina H. Scholz genannte Argument, Burka und Niqab seien Ausdruck der extremistischen Auslegung des Islam, „Ausdruck einer Gesinnung, welche die bestehende Gesellschaft lieber heute als morgen nach islamischen Vorgaben umgestalten möchte“ und nicht nur „ein Angriff auf die Rechte jener Frauen, die sie unter Zwang tragen, sondern grundsätzlich ein Angriff auf die gesellschaftliche Stellung der Frau in modernen Gesellschaften überhaupt und auf den Kampf um ihre Gleichberechtigung.“, wirkt schon überzeugender.
    Ist ein Burka-Verbot verfassungsrechtlich überhaupt möglich?

    Wenn die Burka von den Befürwortern eines Verbotes als Ausdruck extremistischer Auslegung des Islam betrachtet wird, so bleibt sie doch eine Kleidung, die einen religiösen Hintergrund hat. Damit fällt sie unter die Religionsfreiheit des Art.4 GG. Die schützt auch völlig bekloppte Religionsauslegungen. Der Staat ist da inhaltlich neutral.

    Der Grund für einen Grundrechtseingriff muss aber immer ein gewichtiger sein. Solange man die Rechte anderer nicht verletzt, hat der Staat kein Recht zum Eingriff. Das ist das richtige Verständnis der nicht zuletzt durch die Aufklärung erkämpften Freiheitsrechte. Der Staat darf nur eingreifen, wenn es zum Schutz der Rechte Anderer oder zum Schutz der Verfassung selbst unabdingbar ist.

    Das paternalistische Argument, man wolle die Burkaträgerinnen befreien, zieht nicht. Wenn eine Frau von ihrem Mann dazu genötigt wird, bestimmte Kleidung zu tragen, ist das als Nötigung strafrechtlich verboten, völlig egal, ob es sich bei dem Kleidungsstück um eine Burka, einen Kartoffelsack oder um Strapse handelt. Es geht nicht darum, zu welcher Kleidung jemand gezwungen wird, sondern darum, dass er überhaupt gezwungen wird.

    Kleidervorschriften an Arbeitsplätzen oder in bestimmten Gebäuden stellen gar kein Problem dar, sofern sie jegliche Verhüllung des Gesichts verbieten und nicht nur die durch eine Burka. Es ist auch unproblematisch, Gesichtsfeld-einschränkende Kleidung aus Sicherheitsgründen beim Führen von Kraftfahrzeugen zu untersagen. Aber dass der Staat bestimmte Kleidervorschriften für öffentliche Wege und Plätze erlässt, geht eindeutig zu weit. Für ein allgemeines Vermummungsverbot außerhalb von Demonstrationen gibt es keine Begründung. Selbst wenn die Trägerin mit der Burka einen Angriff auf die gesellschaftliche Stellung der Frau dokumentieren will, ist ihr das als Ausdruck der Meinungsfreiheit erlaubt.

    Das Argument, Burka tragen verletze die Menschenwürde der Trägerin zieht nicht. Das wäre nur der Fall, wenn sie gezwungen würde, was aber ja bereits verboten ist. Mit einem Verbot würde auch die Frau in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt, die dieses mobile Gefängnis freiwillig trägt.

    Dass die Burka in der Öffentlichkeit befremdlich wirkt, ist unbestritten, aber bisher ist noch niemand an akutem Augenkrebs gestorben, der sich dem eher seltenen Anblick ausgesetzt sah. Merkwürdige Kleidung, z.B. weiße Socken in Sandalen zu kurzen Hosen, gehört zur persönlichen Freiheit in Deutschland.

    Fazit: Ein Burkaverbot ist mit dem Grundgesetz nicht zu vereinbaren.

  11. Ulrich Schulte, taz:

    Wie unsinnig ein Verbot von Burka und Nikab wäre, dokumentieren ironischerweise gerade die CDU-Innenminister. Ihre Ideen wirken fürchterlich hilflos. Die zum Feminismus konvertierten CDUler reden ernsthaft über eine Änderung der Straßenverkehrsordnung. Schließlich, sagen sie, müssten Autofahrerinnen in Radarkontrollen identifizierbar sein. Oder sie argumentieren, eine Muslimin müsse vor Gericht erkennbar sein.

    Respekt, darauf muss man erstmal kommen. Glaubt wirklich jemand, dass die Männer ihre Frau nicht sofort auf den Beifahrersitz verbannen würden, wenn sie es nicht sowieso schon tun? Und wäre es wirklich unmöglich, dass eine Polizistin eine Zeugin vor ihrem Gerichtsauftritt im Nebenzimmer identifiziert?

    Aber, noch einmal: Linksliberale, die gegen das Burka-Verbot argumentieren, dürfen nicht den Fehler machen, eine reaktionäre Strömung des Islam zu verteidigen. Sie müssen dieses Stück Stoff als das benennen, was es ist, als repressives Instrument, das man tolerieren muss, aber nicht akzeptieren sollte. Sonst tappen sie in die Falle der Konservativen.

    Nicht „wäre“, ist. Innenminister beschließen Burka-Verbot mit Ausnahmen

    Kein komplettes Verbot, sondern ein „Gebot, Gesicht zu zeigen“: Darauf haben sich die Unionsinnenminister geeinigt. Dies ist Teil einer Erklärung zur inneren Sicherheit.

    Die Innenminister der Union haben sich darauf geeinigt, die Vollverschleierung in bestimmten Bereichen zu verbieten. Dies betreffe beispielsweise Einrichtungen des öffentlichen Dienstes, im Straßenverkehr oder bei Demonstrationen, erklärte Lorenz Caffier, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern am Nachmittag vor Journalisten. Verstöße gegen dieses eingeschränkte Burka-Verbot sollen als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. So steht es in der sogenannten Berliner Erklärung, die von den Innenministern eingebracht und nun verabschiedet wurde.

    „Wir wollen Deutschland langfristig noch sicherer machen“, sagte Caffier. Wichtig sei es, mehr Polizei bereitzustellen, aber etwa auch die Befugnisse der Nachrichtendienste zu stärken.

    Die Ablehnung der Burka habe nichts mit Sicherheit zu tun, sondern mit gesellschaftlichem Zusammenhalt, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière. „Gesichtzeigen ist für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft konstitutiv“, sagte der Minister. Überall dort, wo Gesichtzeigen eine Funktion habe, solle ein entsprechendes Gebot gelten. Dazu gehöre der gesamte öffentliche Dienst, Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Gerichtssäle und alle Situationen, in denen Menschen identifizierbar sein müssten.

    „Wie keine andere Partei stehen wir dafür, dass Freiheit mit Sicherheit gewährleistet sein muss“, sagte de Maizière. Deutschland sei eines der sichersten Länder der Welt, so solle es auch bleiben, sagte der Minister.

    „Wir lehnen einhellig die Burka ab, sie passt nicht zu unserem weltoffenen Land“, hatte de Maizière auch schon vor dem zweitägigen Treffen der Innenminister in Berlin gesagt. De Maizière kündigte an, über eine bereits beschlossene Aufstockung bei den Sicherheitsbehörden des Bundes in Höhe von 4.200 Stellen weitere Beamte in „mittlerer vierstelliger Größenordnung“ einstellen zu wollen.

    Die Forderung nach einem Verbot der Vollverschleierung war besonders von den Innenministern aus Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gekommen, Frank Henkel und Lorenz Caffier, die bei den Landtagswahlen in ihren Bundesländern im September als Spitzenkandidaten der CDU antreten. Henkel zeigte sich im rbb-Inforadio zufrieden mit den Beschlüssen, auch wenn es nicht zu einer Einigung auf die Forderung nach einem kompletten Verbot der Vollverschleierung kam. Dennoch: Es gebe jetzt klare Regeln und es sei wichtig gewesen, diese Debatte zu führen, sagte Henkel im rbb-Inforadio.

    Am 18. September ist Wahl, Herr Henkel. Ihr Burkaverbotswunsch wird die Berliner CDU auch nicht über 20% heben. Was bin ich froh, wenn ich Ihr Gesicht nicht mehr sehen muß!

  12. Susanne Kaiser, Quantara: Entschleiert euch!

    Bereits vor über hundert Jahren wurde argumentiert, das Kopftuch stehe für männliche Unterdrückung, was unvereinbar mit der westlichen Zivilisation und Werteordnung sei. In Frankreichs Kolonien ließ man daher auf Worte Taten folgen und zwang Musliminnen dazu, die Verschleierung abzulegen.

    In Ägypten hatten die Briten schon Ende des 19. Jahrhunderts erkannt, dass der Schlüssel zur Beherrschung der Kolonien die Frauen waren und eine öffentliche Debatte über den Hidschab angezettelt. Die feministische Intellektuelle Leila Ahmed zeigt, wie Lord Cromer die Kopfbedeckung für seine Zwecke instrumentalisierte, um „den Islam“ als vollkommenen sozialen Fehlschlag zu entlarven. Die Frau werde durch die geschlechtersegregierende Verhüllung als minderwertig und dem Manne Untertan gebrandmarkt. So versuchte Cromer, die Ägypterinnen gegen ihre Männer, Väter und Brüder auszuspielen.

    Um den „mittelalterlichen und barbarischen Sitten des Islam“ ein Ende zu setzen, wurden ganze Heerscharen von wohlmeinenden Aufklärern auf die koloniale Zivilbevölkerung losgelassen: Missionare, Feministinnen, sogar Ärzte sollten den unterdrückten und benachteiligten Frauen solidarisch gegen die orientalische Männerherrschaft zur Seite stehen und sie retten. Nicht selten verteilten sie Handbücher zur Anleitung für eine schrittweise Entschleierung.

    In England machte sich Cromer, dem die Freiheit der Frauen so am Herzen lag, als Aktivist gegen das Frauenwahlrecht einen Namen. In Ägypten setzte er durch, dass keine Ärztinnen mehr ausgebildet wurden – als Krankenschwestern konnten Frauen ihre naturgegebenen Eigenschaften besser verwirklichen. Es gibt Gerüchte, dass es Cromer gar nicht um die Freiheit der Ägypterinnen ging, sondern er nur nicht ertrug, von Frauen gesehen zu werden, die er unter dem Hidschab selbst nicht sehen konnte.

    Heute wehren sich Musliminnen in Europa nicht militant, sie ziehen vors Bundesverfassungsgericht oder schreiben Bücher. Während Feministinnen wie Alice Schwarzer noch immer in dieselbe Kerbe hauen, wie schon vor über hundert Jahren: Der Schlüssel zur Emanzipation muslimischer Gesellschaften ist die Stellung der Frauen. Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus. Das Kopftuch ist das Zeichen, das die Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht. Und real sind Kopftuch und Ganzkörperschleier eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation.

    Dabei scheint ihnen nicht bewusst zu sein, vor welches Dilemma sie muslimische Kopftuchträgerinnen damit stellen. Frauen haben dann nur noch die Wahl, sich von Männern beherrschen zu lassen oder von Pseudofeministinnen.

    Ganz lesen, Super-Artikel!

  13. Gar kein schlechter Kommentar von Sophie Albers Ben Chamo im Stern:

    Im Jahr 2016, im weltoffenen Deutschland, im toleranten Frankreich, mitten im aufgeklärten Europa werden Frauen beschimpft und angegriffen, weil sie zuviel Stoff auf der Haut tragen. Klingt absurd….
    Nichts ist verlogener, als einer Frau im Burkini den Strand- oder Schwimmbadbesuch zu verwehren, die man gerade eben noch vor Unterdrückung und Ausgrenzung retten wollte…

    • Was mich bei dem ganzen Galama wirklich zum Kotzen nervt: für beleidigende und gewalttätige Angriffe auf Frauen werden mal wieder die Frauen selbst verantwortlich gemacht, dauerhaft öffentlich verhandelt und sie werden bestraft.

      Auch der Ärger auf Korsika fingen damit an, daß ungefragt Fotos von den badenden Frauen gemacht wurden. Daß Korsen mit einer Harpune auf die protestierenden Familien losgingen, ist irgendwie der kleinere Skandal, das Burkinitragen ist vielviel schlimmer.

      Es ist so ermüdend, daß die besorgniserregenden Bürger nicht mal bemerken, daß ihre Denke und ihr Verhalten dem jedes Taliban aufs Haar gleicht. Und es ist auch so erbärmlich feige: weil mann sich nicht an menschenfeindliche Patriarchen rantraut, werden genau die Frauen bestraft, die sich die kleine Freiheit erkämpft haben, in der Öffentlichkeit schwimmen zu gehen.

      Die Prinzessinnenreporter haben einen wunderschönen Artikel abgeliefert: Der Prinzessinnen-Stylecheck / Sommermode 2016

      Stellen Sie sich auch häufiger die Frage, was die Umwelt von Ihrer Kleidung denkt? Stehen Sie bereits im Verdacht, religiöser Extremist zu sein, oder geht das Gothic-Cape grade noch als Chador durch, der auch weiterhin nicht verboten werden soll? Samael Falkner plant für Sie das perfekte Outfit und erklärt die neuen Kleidungsvorschriften.

      Wissen Sie, was mich dieser Tage am meisten bewegt? Viel zu viele Menschen duschen in Fitnessstudios nicht nackt. Dabei wusste schon Goethe, dass nur, wer nackt duscht, ein guter Mensch ist und ehrlich und anständig. In Genesis zog Eva Adam entrüstet das Blätterröckchen weg und rief „Es ist Deutschland hier!“. Nackt duschen gehört einfach zu unseren Werten. Nackt duschen und danach so knapp wie möglich bekleiden. Aber wie knapp, dazu befrage auch ich stets zuerst meinen Nachbarn, bevor ich das Haus verlasse. Denn es ist ja so. Gehst du in Leder-Hotpants und zu knappem Oberteil aus dem Haus, zwingst du anderen deine schwule Ideologie auf und trägst zur großen Verschwulung bei.

      Verdammter Genderismus, knappe Kleidung ist doch (und da bestehen wir drauf) den Frauen vorbehalten. Wie sagte einst Vordenker Cpt. Leo:

      Ich wünsche mir eine Welt, in der Geschlecht, Hautfarbe und Schwulsein nicht mehr bestimmen, was jemand wert ist, sondern ausschließlich der Kontostand.

      Also Maßanzug? Das funktioniert aber nur so weit, dass dieser in einem gewissen finanziellen Rahmen liegt. Sie wollen nicht ZU reich aussehen. Dann landen Sie auf den Titelblättern irgendwelcher Boulevardmedien, die Ihnen Steuerhinterziehung unterstellen, bis dann wirklich mal jemand nachguckt und feststellt, Sie zahlen exakt 0 Euro Steuern. Aber egal, zurück zum perfekten Outfit. Einigen wir uns für den Herren auf einen normalen, bodenständigen Anzug unter 1.000 Euro. Egal zu welchem Anlass. Aber keine extravaganten Kopfbedeckungen bitte. Das ging zügiger als gedacht.

      Und so geht das weiter, ein bildschöner Rant!

  14. Markus Reuter, Netzpolitik über die „Berliner Erklärung“:

    Die Innenminister der CDU/CSU haben heute ihre „Berliner Erklärung“ veröffentlicht. Das Papier beinhaltet Forderungen aus der Überwachungsoffensive von Innenminister de Maiziere, geht in vielen Punkten aber noch weiter.

    Das Papier ist in zwei Kapitel unterteilt: erstens „Sicherheit“ und zum anderen ein Kapitel mit dem Titel „Flüchtlinge, Integration, gesellschaftlicher Zusammenhalt“. Insbesondere das zweite Kapitel, mit seinem Burka-Verbot Light, ist in seiner Fokussierung auf den Islam und die Abwehr von Migration als Konzession gegenüber der anhaltenden Stärke der rechtspopulistischen AfD zu verstehen.

    Burka-Debatte überlagert Diskussion um Überwachung und Grundrechte

    Weil die Diskussion um das Burka-Verbot alles überlagerte und alle anderen Punkte untergingen, schauen wir uns hier explizit nur das Kapitel zum Thema „Sicherheit“ an, das eine lange Liste von grundrechtsfeindlichen Vorschlägen enthält.

    Und jetzt kommt eine sehr lange Liste, die man gründlich lesen sollte, das Fazit:

    Die Berliner Erklärung ist nicht Regierungspolitik. Zum Glück. Aber es ist schlimm genug, dass mit der CDU die stärkste Partei des Landes, vollkommen den Blick für Grund- und Freiheitsrechte verloren hat.

    Man muss sich das mal vor Augen führen: Das letzte große Anti-Terrorpaket ist gerade erst beschlossen, die Ausweitung der Geheimdienstbefugnisse des BND auf dem Weg, die alten Sicherheitsgesetze sind nicht evaluiert.

    In immer schnellerer Taktzahl folgen Verschärfungen auf dem Gebiet der Inneren Sicherheit aufeinander.
    Mit de Maizieres Überwachungsoffensive, der Unterstützung der Kanzlerin und der scharfmachenden Berliner Erklärung hat sich die CDU in den letzten Tagen sehr klar positioniert: Sie setzt auf die Erosion der Grundrechte – und zwar in richtig hohem Tempo.

    Falls sich noch irgendwer fragen sollte, wovon die textile Erregerei ablenken soll.

  15. Adam Taylor, Washington Post: Germany’s potential burqa ban has a problem: Where are the burqas?

    It’s a big move on a continent where Islam seems to be increasingly be viewed as a threat. But an important detail appeared to be missing from the discussion: How many women actually wear the full-face veil in Germany?

    Before we answer that question, its worth noting the semantics here. While many people refer to the full-face veil as a „burqa“ and the bans on such veils as „burqa bans,“ the burqa itself is actually only one kind of veil. The burqa is a long, loose veil that covers the woman’s entire body — sometimes only leaving a thin mesh over the eyes for the wearer to see through. It tends to be more common among Afghan and South Asian Muslims.

    Slightly less covering than the burqa is the niqab. This is a small veil that is worn over the face and it generally keeps the eyes open. The niqab is preferred by some Arabic Muslim women, and it is more widely seen in Europe than the burqa, for which it is frequently mistaken.

    And, of course, don’t forget the burkini. This garment, recently banned in a number of French towns, is a two-piece swimsuit that covers the entire body except for the face, hands and feet. While it’s worn by some Muslim women, it isn’t exactly a traditional item of clothing like the others listed here: Its origins can be traced back to the beaches of Sydney, Australia, in the early 2000s.

    So how many women in Germany actually wear a burqa or a niqab, the two items of Islamic clothing that partially or fully cover the face? Well, rather surprisingly, it turns out the German government may not know. The Interior Ministry wasn’t able to provide an estimate when it was contacted on Friday.

    Searching online for further government statistics leads us to a 2008 survey from the Federal Office for Migration and Refugees. That survey showed that around 28 percent of Muslim women and girls wore a headscarf. However, it’s important to note that this figure would include more popular items of clothing such as the hijab, as well as the more rarely seen niqab and burqa. Much of Germany’s Muslim population can be traced back to Turkey, where full-face veils are not widespread.

    Germany has seen a large influx of Muslim immigrants since then, many of whom come from places like Syria where more people do wear the niqab or the burqa — so more information is needed.

    This March, the Bild tabloid newspaper tried to find out how many people actually wore the full-face veil in Germany. At first, it contacted the Central Council of Muslims in Germany, who told the paper there were no official figures. So then, Bild reached out to Egyptian German political scientist Hamed Abdel-Samad, an atheist who is known as a critic of Islam. Abdel-Samad estimated that maybe 200 to 300 people wore a burqa in Germany. It was more like 50 four years ago, Abdel-Samad told the newspaper, but the garment has now become more common.

    It may seem strange that a country might implement a ban on a garment while having little information about who actually wears it, as well as broader public confusion about what these garments actually are.

    It isn’t, however, unprecedented. France banned full-face veils in 2011, and that ban remains in place today.

    As the political movement behind that ban gathered steam, France’s Interior Ministry released a study that said niqabs were worn by fewer than 2,000 women in the country — hardly a significant portion of the country’s Muslim population, now estimated at 7.5 million — and very few, perhaps none, wore the burqa.

    Even that low estimate seemed perturbingly unrigorous to some. Martin Robbins, a British writer and researcher with an interest in data, looked into it closely and realized that the Interior Ministry’s estimate was arrived at when French police were asked to estimate the number of Salafist Muslims in the country based on the number of mosques. This number was a secret until it was leaked to Le Figaro newspaper.

    Robbins wrote for the Guardian in 2011 that „2,000 is a private guesstimate leaked by a newspaper then, not the reliable statistic it’s been presented as by the media.“ He added that he felt personally the number was likely to be lower.

    If the amount of research into the wearing of burqas and niqabs may seem weak, the research on the actual effects of these bans may actually be weaker. It’s been more than five years since France unveiled its ban on the Muslim full-face veil, and remarkably little research has been done on how Muslims feel about it.

    What information we have suggests that some Muslim women may actually wear the veil more now, seeing it as a way of rebelling. Figures released by the Interior Ministry in 2015 showed that 1,546 fines had been imposed under the law, even though it is only partially enforced. There were many repeat offenders — one woman was fined 33 times.

    Agnes De Feo, a sociologist and documentary filmmaker who since 2009 has interviewed around 150 women who wear the veil, said that most women who wore the veil before the ban now stay home. The women who wear the full-face veil out are a new breed; far more interested in provocation than those who came before. Some have even gone to Syria and Iraq to join extremist groups, De Feo said.

    De Feo is clear on where she feels the blame lies. „These women became like that because of the French context,“ she said.

  16. Süddeutsche: Burka ist der neue Punk

    Der Forscher Aladin El-Mafaalani untersucht den Salafismus als Jugendkultur. Er sieht ihn als Rebellion gegen die wenig religiöse Elterngeneration – in muslimischen wie in christlichen Familien.
    Der Salafismus vereine zwei Dinge, die in unserer Kultur viele anziehen: Nostalgie und Askese.
    Frauen in der Bewegung finden es ihm zufolge attraktiv, sich in einer Szene zu bewegen, in der für Männer ähnlich strenge Regeln gelten wie für sie.

    Superinteressantes Interview! Ich hatte das bei so manchem Kopftuch schon lange vermutet: ein Provokationspotential wie sonst nur das Intimpiercing an der Oberstudienratstochter.

  17. Und noch ein interessantes Interview: Barbara Vinken im dradio: „Auch in unserer Gesellschaft sind Frauen Objekt des Blickes

    Vinken sieht in der aktuellen Debatte um ein Burka-Verbot eine Chance: „Sie erlaubt uns einen neuen Blick auf unserer eigenen Geschlechterordnung in der Öffentlichkeit.“ Auch in der deutschen Gesellschaft seien Frauen „Objekte des Blickes“ und die Männer eben die, die blicken. Die Männermode würde verweigern, irgendetwas vom Körper zu zeigen. Die Frauenkörper würden im Gegensatz dazu erotisch inszeniert. Die Debatte über die Burka tauge dazu, diesen Unterschied zu begreifen. Zudem zeigte sich Vinken davon überzeugt, dass die Mode die Burka in ihren „Bann ziehen“ und sie zu einem modischen Gegenstand machen werde. Damit, so die Kulturwissenschaftlerin, würde das Verschleierungsargument auch wegfallen.

  18. Auch schön, Heinrich-Böll-Stiftung: Gute Beine, schlechte Beine? Burkini vs. Speedos

    Eines ruhigen Sonntags im Monat Ramadan war ich mit Freunden, darunter Marwan, dessen Bild diesen Artikel ziert, an einem recht menschenleeren Strand. Wir hatten uns bereits ins Wasser gestürzt – drei Männer und eine Frau –, da musste der Strandaufseher aufgebracht rufend und winkend für Ordnung sorgen. Doch nicht mein Bikini war das Problem. Er hatte ausgemacht, worin die tatsächliche Bedrohung bestand: in Marwans Körper, genauer gesagt, seiner Badehose (siehe Foto). „Das Tragen von Speedos ist hier verboten.“ Glücklicherweise mussten wir bloß 20 Minuten im Wasser warten bis ein Freund mit langen extra-Badeshorts kam und für Marwans Rettung sowie die Sicherheit der anderen Badegäste sorgte.

    Daran, eine logische Erklärung zu finden, sind wir an jenem Tag gescheitert. Heute möchte ich daher einmal versuchen, eine willkürliche Sammlung von Argumenten für die jüngsten Verbote umstrittener Bademoden in Frankreich auf ein Speedos-Verbot im Libanon anzuwenden:

    Leider habe ich es versäumt, den Strandaufseher dazu zu befragen. Sein Kommentar hätte wohl in etwa so gelautet: „Es geht nicht darum, das Tragen modischer Statements am Strand zu verbieten, sondern ostentative Kleidung, die auf eine Zugehörigkeit zu sexuellen Orientierungen hinweist, die gegen uns Krieg führen.“

    Was in Europa nach „höchster Verblödungsbereitschaft mit einem zutiefst rassistischen Kern“ klingt, war am Strand von Jiyeh wohl Homophobie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s