P.J. Harvey: So was von da

sowasvonda Foto: Man Alive! gemeinfrei, beschnitten

Oliver Götz, musikexpress: All Eyes on Polly Jean Harvey

Ihre Präsenz. Sie ist so was von da. All eyes on Polly. Kein Moment ohne Körperspannung. Sie beherrscht die Kunst, hinterm Mikrofonständer herumzustehen ohne eine Sekunde herumzustehen. Und sie tanzt ja auch noch, trippelt, stakst, schleicht sich an, ist eine Schlange, duckt sich im Unterholz, malt mit freier Hand und ganzem Arm zusätzliche Noten und Unterstreichungen in die Luft, dreht den Kopf von hier nach da mit plötzlichem Ruck und großen Augen. …

Männer, die so singen, sind längst schon Richtung Abgrund abgebogen. Wie man in diesem Konzert überhaupt immer wieder darauf gestoßen wird, dass PJ Harvey nicht nur eine der wichtigsten zeitgenössischen Kräfte des Blues ist, wenn es darum geht, dieses Gefäß mit neuen Inhalten zu füllen. …

Nur falls mal wieder jemand fragt, warum den Songwritern nichts zur aktuellen Lage in der Welt einfallen möchte: Die Stücke von PJ Harveys aktuellsten Alben THE HOPE SIX DEMOLITION PROJECT und LET ENGLAND SHAKE sind einwandfreies Protestsong-Material. Nur eben nicht aus der Pete-Seeger-Schule. Sie bieten stattdessen viel Freiraum zur eigenen Interpretation. Aber wer den Hörern nicht die entsprechende Mündigkeit zuspricht, kann sich 2016 auch nur lächerlich machen. Und wer die Ohnmacht nicht mit abbildet, die sich angesichts von Pollys Blick auf die Welt im Dauerzustand des Kriegs und der Ungerechtigkeit zwangsläufig einstellt, auch. Dass Polly Jean solch politisches Lied ausgerechnet wie ein in Tinte getauchtes Waldwesen aus dem „Sommernachtstraum“ vorträgt, macht die Sache nur noch spannender: Brüche brennen sich ein.

Maurice Wojach, Märkische Allgemeine:

Saxophone sind wie Bundestrainer – jeder hat eine Meinung zu ihnen. Einige lieben das Instrument, weil es für die perfekt durchchoreografierten Stadionkonzerte von Mainstream-Helden der 90er-Jahre steht. Andere hassen es aus demselben Grund.

… PJ Harvey hat sich ausgerechnet das Saxophon als prägendes Instrument für ihr aktuelles Album „The Hope Six Demolition Project“ ausgesucht. Beim einzigen großen Konzert in Deutschland auf der Zitadelle in Berlin-Spandau spielt sie es am Montagabend sogar selbst, oder besser gesagt – mal wiegt sie es wie ein Kleinkind im Arm, mal malträtiert sie es.

So jaulend schief passt es perfekt zum schroffen Sound einer Musikerin, deren Kunst so behaglich ist wie das Nickerchen auf einem Nagelbrett. Für das neue Werk reiste PJ Harvey dorthin, wo es richtig weh tut. Sie fuhr mit einem Kriegsfotografen unter anderem durch den Kosovo, in die Ghettos amerikanischer Großstädte und nach Afghanistan. …

Mit eindringlicher Stimme, begleitet von langjährigen Wegbegleitern, wie Mick Harvey und John Parish, offenbart sich die Sängerin als unversöhnliche Wundenkratzerin. Sie protokolliert das globale Elend und verpackt es in mal traurige, mal aufrüttelnde Melodien. Ein schöner Abend über eine unschöne Welt. Dabei versucht PJ Harvey erst gar nicht Versöhnlichkeit vorzugaukeln. Sie spart sich die Begrüßung, sie stellt zwar ihre zehn Musiker vor, weitere Ansagen aber bleiben aus. PJ Harveys Weltsicht wirkt zu düster für das Tageslicht. Und als das nach dem mehr als eineinhalbstündigen Konzert der Dämmerung, verschwindet eine große Künstlerin unter großem Applaus von etwa 7000 Fans.

Lea Hauke, Rolling Stone: Große Kunst im Hexenkessel

Während des gesamten Konzerts gibt es keinen schwachen Moment; sogar bei schwierigen Songs wie „River Anacostia“ sitzt jeder Ton. Langsam schaukelt Harvey sich in ungeahnte Höhen und befördert sich selbst und das Publikum in eine Art Trance. „Is that Jesus on the water talking to the fallen trees? What will become of us?“, singt sie – und klingt dabei so verzweifelt, dass man sich die letzten Fragen stellt: Was wird aus uns? …

Die zarte Jugendlichkeit in Harveys Stimme lässt daran zweifeln, dass diese Frau 47 Jahre alt sein soll. Mit dieser außergewöhnlichen Stimme malt PJ Harvey Bilder in die Köpfe – sie ist das geeignete Instrument, um die Gedichte – die auf ihren Reisen nach Afghanistan und in den Kosovo entstanden sind – in Songs zu übersetzen.

Einige Stücke des neuen Albums handeln von einer heruntergekommenen Wohngegend in Washington D.C., dem Hope Six Housing Project, Namensgeber der Platte. Bei „Ministry Of Social Affairs“ kocht Harvey in einem brodelnden Hexenkessel: Bettler, die mit verstümmelten Gliedmaßen in den Gassen sitzen, ein dämonisches Saxofon, dazu das rhythmische Schütteln von Klingelbeuteln und die treibende Wiederholung von „That’s what they want/ Money honey“. Gegen Ende erhebt sich das Stück zu einer gigantischen Kakofonie. „Let England Shake“ ist leichter zu verkraften: Das Xylofon führt federnd durch das Lied, und die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs in England sind nicht so unmittelbar wie das Elend von „The Hope Six Demolition Project“. …

Diese Frau ist zu allem bereit. Große Kunst.

Das Konzert in der Zitadelle Spandau könnte ungefähr ausgesehen haben (manchmal ist es mir wirklich lästig, daß ich keine Menschenmengen mehr aushalte, was hätte ich das gern gesehen!) wie das Konzert in Athen:

Nadine Lange, Tagesspiegel: Dein Leid, mein Lied und Draußen vor der Autotür

Montbron: Sing darüber!

hicemusic: PJ Harvey – The Hope Six Demolition Project

Guardian: PJ Harvey and photographer Seamus Murphy travelled to Kosovo, Afghanistan and Washington DC to make The Hollow of the Hand, a poignant collection of poetry and pictures.

Lyrics und kommende Auftritte.


 

Und weil’s so großartig ist, ‚Let England shake‘ in 12 Kurzfilmen von Seamus Murphy:

Advertisements

6 Gedanken zu „P.J. Harvey: So was von da

  1. Gekommen bin ich auf diese Musik durch Ihren Titel für den Artikel. Ich habe vor ziemlich drei Jahren einen etwas atemlosen Krimi gelesen mit den Titel So was von da. Der hat mir so gut gefallen, da habe ich ihn beschrieben. Also musste ich mir Ihren Artikel natürlich ansehen. Die Musik hier gefällt mir auch. Sie erinnert mich ein wenig an Tina Dickow. Nicht vom Inhalt, aber von der Intensität her. Danke für den Musiktipp.

  2. Musikalisch, künstlerisch finde ich das auch toll. Nur die Stimme berührt mich irgendwie nicht, die habe ich lieber zwei Nummern tiefer, volumiger. Aber dafür kann P.J. Harvey ja schließlich nichts ;)
    Grüßle, Diander

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s