Spiele

Die „3. Spielzeit“ in Marseille aus der Sicht eines russischen Hooligans. (Nachtrag 15.6. 13h YouTube hat das Video inzwischen gelöscht, mit den Worten: „Dieses Video wurde entfernt, weil es gegen die YouTube-Richtlinien zu Spam, irreführenden Praktiken und Betrug verstößt.„)

Panorama:

Das geschnittene Video, das zudem stark mit Zeitraffer-Effekten arbeitet, zeigt in gut sechs Minuten, wie eine Gruppe russischer Hooligans offenbar weitgehend unbehelligt von Polizei und Sicherheitskräften durch die Marseiller Innenstadt rund um den Hafen zieht – und mehr oder weniger auf alles einschlägt, was ihnen in die Quere kommt. Mehrfach werden Opfer zu Boden gebracht und gnadenlos zusammengeschlagen. Auch Stühle, Tische, Mülleimer und anderes herumliegende Gegenstände werden als Waffen eingesetzt. Mehrfach agiert der filmende Täter an vorderster Front und beteiligt sich an Schlägereien.

Gut zu erkennen ist außerdem, dass es sich bei der Gruppe um eine offenbar organisiert vorgehende Schlägertruppe handelt. Weder wirken die Angreifer betrunken, noch entsteht ihre Gewalt spontan aus Kneipenschlägereien oder Ähnlichem. Gezielt laufen sie auf der Suche nach Gegnern, beziehungsweise Opfern durch die Straßen, einzelne Szenen lassen zum Teil auf geübte Kampfsportler schließen. Auffällig zudem: Einer der Täter ist der „Mann mit dem Hut“, der laut ARD auch maßgeblich an der lebensgefährlichen Verletzung eines englischen Fans beteiligt war: Der Mann, der anhand seiner Kleidung gut wiederzuerkennen ist, agiert offenbar auch im Hooligan-Video die meiste Zeit in vorderster Reihe.


BGH-Urteil: Hooligan-Gruppe kann kriminelle Vereinigung sein

„Weil die Gruppierung der Angeklagten gerade auch auf die Ausübung von Tätlichkeiten im Rahmen von Schlägereien ausgerichtet war, bestand ihr Zweck und ihre Tätigkeit daher in der Begehung strafbarer (gefährlicher) Körperverletzungen“, heißt es in einem BGH-Urteil. Körperverletzung – auch bei freiwilligen und geplanten Zusammenstößen verfeindeter Hooligan-Gruppen – sei sittenwidrig und strafbar.

Laut Jahresbericht 2014/15 der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei: Allein in Deutschland wurden knapp zweieinhalb Millionen Polizei-Einsatzstunden zur Sicherung der Fußballspiele der 1. – 3. Liga geleistet und auf alle Steuerzahler umgelegt. Dazu kommen Fakt und Kosten für mehr als 1.500 Verletzte bei den Spielen von Bundes- bis Regionalliga, darunter ungefähr 450 Unbeteiligte, mehr als 300 verletzte Polizisten und etwa 100 Ordner. Der Steuerzahler trägt auch die Kosten für mehr als 8.300 Strafverfahren. Es wurden 980 bundesweit wirksame Stadionverbote ausgesprochen, ingesamt waren im September 2015 2.218 Stadionverbote in Kraft, die offenbar nicht oder nur unvollständig an die UEFA weitergemeldet wurden.

Nur in Bremen werden inzwischen Rechnungen an die DFL geschickt, bei Spielen zwischen Vereinen, deren Fans für „Risikospiele“ sorgen. Für ein Spiel zwischen Werder Bremen und HSV wurden zum Beispiel 425.000€ in Rechnung gestellt. Die DFL möchte – Überraschung – nicht zahlen.

Die Bundesliga macht einen Jahresumsatz von mehr als 2,5 Milliarden Euro.

Das auch mal zum Thema Parallelgesellschaft. Muß man wohl verstehen, daß nicht genug Polizei zur Verfügung steht, um die geradezu täglich brennende Flüchtlingsunterkunft zu verhindern^^


 

Nicht nur der FC Ostelbien Dornburg hat ein Naziproblem.

In eigener Sache

Ein Jahr lang hatte Fussball-gegen-Nazis.de von August 2014 bis August 2015 eine eigene Redaktion aus einer halben Stelle, finanziert aus den Mitteln des Programms „PFiFF“ der Deutschen Fußball-Liga. Wie Sie bestimmt bemerkt haben, sind in dieser Zeit viele spannende Artikel hier erschienen, und mit der Broschüre „Fairplay statt Hass – Was wir gegen Menschenverachtung und rechtsextreme Ideologien im Fußball machen können“ ist zum Abschluss auch ein spannendes Print-Produkt entstanden. Leider ist die Förderung ausgelaufen.


 

Fußball-Europameisterschaft 2016: Wieder Zeit für abwertende Ausfälle – Woche 1

Beim ersten Bild von „Deutschland-Fans“ mit Reichskriegsflagge, dass Netz-gegen-Nazis.de auf Facebook postete, fragte ein Nutzer: „Warum machen Sie dafür auch noch Werbung?“ Nein, wir machen keine Werbung von rassistische, neonazistische, nationalistische Ausfälle während der Fußball-EM 2016 in Frankreich. Wir dokumentieren sie, um zu zeigen, wie schnell Party-Patriotismus in abwertenden Nationalismus, Rassismus oder gar Rechtsextremismus schwappt. Denn wir glauben, dass Fußball-Freude auch ohne Abwertung möglich ist.
Von Simone Rafael

Diesmal ging die Instrumentalisierung von Fußball für rassistische und islamfeindliche Hetze schon vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft 2016 in Frankreich los.

  • Zuerst empörten sich Anhänger_innen von „Pegida Baden-Württemberg“ über die nicht-weißen Kinder auf Kinderschokoladen-Tafeln – bis sie verstanden, dass es sich um Kinderbilder der Spieler der deutschen Nationalmannschaft handelte, und dann peinlich berührte ihre Facebook-Seite löschten, während ihnen die Hashtag-Kampange #CuteSolidarity zeigte, wie allein sie mit ihrer Wahrnehmung in Deutschland sind (siehe ngn).
  • Während früher (2006) die rechtsextreme NPD mit „WM-Planern“ mit dem Titel „Weiß – nicht nur eine Trikot-Farbe. Für eine echte NATIONAL-Mannschaft“ von sich reden machte, wollte diesmal die „Alternative für Deutschland“ die Bühne Fußball für rassistische und islamfeindliche Hetze nutzbar machen.
  • So äußerte AfD-Brandenburg-Vorsitzender Alexander Gauland gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, „die Leute“ wollten einen wie Innenverteidiger Jerome Boateng nicht zu Nachbarn haben – und reagierte auf Kritik, dass er einen in Deutschland geborenen Christen nicht zum Nachbarn haben wolle, mit der interessanten Aussage, er habe ja nicht einmal gewusst, dass Boateng eine schwarze Hautfarbe haben. Was ja im Folgeschluss heißen müsste, dass er ihn nur wegen seines Namens nicht zum Nachbarn haben wollte – auch ein schöner Beleg für Alltagsrassismus in Deutschland.
  • Während Gauland für seine Aussage der Gegenwind ins Gesicht blies, suchte sich eine Kollegin aus der AfD Sachsen gleich den nächsten Fußball-Bezug für islamfeindliche Hetze. Andrea Kersten, Kreisvorstand der AfD Mittelsachsen, nannte eine Reise von Stürmer Mesut Özil nach Mekka eine „öffentlichkeitswirksame Pilgerfahrt“, die ein „antipatriotisches Signal“ sei – und dies alles nur, weil Özil ein Foto seiner Reise auf Facebook veröffentlichte. Auch hier zeigten allerdings die Reaktionen von Millionen anderer Menschen, was sie von der AfD-Attacke hielten – nämlich nichts (vgl. Welt).
  • Kein Wunder, dass verwirrte Patrioten in der AfD daraufhin beschlossen, die Facebook-Gruppe „AfD-Fußballfreunde der Nationalmannschaft“ zu gründen – denn offenbar ist das in der AfD ja nicht Konsens, die aktuelle Nationalmannschaft zu unterstützen. Die Gruppe hat 470 Fans, ist sehr schwarz-rot-gold, aber tatsächlich bisher ohne Ausfälle.
  • Die Grüne Jugend Rheinland-Pfalz forderte „Fußballfans, Fahnen runter“, um abwertendem Nationalismus entgegen zu treten (vgl. Welt) – und erntete dafür Beschimpfungen und  Todesdrohungen. Ein CSU-Generalsekretär beschimpfte sie als „Idioten“ (ND)

Hier noch eine Collage von Reaktionen, zusammengestellt von Schland-Watch.

  • Dann kam das erste Deutschland-Spiel und dazu auch die ersten rechtsextremen Ausfälle.
  • Bereits mittags posierten rechtsextreme Hooligans mit Reichskriegsflagge und „Dresden Ost“-Schal in Lille, sangen „Wir sind wieder einmarschiert“ und skandierten „Deutsche Hooligans“ (Tagesspiegel). Dann kam es auch zu gewalttätigen Krawallen, bei denen mehr als 50 deutsche Hooligans am späten Nachmittag in der Nähe des Bahnhofs friedlich feiernde ukrainische Fans angriffen. Zwei Menschen wurden nach ersten Angaben leicht verletzt. Dabei hatte die Bundespolizei bereits in der Grenzregion von Rheinland-Pfalz 21 Hooligans gestoppt, davon 18 einschlägig bekannte Hooligans aus Dresden, die auch Sturmhauben und Mundschutze im Auto hatten,  und 3 Hooligans aus Kaiserslautern. . Wie ein Sprecher am Sonntag in Trier sagte, wurde zunächst eine 18-köpfige Gruppe einschlägig bekannter Gewalttäter aus Dresden an der Ausreise gehindert. Unter den 50 randalierenden Hooligans sollen ihrer Schals und T-Shirts nach Hooligans aus Dresden und Leipzig gewesen sein (Frankfurter RundschauSpiegel Onlinemdr).

 

  • Oliver Pocher versuchte, Aufmerksamkeit mit rassistischem Blackfacing zu erregen:

  • Noch ein paar Eindrücke, die User_innen in Sozialen Netzwerken sammelten, etwa das T-Shirt „Nach Frankreich fahr ich nur auf Ketten – EM 2016“:

 

  • Jens Eckleben von der AfD Hamburg sieht derweil auf Twitter im EM-Sieg des kroatischen gegen das türkische Team „einen großen Sieg für das christliche Abendland“

  • Und eine Leserin der Frankfurter Rundschau weiß schon ganz genau, wer an den Hooligan-Krawallen in Frankreich schuld ist – aber die „Lügenpresse“ schreibt es ja wieder nicht:

 

Ergänzung:

Wir wollen nicht den Sexismus vergessen, der sich entlud, weil eine Frau (!!), nämlich Claudia Neumann, als TV-Kommentatorin zur EM eingesetzt wird.

Zusammenstellung von hr-info auf Facebook.


 

P.S. Kann ich bitte einen aktiven Fußballblocker für alle Medien haben?


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10 Gedanken zu „Spiele

  1. Zeit Online, AFP, dpa, Reuters, AP: Uefa bestraft Russland mit EM-Ausschluss auf Bewährung

    Die russische Mannschaft muss das Turnier verlassen, sollten russische Fans erneut im Stadion randalieren. Zudem wurde eine Geldstrafe von 150.000 Euro verhängt.

    Anlass ist das Verhalten russischer Zuschauer im Spiel gegen England am Samstag im Stadion in Marseille. Fans hatten Feuerwerkskörper entzündet und den Block der englischen Fans gestürmt. Sie prügelten auf andere Fans ein, Leuchtraketen flogen und Flaggen wurden heruntergerissen. Aus Panik kletterten viele englische Fans über Zäune zum Innenraum. Schon zuvor hatte es im Alten Hafen von Marseille schweren Krawall gegeben, bei denen Flaschen und Tische flogen und die Polizei Wasserwerfer und Tränengas einsetzte. Mehrere Hundert Fans waren aufeinander losgegangen.

    Nach der Darstellung des rechtsradikalen Aktivisten Alexander Schprygin stoppte die französische Polizei außerdem einen Bus mit russischen Hooligans. Den fast 50 Reisenden drohe die Ausweisung, sagte Schprygin. Demnach umstellten Bereitschaftspolizisten das Fahrzeug in Cannes auf dem Weg nach Lille, wo die russische Mannschaft ihr nächstes EM-Spiel bestreitet.

  2. Zwei Artikel über Geschichte und Gegenwart der Nazis im polnischen Fußball: Nazis auf den Rängen, Teil 1 und Teil 2

    Als dann der Eiserne Vorhang fiel und sich Polen auf den langen Weg gen Westen machte, der das Land 1999 in die NATO und 2004 in die Europäische Union führte, hatte sich in den Stadien längst eine Kultur der Widerständigkeit etabliert. In dem Bewusstsein, das Polen über Jahrhunderte hinweg überhaupt nicht als eigenständiger Staat existiert hatte und auch danach wenig mehr als ein Spielball der Großmächte war, war diese Kultur geprägt von einer starken Bezugnahme auf die polnische Nation, die einen fließenden Übergang hin zu einem stark ausgeprägten und oft völkischen Nationalismus fand.

    Diese Entwicklung wurde und wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass Polen ein Staat mit einer ethnisch sehr homogenen Bevölkerung war und ist.

    Eine Öffnung hin zu einer pluralistischen, von ethnischer und weltanschaulicher Vielfalt geprägten Gesellschaft, wie sie für viele Länder Westeuropas prägend war, hat es in Polen also nie gegeben. Es ist daher kaum verwunderlich, dass der polnische Nationalismus in besonders hohem Maße von einem Streben nach Homogenität geprägt ist.

    Das zweite prägende Moment für die polnische Fankultur, die ablehnende Haltung gegenüber dem realsozialistischen Regime, wandelte sich nach dem Wegbruch desselben meist in einen militanten Antikommunismus und eine weit verbreitete, ganz grundsätzliche Ablehnung gegen alles vermeintlich Rote oder Linke, wozu in den Augen vieler auch Homosexualität, Feminismus und „Multikulti“ gehören.

    Im September demonstrierten bis zu 10.000 Menschen bei einem Marsch durch die Warschauer Innenstadt gegen eine vermeintliche Islamisierung Polens und die Aufnahme von Asylsuchenden. Mit von der Partie waren zahlreiche Fußballfans. Eine stationäre Kundgebung für Geflüchtete zwei Blocks weiter, zu der zahlreiche Gruppen und auch die linksliberale Tageszeitung Gazeta Wyborcza aufgerufen hatten, brachte nur 1.000 Menschen auf die Straße. Wer sich auf Sichtweite an die nur von lockeren Polizeiketten begleitete Demonstration der Rassist_innen und Nationalist_innen heranwagte, konnte leicht das Gefühl bekommen, beim Fußball zu sein. Offenkundig stammte ein großer Teil der Demonstrierenden aus der Fußballszene, was seinen Ausdruck nicht nur in Böllerwürfen und Bengalos fand, sondern auch darin, dass vieles von dem, was gerufen wurde, in Rhythmus und Melodie direkt aus dem Repertoire der Ultrakultur übernommen wurde.

    Für polnische Augen war das, was sich am 12. September auf den Straßen Warschaus abspielte, ein gewohnter Anblick, ähnelte es doch sehr dem Schauspiel, das sich jedes Jahr am 11. November beim ebenfalls unter anderem vom National-Radikalen Lager ONR organisierten „Marsch der Unabhängigkeit“ bietet.

    Dem allgemeinen Tenor in der europäischen Rechten folgend richtete sich der Aufmarsch am 12. September nicht nur gegen Geflüchtete, sondern auch gegen eine vermeintliche „Islamisierung Polens“. Ähnlich wie in Deutschland bei Hogesa scheint dieses Thema auch bei polnischen Fußballfans großen Widerhall zu finden. So richteten sich nicht nur Lech und Legia, als sie für die Demonstration mobilisierten, explizit gegen den Islam. Zur gleichen Zeit präsentierten auch andere Fankurven, etwa bei Polonia Bytom oder ŁKS Łódź Banner, die das Thema aufgriffen.

    Wie grotesk die Furcht vor einer möglichen „Islamisierung“ ist zeigt schon ein Blick auf die Zahlen. Nur rund 30.000 Menschen in Polen sind Muslime. Das entspricht etwa 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung – der niedrigste Wert in ganz Europa. Selbst in Sachsen oder auf Island leben anteilig mehr Muslime als im noch immer erzkatholischen Polen.

    Öffentliche Aufmerksamkeit erregen Aktionen rechter Fans offenbar nur dann, wenn sie auch im europäischen Ausland wahrgenommen werden. So wurde verstärkt rund um die Austragung der Endrunde der Europameisterschaft im Männerfußball in Polen und der Ukraine 2012 über Rassismus und Neonazis in polnischen Fankurven berichtet. Als das Spektakel vorüber war, nahm das Interesse der Medien jedoch auch genauso schnell wieder ab.

    Regelmäßig Stellung zu dem Thema bezieht einzig Nigdy Więcej („Nie Wieder“), eine Organisation, die sich bereits seit den 1990ern dem Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus widmet. Immer wieder hat Nigdy Więcej in der Vergangenheit auf rechte Umtriebe in polnischen Stadien aufmerksam gemacht. Vom polnischen Fußballverband werden sie dabei nicht unterstützt – eher behindert.

    Polnischer Fußballverband wehrt Antidiskriminierungsarbeit ab – unterstützt sogar die Nazis

    Wie problematisch das Verhältnis des Verbandes zum Thema Antidiskriminierung ist, zeigte sich zuletzt im Sommer diesen Jahres. Fans von Lech Poznań hatten am 14. Juli beim Auswärtsspiel gegen den bosnischen Verein FK Sarajevo ein Banner präsentiert, dass ein Zitat der polnischen Naziband Konkwista 88 enthielt, das sich in etwa mit „Das Blut unserer Rasse“ übersetzen lässt. Die UEFA bekam Wind davon und bestrafte den Verein mit einem Geisterspiel. Anstatt jedoch die Gelegenheit zu nutzen, um sich gegen Rassismus und Neonazismus zu positionieren, wurde beim Polnischen Fußballverband mit der Suche nach „Spitzeln“ und „Spionen“ begonnen.

    Schnell gerieten Nigdy Więcej und Football Against Racism in Europe (FARE) ins Visier. Ihren Höhepunkt fand die mediale Hetzjagd, als Verbandspräsident Zbigniew Boniek, der in den 1980ern unter anderem für Juventus Turin und AS Rom spielte, auf Twitter Namen und Foto von Jacek Purski, einem Aktivisten von Nigdy Więcej veröffentlichte und wenig später einen Link zu einem Artikel einer extrem rechten Internetseite folgen ließ, auf der Purski als „rote Laus“ und „kommunistischer Spion“ bezeichnet wurde, dem „jemand mal gehörig in den Arsch treten sollte“.

    Zwar äußerten namhafte Journalist_innen in liberalen Medien daraufhin deutliche Kritik an Boniek und auch FARE meldete sich zu Wort, Boniek selbst jedoch scheint davon wenig beeindruckt. FARE solle er erst antworten, „wenn sie Polnisch lernen“, ließ er per Twitter verlautbaren und stieß damit in das gleiche nationalistische Horn wie die Neonazis und Rassist_innen in den Fankurven.

    Dass von einem Verband, der von Boniek geleitet wird, wohl kaum ein ernsthaftes Interesse an Antidiskriminierung oder der Bekämpfung neonazistischer Umtriebe in den Kurven zu erwarten ist, liegt auf der Hand. Viel eher scheint es so, als wenn das offenkundige Problem des polnischen Fußballs mit Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus eines ist, dass alle Ebenen von den Fans bis hin zur Verbandsspitze betrifft. Dass sich daran in naher Zukunft etwas ändern wird, scheint leider unwahrscheinlich.

    Während andernorts Fankurven zunehmend bunter und diverser werden, scheint in Polen das Stadion noch immer eine der letzten Bastionen archaischer Männlichkeit zu sein, in der Ehrgefühl und Gewaltbereitschaft als zentrale Tugenden gelten. Hinter dem bunten Schein von Choreographien und Ultrakultur verbergen sich Verhältnisse, wie sie in Deutschland vielerorts zuletzt Mitte der 1990er anzutreffen waren.

  3. Lesenswert die neue Kolumne von Margarete Stokowski im Spiegel Gewalt: Es ist ein Junge

    „Kommt es zu einer Gewalttat, fragen wir nach der Geschichte des Täters, nach seiner Herkunft, nach seiner Ideologie und seiner Motivation. Nach dem Geschlecht zu fragen, haben wir uns abgewöhnt. Warum?

    …Wir verfügen über einen riesigen Apparat aus Rechtfertigungsstrategien für Gewalt durch Männer. Mal greifen wir tief in die Kiste der Naturphänomene, bei denen es um Triebe und Hormone und im Zweifel um die Erhaltung der gesamten Menschheit geht. Mal ist es die Religion, also eine Glaubenssache, die sich auf übernatürliche Art jeglichen weiteren Fragen entziehen kann, weil sie sich im Bereich des Irrationalen bewegt. Mal ist es Kultur und Bildung, das Versagen der Kindergärten und Schulen im Vorleben diverser Männlichkeitsrollen, und mal ist es schlicht Alkohol. All diese Gründe können zwar auf ihre Art und im jeweiligen Kontext ihren kleinen Teil dazu beitragen, ein Verhalten zu erklären – aber nie, es zu entschuldigen. Es ist schlicht nicht damit getan.“
    Grüßle, Diander

  4. Genova hat einen hübschen Text geschrieben: Pornographie im Petersdom, in der Moschee und auf dem Fußballplatz, daraus:

    Die katholische Kirche bringt das Körperliche auf den Höhepunkt. Wahrscheinlich steckt da auch der Todestrieb drin und das, was das Genre Splattermovies ausmacht. Dass die Kirche früher Körper gerne auspeitschte und anzündete, ist da verständlich.

    Mir sind solche Perversionen eigentlich sympathisch. Ein klarer Kontrapunkt in der verwalteten Welt. Vielleicht sollte ich wieder Mitglied werden.

    Interessant auch die Doppelmoral im gelebten Islam. Laut FR sind 50 Prozent der afghanischen Taliban aktiv homosexuell. Nur offen darüber reden dürfen sie nicht. Es gibt ja die These, dass erst der Westen im 19. Jahrhundert und damit das Christentum – im Verbund mit den faschistischen Kräften im Islam – Homosexualität tabuisierte und unter Strafe stellte.

    Händchen halten und Zärtlichkeiten austauschen sind unter Männern in islamischen Ländern sowieso weniger tabuisiert als im Westen. Man müsste diesbezüglich einmal das Verhalten der Profifußballer analysieren. Die haben ja ständig Körperkontakt, getarnt als Foul, Angriff, Verteidigung oder im Jubel nach dem Tor. Dass Jogi Löv auf der Trainerbank da nicht stillhalten kann und sich an den Sack greift, um dessen Konsistenz zu testen, ist nur natürlich. Bei den Spielern: ständiges Kopftätscheln, Wangetätscheln, Rückenklopfen, umarmen. Wobei auffällt, dass es immer derb sein muss. Zwischen Wangetätscheln und Ohrfeige ist kaum ein Unterschied auszumachen.

    Fußball als dauerschwule Therapieveranstaltung für verunsicherte Männer. Draußen vorm Stadion pflegen die Hooligans einen noch rustikaleren Körperkontakt. Wobei da die Tendenz zum Stühlewerfen geht, also die Körperlichkeit komplett sanktioniert wird. Wenn die wenigstens ringen würden. Da sollte man in der Tat eingreifen.

  5. Jürgen Busche, Der Freitag: Eine Frage des Staatsinteresses

    Hooligans: Wenn es um politische Proteste geht, kennt die Polizei oft wenig Zurückhaltung. Bei den Ausschreitungen rund um die EM in Frankreich agiert sie auffällig passiv. Warum?

    Um ein hässliches Kapitel erweitert wurde nun das Thema Hooligans. Wenn es stimmt, was offiziell aus Frankreich zu hören ist, dann konnte von den etwa 150 russischen Schlägern in Marseille deshalb kein einziger von der Polizei festgenommen werden, weil diese Hooligans gut organisiert aufgetreten waren und gut geführt blitzschnell verschwanden, als die Ordnungskräfte am Ort des Geschehens die Oberhand gewannen. Die Russen hatten englische Fans provoziert – was leicht ist – und sich dem Zugriff der französischen Polizei komplett entzogen – was schwer ist.

    Dass die Hooligans keine Fußball-Fans seien, hört man auch in Deutschland immer wieder dann, wenn es am Rande von Spielen zu Ausschreitungen gekommen ist. Dann hilft freilich auch kein Fan-Beauftragter. Immerhin ist die deutsche Polizei seit der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land einigermaßen auf solche Gewaltexzesse eingestellt. Dennoch wird jeder, der sich an Polizeieinsätze gegen robust auftretende Demonstranten vor 30 oder 40 Jahren erinnert, erstaunt sein über das Maß an Zurückhaltung, das gegenüber den Hooligans geübt wird. Und das gilt erst recht für die französische Polizei, die man einst im Pariser Quartier Latin ganz anders erleben konnte.

    Dabei ist, um ein altes Wort hierherzusetzen, das Losprügeln einiger hundert Randalierer an einem Ort, wo Zehntausende friedlich ein Sportfesterleben wollen, nichts anderes als Landfriedensbruch. Dem konnten Polizei und Justiz, als es damals um die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf oder das AKW Brokdorf ging, machtvoll begegnen. Aber damals ging es wohl um ein Staatsinteresse, das sich mit dem Wirtschaftsinteresse verbunden hatte. Bei den Hooligans geht es um ein gesellschaftliches Interesse, aufgrund dessen Fußballer und ihre Vereine viel Geld verdienen. Sind beim Schutz der Gesellschaft Polizei und Justiz weniger konsequent als beim Schutz dessen, was der Staat als schützenswert ausgibt? Der Staat sind wir. Der Staat lebt von der Gesellschaft, die ihn trägt.

  6. Der Stern berichtet heute über die Verbindung der russischen Schläger in höchste Politikkreise:

    „Ein Drahtzieher der Gewalt soll der Vorsitzende des Dachverbands russischer Fußballfans (VOB) sein, Alexander Schprygin. Nach übereinstimmenden Berichten von „Spiegel online“ und „Bild.de“ verfügt der Mann über gute Verbindungen in die russische Politik. Zudem ist Schprygin ein bekannter Rechtsextremist. In den 1990er-Jahren war er demnach ein führendes Mitglied der russischen Neonazi-Szene und Anführer der Dynamo-Moskau-Hooligans. Es gibt ein Foto aus dieser Zeit, die Schprygin mit dem Hitler-Gruß zeigt (oben im Tweet zu sehen). Noch im vergangenen Jahr, so berichtet es „Spiegel online“, forderte er in einem Interview, dass in der russischen Nationalelf nur slawische Spieler spielen sollten.
    Seit 2007 ist Schprygin Vorsitzender des von ihm gegründeten VOB, den er offensichtlich zu einem Sammelbecken für rechte Hooligans und Ultras machte. Er ist parlamentarischer Mitarbeiter des Politikers Igor Lebedew, Vize-Vorsitzender der Duma, und Sohn des Rechtsextremisten Waldimir Schirinowski. Es war Lebedew, der nach dem Krawallen in Marseille den russischen Schlägern via Twitter gratulierte: „Ich sehe nichts Schlimmes daran, wenn sich Fans prügeln. Ganz im Gegenteil: Unsere Jungs haben das gut gemacht!“ „

  7. Das den Blog einführende Video wurde von YouTub entfernt, „weil es gegen die YouTube-Richtlinien zu Spam, irreführenden Praktiken und Betrug verstößt“. Und jetzt die Spielquiz-Frage: Was ist an den Clip Spam, irreführende Praxis und Betrug, wenn es das wiedergibt, was eine Live-Cam aufgenommen hat?

    Dass ich jetzt an den Kurosawa-Effekt denke, ist nicht wirklich ein Zufall.

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