Über Gewalt

übergewalt

Zwei lange Texte, ein Artikel von Marion Detjen und ein Interview mit Jan Philipp Reemtsma, die ich einzeln und auch im Kontext extrem lesenswert fand:

Marion Detjen: Der Geschmack des Verbrechens

An der Stelle, wo ich, das Kind, damals in der Morgendämmerung vor dem Mann gekniet und dann die weißliche Flüssigkeit ausgespuckt hatte, blühte nun ein kleiner Strauch. Purpurne Blüten, im Februar, an genau dieser Stelle und nur dort. Die faserigen Zweige ließen sich nicht brechen, ich musste die Zähne zu Hilfe nehmen. Wieder im Auto, brannten mir Mund und Kehle. Der Seidelbast, in den ich gebissen hatte, auch Brennwurz genannt, ist giftig, und die Blüten, die ich zur Erinnerung nach Hause tragen wollte, welkten sofort.

Der Geschmack des Verbrechens. Dass aus dem ausgespieenen Ejakulat eine seltene Giftpflanze gewachsen war und mir den Geschmack des Verbrechens zurückbrachte, hat mir Macht über meine Geschichte verliehen.

Es liegt an uns, damit aufzuhören, das Verbrechen zu privatisieren. Das Verbrechen ist keine Angelegenheit, die wir allein mit dem Täter, mit Gott oder mit der Natur auszumachen hätten, sondern es verbindet sich mit der ganzen Gesellschaft.


 

Jan Philipp Reemtsma: „Ich bin sehr für Rache, sie darf nur nicht sein

Reemtsma: Die Vorstellung vom Ich kann nicht stabil bleiben, wenn die Wirklichkeit anzeigt, dass es darauf gar nicht ankommt.

ZEIT Wissen: Kann man Menschen vermitteln, was Gewalt bedeutet, wenn sie Gewalt in dem Maße nicht selbst erlebt haben?

Reemtsma: Es gibt Übergänge. Die Schriftstellerin Ruth Klüger schreibt in einem ihrer Bücher, wie sie im vollen Fahrstuhl fährt und sagt: Ach, das erinnert mich an meine Zeit im Viehwaggon. Und die Mitfahrenden flippen aus. Das wollten die nicht hören. Mir ist mal so etwas Ähnliches passiert. Ich war mit Mitarbeitern unterwegs zum Flughafen, und es kam die Frage auf, ob ein Taxi für uns alle reiche. Jemand sagte, ach, zur Not fährt jemand im Kofferraum mit. Da sagte ich, hmm, Kofferraum ist scheiße, das habe ich ausprobiert. So etwas passiert. Ruth Klüger sagt, jeder hat erlebt, was er erlebt hat.


 

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32 Gedanken zu „Über Gewalt

  1. Der erste text ist erschütternd und macht mut, irgendwie hab ich die karrikatur im kopf, wie ein Junkie seine glasspritze zerbricht, ihm bluten die hände, aber sie_er hat die macht über sie_ihn symbolisch gebrochen und diese entscheidung selbst gefällt.

    Lovis

  2. ob ich je im garten meiner unbeschädigten kindheit gewalt ausgemacht hätte, weiß ich nicht. woher auch? im nachhinein ist dieser garten unbeschädigt und die einzig gewalttätigen waren die ameisen,die mich in den arsch bissen, nachdem ich mich in ihr reich gesetzt hatte.. und der hahn.. und die mutter, die’s nicht toll fand, mich am schornstein vom gewächshaus herumturnen zu sehen, was kein eis vom eismannnach sich zog …
    vor den ameisen hat mich der stotternde onkel mit den langen beinen gerettet. und das ding mit dem eis und dem schornstein… das kommt mir zuweilen heute noch hoch. wohingegen aus unerfindlichen gründen der hahn zur geschichte meiner schwester gehört…
    ende der vorrede.
    sexualisierte gewalt begann mir zu begegnen, nachdem ich zum flüchtlingskind geworden war.
    ich erinnere mich nicht gern daran… auch deshalb ist wohl eines in der wiederaufgetauchten erinnerung so präsent: die jungen in einem mittelhessischen dorf, die mich auf der dorfstraße anhalten, mir die unterhose herunterziehen, und dann stochert einer, der vor mir kniet, mit einem holzstöckchen in mir, meiner vagina herum.und das halbe dorf guckte zu.
    …. will am ende sagen: jedes mensch weiß, was gewalt bedeutet. aber nicht jedes mensch möchte sich an gewalt erinnern

  3. Na ja. Der Gewaltdiskurs hier ist ja ziemlich eingeschränkt. Es fehlt z. B. die Definition von Gewalt, die Formen der Gewalt wie Gewalt durch Sprache, legitime Gewalt, Notwehr, Gegengewalt, Missbrauch des staatlichen Gewaltmonopols, alltägliche legale Gewalt (Schlachthöfe), Militanz, strukturelle Gewalt (Trikont) usw. usw.

    Ich ernähre mich z. B. gewaltfrei (Vegetarier). ;-)

    • Sie glauben:

      Na ja. Der Gewaltdiskurs hier ist ja ziemlich eingeschränkt. Es fehlt z. B. die Definition von Gewalt, die Formen der Gewalt wie Gewalt durch Sprache, legitime Gewalt, Notwehr, Gegengewalt, Missbrauch des staatlichen Gewaltmonopols, alltägliche legale Gewalt (Schlachthöfe), Militanz, strukturelle Gewalt (Trikont) usw. usw.

      Ich ernähre mich z. B. gewaltfrei (Vegetarier). ;-)

      Die Gewaltfreiheit vegetarischer/veganer Ernährung können Sie u.a. im Mar de Plastico in El Ejido besichtigen.

      Es kommt niemand gewalt- und schuldlos durchs Leben.

      Es stünde Ihnen btw. frei, eine substanzielle inhaltliche Ergänzung der von Ihnen vermissten Gewaltformen beizutragen. Meine Absicht war eigentlich nur, auf zwei m.M.n. äußerst lesenwerte Texte über Gewalt aufmerksam zu machen. Die Zeichenzahl für Kommentare ist unbegrenzt, Sie können auch gern als Gastautor einen Blog über Gewalt schreiben. Dawei, dawei!

    • eigentlich lustig, Ihr ruf nach definition.
      als ob es möglich wäre, mit der definition die erlaubnis zu gewalt mitgeliefert zu bekommen.
      klappt nicht.
      Sie und ich und alle anderen müssen schon immer wieder neu entscheiden, ob das, was Sie tun oder unterlassen oder zulassen, gewalt ist oder fürsorge oder sonstwas. vielleicht gar was größeres, für das Sie garnichts können.
      so wie das, was mich zum flüchtlingskind machte, gewalt war – aber jeder einzelne, wo daran beteiligt war, guten gewissens sagen konnte: das habe ich nicht gewollt. eine aussage, die auch die jungs von der dorfstrasse für sich in anspruch nehmen können. die wollten nur doktor-spielen, sagen sie vielleicht. und ich sage dazu:.
      sie wollten keine ahnung was, aber sie machten mir 6-jähriger ein (und nicht nur ein einzelnes) gewaltverhältnis klar.
      und das ist wohl das entscheidende: die entgegnung auf den akt, die definition (?) durch das *objekt
      .
      was eine definition schwierig macht, denn das objekt ist immer auch subjekt – als mein vater von heulenden töchtern (in flüchtlingslagern gibt es jede menge gründe zum heulen) die schnauze voll hatte, schleppte er uns in den wald und befahl uns, mit ästen auf baumstämme einzuschlagen, befahl uns gewalt gegen gewalt, war darin selbst gewalttätig. obwohl: er wollte nicht einfach seine ruhe haben, er wollte, dass seine töchter sich der gewalt nicht beugen müssen, lernen sich zu wehren… um den preis, selbst gewalt-tätig zu werden… oder widerständig.

      an dem punkt gehört gender troubles weitergedacht. denn zur anrufung gehört die entgegnung,
      und jetzt häng ich weil müde nur noch https://www.youtube.com/watch?v=OYYdM6FfcZU an

        • Ihre markierungen in dem, was ich schrieb, sind auch gewalt.
          zwar nicht falsch. aber ich hätte es doch lieber dem leserin überlassen, was er-sie-es sich zum anlaß einer antwort nimmt.

          • Ihre markierungen in dem, was ich schrieb, sind auch gewalt.
            zwar nicht falsch. aber ich hätte es doch lieber dem leserin überlassen, was er-sie-es sich zum anlaß einer antwort nimmt.

            Bitte was? Ich habe das Video, das in Ihrer Einbindung auf eine andere Seite führt, direkt eingebunden, nicht mehr, nicht weniger. In Ihrem Text habe ich nichts markiert.

          • Die Kursiveschrift entsteht bei Eingabe des „*“ Sternsymbols, Zwischen diesen erscheint der Text kursiv. Bin ich auch nur zufällig drüber gestolpert. Das sind nur die Finessen bei der Textaustzeichnung ;.)) Bei anderen Blogs kann man sich den Text vor Veröffentlichung erstmal ansehn.

          • Die Kursiveschrift entsteht bei Eingabe des „*“ Sternsymbols

            Das trifft nur für ganz kurze Textabschnitte zu, nicht für mehrere Zeilen.
            Abgesehen davon unterhält Frau Rölke-Sommer selbst einen WordPress-Blog, sodaß ihr Markdown, was Sternchen tun und die HTML-Basics vertraut sein müßten (alle hier, die das noch nicht kennen, dürfen gern auf die Wiese).

            Es scheint ihr aber nicht möglich gewesen zu sein, zunächst zu fragen, was mit ihrem Text passiert ist oder um Abhilfe zu bitten.
            Nö, Hauptsache, die Schuldige ist ausgemacht und der Gewalt angeklagt.
            Womit ich das Thema gern beenden möchte, obwohl es ein hübsches kleines Beispiel für Gewalt ist.

            Dieser Fred nähert sich den Gründen, warum ich nicht mehr beim Freitag blogge °_O

  4. Ist das ein Angebot, hier einen Gastbeitrag zum Thema zu verfassen? Falls ja, würde ich mir dazu ein paar Gedanken machen und danken.

    • Ergänzung: „Es kommt niemand gewalt- und schuldlos durchs Leben.“ Ist mir bewußt. Es gibt kein politisch korrektes Konsumieren im falschen System.

      Der Opener hat mich getriggert.

    • Ist das ein Angebot, hier einen Gastbeitrag zum Thema zu verfassen? Falls ja, würde ich mir dazu ein paar Gedanken machen und danken.

      Das ist ein Angebot, substanzielle inhaltliche Beiträge aller Art (darunter auch Blog als Gastautor) zu jedem Thema zu schreiben…;-)…

      Es mag Ihnen nicht auffallen, aber Sie schlagen hier in aller Regel auf und meckern. Was alles fehlt, nicht richtig ist, nicht bedacht wurde, falsch ist, Unsinn ist, nach wem-auch-immer so-und-so zu sein hätte usw.usw., stets gefolgt von der Betonung, wie toll/anders/gewaltfrei Sie so sind. Dann verschwinden Sie bis zum nächsten Gemecker.

      Ich würde danken, wenn sich das ändert. Es beginnt nämlich, mich ein ganz klein bißchen zu nerven.

      Es kommt niemand gewalt- und schuldlos durchs Leben.“ Ist mir bewußt. Es gibt kein politisch korrektes Konsumieren im falschen System.“

      Es gibt höchstwahrscheinlich genau ein Leben (inklusive System/Konsum/Gewalt/Schuld/Gemecker): jetzt.

  5. Zum Thema passt die aktuelle Kolumne von Carolin Emcke: Böses

    Eine Welt, in der jede Misshandlung und jeder Akt der Gewalt als selbstverständlich und natürlich hingenommen würde, wäre keine, in der man leben wollte.

    Etwas ganz anderes ist es allerdings, wenn eine böse Tat nicht einfach nur moralisch irritiert oder verstört, sondern wenn sie für undenkbar oder unmöglich erklärt wird, weil die Person, der diese Tat zugeschrieben wird, einem nicht wie ein klassischer Täter vorkommt. Wenn die Tat angeblich deswegen nicht geschehen sein kann, weil die Person, die unter Verdacht steht, doch bislang eine harmlose Nachbarin gewesen ist oder ein unbescholtener Bürger oder ein engagierter Aktivist oder ein guter Freund, dessen besondere künstlerische oder pädagogische oder politische Lebensleistung doch für sich selbst spricht. Kurz, weil das Bild der bislang bekannten und vertrauten Person sich nicht deckt mit dem Bild einer Person, die zu bösen Taten fähig sein soll. Die Vorstellung, dass jemand Sympathisches oder Hochbegabtes kein Verbrechen begehen könnte, ist verständlich, aber nichtsdestotrotz historisch wie analytisch irgendwo auf einer Skala zwischen naiv und absurd anzusiedeln.

    Das radikal Böse in der Denktradition Immanuel Kants … ist nicht etwa deswegen radikal, weil es besonders abscheulich oder rücksichtslos wäre. „Radikal bezeichnet das, was den Menschen überhaupt auszeichnet.“ Insofern sind mit dem radikal Bösen all jene Schlechtigkeiten und all jene unmoralischen Taten gemeint, zu denen die Spezies Mensch grundsätzlich fähig ist. Es gibt keine Hinweise darauf, dass nur Menschen, denen das Böse ins Gesicht geschrieben steht, zu Verbrechen neigen oder dass Menschen, die Schubert-Sonaten spielen oder Sicherheitstechnik für Computerprogramme entwickeln können, nie jemanden malträtieren könnten. Bislang gibt es leider keinerlei Indizien dafür, dass irgendeine Begabung – die zur bildenden Kunst, zur Mathematik oder auch zur Freundschaft – verhindern könnte, dass ein Mensch einen anderen in einer bestimmten Situation demütigt, missbraucht oder quält. Intelligenz oder Nettigkeit im Allgemeinen schließen die Fähigkeit zu sexueller Gewalt oder Nötigung nicht aus.

    Das Umgekehrte gilt allerdings auch: Noch das dummbatzigste, selbstgefälligste Ekelpaket kann unschuldig sein. Nur weil eine Person allerlei widerwärtige Eigenschaften und liederliche Gewohnheiten aufweist, neigt sie noch lange nicht zu krimineller Energie oder zu Gewalt. Auch müssen die Opfer von Verbrechen keineswegs sympathisch oder gänzlich unbescholten sein. Auch Menschen mit einer eher erfolglosen oder turbulenten Lebensgeschichte, auch Menschen, die schon einmal straffällig geworden sind, können Opfer von Gewalt werden. Nur weil jemand drogensüchtig ist oder auf der Straße lebt oder auch nur querulantisch und mühsam daherkommt, heißt das nicht, dass ihm oder ihr nicht Unrecht widerfahren sein könnte.

    Es mag unpraktisch und verwirrend sein, aber die Bilder von Menschen und die von ihren Vergehen sind nicht unbedingt deckungsgleich. Eine dämonische Tat und die dazugehörigen Täter müssen sich nicht ähneln.

  6. Die Frage der Schuld ist für mich nicht nur als gelernter Jurist problematisch, sondern erst recht als durchschnittlich rezipierender Mensch. Denn was der Jurist in der Schuld als „Vorwerfbarkeit der Tat“ (besondere Schwere um ggfs. den Bereich der Sicherungsverwahrung zu eröffnen genauso wie andererseits Schuldminderungsgründe etwa der Bewusstseinsstörung) sieht, ist im allgemeinen Sprachgebrauch, geprägt u.U. von einem christlichen Aberglauben, allzuoft Ausdruck einer unverdauten ontologischen Dimension. Dabei verbindet seltsamer Weise gerade „die Schuld“ Opfer mit Tätern und zwar im begangenen/erlittenen Unrecht gleichzeitig mit dem Gefühl, „schuld zu sein“. Dies ist mMn. ein ganz wesentliches Element, auf dem Scham, daraus „gesellschaftliche Konvention“ und schließlich Tabuisierung beruhen: Die eine von der anderen Sphäre nicht unterscheiden zu können, führt zu einem beklemmenden, weil unentschiedenen Schweigen. Für die, die es bewusst nicht unterscheiden wollen, das vielsagende Schweigen.

    Hinzu kommt, dass im Deutschen, dem allgemeinen Sprachgebrauch „Schuld“ sich an die Obligation (Leistungsverpflichtung) anlehnt, „jemandem etwas zu schulden“, was in romanischen Sprachen ausdrücklich aufgeteilt wird in (lateinisch) „debitus“ und „culpa“. Deutsch kann manchmal nicht nur schwere, sondern schier unentwirrbare Sprache sein.

    Die im Vorgängerblog vorangestellte Aussage „Wir haben abgetrieben“ ist deswegen ein Befreiungsschlag, weil sie sich in der schieren Tatsachenfeststellung verhält. Damit ist bereits viel gewonnen, weil es das ganze andere Paket von „Schuld und Sühne“ außen vor lässt. Bis dahin war stets eine besonders emotionsgeladene, saftige Story erforderlich, um die Abtreibungshandlung nicht als Delikt, geradezu als Verbrechen erscheinen zu lassen, sondern quasi als Akt des Notstandes. Wie aus den Reaktionen zum Artikel von Detjen im Kommentarbereich von ZON ersichtlich ist, ist das noch immer nicht verdaut, weil unbefangen berichten, mithin Tatsachen darstellend bei Sexualdelikten schlicht nicht möglich erscheint: „Ich weiss nicht so recht wie ich das einordnen soll, diese Instrumentalisierung der eigenen Person zugunsten dieses bizarren feministischen Dogmas eines nicht-existenten Patriarchats.“

    Obwohl der Autor des Kommentars ein ganz wunderbares Eigentor geschossen hat (Dogma des nicht-existenten) und damit bestenfalls seine mit Fremdwörtern garnierte, aber abgrundtiefe ignorante Bräsigkeit zum Besten gegeben hat: Er ist Ausdruck des weiter-sich-nicht-entscheiden-Wollens, weil es sich in den derzeitigen Kategorien ausgezeichnet kraft Einrichtung aus Übung und Gewohnheit aushalten lässt. Darin ist die Vergewaltigung nicht Vergewaltigung, sondern Störung der eigenen Bequemlichkeit, des eigenen „Seelenfriedens“.
    Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn solche Kerle sich statt Mündern hinter der Wand eines „gloryhole“ allenfalls eine Melkmaschine erwarten dürften.

    Was die Bereitschaft angeht, Gewalt anzuwenden, erinnere ich im Zusammenhang mit Reemtsmas Äußerungen an das „Milgram-Experiment“ und dessen Wiederholung im französischen TV, vgl. http://www.sueddeutsche.de/medien/quiz-mit-stromschlaegen-fernsehspiel-mit-dem-tod-1.23053
    Danke, dass Sie auf die Artikel aufmerksam gemacht haben.

  7. Wenn hier Kritik resp. Ergänzungen zum Thread als Meckern interpretiert werden, verabschiede ich mich auch schon wieder.

    Schulterklopferblogs sind nicht meine Ding.

    • Wenn hier Kritik resp. Ergänzungen zum Thread als Meckern interpretiert werden, verabschiede ich mich auch schon wieder.

      Schulterklopferblogs sind nicht meine Ding.

      Da sind wir schon zwei, Schulterklopfblogs sind mein Ding auch nicht.
      Mir geht es nicht um Zustimmung, sondern um Kommunikation, Austausch, Diskussion.
      Sie kommunizieren und diskutieren nicht, sondern kritisieren, ohne je auf irgendeine Antwort einzugehen. Ergänzungen erinnere ich von Ihnen nicht.
      Aber: ganz, wie Sie meinen. Reisende soll man nicht aufhalten, bonne route.

  8. Danke für das Thema. Ich finde seine Ausführungen zur Bewältigung seiner Gewalterfahrungen durch seine Entführung sehr gut. Mir fiel auf, dass Reemtsma seit Jahren zu Gewalt und Gewalterfahrungen geforscht und sich damit beschäftigt hat und im Ergebnis auch ein Buch veröffentlicht hat, Das gibts jetzt für 20 Euro, ich habe es mir bestellt. Er scheint die Ergebnisse seiner sozialpsychologischen Forschungen selbst nicht allzu hoch zu bewerten, aber er hat dennoch viel gesammelt, was sich anzuschauen lohnt. (Ich habe hier auf Links zu Rezensionen des Buches und seiner Abschiedsrede als Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung verzichtet)..Hier nur ein Link zum Inhalt des Buches:
    http://www.his-online.de/verlag/9010/programm/detailseite/publikationen/vertrauen-und-gewalt
    Der Titel des Interviews hatte mich nicht zum Lesen gereizt, Persönliche Statements lassen mich relativ gleichgültig, das sind oft nur Werbebotschaften, Ich bin also durch den Blog hier nochmal darauf gestoßen, Es gibt also doch soetwas wie einen Diskursgewinn.

  9. Owen Jones, Guardian: Orlando terror attack. On Sky News last night, I realised how far some will go to ignore homophobia

    Orlando was both a terrorist attack and a homophobic attack on LGBT people. It was both the worst mass shooting in US history, and the worst targeted mass killing of LGBT people in the western world since the Holocaust. It is possible for an atrocity to be more than one thing at the same time. You are not compelled to select one option or the other. Life – with both its horrors and its joys – is incredibly complicated, and we have a rich language able to capture its complexities.

    I am reluctant to dwell too much on my appearance on Sky News last night, because this isn’t about me, so let’s just use it as a case study. In sum, I walked off in disgust during a discussion about the massacre: it was an instinctive reaction to an unpleasant and untenable situation. The presenter continually and repeatedly refused to accept that this was an attack on LGBT people. This was an attack “against human beings”, he said, and “the freedom of all people to try to enjoy themselves”. He not only refused to accept it as an attack on LGBT people, but was increasingly agitated that I – as a gay man – would claim it as such.

    If a terrorist with a track record of expressing hatred of and disgust at Jewish people had walked into a synagogue and murdered 50 Jewish people, we would rightly describe it as both terrorism and an antisemitic attack. If a Jewish guest on television had tried to describe it as such, it would be disgraceful if they were not only contradicted, but shouted down as they did so. But this is what happened on Sky News with a gay man talking about the mass murder of LGBT people.

    It wasn’t only Sky News at fault. In the New York Times’ original reporting, it didn’t even point out that a gay club had been targeted. The Daily Mail didn’t bother to put the atrocity – the worst terrorist attack on US soil since 9/11 – on its front page, instead opting to stir up xenophobia over Turkish immigrants and publicising an offer of “free pearl and white sapphire earrings”. This is erasure of LGBT people – pure and simple – after their community was horrifically targeted.

    Today, the “we only care about LGBT rights if Muslims are involved” brigade are out in force. As a gay man, I am proud to live in a city represented by a Muslim mayor who has faced death threats for supporting and voting for LGBT people to have the same rights as everybody else. The bigots must not be allowed to hijack this atrocity.

    Es ist eine Freude, Owen Jones sprechen zu hören. Sehen Sie sich beide Videos beim Guardian an.

    • Jemand in der Guardian-Community bringt es auf den Punkt:

      Thanks Owen. One wonders why you were invited on the programme and then not allowed to address the issue from a gay man’s perspective. Some people don’t seem to understand that most LGBT people have been fighting a very difficult psychological battle our whole lives. We fight with love, patience and understanding – they’re not easy weapons to use; You have to be extremely brave and tenacious to fight oppression only using peaceful methods. Safe spaces like gay clubs provide respite and a sense of normality, a breathing space. That’s why this tragedy is so heartbreakingly difficult for us. It’s like the school bully is back, years after you thought you’d dealt with him, but now he has an assault rifle and access to everywhere you ever assumed was safe. And he’s determined to prove your whole life’s struggle, all the patience, all the disappointments, all the soul-searching, all the strength lent you by friends and acquaintances; it all counts for nothing. But he is wrong. Love WILL win out over hate, or at least we must continue to believe so – who would want to live in a world without love? You have my admiration. Thank-you for highlighting the Sky presenters attempt to manipulate a terrible massacre with many individuals affected in different ways into a one-size-fits-all political tool, despite the fact that you must have known the personal flack you would get. Strength and love to all those adversely affected by these terrible murders.

    • Matthias Meisner kommentiert die Mitte-Studie im Tagespiegel: Rechtsextrem und gewaltbereit – ein Alarmsignal

      Der Uni Leipzig zufolge ist jeder Fünfte bereit, sich mit körperlicher Gewalt gegen Fremde durchzusetzen. Es geht nicht mehr nur um Neonazis im klassischen Sinn.

      Soll das eine Entwarnung sein? Die manifest rechtsextreme Einstellung in der deutschen Bevölkerung, seit 2002 von Wissenschaftlern aus Leipzig in „Mitte“-Studien erhoben, ist in den vergangenen Jahren nicht gewachsen.

      Im Gegenteil. Aktuell liegt sie bei 5,4 Prozent. Das sind die, bei denen alles zusammenkommt – Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Vor vier Jahren lag der Wert noch bei neun Prozent.

      Doch das ist nur die eine Seite. Die andere: Längst sind es nicht mehr nur die heimlichen rechtsextremen Einstellungsmuster. „Enthemmte Mitte“ haben die Leipziger Autoren ihre Studie bewusst überschrieben. Denn es geht eben nicht mehr nur um Neonazis im klassischen Sinn. Sondern um viele, die sich lautstark Gehör verschaffen und, etwa bei Pegida, auf die Straße gehen. Oder für die AfD stimmen – eine Partei, die für Personen mit rechter Einstellung zur Heimat geworden ist.

      Jeder fünfte Befragte sagt, er sei bereit, sich mit körperlicher Gewalt gegen Fremde durchzusetzen. Entwarnung? Von wegen. Ein Alarmsignal.

  10. Lisa Wade, The Conversation: The Hypermasculine Violence of Omar Mateen and Brock Turner

    Two violent men, two symptoms of the same sickness.

    Being looked at by a gay man threatens to turn any man into a figurative woman: subordinate, weak, penetrable. That can be threatening enough to a man invested in masculinity, but discovering that he enjoys being the object of other men’s desires – being put in the position of a woman – could stoke both internalized and externalized homophobia even further.

    Meanwhile, gay men, by their very existence, challenge male dominance by undermining the link between maleness and the sexual domination of women. It’s possible that Mateen, enraged by his inability to stop men from kissing in public and struggling with self-hatred, took it upon himself to annihilate the people who dared pierce the illusion that manhood and the righteous sexual domination of women naturally go hand-in-hand.

    I want to remind us to keep the generalities in mind even as we mourn the particulars.

    Sociologists are pattern seekers. This problem is bigger than Brock Turner and Omar Mateen. It’s Kevin James Loibl, who sought out and killed the singer Christina Grimmie the night before the massacre at Pulse. It’s James Wesley Howell, who was caught with explosives on his way to the Los Angeles Pride Parade later that morning. It’s the grotesque list of men who used guns to defend their sense of superiority that I collected and documented last summer.

    The problem is men’s investment in masculinity itself. It offers rewards only because at least some people agree that it makes a person better than someone else. That sense of superiority is, arguably, why men like Turner feel entitled to violating an unconscious woman’s body and why ones like Mateen will defend it with murderous rampages, even if it means destroying themselves in the process. And unless something changes, there will be another sickening crisis to turn to, and another sinking sense of familiarity.

  11. Dieser Kommentarstrang ist ein geeignetes Studienobjekt für Kommunikationswissenschaftler. Alle reden aneinander vorbei, ohne zu wissen, welche Form von Gewalt gemeint ist. Im Grunde die böse, illegitime Gewalt: Massaker von Orlando, Neonazis, Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, Schuldprinzip im juristischen Sinne, Täterphysiognomie etc.

    In der Diskussion wird davon ausgegangen, dass Gewalt ein Ausnahmezustand im menschlichen Zusammenleben sei. Tatsache ist aber, dass Gewalt die Normalität des gesellschaftlichen Alltags darstellt..Suizid ist Gewalt genauso wie Notwehr, Abschiebungen, Wohnungskündigungen, Streiks und die rote Ampel. Momentan wird körperliche Gewalt als Unterhaltungsform präsentiert, die Fussbal EM mit ihren Fouls.

    Gewalt ist aber nicht nur, das hat man jedenfalls noch 1968 gewußt, wenn ein Bourgeois mit grober Faust was auf die Fresse kriegt, sondern auch, wenn seine manikürte Hand mit einem goldenen Mont-Blanc-Füller die Entlassung von tausenden Proleten unterschreibt und mit diesem Federstrich das kleine Lebensglück nicht nur der Entlassenen, sondern auch ihrer Kinder zerstört.

    PS.: Diesen Kommentar konnte ich mir leider trotz meiner Verabschiedung nicht verkneifen. (D.v.W: .Bin übrigens nicht gegen Gewalt, nenne sie allerdings Militanz.)

    • Es geht in den Beiträgen primär um körperliche oder seelische Gewalt direkt gegen Personen, wenn was anderes gemeint ist, muß man es halt deutlich machen oder nachfragen. Also ich verstehe die meisten Beschreibungen von Gewalt ganz gut hier. Ich bin gegen Trollefüttern, daher EOT.

    • In der Diskussion wird davon ausgegangen, dass Gewalt ein Ausnahmezustand im menschlichen Zusammenleben sei.

      Welches schräge Geschichtsverständnis und welche Wahrnehmung der Gegenwart bringt Sie denn auf diese exotische Idee? Bei etwaigem Interesse bedienen Sie sich gern an der Kategorien- und Schlagwortwolke und überzeugen sich selbst, daß ich mich ziemlich oft und mit sehr unterschiedlichen Aspekten von Gewalt beschäftige.

      Ich wiederhol’s aber gern: vor allem wollte ich hier auf zwei (meiner Meinung nach sehr lesenswerte) Texte aufmerksam machen. Inzwischen kamen noch ein paar lesenwerte Texte und Aspekte hinzu.

      D.v.W: .Bin übrigens nicht gegen Gewalt, nenne sie allerdings Militanz.

      Militanz ist allenfalls ein (1) Aspekt von Gewalt, zu der ich keinen Textbeitrag habe und die mich auch nicht groß interessiert.

      Nicht gegen“ Gewalt/Militanz zu sein, setzt voraus, hauptsächlich auszuteilen. Das ist bereits ein klar definiertes Gewaltverhältnis (z.B. das ritualisierte Räuber-und-Gendarm-Spiel mit der Polizei oder die Widerstandsrethorik von Götz Kubitschek) und ich hab’s nicht so mit den durch einen vorgeblichen Zweck geheiligten Mitteln.

      Gewalt gegen Menschen setzt ein Gemüt wie ein Metzgerhund voraus, halte ich für (zunächst) autoaggressiv.

    • Zu Ihrer Annahme vom „Ausnahmezustand“ Gewalt: FAQ über sexualisierte Gewalt in Deutschland

      Die Statistik sagt folgendes: 13 von 100 Frauen in Deutschland haben seit ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal strafrechtlich relevante Formen sexualisierter Gewalt erlebt, das heißt Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder unterschiedliche Formen sexueller Nötigung.

      Es gibt Anlass zur Annahme, dass sexualisierte Gewalt in Deutschland überdurchschnittlich häufig migrantisierte Frauen sowie Frauen mit Behinderung und/oder chronischen Krankheiten trifft. Letztere Erkenntnis ergab sich aus einem 2014 veröffentlichten Papier des Bundesfamilienministeriums, das sich auf die oben erwähnte Befragung im Auftrag des eigenen Hauses 2004 sowie auf eine repräsentative Studie über Gewalt gegen Frauen in Deutschland aus dem Jahr 2011 bezieht. In letzterer hatte jede zweite der befragten Frauen mit chronischer Erkrankung oder körperlicher Behinderung, durch die sie im täglichen Leben eingeschränkt werden, gesagt, seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche Übergriffe erlebt zu haben. 21 Prozent der Befragten dieser Gruppe sagte, dass sie sexualisierte Gewalt im engeren strafrechtlichen Sinne erlebt hatten. Zum Vergleich: Frauen ohne chronische Erkrankung oder körperliche Behinderung hatten 2011 zu 39 Prozent angegeben, körperliche Übergriffe erlebt zu haben und zu 13 Prozent, sexualisierte Gewalt im engeren strafrechtlichen Sinne. Frauen mit Behinderung erleben zwei‐bis dreimal so häufig Gewalt wie Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt, sagte das Ministerium 2014.

      Ausgehend davon, dass Frauen mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung ohnehin häufiger Diskriminierungen ausgesetzt sind als andere Gruppen, ist es in diesem Zusammenhang auch möglich, von Mehrfachdiskriminierung zu sprechen.

      Diese trifft auch zu auf migrantisierte Frauen. Das Bundesfamilienministerium sagt, dass “(…)Frauen mit Migrationshintergrund noch stärker von Gewalt betroffen (sind) als deutsche Frauen” und bezieht sich auf Ergebnisse seiner Studie zum Thema Gewalt gegen Frauen in Deutschland von 2004 sowie Zahlen der EU zum gleichen Thema, die 2014 erhoben wurden. Wichtig bei dieser Zahl zu beachten ist, dass die amtliche Definition von “Migrationshintergrund” in Deutschland auch die Menschen beinhaltet, die ein Elternteil haben, das aus Deutschland stammt. Insofern ist die Unterscheidung zwischen “deutschen” Frauen und “Frauen mit Migrationshintergrund”, den das Bundesfamilienministerium macht, nicht völlig klar.

      Eine besondere Schutzlücke tut sich derzeit auch noch auf für Frauen ohne Aufenthaltserlaubnis. Werden sie unter Androhung der Abschiebung vergewaltigt oder in anderer Weise Opfer sexualisierter Gewalt, ist dieser Umstand im aktuellen Gesetz noch nicht berücksichtig. Das ist einer der Gründe für den Neuentwurf des §177 im Strafgesetzbuch. Dieser Paragraph regelt in Deutschland die Strafe für sexuelle Nötigung sowie Vergewaltigung und soll reformiert werden. Während diese Reform grundsätzlich notwendig ist, haben die konkreten Pläne zur Änderung Schwächen.

      Eine nicht-repräsentative Pilotstudie des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004 kam zu dem Ergebnis, dass 1 – 9 Prozent der befragten Männer (3 Befragte in der jeweiligen Gruppe von Befragten) angeben, sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Nicht erhoben wurde, ob diese Gewalt von Männern oder Frauen ausging. Ein Problem der Betroffenen ist das Stigma, als Mann sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Viele Betroffene zeigen Vergewaltigungen oder sexualisierte Gewalt nicht an, weil sie fürchten, damit der geltenden Männlichkeitsnorm der Stärke und der Dominanz zuwider zu laufen. Außerdem spielt das Geschlechterstereotyp eine Rolle, Männer seien ohnehin “immer bereit” und immer interessiert an Sex.

      Auch Menschen, die sich keinem oder einem anderen Geschlecht als männlich/weiblich zuordnen, sind von sexualisierter Gewalt betroffen. Dieses Feld ist für den deutschsprachigen Raum leider noch nicht gut erforscht. Gehen wir von den statistischen Daten zur Mehrfachdiskriminierung in anderen Fällen aus, ist aber anzunehmen, dass diese Gruppe stärker von sexualisierter Gewalt betroffen ist als andere. In einer Befragung auf EU-Ebene sagten 8 Prozent der befragten Transgender-Personen, dass sie einen sexuell motivierten und/oder körperlichen Angriff, der in den letzten 12 Monaten auf sie ausgeübt wurde, direkt damit verbinden, als LGBTQ-Person wahrgenommen worden zu sein. Mehr als jede dritte befragte Transgender-Person gab in dieser Befragung an, in den letzten fünf Jahren generell gewalttätig angegriffen worden zu sein.

      2014 sagten 35 Prozent der Frauen in Deutschland, dass sie seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal Bedrohungen, körperliche Gewalt, sexuelle Gewalt oder Kombinationen derer durch einen aktuellen, einen früheren Partner, Schnittmengen dieser Gruppen bzw. eine fremde Person erlebt haben. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie der EU über Gewalt gegen Frauen.

      Gewalt ist ein Ausnahmezustand im menschlichen Zusammenleben? Gehen Sie lesen, @altautonomer.

  12. Margarete Stokowski, SPON: Gewalt: Es ist ein Junge

    Wenn wir von einer Schwangerschaft erfahren, stellen wir oft zwei Fragen: Wann ist es so weit? Und: Weiß man schon, was es wird? Wenn wir von Schlägereien, Massenmord, Vergewaltigung oder Mord in oder nach Beziehungen hören, fragen wir nicht mehr: Weiß man schon das Geschlecht? Wir gehen davon aus, dass es Männer waren.

    Natürlich verstehen wir längst nicht alles und vielleicht immer noch fast nichts, wenn wir daran denken, dass der Täter ein Mann war. Milliarden Männer haben noch nie jemanden umgebracht oder auch nur verletzen wollen. Aber wir verstehen, wie sehr wir uns an Gewalt von Männern gewöhnt haben, wenn wir nicht mehr nach dem Geschlecht des Täters fragen.

    Wir verfügen über einen riesigen Apparat aus Rechtfertigungsstrategien für Gewalt durch Männer. Mal greifen wir tief in die Kiste der Naturphänomene, bei denen es um Triebe und Hormone und im Zweifel um die Erhaltung der gesamten Menschheit geht. Mal ist es die Religion, also eine Glaubenssache, die sich auf übernatürliche Art jeglichen weiteren Fragen entziehen kann, weil sie sich im Bereich des Irrationalen bewegt. Mal ist es Kultur und Bildung, das Versagen der Kindergärten und Schulen im Vorleben diverser Männlichkeitsrollen, und mal ist es einfach Alkohol. All diese Gründe können zwar auf ihre Art und im jeweiligen Kontext ihren kleinen Teil dazu beitragen, ein Verhalten zu erklären – aber nie, es zu entschuldigen. Es ist schlicht nicht damit getan.

    Im Englischen gibt es den Begriff der „toxic masculinity“, also einer Form von Männlichkeit, die auf Dominanz und Gewalt basiert und Gefühle nicht zulässt. Dazu gehört auch die Vorstellung einer gigantischen Ladung sexueller Triebhaftigkeit, die nur mit Mühe in zivilisierten Bahnen gehalten werden kann. Es ist ein Problem, wenn Jungs und Männern immer wieder erzählt wird, dass ein „richtiger Kerl“ nicht weine, eine ausschweifende und geradezu animalische Sexualität habe und alles, was sich ihm in den Weg stellt, eigenhändig beiseite räumen müsse – ein Problem für Frauen und Männer.

    Es ist diese Form von Männlichkeit, die wir thematisieren müssen. Dass sie weit verbreitet ist, heißt nicht, dass sie in der „Natur“ von irgendwem liegt. Vor einer Weile fand man auch noch, dass es natürlich und gut ist, wenn Eltern und Lehrer Kinder schlagen. Heute denken die meisten von uns das nicht mehr, und wir halten es nicht für verhandelbar, ob Männer Frauen schlagen dürfen. Aber wir wundern uns auch nicht, wenn sie es tun.

    Wir halten es für eine verdammte Selbstverständlichkeit, dass eine Frau in der Dämmerung nicht mehr im Wald joggen gehen sollte. Eine Frau. Immer sind es die Frauen, die ihr Verhalten anpassen sollen. Vielen Männern ist nicht klar, wie sehr Frauen die Angst und den Schutz vor Gewalt in ihren Alltag integrieren. Wie sehr wir ein Klima von Bedrohung für normal halten. Wie oft wir ein Taxi nehmen, um nach Hause zu kommen, nicht aus Bequemlichkeit, sondern um sicher nach Hause zu kommen. Wenn wir das Geld haben.

    Selbst Männer, die sich für komplett harmlos halten, können etwas dafür tun, dieses Klima der Angst zu ändern. Wenn Sie zum Beispiel abends auf der Straße allein hinter einer Frau laufen und diese Ihre Schritte hört, oder wenn Sie ihr entgegenkommen, wechseln Sie doch die Straßenseite. Sie ahnen nicht, wie erleichternd das sein kann.

  13. Die taz hätte „Bedrohung von Politikerinnen“ schreiben sollen.
    „Als die 34-jährige Labour-Abgeordnete Jess Phillips aus Birmingham, die vor ihrer Wahl ins Parlament Opfer häuslicher Gewalt betreute, im Mai die Kampagne „Reclaim the Internet“ gegen Onlinesexismus startete, erhielt sie 600 Vergewaltigungsdrohungen in einer Nacht, berichtete sie. In einem Zeitungsbeitrag über Jo Cox schrieb sie jetzt: „Jo, ich und viele andere weibliche Abgeordnete erhielten regelmäßig Drohungen und Beschimpfungen per E-Mail und über soziale Medien. Meist war es am schlimmsten, wenn wir gegen Frauenfeindlichkeit oder Rassismus auftraten“
    http://taz.de/Bedrohung-von-Politikern-in-England/!5311029/
    http://www.reclaimtheinternet.com/

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